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Ida von Hahn-Hahn: Peregrin - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrin
authorIda Gräfin Hahn-Hahn
year1864
publisherVerlag von Franz Kirchheim
addressMainz
titlePeregrin
created20020701
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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»Vergib uns unsere Schuld.«

Auf dem Broadway, der elegantesten Straße von New-York, ging ein katholischer Priester. Er trug die gewöhnliche schwarze Soutane. Der Luxus, die Elegance, die Frechheit, das Laster dürfen sich allüberall in den Livreen ihres Reichthums, ihrer Ueppigkeit, ihrer Gemeinheit öffentlich zeigen. Ihnen gehört der Boden, den sie betreten oder über den ihr Wagen dahinrollt; ihnen gehört die Lust, die sie umgibt, die Sonne, die über ihnen scheint; ihnen gehört die Achtung, die Bewunderung, der stille Neid, das Wohlgefallen der großen Menge, welche diese bunten blanken Livreen noch nicht trägt, aber um desto begieriger nach ihnen ist. Doch das edle Ordenskleid darf sich in manchen großen Städten nicht öffentlich sehen lassen. Das hat nach des Pöbels Meinung – Pöbel in Lumpen, Pöbel in Sammt und Seide – kein Anrecht an Sonnenschein und frischer Luft. Das nimmt sich heraus in schweigender Demuth, in gelassener Armseligkeit ein Gleichgültigkeitszeugniß gegen die Hoffart und gegen den Prunk abzulegen und zu beweisen, daß es noch Menschen gibt, die nicht auf der Fährte des Goldes den Staub lecken. Es ist freilich wahr: Niemand nimmt gern einen öffentlichen Vorwurf hin – und das edle Ordenskleid ist unter Umständen und auf manchen Stätten ein so schneidender Vorwurf, daß sich tausend und aber tausend Augen davor niederschlagen müssen – wenigstens nach Innen. Das verstimmt und erzeugt Groll und Trotz. Daran ist nun allerdings nicht das Ordenskleid, sondern das fremde böse Gewissen Schuld; allein jenes muß dafür büßen, indem es durch dieses in Acht und Aberacht erklärt wird, weil es so vermessen ist, durch seine Erscheinung die Allein-Berechtigung des Mammon-Cultus in Frage zu stellen. Deshalb durfte jener Priester nicht im weißen Ordenskleide der Dominicaner in den Straßen von New-York umhergehen.

Schon jetzt erregte sein priesterliches Kleid ein Mißfallen bei einigen jungen Leuten. Sie folgten ihm auf dem Fuß nach, mit spöttischen Bemerkungen und verhöhnenden Gesprächen. Der Priester ging so ruhig seines Weges, als bemerke er gar nicht diese Brutalität – und vielleicht bemerkte er sie wirklich nicht, so vertraut sah er aus mit allem, was Leiden ist. Das ärgerte aber die Bande! Zwei von ihnen lösten sich von den Uebrigen ab, gingen ein Paar Schritte vor und nahmen den Priester in ihre Mitte, indem sie Worte des Hohnes gegen seinen Stand und der Lästerung gegen seinen Glauben ausstießen. Kaum hatten sie aber in dieser Weise einige Schritte gemacht, als ihnen ein anderer junger Mann rasch entgegenkam, sie mit einem Blick kalter Verachtung maß, den Arm des Priesters unter den seinen nahm und verbindlich zu diesem sagte:

»Ich hoffe, nicht unbescheiden zu sein, wenn ich um die Erlaubniß bitte, Sie begleiten zu dürfen;« – und Beide setzten den Weg fort, den der Priester eingeschlagen hatte.

Die wüsten Gesellen blieben zurück und der eine rief:

»Was zum T–l! hat der Mariano Torrigi mit dem verfl– Schwarzrock zu thun!«

»War das Mariano Torrigi, der Violinspieler?« riefen ein Paar Andere.

Der Priester aber sagte ruhig zu Mariano:

»Sie sind sehr gütig, Sir, sich meiner anzunehmen; allein wir sind an dergleichen Scenen gewöhnt und müssen immer auf sie gefaßt sein.«

»Im Lande der allgemeinen Freiheit für jede Religion und jeden Cultus? . . . wie ist das zu erklären!« rief Mariano.

»Dadurch, daß Prinzip und Praxis zweierlei sind,« entgegnete der Priester lächelnd.

»Dann wäre die Handhabung des Prinzips eine beständige Lüge,« sagte Mariano.

