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Ida von Hahn-Hahn: Peregrin - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrin
authorIda Gräfin Hahn-Hahn
year1864
publisherVerlag von Franz Kirchheim
addressMainz
titlePeregrin
created20020701
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Erster Band.

Der Sohn des Hauses.

Großer Ball. Pechpfannen brennen vor dem Portal des Gormschen Hauses. Die Wagen rollen durch den knirschenden Schnee und in die Einfahrt. Da ist Frühling! die breite Treppe ist ein Laubengang und die steinernen Stufen bedeckt ein weicher Teppich mit bunten Blumen durchwirkt. Oben in den glänzend erleuchteten Räumen versammelt sich die elegante Gesellschaft. Im ersten Saal empfängt Graf Gorm, ein schöner, stattlicher Herr, seine Gäste. Im zweiten befindet sich Gräfin Gorm mit den vornehmsten Damen. Ein Wogen, ein Rauschen, ein Schwirren, abgebrochene Phrasen, zerstreute Worte, unruhige Blicke, oberflächliche Freundlichkeit, Massen von Flor, Atlas und Blumen, entsprechende Massen von schwarzen Fracks und bunten Uniformen: das ist die Quintessenz einer großen Soiree. Zum Glück sollte sie sich in einen Ball verwandeln! der Tanzsaal strahlte ein Meer von Licht aus; die Musik hatte auf einer erhöhten Bühne ihren Platz eingenommen; die eleganten Tänzerinnen waren bereits alle bis zum letzten Tanz versagt und harrten erwartungsvoll auf die ersten Bogenstriche eines Straußischen Walzers. Warum erklangen denn nicht diese Zaubertöne? worauf wartete man? War denn nicht die ganze schöne Welt beisammen? sogar jene Damen der Ultra-Elegance, die immer auf sich warten ließen, um durch ihren Eintritt desto mehr Aufsehen zu machen!

Gräfin Gorm kam aus einem Zimmer, in welchem sich einige ältere Herren und Damen am Whisttisch niedergelassen hatten; Graf Gorm kam aus dem Ballsaal. Beide gingen schnell auf einander zu und während sie sagte:

»Ich bitte Dich, laß den Tanz beginnen!« – fragte er:

»Wo ist Peregrin, liebe Lucia?«

»Peregrin!« rief sie mit unterdrücktem Schreck und ein Nervenzucken, das ihre schönen Züge entstellte, flog blitzartig über ihr Antlitz.

»Er ist nicht hier, nicht in seinem Zimmer, nicht im Hause« – setzte der Graf hinzu.

»Nun so warte nicht auf ihn und laß den Tanz von irgend einem der jungen Herren, vom besten Tänzer, beginnen – sonst tritt eine gewisse störende Spannung ein,« entgegnete die Gräfin.

»Du hast Recht,« sagte der Graf, indem er in den Ballsaal zurückkehrte; – »aber wo in aller Welt kann Peregrin sein!«

»Vielleicht läuft er wieder einmal Schlittschuh im Mondschein! ich will sogleich Jemand an die Elbe hinunter schicken und nach dem Teich im großen Garten.«

Der Graf wars ihr einen liebevollen Blick zu und zwei Minuten später rauschte vom Orchester herab »das Leben ein Tanz« – dieser Straußische Walzer, der damals alle Füße in Europa elektrisirte.

Zwei Damen saßen in einem Zimmer auf einem bequemen Sopha und unterhielten sich sehr lebhaft. Die Eine war fremd in der Gesellschaft, wünschte aber, es nicht zu bleiben, sondern genau alle Persönlichkeiten, alle Verhältnisse, wo möglich alle kleinen Intriguen, Sympathien und Zwiste kennen zu lernen. Die andere Dame wünschte sehnlichst, über dies Alles ihre Mittheilungen zu machen. Die hervorragendsten Personen hatten schon die Revue passiren und ihr Gericht aushalten müssen; da sagte die Fremde:

»Eine ganz liebenswürdige Frau ist aber Gräfin Gorm! und wie schwimmt sie im Glück! Der Mann scheint sie anzubeten und obschon sie zwei erwachsene Söhne hat, ist sie noch immer schön. Dazu dies immense Vermögen! . . . Bemerkten Sie die Points d'Alençon, womit ihr Kleid besetzt ist?«

