Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Ida von Hahn-Hahn: Peregrin - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrin
authorIda Gräfin Hahn-Hahn
year1864
publisherVerlag von Franz Kirchheim
addressMainz
titlePeregrin
created20020701
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
Schließen

Navigation:

Die Mittagssonne schien warm und golden auf das kräftige Laub der Orangenbäume und durchblinkte mit Lichtfunken die dunkeln Cypressen des Gartens am Fuß des Celio. Unter einer Gruppe dieser Bäume am rieselnden Brunnen saß Heliade. Von einer dichten, hohen Lorbeerhecke, welche sich, diesen Platz gegen jeden Luftzug schützend, hinter ihr hinzog, hob sich ihre schlanke, große, nymphenhafte Gestalt in einem schlichten Kleide von einfarbigem dunkelblauen Tafft bestimmt ab. In nachdenkender Stellung, die Hände im Schooß, den Kopf ein wenig geneigt, saß sie da, sinnender Ernst lag auf ihrem edlen Antlitz und ein gewisses schönes Lächeln war wie Frühlingsduft über ihre Züge gehaucht, und gab dem ernsten Ausdruck einen zarten Schmelz. Nichts regte sich an ihr als ihre langen weichen Locken, die wie Rabengefieder zu beiden Seiten ihres Angesichts herabfielen, und die der leise Wind hob und senkte. Und weil sie so unbeweglich war, kamen die Tauben traulich geflogen, setzten sich auf den Rand des Brunnenbeckens, tranken ein Tröpflein mit ihrem rosigen Schnabel und spazierten dann gurrend umher, pickten hie und da nach einem genießbaren Körnchen, oder machten ihre zierliche Toilette und putzten die schneeweißen Flügel. Ob sie das sah? ob sie irgend etwas von dieser lieblichen Scenerie deutlich bemerkte? . . . Vor ihrem innern Auge sah sie Peregrin auf der Scala santa, den Pilger auf dem Wege zum ewigen Leben!

Als Pater O'Connor sie aus der Ferne gewahrte, stand er unwillkürlich still und betrachtete sie. War das die Tochter seiner Schwester, der weichen, der schmiegsamen Colomba? Ja! aber es war auch die Tochter ihres stolzen Vaters und – Gott Dank und aber Dank! so schloß Pater Reginald seine Betrachtung – auch die Tochter der Gnade! Wäre das nicht der Fall, wohin würde sie gerathen mit dieser besiegenden Schönheit der äußern Erscheinung und dieser besiegenden Energie des Charakters! . . . O, Gott Dank, daß auf einem solchen Wesen das süße Joch Jesu, die Frömmigkeit, liegt! – Er ging rasch auf sie zu und Heliade erkannte alsbald das weiße Ordenskleid, eilte ihm entgegen und kniete mit dem frohen Ausruf:

»Mein Onkel Reginald!« vor ihm nieder, indem sie seine Hand küßte.

Er machte tiefbewegt das Zeichen des heiligen Kreuzes über ihrer Stirn und sagte:

»Hier sah ich zum letzten Mal Deine Mutter bei dem Tode meines Vaters; . . . hier finde ich Dich  . . . Welch ein Stück meines Lebens liegt dazwischen!«

»O, ein gottgefälliges und segensreiches, theurer Onkel!« rief Heliade.

»Das sagst Du, gutes Kind, weil Du mein Ordenskleid siehst!« entgegnete er demüthig.

»Nein, lieber Onkel! sondern weil ich weiß, was wir Alle wissen, daß der Ordensmann nicht zum Schein sein Kleid trägt.«

»Erzähle mir genau, wie Deine Eltern gestorben sind, Heliade,« sagte er abbrechend. »Ein seliges Sterbstündlein, in der vollkommenen Versöhnung mit Gott, in der vollkommenen Vereinigung mit seinem Willen, in der vollkommenen Liebe – das entscheidet über die Ewigkeit! das also ist die Hauptsache für dieses Leben. Erzähle, Kind.«

Sie that es. Aber zwischen dem Tode ihrer Mutter und dem ihres Vaters – lag ihre Liebe. Es war ihr unmöglich, in ihrer jetzigen Stimmung derselben nicht zu erwähnen; aber sie nannte Mariano – und stockte.

»Du nennst Mariano!« rief überrascht Pater O'Connor; – »er hieß doch damals Peregrin Gorm!«

Heliade sah ihn schweigend in gespannter Erwartung an.

»Weißt Du denn,« fuhr der Pater fort, »daß er kein Gorm, kein Graf, nicht reich – sondern ein armer Mensch ist, geringer Leute Kind, ein Genueser, Marian Torrigi!« . . .

»Ah!« rief Heliade mit extatischer Freude und breitete ihre Arme gen Himmel aus: »mein Gott, ich danke Dir!«

Dann des erstaunten Paters beide Hände ergreifend, sagte sie:

»Also Sie wissen dies Geheimniß! nun denn, so sagen Sie es an Lord Arran, lieber Onkel, damit er erfahre, daß ich mich nicht in kindischer, frivoler Weise in einen Virtuosen verliebt habe . . . . und besonders damit er erfahre, daß dieser Marian Torrigi, als ich ihn kannte, ein ganz edler Mensch war.«

»Aber Heliade, wenn Du das Alles weißt, weshalb hast Du selbst es nicht an Lord Arran gesagt?« fragte grenzenlos verwundert Pater O'Connor.

