Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Ida von Hahn-Hahn: Peregrin - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrin
authorIda Gräfin Hahn-Hahn
year1864
publisherVerlag von Franz Kirchheim
addressMainz
titlePeregrin
created20020701
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
Schließen

Navigation:

Drei Tage später befand sich die Familie Torrigi auf dem Ocean und zog der Neuen Welt entgegen. Ihr Aufenthalt in England hatte zehn Monate gedauert. Es fehlten also noch zwei, bis Mariano in seine Selbstständigkeit zurücktrat. Davor zitterte Torrigi. Er wollte ganz gern für Mariano mit vollen Händen in die Kasse greifen; aber mit ihm zu theilen – das war ein unerträglicher Gedanke. Dennoch mußte er es thun, wenn Mariano es verlangte; denn ohne ihn . . . fiel das Quartett auseinander, und das war doch noch unerträglicher – wie Torrigi im Hinblick auf die soliden Banknoten, die er in England znrückgelegt hatte, wohl fühlte.

Vor fünfundzwanzig Jahren gab es in Deutschland Menschen, die ganz aufrichtig für Amerika schwärmten. Die persönliche und bürgerliche Freiheit, die Leichtigkeit, Grundbesitz zu erwerben und reich zu werden, die völlige Gleichgültigkeit bezüglich religiöser Ansichten – waren die Motive ihrer Schwärmerei. Der Constitutionalismus der Staaten nach französischem Revolutionszuschnitt, diese durchaus undeutsche, exotische Pflanze, hatte erst in den wenigsten und kleinsten Staaten Deutschlands Wurzel gefaßt, so daß der Liberalismus noch nicht den festen Boden der Kammern hatte, um gegen die Regierungen Opposition zu machen. Sie wurde daher aus jedem Gebiet, in jeder Richtung, bei jeder Veranlassung, auf jede Weise – und durch jedes Mittel betrieben – und dazu gehörte auch ein gewisser Fanatismus für Amerika, für die »Neue Welt,« die dem alten, vermorschten Europa gegenüber als die Heimath der Menschenwürde und der edelsten Unabhängigkeit gepriesen wurde. Die Verbindung der Vereinigten Staaten mit Europa war damals nicht so leicht, so häufig und so alltäglich, wie sie jetzt ist; die Kunde war seltener, die von dorther kam – und so war es möglich, daß Menschen, welche keineswegs zur politischen Partei des Liberalismus gehörten, dennoch mit Bewunderung auf die Zustände jenseits des Oceans hinüber schauten, weil sie dieselben nur preisen hörten – und sie nicht kannten.

Auch Mariano hatte aus Deutschland eine gewisse bewundernde Hochachtung für Amerika mitgebracht. Er stellte sich unter einem Bürger der Vereinigten Staaten so etwas wie einen Senator der alten Republik Rom vor; aber diesen ernsten und gediegenen Charakter verschmolzen mit den wärmeren und weniger exclusiven Ideen der neuen Zeit. Er trug immer sein Ideal im Sinn: die Vereinigung der Menschen für höhere Zwecke, als für materielle. Actiengesellschaften mit ihren Erfolgen – und wenn sie noch so glänzend waren, erschienen ihm nicht als das höchste Ziel der Cultur. Die unbestimmte Vorstellung von allgemeinem Interesse, allgemeinem Glück, allgemeiner Bildung lag in verschwimmenden Umrissen im Hintergrund seiner Seele – und was er als Peregrin Gorm gehofft hatte, in seinem Lebenskreise zu bewirken, das hoffte er jetzt in Amerika von Andern in einer Weise bewirkt oder wenigstens angestrebt zu finden, die mit seiner innern Richtung übereinstimmte. War es ihm gelungen, so viel zu erwerben, wie zu einer unabhängigen Existenz gehörte, und hatten sich während der Zeit seine Sympathien befestigt, so hinderte ihn nichts, ein Bürger der Vereinigten Staaten zu werden. Diese Gedanken beschäftigten ihn lebhaft auf der Reise und versetzten ihn in große Spannung. Seine Virtuosenexistenz betrachtete er nur noch so, wie andere junge Leute die sogenannte Brodwissenschaft, welche sie für ihr Fortkommen studiren müssen. Daß die Kunst in dieser Form nicht veredelnd auf die Menschen wirke – daß die Welt sie betrachte als einen Genuß für das Ohr, welcher mit den Genüssen für Auge und Zunge, mit Allem, was Schaulust und was materielle Freude betrifft, abwechseln müsse: davon hatte er sich zur Genüge bei seiner ersten Kunstreise überzeugt.

In New-York ging es der Familie, insofern es die Concerte und den Beifall betraf, sehr gut. Torrigi selbst mußte gestehen, daß er noch bessere Geschäfte mache als in Großbritannien; und alles Uebrige war ihm gänzlich gleichgültig. Nicht so Mariano. Er suchte hinter diesem gewaltigen Treiben der Thätigkeit nach jenen Ideen, welche, wie er meinte, von der höheren Stufe intellectuellen Lebens, auf die er die neue Welt gestellt hatte, untrennbar wären. Er fand sie nicht. Seine Stellung brachte ihn in Berührung mit den verschiedensten Personen, die sich alle von ihrer liebenswürdigsten Seite zu zeigen suchten, weil er eben eine Berühmtheit war und man ihm zeigen wollte, wie hoch Amerika eine solche schätze und wie es kein Geld spare, um dem Genie zu huldigen. Er lernte auch außerhalb seiner Kunstsphäre verdienstvolle, kluge Männer kennen; allein es war nicht das, was er im Herzen trug – es war kein Leben für uneigennützige Ideen.

