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Ida von Hahn-Hahn: Peregrin - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrin
authorIda Gräfin Hahn-Hahn
year1864
publisherVerlag von Franz Kirchheim
addressMainz
titlePeregrin
created20020701
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Der Abschied.

Der Pilger, wie Gräfin Gorm ihn nannte, hatte weite Wege durchpilgert; noch weiter innerlich, als in der äußern Welt. Ein halbes Jahr nach jener furchtbaren Enthüllung hatte er noch auf Schloß Traun zugebracht, um alle Rücksichten zu beobachten. Aber es war ein martervoller Zustand. Er wußte, daß er nicht der Herr des Hauses, nicht der Sohn des Hauses sei, und er mußte sich nach der Seite der Welt hin, um keinen Verdacht zu erregen, benehmen, als ob er es sei. Verschwinden, so bald wie möglich verschwinden! – dahin ging sein ganzes Verlangen; und wenn Lucia ihn zuweilen angsthaft fragte, ob er irgend einen Plan für seine Zukunft habe und ob sie ihm nicht dazu behülflich sein könne, so antwortete er nur, es sei ihm unmöglich, hier einen Plan zu machen. Er müsse gründlich aus seinen bisherigen Verhältnissen herausgetreten sein, bevor er den Gedanken fest und klar erfassen könne, daß das Alte wirklich vorüber sei. Wegen der tiefen Trauerzeit lebten sie ganz einsam und Peregrin veranlaßte Alarich, während der Frühlingsferien eine Reise nach Belgien zu machen, denn er fürchtete, das Geheimniß unwillkürlich vor Alarich zu verrathen und daß dieser noch nicht genug Selbstbeherrschung haben werde, um es mit Ruhe und Verschwiegenheit zu bewahren. Auch fand Peregrin es leichter, gar nicht über diese unerhörte Sache zu sprechen, als mit Fassung; denn wenn er nur an sie dachte, so war ihm schon zu Sinn, als werde jede Faser seines Herzens zerrissen – und ach! er war ja genöthigt, unausgesetzt daran zu denken! Jeder Schritt, den er auf diesen Boden that, jeder Blick, den er auf die Umgebung warf, jede Anordnung, die er machte, jedes Geschäft, das er besorgte – Alles erinnerte ihn daran, daß es in einigen Monaten, Wochen, Tagen damit aus und vorbei sein werde. Er war wie ein Sterbender, der die unvermeidliche Stunde seines Todes vorher weiß. Ja, zu sterben wäre minder schwer gewesen! Einige Augenblicke des Todeskampfs – und das physische Leben ist überwunden! Aber sterben zu müssen dem Herzen nach, sterben als Sohn, als Bruder – sterben für die ganze Richtung, für das ganze Streben, welche Verhältnisse und Stellung, Erziehung und Bildung der Existenz gaben – und dann fortleben zu müssen ohne Familie, ohne Vaterland, ohne Heimath, ohne Namen, ohne Laufbahn, ohne Vermögen – ob und wie das zu ertragen sei, das konnte Peregrin nicht beurtheilen, so lange er sich auf Schloß Traun befand, und der physische Tod erschien ihm dagegen als etwas Leichtes und Friedliches.

»Versprich mir nur, nicht plötzlich, nicht ohne Abschied abzureisen,« sagte Lucia eines Tages. »Ich erwache jeden Morgen mit der Angst, daß Du in der Nacht fortgegangen sein könntest.«

»Nun, der Morgen wird ganz gewiß eintreten,« sagte Peregrin schwermüthig.

»Aber nicht ohne Abschied!« bat sie.

»Ich kann nichts versprechen!« rief er; – »ich thue das, was ich aushalten kann.«

»Nimm nur aus Barmherzigkeit mein ganzes Vermögen,« sagte sie flehend.