»In Europa versucht man allerdings dergleichen. Man schreibt in einem Paragraphen der Staatsgesetze: Die Kirche ist frei – und dann umzingelt man sie mit andern Paragraphen, welche es möglich machen, sie wie eine Sklavin zu behandeln. Das ist hier durchaus nicht der Fall! der Staat bekümmert sich gar nicht um uns. Wir können Gotteshäuser bauen, Schulen eröffnen, Klöster und fromme Anstalten gründen, hierarchische Organisation einführen, ganz nach katholischen Grundsätzen und Bedürfnissen, ganz so weit und so viel der katholische Glaubenseifer opferwillig ist. Bevormundung, Einmischung des Staates in diese Angelegenheiten ist etwas ganz Unbekanntes. Die Kirche besteht auf sich und durch sich; sie ist arm, aber frei, und geht einer ungeheuern Zukunft entgegen. Was aus Amerika wird – wer kann es sagen? Wer mag sich da auf Prophezeiungen einlassen? Einige nennen es einen Coloß auf thönernen Füßen. Andere sagen: Mit nichten! die Füße sind nicht von gebrechlichem Thon, sondern von festem Gold. Und darauf entgegnen wieder Andere: Zum Fundament eines Staates ist auch das Gold nicht fest genug. Wie dem nun sei! . . . die Kirche hat eine glänzende Zukunft in Amerika – und vielleicht gerade deswegen müssen ihre Diener, die durch das Freiheitsprinzip in ihrem Wirken geschützt sind, persönlich hie und da einige Neckereien dulden. Das kann nicht anders sein! Das Banner der Kirche – ist das Kreuz, und das Kreuz – spricht der Apostel St. Paulus – ist den Heiden eine Thorheit. Bei unsern modernen Heiden fällt von der Verachtung dieser Thorheit auch etwas für den Sohn des Kreuzes, den Priester, ab.«

»Mein Herr!« rief Mariano, der dem Priester aufmerksam zugehört hatte: »wo in der Welt haben wir uns schon gesehen?«

»Nirgends, das ich wüßte!« erwiderte der Priester und sah mit seinen schönen, dunkeln, liebedurchleuchteten Augen freundlich Mariano an.

»Und je mehr Sie mich betrachten, desto gewisser wird es mir!« sagte Mariano: »ich habe schon irgendwo in der Welt Ihre Augen gesehen! aber wo? . . . wo?«

»Augen sind Augen, Sir!« entgegnete der Priester lächelnd; – »hat man deren viele gesehen, so täuscht man sich leicht.«

»Sind Sie ein geborner Amerikaner?«

»Nein, Sir, ich bin ein Ire.«

»O . . . Heliade!« rief Mariano mit erstickter Stimme in grenzenloser Ueberraschung. Er wußte, daß ein Bruder ihrer Mutter Missionär in Amerika sei. Er wußte, welche Augen er vor sich habe und an wen sie ihn erinnerten.

Der Priester war nicht weniger überrascht durch Mariano's Ausruf und seine Bewegung. Wer war dieser junge Mann? Von welcher Heliade mochte er sprechen? Da Mariano schwieg, fragte auch er nicht weiter und nur nach einiger Zeit sagte er:

»Ich bitte, machen Sie sich nicht länger die Mühe, mich zu begleiten. Wir sind ganz in der Nähe des Hauses des Herrn Erzbischofs, bei dem ich wohne . . . und ich danke Ihnen herzlich für Ihre Begleitung.«

Schweigend gab ihm Mariano seine Karte. Der Priester warf einen Blick auf den italienischen Namen. dessen Berühmtheit ihm gänzlich unbekannt war und sagte:

»Ein Italiener! . . . ah, so sind Sie Ihrem Priester zu Hülfe gekommen!«

»Doch nicht! ich bin nicht katholisch.«

»Nun dann bin ich Ihnen um so dankbarer, Sir, und kann ich Ihnen auch meine Karte nicht geben, weil ich keine besitze, so kann ich Ihnen doch sagen, daß ich Reginald O'Connor, Dominicanerordens, bin.«

Sie schüttelten die Hände und trennten sich.

Als Mariano zu Hause kam, flog ihm Torrigi wie wahnsinnig entgegen und rief, indem er mit beiden Händen sein Haar durchwühlte:

»Gefahr! Gefahr! sie ist in Gefahr! . . . O meine Tota! . . . o sie wird denselben Weg gehen, den meine Cecca gegangen ist – und ich unglückseliger Vater verliere meine beiden Juwele und bin auf ewige Zeiten ein geschlagener Mann!«

»Was fehlt ihr?« fragte Mariano entsetzt.

»Ein Nervenfieber ist im Anmarsch! . . . Was sag' ich! Anmarsch? – ist bereits im vollen Ausbruch. Der Doctor behauptet, sie müsse sich seit Wochen krank gefühlt haben . . . und gibt zu verstehen, daß es bei ihrer kräftigen Organisation sehr bedenklich werden könne! . . . Marian, dies ist ein furchtbarer Schlag! . . . Statt nach Mexico zu gehen muß ich hier bleiben und vielleicht hier mein Kind begraben! . . . Das wäre zu hart, Marian, zu hart!«

Marian war betäubt vor Entsetzen, daß der Tod seine Hand nach diesem jungen Leben ausstrecke und er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß er eine Mitschuld an dieser Catastrophe trage. Antonia hatte mit einer gewissen trotzigen Freude, als mache es ihr Vergnügen, einem Mann weh zu thun, höchst entschieden den überraschten und gekränkten Richard Stronghead abgewiesen. Keine Bitten, keine Vorstellungen ihres Vaters fanden Gehör bei ihr.