»Daß ich hier weniger Bücherweisheit treffen würde, als in Europa – darauf war ich vorbereitet,« sagte Mariano zu einigen jungen Männern, mit denen er öfter zusammen kam. »Deshalb meinte ich aber, die ganze innere Entwickelung müsse kräftiger – und weil kräftiger, auch höher sein.«

»Haben Sie denn aber nicht den Eindruck, als ob im Vergleich zu Amerika die Menschen in Europa schliefen?« fragte ein eingeborener Sohn New-Yorks. »Ich war in Europa, in London und Paris, in Belgien und am Rhein – also gerade auf den Punkten, die man dort als Sammelplätze großer Thätigkeit, lebhaften Verkehrs betrachtet. Es kam trotzdem mir vor, als brauchten die Europäer vierundzwanzig Stunden, wo der Amerikaner eine Stunde gebraucht . . . so langsam, schleppend, spärlich und schläfrig geht Alles vor sich. Ich kam gar nicht aus der Ungeduld heraus. Man verliert so entsetzlich viel Zeit in dem Europa!«

»Aber worauf verwendet man die Zeit in Amerika, die man in Europa verliert!« rief Mariano; »doch immer nur auf Geschäfte – und das Geschäft aller Geschäfte ist – reich werden. Wie eine Hetzjagd, wie eine Steeple-chase wird es betrieben! Ob man dabei Arm und Bein bricht, den Nachbar überrennt, von ihm überrannt wird, Leib und Leben dabei wagt . . . gleichviel! die rasende Hetze wird fortgesetzt! und wofür? Um Geld zu gewinnen!«

»Wie wollen Sie dann aber großartige Unternehmungen, Bauten, Anstalten, in's Leben rufen ohne Geld? – und gibt es in dieser Beziehung großartigere Leistungen, als bei uns?«

»Zugegeben! aber die Goldsucht steht in erster Reihe, thut sich überall hervor, und mit solcher Vehemenz, daß es unmöglich zu glauben ist, eine gemeinnützige Absicht liege ihr zum Grunde. Das kann ausnahmsweise bei einem Einzelnen der Fall sein; doch die große Masse denkt daran nicht! die arbeitet für sich selbst.«

»Thut sie das etwa nicht in Europa auch?«

»Freilich! allein ich glaubte, die neue Welt sei der alten vorausgeschritten.«

»Das ist sie in Bezug auf die bürgerliche Freiheit.«

»Eine bürgerliche Freiheit, welche die Hanptthätigkeit eines ganzen Volkes dahin verwenden läßt, möglichst schnell reich zu werden, gibt diesem Volke keine große Idee von seiner Bestimmung – und dürfte am Ende nicht das Ideal der bürgerlichen Freiheit sein.«

»O mein Herr!« rief der Amerikaner, »wenn Europa längst eine Wüste sein wird, in welcher Eure Throne, Eure stehenden Heere, Eure Schreiber und Eure Krämer kleine, traurige, versandete Ruinen bilden: so wird der freie Bürger der Vereinigten Staaten – Beherrscher aller Meere und somit die gewaltigste Macht des Erdballs sein.«

»Ja, Sir! . . . wenn er nicht vorher zusammenstürzt und an den Tag bringt, daß der Geldsack kein Sockel für die dauernde Größe eines Volkes ist.«

»Das ist Ihre ganz willkürliche Annahme! Uns Amerikanern aber gibt unsere Freiheit die stolze Zuversicht auf dauernde Größe, auf wachsende Macht und auf eine Weltherrschaft, die uns Europa's Pygmäen, Afrikas wilde Horden und Asiens verzerrte, verbildete und veraltete Culturvölker nicht streitig machen werden.«

»Der Grund eines Sturzes,« sagte Mariano, »liegt häufiger in uns, als außer uns; und was von Individuen, gilt auch von Völkern und Staaten. Ihr nordamerikanischer Freistaat hat keine Vergangenheit, in der er sich langsam entwickelte, wie sollte er eine lange Zukunft haben? Früh reif, früh alt – das geht Hand in Hand.«

Solche Discussionen kamen häufig vor, denn dieser junge Herr Stronghead besuchte oft die Familie Torrigi, weil Antonia ihn anzog – nicht die Virtuosin, sondern gerade Antonia, denn sie war genau der Gegensatz zu den wohlerzogenen, gebildeten, kühlen – wenigstens im Benehmen kühlen – amerikanischen Damen, also etwas ganz Neues und Fremdartiges, das einen großen Reiz hatte. Antonia nahm alle Huldigungen mit aufrichtigem Vergnügen an und hörte sehr gern die Versicherung, daß sie wunderschön sei.

»Ich habe so lange für ein Violoncello gegolten, daß ich eine immense Freude habe, jetzt für ein junges Mädchen zu gelten . . . und einem solchen sagt man natürlich angenehme Dinge, was eine höchst wünschenswerthe Abwechselung mit den ewigen Lobeserhebungen der Kunstfertigkeit bildet. Findest Du das nicht?« – So sprach Antonia zu Marietta.

»Mich freut weder das eine noch das andere Lob,« entgegnete Marietta, »und ich bitte täglich den lieben Gott inständig, daß es ihm gefallen möge, mich von Beidem zu erlösen.«

»Früher hab' ich das auch wohl gethan,« sagte Antonia, »und wenn ich wüßte, daß ich auf eine andere Art ganz außerordentlich glücklich würde, so thäte ich es wieder. Aber ganz gewiß nicht, so lange Mariano bei uns bleibt . . . und der hat sich mit dem Vater wieder auf ein Jahr geeinigt um den vierten Theil der Einnahme, was sehr großmüthig ist. Sprich, Marietta . . . wie gefällt Dir der Herr Richard Stronghead?«

»Ich habe weder Gefallen noch Mißfallen an ihm. Er ist mir gänzlich gleichgültig.«

»Mir nur dann . . . wenn er neben Mariano steht.«

»Denke nicht an Mariano, denn er denkt nicht an Dich,« sagte Marietta ernst.