»Gewiß, eine selten glückliche Frau!« war die Antwort; – »reich – enorm! indessen macht Geld und Gut nicht glücklich. Schön – sehr! das heißt eine sehr gut erhaltene Schönheit; und das ist schon glücklicher, denn es fesselt den Herrn Gemahl, wie es scheint. Es ist unglaublich, welche Capricen die Männer haben!«

»Ich bitte sehr, den meinen auszunehmen.«

»Ach und den meinen! Wenn Sie wüßten, welch ein Engel mein Mann ist! Das ändert aber das Factum nicht: Männer sind und bleiben capriziöse Geschöpfe. Der nämliche Graf Gorm, den Sie jetzt zu den Füßen seiner schönen Lucia und quasi jünglingsmäßig in sie verliebt sehen, war vor zwanzig Jahren nahe daran, sich von ihr scheiden zu lassen.«

»Unglaublich!«

»Und dennoch wahr! Fragen Sie alle Zeitgenossen. Die schöne Lucia hatte keine Kinder. Das verdroß den Herrn Gemahl auf's Aeußerste. Eine intriguante Russin wußte schlau diesen Verdruß zu benutzen, zu steigern und Lucia war einige Jahre sehr unglücklich. Da kam der Befreiungskrieg und brachte Graf Gorm, der die Feldzüge mitmachte, auf andere Gedanken, die völlig zum Besseren sich wendeten, als Lucia, die inzwischen in Italien gewesen war, von dort ihren ältesten Sohn mitbrachte, den bärenhaften Peregrin – wo ist er denn? ich habe ihn heute Abend noch gar nicht gesehen!«

»Bärenhaft? dann muß er sehr aus der Art geschlagen sein!«

»Das ist er auch – und ich will Ihnen nicht verhehlen, daß böse Zungen – natürlich nur solche! wir nicht! – daß sie etwas Lust und etwas Veranlassung zu einigem Gerede gehabt hätten, wenn nicht die Gorm'sche Ehe von Stund' an ein Ideal von Ehe gewesen und geblieben wäre . . . . Ach, liebe Lucia!« rief sie im veränderten Ton, als die Gräfin sich den beiden Damen näherte; – »eben sprachen wir von Dir und von Deinem interessanten Peregrin! Wo ist er denn, dieser kleine Paganini? bei seiner Amata? mein Gott! so jung und schon ein Genie!«

Gräfin Gorm bemerkte das Erstaunen, womit die fremde Dame der Verwandlung des bärenhaften Peregrin in einen interessanten und genialen zuhörte, und obschon sie nicht den Grund des Erstaunens in vollen Umfang ermessen konnte, sagte sie lächelnd zu dieser:

»Glauben Sie nur kein Wort von all den schönen Dingen! mein Sohn spielt recht hübsch die Geige und da ihm sein Vater eine ganz ausgezeichnete Geige von dem berühmten Amati geschenkt hat, so nennt Peregrin sie seine Amata. Das ist das Wahre der Sache.«

Und ihren Pflichten als Hausfrau folgend, ging sie zu einer anderen Gruppe ihrer Gäste.

Da war es, als ob ein Wirbelwind durch die Zimmer fahre und vor Gräfin Gorm Halt mache. Ein junger Mensch, schwarzäugig, schwarzlockig. lebhaft in Ausdruck und Geberden, nicht schön von Zügen, ergriff ihre Hand, küßte sie und sagte mit ungemein wohlklingender Stimme:

»Da wäre ich! – aber ich bitte um Vergebung.«

»Es ist gut!« sagte sie kalt. Derjenige, mit dem sie vor dieser Unterbrechung geredet hatte, ein bejahrter Herr, der den linken Arm in einer Schlinge trug, sagte freundlich zu dem Jüngling:

»Woher so spät, lieber Peregrin?«

»Von einer Wanderung durchs Geisterreich, Herr General.«

»Oho!« sagte der General scherzend, »haben Sie eine Gespenstergeschichte oder die »Seherin von PrevorstGeschichte einer Somnambulen von Justinus Kerner, die damals einiges Aufsehen machte.« gelesen?«

