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Ida von Hahn-Hahn: Peregrin - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrin
authorIda Gräfin Hahn-Hahn
year1864
publisherVerlag von Franz Kirchheim
addressMainz
titlePeregrin
created20020701
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Mariano Torrigi.

Plötzlich öffnete sich die Thür und der weinenden Gruppe gegenüber trat ein junger Mann ein und fragte in schlechtem italienischen Accent, ob Herr Torrigi zu Hause sei. Antonia warf den Kopf ein wenig in den Nacken und schnalzte leicht mit der Zunge. Dies ist die gebräuchliche und beliebte Pantomime, die »Nein« ausdrückt und die jeder Italiener versteht. Der junge Mann verstand sie nicht und wiederholte seine Frage. Als dieselbe Pantomime, von einem unwilligen Blick begleitet, erfolgte, dachte er, er sei an drei Taubstumme gerathen, und da er nicht Lust hatte, unverrichteter Sache die fünf Stiegen hinab zu steigen, so trat er ein und setzte sich ruhig auf den ersten besten Stuhl neben der Thür nieder. Tota zog ihre breiten schwarzen Augenbrauen verwundert und zornig in die Höhe und wies mit majestätisch ausgestrecktem Arm nach der Thür. Diese Bewegung verstand der junge Mann freilich sehr gut. Doch machte sie keinen Eindruck auf ihn. Er blieb ruhig sitzend, sah Tota lächelnd an und dachte bei sich selbst: Seid Ihr Alle taubstumm, so bin ich blind.

Nun aber sprang Tota wie eine Löwin auf, um ihr Haus gegen den Eindringling zu vertheidigen und hieß ihn gehen in einem Strom der lebhaftesten Worte, die sie im genuesischen Dialect und mit der größten Geschwindigkeit vorbrachte. Der junge Mann, der nicht eine Sylbe verstand, sagte nur immer ganz freundlich dazwischen:

»Cara mia! – Mia Cara.«

Tota verstummte endlich verzweifelnd; und da ihr Marietta leise zuflüsterte, er sei vielleicht taub, so schrie sie ihm ganz langsam und mit wenigen Worten die Frage in's Ohr, ob er etwa hier auf ihren Vater warten wolle. Da sie langsam und deutlich sprach, verstand er sie und bejahte lebhaft die Frage.

»Dann folgen Sie mir in sein Zimmer,« sagte Tota.

Er folgte ihr über den Gang und nahm einen Kasten mit, den er neben der Thür hingestellt hatte. Als er in Torrigi's Zimmer eingetreten war, sprach Tota:

»Hier können Sie sich niederlassen und ihn erwarten.«

Damit verließ sie ihn und kehrte zu ihren Geschwistern zurück, die sich in tausend Vermuthungen ergingen, wer er sei, was er wolle und welch eigenthümliches Benehmen er habe.

Es war inzwischen Abend geworden. Das war ihre Erholungsstunde; dann durfte die »Arbeit« ruhen, und kam der Vater gut gelaunt heim, so machte er vielleicht einen Spaziergang mit ihnen am Hafen oder auf der Aqua sola – einer der schönsten Promenaden der Welt. Der Maiabend war unaussprechlich lieblich. Aus ihrem fünften Stockwerk hatten sie einen Blick auf's Meer, das im Wiederschein des glühenden Sonnenunterganges wie schmelzendes Gold leise wogte, während kleine Barken mit dem lateinischen Segel wie weiße Schmetterlinge über die rieselnden Wellen des Golfs leicht dahin glitten und von den Ortschaften der Küste Gartenfrüchte und Geflügel nach Genua brachten. Sie lagen alle Drei in demselben Fenster und plauderten über das Vergnügen, das sie haben würden, wenn sie einmal in einer solchen kleinen Barke nach Oneglia, der Heimath ihrer Mutter, oder gar nach Nizza, Marietta's Vaterstadt, reisen könnten – und welch ein schauerlicher Spaß das wäre, wenn sie an die Küste von Asien oder Afrika verschlagen würden –

»Und alle Violinen und Violoncellos untergingen,« setzte Tota hinzu.

»Stillt rief Marietta plötzlich.

