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Ida von Hahn-Hahn: Peregrin - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrin
authorIda Gräfin Hahn-Hahn
year1864
publisherVerlag von Franz Kirchheim
addressMainz
titlePeregrin
created20020701
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Jenseits des Meeres.

In dem Salon eines eleganten Boarding-Hauses in New-York befand sich eine sehr muntere Gesellschaft – woraus man schließen darf, daß sie nicht allein aus amerikanischen Elementen zusammengesetzt war. Der Mittelpunkt derselben war eine schöne junge Dame, die sich nicht im mindesten verlegen fühlte, die einzige ihres Geschlechts zwischen einem Dutzend Männern zu sein. Sie war ungemein elegant gekleidet, das rosenfarbene Atlaskleid mit prächtigen Spitzen besetzt, das rabenschwarze Haar mit kostbaren Nadeln aufgesteckt, die Menge der Armbänder hemmend für die Bewegung der Hände, die zwar etwas groß, aber sehr wohlgebildet waren. Die ganze Erscheinung war nicht die einer Dame, war nicht, was der Engländer – unübersetzbar – »ladylike« nennt; sondern war die eines Wesens, welches nur insoweit, als es den Luxus und die Eitelkeiten betrifft, in die Sphäre der Dame gerathen war. Sie lag mit der vollen Nachlässigkeit der Amerikanerinnen auf einer Chaise longue, spielte abwechselnd mit einem wunderschönen chinesischen Fächer und mit einem immensen Strauß der allerseltensten Blumen und rief plötzlich so laut und kräftig, daß es alle Männerstimmen übertönte:

»Was sind das für langweilige Gespräche: X. ist mit dem Dampfboot Plutus in die Luft geflogen! – Y. hat auf der Eisenbahn den Hals gebrochen! – Z. hat – ich weiß nicht was für ein Glück oder Unglück gehabt! denn hier in dem Amerika sehen sich Glück und Unglück ähnlich wie Zwillingsbrüder.«

»Welche Verleumdung, Donna Antonia!« sagte einer der Herren; – »Glück ist Reichthum, Unglück ist Armuth. Sind das Zwillinge?«

»Reichthum besitzen, genießen . . . im Golde wühlen und schwelgen . . . mit vollen Händen es wegwerfen, ja, das ist Glück, d. h. eine Sorte Glück! – und eine gute Sorte!« rief Antonia Torrigi. »Aber diese fürchterliche amerikanische Arbeit, um reich und überreich werden zu wollen, um im Alter, bei funfzig, sechszig Jahren, wo aller Lebensgenuß erstorben ist, den Reichthum zu genießen – das ist eine miserable Sorte von Glück.«

»Es besitzen nicht alle Sterbliche Donna Antonia's Zauberstab! sie winkt . . . und das Gold liegt ihr zu Füßen. Unsereiner muß arbeiten, rastlos, unermüdlich gespannt, ausdauernd, bis wir uns den Reichthum in einem Kampf auf Leben und Tod errungen haben.«

»Ja, das ist eben das Langweilige hier zu Lande, daß überall der Blick auf die Reichthumsjagd fällt.«

»Aber, meine schöne Donna Antonia, weshalb sind denn Sie hier?« fragte der junge Mann halb beleidigt, halb ironisch.

»Weil mein Vater mich hergeführt hat wie ein curios abgerichtetes wildes Thier,« versetzte sie; »und weil es zum guten Virtuosenton gehört, Kunstreisen unter ungeheurem Applaus zu machen. Allein das Gefallen, welches man daran findet, nimmt täglich ab. Man wird älter!«

»Und wie alt sind Sie denn?« fragte er lächelnd.

»Achtzehn Jahr – und das ist den Jahren nach jung genug. Aber ich führe dies Leben nun schon seit meinem zehnten Jahr – und kann wohl behaupten, daß ich es herzlich satt habe.«

»Wie kann eine junge Dame so gleichgültig gegen die Bewunderung sein, die man ihr zollt?«

»Wer sagt Ihnen, daß ich dagegen gleichgültig sei?« rief Antonia; – »kann man denn gar nicht bewundert werden, ohne immerfort am Violoncello zu sitzen? . . . Und doch ist es noch das Beste, was man hier thun kann!«

Sie stand rasch von ihrer Chaise longue auf, ging zu Mariano, der am andern Ende des Salons im Gespräch war, und sagte auf italienisch:

»Laß uns Musik machen! ich sterbe vor Langweile.«

»Bist Du närrisch, Mädchen!« fuhr ihr Vater sie an. »Wenn wir anfangen, in unserm eigenen Hause gratis zu spielen – so thun wir unsern Concerten Schaden.«

»Das glaub' ich nicht!« versetzte sie gleichgültig und fügte bittend hinzu: »Komm', Marian, laß uns spielen . . . die Adelaïde.«

Mariano begnügte sich, eine schweigende Verneinung zu machen.

»Ich will aber spielen!« brach Antonia aus; – »und gerade die Adelaïde! . . . Wo ist Ors' Anton? – Er spielt sie sehr gut. Wo ist Marietta?«

Sie schellte heftig und wiederholte dem eintretenden Diener die Frage, während der Vater rief:

»Bist Du unsinnig geworden, Tota? . . . Willst Du uns ruiniren? . . . Hat man je solche Tollheit erlebt!«

»Gönnen Sie uns doch diesen Genuß und sein Sie nicht minder großmüthig wie Donna Antonia,« sagte einer der Anwesenden.