»Nichts von Gespenstern und nichts gelesen, Herr General! Auf dem Eise war ich! Da wir schon einmal Schwellwasser hatten, ist jetzt bei dem klingenden Frost die Elbe spiegelblank zugefroren und gibt eine unvergleichliche Schlittschuhbahn. Da war ich. Das ist mir eine Wonne, so dahin zu gleiten, zu fliegen, lautlos, weiter und weiter, vorüber an den stillen Ufern, von Niemand beachtet als von dem Mond, der meinen Schatten auf die weiße Fläche tuscht, von Niemand angeschaut als von den göttlichen Sternen – frei, leicht, ungehemmt, wie eine Seele ohne Körper. Das nenne ich eine Wanderung durchs Geisterreich.«

»Und jetzt werden Sie ohne Zweifel ebenso froh und leicht auf dem Parquet dahinfliegen.«

»Nur mit dem Unterschied, daß im Ballsaal jede Ahnung eines Geisterreichs aufhört und daß es da im Grunde nur Körper ohne Seele gibt.«

»Hat Dein Vater Dich schon gesehen?« unterbrach ihn die Gräfin; »er war besorgt um Dich.«

»Er war besorgt um mich . . . mein guter Vater!« rief Peregrin und eilte hinweg, um den Grafen aufzusuchen.

»Sie sind eine glückliche Mutter, Gräfin!« sagte der General.

»O ich bitte Sie, lassen Sie das nicht Peregrin hören!« rief sie hastig; »das würde ihn in seiner Bizarrerie bestärken und ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß er sehr schwer zu leiten ist.«

»Das mag sein! doch bleibe ich dabei, einer Mutter Glück zu wünschen, deren Sohn sich froher unter dem Sternenhimmel, als unter dem Kronleuchter fühlt.«

»Sie haben Recht, lieber General! ich wäre undankbar, wenn ich mich nicht sehr glücklich nennen wollte,« sagte die Gräfin etwas gezwungen – und setzte hinzu: »Sie werden doch Ihre Schachpartie machen? Im blauen Cabinet ist dafür gesorgt und da sind Sie ungestört.«

Der General verbeugte sich dankbar und sagte, er wolle zuvor einen Blick in den Tanzsaal und auf die junge Welt werfen. Während er in die Thür trat und Peregrin unter den Tänzern suchte, kam ihm dieser plötzlich entgegen und sagte ungemein vergnügt:

»Alle Damen sind für alle Tänze versagt! Bin ich unbescheiden, wenn ich mich Ihnen zur Schachpartie anbiete, Herr General?«

»Lieber Peregrin, ist das ein Opfer?«

»Von Ihrer Seite vielleicht, von der meinen nicht. Sie wissen ja, was ich von einem Ball halte.«

»Es ist doch eigentlich unnatürlich, daß Sie bei Ihrer Jugend keine Freude am Tanz haben.«

»Was kann ich dafür? – diese Sorte von Freude ist mir zu hohl. Und dann weiß ich auch gar nicht, was ich mit den Damen immerfort reden soll.«

»Nun das beruhigt mich,« sagte der General lachend; »dann wollen wir uns an das edle Schachspiel machen.«

Sie gingen nach dem blauen Cabinet. Da brannte ein trauliches Feuer im Kamin und daneben stand der Tisch mit dem Schachbrett.

»Hier ist's gemüthlich,« sagte der General.

»Wie geht es in Polen?« fragte Peregrin.

»Auf den blutigen Schlachtfeldern von Grochow und Ostrolenka stirbt ein Volk,« sagte der General ernst.

»Und hier tanzt man – als ob uns das nichts anginge!« rief Peregrin.

»So ist das Leben! – Auch das Leben ist eine Schlacht; in jeder Secunde stirbt ein Mensch und wir tanzen und scherzen, wir schlafen und essen, als ob uns das gar nichts anginge,« entgegnete der General.

»Wahr! doch mit dem Unterschied, daß die Schlacht, die der Tod uns liefert, auf Naturgesetzen beruht, denen wir Alle ohne Ausnahme unterworfen und mit denen wir vertraut sind, während die andere ein abnormer, gräßlicher, durch menschliche Ungerechtigkeit herbeigeführter Zustand ist. Und dieser Blick auf die menschliche Ungerechtigkeit ist es eben, der das Leben bitter macht, so daß ich, wenn ich da drinnen spielen höre »das Leben ein Tanz« – dazwischen rufen möchte: »Ihr lügt! das Leben ein Kampf: so heißt es!« – Und welch ein Kampf muß das sein, wenn darin ein Volk stirbt!«