Ein wundervoller Ton durchzitterte die abendliche Stille, ein Ton so süß und rein, so schmelzend und energisch, daß er das Herz erbeben machte, als ob etwas Himmlisches vergehe.

»Cecca's Geist!« flüsterte Ors' Anton und ergriff ängstlich Marietta's Hand.

»Still!« riefen beide Schwestern und horchten gespannt auf das unbeschreiblich schöne Geigenspiel, das sich wie ein Strom von Melodien immer mächtiger, immer hinreißender ergoß. Athemlos vor freudigem Entzücken saßen sie beisammen. Da wurde leise die Thür geöffnet und Torrigi sagte mit weicher Stimme:

»O meine Marietta, mein Ors' Anton! wer von Euch erfreut mich mit diesem göttlichen Spiel?«

Als er sie aber alle Beide ohne ihre Instrumente erblickte, rief er erzürnt:

»Was sind das für Possen, Ihr Tröpfe! wer von Euch hat gespielt? . . . und spielt noch?«

»Es ist ein Fremder, Vater, der in Deinem Zimmer Dich erwartet,« sagte Tota.

»Aber dieser Ton! . . . o dieser göttliche Ton! horcht auf, meine Kinder! . . . das ist meine Violine nicht! Wie heißt er denn, dieser Fremde?«

»Das wissen wir nicht! er ist taub.«

»Taub? bist Du närrisch, Tota? – Ein solcher Violinspieler und taub . . . das glaub' ich nicht! . . . in Ewigkeit nicht.«

»Fährst Du ihn so an, Vater, so versteht er Dich nicht und sagt nur: Caro mio, caro mio! Langsam und deutlich mußt Du mit ihm reden.«

Kopfschüttelnd verließ Torrigi, von seinen Kindern gefolgt, das Zimmer und ging über den Gang. Das Violinspiel dauerte fort. »Haben ihm die Engel eine Geige vom Himmel herunter geworfen?« murmelte Torrigi vor der Thüre stehen bleibend und horchend.

»Wenn es nun doch Cecca's Geist wäre!« flüsterte Ors' Anton gespannt Marietta zu.

»Dann wollt' ich, daß er in Dich führe, Du Tropf!« murrte der Vater, indem er die Thür öffnete.

Da stand der Fremde und spielte; – und obschon er die ganze Gruppe mit acht weitgeöffneten Augen vor sich hatte, ließ er sich gar nicht stören, sondern spielte so lange fort, bis seine Tonverschlingungen in ihren eignen Quell zurücksanken, wie der Wasserstrahl aus einem Springbrunnen krystallklar aussteigt und dann in tausend Silbertropfen in das Bassin zurückperlt. Torrigi hatte alle Zeit, den Fremden genau zu betrachten und zu der Ueberzeugung zu kommen, daß er ihm nicht unbekannt sei. Als der letzte Bogenstrich vibrirend verschwebte, näherte sich Torrigi mit tiefer Verbeugung diesem Meister der Töne und sagte laut und langsam nach Tota's Vorschrift:

»Mein Herr, wen habe ich die Ehre zu bewundern?«

»Mariano Torrigi« – lautete die unbefangene Antwort.

»Torrigi!!« – im vierfachen Echo erschallte dieser Name.

»Mein Herr, das wäre viel Ehre für uns; allein Mariano Torrigi ist seit langen Jahren todt. Er war mein Bruder.«

Statt der Antwort zog der Fremde seine Brieftasche und aus derselben ein Schriftstück hervor, das er schweigend Torrigi darreichte. Dieser entfaltete es und las den Taufschein von Mariano Torrigi, einzigem Kinde des verstorbenen Mariano Torrigi, Hornist bei der Musikbande des ersten Regimentes der Bersaglieri und der gleich nach der Geburt des Kindes als Wittwe verstorbenen Rosina Salvi aus la Spezzia. Geburts- und Tauftag: der 28. Februar und der 1. März 1813. Bescheinigt vom Pfarrer des Waisenhauses zu Genua.

