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Ida von Hahn-Hahn: Peregrin - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrin
authorIda Gräfin Hahn-Hahn
year1864
publisherVerlag von Franz Kirchheim
addressMainz
titlePeregrin
created20020701
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Der Fremdling.

Bleiern schwer und trübe war der Tag für Peregrin verflossen, jedoch ohne die schrecklichen Gegensätze, die Heliadens Brust zerrissen. Für ihn gab es nur den einfachen Schmerz, ihr entsagen zu müssen, wenn sie bei ihrer religiösen Ansicht beharre. Aber er hoffte, wenn Heliade wirklich eine tiefe Neigung zu ihm habe – und sein Herz sagte ihm, daß dies der Fall sei – so werde es dem Vater nicht allzu schwer fallen, dieselbe zu mildern. Für Peregrin war die Konfession eine Beigabe zu einem guten, edlen, rechtschaffenen Leben – nicht die Grundlage desselben. Nie und nirgends war er bis jetzt auf einen tiefen innern Zwiespalt der Konfessionen gestoßen. Die Katholiken lagen damals in Folge des Sirenengesanges von Toleranz, der in allen möglichen Modulationen Deutschland durchsäuselte, in einem so süßen Schlaf, daß die Protestanten deren etwaige confessionelle Regungen – als Träume betrachteten, von welchen natürlicher Weise weder Vernunft noch Wissenschaft, weder die Familie noch der Staat Notiz nehmen könnten. In diesen Ansichten war Peregrin erzogen, erwachsen, hatte er auch Ehen schließen sehen. Folgten die Söhne der Confession des Vaters und die Töchter der Mutter: so war das im Grunde schon ein Verstoß gegen den Zeitgeist, der bekanntermaßen das Recht hat, über Religion und Glaube zu Gericht zu sitzen und ihnen heilsame Schranken zu ziehen. Bot sich eine wünschenswerte Partie, war die Neigung groß, das Vermögen groß: so huldigte man dem Zeitgeist und ließ auch jene Forderung, die letzte des hinsterbenden katholischen Bewußtseins fallen – indem man der Sache ganz natürlich ein zartes Mäntelchen mit der Behauptung umhing, es sei besser, wenn die Kinder in völliger Uebereinstimmung des Glaubens erzogen würden. Gott Dank ist dieser schauerliche Standpunkt des Indifferentismus jetzt in so weit vollkommen überwunden, daß er im katholischen Clerus keine Helfershelfer mehr findet. Vor dreißig Jahren aber war das mit nichten überall der Fall – und Peregrin war einigermaßen berechtigt, vor Heliadens Ansicht zu stehen, wie vor dem Räthsel der Sphynx. Zwar hätte er sich selbst wohl fragen können, weshalb denn er darauf bestehe, daß Alles, was Gorm heiße, protestantisch sein müsse? Aber das war ja auch etwas ganz Anderes! das hing zusammen mit Familientradition, mir der Ehre und dem Reichthum seinem Hauses. Und dann . . . . fühlte er sich schon in einem versteckten Winkelchen seines Herzens nicht ungeneigt, die weibliche Nachkommenschaft dem Glauben der Mutter zu überlassen; denn sie blieben ja nicht Gorm! sie heiratheten in andere Familien hinein. Die Religion, welche das Herz einer Heliade gebildet hatte, war ganz gewiß eine himmlische; aber die Essenz derselben war ja in allen übrigen Confessionen: so hatten denn auch die Gorm ihren genügenden Antheil – und Alles ordnete sich auf's Beste.

Doch ging er am andern Morgen nicht wie sonst in Heliadens Messe. Er fühlte, daß dies nach seiner gestrigen Erklärung sie betrüben müsse. Auch war er zu unruhig, zu gespannt, um sich mit einem andern Gedanken, als dem der Entscheidung, beschäftigen zu können; er wartete nur, bis es neun Uhr schlug. Da nahm er seinen Hut und wollte eben das Zimmer verlassen, als der Kellner eintrat und ihm einen Brief überreichte. Peregrin nahm ihn gleichgültig, da er Alarichs Handschrift erkannte und erbrach ihn mit einigem Erstaunen, was der Bruder, mit dem er eben sechs Wochen verlebte, ihm so eilig zu sagen habe. In dem Brief las er die wenigen Zeilen:

»Gestern Abend, zwölf Stunden nach Deiner Abreise, wurde unser geliebter Vater von einem tödtlichen Nervenschlag getroffen. In voller Kraft und Gesundheit sank er plötzlich mitten im lebhaften Gespräch zusammen – und war nicht mehr. Die Nacht verging mit vergeblichen Bemühungen, ihn in's Leben zurückzurufen. Jetzt, um vier Uhr Morgens, schicke ich diesen Brief mit einem Reitknecht zur Post, damit er Dich in Heidelberg ereile.«