»Das gebührt Alarich,« entgegnete Peregrin finster. »Du hast nicht das Recht, es dem Sohn zu entziehen und dem Fremden zu geben.«

»Dem Fremden! . . . o Peregrin, bist Du nicht wahrhaft mein Sohn gewesen?«

»Ja . . . so lange Du mich nöthig hattest.« erwiderte er hart.

»Warst Du ein Fremder für Deinen Vater!« rief sie in Thränen.

»O schweige von ihm!« rief Peregrin trostlos. »Mein größter Schmerz ist es, daß er nicht mein Vater ist – daß ich seine Liebe gestohlen habe! . . . Aber er und ich: . . wir waren ja beide arme, blinde Opfer.«

»Sei barmherzig, nimm mein Vermögen,« wiederholte die Gräfin.

»Es gehört Alarich: also darf ich es nicht nehmen,« versetzte Peregrin. »Ueberdies nützt es mir nichts. Der Verstoßene, der Namenlose, dem jede Laufbahn verschlossen ist, braucht kein Vermögen. Er lebt von einem Tage zum andern, als Geigenspieler, als Tagelöhner . . . was weiß ich! und das Brod kann er sich allenfalls verdienen.«

»Peregrin! Du . . . als Tagelöhner!« rief die Gräfin ganz außer sich.

»Es gibt für mich keinen andern Platz,« entgegnete er, »und wenn sich alle Bildung und Weisheit des Jahrhunderts in mir vereinigten. Ganz Deutschland kennt mich als Graf Gorm, denn ich war auf drei Universitäten, ich bin gereist, ich habe überall theils die große Gesellschaft, theils bedeutende Persönlichkeiten aufgesucht; ich habe überall Bekannte, Studiengefährten, Universitätsfreunde, auch Freunde meines Vaters; man war überall, wenn nicht wegen meiner Person, so doch wegen des Namens, den ich trug, wohlwollend für mich. Daß ich in Deutschland unmöglich unter einem andern Namen leben kann, versteht sich von selbst. Und in andern Ländern sind dem Fremdling ohne Namen, ohne Herkunft, ohne Beschützer alle Wege und Stege verschlossen. Ich kann ja nicht einmal einen richtigen Paß vorweisen. Die europäischen Polizeistaaten dulden mich nur als Graf Gorm. In der Gesellschaft kann ich aber nicht mehr als Graf Gorm existiren, denn ich würde in meinen Augen das Brandmal der Lüge auf der Stirn tragen. Folglich muß ich diesem Conflict aus dem Wege gehen . . . und zu den Wilden fliehen.«

»Aber gerade in andern Welttheilen, in Australien, in Amerika, kannst Du Dir, wenn Du Geldmittel hast, eine glänzende Zukunft eröffnen.«

»Ich könnte reich werden, wenn ich den Handelsgeist hätte und zu speculiren verstände – das ist möglich!« erwiderte Peregrin. »Aber es ist gewiß, daß mir dazu Talent und Lust fehlen und daß mir eine Zukunft, die ihren Glanz vom Gelderwerb empfängt, nicht glänzend, sondern armselig erscheint. Wäre ich erzogen als das, was ich bin, so hätte ich ein Handwerk gelernt und meine Pflicht und Ehre darin gefunden, mir durch meine Tüchtigkeit – zuerst mein Brod, und dann mehr und mehr zu erwerben. Aber ich bin als Graf Gorm erzogen. In diesem Stande verwaltet man sein Vermögen, vielleicht vergrößert man es auch; allein der Erwerb mit seiner Thätigkeit liegt außerhalb seiner Sphäre und ich habe das bisher immer als ein außerordentliches Glück betrachtet, weil es mit meiner Neigung und Richtung zusammenfällt. Für mich gab es nur eine glückliche Zukunft und zwei Worte drücken sie aus: Meinem Lande dienen und der Menschheit nützen. Dahin gingen meine Studien, meine Interessen, meine Bestrebungen. In diesem Boden wurzelte ich. Auf seine Cultur verwendete ich meine ganze Energie, alle Kräfte, alle Gaben, alle Einsicht. Jetzt bin ich ihm entwurzelt und zweifach zukunftslos; einmal durch mein äußeres Schicksal, und dann, weil mir auch innerlich und geistiger Weise die Grundlage fehlt, um eine andere Zukunft darauf zu bauen, nämlich die Kenntnisse, die Teilnahme, die Begeisterung.«