»Gott wollte es nicht, lieber Onkel! Er wollte hingegen, daß ich die Demüthigung ertrüge, die für mich damit verbunden war. Ich muß schweigen . . . ich versprach zu schweigen! . . . aber Sie wissen die Wahrheit: o reden Sie! es wird für Lord und Lady Arran eine unaussprechliche Freude sein, wenn Sie ihnen über diesen Punkt Aufklärung geben. Ich habe Namenloses gelitten, weil ich wußte, daß diese unvergleichlich guten Pflegeltern großen Kummer um mich hatten . . . und noch haben! – Aber ich muß schweigen, Gott will es . . . auch gegen Sie schweigen, lieber Onkel. Sie können aber sehen, wie gut der liebe Gott für mich ist, da er ohne mein Zuthun Licht gibt.«

»Mir scheint allerdings der liebe Gott ganz besonders gnädig für Dich zu sein, Heliade! doch Eines wirst Du mir sagen können: denkst Du an Mariano Torrigi noch jetzt so, wie Du damals an ihn gedacht hast?«

Heliade blieb stehen, sah Pater O'Connor fest an und sagte mit einer Stimme, die vor innerer Freude zitterte:

»O nein, lieber Onkel, ganz anders! denn Mariano Torrigi ist jetzt katholisch. Das weiß ich seit einigen Stunden . . . seitdem ich ihn auf der Scala santa sah.«

»Ja, katholisch ist er, Heliade. Allein diese Gnade, die ihm die Anwartschaft auf's ewige Leben gibt, bereitet ihm keine irdische Existenz. Hättest Du Peregrin Gorm als Katholiken wiedergefunden, so stände Eurer Verbindung nichts im Wege . . . . aber jetzt sehe ich diese Möglichkeit nicht.«

»Lieber Onkel, machen Sie sich darüber keine Sorgen. Ich will, was Gott will . . . . möge eine Welt der Hoffnungen in Trümmer stürzen oder eine Welt des Glückes sich gestalten. Ueberdas darf ich mit voller Wahrheit sagen: mir ist jetzt zu Sinn, als müsse ich dem lieben Gott ein großes Opfer bringen . . . . aber nicht irdisches Glück von ihm verlangen. Eine heiligere Freude kann ich auf Erden nie haben, als die war, da ich Mariano auf der Scala santa sah,« setzte sie mit dem tiefen Ernst hinzu, der im Hintergrunde ihres strahlenden schwarzblauen Auges lag; – »und andere . . . . sind sie meiner werth? ziehen sie nicht die Seele aus einer höhern Region in eine tiefere? . . . . Das fragte ich mich oft, lieber Onkel, wenn mein schwaches Herz Anwandlungen von Verstimmung über die Verhältnisse hatte und dies und jenes wünschen wollte. Immer war die Antwort: Nichts genügt, als heiliges Glück.«

»Du bist ernst, Heliade.«

»Ja, Onkel, ich hatte eine gar ernste Jugend seit dem Tode meiner Mutter und es gab Zeiten, wo ich mich ganz fest an Gott anklammern mußte, an Gott allein: davon wird man ernst! und nun ist mir heute ein so wunderbar hohes Glück begegnet – auch das stimmt ernst; aber dabei bin ich recht heiter und hoffe es auch zu bleiben, weil Gott so gut und Mariano katholisch ist.«

»Gottes Gnade bleibe mit Dir, Heliade,« sagte Pater O'Connor; – »ich muß jetzt in's Kloster von S. Clemente zurückkehren, aber ich vergesse Dich nicht.« – –

Im Kloster erfuhr er, daß Mariano ihn erwarte.

»Sie ist hier!« rief dieser ihm entgegen.

»Ja . . . sie ist hier, als Pflegetochter von Lord und Lady Arran, alte Freunde meiner Familie.«

»Gestern, am Festtag des größten aller Bekehrten, auf der Stätte seines Martertodes, sah ich sie mit einem bejahrten Herrn forteilen . . . . das war also Lord Arran! – und heute sah ich sie . . .« –

»Auf der Scala santa!« unterbrach ihn Pater O'Connor; »Heliade hat es mir so eben gesagt. Aber, lieber Mariano, ich begreife zwar, wie sehr es Sie freuen mag, Heliade wieder zu sehen – nur gebe ich Ihnen zu bedenken, ob das nicht für Beide gefährlich ist und Beide um ihren Frieden bringen kann, so lange nicht die mindeste Aussicht auf eine Verbindung sich entdecken läßt. Ihr Onkel hat den Löwenantheil der amerikanischen Kunstreisen-Erndte an sich genommen. Ihren Antheil haben Sie noch mehr dadurch geschmälert, daß Sie dem geldgierigen Mann den kleinen Ors' Anton gleichsam abkauften und sich verbindlich machten, für dessen Erziehung zu sorgen, d. h. zu bezahlen.«

»Ich war es Marietta und Antonia schuldig; beide empfahlen mir das Kind; beide bitten Gott für mich – die Eine in der Zeit, die Andere in der Ewigkeit. Ich konnte mich nicht darauf verlassen, daß mein Onkel nicht wieder seine Kunstreisen mit Ors' Anton beginnen werde; darum brachte ich ihn in das Jesuitencollegium zu Stonyhurst . . . . und da ist er gut aufgehoben.«

»Ich freue mich über Ihre Großmuth; aber jetzt möchte ich doch fragen, was Sie zu thun gedenken?«

»Heliade zu sprechen.«

»Das ist nicht vernünftig, Marian!«

»Heliade zu sprechen, mein Pater! das Uebrige findet sich. Ich wußte nicht, daß sie hier sei. Sie hatten mir nichts darüber gesagt« . . . . –

»Ich glaubte, Heliade lebe in der kleinen Genossenschaft meiner Mutter, abgeschieden von der Außenwelt. Im Häuschen am Celio wären Sie ihr nimmer begegnet! Von ihrem Aufenthalt bei Lord Arran ahnte ich nichts.«

»Sie sehen, mein Pater, wie Gott es gefügt hat. Wir sind uns begegnet . . . . ich muß ihr danken.«

»Wird es bei dem Ausdruck des Dankes bleiben?«

»Mein Pater, ich kann diese Frage nicht im Voraus beantworten. Allein ich bitte Sie, mir möglich zu machen, daß ich sie spreche.«

Pater O'Connor weigerte sich lange diese Bitte zu erfüllen. Er fand ein solches Wiedersehen unter ganz veränderten Verhältnissen nicht weise, nicht nothwendig. Er hatte Mitleid mit Marian und Heliade, und da er keine Aussicht auf eine Verbindung entdeckte, so wünschte er, daß sie, um in Frieden bleiben zu können, von einander getrennt blieben.