»Es stirbt ein Volk – sagte ich insofern,« erwiderte der General, »als sich ganz Polen mit Gut und Blut, mit Leib und Seele an dem Kampf beteiligt und in ihm leidet und unterliegt; aber physisch stirbt doch nur eine Generation dieses Volkes und eine spätere fängt da wieder an, wo die gegenwärtige aufgehört hat. Völker, die das ewige Recht für sich haben und dem heiligen Glauben treu bleiben – sterben nicht. Das haben wir jüngst an Irland erlebt! Es war geknechtet – oder, da der Glaubenshaß eine so bedeutende Rolle in Englands Verfahren gegen Irland spielt und da das Leiden um des Glaubens willen den Martyrer macht, – es war martyrisirt, wie nie ein christliches Volk es wurde, seitdem das Christenthum in Europa herrscht. Seit Kaiser Julians des Abtrünnigen Zeit haben wir nichts Aehnliches, ja kaum damals etwas so Barbarisches gesehen. Wenn in Irland ein Sohn abfiel vom Glauben, wurde dem Vater das Familiengut genommen – und ihm gegeben. Ich weiß nicht, ob dem heidnischen Imperator je eingefallen ist, eine solche fluchwürdige Versuchung vor einen Menschen hinzulegen. Aber darin stimmte er mit dem anglikanischen England überein, daß die Christen, die Katholiken, keine Bildungsanstalten, die ihren Prinzipien entsprachen, haben durften. So wurden sie grundsätzlich zu Heloten ohne Recht, ohne Freiheit, ohne Bildung gemacht. Für die alten Christen hörten diese Drangsale mit Julians Tode auf; für die Katholiken Irland's dauerten sie dreihundert Jahre; aber das, was sie bezweckten, den Abfall vom Glauben, das erreichten sie nicht! der Ire blieb katholisch! ja, er setzte vor drei Jahren die Emancipationsbill im englischen Parlament durch und ging somit aus dem Zustand eines vogelfreien, gehetzten Thieres in den eines Menschen, wenn auch noch nicht eines Engländers, über. Dies halte ich mir oft vor Augen, um die Hoffnung für mein Vaterland dadurch zu beleben. Auch Polen ist glaubenstreu und deshalb martyrisirt. Aber Martyrer feiern eine Auferstehung.«

»Vielleicht sollen diese Völker auf dem Scheiterhaufen der Trübsal sich verjüngen wie der Phönix, der alt in die Flammen sinkt und frisch und jung aus ihnen hervorgeht!« rief Peregrin.

»Das ist überhaupt der Zweck der Trübsal und jeder Einzelne von uns soll sie bestehen. Allein der Scheiterhaufen, aus dem Polen erneut hervorgehen könnte, wird wohl nur ein allgemeiner Weltbrand sein, da der nordische Eisbär mit seinen furchtbaren Tatzen das Russificiren gründlich treibt.«

»Woher kommt es nur,« fragte Peregrin offen, »daß es so vielfache Vorurtheile gegen die Polen und die Iren gibt? daß man sie leichtsinnig, arbeitsscheu, unruhig, streitsüchtig und was weiß ich, nennt, ohne neben ihren Fehlern ihrer Tugenden zu erwähnen.«

»Kennen Sie nicht das Wort: »Vae Victis!« Wehe den Besiegten, den Gebundenen, den Unterdrückten!« sagte der General mit einem traurigen Lächeln. »Die Sieger wollen ihre Ungerechtigkeit rechtfertigen, mein lieber Peregrin, indem sie eine neue Ungerechtigkeit gegen die Besiegten begehen – und die Tagesmeinung stimmt für die Glücklichen, die Mächtigen.«

»Jetzt nicht!« rief Peregrin; »wer von uns wäre nicht für Polen begeistert!«

»Für die Polen – ja! wegen ihrer Heldenthaten. Der Heroismus ist hinreißend. Aber für Polen, als Nation, als selbstständiges Land und Volk– sehr Wenige. Und deshalb ist es eben meine Ueberzeugung, daß nur ein Weltbrand Polen erlösen wird.«

»Wie freue ich mich, daß ich jung bin!« sagte Peregrin; »ich werde gewiß noch viel Großes erleben . . . und mich dürstet danach.«