»Herr, es ist nicht mein Beruf, großmüthig zu sein!« fuhr Torrigi ihn an; – »ich habe für meine Kinder zu sorgen durch öffentliche Concerte . . . und dies tolle Mädchen ruinirt uns.«

Der Diener kam mit der Nachricht zurück, Donna Marietta lasse sich entschuldigen und der Signorino liege bereits im tiefen Schlaf. Ohne ein Wort zu verlieren rauschte Antonia in ihrem Atlaskleide aus dem Salon, und ehe man Zeit gehabt hatte, sich zu besinnen, was nun geschehen werde, kam sie zurück, mit Marietta an der Hand, und rief triumphirend ihrem Vater und Mariano zu:

»So! jetzt spielen wir die Adelaïde!« Die fremden Herren applaudirten, die beiden Torrigi schwiegen, die Instrumente wurden geholt, gestimmt und die Musik begann. Es war eine Phantasie über die Adelaïde, die Mariano für Violine und Cello componirt hatte; – aber so glücklich, daß Beethovens zauberschöne Melodien nicht darin verloren gingen. Bei ihrem Instrument bekam Antonia einen edleren Ausdruck. Sie sah ernst und sinnend, beinahe tragisch aus, als ob der Genius, der in ihr war, sich nun Platz mache über dem Chaos ihrer wilden, ungeordneten Natur. Die zarte, schüchterne Marietta mit den schwermüthigen Augen sah neben Antonia aus wie ein kleiner, blasser Mond neben der strahlenden Sonne; aber gerade dieser scharfe Contrast war für beide Mädchen vortheilhaft, hob bei einer Jeden die Eigentümlichkeit hervor. Nur Eines hatten sie gemeinschaftlich; – und das war ein Zug von Traurigkeit, der ihnen selbst unbewußt einer stummen Klage glich, welche ihre Seelen gegen ihr Schicksal erhoben.

Mitten im Spiel, als die Zuhörer athemlos vor Entzücken dieser Sphärenmusik lauschten, schlug Antonia die Augen auf. Als sie anfing zu spielen, hatte Mariano ihr gegenüber gestanden. Jetzt war er nicht da. Ihr Blick überflog den Salon; – er war nicht da. Da warf sie den Bogen fort, sprang auf und eilte unter strömenden Thränen aus dem Zimmer.

»Was fehlt ihr! warum weint sie!« riefen Alle erschreckt durch das unerwartete Intermezzo.

»Sie ist sehr nervös,« sagte Marietta und folgte ihr.

»Da sehen Sie, meine Herren, was ich für ein unglücklicher Vater bin!« wehklagte Torrigi. »Diese Antonia ist der größte Querkopf unter der Sonne – und jetzt wird sie noch gar nervös und statt sich zu schonen, spielt sie da, wo sie es durchaus nicht nöthig hat. Wenn sie mir nur nicht stirbt!«

»Sterben? . . . das schöne, prächtigschöne Mädchen! . . . In voller Kraft und Jugendblüthe stirbt man nicht so leicht!« rief man dem betrübten, egoistischen Vater zu.

»Es wäre auch allzu traurig, denn wir sollen jetzt nach Mexico gehen. Was finge ich an ohne Antonia!« –

So lebte die Familie Torrigi seit zwei Jahren in den Vereinigten Staaten, welche sie von Osten nach Westen und von Norden nach Süden durchkreuzt, und wo sie überall goldene Beute gemacht hatte. Auch an Bewunderern fehlte es ihr nicht. Die Einen bewunderten die Kunst, Andere die Künstler, Andere die Personen selbst – und noch Andere machten die allgemeine Bewunderung mit, als sei sie eine eben grassirende Grippe. Tiefer musikalischer Sinn, zartes Verständniß der Musik – und besonders dieser Musik, die sich in der hohen Sphäre des Quartetts bewegt – kam ihnen unendlich selten entgegen. Und hätte dies Quartett nicht durch seine ungewöhnliche Zusammensetzung ungewöhnliche Theilnahme geweckt, so wäre das Furore der Begeisterung, das von England herüber schallte, doch vielleicht etwas gedämpft jenseits des Oceans fortgesetzt worden. Aber jede einzelne Persönlichkeit, Marietta vielleicht ausgenommen, war dazu gemacht, sogar Amerikaner hinzureißen. Antonia hatte sich zu einer imposanten Schönheit entfaltet. Fehlte es ihren Zügen an Feinheit, so fehlte es ihr nicht an einem lebhaften Mienenspiel und einem klugen Ausdruck, der mehr auf dem Instinkt, als auf der Bildung beruhte und ihrer ganzen Erscheinung eine gewisse ursprüngliche Frische verlieh. Sie war unerzogen. Sie blieb es; – und blieb es gern. Es war dies eine kleine Rache, die sie dafür nahm, daß sie bei der Musik zu viel geschult und dressirt worden war. Uebrigens war sie auch sehr mit sich selbst zufrieden. Wie hätte sie es nicht sein sollen? Alle Welt war es ja! . . . und auf deren Beifall war sie angewiesen. Marietta's zarte, schüchterne, stille Erscheinung war in allen Punkten Antonia's Gegensatz. So wie sie ihre Violine weglegte, hatte sie nur ein Bemühen: zu verschwinden, unbeachtet zu bleiben – und es gelang ihr, denn die Welt liebt es durchaus nicht, daß man kalt bei ihren Huldigungen bleibe, und Marietta war und blieb kalt. Der kleine Orso-Antonio, der nur gerade so viel Körper hatte, um dem Genius ein Erdenkleid zu geben, trug das Charakteristische des frühreifen Kindes, die vorwiegend geistige Entwickelung, seinem ganzen Wesen aufgeprägt; – während Mariano das hinreißende, das sympathische Element in dieser Gruppe war, weil er, wenigstens in der ersten Zeit, das ganze Feuer seiner Seele seinen Kunstproductionen einhauchte, in der Hoffnung, seine Zuhörer für die Liebe zum Idealen zu gewinnen. Gerade in dieser ersten Zeit, in England, schwebte er oft in großer Furcht, von irgend einem Bekannten aus seinem früheren Leben erkannt zu werden. Es geschah aber nicht; – sei es, daß er mit Niemand zusammentraf; sei es, daß die Bekannten sicher wußten, Peregrin Gorm sei nach dem Orient gereist; – und was hatte der mit Mariano Torrigi zu thun? – –

Um einige Abwechslung in die Concerte zu bringen und durch den Ernst der Quartette nicht zu ermüden, ließen sich Antonia, Mariano und Ors' Anton auch allein auf ihren Instrumenten oder in Duos hören – und da bei solchen Musikstücken die Originalität mehr hervortreten kann, als im Quartett, so bot das der Bewunderung neuen Stoff.