»Mein Neffe! mein Neffe!« schrie Torrigi entzückt, stürzte auf den Fremden zu, umhalste ihn und brach in jubelnde Freudenrufe aus: »Wir haben unsere erste Violine, meine Kinder! . . . und was für eine!! . . . Jetzt fort nach England! o Glück! o Gnade! Freut Euch doch, Ihr Tröpfe!« fuhr er die Mädchen an, die ganz verblüfft über die Entdeckung dieses Vetters waren; – »und Du, Ors' Anton, dummer Junge, komm' her und sage Deinem Vetter Mariano, wie sehr Du ihn bewunderst, ihn verehrst, ihn liebst.«

»Mein Onkel,« sagte Mariano in französischer Sprache, »da Sie ein weitgereister Mann sind, werden Sie ohne Zweifel besser französisch verstehen, als ich italienisch; also wollen wir vor der Hand uns auf französisch unterhalten, bis ich meine schöne Muttersprache gehörig gelernt habe.«

»Ja, mein Goldsohn, das wollen wir! Erzähle mir, wie es kommt, daß Du gerade jetzt für Deinen hartgeprüften alten Onkel vom Himmel fällst;« – erwiederte Torrigi sehr geläufig, doch mit starkem Accent.

Als die Kinder die Wendung des Gespräches in's Französische hörten, gaben sie ihre Mißbilligung und Betrübniß durch ein leises Gemurmel zu verstehen.

»Das ist Euch schon recht, Ihr Tröpfe,« fuhr der Vater sie an: »warum habt Ihr nicht französisch gelernt!«

»Weil es uns Niemand gelehrt hat!« entgegnen Tota trotzig, nahm ihre Geschwister bei der Hand und machte eine Schwenkung zum Zimmer hinaus.

»Nun, mein Sohn, erzähle! erzähle! ich weiß ja weiter nichts von Dir, als daß sich eine fremde, reiche Familie bei den Vorstehern des Waisenhauses verpflichtet hatte, Dich zu erziehen und für Dich zu sorgen.«

»Und das hat sie gehalten, Onkel! Ich habe eine Menge Dinge gelernt, die ich nur leider gar nicht anwenden kann.«

»Und inwiefern hat sie für Dich gesorgt?«

»Dadurch, daß ich eine Violine von Amati habe und auf ihr spielen kann, prima vista, Alles, was Du mir vorlegst.«

»Allerdings! damit ist Dein Glück gemacht . . . . wenn Du willst.«

»Ich will ganz aufrichtig sein, Onkel. In der Familie, die mich während vierundzwanzig Jahren wie ihr eigenes Kind behandelte, traten Zerwürfnisse ein, welche es mir zur Pflicht machten, das Verhältniß aufzulösen. Es geschah in aller Liebe. Ich wußte, daß ich ein genuesisches Waisenkind sei und beschloß, mir meinen wahren Namen wieder zu holen und dann als Geigenspieler durch die Welt zu wandern. Welche Angst ich ausgestanden habe, bevor ich wußte, ob meine Eltern rechtschaffene Leute waren – das kann ich nicht beschreiben.«

»Ach, mein braver Sohn, es waren die rechtschaffensten Leute unter der Sonne, aber arm wie die Kirchenmäuse!« rief Torrigi.

»Nun auf Armuth kommt mir nichts an!« . . . –

»Halt, mein Sohn, halt! darauf kommt sehr viel an!« unterbrach ihn der geldsüchtige Torrigi. »Arm zu sein, wenn man eine Familie erhalten soll – das ist ein unerträglicher Zustand.«