»Ich will meine Jugend, meine Freiheit genießen! So lange war ich Sklavin des Violoncello's – und nun soll ich Sklavin der Launen eines Mannes werden, der heute mich liebt und morgen mich vergißt? Mit nichten! In den ersten zehn Jahren will ich vom Ehestand nichts hören, Vater! . . . und jetzt will ich erst recht anfangen, munter und vergnügt zu sein.«

So sprach Antonia und sie führte dieses Vorhaben insofern aus, als sie sich in einen Taumel von rauschenden Vergnügungen stürzte. Sie ritt mit Leidenschaft den ganzen Tag; sie tanzte mit Leidenschaft die ganze Nacht; kein vernünftiger Gedanke kam in ihren Sinn, kein vernünftiges Wort berührte ihr Ohr. Wenn Marietta besorgt sagte:

»Antonia, welchem Ziel und Ende stürmst Du zu?« so erwiderte sie:

»Das weiß ich nicht und es ist mir auch ganz gleichgültig. Wenn ich ankomme, werd' ich es schon erfahren.«

»Ja wohl . . . aber zu spät.«

»Zu spät, Marietta, wäre es nur in dem Fall, daß ich mich eines guten Tages in der Hölle wiederfände. Aber dahin komme ich nicht: ich thue ja nichts Böses. Ueberdas ist es noch gar nicht gewiß, ob es überhaupt ewige Höllenstrafen gibt – ja nicht einmal, ob eine Hölle! ich bin zweifelhaft darüber.«

Marietta sagte wehmüthig: »Wenn Du als Kirchenlehrer auftrittst, möchte ich lächeln! aber Eines steht fest, Tota: die Hölle und ihre ewigen Strafen werden nur von Denen geleugnet, welche auf dem Wege find, ihnen zu verfallen.«

»Ich wiederhole Dir aber, daß ich nichts Böses thue,« rief Antonia ungeduldig.

»Treibst Du nicht einen unsinnigen Luxus?« fragte Marietta.

»Unsinnig – nein! Luxus – ja! Der Luxus ist etwas sehr Gutes und Vernünftiges: er beschützt und hebt die Industrie.«

»Denkst Du an etwas Anderes, als an Kleider und Schmuck, an Tanzen und Reiten, an Vergnügungen vom frühen Morgen bis zum späten Abend?«

»Nun, das sind doch wahrhaftig höchst unschuldige Gedanken, Marietta!«

»Bist Du nicht immer umringt von einem Schwarm von Männern, welche Dir weiß der Himmel was Alles für Dinge sagen?«

»Dies kann ich nicht leugnen, Marietta.«

»Verräth das nicht Eitelkeit, Leichtsinn, Gefallsucht . . . vielleicht Schlimmeres noch?«

»Marietta!« rief Antonia lachend, »es ist mein Gaudium, den Männern den Kopf zu verdrehen! und da sie nur in diesem Zustand erträglich – sonst aber schwerfällig, trocken, plump und langweilig im Uebermaß sind: so müssen sie es mir danken, daß ich die Güte habe, sie einigermaßen liebenswürdig zu machen.«

»Nie werd' ich begreifen, was es Dich angeht, ob Herr X. oder Herr Z. langweilig oder unterhaltend ist,« sagte Marietta traurig.

»Wie? das begreifst Du nicht? Ich lebe ja zwischen ihnen und mag lieber lachen, als gähnen – was höchst natürlich ist. Und dann sind es keineswegs die Herren X. Y. Z. – unbekannte Größen! sondern die Herren Frankman und Staunton und Penrith und Miller, sämmtlich sehr reich und zur besten Gesellschaft gehörend. O, ich wähle meine Leute! ich habe Welt- und Menschenkenntniß! ich bin nicht mehr die ungeschickte, rohe Tota von früher! Und bin ich auch etwas eitel und Alles, was damit zusammenhängt, so gehe ich doch, allen diesen Herren gegenüber, nicht ein Haarbreit weiter, als ich eben will – und da ich nichts Böses thun will, so thue ich nichts Böses.«

»Nennst Du einen Zustand nicht schlimm, in welchem Du nicht eine einzige Tugend übst, welche ein junges Mädchen haben soll?«

»Mein Gott! dieser Zustand ist nicht meine Wahl. Früher war er mir ein Greuel. Ich mußte dennoch darin bleiben. Jetzt gefällt mir das, was in ihm berauschend ist. Nie hatte ich Zeit, mich auf besondere Tugenden zu verlegen . . . denn ich mußte mich mit all meinen Kräften auf's Violoncell verlegen. Daß man dabei nicht zu hohen Tugenden gelangt, versteht sich von selbst. Du bist freilich ganz anders, Marietta! eine kleine Heilige bist Du! . . . doch das ist nicht Jedermanns Sache – und die meine gewiß nicht.«