Seitdem Mariano ihm sein ganzes Leben anvertraut hatte, in welchem Heliade einen so großen Platz, gleichsam dessen Höhepunkt einnahm, hegte er für Mariano, abgesehen von dessen Bekehrung, ein lebhaftes Interesse. Die Seelengröße, die Mariano bei der Catastrophe an den Tag legte, die seinem Leben eine so gewaltsame traurige Wendung gab – die Selbstbeherrschung, mit welcher Mariano Alles abwies, wodurch er selbst oder Andere an seine Vergangenheit erinnert wurden – die Ruhe und Entschlossenheit, mit der Mariano ohne die mindeste Erbitterung in eine so ganz ungewohnte Phase der Existenz überging – dies Alles erfüllte Pater O'Connor mit Achtung und Liebe für einen so edel angelegten Charakter, und gern hätte er demselben eine neue Bahn für sein Fortkommen in der Welt eröffnen helfen. Von Heliade wußte Pater O'Connor kaum etwas Anderes, als das, was er durch Mariano erfuhr und erst hier in Rom hörte er von seiner Mutter Aeußerungen über sie, aus denen er schloß, daß sie ihr Herz nicht von Marian abgewendet habe. Daran knüpfte sich denn, in Verbindung mit der zärtlichen Liebe, welche Lord und Lady Arran für sie hegten, ein ganz leiser Hoffnungsschimmer. Bei ihrer Ankunft in Southampton hatten sich die drei Männer getrennt: Torrigi war nach Genua gegangen, Pater O'Connor nach Irland, Mariano mit Ors' Anton nach Stonyhurst. Torrigi hatte ohne Mühe eingewilligt, für sechs Jahre die Erziehung des Knaben seinem Neffen zu überlassen und dessen großmüthiger Entschluß wurde ihm selbst zum himmlischen Segen. Er blieb ein Paar Monate in stiller Abgeschiedenheit zu Stonyhurst und studirte dort gründlich das katholische Dogma. Seine durcharbeitete Seele war gut vorbereitet, um die göttlichen Samenkörner aufzunehmen, welche die Gnade ausstreute. Mit frohlockender Ueberzeugung, in der katholischen Glaubenslehre die absolute Wahrheit gefunden zu haben – wurde er Katholik; und da er, wie jeder Katholik, ein Verlangen hatte, Rom kennen zu lernen, so schloß er sich gleich nach seinem Uebertritt an Pater O'Connor an, der dahin zurückkehrte. Alle Schriften, die geeignet waren, über seine Vergangenheit und seine Gegenwart Licht zu geben, hatte Mariano für Pater O'Connor in's Englische übersetzt; und als dieser in Rom aus dem Bericht seiner Mutter entnahm, wie Lord Arran für Heliade gesinnt sei und daß Heliade Mariano nicht vergessen habe: da glaubte er jene Schriften an Lord Arran geben zu sollen, in der Hoffnung, ihn genug für Mariano zu interessiren, um Heliadens Verbindung mit ihm zu ermöglichen durch äußere Sicherstellung ihrer Zukunft. Aber es war eine ganz unbestimmte Hoffnung – und nun bestand Mariano auf eine Zusammenkunft mit Heliaden!

»Es wäre allzu unnatürlich, wenn ich sie nicht sehen, nicht ihr danken wollte,« sagte er. »Als Peregrin Gorm werde ich nicht vor sie hintreten. Der durfte andere Ansprüche machen, als Mariano Torrigi: das weiß ich, mein Pater; . . . aber ich muß sie sprechen.«

»Wohlan!« sagte Pater O'Connor, »ich will Ihnen diese Zusammenkunft vermitteln; aber ich kann Ihnen nicht versprechen, wann. Sie hingegen müssen mir Geduld versprechen.«

Marian gab dem Pater die Hand darauf und sagte lächelnd:

»Muß ich im Purgatorium auf den Himmel warten lernen, so kann ich mich jetzt in einer kleinen irdischen Vorschule darauf einüben.«

Er ging ans dem Kloster in die Kirche von S. Clemente, eine der ältesten und interessantesten von Rom. Sie hat noch die ganze altchristliche Einrichtung: den großen Vorhof, rings umgeben von einem säulengetragenen Portikus; die Vorhalle für die Catechumenen und die Büßer, welche der Feier des heiligen Meßopfers nur bis zum Canon beiwohnen durften; das erhöhete Presbyterium in der Mitte des Hauptschiffes, von dessen zwei köstlichen Marmor-Ambonen herab die Lectionen und die Evangelien vorgelesen wurden. Dazu die alte, großartige Mosaik der Tribüne, einen Weinstock darstellend, ans dem das Crucifix hervorsprießt und zwischen dessen weitem Gezweig die Kirchenlehrer und zahllose Vögel, dies uralte Symbol der christlichen, zum Himmel aufstrebenden Seelen, sich befinden; – und die Capelle, in welcher Masaccio's Fresken der h. Catharina von Alexandrien seinen Namen unsterblich machen. In diesen wunderbaren Kirchen Roms wird Alles geweckt und gepflegt, was in der Menschenseele edel ist. Große Erinnerungen, große Gedanken, großer Glaube sprechen aus diesen Stätten, von diesen Mauern, aus diesen Kunstwerken zu ihr. Gäbe es auf Erden nichts zu thun, als nur das Schöne zu genießen, dachte Mariano bei sich selbst, so ginge man in Rom von einer heiligen Stätte zur anderen – und Geist und Phantasie und Andacht feierten überall die schönsten Feste. Wie tiefsinnig ist diese Auffassung der christlichen Kirche, die sich mit dem Weinstock identifizirt und den Gekreuzigten im Schooß trägt, und nun ihre Zweige, auf die Christus geimpft ist, über die Welt ausbreitet, mit seiner Kraft, mit seinem Wort, mit seinem Frieden – die Heimath der erhabensten Geister und des geringsten Seelchens! Und dann so ein Masaccio! in welcher Vision mag er das Bild dieses seligen Wesens geschaut haben, dieser Jungfrau Catharina, welche alle Weisheit der Welt zu Schanden macht und für den Glauben gefangen nimmt. Wo das? – o! nur unter den Rebzweigen des Weinstocks! Wo die nicht sich hinbreiten, hört die übernatürliche Schönheit auf – und die natürliche, ihrer Verklärung beraubt, wird vulgär und hört somit auf, schön zu sein. – – Und dann gingen seine Gedanken zu Marietta, die er einst mit S. Catharina verglichen hatte, und die jetzt in anderer Weise wie die große Heilige durch ihr demüthiges Opferleben die Welt besiegte. – –