»Das begreift sich, Onkel! aber ich für mich allein – was mache ich mir daraus, ob ich arm oder reich bin? Genug! kaum war ich in Genua angelangt, so eilte ich nach dem Waisenhause, legte meine Legitimationspapiere, Paß &c. vor, bat, man möge in den Registern des Hauses den entsprechenden Datum ausschlagen und fand mich zu meiner unaussprechlichen Befriedigung als Mariano Torrigi, ehrlicher Leute Kind, wieder. Auf meine Frage, ob ich Verwandte in Genua habe? antwortete einer der Herren, er vermuthe, daß der Musiklehrer Orso Antonio Torrigi ein jüngerer Bruder meines verstorbenen Vaters sei; – und ein anderer Herr fragte, ob ich von dessen musikalischen Wunderkindern nichts gehört habe? Leider mußte ich es verneinen. Aber mein Entschluß war gefaßt: ich eilte auf die Polizei, brachte auch dort meine Papiere in Ordnung, bezahlte meinen Gastwirth mit meinem vorletzten Lire – und stelle mich Dir vor mit der Frage, ob man in Genua mit der Musik sein Leben fristen kann . . . . denn darauf bin ich angewiesen. Könnte ich in diesem Hause ein Kämmerlein zu meiner Unterkunft finden, so wäre ich geborgen! Weil ich gut englisch und fast gar nicht italienisch spreche, halten mich die Leute für einen Mylord, und lassen mich demgemäß zahlen – und das verträgt mein Geldbeutel nicht.«

Als Torrigi von dem »vorletzten Lire« hörte, flog ein schwermüthiger Schatten über seine Züge, verschwand jedoch, als Mariano sagte, er spreche fertig englisch. Nach einigem Besinnen nahm er das Wort:

»Man kann allerdings mit der Musik sein Leben in Genua fristen, Neffe. Als ich im Orchester der großen Oper war und zugleich Violinunterricht ertheilte, konnte ich meine Frau und vier Kinder erhalten. Aber es ist ein mühselig Stück Brod und ich weiß auch nicht, ob Du sogleich einen Platz im Orchester findest und ob Du guten Unterricht gibst.«

»Unterricht geben? . . . . Daran habe ich nie gedacht, Onkel! Concerte wollte ich geben, bis ich eine Anstellung in einer Kapelle oder einem Orchester finde.«

»Bravissimo, Neffe! unsere Gedanken begegnen sich. Ja, Concerte wollen wir geben in allen fünf Welttheilen und dann, mit Gold und Ehren beladen, Kapellmeister und Conzertmeister Sr. Majestät des Königs werden. Du findest bei mir durch den Tod meiner armen Cecca ein freies Kämmerchen; da kannst Du wohnen für die paar Tage bis zu unserer Abreise nach London!«

»Ah! wir gehen nach London?«

»Ja, mein Sohn! das Quartett der Torrigi wird dort erwartet; Du trittst an Cecca's statt auf.«

»Ich . . . statt eines jungen Mädchens?« rief Mariano lachend.

»Was gibt's da zu lachen, Herr Neffe? . . . Ihr seid beide Torrigi und beide die erste Violine; basta! alles Uebrige zählt nicht.«

»Oho! da irrt der Herr Onkel sich ganz gewaltig!« sagte Mariano zwar scherzend, doch sehr bestimmt; – »ich bin allerdings Mariano Torrigi; aber eben darum bin ich ein Mensch . . . und keine erste Violine.«

»Gut, gut, mein Sohn! darüber wollen wir nicht disputiren. Mißfällt es Dir, die erste Violine zu sein, so bist Du doch vielleicht nicht ungern der erste Violinspieler – und als solcher wirst Du in unserm Quartett Furore machen . . . . Zuerst in London, dann bei dem großen Musikfest zu Liverpool – und dann in ganz England.«

»Und wer sind die Mitspieler?«

»Wie Du fragst! Natürlich sind es meine Kinder . . . . die Wunderkinder!«

»Die muß ich aber gleich kennen lernen!« rief Mariano und sprang auf.

»Sie sollen Dir sogleich ihre keinen Künste zeigen,« sagte Torrigi mit dem angenehmen heimlichen Bewußtsein, daß seinem Neffen eine große Ueberraschung bevorstehe.