Nach Außen hin war Alles vergoldet. Aber nach Innen? – – –

Mariano hatte sich mit ganzer Energie in sein neues Leben, in seinen Künstlerberuf versetzt. Die Kunst sollte ihm das Mittel werden, veredelnd auf die Menschen zu wirken – so hoffte er. In dieser Sphäre einer ganz idealen Schönheit wähnte er die Seelen festzuhalten und gegen allzu materielle Bestrebungen wenigstens etwas gleichgültiger stimmen zu können. Es war ihm nicht möglich zu leben ohne ein Streben, das über sein Ich hinausging und ohne die Annahme, daß es auch in Andern rege sei. Fand man sich zu Gleichgesinnten, oder entwickelte man sich an und durch einander: so war ja ein Kern gefunden, der nach den verschiedensten Seiten hin bildend, wohlthuend, sittigend auf die Zeit wirken mußte. Leider brachte er nicht in Anschlag, daß dieser Kern gleichsam in der Luft schwebe, wenn er nicht die Basis fester Prinzipien für die Richtung und das Ziel der Bildung habe. Durch das Schöne das Gute zu fördern ist ein sehr löbliches, aber sehr dehnbares Programm, sobald die ganze Welt in dies Bündniß aufgenommen werden soll und jeder Einzelne Dasjenige das Gute nennt, was ihm homogen ist, oder was seiner Anschauungsweise gut erscheint.

Zuerst fand Mariano eine wirkliche Befriedigung darin, seinem Onkel von großem Nutzen und für dessen Kinder eine Art von Beschützer zu sein. Weil der Vater ohne Mariano nicht fertig werden konnte, so hatte er große Rücksichten für denselben – und nicht leicht schlug er dessen Bitte oder Vorstellung ab; und weil Mariano nichts für sich begehrte, so benutzten das die Kinder und er mußte ihre Wünsche aussprechen und deren Erfüllung bei dem Vater durchsetzen. Sie betrachteten ihn als ihren Schutzpatron und ihr Leben nahm eine viel freundlichere Färbung und einen leichteren Gang an. In der Atmosphäre der Kunst erwachte aber auch Mariano's Künstlernatur mit ihren Licht- und Schattenseiten. Die Glut der Empfindung – wenn ihr Feuer nicht vom Himmel stammt, und der Schwung des Gefühls, – wenn dessen Flügelpaar nicht zum Himmel trägt: ach, sie sind gefährliche Gaben – und sie sind die Grundirung der Künstler-Natur. Ohne diese vibrirende, electrische Begeisterung für das Ideal des Schönen ist sie gar nicht denkbar. Reflexion, Studium, technische Fertigkeit muß sie in sich hineinschmelzen, mit aller Kraft und aller Selbstüberwindung; aber ohne jene Naphthaflamme, die aus den irdischen Wesenselementen hervorbricht, sind jene drei dienenden Geister ohne Seele und, was die Kunstleistung, die schaffende Phantasie anbetrifft, auch ohne Macht.

Aber in jeder Macht liegt eine Gefahr für Den, der sie besitzt und übt: sie gibt und steigert das Selbstbewußtsein, sie gibt und steigert die Herrschsucht – und in Folge davon macht sie den Mächtigen stolz und egoistisch. Es gibt Ausnahmen, ja! aber nur da, wo die Seele, der irgend eine Macht zu Gebot steht, sie dem Dienst und der Ehre Gottes unterwirft. – Als Mariano noch Peregrin war, waren seine Eltern das maßgebende Ideal gewesen, dem er sich gleichförmig zu machen strebte. Er wollte ein vollkommener Gorm sein und nichts thun, nichts unterlassen, wodurch diese Vollkommenheit getrübt worden wäre. Dieser natürlich edle Sinn wurde von den Verhältnissen begünstigt, indem er, als der ältere Sohn, die Hoffnungen seiner Eltern zuerst zu erfüllen, dem jüngeren Bruder ein gutes Beispiel zu geben und inmitten seines Kreises eine Hauptstimme zu führen hatte. Aber das hatte aufgehört! – Als Peregrin Mariano wurde, stand er für sich allein auf dem platten und glatten Boden des Lebens und der Kreis der Liebe, der ihn bis dahin hebend, kräftigend, schützend umgeben und ihm tausend Versuchungen fern gehalten, tausend Kämpfe erleichtert hatte – war zerstoben. Er war allein mit sich selbst. Weil er eine gute, edle Natur hatte, war er durchaus nicht ungläubig; aber auch sein Glaube hing mit seinen früheren Verhältnissen zusammen: er hatte den Glauben des Gorm'schen Hauses – er verabscheute den Atheismus. Er war nie ein Jünger der Hegel'schen Philosophie gewesen, welche damals in ihrer vollen tauben Blüthe stand; aber Schelling's Philosophie war nicht ohne Einfluß auf ihn geblieben. Die pantheistische Weltanschauung hat etwas Blendendes und Verlockendes für solche Seelen, die sich in der Wüste des Rationalismus und im Schlamm des Materialismus nicht heimisch fühlen und denen der Glaube an die christliche Offenbarung, als an die absolute Wahrheit, traurig fehlt. Einem positiven Dogma und Bekenntniß stand Mariano fern. Aber er hatte vortreffliche Grundsätze über Tugend und Ehre und eine großmüthige, wohlwollende Natur.

Im Anfang seiner neuen Laufbahn kam es ihm vor, als stecke er in dem Mariano Torrigi wie in einem Maskenkleide – und das erleichterte ihm sein Auftreten vor dem Publikum umsomehr, als die Verzichtleistung auf pecuniären Vortheil zu Gunsten seines Onkels ihn in dieser kleinen Selbsttäuschung bestärkte. Ueberdas gab er immer dort, wo sich die Familie länger aufhielt, er allein – ein Concert, und zwar stets zum Besten der Armen, der Wohlthätigkeitsanstalten; auf diese Weise förderte er, wenigstens indirect, das Gute. Seine Uneigennützigkeit erwarb ihm Bewunderung auf einem andern Gebiet. In England, wo sich das schöne Geschlecht durch tausend Formen von Geldsammlungen eifrig an Werken der Wohlthätigkeit betheiligt, war ein Concert von Mariano Torrigi zum Besten ihrer armen Schützlinge ein Ziel, um welches Wettkämpfe stattfanden, indem ihn die Damen mit liebenswürdigen Billets bestürmten, um ihn zu bewegen, gerade für jene Anstalt großmüthig zu sein, für welche eine Jede von ihnen sich interessirte. Anfangs hatte der alte Torrigi mit stiller Verzweiflung Mariano's tolle Verschwendung verwünscht. Doch bald sah er ein, daß er nicht dabei zu kurz komme, da Mariano sein Violinconcert immer nur am Schluß eines Aufenthaltes gab, ja, daß Manche die Quartetts eifrig besuchten, um desto gewisser zu sein, daß Mariano sie mit einem Wohlthätigkeitsconcert belohnen werde.