So sprach, so dachte, so lebte Antonia. Marietta sah es mit Jammer. Auf dieser abschüssigen Bahn, ohne Zügel, ohne Leitung, nur noch gehalten durch den schwachen Ueberrest guter Instinkte, mußte die Seele zu Grunde gehen. Mariano sah es mit noch größerem Jammer. Er hätte seinen Einfluß auf sie zu ihrem Heil verwenden können, wenn er selbst besser und stärker gewesen wäre; – oder er hätte sich so wenig um sie bekümmern müssen, wie um »das stille Kind«; dann wäre sie vielleicht ruhiger und gleichgültiger geblieben, hätte Richard Stronghead geheirathet und wäre eine vernünftige Frau geworden. Aber dieser Traum von Liebe, den er, wenn nicht hervorgerufen, so doch nicht sogleich zerstört hatte, warf sie so recht in den Strudel hinein. Einestheils wollte sie sich zerstreuen und anderntheils suchte sie Ersatz – ohne über das Letztere mit sich im Klaren zu sein, da sie Niemand fragte, Niemand zu Rath zog. In seiner peinlichen Besorgniß um Antonia hatte er einmal Marietta gefragt, ob Antonia noch ihre religiösen Pflichten erfülle, und die Antwort erhalten:

»Sie macht es wie der Vater und geht in der österlichen Zeit Einmal zu den heiligen Sacramenten. Da sie jedoch gar nicht daran gewöhnt ist, sich Rechenschaft über ihr Gewissen abzulegen, so müssen ihre Beichten nothwendig höchst oberflächlich bleiben, ohne Reue, ohne Vorsatz der Besserung, ohne irgend einen guten, practischen Entschluß. Vielleicht ist ihr Seelenzustand der Art, daß er die Absolution ungültig macht und aus keinen Fall kann die Wirkung der heiligen Communion tief und kräftig sein.«

»Wie glücklich bist Du, solche himmlische Hülfe zu haben!« sagte Mariano. »Es muß ein eigenthümliches Wonnegefühl sein, sich zu sagen: Jetzt sind dir deine Sünden vergeben! – und ich begreife, daß man, nachdem man diese Bürde von sich genommen weiß, sich zu einem neuen Leben entschließen könne.

»Und Du zögerst noch trotz dieser Einsicht!« rief sie lebhaft; – »o betrübe nicht Deinen heiligen Schutzengel, der Dir all diese guten Gedanken zuflüstert.«

»Auch andere Gedanken kommen mir, Marietta, und rufen dawider: Täuschung, Irrthum.«

»Glaubst Du an die Offenbarung?« fragte sie; – »glaubst Du, daß göttliche Wahrheit in der heiligen Schrift niedergelegt ist? – Glaubst Du das, so wirst Du finden, daß kein Wort weniger als Täuschung und Irrthum auf das Sacrament der Buße paßt und daß unser göttlicher Erlöser sich selten mit größerer Bestimmtheit aussprach als damals, da er zu seinen Aposteln nach seiner Auferstehung sagte: »Nehmet hin den heiligen Geist. Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.«

»Sieh, Marietta,« erwiderte er sinnend, »es ist etwas ganz Eigenes mit dem Glauben an die christliche Offenbarung, sobald uns dieselbe nicht durch ein unfehlbares, untrügendes Organ vermittelt wird, d. h. sobald wir nicht auf dem Boden einer göttlich beglaubigten Kirche stehen. Ich glaube an ein offenbartes Christenthum, weil ich dessen Sittenlehre zu schön und dessen Hoffnungen für Zeit und Ewigkeit zu erhaben und trostreich finde, um aus menschlichen Gedanken hervorgegangen zu sein; – aber einzelne Punkte und Lehren glaube ich auch wieder nicht, finde sie überflüssig, nebensächlich, lasse sie fallen, deute sie nach Gutdünken, lege meinen subjectiven Maßstab an sie. Genug . . . fragst Du mich, ob ich an die göttliche Offenbarung der christlichen Religion glaube? so muß ich, um aufrichtig zu sein, antworten: zum Theil.«

»Da bist Du ganz auf Deinem Platz, Marian! die Irrlehre, in der Du aufgewachsen bist, macht es so. Das ist Dir in Fleisch und Blut übergegangen! aber der Christ soll stärker sein, als das Fleisch – die Wahrheit soll den Irrthum besiegen. Fange nur endlich einmal an, Dich aus Deiner Gleichgültigkeit aufzuraffen.«

»Ah bei Gott! ich bin nicht gleichgültig! ich bin nur gelähmt durch unsere gräßliche Existenz.«

»Für Dich geht sie jetzt ja gleich zu Ende,« sagte Marietta seufzend; – »aber wann für mich? Wann wird der Vater seinen Golddurst . . . wann Antonia ihren Freudendurst gestillt haben!«