Es war dunkler Abend geworden, doch Torrigi hielt es für gänzlich überflüssig, bei einem Gespräch Licht anzuzünden. Er führte seinen Neffen über den finstern Gang nach dem Zimmer, worin sich die Kinder aufhielten. Eine tiefe Altstimme sang metallreich, aber unausgebildet die Strophe einer Barcarole:

»Ah, senza amare,
Andare sul mare,
Non può consolare.«

Sie verstummte vor den eintretenden Männern. Helles Mondenlicht erfüllte das ganze Zimmer. Antonia saß auf einem niedrigen Schemel; Ors' Anton lag vor ihr am Boden, mit dem Kopf auf ihrem Schooß und war dem Einschlafen nah. Marietta saß neben ihr am Boden und blickte mit ihrem schwermüthig träumerischen Auge auf das ferne Meer, das wie im Silberspiegel unbeweglich zu ruhen schien – und summte leise: »Ah, senza amare.«

Es lag etwas ungemein Melancholisches auf dieser stillen abendlichen Scene, auf diesen jungen Wesen, die im Mondenschein ihre Lieder sangen. Es war eine Poesie in dieser Einsamkeit, die mächtig zu Mariano's Herz sprach, so daß es ihn sehr unangenehm berührte, als Torrigi schrie:

»He! he! seid Ihr Alle eingeschlafen? singt Ihr im Traum? Auf, Tota! Licht! . . . Herbei mit Violine und Violoncello! . . . Zeigt Eurem Vetter Eure kleinen Künste!«

Tota übereilte sich keineswegs. Sie richtete zuerst Ors' Anton auf und suchte ihn auf die Füße zu stellen; aber er taumelte vor Schlaftrunkenheit, so daß Marietta ihn auffing, während Tota hinausging, um eine Lampe zu holen.

»So sind diese Kinder!« fuhr Torrigi fort; »so sitzen sie da, trag und schläfrig, gaffen in den Mond und auf's Meer und denken an keine Musik! daraus kannst Du abnehmen, Neffe, welche Noth ich mit ihnen habe.«

»Es sind eben Kinder!« sagte Mariano mitleidig.

Tota kam zurück mit der dreischnabeligen kupfernen Lampe, stellte sie auf einen Tisch und fragte mißmuthig:

»Wir sollen also noch spielen, Vater?«

»Nein, nein! nicht heute Abend!« rief Mariano, der aus ihrer Verstimmung und des Knaben Schläfrigkeit den Schluß zog, daß sie sich nicht von ihrer glänzendsten Seite zeigen würden; – »Nein! morgen ist auch noch ein Tag.«

Obschon Tota diese rücksichtsvolle Freundlichkeit dankbar empfand, lachte sie doch laut auf über Mariano's Italienisch. Torrigi fuhr auf sie zu, als ob er sie schlagen wolle, und rief wüthend:

»Du böses Geschöpf! wage nicht, unsern Vetter zu beleidigen!«

»Er spricht ja ganz unsinnig!« sagte sie kalt.

»Und ich sage Dir, es ist mehr wie unsinnig, daß Du nicht französisch sprichst.«

Tota zuckte schweigend die Achseln und Mariano sagte freundlich zu ihr:

»Ich werde bei Dir italienisch lernen, Tota.«

»Sieh, welch ein gutes Gemüth er hat!« rief Torrigi. »Wie nimmt sich das so schön aus bei einem solchen Genie! . . . und welche armselige Figur spielst Du mit Deiner Verstocktheit neben ihm!«

Tota brach urplötzlich in lautes Weinen aus. Wohl war sie dagegen abgestumpft, von ihrem Vater rauh behandelt zu werden; aber daß es vor diesem fremden jungen Manne geschah – daß er bei seinem ersten Eintritt über die Schwelle Zeuge dieser harten Behandlung sein mußte – das gab ihr einen Stich durch's Herz und sie weinte schluchzend, wie Kinder und unerzogene Leute weinen.

»Signor,« sagte Mariano auf französisch zu seinem Onkel, »wenn Sie wollen, daß ich mit Ihnen nach England reisen soll, so müssen Sie Ihre Kinder freundlicher behandeln und nicht wie Affen und Bären, die man mit der Peitsche zum Tanzen zwingt; solche Scenen kann ich gar nicht vertragen. Wiederholen sie sich: so laufe ich davon . . . ich! die erste Violine.«

»Das Mädchen hat aber auch etwas vom Bären!« murrte Torrigi.