»Umsomehr, geliebter Peregrin, brauchst Du Geldmittel!« flehte Lucia. »O stürze mich doch nicht durch Deine Weigerung in den Abgrund der Verzweiflung! Und wenn Du nicht mein ganzes Vermögen willst, das über hunderttausend Thaler beträgt, so nimm die Hälfte . . . so nimm doch wenigstens den vierten Theil! Ach! das ist ja eine so geringe Summe, daß Alarich und ich es gar nicht bemerken.«

»Ich denke, ich werde nicht viel nöthig haben . . . oder doch nicht lange,« sagte er.

»Was hast Du vor?« rief sie und ergriff seine Hand, als ob sie ihn von einem verderblichen Schritt zurückhalten wolle.

»Ich würde gern in Algerien Kriegsdienste nehmen – wenn ich nur nicht für Louis-Philipp gegen Abd-el-Kadr kämpfen müßte,« sagte Peregrin mit traurigem Lächeln. »So ein störendes »Wenn« tritt mir bei jeder Frage von allen Seiten entgegen. Darum wollen wir es ruhen lassen, bis für mich der Augenblick der Entscheidung kommen wird.«

So verging ein halbes Jahr. Da ließ Peregrin eines Abends spät den Rentmeister rufen, der seit vierzig Jahren diese Stelle einnahm und dem Hause grenzenlos ergeben war. Es war eilf Uhr; aber der Rentmeister, ein kräftiger bejahrter Mann, saß noch bei seinen Büchern, als der Kammerdiener ihn zum Grafen beschied und in dessen Schreibzimmer führte. Peregrin saß am Schreibtisch und adressirte einen versiegelten Brief. Als er damit fertig war, stand er auf und der Rentmeister, der ihn jetzt in's Auge fassen konnte, rief erschreckt:

»Aber, Herr Graf, sind Sie krank? Sie sehen ja leichenblaß aus! was fehlt Ihnen?«

»Der grüne Schirm um die Kerzen, den ich noch immer brauche, wie ihn mein Vater gebraucht hat, gibt wahrscheinlich ein fahles Aussehen, denn ich befinde mich ganz wohl,« sagte Peregrin; – »so wohl, daß ich noch in dieser Nacht meine große Reiseantreten werde.«

»Ach, Herr Graf, geben Sie doch die lange weite Reise auf!« sagte der Rentmeister bittend. »Das war ganz gut – obschon immer etwas zu weit in die Welt hinein! – so lange wir Alle und besonders die Frau Gräfin den seligen Grafen hatten. Allein jetzt, wo uns Niemand bleibt, wo Schloß Traun ganz verwaist ist, da sollten sich der Herr Graf doch wenigstens innerhalb Europa's aufhalten, wo es ja gewiß der Merkwürdigkeiten die schwere Menge zu sehen gibt – sogar wilde Völkerschaften, die Zigeuner nämlich, von denen sich jetzt eine Bande an unserer böhmischen Grenze herumtreibt.«