Während der Zeit war Lord Arran ganz versunken in die Schriften, die er von Pater O'Connor erhielt. Er befahl, daß jeder Besuch abgewiesen werde, damit nichts ihn bei dieser Lectüre störe, die auf Mariano Torrigi ein so vortheilhaftes Licht und auf sein Verhältniß zu Heliade einen so reinen Glanz warf. Drei Hefte hatte Lord Arran gelesen: das Tagebuch der Gräfin Lucia Gorm, das Buch Heliade und die Wege des Pilgers. Letztere gaben eine Skizze des Lebens von Peregrin Mariano bis zu seiner Conversion. Der Schluß dieses dritten Heftes lautete:

»Das natürliche Glück mit allen seinen Gaben mußte Peregrin verlieren, damit Mariano das übernatürliche Glück gewinnen könne. Und das Ideal, das Peregrin in seiner Seele trug und Heliade nannte – fand Mariano, durch die Schönheit des Sichtbaren zur Liebe des Unsichtbaren hingerissen, wie die Präfation des Weihnachtsfestes so tiefsinnig sagt – in der katholischen Kirche und in ihr . . . auch Heliade, die nimmer für Denjenigen verloren ist, welcher das Ebenbild Gottes an ihrer schönen, reinen Seele liebt.«

Nein! sprach Lord Arran ganz laut zu sich selbst, sie soll nicht für Dich verloren sein, mögest Du Peregrin oder Mariano heißen! – und dann nahm er ein letztes Blatt, welches die Ueberschrift trug: Brief der Baronesse Justine von Ruffach an Mariano Torrigi; – und las:

Tannhof, den 14. Dezember 1840.

»»Mein lieber Peregrin! Deinen Brief aus Stonyburst vom 4. d. M. erhielt ich richtig und ersehe daraus, daß ich Dich eigentlich Mariano nennen müßte; – allein ich bleibe aus alter Gewohnheit bei Peregrin. Ich danke Dir recht sehr für Deinen Brief und für die Aufmerksamkeit, die Du hattest, denselben an mich zu adressiren, damit ich ihn zu gelegener Zeit meiner armen Schwester zustelle, deren Erregbarkeit und Nervenschwäche Du nicht vergessen hast. Dieser leidende Zustand ist auch der Grund, weshalb nicht sie Dir antwortet, sondern ich.

Ich freue mich also recht sehr zu hören, daß Dein Talent Dir die Mittel verschafft, anständig zu leben. Es war immer meine Idee – und wenn meine arme Schwester lamentirte über Deine Hülflosigkeit, so suchte ich sie mit meiner Ueberzeugung zu trösten, daß ein junger Mann von Deiner Erziehung und Deinem Charakter schon seinen Weg machen werde – obschon ich just nicht an die Violine dachte. Tritt aber der kategorische Imperativ ein – den ich, die alte Kantianerin, unveränderlich für das Bestimmende im menschlichen Schicksal halte: so findet man, wenn man energisch und verständig ist, leicht dasjenige heraus, was die Selbsterhaltung – die moralische wie die physische – von uns verlangt. Das hast Du mit großer Entschlossenheit gethan. Ich freue mich darüber und spreche Dir gern meine Hochachtung aus. Nie wäre es uns eingefallen, Dich in Amerika zu suchen, weil Du Dich stets mit großer Abneigung gegen die neue Welt und ihr Treiben erklärtest. Deshalb wurden Nachfragen nach Peregrin Gorm an die Consulate der Levante und Algeriens gestellt, welche aber gar keine – oder die abenteuerlichsten Geschichten eintrugen. Dies wirkliche und gründliche Verschwinden, das meine Schwester einerseits unaussprechlich beunruhigte, machte ihr andererseits die Rolle leicht, welche sie der Welt gegenüber als beängstigte Mutter des verschwundenen Sohnes durchzuführen hatte; – denn sie empfand wirklich diese Angst und die allergrößte Gewissensunruhe. Doch hatte sich die quälende Aufregung im Lauf des letzten Sommers etwas gemindert, theils durch die Zeit, theils durch die große Freude, welche die Erfüllung eines langgehegten Wunsches ihr bereiteten. Lydia Hohenfels, die sich bis dahin nicht entschließen konnte, einem ihrer zahlreichen Bewerber Gehör zu geben, weil sie, wie die Fama sagt, auf die Heimkehr von Peregrin Gorm warten wollte, Lydia gab endlich diese Erwartung auf – und ihr Jawort an Alarich Gorm. Meine arme Schwester war in einem förmlichen Freudenrausch. Ich liebe durchaus nicht solche Uebertriebenheit der Empfindungen, der Anschauungen. Lydia ist gut, klug, reich und schön – indessen wird sie, wie alle Sterbliche, ihre gehörige Dosis von Fehlern und Schwächen haben; aber für meine Schwester war es nicht anders, als ob nun Alarich mit beiden Füßen in's Paradies hineinspringen werde. Schloß Traun wurde neu eingerichtet mit einem, wie mir schien, ganz übertriebenen Luxus; allein es hieß, Lydia's fürstliche Ausstattung und Mitgift erheische das. Im Spätjahr sollte die Vermählung sein und eine Reise nach Italien, ein Winter in Neapel, ihr folgen. Da trat die furchtbare Catastrophe ein, die ich Dir jetzt mittheilen werde und die Dein gutes Herz, lieber Peregrin, tief erschüttern wird. Ich bin keine Freundin der Dichter; es sind unrationelle Phantasten – ein Greuel in meinen Augen. Dennoch haben sie mitunter luzide Momente – und in einem solchen hat Schiller gesagt: »Doch mit des Geschickes Mächten – Ist kein ewiger Bund zu flechten« – und das hat sich denn durch das gräßliche Ereigniß bewährt, welches ich Dir nicht verschweigen will, und welches plötzlich alle Freude, alle Hoffnung, alles Glück mit einem einzigen Schlag auf immer zerstörte.