»Gleichviel!« entgegnete Mariano bestimmt. »Und so wollen wir denn für heute alle Musik ruhen lassen. Ich bitte Dich, weise mir mein Zimmer an.«

Torrigi klatschte in die Hände und rief munter:

»Freuet Euch, meine Kinder, Euer Vetter Mariano Torrigi, Sohn meines verstorbenen älteren Bruders, bleibt bei uns, wohnt bei uns, reist mit uns . . . das wird ein herrliches Leben sein! – Und nun wollen wir zu Nacht essen!«

Tota trocknete ihre Thränen, Ors' Anton verlor seine Schläfrigkeit und Marietta lächelte zutraulich den Vetter an, der den Vater so heiter gestimmt hatte. Bei der höchst frugalen Abendmahlzeit herrschte eine ganz ungewöhnliche Munterkeit, weil der Vater so guter Laune war und weil sich Mariano so gutmüthig mit seinem schlechten Italienisch necken ließ.

»Aber aus welchem Lande kommst Du denn, Mariano, daß Du nicht einmal italienisch sprechen kannst!« rief Tota.

»Aus einem Lande, das sich für das gebildetste der Welt hält: aus Nord-Deutschland.«

»Nord-Deutschland? . . . Ach ja, Nord-Deutschland,« sagte Tota, als ob ihr plötzlich ein Licht aufgehe: »das liegt freilich am Nordpol.«

»Ich freue mich, daß Du in geographischen Kenntnissen mit Shakespeare wetteiferst, der Böhmen zu einer Insel macht,« entgegnete er mit gutmüthigem Scherz.

»Nun gut! verstehe ich nicht Geographie, so verstehst Du nicht italienisch!« sagte sie unbefangen, –»und wir sind quitt.«

Endlich am späten Abend kam Mariano in Cecca's kleinem Zimmer zu sich selbst und zur Besinnung über die unglaublichen Ereignisse, die ihn in der einfachsten und natürlichsten Weise von der Welt aus einem falschen Gorm zu einem wirklichen Torrigi gemacht – ihm statt des glänzenden Namens, den er verloren, einen andern gegeben hatten, der in anderer Weise glänzend zu werden versprach – ihn, den Verstoßenen, einer Familie zuführten, welche ihn mit offenen Armen aufnahm – und endlich seine innigsten Wünsche erfüllten, indem sie ihn in eine Lage brachten, welche ihm vergönnte, trotz seiner Armuth Andern zu dienen, Andern zu nützen. Ob es eine gute oder eine böse Fee ist, die mich aus Schloß Traun in diese Kammer versetzt hat, sprach Mariano Peregrin zu sich selbst – das weiß ich nicht. Dem Aeußern nach zu urtheilen, hat die böse Fee die Oberhand. Ein Nachtessen von Brod, Orangen und Oliven, bei einer dreischnabeligen Lampe – ein Schlafgemach mit weißen getünchten Wänden, zwei Strohstühlen, einem blinden Spiegel, einem Tisch von wurmstichigem Holz: das ist ein schreiender Abstich gegen Schloß Traun! Aber das weiß ich: ich werde von jetzt an leben, als ob ich in dieser Kammer aufgewachsen sei . . . und mein gänzlicher Mangel an Geld wird mir diesen Entschluß ungemein erleichtern. Nur muß ich mich hüten, nicht allzu tief in die Botmäßigkeit meines Herrn Onkels zu gerathen. Und habe ich das errungen: eine selbständige Existenz, die meine eigene Schöpfung ist und durch die ich zugleich dieser meiner neuen Familie hülfreich sein kann: so ist doch wohl eine gute Fee dabei im Spiel! Es ist schon ein Genuß der eigenen Kraft – mit dem Schicksal zu ringen. Es zu bezwingen . . . muß ein Hochgenuß sein! . . . Aber nur dann wäre es bezwungen, wenn es mir Heliade zuführte, und das liegt freilich außerhalb . . . nicht meiner Sehnsucht, doch meiner Hoffnung. Als Graf Gorm hat sie mich zuletzt gesehen und als der Virtuose Torrigi sollte sie mich mit denselben Ansprüchen wiedersehen? – Nein, Heliade! dazu bin ich zu stolz! . . . ich muß mehr zu Deinen Füßen niederlegen, als mein Herz und die Amata.« – –