»Es ist Alles überlegt und erwogen; diese Reise gehört nun einmal zu meinem Lebensplan und meine Mutter ist ganz damit einverstanden – also machen Sie mir das Herz nicht schwer, guter Rentmeister. Um meine Mutter zu schonen, deren schwache Nerven wieder sehr angegriffen sind, nehme ich keinen Abschied von ihr. Sie weiß, daß meine Reise auf Anfang Mai festgesetzt war; sie wird jeden Tag denken: Morgen reist Peregrin! wenn ich ihn nur wieder sehe! u. dgl. mehr; und das würde sie im höchsten Grade aufregen. Ich beuge dem vor und reise heute Nacht in den ersten Stunden des ersten Mai ab. Ich habe Sie rufen lassen, damit das Haus nicht etwa morgen früh in Schreck gerathe. Sie werden den Leuten sagen, warum ich in dieser Weise abgereist bin – und werden Sorge tragen, daß meine Mutter es nur durch Sie und nicht etwa durch ein lamentirendes Kammermädchen erfahre. Diesen Brief hier geben Sie ihr ebenfalls selbst und sagen Sie ihr, daß Sie mich wohl und munter gesehen hätten – und nun, mein guter alter Rentmeister, Gott befohlen . . . . und auf Wiedersehen.«

»Nein, nein!« sagte der Rentmeister beklommen, »ich nehme erst unten am Wagen Abschied.«

»Nicht doch!« rief Peregrin, »ich habe den Wagen um zwei Uhr, in tiefer Nacht bestellt – und zwar so, daß er nicht vorfährt, sondern ich gehe hinunter und über den Oeconomiehof statt über den Schloßhof fahre ich fort.«

»Gleichviel!« entgegnete der Rentmeister; »ich kann in dieser Nacht unmöglich schlafen; also müssen der Herr Graf es mir schon erlauben! – Und wer von den Dienern reist mit?«

»Kein einziger! es sind ja nur die Diener meiner Eltern im Schloß und unter ihnen ist keiner, dem ich eine solche Reise zumuthen möchte!«

»Aber der Kammerdiener ist doch so gewandt und brauchbar auf Reisen – wie der selige Graf immer sagte.«

»Ja, aber er ist kränklich und verzehrt viel lieber in aller Ruhe seine Pension hier oder in Dresden. Nein, ich muß mir unterwegs einen passenden Diener suchen.«

»Das ist aber entsetzlich, eine solche Reise so anzutreten!« seufzte der Rentmeister und zog sich bekümmert zurück.

Peregrin aber nahm Abschied von dem theuern Hause, unter dessen Dach er so glücklich gewesen war. Er durchwanderte alle Räume: die Zimmer, die er als Kind bewohnt hatte; die Zimmer seines Vaters, seines Bruders; die Bibliothek, das Billardzimmer, die sogenannte Jagdkammer: überall lebten und webten die süßesten Erinnerungen und die lieblichsten Bilder des Familienlebens gingen an seiner Seele vorüber. Er gedachte des Jubels, mit welchem er die erste Partie Billard gegen seinen Vater gewonnen hatte – und des größeren Jubels, womit er den Tiroler Stutzen empfing, das erste Gewehr, das der Vater ihm schenkte und das noch auf seinem alten Platze hing. Er gedachte der tausend vertraulichen Gespräche, die er mit seinem Vater in der Bibliothek gehabt hatte, wenn derselbe ihm rieth, dieses und jenes Buch zu lesend oder nicht zu lesen. Dann ging er in den kleinen Salon der Gräfin, wo ihr Flügel stand und wo es des Vaters höchstes Vergnügen gewesen war, eine Beethovensche Sonate für Piano und Violine von Mutter und Sohn vortragen zu hören. Leise betrat er ihr Cabinet, das ihm in seiner Kindheit wie ein besonderes Heiligthum erschien, weil es eine der größten Strafen war, die Lucia verhängte, daß ein ungehorsamer Sohn nicht zu ihr in ihr Cabinet kommen durfte. Davon ausgeschlossen zu sein, galt beiden Brüdern als die herbste Züchtigung und wenn die Mutter, von der Reue gerührt, endlich das Interdict aufhob, so stürzten sie mit einem Jubel hinein, als wäre dies Plätzchen der Inbegriff aller Herrlichkeit auf Erden.