»Oho!« rief Antonia mit einer stolzen Kopfbewegung – und von Stund' an dachte sie aus einer Art von Trotz und Hochmuth erst recht an ihn und zog tausend Vergleiche, welche alle zu seinem Vortheil waren – und that das so beharrlich und so eifrig, bis sie sich in eine Art von Leidenschaft versetzt hatte, die sie hinter ihrem verwandtschaftlichen Verhältniß versteckte. Mariano dachte an nichts weniger als eine Neigung zu wecken oder zu erwidern. Er machte sich, wie er selbst sagte, zum Amerikaner hinsichtlich des Eifers für Gelderwerb. Er musicirte, er componirte, er gab sogar an zwei junge Leute deutscher Abkunft, die Talent für die Violine hatten, einigen Unterricht, den die Eltern mit Gold aufwogen. Er hatte weder Zeit noch Lust, irgend ein Bedürfniß seines Herzens zu berücksichtigen, nicht einmal zu spüren; denn in diesen ganz nach Außen gekehrten und auf Aeußerlichkeiten gerichteten Leben ging unvermeidlich eine gewisse edle Zartheit des Herzens verloren. Oftmals sprach er zu sich selbst: Heliade hat meiner Jugend eine ideale Richtung gegeben, von welcher ein Nachhall durch mein ganzes Leben ziehen wird. Aber mein Schicksal weist mich vor der Hand auf eine andere Bahn, nachdem es zwischen ihr und mir eine Kluft gerissen hat, die nicht auszufüllen und nicht zu überspringen ist. Ob ich dereinst wieder für höhere Bestrebungen leben und wirken werde . . . ich weiß es nicht! Jetzt ist's meine Aufgabe, mir eine Unabhängigkeit zu erringen, die mir später jede Laufbahn ermöglicht. – Mariano wurde angesteckt von dem Fieber des Gelddurstes, das rings um ihn grassirte – nicht in dem Grade, wie seine amerikanischen Freunde und noch weniger, wie sein geiziger Onkel damit behaftet war, doch immer genug, um in der Zartheit der Empfindungen dadurch zu leiden. Und weil das der Fall war, so gewann Antonia ganz leise und allmälig viel mehr Macht über ihn, als er je geglaubt hätte.

Ein unerwartetes Ereigniß brachte ihn zur Erkenntniß, daß er auf einem gefährlichen Pfade gehe. Die Familie hatte von New-York aus größere und kleinere Kunstreisen gemacht, war aber immer wieder nach New-York zurückgekehrt. Nachdem über ein Jahr auf diese Weise verflossen war, wollten sie nach Washington und in die Südstaaten gehen. Da trat Richard Stronghead mit seinem Heirathsantrag vor Antonia. Sie lehnte ihn ab, ohne einen Grund anzugeben. Stronghead ging nun zu Torrigi und sagte:

»Ich habe Ihrer schönen Tochter meine Hand, mein Herz und mein Vermögen zu Füßen gelegt. Da sie zugleich eine Schönheit und ein Genie ist, so hat sie das Recht capriciös zu sein, – ein Recht, welches ohnehin alle Frauen für sich in Anspruch nehmen: sie hat mich abgewiesen.«

»Was!« rief Torrigi in seiner wüthendsten Manier; – »Sie . . . abgewiesen! einen Millionär! . . . das ist unmöglich, Herr! . . . ganz unmöglich.«

»Das denke ich auch,« entgegnete Stronghead kalt. »Eine Künstlerin muß enden mit einem Millionär . . . sonst wäre ihre Laufbahn verfehlt.«

»Ganz meine Meinung . . . ganz!« jubelte Torrigi.

»Wohin eilen Sie?« fragte Stronghead, denn Torrigi wollte aus dem Zimmer stürmen.

»Dem unvernünftigen Mädchen will ich den Kopf zurechtsetzen!«

»Sie kennen zu wenig die Damen!« sagte Stronghead ungeduldig; – »das würde Ihre schöne Tochter erst recht in den Trotz hineintreiben. Nein! wir wollen ihr Zeit lassen, sich zu besinnen. Sie ist sehr jung, sie findet Vergnügen an diesen Reise, diesen Huldigungen, diesen Triumphzügen: also reisen Sie noch ein Jahr mit ihr umher; das wird sie schon abkühlen gegen ihre Künstler-Carriere, und wenn sie wieder hieher zurückkommt, besinnt sie sich und schlägt eine solche Heirath nicht aus.«

»Aber wenn Sie sich inzwischen eines andern besonnen hätten, Sir?« fragte Torrigi zweifelnd.

»Nein, das wird nicht geschehen! ich kenne alle hiesigen Damen: keine einzige gefällt mir. Sie wissen, wie rücksichtsvoll der Amerikaner das schöne Geschlecht behandelt, wie er alle Mühe, Sorge und Arbeit im Leben auf sich allein nimmt und seine Frau ungefähr wie einen Paradiesvogel existiren läßt, von dem früher die Sage ging, er habe keine Füße und könne daher die Erde nicht berühren. Bei solchen Ansichten, welche bei uns allgemein herrschen, verlange ich wenigstens die Satisfaction, daß ein so kostbarer Paradiesvogel mir außerordentlich gefalle . . . und deshalb ist meine Wahl fixirt.«

»Das klingt sehr gut . . . wenn es nur ganz sicher ist . . . und bleibt,« sagte Torrigi bedenklich.

»Es bleibt Ihnen nichts übrig, als auf diesen Vorschlag einzugehen . . . denn zwingen läßt sich Ihre Tochter nicht . . . und das macht sie liebenswürdig.«

»Nun, wenn Ihnen der Trotz zusagt, Sir . . . damit kann die Tota aufwarten!«

»Er muß seine Grenzen haben . . . und er wird sie haben, Sir! Aber ein junges Mädchen, das sich durch keine Gewalt zu einer Heirath zwingen läßt, ist mir sehr respectabel.«

»Wohlan!« sagte Torrigi, dem ein Jahr in den Südstaaten einen neuen Juwel in der Krone der Berühmtheit und einen reichen Goldstrom in seine Casse versprach; – »wohlan! jetzt die Reise und über's Jahr die Vermählung.«

Hatte Stronghead gewähnt, Torrigi werde über die Sache schweigen, so war er im größten Irrthum. Die Reise wurde freilich angetreten und gemacht, allein die Aussicht, bei der Rückkehr einen Millionär zum Schwiegersohn zu bekommen, entsprach viel zu sehr Torrigi's heißesten Wünschen und erschien ihm so ganz als Antonia's höchstes Glück, daß er kaum New-York verlassen hatte – wo er schwieg, um Stronghead nicht zu verstimmen – als er auch schon die ganze Familie mit dieser glänzenden Aussicht bekannt machte.