Er trat an's Fenster, öffnete es und schaute lange in die mondbeglänzte Zaubernacht des Frühlings und des Südens hinaus. Ueber die Dächer und die Häuser, in denen ein Lichtlein nach dem andern erlosch, fiel sein Blick auf das unendliche, still ruhende Meer. Ja, so ist es! sprach er zu sich selbst: so steht der Mensch auf der Scheidegrenze von zwei Welten und schaut aus der Zeit und über ihre Träume, die ihm so bange und so wild das Herz durchbeben, sehnsuchtsvoll in die räthselhafte und doch so lockende stille Ewigkeit hinein.« Er nahm die Violine und begann ohne Vorspiel, ohne Einleitung Heliadens Lieblingsmelodie, welche sie immer mit neuem Entzücken hörte, das schönste Liebeslied, das sich je in Tönen, nicht in Worten, aus einem Menschenherzen erschwungen hat: Beethovens »Adelaïde.« – –

Am andern Morgen ermahnte Torrigi seine Kinder und sprach:

»Jetzt nehmt Euch zusammen, jetzt zeigt, was Ihr könnt, wer Ihr seid! nicht bloß Virtuosen, sondern Genies seid Ihr . . . wenigstens Du, Tota und Du, mein Ors' Anton. Also spielt demgemäß . . . genialisch . . . frei, originell! nicht so gedankenlos, wie Ihr es zuweilen thut, als ob Ihr mit dem Tamburin rasseltet. Bedenkt es wohl: von Eurem Spiel hängt es jetzt ab, ob Euer Vetter Mariano sich herablassen wird, in's Quartett einzutreten und mit uns große herrliche Reisen zu machen . . . Reisen, auf denen Ihr die schönsten Kleider bekommen und alle Tage spazieren fahren werdet. Das bedenkt . . . und thut Euer Bestes.«

Sie thaten es und empfingen Mariano mit einem der wundervollen Trios von Beethoven, welches sie mit so viel Zartheit, Frische und Kraft, mit solchem Schmelz und solchem Brio ausführten, daß Mariano ganz hingerissen ein Bravo über das andere rief und am Schluß den kleinen Ors' Anton in seinen Armen hoch aufhob und fröhlich sagte:

»Bübchen, Du wirst mein Meister werden.«

Dann setzte er sich zu ihnen und Torrigi rief freudestrahlend:

»Jetzt sollt Ihr Alle Euer Meisterstück machen und prima vista sammt und sonders ein Quartett von Haydn spielen.«

»Das wird nicht gehen,« sagte Mariano.

»O doch!« rief Ors' Anton, »wir sind aneinander gewöhnt . . . . und Du kommst schon mit.«

Das Quartett war eines der leichteren. Es gelang bewundernswürdig. Die Kinder wurden ermuthigt und angefeuert durch Mariano's Mitspiel und durch den Beifall, den er ihnen zu erkennen gab. Torrigi schwamm in Wonne. Seine Gefühle als Musiker, als Vater, als Geldliebhaber wurden auf's Lebhafteste angeregt: mit diesem Quartett ließen sich die kühnsten Hoffnungen verwirklichen. Nur fort nach England – das war jetzt die Hauptsache. Mariano war ganz begeistert. Das künstlerische Element, das immer mächtig in ihm, aber immer durch Verhältnisse, Studien und Stellung aus dem Vordergrund seiner Tätigkeit verdrängt war, fühlte sich auf einmal von all diesen Banden befreit. Die Schranken fielen, die ihn bis jetzt zurückhielten, sich ausschließlich der Kunst zu widmen. Er trat freudig in die Arena ein.