Mit herzzerreißenden Gefühlen durchwanderte Peregrin diese Räume und die vergangenen Zeiten – und ebenso herzzerreißend waren die flüchtigen Bilder, die seine Phantasie aus den Nebeln der Zukunft – ach! einer zerstörten Zukunft! – unwillkürlich hervorrief. Wäre Heliade hier eingezogen – hätte ihr idealisches Wesen über diese Räume ihren Zauber ausgebreitet – hätte sie die Sternenhimmeltiefe ihrer Seele hier entfaltet: welch ein Leben wäre daraus hervorgegangen! denn eine solche Natur ist nicht bloß für sich selbst reich und glücklich: – sie verbreitet eine Fülle von Glück rings um sich her. Aber sie liebt mich nicht, denn sie liebt ihren Glauben mehr als mich! – sprach er finster zu sich selbst. Doch bald gewann er wieder den richtigen Standpunkt. Du hast ganz Recht, Heliade! seufzte er; – es ist entsetzlich, wenn der Mensch nichts Höheres liebt als einen Menschen und nur unter dem Einfluß dieser menschlichen Liebe handelt! das beweist meine arme Mutter: um glücklich zu werden in ihrer Liebe, verfiel sie dem Verbrechen und vergiftete sie ihr Glück. Nein, Heliade . . . nicht um alle Freuden und Kronen der Welt möchte ich dich so elend, so erniedrigt sehen! Dein Zauber ist, daß etwas Himmlisches dich umleuchtet. Ist das dein Glaube, so muß er himmlisch sein! . . . Aber verloren bist du mir doch. Als ich ein Gorm war, waren wir getrennt . . . . und wir bleiben es, obschon ich kein Gorm bin! – – –

Als der Kammerdiener am nächsten Morgen das Frühstück der Gräfin brachte, meldete er den Rentmeister. Sie ließ ihn sorglos eintreten, da er stets am Ersten des Monats gewisse Nadelgelder ihr überbrachte. Diesmal aber reichte er ihr Peregrins Brief. Die Handschrift sagte ihr Alles. Sie wurde leichenfarben, ihre Lippen bebten und ein erstickter Schrei war ihre Frage:

»Ist er fort?«

»Fort!« sagte der alte Mann tief traurig; – »mutterseelenallein in die dunkle Nacht und in die weite Welt hinausgefahren! Das hätte der selige Graf nun und nimmermehr gelitten! . . . Und er sah aus, weiß wie die Kalkwand und verstört wie durch ein furchtbares Unglück. Gnädige Gräfin werden die Frage verzeihen: er wird doch nicht etwa ein Duell vor sich haben? – Sein Aussehen, sein Benehmen waren wie ein Abschied für Leben und Sterben.«

»Nein, nein! davon ist er weit entfernt . . . . darüber kann ich Sie vollständig beruhigen,« sagte Lucia, den Brief öffnend. »Er hat nur nicht mündlich von uns Allen Abschied nehmen wollen, weil man dabei auf traurige Gedanken kommt.«

»Wenn er nur zurückkehrt, gnädige Gräfin! ich erlaubte mir, danach zu fragen; er antwortete: Darüber ist Nichts bestimmt. Und als ich weiter fragte, wohin die nöthigen Gelder zu schicken oder anzuweisen wären, sagte er, er habe das Alles mit Ew. gräflichen Gnaden abgemacht. Ich bitte also gehorsamst um die nöthigen Befehle, damit der Herr Graf an Geld nicht zu kurz kommt; denn er hat nicht eben viel mitgenommen, seine Privatcasse war ziemlich leer.«

»Doch nicht!« erwiderte die Gräfin verlegen, »ich hatte eben über ein kleines Capital zu verfügen, das mir gekündigt worden war.«

»Dann wird die Casse der gnädigen Gräfin den Betrag dieser Summe zurückzahlen,« erwiderte der Rentmeister, der nicht begriff, weshalb Lucia ein Capital fortgebe, da ja Peregrin über reichliche Einkünfte verfügen konnte.