Alarich war in Geschäften nach Leipzig gegangen. Er speiste mit einigen guten Freunden an der table d'hôte wo auch mehrere Fremde sich befanden. Diese Fremden kamen, weiß der Himmel wie! auf Caspar Hausers geheimnißvolle Persönlichkeit zu sprechen – und in Folge davon auf das Verschwinden von Kindern aus den Familien. Alarich und seine Freunde beachteten dies Gespräch erst dann, als der Name Gorm darin vorkam und als man das Verschwinden des ältesten Sohnes dadurch zu erklären wußte, daß er zwar ein Sohn der Gräfin, jedoch nicht des Grafen Gorm sei. Das Testament des Grafen habe ihm nicht die Erbfolge zugestanden und um all der Schmach vorzubeugen, habe ihn die Gräfin mit einem beträchtlichen Vermögen nach Ostindien geschickt, wo er in Pondichery einen Diamantenhandel mit so immensem Glück betreibe, daß er in drei Jahren Millionär geworden sei. Alarich erhob sich und erklärte das für Lüge; aber Jene blieben bei ihrer Behauptung mit dem Zusatz, dies sage die halbe Welt. Alarich's Freunde legten sich in's Mittel, indem sie sagten, dies sei der Sohn der Gräfin Gorm und ein Bruder des Verschollenen. Als die Gegner hörten, daß dies der Sohn der Gräfin Gorm sei, erklärten sie, sie wollten gern Alles zurücknehmen, denn die Welt könne ja irren. Nur Einer erklärte, es thue ihm sehr leid, in Gegenwart des Sohnes von dem Fehltritt der Mutter gesprochen zu haben; allein von Zurücknahme könne bei ihm nicht die Rede sein, und irre die Welt zuweilen, so habe sie auch oftmals ganz Recht. Der arme Alarich kam dermaßen aus der Fassung und fühlte so ganz sein Unvermögen, seine geliebte und verehrte Mutter siegreich zu vertheidigen, daß er von Wuth und Verzweiflung hingerissen Jenem in's Gesicht spie mit den Worten: »Niederträchtiger Verleumder!« – Das Ende dieser schrecklichen Begebenheit war, daß Alarich im Pistolenduell mitten durch's Herz geschossen wurde und leblos zu Boden sank. – Seine beklagenswerte Mutter ist seitdem in eine Schwermuth versunken, von der Du dir eine Vorstellung machen kannst durch den Zustand, in welchem sie vor vier Jahren nach dem Tode ihres Mannes war. Nur sind die Aerzte jetzt viel besorgter, weil die fixe Idee, die Mörderin ihrer beiden Söhne zu sein, alle übrigen Gedanken paralysirt.

Ich fuhr mit Deinem Brief zu ihr nach Schloß Traun, wo sie in tiefer Abgeschiedenheit, ohne Beschäftigung, ohne Interesse – mehr vegetirt als lebt. Der Brief machte ihr einen flüchtigen tröstlichen Eindruck, so daß sie sagte: »Gottlob! Einer lebt!« Dann fiel sie jedoch gleich wieder unter die Herrschaft der fixen Idee zurück und setzte hinzu: »Aber den andern habe ich doch gewiß umgebracht.« Du siehst, die Aerzte dürfen mit Recht sehr besorgt sein. Lydia Hohenfels ist in diesen Tagen mit ihrer Mutter nach Italien gereist.

Was aus dem Gorm'schen Vermögen wird, ist unbestimmt. Man hat noch nicht ermittelt, ob es in Schweden Verwandte gibt, die begründete Erbansprüche erheben dürfen. Wenn nicht: so zieht der Fiscus es ein – und mit den Gorm ist es aus und vorbei.

Von meiner Wenigkeit, nach der Du freundlich fragst, kann ich sagen, daß ich, den Kummer um meine arme Schwester abgerechnet, mich körperlich und geistig bei guter Gesundheit befinde. Vor anderthalb Jahren wurde der graue Staar, an dem ich laborirte, sehr glücklich in Heidelberg operirt. Seit dem trage ich eine sogenannte Staarbrille, lese Zeitungen und Journale, sehe Rechnungen durch, besorge meine Korrespondenz ohne die mindeste Anstrengung – und stehe nach alter Art und Gewohnheit meinem lieben Tannhof mit all seinen Geschäften vor.