»Hör' Onkel,« sagte er unter vier Augen zu Torrigi, »wir wollen jetzt unsere Sache in's Klare bringen. Daß mir keine Schätze zu Gebote stehen, sagte ich Dir bereits. Ich bin Dir also großen Dank für Deine freundliche Aufnahme schuldig und es ist billig, daß ich ihn Dir nicht bloß durch Worte, sondern auch durch Handlungen ausdrücke. Ich bin also erbötig, mich auf sechs Monate ganz zu Deiner Verfügung zu stellen, insofern es Kunstreisen und musikalische Produktionen betrifft, und ohne dafür irgend eine pecuniäre Entschädigung in Anspruch zu nehmen. Wie ein Sohn zu seinem Vater werde ich mich Dir gegenüber verhalten. Aber nach sechs Monaten bin ich selbstständig und nicht mehr an Dich und Deine Pläne gebunden. Bist Du hiemit einverstanden?«

»Nach sechs Monaten!« rief Torrigi und streckte wehklagend die Arme gen Himmel; – »aber, mein Sohn, sechs Monate sind ein Nichts, ein Garnichts, wenn man auf die Eroberung goldener Lorbeerkränze ausgeht! Ein Jahr mußt Du wenigstens unter Sohnesbedingungen bei mir bleiben . . . und später wollen wir dann ein anderes Uebereinkommen treffen, das Dich selbstständig macht, ohne uns zu trennen.«

»Nun wohlan, Onkel! es sei ein Jahr. Aber ich bitte Dich, nicht zu vergessen, daß ich mich nur aus gutem Willen dazu verstehe. Es freut mich, meine Familie gefunden zu haben – es freut mich, daß sie eine musikalische und genialische ist – es freut mich, daß ich mich in dieser Beziehung als ein Ebenbürtiger zu ihr halten kann: deshalb bleibe ich bei ihr. Meine augenblickliche Geldverlegenheit ist nur ein vorübergehender Grund, weil ich ganz sicher bin, mit meiner Violine mein Brod zu verdienen . . . und mehr als das.«

»Einverstanden, mein Sohn!« sagte Torrigi lebhaft. »Und jetzt will ich dafür sorgen, daß wir mit dem nächsten Dampfboot nach Marseille – und dann durch Frankreich nach London gehen können. Gegen Ende Mai sind wir dort. Dann beginnt so recht der Glanz und Höhepunkt der Saison.«

Die Kinder hörten mit Freuden, daß es auf Reisen gehen und Mariano ihr Gefährte sein werde.

»Jetzt werden wir etwas mehr Unterhaltung und Vergnügen von unsern Reisen haben,« sagte Tota, »und etwas Anderes zu sehen bekommen, als Concertsäle – und ist das der Fall, so hab' ich mein Violoncell sehr lieb. Ich verwünsche es nur dann, wenn ich, wie hier, beständig zwischen meinen vier Wänden sitzen und »arbeiten« muß und mit keiner Seele plaudern kann.«

»Gefällt Dir der Marian?« fragte Marietta.

»Hm ja! er ist munter und spielt göttlich seine Violine. Aber er blickt doch etwas auf uns herab.«

»Das finde ich nicht!« sagte Marietta; – »im Gegentheil! er gibt mir Muth.«

»Mir gefällt er sehr!« rief Ors' Anton; »er ist so gut . . . . der Mariano . . . ich habe ihn schon recht lieb.«

Gemäß diesen Eindrücken entwickelte sich der Einfluß, den der Umgang mit Mariano in diesem kleinen Kreise übte. Tota's barsches, unerzogenes Wesen, ihr trotziger, mißmuthiger Ton wurden geschmeidigt und gedämpft, weil Mariano ihr imponirte – während sich Marietta durch seine Freundlichkeit von ihrer krankhaften Schüchternheit erlöst fühlte und Ors' Anton in ihm einen Beschützer gegen des Vaters übermäßige Strenge ahnte und im Voraus liebte.

Vier Wochen nach dem Tode der armen Cecca verließ Torrigi mit seinem glänzend hergestellten Quartett das herrliche Genua und Ende Mai befand sich die ganze Familie statt unter der goldenen Sonne und dem blendenden Himmel an der blauen Meeresküste Liguriens – in London, an dem Ufer der trüben Themse, in einer Atmosphäre, die aus Kohlenstaub und Baumwollatomen zusammengesetzt scheint, und unter einer Sonne, die Glanz und Wärme wie mit einem baumwollenen Schleier verhüllt.

Das erste Concert der Torrigi's in den Hanover-Square-Rooms war entscheidend: sie wurden »Lyons« der Saison.

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