Liebevoll ruhte der Blick des Generals auf ihm, als Peregrin fortfuhr:

»Doch lieber noch möchte ich Großes thun, groß werden, als nur es erleben.«

»Da haben Sie Recht! werden Sie groß in der Tugend.«

»Welche Tugend schätzen Sie am höchsten, Herr General?«

»Die Tugend des Christen: Selbstverleugnung; denn sie begreift Demuth und Starkmuth in sich. Damit überwindet man die Welt. Das ist groß – obschon es nicht immer mit großen Thaten verbunden ist.«

»Mich dürstet aber auch nach großen Thaten!« rief Peregrin. »Sehen Sie, wir sind ein altes skandinavisches Geschlecht. Wikinge waren wir, heldische Könige der Meere, hochberühmt durch Großthaten. Erst im dreißigjährigen Kriege kamen wir nach Deutschland, wo wir zahmer geworden sind. Aber ich möchte dies heldenhafte Leben wieder auffrischen. Ich bin stolz darauf, ein Gorm zu sein! Nicht prahlerisch noch hoffärtig stolz, sondern so, daß ich meiner Ahnen würdig und meiner herrlichen Eltern Herzenstrost sein möchte.«

Der General lächelte; Peregrin folgte dessen freundlichem Auge – und sein Blick fiel auf seine Eltern, die hinter ihm in das Cabinet getreten waren.

»Habt Ihr es gehört, was ich will, wonach ich mich sehne!« rief er aufspringend und die Eltern umschlingend, indem er zwischen sie trat; »ist das nicht in Eurem Sinn, aus Eurem Herzen gesprochen?«

Die Gräfin sagte freundlich:

»Piano, piano! man hört Dich in allen Zimmern.«

Der Graf nahm Peregrins Kopf in beide Hände, küßte seine schwarzen Locken und sagte tiefzärtlich:

»Mein prächtiger Sohn.«

»Wenn Du nicht am Schachspiel des Generals säßest,« sagte die Gräfin, »so würde ich Dich in den Tanzsaal schicken, Peregrin. Du mußt durchaus lernen, etwas verbindlicher mit den Menschen umzugehen. Nicht wahr, lieber General, das gehört zur Erziehung, zum guten Ton.«

»Und zwar so sehr,« entgegnete dieser, »daß ich Peregrin gern von der Schachpartie dispensire, die überdas noch nicht angefangen hat.«

»Ich beginne die Tugend zu üben, die Sie, Herr General, so hoch schätzen: die Selbstverleugnung!« sagte Peregrin heiter und verließ das Cabinet.

Er trat in den Tanzsaal, schlug die Arme übereinander und sah gedankenvoll in das Getümmel. Also das soll nun schön sein! sprach er zu sich selbst; – ich will's glauben, wenn ich muß . . . aber finden kann ich's nicht. Die Tänzerinnen bekommen doch Alle so etwas von müden Bachantinnen: das Haar löst sich auf, die Blumen fallen herab, das Auge wird fieberhaft, die Farbe roh. Länger wie eine halbe Stunde darf keine Person tanzen, die einen angenehmen Eindruck machen will. Am Schluß eines Balles ist die schönste – häßlich, entstellt durch einen profanen Freudenrausch. Denn einen edlen Gedanken, ja nur einen vernünftigen, kann Niemand in diesem Getümmel fassen: um Vergnügen daran zu finden, muß man sich besinnungslos fortwirbeln lassen. Schickt sich das für den Menschen überhaupt und besonders für das zarte weibliche Geschlecht? – –

Der Walzer war zu Ende; die Musik verstummte und Peregrin erschrack vor der scharfen Kritik, die er soeben geübt hatte, als ob man sie hätte vernehmen können.

»Was stellen Sie denn für philosophische Betrachtungen an!« rief ein junger athemloser Mann und schlug Peregrin auf die Achsel; »denken Sie etwa darüber nach, wem Sie den goldenen Apfel überreichen möchten?«

»Da ich kein Paris bin, befasse ich mich auch nicht mit dessen Urtheil,« erwiederte Peregrin lachend.