»Ja, später!« sagte sie ungeduldig. »Und haben Sie nur keine Sorge,« setzte sie freundlich hinzu: »Er steht ja überall in Gottes Hand, der gute Peregrin. Diese Reise war nun einmal seine fixe Idee.«

Nachdem sich der Rentmeister entfernt hatte, schöpfte Lucia Athem und seufzte: Werde ich bis zum Grabe Comödie spielen müssen? – – Dann las sie Peregrins Brief, der mit fliegenden Zügen geschrieben war.

»Die Zeit ist gekommen: ich gehe, geliebte Mutter, und mein letztes Wort an Dich, unter diesem Dach, wo ich Dein Sohn war, soll Liebe und Dank sein. Ich danke Dir für die unzähligen Wohlthaten, die Du mir erwiesen, indem Du mich sorgfältig erzogen und mir ein Beispiel und eine Aufforderung zu allem Guten gegeben hast. Ich danke Dir für die Treue, mit der Du meine Kindheit pflegtest, meine Jugend bewachtest und mit meinem heftigen und brausenden Charakter so viel Nachsicht – aber keine falsche Schonung hattest. Ich danke Dir für jedes liebreiche Wort, für jeden freundlichen Blick, für jede gute Ermahnung, die Du mir schenktest und die ich oft so gleichgültig hingenommen habe, als ob sie mir gebührten. Jetzt, da ich das Gegentheil weiß, sehe ich erst recht ein, welchen hohen Werth das Alles hatte! Ich danke Dir, daß Du immer so gütig für mich warst und mich nie den Unterschied fühlen ließest, den Dein Herz zwischen mir und Alarich machen mußte. Und ich bitte Dich auf den Knien um Verzeihung, daß ich Dir, theils durch meine Fehler und theils ohne meine Schuld, so manchen bitteren Kummer, so viele schwere Sorgen bereitet habe. – Ueber die Gefühle, mit denen ich für immer dies geliebte Haus verlasse, um fortan als ein einsamer Fremdling die Welt zu durchpilgern – schweige ich. Es gibt einen Schmerz, der zu mächtig ist, um seinen Ausdruck in Worten zu finden. In meinem Herzen ist ein Jammerschrei . . . und weiter nichts. Vergib mir nur, daß ich Dir in diesen letzten Monaten meinen Jammer oftmals allzu rücksichtslos und heftig ausgesprochen habe! Man hat ja Nachsicht mit dem Angstruf eines Sterbenden, der mit dem Tode ringt. Und so war mir zu Muth. – Endlich noch ein Dank, der mir am allerschwersten wird. Ich danke Dir, daß Du Dich so großmüthig eines Theiles Deines Vermögens für mich berauben willst. Ich nehme es als ein Almosen an, weil ich weiß, daß Dein mildes Herz keine Ruhe haben würde, wenn ich es ablehnte; also drücke ich mein stolzes Herz nieder und danke Dir auch für diese letzte Wohlthat auf den Knien. Wie ich sie anwenden werde, weiß ich noch nicht. Aber dies weiß ich: ich bleibe auf unserer Hemisphäre. Erhalte Alarich noch längere Zeit in der Unwissenheit; es ist ihm besser, glaube ich, wenn er sich durch meine lange Abwesenheit allmälig mit dem Gedanken vertraut macht, daß ich nicht wiederkehre, als wenn er plötzlich die wirklichen Verhältnisse erführe. So lange ich es für nöthig halte, schreibe ich als Graf Gorm. Dann verstumme ich; – und ob dereinst nach langen Jahren aus irgend einem Winkel der Welt ein Peregrin wieder auftaucht – das, geliebte Mutter, steht in der Hand Gottes, dem ich Dich und mich befehle.«