In diesem Leben der ungeheuern Aufregung, – immer einem entzückensberauschten Publikum gegenüber, immer in gespanntester Aufmerksamkeit auf die möglichst vollkommene Leistung, immer in Verkehr mit Musikern, mit Musikfreunden, Musikkennern, Musikenthusiasten – konnte es nicht fehlen, daß Mariano von der berauschenden Atmosphäre, in der er sich bewegte, allmälig ergriffen wurde. Es war nicht mehr jene reine Freude an der Musik und an ihrer vollkommenen Ausführung, die Peregrin gehabt hatte, wenn er im Gorm'schen Hause entweder allein oder mit auserlesenen Künstlern oder Dilettanten die Werke der großen Meister der Musik ausführte. Wohl wurde ihm auch dort Beifall und Bewunderung zu Theil; aber sie äußern sich ganz anders gegen den Dilettanten, als gegen den Künstler von Profession, den Virtuosen, der – wenn er auch dem Publikum einen hohen musikalischen Genuß bereiten, so doch ebenfalls Effect machen will. Der Zuhörer fühlt, daß bei einem ausgezeichneten Dilettanten – und gerade je ausgezeichneter er ist! – die Persönlichkeit hinter der Kunst zurücktritt, und daß dadurch nicht die Bewunderung, aber der Ausdruck dafür, in Schranken zu halten ist, welche dem Virtuosen gegenüber wegfallen, weil er nicht selten durch seine Persönlichkeit seine Kunst frappanter und effectvoller macht. Nahm Peregrin seine Violine, so war sie eben wirklich die Amata, der er seine Seele anvertraute und sie süß harmonisch von ihr zurückempfing; – und ob hundert Augen auf ihm ruhten oder kein einziges . . . er bemerkte es nicht, er wußte es kaum, so gleichgültig war es ihm! – Trat aber Mariano mit seiner Violine vor das Publikum – nicht gerade in den ersten Wochen, aber so wie er sich an seinen Virtuosenberuf gewöhnt hatte – blickte er auf diese fieberhafte Spannung, auf diese unruhige Erwartung, auf diese Symptome einer Exaltation, welche die krankhafte Richtung des Geschmacks in unsern gebildeten Tagen bezeichnet: so fragte er sich unwillkürlich: Kann ich diese Erwartung unerhörter Dinge befriedigen? übertreffen? – Und das mußte ihm gelingen, denn er bedurfte den Beifall. Sobald aber der Applaus – Bedürfniß ist, geht die reine, unbefangene Freude an der Kunstausübung verloren. Zuweilen fühlte Mariano das mit Schmerz, und wenn dann sein Auge diese Mosaik von Menschenköpfen überflog, sprach er zu sich selbst: Die wünschen nun Alle, von meiner Amata verdreht zu werden! Gut . . . das soll geschehen! – Und dann überließ er sich seiner musikalischen Laune, und seine Capriccios, seine Improvisationen, seine Phantasien thaten das, was er sich vorgenommen hatte und weckten einen Beifall, der ihrer Excentricität entsprach. Zuweilen freute und zuweilen ärgerte ihn das. Ist dies die Kunst mit ihrem erhabenen Ziel, die Seelen zu veredeln? fragte er sich selbst; – ist dies das Schöne, welches das Gute hervorlocken und pflegen soll? Kann man diesen Rausch noch Begeisterung nennen? Ist es nicht vielmehr schauspielerische Uebertreibung und – ich weiß nicht was für ein Anflug von bachantischer Raserei? – Dann nahm er sich vor, dieser excentrischen Laune nicht mehr alle Zügel schießen zu lassen, sondern die Musik wie einen Cultus zu üben. Doch bald gab es wieder Veranlassung, den Vorsatz aufzuheben, da die große Masse des Publikums gerade für seine möglichst capriziösen Phantasien schwärmte.

Bei dem Allen hörte und sah er viel, und nicht besinnungslos ließ er sich vom breiten Strom der Welt treiben. Heliadens idealisches Bild stand noch in seiner Seele; da es aber mit keiner Hoffnung verbunden war, so stand es, wie die Götterbilder in den altegyptischen Tempeln, in der allerinnersten, dunkeln Zelle. Sie war ihm verloren, aber nicht vergessen und unter ihrer Inspiration componirte er die Phantasie über Heliadens Lieblingslied, über Beethovens Adelaïde, die zugleich Heliadens und Beethovens würdig war und die er mit Antonia auf's Sorgfältigste einübte und nicht in jedem Concert hören ließ. An seine Zukunft dachte Mariano gar nicht. Der ungeheure Wechsel seines Schicksals hatte ihn mißtrauisch gegen alle Zukunftspläne gemacht. Während eines Jahres wollte er seinem Onkel redlich dienen.

»Für Lia oder Rahel?« fragte Torrigi einmal.

»Für keine von Beiden!« rief Mariano. »Der Künstler darf sich mit den Fesseln der Häuslichkeit nicht belasten.«

»Bravissimo, mein Sohn!« jubelte Torrigi; – »Du bleibst bei uns! da hast Du deine Freiheit.«

»Das ist noch nicht ausgemacht, Onkel! ich will auch meine Freiheit haben, was das Kommen und Gehen betrifft.«

»Nun ja, mein Sohn! . . . Später, das versteht sich von selbst, wird auch das kommen! – Doch vor der Hand denkst Du doch gewiß nicht daran, Dich von Deinem geplagten Onkel zu trennen. Und sieh' nur, welche außerordentliche Fortschritte die Kinder machen, seitdem sie Dich hören und mit Dir spielen. Ors' Anton ist ganz aufgelebt, ganz kräftig geworden . . . Nicht wahr, das freut Dich! Du wirst nicht so grausam sein, mir allein die Sorge für die Kinder aufzubürden, da Du doch so glücklich bist, keine zu haben.«

Torrigi hatte Recht: die Kinder machten große Fortschritte. Ihr Spiel wurde seelenvoller, eigenthümlicher, charakteristischer.