»Begib Dich in meinen Schutz!« rief Mariano; »ich geleite Dich sicher nach Genua . . . oder wohin Du willst! Brauchst Du im Kloster eine Mitgift – ich zahle sie mit Freuden. Dann hätte ich doch etwas Gutes gethan! hätte doch einer Seele dazu verholfen, über die armselige Alltäglichkeit sich zu erheben! hätte doch die Wonne, bei einem Wesen ein Streben zu fördern, das nicht die Erde und ihre Genüsse zum letzten Ziel hat! Nimm es an, Marietta . . . und Du wirst meine größte Wohlthäterin sein.«

»Das sieht Dir ähnlich, Marian!« sagte sie sanft und traurig; – »aber ich darf nicht! ich muß das Opfer bringen, welches Gott jetzt von mir verlangt, und nicht das, welches ich bringen möchte. Der Vater würde in Zorn und Verzweiflung gerathen, Ors' Anton hätte Niemand, der sich ein wenig mit ihm beschäftigte und ihn möglichst fern von dem Tumult hielte, der auch ihn bedroht – und Antonia endlich würde ganz verlassen sein und nie ein warnendes Wort hören. Nein, ich muß ausharren! aber Gott vergelte Dir die gute Absicht und gebe Dir die Gnade, daß die Seele, deren Streben und Verlangen Du fördern möchtest – Deine eigene sei.«

Die Abreise der Familie Torrigi von New-York nach Mexico und Mariano's nach England war festgesetzt. Da erkrankte Antonia. Sie hatte längst das Fieber in ihren Pulsen gefühlt, aber sich bis auf's Aeußerste dagegen gewehrt. Nun brach sie zusammen.

»Gott sei gedankt . . . ich sterbe!« sagte sie zu der entsetzten Marietta.

Eine barmherzige Schwester wurde zu Hülfe gerufen und das Krankenzimmer nahm die Besorgniß und die Theilnahme der ganzen Familie in Anspruch. Das Fieber war so heftig, daß Antonia entweder im Delirium oder in stumpfer Betäubung war. Sie erkannte Niemand, sie sah und hörte nicht, sie verstand nichts. Mit namenloser Angst harrte Marietta auf einen lichten Augenblick, um einen Priester zu rufen. Sie verließ mit keinem Schritt das Krankenzimmer. Sie fürchtete, die barmherzige Schwester werde minder aufmerksam das Erwachen von Antonia's geistigen Kräften beobachten als sie. Sie bat Gott nicht um Leben, nicht um Sterben; – nur aber, daß die Seele der Kranken, sei es für's Leben, sei es für's Sterben – nicht im Torpor verbleibe. Die barmherzige Schwester bat dringend, Marietta möge sich doch einige Ruhe gönnen, ein Paar Stunden der Nacht durch Schlaf – und des Tages in der frischen Luft sich erholen; aber Marietta antwortete nur:

»Es soll geschehen, wenn die Gefahr vorüber ist.«

Der Arzt hatte erklärt, am neunten Tage werde eine entscheidende Krisis eintreten. Es geschah aber nicht; – die Krankheit trat nur in ein anderes Stadium und der einundzwanzigste Tag sollte nunmehr der entscheidende sein. Indessen gaben sich Alle der Hoffnung hin, daß die größte Gefahr überwunden sei, denn Antonia war jetzt ihrer Sinne vollkommen mächtig. Das Fieber wüthete fort, ließ jedoch ihren Kopf ganz frei. Auf Marietta's schüchterne Frage, ob ihr der Empfang der heiligen Sacramente nicht ein Trost sein würde, entgegnete sie:

»Ich bin noch nicht bei dem Viaticum.«

»Das weiß ich!« entgegnete Marietta.

»Wenn es so weit ist, werde ich es sagen und einen Priester verlangen,« versetzte Antonia.

Das war trostlos, denn sie konnte ja jeden Augenblick in Bewußtlosigkeit zurückfallen. Marietta hätte gern einen Priester gerufen; sie wußte aber nicht, welchen Eindruck es auf Antonia machen, ob es sie erschrecken, sie verstimmen werde. Auf eine leise Anfrage bei dem Vater gerieth dieser in Wuth:

»Warum sprichst denn Du ihr das Todesurtheil, da der Arzt doch noch Hoffnung gibt!« rief er.

Endlich wendete sie sich an Mariano und sagte:

»Was fangen wir an! der Vater und Antonia haben die verkehrte Ansicht, daß der Priester nur in extremis zu rufen sei. Aber dann weiß der Sterbende oft gar nichts mehr von seinen Sinnen und ist immer zu schwach, um sich gehörig sammeln und vorbereiten zu können. Deshalb wäre es so wünschenswert, wenn Antonia jetzt beichtete, da sie jetzt klar und ruhig ist.«

»Ich werde einen Priester zu mir rufen,« entgegnete Mariano, »und dann wollen wir sehen, was sich weiter thun läßt.«

»Kennst Du katholische Geistliche in New-York?« fragte sie verwundert.

»Gerade nur diesen, den ich in Schutz nahm gegen die Brutalität einiger zweibeinigen Bestien,« erwiderte Mariano – und begab sich zu Pater O'Connor.

Dieser empfing ihn sehr freundlich und wurde noch freundlicher, als Mariano ihm seine Bitte vortrug.