»O, das bildet sich von selbst! man hat ja Augen!«

»Eben darum! sterbliche Wesen sind keine Göttinnen; was sollten sie mit einem goldenen Apfel anfangen? man kann ihn nicht essen, nicht in's Haar flechten; – – ich behalte ihn für mich.«

»Sehen Sie, wie ich Ihre Gedanken errathe!« sagte der junge Mann, und machte Miene, einer Dame zu folgen, die mit einem hübschen blassen Mädchen den Tanzsaal verließ. Aber die Dame wendete sich mit einer leichten, doch entschiedenen Bewegung von ihm ab und sagte zu Peregrin:

»Lieber Graf, Sie haben gewiß kölnisches Wasser zur Hand: meiner Tochter ist nicht wohl.«

Es war dieselbe Dame, die Peregrin »bärenhaft« genannt – wozu sie ihren Grund darin hatte, daß er in vollkommenster Gleichgültigkeit gegen ihre Tochter verblieb, obschon Beide, wie die Mutter gern hervorhob, schon von frühester Kindheit an Gespielen waren. Dies wäre nun wohl ein genügender Grund gewesen, um Peregrins Gleichgültigkeit zu erklären, da ein tieferes und wärmeres Gefühl unendlich selten durch das Längstgekannte hervorgerufen wird. Die Wünsche der blinden Mutterliebe glitten jedoch darüber hinweg und brachten eine beständige Schwankung zwischen Unmuth und Freundlichkeit hervor, die Peregrin gar nicht bemerkte. Er sagte nur:

»Kein Wunder bei dieser Temperatur für Seidenwürmer – nicht für Menschen!« – und eilte fort, um kölnisches Wasser und englisches Salz zu holen.

»Für Seidenwürmer! . . . wie drollig!« sagte das junge Mädchen; »das Allerentfernteste fällt immer dem Grafen Peregrin ein.«

»Während er von dem Allernächsten nichts weiß,« setzte die Mama erläuternd hinzu.

»Meinst Du? Ich hörte, er mache sehr gute Studien,« entgegnete das junge Mädchen unbefangen.

»Davon rede ich nicht, Kind! – und ich bin weit entfernt, ihm Talent abzusprechen . . . im Gegentheil! – Aber in der Gesellschaft ist sein Benehmen mangelhaft.«

Sie wurde in diesem Urtheil bestärkt, als nicht Peregrin, sondern Gräfin Gorm selbst mit den gewünschten Essenzen kam und ihre freundlichste Theilnahme aussprach. Peregrin war bei einer Gruppe von Männern geblieben, welche lebhaft den Werth der constitutionellen Verfassungen discutirten und in ihnen das Heil Europas, die Wohlfahrt der Menschheit erblicken wollten. Diese Form war damals noch neu, hatte keine Probe bestanden und war durch Louis Philipp, mit Beseitigung der erblichen Pairswürde, in Frankreich zur Geltung gekommen. Liberale hießen damals in Deutschland Diejenigen, welche konstitutionelle Verfassungen der Staaten wünschten, und Diejenigen, welche es nicht wünschten, hießen mit einer unglaublichen Verwirrung der Begriffe Aristokraten. Merkwürdiger Weise dachte Niemand bei dem Neubau der Regierungsform an die ständischen Verfassungen mit ihrem ächtgermanischen Kern und Stempel. Man schien es für unmöglich zu halten, daß Männer das Herz auf dem rechten Fleck und redliche Theilnahme für das Wohl des Vaterlandes haben könnten, wenn sie Abgeordnete ihrer Standesgenossen wären. Hingegen wurde ihnen ohne Weiteres jede Befähigung zugetraut, sobald sie sowohl als ihre Wähler den festgesetzten Census steuerten. Peregrin hörte dem Gespräch bescheiden zu; endlich sagte er:

»Ist es wirklich ein Zeichen fortgeschrittener politischer und socialer Bildung, dem Gelde einen so ungeheuern Einfluß, ein so immenses Gewicht zu geben? Macht es nicht einen seltsamen Eindruck, daß die Männer, bei denen man nicht bloß die größte Begeisterung für das Wohl des Landes, sondern auch die größte Befähigung, um dafür zu wirken, voraussetzt – durch ihren Census gleichsam bekräftigen müssen, daß dem so sei? Man will die alten Stände nicht – und man schafft einen neuen: den Geldstand. Gibt er eine größere Garantie seiner Anhänglichkeit an Land und Volk, und seines Verständnisses für das, was der Zeit Noth thut? – ich glaube kaum.«

»Mit ständischen Institutionen nach alter Art ist es unmöglich zu regieren,« sagte ein bejahrter Herr, der viele Ordensbänder trug.