»Denkt nur, welch eine gute Fee an Tota's Wiege gestanden hat,« hub er an in einem Ton, der jeden Widerspruch verbieten sollte; – »Herr Richard Stronghead hat mich um ihre Hand gebeten und hofft nächstes Jahr auf seine Vermählung.«

Antonia wurde erst leichen- und dann purpurfarben und sagte:

»Da hofft er umsonst! ich sagte es ihm.«

»Darf man fragen, warum?« sagte Torrigi mit verhaltenem Zorn.

»Weil er mir nicht gefällt,« erwiderte sie kurz.

»Du aber gefällst ihm, und das ist bei einem Millionär die Hauptsache. Junge Männer gefallen übrigens, wenn sie rechtschaffen sind und ernste Absichten auf die Ehe haben, immer den jungen Mädchen, wenn nicht auf der Stelle, so doch allmälig. Wird nun gar ihre Vortrefflichkeit durch Millionen unterstützt, so wäre es eine Narrheit und des Einsperrens werth, wenn man da nicht mit beiden Händen zugriffe; – nicht wahr, Mariano? Nicht wahr, wenn eine Millionärin sich dermaßen für uns begeisterte . . . wir ließen uns willig finden, sie zu beglücken?«

»Das weiß ich doch nicht,« sagte Mariano verlegen. Obschon nie ein Wort zwischen ihm und Antonia gefallen war, das auf eine Verbindung oder nur auf den beiderseitigen Wunsch einer solchen gedeutet hätte: so fuhr ihm doch jetzt ein Blitz durch den Sinn, das sei der wahre Grund für Antonia's Weigerung. Zwischen der Furcht, sie zu verletzen, und dem Wunsch, sie umzustimmen, schwankte er und suchte nach passenden Worten. Da hub auf einmal Marietta an:

»Weißt Du auch, Vater, daß Herr Richard Stronghead ein Irrgläubiger ist?«

»Närrin!« fuhr er sie an; »hier ist Religionfreiheit! hier fragt kein Mensch den andern: was glaubst du!«

»Gewiß nicht!« rief Antonia bitter lachend; – »hier heißt es: was hast du – an Dollars!«

»Wir sind aber keine Amerikaner,« entgegnen Marietta sanft; – »und wenn Du in New-York einen Priester fragen wolltest, Vater, so würde er Dir sagen, daß die Katholiken in der ganzen Welt bei ihrer Religion und ihrer Kirche bleiben sollen.«

»Misericordia!« rief Torrigi kreideweiß vor Zorn, »wo hat diese Närrin das Predigen gelernt!«

Mariano starrte das stille Kind an. Waren das nicht Heliadens Grundsätze? Wie kam Marietta dazu? Hatten die Priester wirklich das Recht zu sagen, die Katholiken der ganzen Welt sollten bei ihrem Glauben bleiben? . . . Also hatten sie wirklich einen und denselben Glauben, mit denselben Lehren und Vorschriften auf beiden Hemisphären?

»Sie hat ganz Recht, Vater!« sagte Antonia trotzig; »ich heirathe keinen Irrgläubigen. Vielleicht ist Richard Stronghead ein Mormone und hätte ich Kinder, so müßten es Mormonen werden. Dafür dank' ich! Möchtest Du ein Großvater von Mormonen sein? . . . Gewiß nicht.«

»Von Mormonen ist nicht die Rede, Tota, mein Lämmchen,« sagte Torrigi so sanft wie möglich; »sondern von Millionen. Diese fasse in's Auge . . . und dann wird es Dir ganz klar werden, daß ein so vernünftiger, solider Mann, wie Richard Stronghead, auch irgend eine höchst vernünftige und solide Religion – und keine so aberwitzige wie die Mormonen haben werde. Die ganze Welt, mein Täubchen, kann nicht katholisch sein; das ist nun einmal so. Und weil es so ist, wird es wohl gut sein und darf uns in unsern Glückseligkeitsplänen nicht stören.«

»Immerhin! mich stören aber Deine Glückseligkeitsprojecte, denn es sind nicht die meinen!« erwiderte Antonia mit Entschiedenheit.

Torrigi wollte auffahren; Mariano rief:

»Quäle sie doch nicht, Onkel! laß ihr Zeit!«

»Wozu?« fragte Antonia; – doch ehe Mariano antworten konnte, verließ sie das Zimmer.

»Du hast Einfluß auf sie, Mariano,« sagte Torrigi; »ich beschwöre Dich, stimme sie vernünftig.«

»Onkel!« sagte Mariano plötzlich finster und hart, weil er mit sich selbst unzufrieden war: – »es ist am Besten, wenn wir uns trennen. Halte Du Deine Reise inne, kehre nach New-York zurück, thue, was Du willst – ich gehe nach Brasilien!«

»Seid Ihr denn Alle wahnsinnig geworden!« rief Torrigi, stürzte auf Mariano zu und umklammerte ihn mit beiden Armen. »Daraus wird nichts, mein Sohn! Du hast Dich noch auf ein Jahr mit mir verbunden, Du mußt bleiben! – Du nach Brasilien? ich bitte Dich, das würde meinen Ruf, mein Quartett, meine Kasse ruiniren! Wolltest Du mich in ein solches Elend stürzen?«

»Und weshalb wolltest Du jetzt gehen? bleibe, Mariano, Du kannst vielleicht einen guten Einfluß gewinnen,« sagte Marietta so ernst, so überlegen, daß er staunend das stille Kind betrachtete und schwieg.