»Wenn es nicht mein Handwerk wäre, so wäre es eine Götterwonne, das Violoncello zu spielen!« sagte Antonia.

Dennoch gewöhnte sie sich jetzt sehr schnell an die Huldigungen, die ihr Handwerk, wie sie es nannte, ihr eintrug. Sie wurde auch schön in ihrer Art. Besonders Abends bei vielem Licht, im eleganten Anzug war sie mit ihrem rabenschwarzen Haar, ihrem feurigen Auge, ihrem lebhaften Mienenspiel, ihrem schönen genuesischen blaßgelben Teint, ihrer stolzen Haltung – eine glänzende Erscheinung, die den Triumph herausforderte. Sie that das mit großer Unbefangenheit und man fand diese Naivetät bei ihrer Schönheit und ihrer eminenten Kunstfertigkeit höchst liebenswürdig. Es hing zusammen mit ihrer derben Natürlichkeit, unter deren Einfluß sich auch ihr Verstand entwickelte, der ihr im Verkehr mit so vielen Menschen der verschiedensten Art und Richtung gute Dienste leistete. Für geistige Bildung hatte sie keinen Sinn und Alles, was nur entfernt an Studium erinnerte, war ihr unerträglich. Als Mariano ihr einmal rieth, ein Buch über Geographie in die Hand zu nehmen, erwiderte sie:

»Wozu soll ich eine Erdbeschreibung lesen? ich lerne die Erde hinreichend kennen, indem ich sie bereise. Das ist genug für mich. Ich habe von Kindesbeinen an so viel studiren müssen – freilich nichts Anderes als Musik! – daß ich jedes Studiums überdrüssig geworden bin.«

»Es müßte eine Abwechselung, eine Erholung für Dich sein, sollt' ich meinen . . . einmal etwas ganz Anderes zu denken, als ewig Musik!« sagte Mariano.

»O Du darfst mir glauben, daß ich meine Gedanken wahrhaftig nicht länger, als nöthig ist, bei der Musik verweilen lasse! . . . Aber dann denke ich an angenehme Dinge und nicht an Deine langweilige Geographie, Marian! . . . Die ist gut für Kinder! Ors' Anton mag sie lernen! . . . . nicht ich.«

»Und was sind denn das für angenehme Dinge, an welche Du denkst?« fragte er lächelnd.

»Hauptsächlich an die wunderschönen Toiletten der Damen und an die Complimente, welche die Herrn mir machen. Es ist wohl nur fades Geschwätz und übertriebene Schmeichelei . . . aber es klingt doch gar süß im Ohr . . . und wer weiß im Grunde, ob es übertrieben ist.«

»Nimm nur all diese süßen Worte leicht, Antonia, und vergiß nicht, daß sie genau so . . . . morgen einer Primadonna – übermorgen einer Tänzerin gesagt werden – und daß Ihr alle Drei über einer Kunstreiterin vergessen werdet.«

»Aber, Marian, welche Verläumdung! es macht mir ungeheuern Spaß, in Paris Franconi's – und hier Astley's Circus zu besuchen, aber von Pferden und Reitern bis zu unserm Quartett ist und bleibt denn doch ein himmelweiter Unterschied!« rief Antonia stolz und fast beleidigt.

»Wenn die Complimente, welche man Dir macht, nur Deinem Spiel gelten würden, so hättest Du Recht, meine arme Antonia. Gelten sie jedoch Deiner Person, so bleibe ich bei meiner Behauptung.«

»Und zuweilen denke ich, daß ich eigentlich recht unglücklich bin und gern glücklich sein möchte!« sagte Antonia plötzlich.

»Diesen Wunsch theilst Du mit allen Menschen,« rief Mariano lachend; – »glücklich will Jeder werden; das liegt in unserer Natur. Es kommt nur darauf an, was man unter Glück versteht und wie man es erlangen will.«

»Ja das weiß ich nicht,« erwiderte Antonia; »doch dies weiß ich: so wie unser Leben jetzt ist, bin ich gar nicht glücklich – und es ist doch jetzt schon viel besser, seitdem Du bei uns bist. Manchmal muß ich weinen ohne Ursache, gerade wenn ich recht lustig gewesen, recht bewundert worden bin. Daraus sehe ich dann, daß das Alles nicht wahres Glück ist; denn das wahre Glück macht zufrieden, nicht wahr?«

Der arme Mariano konnte ihr nichts Anderes geben, als das, was er selbst hatte. Jene Zufriedenheit, welche in der Vereinigung mit dem Willen Gottes das wahre Glück sieht und welche auf's Innigste mit dem übernatürlichen Glauben der Offenbarung zusammenhängt – kannte er nicht. Er antwortete:

»Ob der Mensch zufrieden sein kann, Antonia, das ist wohl sehr die Frage. Wir sind aus lauter Bruchstücken zusammengesetzt . . . . aus Seele und Sinnen, aus Leib und Geist; dazu die tausend fremden Bruchstücke, die von Außen, durch Welt und Schicksal, durch Menschen und Verhältnisse auf uns einstürmen; – da ist es schwer zu fassen, wie aus diesem chaotischen Zustand die Zufriedenheit, diese weiße Taube mit dem Oelzweig auffliegen und sich in unserer kleinen Lebensarche ein Nest bauen sollte.«

Antonia sah ihn fragend und traurig an. Er setzte rasch hinzu:

»Die Hauptsache bleibt immer die, daß wir nichts Böses thun, Antonia! das gibt auch eine Art von Zufriedenheit.«

»Eine Art! eine Art!« rief sie ungeduldig; – »wer kann sich damit begnügen! ich nicht!«

Ihren Vater fürchtete sie durchaus nicht mehr.