»Gott vergelte Ihnen, dem Akatholiken, daß Sie die Hand bieten, um einer Seele dasjenige Sacrament zuzuwenden, auf welches Diejenigen, die außerhalb der Kirche stehen, mit Geringschätzung blicken.«

»Das müssen Sie ihnen vergeben, mein Pater! sie hören ja nichts Anderes, als daß man sich stillschweigend vor Gott als großer Sünder bekennen müsse und daß darauf eine Vergebung erfolge, die viel gewisser, als die priesterliche Absolution sei – da die Priester sich nur diese Gewalt angemaßt hätten.«

»Glauben Sie das?« fragte P. O'Connor lächelnd.

»O nein!« rief Mariano; »aber für Akatholiken, die keine Priester haben, bleibt ja nichts Anderes übrig, als sich mit einer solchen Annahme zu beruhigen . . . – so lange man es vermag.«

»Wie kommen Sie in Ihren Verhältnissen, in Ihren Umgebungen auf solche Gedanken!« rief P. O'Connor mit höchstem Erstaunen.

»Sie wissen also, daß ich der berühmte Violinspieler bin?« fragte Mariano.

»Ja, ich erfuhr es, als ich unsere Begegnung in der vorigen Woche erzählte und Ihre Karte vorzeigte. Aber Sie müssen mir meine Verwunderung vergeben! es ist selten, daß sich Personen, die sich Ihren Beruf wählen, mit religiösen Wahrheiten denkend und gründlich beschäftigen.«

»Mein Beruf mag wohl nicht ganz mein Beruf sein,« antwortete Mariano trübe. »Nur die Umstände brachten mich dazu; nicht freie Wahl. Auf die Wahrheiten der katholischen Glaubenslehre bin ich aber aufmerksam geworden . . . durch zwei junge Mädchen. Edlere Wesen hab' ich nie gekannt.«

»Das wird aber immer merkwürdiger!« sagte P. O'Connor. »Wie selten kommt ein berühmter Virtuose in Beziehung zu solchen jungen Mädchen!«

»Es sind auch nur zwei, mein Pater: die eine in Europa, die andere in Amerika.«

»Und wenn auch nur zwei . . . so ist es schon eine große Gnade, daß Ihnen auf jeder Hemisphäre ein solches Wesen begegnete.«

»Und daß die eine meine Cousine, die Violinvirtuosin Marietta Torrigi ist.«

Pater O'Connor sah Mariano zweifelhaft an, begegnete aber einem ganz ruhigen, ehrlichen Blick.

»Wenn Sie mir die Ehre Ihres Besuches schenken, mein Pater, werden Sie Marietta kennen lernen,« sagte Mariano – »und werden noch mehr erstaunen, daß in unserm Treibhausleben ein solches Veilchen erblühen konnte.«

»Ich komme morgen,« versetzte der Pater; –»und hauptsächlich – wie es meine Pflicht ist! – wegen der Kranken. Aber ich gestehe Ihnen, daß mich die beiden Gesunden kaum weniger interessiren.«

Er hielt Wort und kam. Aber Antonia, welcher Marietta sagte, daß ein Geistlicher bei Marian sei, entgegnete:

»Das ist mir gleichgültig . . . ich brauche ihn noch nicht. Aber ich begreife nicht, was Marian mit einem Priester anfängt.«

»Sie werden sich über ernste oder religiöse Gegenstände unterhalten,« entgegnete Marietta. »Du weißt, Marian liebt das.«

»Ja, er ist ernst geworden. Wie war er frisch und muthig, als er in Genua zu uns kam!«

»Unser Leben macht ernst, wenn man ein wenig nachdenkt, was das ist: das Leben – und wozu man es empfangen hat.«

»Ich brauche nicht mehr darüber nachzudenken und das ist mir sehr lieb! vielleicht würde auch ich ernst.«

»O Antonia! das wäre eine große Gnade.«

»Nein!« sagte Antonia, »der Tod ist besser! . . . besser als ein ernstes . . . besser als ein fröhliches Leben! . . . und Gott sei gedankt . . . ich sterbe!«

»Wenn Du das glaubst,« sagte Marietta in Thränen, »so weise nicht die Hülfe ab, die Deiner Seele geboten wird, um reingebadet im Blut Jesu vor dem Richterstuhl des ewigen Gottes zu erscheinen.«

»Ich kann nicht begreifen, was Marian mit einem Priester anfängt!« sagte Antonia abbrechend.

»Wenn Du es wünschest, will ich ihn rufen; er kann es Dir selbst sagen,« erwiderte Marietta, froh der Veranlassung, die ihr einen Bundesgenossen verschaffte.