»Recht so, Marietta! halte ihn fest! und bringt Ihr Beide die Tota zur Vernunft. Ich muß an unsere Geschäfte gehend sagte Torrigi.

Als Beide allein waren, nahm Marietta sogleich das Wort und sagte ernst:

»Du hattest Unrecht gegen Antonia. Was für Dich Scherz und Leichtsinn war, Marian, das war für sie Ernst. Ich warnte sie öfter, aber sie glaubte mir nicht. Eine eheliche Verbindung kann nie zwischen Euch stattfinden wegen Eurer allzu nahen Verwandtschaft – und werden auch zuweilen Dispensen gegeben, so würde das in diesem Fall sicher nicht gehen, weil Du nicht katholisch bist. Ueberdas hast Du gewiß nie an eine Ehe mit Antonia gedacht! Warum also mit einem Gefühl spielen, das Euch dereinst aus einander, nicht zu einander führen wird? – Es war nicht edel von Dir, Marian.«

»Aber Marietta, stilles Kind, um's Himmels willen, woher weißt Du das Alles?« fragte er staunend.

»Weil ich ein stilles Kind bin, Marian! ich höre und sehe und denke ein wenig nach – und dann« . . . –

»Nun . . . und dann?«

»Dann bete ich auch ein wenig und gehe zu den heiligen Sacramenten und halte mich so fern ich kann von all dem Treiben, das um uns vor sich geht – und so bleibe ich in meinem Frieden, bis die Stunde der Erlösung kommt.«

»Was ist das für eine Stunde, Du liebes, stilles Kind?«

»Sieh, Marian, ich bin ein armes Waisenkind und muß meinen Verwandten und Wohlthätern dankbar dienen – und thue es gern . . . Gott zu Lieb'. Aber wenn der Vater einmal findet, daß er reich genug ist, dann bitte ich ihn um seinen Segen und gehe in ein Kloster, wo ich Gott dienen kann, Gott allein – und das, Marian, wird die Stunde meiner Erlösung sein.«

Er legte die Hand über die Augen, weil ihm zu Muth war, als ob ein Paar Thränen aufquellen wollten, und er sagte:

»O Du stilles, seliges Kind, Du weißt Deinen Weg so sicher zu finden, also sage mir den meinen? Soll ich jetzt bei Euch bleiben? soll ich gehen?«

»Es würde den Vater in Verzweiflung und in die allergrößten Unannehmlichkeiten stürzen, da er mit seinem Quartett schon gewisse Verpflichtungen übernommen hat, auf welche sich Andere verlassen, die ihrerseits Vorkehrungen treffen, Concertsäle einrichten – was weiß ich! – Das Alles würde verstört, wenn Du gingest . . . . und Antonia käme vielleicht ganz außer sich. Bleibe also und sei freundlich mit ihr, um sie nicht zu erbittern. Ich hoffe, sie kommt noch zur Erkenntniß über sich selbst – nicht bloß in Bezug auf Dich, sondern auf ihr ganzes Thun und Treiben mit seiner erbärmlichen Eitelkeit. Ich weiß wohl, daß es Dir lieber wäre, jetzt nach Brasilien zu gehen, Marian, aber es ist Dir recht heilsam, durch Dein Verweilen etwas Buße zu thun« – setzte sie lächelnd hinzu.

»Buße zu thun? – – Höre, Marietta, es wäre mir recht lieb, wenn ich etwas Buße thun könnte. Aber wie fängt man das an in unserm bunten, zerstreuten, confusen, windschiefen, tumultuarischen Leben!«

»Ganz leicht, Marian! Zuerst hat man den lieben Gott lieber, als die ganze übrige Welt zusammengenommen.«

»Fange nicht mit etwas an, das über meine Kraft geht! das – kann ich nicht.«

»Niemand kann es aus sich selbst. Aber wolle es . . . . und wolle es beharrlich . . . . bitte, bete, flehe darum, und Gott schenkt diese Gnade.«

»Und weiter?«

»Dann bereust Du, daß Du Gott nicht über Alles geliebt, sondern armselige Geschöpfe, armselige Freuden ihm vorgezogen hast, – und Deine Reue ist so tief und macht Dich so demüthig, daß Du Dich im heiligen Bußsacrament Deiner Verfehlungen anklagst, den Vorsatz faßt, sie zu meiden – und dann kleine und große Leiden, Widerwärtigkeiten, Prüfungen, die nie ausbleiben . . . . dazu anwendest, um Dich in deinen guten Vorsätzen zu bestärken, Dich mehr und mehr von Deinen Fehlern zu bessern und Dich in der Geduld zu üben. Die priesterliche Absolution und die heilige Communion theilen Dir die nöthigen Gnaden dazu mit.«

»Aber Marietta, Du weißt ja . . . ich bin nicht katholisch.«

»Leider nicht, Marian! Doch Du fragtest – und da hab' ich Dir gesagt, was wir thun und was Du thun mußt.«

»Könnte ich nicht in anderer Weise Buße thun?«

»Darüber mußt Du andere Leute befragen.«

»Glaubst Du, daß ihr Rath besser wäre?«

»Das ist unmöglich, Marian! in Dingen, die das Seelenheil betreffen, kann es nur eine wahre Lehre geben; und die ist in meiner Kirche und meine Priester verkünden sie.«

»Diese Behauptung kann Jeder aufstellen.«

»Aber er kann sie nicht begründen, Marian, wenn er nicht katholisch ist.«

»Und Du willst das unternehmen?« fragte er mitleidig.