»Wir verdienen das Geld,« sagte sie zu Marietta; »wir können einen Theil davon ausgeben.«

Dann kaufte sie schöne Stoffe, Hüte und Bänder und ließ die Rechnung dem Vater einhändigen. Seine Vorwürfe hörte sie mit kaltem Trotz an und sagte:

»Wir müssen passend gekleidet sein.«

»Eben darum!« rief Torrigi wüthend, in jeder Hand eine Rechnung haltend; – »passend für junge Mädchen ist ein weißes Kleid, ein buntes Band. Aber diese schweren seidnen Stoffe sind eine wahre Lächerlichkeit in Eurem Alter.«

»Sind aber viel schöner und viel kleidsamer,« entgegnete Antonia – »und machen uns mehr Spaß.«

»Undankbare Geschöpfe!« rief er außer sich; »habt Ihr nicht Spaß genug? Macht Ihr nicht Landpartien? geht Ihr nicht in's Schauspiel? fahrt Ihr nicht in Hydepark umher, als ob Ihr Mylady's wärt? Glaubt Ihr, daß mir das Spaß macht? – Nicht den mindesten – das versichere ich Euch! . . . . Nur Euch zu Liebe thue ich es.«

»Nun gut, Vater! darum wirst Du uns auch schöne Kleider geben.«

Dabei blieb Antonia. Marietta hätte mit Freuden auf all die Herrlichkeiten und all die Vergnügung gen verzichtet. Mußte sie »ihr Handwerk« treiben, wie Antonia es nannte, so war sie demselben noch viel mehr abgeneigt, weil sie an dem äußern Glanz nicht das Gefallen fand, welches Antonia hatte. Marietta wuchs zu einem sehr hübschen Mädchen heran; aber sie war so ernst, so still, so in sich gekehrt, daß man sich unwillkürlich von ihr entfernte und alle Huldigungen zu Antonia's Füßen niederlegte. Sprach man mit ihr, äußerte man gegen sie ein Lob, so antwortete sie mit höflicher Freundlichkeit, ohne je das Gespräch über diese Grenze hinaus fortzusetzen. Gern hätte sie sich auf's Einfachste gekleidet, gern sich von aller Gesellschaft fern gehalten; doch das erlaubte Antonia nicht, die in ihrer natürlichen Gutmüthigkeit darauf bestand, alle Freuden und Erholungen mit Marietta zu theilen, deren Eingezogenheit ihr lediglich als Furcht vor dem Vater erschien, obschon Marietta tausendmal versicherte, es sei eben ihr Geschmack. Dazu schüttelte Antonia bedenklich den Kopf und entgegnete, eine solche melancholische Stimmung sei Krankheit, welche nicht überhand nehmen dürfe; – und wie ihrem Vater die Kleiderrechnungen, so octroyirte sie Marietten die Kleider, den Besuch des Schauspiels und Alles, was ihr selbst Vergnügen machte. Mariano hatte keine große Theilnahme für Marietta, die er immer nur »das stille Kind« nannte. Doch bemerkte er wohl, daß sie aufhorche, wenn einmal ein ernstes Gespräch aufkam – mochte es die Kunst oder einen andern Gegenstand betreffen und daß sie dann wohl sogar irgendwie Fragen zu thun wagte. Sein Leben war aber viel zu zerstreut und von allen Seiten in Anspruch genommen, als daß irgend eine Persönlichkeit ihn besonders hätte interessiren können. Aber der veredelnde Einfluß der Kunst auf die Menschen – wo blieb er? – wie äußerte er sich? – Schon bei seiner Kunstreise durch England, also im ersten Jahr seiner Laufbahn, mußte er sich eingestehen, daß bei solcher Virtuosen-Existenz davon gar nicht die Rede sein könne.

Als diese Reise gemacht war und die Familie Torrigi nach London zurückkam, um sich von dort aus in Southampton nach Amerika einzuschiffen, gaben ihr einige junge Männer ein Abschiedsdiner in Richmond und einer der Herren sagte zu Mariano:

»Nun wie steht's, Sie neuer Orpheus! Sie waren ja in Irland! Haben Sie dort die wilden Bestien in die Civilisation hineingezaubert?«

»Von Irland kann ich nichts sagen,« entgegnete Mariano etwas scharf; – »daß es mir aber nicht in Sheffield geglückt ist, muß ich eingestehen, denn während unseres dortigen Aufenthaltes fielen zwei Mordthaten und verschiedene andere Unthaten vor.«

Der junge Mann war der Sohn eines ungeheuer reichen Fabrikbesitzers in Sheffield, welches ebenso berühmt durch seine Stahlarbeiten, als berüchtigt durch eine verwilderte Arbeiterbevölkerung ist.

»Man geht dort so viel mit Messern und schneidenden Werkzeugen um,« entgegnete er gleichmütig, »daß ihr Gebrauch etwas mißbraucht wird.«

»Ich habe aber in Irland einen Mann kennen gelernt,« sagte Mariano, »der die Orpheusrolle etwas gründlicher spielt als ich.«

»Wer ist das? Wer kann das sein?« riefen Alle.

»Das ist der Pater Matthew in Cork, meine Herren!«

Ein schallendes Gelächter, unterbrochen von dem Ausruf.

»Der Mäßigkeitsapostel! – – Sind Sie ein Tea-totaler geworden?« – erklang von allen Seiten.

»Ja,« sagte Mariano, »ich habe den Mann kennen gelernt, der die Axt an die Wurzel legt, um ein Laster auszurotten, welches das Verderben eines Volkes ist – und der an diese Arbeit seine ganze Existenz – Zeit, Thätigkeit, Interesse, Gesundheit und Leben setzt. Ein so uneigennütziges Opfer von jeder Stunde und von dem ganzen Dasein hat mich mit ungeheurem Respect für den Mann erfüllt – und unter den interessanten Persönlichkeiten, die ich in Albions drei Königreichen so glücklich war kennen zu lernen, nimmt er vielleicht den ersten Platz ein.«

»Dies »Vielleicht« läßt auch noch Andern die Hoffnung, glückliche Rivale eines Franziscanermönches zu sein! Sie sind großmüthig, Don Mariano!«

»Ich spreche so, wie ich die Sache betrachte, Sir. Ich finde es größer, einen Menschen vom sittlichen, als vom leiblichen Elend zu retten. Dieses erfordert nur ein Stück Brod, welches der Eine gibt und der Andere verzehrt; Jenes – eine ungeheure Willenskraft auf beiden Seiten.«

»Glauben Sie wirklich, daß Ihr Heros das Whiskyberauschte Irland ernüchtern werde?«