Als ich Deinen Brief las, dessen Herzlichkeit mir sehr wohl that, hatte ich einen Augenblick den Gedanken, Dich im Fall meines Todes zu meinem Erben zu machen, da ich keine nahe Verwandte habe; allein der Schluß Deines Briefes hindert mich daran. Du sagst nämlich, Du hättest einen jungen Anverwandten in das Jesuiteninstitut von Stonyhurst gebracht und hieltest Dich daselbst einige Zeit auf, um die katholische Glaubenslehre recht genau kennen zu lernen, bevor Du in die alte Mutterkirche zurückträtest. Ich kann diesen Schritt nur tief beklagen – wahrlich nicht aus zelotischem Protestantismus, der meiner Natur fern liegt – sondern ganz einfach, weil es mir leid thut, einen so tüchtigen Menschen wie Dich unter den religiösen Ueberläufern zu sehen. Gerade die tüchtigsten Menschen aller Völker und Länder sollten behaupten, daß alle Konfessionen gleichgültig seien und daß man, gleichviel in welcher, so wie auch ohne irgend eine, brav und vortrefflich sein könne. Dies würde großes Gewicht haben und wahre Aufklärung gründen und verbreiten. Jetzt wird diese Behauptung nur von schäbigen Democraten gemacht und von wüstem Jacobinergesindel – wie man in meiner Jugend sagte; jetzt nennt man sie Communisten; es ist aber immer dieselbe Clique blinder Anhänger und Werkzeuge der Freimaurerei und anderer nicht minder revolutionären geheimen Gesellschaften. Ich bin aber aus meinem Satz herausgekommen und sage also: Wenn nur schäbige Democraten so etwas behaupten, glaubt ihnen natürlich kein Mensch, der noch ein Fünkchen von gesundem Menschenverstand besitzt. Diese Sorte kann unmöglich die wahre Aufklärung fördern, sondern nur die Revolutionsmacherei, um im Trüben zu fischen. Davon bin ich so überzeugt, wie vom Einmaleins. Aber eben darum müssen tüchtige, gescheute Männer, klare Köpfe, die Sache der Aufklärung in die Hand nehmen und vor allen Dingen das ganze Confessionswesen über Bord werfen. Du aber, obschon Du energisch wie Einer bist und vortrefflich auf eigenen Füßen stehen kannst, Du klammerst Dich höchst unnützer Weise an eine Confession! und gar an die katholische!! Peregrin, ich muß es Dir dennoch sagen und vorschlagen! ich habe einen natürlichen Respekt, ja eine gewisse Sympathie für jeden energischen, kräftigen Charakter, der seinem Schicksal gerade in's Gesicht sieht und es annimmt, ohne viel Umstände zu machen. Das hast Du gethan. Gib Deinen konfessionellen Rückschritt auf – und Du sollst mein Erbe sein. Ich hoffe zwar ein hohes Alter zu erreichen; indessen ist eine solche Aussicht, auch wenn man zwanzig Jahre auf ihre Erfüllung warten muß, immer willkommen. Der Gedanke ist mir unerträglich, daß ein Mensch wie Du, dessen Erziehung und Bildung bei uns gemacht ist, der bei uns nur gute Beispiele gesehen hat und der uns Ehre macht – dem Hyper-Katholizismus, nämlich dem Jesuitismus, in den offenen Rachen stürzt. Wie so etwas möglich – ist für mich unfaßbar! Schwache, unselbständige Menschen, weibische Charaktere, die nach Allem greifen und Nichts festhalten, mögen immerhin katholisch werden! dawider habe ich gar nichts. Im Gegentheil. Es beweist, daß die Inferiorität der Konfession bedarf. Das schreckt manchen Tüchtigen zurück; denn wer mag sich in den Augen der Welt zu der Inferiorität halten. Aber eben wegen all dieser Gründe schlage ich Dir nochmals vor, was ich vorhin sagte. Ueberlege es Dir. Ich kann mit meinem Vermögen nach Belieben schalten und walten. Es wäre mir ein Gaudium, wenn ein tüchtiger Mann wie Du es dem Fiscus vor der Nase wegfischte – und ein eben so großes, wenn ich Dich aus dem Katholicismus heraus fischte. Nur müßte Alles ein Geheimniß zwischen uns bleiben, damit die Leute nicht sagen, Du wärest also doch der Sohn der Gräfin Gorm, und deshalb machte ich Dich zu meinem Erben. Fünfzehn bis zwanzig Jahre hoffe ich, wie gesagt, noch zu leben – und bis dahin hat dies alberne Gerede irgend einem andern ebenso albernen Platz gemacht und ist vergessen. Bis zu meinem Tode aber schweigen wir, und es versteht sich, daß Du nicht die leisesten Ansprüche an Unterstützung, unter welchem Namen es auch sei, an mich machen wirst. Ich hoffe, Du gibst der Vernunft Gehör, die durch mich zu Dir spricht. Es ist mir durchaus unmöglich, den kategorischen Imperativ zu entdecken, der Dich zu einem Schritt, welchen nur Schwächlinge thun und welcher nur ihrer würdig ist, hindrängt. Ueberlege reiflich und handle weise.« – –

Nun wahrhaftig . . . er hat weise gehandelt, der Mariano, daß er sich von dem Geldgeklimper dieser rationalistischen Sirene nicht bethören ließ! sprach Lord Arran zu sich selbst, nachdem er dies letzte Blatt zu Ende gelesen hatte. Dann nahm er alle Schriften zusammen und ging damit zu Lady Arran.

»Hier bringe ich Dir die Lösung des Räthsels, das Heliade uns aufgab, Magdalene!« sagte er. »Nur kann ich noch immer nicht den Grund ihres Schweigens entdecken. Hätte sie einfach gesagt: So und so steht es mit diesem Violinspieler und mir: so würden wir sie ja nimmer mit Bryan O'Connor geplagt, sondern vielmehr Einiges gethan haben, um über Marino Torrigi Nachrichten einzuziehen. Daß dieser sich jedoch ohne unser Zuthun und ohne Ermunterung von Heliadens Seite zum wundervollen Licht des katholischen Glaubens durchringe – gehörte in den weiseren und schöneren Plan Gottes. Lies diese Blätter und Du wirst mir beistimmen. Ich fahre jetzt zu Pater O'Connor, mit dem ich Verschiedenes besprechen muß. Dann lasse ich Heliade bei ihrer Großmutter abholen. Aber ich bitte Dich . . . schweige gegen sie.«

»Was soll ich sagen, da ich selbst nichts weiß!« erwiderte Lady Arran lächelnd.

»Lies nur diese Blätter; sie geben Dir Aufschluß über Mariano,« versetzte Lord Arran, »und sie werden Dir wohl thun. Was Menschen an ihm verschuldet haben, indem sie ihn zum Spielzeug ihres Egoismus und ihrer Leidenschaften machten – das hat Gottes Barmherzigkeit gut gemacht, die darin Anknüpfpunkte für das Wirken der Gnade fand. Und es gibt ja nichts Tröstlicheres hienieden, als den wunderbaren Wegen zu folgen, auf denen die göttliche Gnade, oft mitten durch die verwickeltsten Schicksale, dem Einzelnen wie der ganzen Menschheit liebend nachgeht.«