Marietta sah ihn wieder mit ihrem tiefen, ernsten Blick an und entgegnete:

»Ich spreche nicht von diesen Dingen, um mit Dir zu disputiren – noch weniger, um sie Dir geringschätzig zu machen, weil ich ein unbedeutendes Mädchen bin – sondern nur, weil ich Deine Seele liebe und sie gerettet sehen möchte. Hast Du aber kein Verlangen nach der göttlichen Wahrheit, so schweige ich.«

»Du liebst meine Seele, Marietta!« rief er freudig. »Das ist ein wunderbares Wort, ein himmlisches Wort, ein Wort, worin ich weiß nicht was für eine ideale Liebeswelt sich aufthut.«

»Aber ganz anders, wie Du es verstehst,« sagte sie ruhig. »Du bist ein recht guter Mensch, Marian, nur leider etwas confus.«

»Findest Du?« rief er überrascht.

»Ich hoffe, Du kommst noch zu Licht und Klarheit. Du bist sehr gut für den Vater und für uns Alle . . . . sehr großmüthig, Marian! vielleicht belohnt Dich der barmherzige Gott dafür mit dem Besten, was er einem Menschen geben kann . . . . mit dem katholischen Glauben! – Jetzt sei verständig in Deinem Benehmen gegen Tota. Ich gehe zu ihr. Addio.«

Ganz betäubt blickte Mariano ihr nach. Was bin ich für ein armseliger Mensch! seufzte er; dies Wesen stand neben mir . . . und ich ahnte es nicht! mein Auge war verschleiert von Staub und die Begier der Irdischkeit nach Irdischem wurde immer mächtiger. Wie, wann, wodurch rette ich mich aus diesem vergoldeten Elend? – –

Antonia war tief gekränkt, daß Mariano zum Vater in Bezug auf sie und auf Strongheads Antrag gesagt hatte: Laß ihr Zeit, sich zu besinnen. Marietta fand sie in Thränen und in Zorn und auf ihren sanften Zuspruch antwortete Antonia nur:

»Das verstehst Du nicht! Marian ist ein Ungeheuer von Lieblosigkeit . . . und weil er das ist, will ich Richard Stronghead heirathen und ihm auf der Stelle schreiben, ich hätte mich besonnen und wolle seinen Antrag annehmen. Ich schreibe nur gar zu schlecht, Marietta! Was fang' ich an? Ich will Ors' Anton den Brief dictiren. Er schreibt so schön nach seinen Vorschriften.«

»Hast Du denn vergessen, daß Stronghead nicht Katholik ist?« fragte Marietta bestürzt.

»O das war nur ein Vorwand, weil sich Marian noch nicht in seiner wahren Gestalt enthüllt hatte! Da er aber voraussetzt, dieser Marian, daß ich mich mit der Zeit entschließen könne, einen andern Mann liebenswürdiger zu finden, als ihn, so will ich ihm beweisen, daß ich dazu gar keine Zeit brauche und daß es bereits geschehen ist.«

»Durch einen solchen Leichtsinn schadest Du Dir selbst, Antonia, aber nicht Marian.«

»Ich weiß es! doch der Vater freut sich halb selig – ich werde eine sehr reiche, sehr angesehene Frau . . . . das ist Alles zu berücksichtigen! Noch ein Paar Jahre der Triumphreisen – und unser Zauber ist erschöpft. Es ist vernünftiger, den Moment nicht abzuwarten, sondern sich zuvor in's Privatleben zurückzuziehen. Du siehst, ich bin schon ganz kalt und entschlossen . . . . und gar nicht leichtsinnig. Im Gegentheil! – ich berechne.«

Marietta war tief betrübt über diesen Charakter, der sich nur von leidenschaftlichen oder launenhaften Aufregungen des Augenblicks bestimmen – oder besser gesagt, hinreißen ließ. Sie schwieg aber, denn dadurch wurde Antonia wenigstens nicht zum Widerspruch gereizt. Das ganze Quartett – Ors' Anton abgerechnet – ging von nun an innerlich auseinander, während es äußerlich durch die schönsten Harmonien eine wahre Sphärenmusik des Friedens und der Eintracht hervorrief und Tausende von begeisterten Zuhörern in eine selige Stimmung versetzte. Antonia warf sich mehr denn je allen Huldigungen, allen Zerstreuungen, allen Festen entgegen. Jeder Tand war ihr willkommen. Sie schwamm in Vergnügungen, sie badete in Schmeicheleien. Gegen Mariano war sie hochfahrend. Den Vater ließ sie in Ungewißheit über ihren Entschluß. Vielleicht stand er noch nicht fest in ihr. Marietta zog sich mehr und mehr von all dem Tumult zurück. Früher hatte Antonia stets Marietta's Gegenwart gewünscht; jetzt ließ sie ihr Freiheit, zu erscheinen oder fortzubleiben. Sie fragte wohl zuweilen:

»Langweilst Du Dich nicht, mit Ors' Anton oder mit Deinen Büchern allein zu bleiben?«

Und wenn Marietta es lächelnd verneinte, rief Antonia:

»Dann bist Du glücklicher als ich! Mich wandelt nicht selten so etwas an wie Langeweile . . . manchmal sogar auf einem Ball. Es ist ein ewiges Einerlei, und man wird dessen recht überdrüssig. Gestern fiel mir mitten im Tanz ein, daß ich zur Abwechselung arm sein und wieder Salat und Oliven zum Nachtessen haben möchte . . . . wie früher in Genua . . . . weißt Du noch? Damals gefiel mir das freilich gar nicht, doch besonders deshalb nicht, weil wir so sklavisch »arbeiten« mußten. Im Ganzen genommen ist man in einem schlichten, einfachen Leben doch wohl am glücklichsten.«

»Gewiß!« sagte Marietta aus vollem Herzen.

»Und deshalb bin ich auch noch gar nicht der Sache mit Richard Stronghead sicher! . . . . Ich ginge so gern nach Genua zurück! Aber was finge ich dort an? – Was würdest Du dort anfangen?«

»Ich würde Gott bitten, es mir einzugeben,« widerte Marietta, die ihr Geheimnis nicht vor Antonia offenbaren wollte.