»Die statistischen Angaben beweisen schon jetzt, nach wenig Jahren, daß der Branntwein-Consum in Irland abnimmt. Läßt die gegenwärtige Generation allmälig vom Trunk ab, so ist ihm die nächste schon von selbst entfremdet – und dies Laster würde dann wohl nicht häufiger in Irland, als überhaupt im nördlichen Europa – und vielleicht seltener als hier in London vorkommen, wo Sie in den Sonntagsnächten ganze Trupps von Schwerberauschten, Weiber und Kinder inbegriffen, aus den Gin-shops hervortaumeln sehen.«

»Aber, Don Mariano, warum studiren Sie denn auch so genau die Nachtseite von London's Nächten?«

»Weil es meine alte Marotte ist, für Alles, was menschliches Elend ist, physisches und moralisches, eine namenlose Theilnahme zu haben. Und eben deshalb sind meine Sympathien so stark für solche Männer, wie Pater Matthew, die sich nicht, gleich mir, mit unfruchtbarer Betrachtung des Uebels beschäftigen, sondern praktisch Hand anlegen, um es auszurotten oder wenigstens zu lindern.«

»Gehören Sie nicht einer Gesellschaft, einer Verbindung . . . oder wie ich es nennen soll! an, deren Zweck es ist, gerade die Uebel, von denen Sie sprechen, theils durch materielle Unterstützung, theils durch Aufklärung und Belehrung zu mindern?« fragte ihn ein junger Mann halblaut, der auf der andern Seite neben Mariano saß.

»Ich weiß, daß es solche Vereine gibt; doch hatte ich früher keine Gelegenheit, sie kennen zu lernen und jetzt hindert mich mein wanderndes Leben daran.«

»Den Verein, den ich meine, finden Sie überall, hier auf englischem Boden so gut wie auf dem Continent oder in Amerika, und ich wundere mich, daß Sie mit Ihrem Interesse für Menschenwohl und Menschenbildung, mit Ihrem offenen Sinn für Alles, was die Humanität betrifft, ihm bisher fremd bleiben konnten.«

»Ah, Ihr Verein ist die Loge! nicht wahr, Sir . . .ist die Freimaurerei?« rief Mariano. »Nein! der Verein, der das Tageslicht scheut, kann unmöglich anziehend für einen vernünftigen Menschen sein; denn eine solche Geheimnißkrämerei ist entweder lächerlich, wenn nichts dahinter steckt als ein wenig Wohlthätigkeit – oder verächtlich, wenn die zur Schau getragene Maske der Humanität ein Treiben verbirgt, welches den Tag scheut.«

»Das unschuldige Geheimniß, womit sich die Loge umgibt, ist nun einmal ihre äußere Form und da die edelsten und besten Männer ihr angehören, so ist das eine Garantie für ihre Vortrefflichkeit.«

»Ah ja! die edelsten und besten Männer!« entgegnete Mariano lachend; – »kennen Sie auch diese Phrase? sie scheint stereotyp für die Bezeichnung der Logenbrüder untereinander zu sein. Ob aber Diejenigen, die außerhalb der Loge stehen, derselben Ansicht sind – ist wohl sehr zweifelhaft.«

»Hat man in Deutschland Vorurtheile gegen die Loge?« fragte der junge Mann höchst erstaunt.

»Nein, Sir, durchaus nicht! sondern es steht so: die Einen haben ein Urtheil, und die Andern haben kein Urtheil über sie. Die ganze Welt der halben Bildung, deren Charakterzug durchgehend Aufgeblasenheit und Oberflächlichkeit ist – ist ein geborener Logenbruder. (Ich spreche von Deutschland, Sir, nicht von England.) Also ist da kein Urtheil. Man taumelt in die Humanität und Brüderlichkeit hinein, wie der Nachtschmetterling in die Flamme der Kerze – weil er die Sonne nicht sieht.«

»Was nennen Sie die Sonne?« fragte der Engländer gelassen.

»Die Wahrheit.«

»Aber wo ist die Wahrheit? . . . die absolute?«

Auf diese Frage wußte Mariano nichts Anderes zu erwidern als:

»Es ist leichter zu sagen, wo sie nicht ist: nämlich bei allem Treiben, welches sich der Oeffentlichkeit entzieht.«

»Oh! das ist aber zu niedrig gegriffen für die absolute Wahrheit, Don Mariano! die ersten Christen entzogen ihre Versammlungen und ihre Lehren ebenfalls der Oeffentlichkeit. Die Loge setzt ihr Werk fort.«

»Nein, Sir, das thut sie nicht . . . sondern genau das Gegentheil!« sagte ein junger Mann, dessen ernster beobachtender Ausdruck seine jugendlichen Züge sehr angenehm machte und der Mariano gegenüber saß.

»Wie so . . . das Gegentheil?« rief der Logenbruder.

»Die ersten Christen weckten, verbreiteten und pflegten in der Unterdrückung, die der heidnische Staat auf sie wälzte, in aller Stille den Glauben an die göttliche Offenbarung durch den Sohn Gottes; – die Loge kennt kein höheres Ziel, als diesen Glauben zu zerstören.«

»Woher wissen Sie das? das kann Verleumdung sein!«

»Ich weiß es daher, weil die katholische Kirche den Freimaurer excommunicirt, d. h. die Erklärung abgibt, der Freimaurer schließe sich selbst freiwillig von ihrer Gemeinschaft aus, indem er sich der Loge anschließt: das ist ein sicheres Zeichen, daß die Grundsätze, welche in der Loge gelten, dem christlichen Dogma feindlich sind.«

»Was kümmert uns papistische Anmaßung, Sir!«

»Die katholische Kirche ist aber die Trägerin der christlichen Offenbarung, der absoluten Wahrheit, nach deren Maß und Gesetz Alles zu richten ist, was darauf Anspruch macht, die Entwickelung der Menschheit auf dem Gebiet des Geistes und der Sittlichkeit zu fördern. Weil göttliche Vollmacht ihr die absolute Wahrheit anvertraut hat, so steht ihr das Schiedsrichteramt über alle Lehren und alle Prinzipien zu, welche in diesen Bereich fallen – und folglich erfüllt sie einen Act ihrer göttlichen Sendung, wenn sie da, wo sie Irrthum findet, ihn als das, was er ist, bezeichnet.«

Mariano betrachtete schweigend den jungen Mann, der eben so ernst als ruhig sprach. Aber sein Nachbar rief:

»Bryan O'Connor, Sie sind ein Crypto-Katholik!«

»Nein,« entgegnete dieser lächelnd; – »nicht Crypto, denn ich verberge nicht, sondern spreche aus, was ich denke; und nicht Katholik, denn dazu gehört das Bekenntniß der vollsten Ueberzeugung.«

Bryan O'Connor interessirte Mariano; doch sein Nachbar, der Logenbruder, wünschte allzu lebhaft Mariano zu gewinnen, um nicht das Gespräch mit ihm fortzusetzen, indem er halblaut sagte:

»Es ist merkwürdig, noch immer beschränkte Köpfe zu finden, welche sich durch den mittelalterlichen Popanz der kirchlichen Autorität verblüffen lassen.«

»Und noch merkwürdiger, daß so ein Beschränkter und Verblüffter die Antwort gibt, welche wir schuldig bleiben, Sie und ich, Sir – obschon wir uns gewiß nicht zu den Bornirten zählen; – die Antwort auf Ihre Frage nach der absoluten Wahrheit.«

»Oh, mein bester Don Mariano, Sie scheinen ein Grübler zu sein; das paßt nicht für den Künstler. Lassen Sie die Philosophen nach dem Absoluten suchen – suchen und nicht finden! – und halten Sie sich mit uns an kluge Praxis, die uns eine Welt von Brüdern und dadurch tausend Hände und Füße, tausend Augen und Ohren, mit einem Wort, tausend Werkzeuge schenkt, die uns mit Freuden dienen.«

»Um welchen Preis, Sir?«

»Umsonst, Don Mariano! ganz umsonst! nur aus brüderlicher Freundschaft.«

»Ich sagte vorhin, daß es in Deutschland auch Leute gebe, die ein Urtheil über die Loge hätten und die sagen, es werde ein Preis gefordert – und zwar ein sehr hoher.«

»Es ist armselig, kleine Geldopfer zum Besten fremder Noth einen hohen Preis zu nennen.«

»Nein, nicht von Geld ist die Rede, Sir! ich will Ihnen eine wahre Begebenheit erzählen, die in etwas den Preis beleuchtet. – In einem kleinen deutschen Staat waren zwei der »edelsten und besten Männer« – ein Minister und ein Beamter seines Ressorts – Freimaurer. Jener war ein Meister, dieser ein einfaches Mitglied. – (Brauche ich nicht die richtigen Ausdrücke, Sir, so entschuldigen Sie das gefälligst mit meiner Unwissenheit!) – Nun, der Beamte scheint in der That einer der »edelsten und besten Männer« gewesen zu sein. Unbedachtsam, wie Jünglinge sind, war er in die Loge eingetreten. Als er in reiferen Jahren eine Disharmonie zwischen ihr und sich erkannte – sei es in den Grundsätzen, den Zwecken, der Richtung! – so wünschte er sich von dieser Gesellschaft mit Entschiedenheit zu trennen und er zeigte dem Meister, der zugleich sein Minister und selbstverständlich »einer der edelsten und besten Männer« war, seinen Austritt einfach und offen an. Von diesem Augenblick war es mit der Carriere des Beamten zu Ende. Die jüngeren Leute um ihn her rückten hinauf, wurden seine Vorgesetzten: er blieb, was er war. Müde dieser Ungerechtigkeit nahm er seinen Abschied. Er konnte es, weil er Vermögen hatte. Andere können es nicht. – Nun, Sir, wie gefällt Ihnen diese ganz wahre und wirkliche Begebenheit? verräth sie nicht, daß da im Hintergrund ein hoher Preis begehrt wird? ja, der allerhöchste: die Ueberzeugung! Denn wenn man nicht erwartete, daß, wie man zu sagen pflegt, eine Hand die andere wüsche, so hätte der Herr Minister den Beamten ruhig hinaufrücken lassen, da der Staatsdienst ja nicht im mindesten beeinträchtigt war. Aber die Loge verlor einen Adepten: die Loge rächte sich.«

»Ja, sehen Sie, so etwas ist nur in Deutschland möglich!« versetzte der Engländer phlegmatisch. »Der Büreaucratismus will immer das Heft in der Hand behalten. In diesem speciellen Fall erwürgte der engherzige Büreaucrat von Minister, der sich über seinen Beamten ärgerte, den hochherzigen und freisinnigen Maurer.«

»Da es aber zum Nachtheil des Staates geschah, der dadurch einen tüchtigen Beamten verlor, so ist es unleugbar, daß gerade in diesem speciellen Fall der Freimaurer im Minister den Büreaucraten erwürgte,« sagte Mariano. »Uebrigens bin ich der Meinung, daß sich diese zwei Schmarotzerpflanzen der menschlichen Gesellschaft, Freimaurerei und Büreaucratismus, in Deutschland vor der Hand helfen, schützen und stützen, bis eines guten Tages Revolution kommt, die ganze Sippschaft der Geheimbündlerei zusammentritt und der Büreaucratismus mit diversen Kronen und Thronen über Bord geworfen wird.«

»Wie kommt es, daß Sie Deutschland so genau kennen?« fragte Bryan O'Connor.

»Wohlthäter ließen mir dort meine ganze musikalische Bildung geben und wendeten viel auf meine Erziehung,« sagte Mariano ruhig.

»Er spricht auch deutsch!« rief Antonia vom andern Ende des Tisches herüber. »Das klingt, als ob Bären brummten.«

»Ei was!« sagte Torrigi, »seine eigentliche Sprache ist seine Violine . . . . und die ist von himmlischer Süßigkeit.«

Alle stimmten bei. Man brachte Cheers aus auf Mariano, auf Antonia, auf die ganze Familie.

»Soll ich Ihnen Briefe nach New-York geben?« fragte Mariano's Nachbar.

»Gern, insofern Sie mich nur als Musiker und nicht als Aspiranten zur Maurerkelle empfehlen wollen,« entgegnete Mariano.

»Dies wäre gerade die Hauptsache.«

»Aber nicht für mich, Sir! Mir, wie jedem Künstler ist es angenehm, wohlwollend empfangen und behandelt zu werden. Doch würde ich lieber darauf verzichten und vorziehen, todtgeschwiegen oder mit Koth beworfen zu werden, als mich durch den Eintritt in einen Geheimbund, möge er Namen haben, welchen er wolle, in meiner Freiheit beschränken zu lassen.«

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