»Warum muß denn so viel regiert werden, Excellenz«, fragte Peregrin unbefangen.

»Nicht gerade so viel,« entgegnete lächelnd die Excellenz; – »aber ruhig, geordnet, wohl eingerichtet, in allen Branchen geregelt und das Ganze möglichst leicht zu übersehen: das ist Regierung – und die war unmöglich bei den alten ständischen Institutionen mit ihren hunderttausend Rechten und Vorrechten und Ausnahmsrechten, die jedem geregelten Zustand Hohn sprachen – weßhalb sie denn auch einem andern System Platz machten.«

»Ja,« sagte Peregrin, »dem System des Königs Friedrich I. von Preußen: »Ich stabilire die Souveränetät wie einen Rocher von Bronce.«

»Oder dem System Car tel est notre plaisir – eines Ludwigs XIV. und XV.«, sagte ein anderer Herr; »und dies plaisir und dieser rocher haben jetzt seit mehr als anderthalb Jahrhunderten auf uns gelastet und bewiesen, daß sogar die Schildkrötenschaale der Langmuth der deutschen Völker sie nicht länger ertragen können. Da also weder das ständische, noch das absolutistische System für uns brauchbar ist: so müssen wir es mit dem constitutionellen versuchen.«

»So lange es geht!« sagte die Excellenz bedachtsam. »Diese konstitutionellen Monarchien in Frankreich, in Belgien, hier im Lande sind alle aus einem gewissen revolutionären Druck hervorgegangen. Verstärkt sich derselbe – was wohl anzunehmen sein dürfte, da diese Richtung der Zeit ihren Culminationspunkt noch nicht erreicht, viel weniger überschritten hat: so würde überhaupt die monarchische Form nach und nach vermutlich der republikanischen weichen müssen – oder aber der Staatsabsolutismus sich mit dictatorischer Schwere auf das constitutionelle Leben legen. Doch ein Paar Generationen wird dasselbe wohl ausdauern und während derselben feiern wir unsere Rosenmonde – zwischen Regierung und Volksvertretung.«

»Volksvertretung! erhabenes Wort! großer Gedanke!« rief ein Dritter; »damit beginnt eine neue Aera in der Geschichte der Menschheit! Dieser Gedanke stempelt unsere Zeit mit dem Gepräge eines wahren, eines immensen Fortschritts: das Volk kommt zur Geltung. Daran dachte man bei den ständischen Institutionen nicht.«

»Die Gesammtheit der Stände sind ja eben – das Volk,« sagte Peregrin; »und waren den einzelnen Ständen, sei es zu viel Vorrechte, sei es zu wenig Rechte gegeben: so war es doch nicht schwerer, diese Form auf einer passenden Basis zu erweitern, als ohne Basis eine neue Form in die Welt zu setzen. Wenn Sie mit Ihrer Volksvertretung kein Gaukelspiel treiben wollen, so muß jeder Proletarier ohne Umschweif seinen Mann wählen und direct ins Parlament schicken dürfen.«

»Wie! Sie wären für das System der directen Wahlen, das der Masse des Volkes ein ungeheures Uebergewicht gibt?«

»Ich bin weder dafür noch dagegen – ich suche mich zu belehren,« entgegnete Peregrin. »In meinen Augen bilden alle Stände zusammen – das Volk; und deßhalb soll jeder Stand seine Vertreter aus seinem eigenen Schooß erwählen, damit alle Interessen, alle Bestrebungen, alle Bedürfnisse des Landes an die Oeffentlichkeit kommen; – damit sie einander kennen lernen und sich theils begrenzen und beschränken, theils gegenseitig forthelfen und unterstützen – und der Regierung einen richtigen Einblick in Mängel, in Ansprüche und Forderungen gewähren, die überall hervortreten, wo Menschen sich regen. Excellenz finden bei diesen ständischen Verfassungen zu viel Selfgovernment, d. h. zu viel Freiheit und stimmen für absolutmonarchische Formen: ich kann nicht beistimmen, aber ich kann das begreifen, denn der Organismus eines Staates mag Auswüchse haben, die der Mechanismus nicht hat. Sie jedoch finden in den ständischen Verfassungen zu wenig Freiheit. Das Volk, als ein Agglomerat von Einzelwesen, soll vertreten werden, – und dann erschrecken Sie doch vor der Freiheit der directen Wahlen! Das finde ich nicht logisch! Gewählte der Wähler der Wählenden haben durchaus keine Verbriefung mehr »Volk« zu sein oder mehr das Volk zu kennen, zu lieben, zu vertreten als Gewählte ihrer Standesgenossen oder beliebig Gewählte jedes einzelnen Wählers ohne Rücksicht auf seinen Steuer-Census.«