»Ja, Du bist ganz anders als ich . . . vielleicht glücklicher, gewiß besser,« sagte Antonia seufzend.

»Wir Alle sollen uns bemühen, immer besser zu werden« – versetzte Marietta sanft.

»Ich will es auch versuchen . . . . so wie ich aus diesem Leben heraus bin. Aber in demselben ist es mir unmöglich! ich werde ja förmlich in Eitelkeit begraben, und da ich von Natur eitel bin, kann ich mich nicht dagegen verteidigen.«

Aus jedem Wort Antonia's sprach eine tiefe Unzufriedenheit, wie sie aus einem so ganz ungeordneten, verfehlten, der Bestimmung eines jungen Mädchens widersprechendem Leben hervorgehen mußte. Für Marietta stand es anders; sie hatte ihren Beruf klar vor Augen und in der Seele. Wie es Künstler gibt, die sich in der Kindheit und Jugend durch die allermühseligsten Verhältnisse nicht davon abbringen lassen, Bildhauer oder Maler zu werden, weil ein innerer Trieb, der im Einklang mit ihren Fähigkeiten ist, sie dazu drängt, ihrem Beruf zu folgen: so war es auch mit Marietta. Nur war ihr Beruf – ein Gnadenruf, während jener eine eigentümlich schöne Gabe der Natur ist. Nicht in die äußere Welt hinein sollte Marietta eine Psyche meißeln oder malen, sondern in sich selbst ihre Seele zur schönsten Vollkommenheit, zu allen stillen, unscheinbaren, demüthigen Tugenden der Jungfräulichkeit, zu einer christlichen Psyche voll Glauben, Hoffnung und Liebe – ausarbeiten. Darum stand sie friedlich neben der stürmisch unzufriedenen Antonia und neben Mariano, der mehr und mehr in sich gekehrt war und von dem kein Mensch ahnen konnte, was eigentlich in ihm vorgehe.

»Wo ist Dein Animo, Marian, Dein Animo?« fragte Torrigi. »Bei der Amata bist Du immer der Alte, immer voll Feuer und Leben . . . aber nur da! Diskussionen, Rhapsodien sind verstummt, Du läßt die Leute reden, was sie wollen, disputirst über nichts und bist gleichgültig gegen den Sturm von Enthusiasmus, den Du heraufrufst. Was fehlt Dir, mein Sohn? bist du verliebt?«

»Mariano verliebt!« rief Antonia hell auslachend; – »hat er denn ein Herz, Vater?« – Und während sie so spöttisch sprach, wollte ihre Eitelkeit ihr zu flüstern, es sei nicht unmöglich, daß Mariano bedauere, ihr Herz von sich gewiesen zu haben. Er antworte ruhig:

»Du hast Recht, Antonia, mein Herz ist nicht auf's Verlieben eingerichtet! – und bin ich ernster als früher, so bringt das die Zeit mit sich. Ich werde älter – und unser Leben ist ein solches, bei dem man früh alt wird, weil man sehr bald dessen Nichtigkeit einsieht und es doch fortsetzt, aber ernüchtert.«

»Ernüchtert? Mein Sohn, fordere nicht Gottes Strafgerichte heraus, indem Du erklärst, Du wärest einer Laufbahn satt, die solche pecuniäre Vortheile mit sich bringt. Der Bravorufe, des Händeklatschens und all des Mordspektakels darfst Du gern satt werden. Das ziemt sich sogar für einen verständigen Mann. Aber Geld, Geld, Marian – das gehört in eine ganz andere Kathegorie!«

»Onkel!« sagte Mariano entschlossen, »wir kehren jetzt bald nach New-York zurück. Dann werden wir drei Jahr zusammen gewesen sein und ich schlage Dir vor, daß sich unsere Gesellschaft dann auflöse. Du hast ein gutes Geschäft gemacht, ich – kein schlechtes, Antonia vermählt sich, damit fällt ohnehin der schönste Ring aus unserer Kette; denn mit drei Violinen ist nichts zu machen. Ich gehe wieder nach Europa.«

»Gut!« sagte Torrigi schnell gefaßt; – »mit drei Violinen ist allerdings nichts zu machen. Desto mehr mit zweien! Ors' Anton hat sich in diesen drei Jahren zu einem Virtuosen ersten Ranges emporgearbeitet: ich gehe mit ihm und Marietta nach Mexico.«

Marietta erblaßte. Antonia erröthete und fragte:

»Wer sagt Euch, daß ich Richard Stronghead heirathen werde?«

»Die gesunde Vernunft, Tota, mein Täubchen!« erwiderte Torrigi.

»Wer gibt Euch das Recht, über mich hinweg, wie über eine Leiche, Eure Pläne zu machen?« fragte sie. »Und wenn ich nun auch nach Mexico gehen will?«

»So kann das meinen Entschluß nicht ändern,« entgegnete Mariano; »denn ich ertrage nicht länger dies Zigeunerleben der Civilisation. Ihr bildet dann ein vortreffliches Terzett« . . . . –

»Wird aber Richard Stronghead so lange Geduld haben, bis wir aus Mexico zurückkehren?« warf Torrigi ein.

»Wenn ich mich aber noch nicht . . . . oder überhaupt nicht in dem New-York einsperren lassen will, das so langweilig wie das Einmaleins ist,« rief sie, »was wollt Ihr machen . . . . Ihr Alle? Der Gedanke, nach Mexico zu gehen, gefällt mir, weil das eine abenteuerliche Reise geben wird. Ich gebe mit, Vater!« Torrigi schlug mit verzweiflungsvoller Geberde die Hände über dem Kopf zusammen. Antonia rief heftig:

»Ich bin kaum achtzehn Jahre alt! warum soll ich schon heirathen? Liebt mich Richard Stronghead  . . . . so warte er.«

»Wer hat je einen Millionär in solchem Fall warten lassen, meine Taube?«

»So werde ich die Erste sein, die sich zu dieser Originalität erschwingt, Vater! Richard Stronghead warte . . . . bis ich ihn liebe.«

»Das ist billig, Tota, ganz billig! . . . ja, ja! . . . bis Du ihn liebst. Aber sprich! könntest Du nicht dazu einen Termin festsetzen, mein Täubchen? z. B. in drei Monaten – oder in drei Wochen – he?«

»Richtig! das ist ein guter Einfall, Vater! . . . . Ich setze den Termin . . . auf St. Nimmerstag.«

Antonia lachte, während sie so sprach, aber in ihren Augen standen schwere Thränen. Marietta hatte inniges Mitleid mit ihr und da sie in der Verbindung mit dem Millionär kein Glück sehen konnte, sagte sie.