Heliade wurde so spät aus dem Häuschen am Celio abgeholt, daß sie nur Zeit hatte, sich zum Diner umzukleiden, welches immer um sechs Uhr Abends genommen wurde. Lord Arran hatte einige Personen eingeladen – und nach dem Essen kamen noch andere dazu. Heliade erfuhr also nicht, ob Pater O'Connor bereits ihren Pflegeltern über Mariano Auskunft gegeben habe. Sie wünschte es sehnlichst; allein es wurde eilf Uhr und man ging auseinander, ohne daß Lord und Lady Arran eine Sylbe geäußert hätten. Die ungeheure Spannung und freudige Erregung, worin sie den Tag hingebracht hatte, ließ jetzt nach und machte einer gewissen Traurigkeit Platz – wie das oft nach hohen Freuden geschieht. Sie hatte mit ihrem Onkel so ruhig, so gehoben über ihre Zukunft gesprochen; – jetzt schien es ihr doch ein schweres Opfer, von Peregrin getrennt bleiben zu sollen. Er war nun da, wohin ihr Gebet ihn seit Jahren versetzte – konnte es nun im Plan Gottes liegen, daß sie einander fern blieben, während seine Bekehrung doch die eigentlichste Bedingung ihrer Vereinigung war? Ihre Liebe zu Peregrin, die sie seit Jahren in den Hintergrund ihrer Empfindungen gedrängt hatte, so lange zwischen ihren Seelen die trennende Kluft bestand und nur die Herzen sich zu einander neigten, erwachte mit alter Innigkeit und schlug die Augen gleichsam auf einer neuen Erde und unter einem neuen Himmel auf. Aber . . . welch Loos stand ihr bevor? – – –

Da erklang wieder in der Stille der Nacht der überirdische Ton, den Mariano seiner Violine zu entlocken wußte – und es schien Heliaden, als ob auf diesen Tönen ein himmlischer Stern aus einer mystischen Tiefe, wie aus einem Meer von Schmerzen, auftauche – und je höher er steige, desto glänzender werde – und auch über dies trübe Meer nach und nach schimmernden Glanz verbreite. Sie trat auf den Balcon hinaus und horchte und lauschte, und dachte an ihren Vater, der so oft bei Peregrin's Spiel gesagt hatte: Das ist die Harfe Davids, die dem schwermüthigen König Saul Frieden gibt. Auch für Heliade kam der Friede. Sie kniete nieder auf dem Balcon und betete leise: In deine Hände, o Herr, befehle ich mein Herz! –

Am andern Morgen ging sie zur Messe mit Miß Bridget nach S. Andrea delle Tratte, die ihrem Hause ganz nah war – und wünschte und fürchtete, Mariano wieder dort zu begegnen. Aber er war nicht da. Er wußte jetzt, daß Heliade ihm gegenüber wohne; er hätte ihr leicht folgen können; er wollte es nicht. Sehe ich sie, so denke ich an sie! sprach er zu sich selbst; aber bei der Messe will ich an meinen Erlöser denken. Und er ging zu den Kapuzinern am Platz Barberini.

Lord und Lady Arran konnten kaum Heliadens Rückkehr erwarten, um ihr Alles zu sagen, was sie im Herzen hatten. So wie sie in Lady Arrans Zimmer trat, rief ihr der Graf entgegen:

»Heliade, Du hast vorgestern so ernst abgelehnt, Gräfin von Arran zu werden, daß ich kaum wage, heute meinen Vorschlag zu erneuern.«

»Da hast Du in jedem Fall Recht, liebster Vater,« entgegnete sie zweifelhaft, wie sie seine Worte zu deuten habe: »der Name ist zu hoch für mich.«

»Auch dann, wenn er lautete: Heliade Torrigi, Gräfin von Arran?«

»O!« . . . rief sie überwältigt von Freude; aber schnell gefaßt setzte sie hinzu: »Auch dann, mein Vater! – Heliade Torrigi ist genug für mich.«

»Ja, für Dich . . . aber nicht für uns!« sagte er, und die Gräfin setzte hinzu:

»Wir wissen Alles, Heliade. Aus den verschiedenen Urkunden, die Peregrin-Mariano zusammengestellt hat und die sich zu einem unbezweifelbaren Ganzen abrunden – tritt sein Schicksal und seine Geschichte klar hervor und offenbart das wunderbare Walten der göttlichen Vorsehung und der göttlichen Gerechtigkeit. Ein armer Waisenknabe wird dem Schooß der Kirche entrissen und in glänzende Verhältnisse versetzt, die er als Jüngling wieder aufgeben muß, um durch die Schule des Lebens zur Erkenntniß der Wahrheit und zur Kirche zu gelangen – o welche Barmherzigkeit ist das! – Und diese beklagenswerte Gräfin Gorm, die auf den Betrug, den sie sich erlaubt, ihr Glück und das Glück ihrer Familie zu gründen meint, verbringt ihr Leben in Gewissensqualen und führt durch jenen Betrug mittelbar den Tod ihres einzigen Sohnes, den Untergang der ganzen Familie herbei! O welch ein unzerstörbarer Keim der Rache liegt in jeder That, die Gott verbietet, und wie Recht hattest Du, Heliade, lieber die Welt in Trümmer stürzen zu lassen, als so etwas zu thun! Du hast Peregrin aufgegeben gegen Deines Vaters Wunsch, weil Gott es wollte – festgehalten gegen unsern Wunsch, weil Gott es wollte; – und dadurch hast Du ihn Dir jetzt errungen!«

»Wir aber brauchen starke Herzen in unserer Zeit, in unserem Lande, in unserer heiligen, schwer verfolgten und bedrängten Kirche!« rief Lord Arran. »Nur Gottesfurcht macht sie stark! wo diese fehlt, tritt Menschenfurcht ein und macht schwach und verächtlich. Woher hättest Du, armes Kind, in Deinen Trübsalen die Stärke genommen, wenn nicht aus der Gottesfurcht? – Darum sollst Du unsere Tochter sein, Heliade, und dereinst zur Stunde, da es Gott gefallen wird, Erbin unseres Namens, unseres Vermögens.«

Heliade lag längst zu Füßen der Gräfin und zerschmolz in Thränen der Rührung und Freude.