»Ja, rufe ihn . . . nämlich Marian . . . den Priester nicht.«

Zum Erstenmal in ihrer Krankheit wünschte sie Mariano zu sprechen. Sie hatte sich überhaupt daran gewöhnt, ihn wie einen wesenlosen Schatten zu behandeln, seitdem er sich nach ihrem entschiedenen Bruch mit Richard Stronghead von der Theilnahme an ihrem Vergnügungsrausch zurückgezogen hatte. Marietta sagte ihm:

»Es wird vielleicht von Dir abhängen, Marian, sie zu bewegen, an Gott und ihre Seele zu denken. Versuch' es! ich bleibe einstweilen bei dem Pater.«

Mariano ging zu der Kranken. Lautlose Stille herrschte in ihrem Zimmer. Sein eigener Schritt erstarb auf dem dicken Fußteppich. Antonia lag unbeweglich da mit geschlossenen Augen. Ihre langen schwarzen Wimpern zeichneten ein Paar feine Halbkreise wie hingetuscht auf ihre wachsbleichen Wangen. Das Tageslicht wurde durch die dunkelblauseidenen Vorhänge der Fenster und des Bettes zu einem dämmerhaften, farblosen Ton abgedämpft, der über das ganze Bild den Vorschatten des Todes zu werfen schien. Antonia athmete so leise, daß keine Bewegung an ihr zu bemerken war. Ist sie schon im Jenseits, dachte Marian tief ergriffen und leise sprach er ihren Namen aus. Da schlug sie die großen, müden, fieberschweren Augen langsam auf und sagte freundlicher, als sie seit einem Jahr zu ihm gesprochen:

»Sieh da, Marian! . . . woher kommst Du?«

»Marietta schickt mich . . . sie sagte, Du wolltest mich sprechen,« versetzte er unaussprechlich bewegt.

»Richtig! . . . Das Fieber hat meinen Kopf so heftig angegriffen, daß ich mich manchmal gar nicht besinnen kann. Aber jetzt weiß ich schon, weshalb ich Dich sprechen wollte. Marietta quält mich mit dem Priester . . . ich soll mich mit Gott versöhnen. Das will ich auch! . . . doch zuvor muß ich mich mit Dir versöhnen, Marian . . . und ich war bis jetzt zu angegriffen oder zu betäubt, um das zu versuchen.«

»Sei barmherzig und sprich nicht von Versöhnung!« sagte er tonlos.

»Doch! ich habe Dir vielfach weh gethan! ich habe den schönen Frieden zerstört, der Anfangs zwischen uns war . . . ich habe mich später nicht darüber trösten können, daß ich es gethan . . . ich habe die Schuld auf Dich geworfen . . . ich habe mich immer mehr in tausend Thorheiten vertieft und innerlich ergrimmt, daß Du sie nicht mitmachtest, daß Du immer ernster wurdest; – nun wollen wir das Alles fahren lassen! . . . Marian, vergib mir recht aufrichtig meine Schuld gegen Dich . . . und solltest Du denselben Wunsch haben, so sei überzeugt, daß ich Dir aus ganzem Herzen vergebe.«

»Das nehme ich an . . . auf den Knien!« entgegnete er; »aber ich habe nichts Dir zu vergeben, Antonia. Laß Frieden zwischen uns sein . . . und zerreiße mir nicht das Herz.«

»O nein, gewiß nicht, Marian! Frieden haben ist besser als alles Andere. Das sieht man aber erst ein, wenn der Tod kommt.«

»Er kommt noch nicht für Dich! er zieht vorüber.«

»Er kommt, Marian! ich hab' es gleich gewußt und mich sehr darüber gefreut. Sieh! solche arme Wesen wie wir . . . Marietta und ich . . . was soll im späteren Leben aus uns werden? Wir sind nirgends auf unserm Platz . . . und können daher auch nirgends zufrieden sein. Darum sucht man denn sich zu betäuben . . . so gut es geht – und allmälig gewöhnt man sich an den Rausch. Jetzt . . . sehnte ich mich im Stillen immer nach etwas Besserem und hatte hinter all meiner Thorheit ein trauriges Herz. Wer weiß, ob das nach zehn Jahren noch der Fall sein würde! . . . ich wäre vielleicht ganz abgestumpft – und darum sage ich: Gott sei gedankt . . . ich sterbe, Marian.«

»Nein, nein, Antonia, nicht jetzt! nicht in dem Augenblick, wo wir Beide zur Erkenntniß kommen, daß man in einem so ganz auf Außendinge gewendeten Leben zu Grunde geht.«

»Ja, jetzt erkenne ich das recht gut. Aber ich könnte es sehr leicht wieder vergessen! . . . ich traue mir selbst nicht . . . ich bin eitel und wenig geübt in der Selbstbeherrschung. Deshalb meint es Gott gar gut mit mir, wenn er mich abruft. Beruhige nur den Vater, Marian . . . sorge dafür, daß er Marietta frei gibt und daß Ors' Anton etwas Anderes noch lernt. Und dann geht Alle heim nach Genua . . . ich bleibe hier – allein . . . aber in Frieden.«

Sie sprach so sanft, ihr Blick und ihr Ausdruck waren so mild, als habe sie schon von aller Unruh und allem Leiden der Erde sich losgemacht. Je weniger Mariano darauf vorbereitet war sie so zu finden – je weniger er geahnt hatte, daß sie solche Gedanken, solche Auffassung haben könne – desto mehr erschütterte es ihn zu sehen, wie die Nähe des Todes, d. h. des ewigen Lichtes, den Schleier von den Dingen der Welt abhob, den das wirre Leben darüber gebreitet hatte – und Mariano schwamm in Thränen.