»Aber, Bester, Sie müssen doch einsehen, daß es sich nicht bloß um eine numerische Vertretung der Köpfe, sondern um das, was in ihnen ist, handelt. Die Intelligenz des Volkes soll vertreten werden.«

Die Excellenz spielte lächelnd mit ihrer Dose und Peregrin rief:

»Ja! aber in praktischer Weise! anwendbar auf wirkliche, lebendige, ernste Interessen und Bedürfnisse – nicht durch hohle Theorien und Wortschwall.«

»Dann . . . . Adieu Repräsentativsystem!« sagte die Excellenz, schnupfte zierlich eine Prise Tabak und ging von dannen.

Der Vertreter der Volksintelligenz blickte ihm nach und sagte achselzuckend und leise:

»Diese Sorte, die da meint, mit Acten- und Depeschen-Schreiberei Völker und Staaten zu regieren, hat ihre besten Tage gehabt. Fortan geht der Zepter auf die Intelligenz über, indem sie die öffentliche Meinung bildet, beherrscht, durchdringt und lenkt.«

»Königin Intelligenz ist ein so unbestimmtes, nebelhaftes Wesen, daß ich mich noch nicht entschließen kann, ihr unbedingt zu huldigen,« sagte Peregrin munter. »Wenigstens müßte sie sich ein Paar solide Minister zulegen.«

»Die hat sie bereits! Aufklärung und Bildung sind ihre rechte und linke Hand.«

»Genügen mir nicht!«

»Sie Ungenügsamer! Das Ministerium der Erfahrung stellt sich von selbst dazu ein und dann werden Sie doch zufrieden sein?«

»Keineswegs! vom sittlichen Gebiet muß sich die Intelligenz ihre Minister holen, wenn sie eine edle Herrscherin sein will. Ein Paar von den alten sogenannten Cardinaltugenden, die Gerechtigkeit, die Mäßigkeit, die Weisheit müssen ihr zur Seite stehen.«

»Ah so! Sie sprechen von Tugenden! ich dachte just nicht daran, sie in's Fundament zu bringen, da ich sie vielmehr für eine Folge der Aufklärung, welche die Intelligenz verbreitet, halte.«

»War in Ihren Augen Mirabeau ein Mann der Intelligenz?«

»Im eminentesten Sinn.«

»Und Danton?«

»Immens – o ganz immens intelligent.«

»Nun . . . . und deren Weisheit, Mäßigkeit und Gerechtigkeit – wo ist sie? Zeigen Sie mir eine Spur dieser Tugenden in ihrem öffentlichen, politischen Leben; in ihrer Wirkung auf Andere, auf größere Kreise! Sie können es nicht! Sie sehen also, daß Intelligenz und Tugend keineswegs von Natur zusammenhalten wie Mutter und Kind.«

»Ah, Sie sind ein Republikaner nach Cato's Prinzipien, wie ich merke! Das kommt daher, daß den klassischen Studien, die Sie jetzt vorzugsweise treiben, zu großes Uebergewicht bei der wissenschaftlichen Bildung eingeräumt wird.«

»Aber nein! aber nein!« rief Peregrin ungeduldig; »ich bin kein Republikaner! ich möchte nur gern ergründen, was ich in Wahrheit und mit Ehren sein könnte oder – richtiger gesagt, werden könnte, denn in meinem Alter hat man noch keine unumstößliche, politische Ueberzeugung, sondern meistens nur traditionelle – und zuweilen persönliche Vorliebe und Abneigung.«

»Nur Geduld! in einigen Jahren, je mehr Ihr Verstand sich entwickelt, werden Sie auf meiner Seite stehen und zu meiner politischen Farbe halten.«

»Ich weiß nicht, ob ich mich zu dieser Prophezeiung freuen soll,« sagte Peregrin nachdenkend.

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