»Vater, könnten wir uns nicht lieber hier einschiffen und direct nach Vera-Cruz reisen, ohne vorher die Rückreise nach New-York zu machen?«

Sie waren zu Richmond in Virginien. Aber Torrigi, der nur gegen Antonia gezwungen freundlich war, weil er sie fürchtete, antwortete barsch:

»Alberner Vorschlag! ich habe die wichtigsten Geschäfte in New-York! . . . und ich hoffe, Antonia kommt dort zur Vernunft. Das Weitere findet sich. Vielleicht besinnt sich auch Marian dort anders.«

»Nein, Onkel! das thut er nicht!« versetzte Mariano. »Wir gehen also, wenn wir mit Virginien fertig sind, noch einmal nach Baltimore, um uns dort wieder bewundern zu lassen – und dann nach New-York. Meines Bleibens wird da nicht lange sein. Mit dem ersten Dampfschiff denke ich nach England zurückzugehen – und Euch in Europa zu erwarten.«

Mariano's Entschluß stand fest. Was ist aus meinen Idealen geworden? sprach er traurig und niedergeschlagen in mancher stillen Stunde zu sich selbst; – wo ist das Gute, das ich gethan – das Schöne, das ich gewirkt – die ideale Richtung, die ich Andern gegeben – das Edle und Große, das Menschenbeglückende, das wir mit einander geleistet hätten! Ach! so wie ich die große Arena des Lebens betrat, sind meine Ideale mir zerronnen, als hätten sie weder Kern noch Wahrheit, weil ich selbst immer tiefer in die Region des Staubes gerieth. In früheren Jahren trugen mich Verhältnisse und Erziehung. Dann, als die Verhältnisse aufhörten, die Erziehung und mein Wille, auf guten Wegen zu bleiben. Aber der Einfluß der Umgebung und das Gewicht der großen Menge, die den Ocean des Alltaglebens bildet, und die eigenen Leidenschaften und Schwächen sind so gewaltig, daß man von seinem geraden Pfade fortgedrängt wird, ohne es recht zu bemerken, wenn man nicht einen Compaß und einen Polarstern hat, die objectiv sind und eine feste Grundlage den Verhältnissen, eine feste Richtung der Erziehung geben – dem Willen aber Ideale vorhalte, die nicht im Zusammenstoß mit der Alltagswelt wie Seifenblasen zerfließen. Ich habe während dieser drei Jahre gelebt, wie eben die Menschen leben, die ihren Polarstern vor sich und nicht über sich haben. Bin ich nicht so brutal und leichtsinnig gewesen wie Andere, so ist das keine Entschuldigung, denn theils hat meine Natur vielleicht minder niedrige Anlagen – und theils war ich erst am Anfang meiner Laufbahn. Wer weiß, wohin ich in zehn Jahren gerathen würde! Ich muß dies Treiben der Eitelkeit aufgeben. Ich habe nicht Marietta's stille Seelengröße, um mich unberührt davon zu halten. – ich will es meiden. Aber was dann? . . . und was weiter? – –

In New-York wurden sie sämmtlich von ihren Verehrern und Bewunderern frohlockend wie alte Bekannte empfangen. Antonia's Bewerber und Mariano's Schüler fanden sich ebenfalls ein. Das Leben ging fort in seiner rauschenden Strömung, als ob es kein Ende habe. Die Concerte begannen wieder und Mariano ließ sich von Torrigi erbitten, so lange bei ihm zu bleiben, bis sich Antonia's Schicksal und die Reise nach Mexico entschieden habe. Richard Stronghead erschien mit der vollen Zuversicht eines Mannes, der Millionär ist und doch die Geduld hatte, ein Jahr auf das Jawort zu warten. Allein Antonia sagte sehr entschieden Nein. Er begriff das gar nicht.

»Ihre Existenz ist für immer auf's Glänzendste gesichert, sogar im Fall meines Todes,« sagte er.

»Die Ehe ist für mich keine Sache der Geldspeculation,« erwiderte sie.

»Wir Amerikaner tragen unsere Frauen auf den Händen, Donna Antonia.«

»Ich gehe und stehe lieber auf meinen Füßen, Sir.«

»Ich weiß, Sie lieben Luxus und Pracht« . . . –

»Nicht genug, um mich dadurch erkaufen zu lassen!« unterbrach sie ihn lebhaft.

Diese Gleichgültigkeit gegen Millionen erschien ihm dermaßen merkwürdig, daß er sagte:

»Vielleicht hat sich Ihre Gesinnung geändert, wenn Sie die Reise nach Mexico, welche Sie jetzt sehr beschäftigt, abgemacht haben.«

»In Augenblicken von Ueberdruß . . .eines musikalischen Vagabundenthums wandelt mich oft eine Sinnesänderung an. Aber was würde es Ihnen helfen, wenn ich in einem solchen Augenblick Ihre Frau – und im nächsten steinunglücklich würde? Nein, Sir, es geht nun einmal nicht.«

Dabei blieb sie. Die Bitten, die Drohungen, die Verzweiflung ihres Vaters erschütterten sie durchaus nicht. Höchst gelassen sagte sie:

»Ich werde mich verheirathen, wenn es mich glücklich macht. Sonst aber nicht.«

Die Reise nach Mexico wurde festgesetzt.

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.