»Warum weinst Du?« fragte Antonia.

»O!« sagte er, »ich möchte auch gern so in Frieden sterben.«

»Das wird schon kommen,« entgegnete sie sanft lächelnd; . . . »der Tod gewiß und, wenn Du guten Willens bist, auch der Friede. Ueber mich kam dieser Friede, als ich vorhin an Etwas dachte, was ich einmal gehört oder gelesen habe . . . wahrscheinlich gehört . . . denn das Lesen war nie meine Liebhaberei.«

»Und was dachtest Du, Antonia?«

»Die Erzählung vom verlornen Sohn, wie er sagt: »Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen.« Das fiel mir ein . . . ich weiß nicht wie. Und da dacht' ich weiter: Dies will auch ich thun! Mariano kommt jetzt, ich will mich mit ihm versöhnen und dann mich aufmachen und zu meinem Vater gehen. Das Erste ist geschehen! jetzt sei so gut und bitte den Geistlichen, zu mir zu kommen.«

Mariano war neben ihrem Lager auf die Knie gesunken. Er küßte schweigend ihre Hand, die welk und brennend auf ihrer Decke lag und verließ das Krankenzimmer in einer unbeschreiblichen Bewegung.

Marietta hatte während der Zeit dem Pater O'Connor ein Bild ihres und Antonia's Lebens entworfen und sie schloß mit den Worten:

»Wir gehören gewiß zu den beklagenswerthesten Geschöpfen auf Erden, denn wir sind durch Stellung und Beruf fortwährend allen Berauschungen der Eitelkeit ausgesetzt und von tausend Versuchungen umringt, die um so gefährlicher sind, als sie sich nicht unverhohlen an unsere Persönlichkeit – sondern an unser Talent, unser Genie, unsere Inspiration . . . bewundernd wenden.«

»Und doch haben Sie das Alles durchschaut, verurteilt und verachtet,« sagte Pater O'Connor.

»Ja,« entgegnete sie einfach; – »es wurde mir dadurch erleichtert, daß ich nicht schön bin und daß die herrlich schöne Antonia gleichsam wie ein Blitzableiter für alle Huldigungen neben mir stand.«

P. O'Connor pries im Stillen Gottes Gnade, die Marietta's Urtheil über sich selbst in solcher Demuth hielt. Tausende an ihrer Stelle hätten sich sehr schön gefunden – wenn nicht durch die Züge, doch durch den Ausdruck! wenn nicht blendend, doch interessant! wenn nicht die Sonne, doch ein Stern!

»Gott war mit Ihnen,« sagte er; – »Er führt die Seinen, die allein auf Ihn sich stützen, oftmals mit wunderbarer Sicherheit auf schwindelnden Pfaden. Halten Sie nur fest an Seiner Hand.«

»Sie ist meine alleinzige Stütze,« entgegnete Marietta; »denn von Allem, was mir, nach menschlicher Ansicht, an Rath nothwendig wäre, besitze ich gar nichts. Die Mutter todt, der Vater verloren an sein Geschäft; Beichtväter bald hier, bald da, wie unser Nomadenleben das mit sich bringt, so daß an eine Seelenleitung nicht zu denken ist; ernster, bildender Umgang, Verkehr mit edlen Frauen, mit gediegenen Männern – Null! . . . O mein Pater, unter den Menschen bin ich wohl der verlassensten Eine.«

Pater O'Connor war halb erfreut und halb erstaunt, daß sie Marian gar nicht erwähnte. Er sagte:

»Wie kommt das? Er ist kein gewöhnlicher Mensch. Er ist unterrichtet, gebildet, denkend. Sie müßten in manchen Punkten mit ihm zusammenstimmen, sollte ich meinen . . . und von seinem Geist einigen Vortheil ziehen können.«

»Marian Torrigi ist gut und klug, ja edel,« entgegnete sie sanft: »in mancher Beziehung bewundere ich ihn aufrichtig. denn er wird von tausend gefährlichen Schlingen umzingelt . . . und nicht gefangen; – oder wenigstens nur so, daß, wenn er sie erkennt, er die Schlinge zerreißt. Denn das Böse widert ihn an, weil es gemein ist. Aber ihm fehlt das Eine, was Noth thut: er ist nicht gut aus Liebe zu Gott. Folglich ist er auch nicht fest – und obschon ich ihm innigst dankbar bin, weil er mich und mein eingeschüchtertes Wesen vor Jahren sehr gegen den Vater in Schutz nahm, konnte ich doch, je älter ich wurde, desto weniger Vertrauen zu ihm fassen, insofern, als es galt, mir Rath und Trost zu holen.«

»Gott ist mit Ihnen,« wiederholte P. O'Connor gerührt, »bleiben Sie ihm treu.«

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