Lucia konnte sich einer unaussprechlichen Erleichterung bei Lesung dieser Zeilen nicht erwehren. Peregrin war fort und mit ihm der lebendige Vorwurf verschwunden, den sein Anblick in ihr wach erhielt. Nunmehr konnte Alles ins richtige Geleise kommen – Alarich nach Schloß Traun und zu seinem ungeschmälerten Erbe; – Peregrin aber mit seiner Energie auf irgend eine ungewöhnliche Bahn, die ihn vielleicht zur Eroberung irgend eines unbekannten Königreiches führen konnte. Sie war ruhiger als seit vielen, vielen Jahren: Peregrin brachte sein Opfer; von ihm hatte sie keinen Verrath zu befürchten. Da alle Folgen ihrer verbrecherischen Handlung beseitigt waren, so fühlte sie sich auch mit dem drohenden Schatten ihres geliebten Mannes ausgesöhnt und ihr Gewissen war beruhigt.

Durch Peregrins Seele aber tobten furchtbare Stürme. Das Leben war ihm verhaßt. weil er sich mit keiner Hoffnung seines Herzens in dasselbe hineinranken konnte. Wozu leben – ohne Zweck, ohne Ziel, ohne Aussicht, als ein Spielball des Schicksals, wie er es bis jetzt gewesen war! – Und wie leben – wovon? womit? in welchen Kreisen? Mit der Armuth, mit der Namenlosigkeit, mit der Vereinzelung sank er in eine Sphäre äußerer Erniedrigung herab, die ihm viel empfindlicher war als die Armuth selbst. Nicht im Traum fiel es ihm ein, die hunderttausend Franken, welche die Gräfin ihm zur Verfügung gestellt hatte, wirklich anzunehmen. Edel bis zum letzten Augenblick gegen seine Mutter und so lange er ihren Namen trug, wollte er nicht ihre Unruhe über sein ferneres Schicksal vermehren. Aber ihr Schreiben an ihren Banquier in Dresden, worin sie denselben beauftragte, einen Creditbrief von hunderttausend Franken für Peregrin zu Anfang Mai in Bereitschaft zu halten – dies Schreiben wurde nie abgeholt. Um sein nächstes Reiseziel, Genua, zu erreichen, hatte er, was er brauchte – und dann? – – Dann, Amata, Freundin, Geliebte! dann mußt du für mich betteln! sprach er zu sich selbst.

Zwei Posten fuhr Peregrin mit seinen ungarischen Pferden, die Zügel der brausenden Thiere selbst führend. Das zerstreute ihn. Er hätte am liebsten so dahin jagen mögen bis zum Ende der Welt und dann in irgend einen Abgrund stürzen. Aber wo war das Ende der Welt? – – Auf der dritten Post sprang er vom Wagen, ließ seinen Koffer und seinen Violinkasten herabnehmen, warf dem Kutscher die Zügel und ein freundliches Abschiedswort zu, klatschte den Hals der Pferde, die den Kopf gegen ihn neigten und ihn verständig ansahen – und eilte, einen Platz im Eilwagen zu nehmen, der um diese Stunde zur Abfahrt bereit war. Als sich die schwerfällige Maschine nach einigen Augenblicken in Bewegung setzte und gegen Westen rasselte, bog sich Peregrin aus dem Wagenschlag und sah zurück. Da stand sein Kutscher und blickte ihm nach und grüßte ihn noch einmal mit gezogenem Hut; aber Pferde und Wagen waren schon wieder gegen Schloß Traun nach Osten gewendet und jede Secunde machte die Trennung größer. Genug! sagte Peregrin zu sich selbst, indem er sich in die Wagenecke drückte und die Augen schloß; – von nun an wird nicht mehr rückwärts geschaut, sondern vorwärts! Habe ich dies überleben können, so kann ich auch andere Dinge überleben, und was ich kann . . . . das will ich auch!

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