»Ist es denn wirklich wahr?« fragte sie;– »ist die Familie Gorm wirklich ausgestorben? – O, dann darf ich ja sagen, daß ich aus der Correspondenz, die ich für die Baronesse Ruffach zu führen hatte, Peregrin's und Mariano's Identität kannte.«

»Das hättest Du früher sagen sollen!« rief Lord Arran: »es hätte uns manche Sorge, manche trübe Stunde erspart.«

»Ich gab der Baronesse das Versprechen zu schweigen, mein lieber Vater. Durfte ich ein fremdes Familiengeheimniß verrathen, um Andern eine bessere Meinung von mir beizubringen?«

Lady Arran küßte schweigend Heliadens Stirn – diese reine Stirn, über welche nie der Schatten einer gemeinen Gesinnung geflogen war – und der Graf sagte:

»Du hast wiederum Recht, Tochter Gottes! Aber mir scheint, Du hast Martyrerblut in den Adern und deshalb sollst Du fest und gründlich nach Irland versetzt werden.«

Heliade fand einen süßen Trost darin, ihren Pflegeltern jetzt Alles mitzutheilen, was sie über ihr Verhältniß zu Peregrin zu sagen wußte – und es stimmte so genau mit Mariano's Bericht zusammen oder vervollständigte denselben so genau, daß in dieser Klarheit die beste Bürgschaft für volle Aufrichtigkeit lag.

»Nun ist auch nicht ein unverständliches Pünktchen mehr in mir! . . . nicht wahr?« frohlockte Heliade.

Ein Diener unterbrach das trauliche Gespräch, indem er leise eine Meldung dem Grafen machte. Dieser sagte zu Heliade:

»Es ist Jemand im Salon, der Dich zu sprechen wünscht.«

Sie erhob sich, verließ Lady Arran's Zimmer und ging in den Salon. Da stand Peregrin. So wie sie eintrat, kniete er nieder und sagte das eine Wort, das er ihr nun schon so oft wie eine Beschwörung zugerufen hatte:

»Heliade!«

Aber zum Erstenmal antwortete sie so, als ob sie ihn verstanden habe. Sie sagte:

»Mariano!« –

Er war gekommen mit schweren Gedanken. Er wußte ja gar nicht, ob und wie sie sich seiner erinnere. Er hatte sie sehen wollen, ihr sagen wollen von der inneren Umbildung seines Lebens, zu welcher ohne Zweifel ihr Gebet ihm die Wege bahnte. Aber da wieder anzuknüpfen, wo sie sich in Heidelberg getrennt hatten – das fiel ihm nicht ein, denn er hatte nicht, wie damals, ihr eine Stellung in der Welt zu bieten, die ihrer würdig gewesen wäre. Nun aber sagte sie: »Mariano!« – und vor dem einen kleinen Wort verschwanden all seine Entsagungsgedanken wie Morgennebel vor der aufgehenden Sonne – der Sonne der Liebe; denn das kleine Wort drückte vollständig aus, daß sie ihn gerade so annehme, wie er eben war – als Mariano Torrigi. Heliade sah seine tiefe Bewegung und rief:

»Wie gut ist Gott! Als wir uns vor mehr als vier Jahren zuletzt in Heidelberg sahen, sagten Sie: Kein Gorm wird katholisch! – Gott aber, dem gar nichts daran lag, daß Sie Peregrin Gorm hießen und sehr viel, daß Sie zur Erkenntniß des wahren Glaubens kämen – machte Sie zu Mariano Torrigi. O was für eine begnadete Seele sind Sie.«

»Ja, das bin ich! Ja, das weiß und erkenne ich!« rief Mariano mit strahlendem Auge; – »mein Wollen und Streben hat nach Innen Basis und Ziel bekommen und ich kenne das Feld, das arme, kleine Feld meiner Seele, das ich für seine immense Zukunft bebauen muß. Aber es ist erkauft durch irdische Opfer – und das, was Peregrin verlor, hat Mariano noch nicht zu erringen verstanden. Ich bin arm« . . . –

»Wir sind nun Beide arm!« unterbrach sie ihn lieblich. »Ich habe in diesen Jahren gelernt, was das heißt, sich sein Brod erwerben und das Brod der Dienstbarkeit essen zu müssen. Das ist eine gute Schule für das spätere Leben . . . wenn man Glauben hat; denn es macht geschmeidig und demüthig unter der Hand Gottes.«

»Würden Sie nicht zurückschrecken vor der Enge der Verhältnisse, die ich Ihnen anbieten könnte . . . vor der untergeordneten Stellung, in die ich Sie versetzen würde?«

»Nein! . . . denn ich bin Lebenslang in beschränkten Verhältnissen gewesen . . . und nur jetzt ist es anders, weil es meinen lieben Pflegeltern so gefällt. Und dann, Mariano, hat uns ja nicht der Reichthum zusammengeführt: folglich kann uns die Armuth nicht trennen. Uns trennte nur Eines – und das Eine besteht nicht mehr.«

Ueberwältigt von all der Freude und all dem Glück, das sich so überraschend in diesen Paar Tagen zusammendrängte, verstummte Mariano. Schweigend bot er Heliaden die Hand – und schweigend und mit dem tiefen Ernst, der ihr eigen war, legte sie ihre Hand in die seine.

Einige Monate später lag ein Dampfschiff im Hafen von Civita vecchia, das nach Marseille gehen und von dort die Küste Spaniens bis Cadix umfahren sollte. Auf dem Verdeck standen die Neuvermählten – Marian und Heliade, während Lord und Lady Arran ihnen vom Quai aus mit jener Wehmuth nachschauten, die hienieden unzertrennlich von der Liebe ist. Eine Liebe, die keine Thränen kennt, ist das Vorrecht der Seligen. Für uns liegen sie so nah, daß das Lächeln der Liebe ach! wie oft! in Thränen untergeht.

Langsam setzte sich das Dampfschiff in Bewegung. Lady Arran verhüllte ihre Augen und rief schmerzlich:

»Da ziehen sie hin!«

»Ja . . . auf Wiedersehen in Irland!« sagte Lord Arran, der noch einige Zeit in Rom verweilen und dann die Rückreise durch Frankreich machen wollte.

Und schneller rauschte das Dampfschiff durch die weichen Wellen, die im Abendroth wie schmelzendes Gold leise wogten. Marian und Heliade standen Hand in Hand. Nach und nach traten die Küsten zurück; die Erde hörte auf; sie standen dazwischen der Unermeßlichkeit des Himmels und des Meeres – und Marian sagte:

»Sieh, Heliade, hier ist Alles so groß, so weit, so schrankenlos wie die Ewigkeit – und so soll auch unsere Liebe sein.«

»Ja,« sagte Heliade sanft, »mit Gottes Gnade.«

 

 

 << Kapitel 28 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.