Peregrin sank betäubt von Entsetzen auf einen Stuhl. Dieser Todesfall lag so ganz außerhalb seines Gedankenkreises, als ob seinem Vater die irdische Unsterblichkeit verbrieft gewesen wäre. Und nun war er todt, der Vater! . . . ohne Krankheit, ohne Vorboten irgend einer Schwäche oder Hinfälligkeit – todt! und die trostlose Mutter, die nicht leben konnte ohne ihn . . . . urplötzlich allein! – Ein Sturm von Schmerz ergriff ihn. Sein Verhältniß zum Vater war immer so traulich, so innig gewesen wie mit dem besten Freunde, und dabei ernst und kräftigend, wie mit dem treusten Rathgeber – und nun hatte er ihn verloren, ohne Ahnung, ohne Vorbereitung. Sollte er nun auch noch Heliade verlieren? Nein! das war unmöglich. Zwei solche Schicksalsschläge konnten nicht in demselben Augenblick dasselbe Herz treffen. Er ging zu Herr von Horburg.

Er fand ihn in der tiefsten Niedergeschlagenheit. Bevor Heliade in die Messe ging, war sie bei ihrem Vater gewesen, hatte ihn auf den Knien um Vergebung gebeten, daß sie seinen Wunsch nicht erfüllen könne und ihn angefleht, ihr deshalb seine Liebe nicht zu entziehen.

»Bist Du wirklich von der Wahrheit der katholischen Glaubenslehre überzeugt,« sagte sie: »so mußt Du nothwendig meine Handlungsweise billigen. Bist Du aber nicht überzeugt, mein geliebter Vater, so kannst Du auch nicht beurtheilen, wie ich nach meinem Glauben zu handeln habe. Sei also gnädig . . . . laß mich für Dich arbeiten, für Dich betteln, für Dich sterben . . . . aber quäle mich nicht mit dieser Verbindung.«

»Du sollst nicht arbeiten und nicht betteln – und nicht fort und fort in diesen engen Verhältnissen leben,« sagte Horburg, in welchem der Egoismus noch immer die bessere Ueberzeugung unterdrückte.

»Ist das Gottes Wille, so werden wir es an seinen Fügungen erkennen, mein lieber Vater. Aber zürne mir nicht! vergib mir! sei wieder mein gütiger Vater – mein zärtlicher Vater!«

Sie bat und flehte und weinte so herzbrechend, daß Horburg endlich sagte:

»Nun wohlan, mein armes geliebtes Kind, ich lasse die Sache fallen. Handle nach Deinem Gewissen.«

Er versprach ihr, die Unwiderruflichkeit ihres Entschlusses an Peregrin mitzuteilen und dafür zu sorgen, daß sie nicht mehr mit ihm zusammentreffe. Groß war daher ihr Entsetzen, als ihr Vater nach ihrer Rückkunft aus der Messe zu ihr kam, sie bei der Hand nahm und sagte:

»Du mußt noch Einmal mit Graf Gorm reden . . . . es hat sich ein Zwischenfall ergeben.«

Die arme Heliade dachte im ersten Augenblick, die Gnade könne ja Peregrin's Protestantismus überwunden haben. Doch als er vor ihr stand mit verstörten Zügen und mit zitternder Stimme sie fragte, ob er denn in demselben Augenblick den theuern Vater und die geliebte Braut verlieren solle? – da brach sie in Thränen aus und sagte:

»Gott stärke und tröste Sie! . . . . Gott wird mit Ihnen sein!«

»Aber nicht Heliade?« rief Peregrin mit einem Ton, als trete ihm zum ersten Mal diese Möglichkeit voll entgegen.

»Nicht Heliade!« sagte sie ganz leise und ganz fest und machte eine Bewegung, um sich zu entfernen.

Aber er ergriff ihre Hand – die zarte Hand, die er nie in der seinen gehalten hatte, und rief:

»Nein, Heliade, so . . . . dürfen wir uns nicht trennen. Sie dürfen nicht den Stab über meine Zukunft brechen. Meine Vergangenheit führte mich fort und fort zu Ihnen – meine Gegenwart fesselt mich an Sie . . . . und das Alles aus reinster Liebe, weil ich weiß nicht was für ein himmlischer Strahl Ihr Wesen durchleuchtet – nein, mehr! Ihr Wesen ist! Und das Alles sollte nun Nichts sein? Ein Märchen meiner Jugend sein von der kleinen Fee mit den Siriusaugen? . . . Nein, Heliade, das darf nicht sein. Wahre Empfindungen beruhen nicht auf den Schmetterlingsflügeln der Phantasie, sondern auf dem, was im Menschen ewig ist. So lieb' ich Sie – Verstehen Sie das?«

Es schien ihm, als beantworte ein leiser Händedruck diese Frage; aber so leise, als habe ein Rosenblatt seine Hand gestreift.

»O!« rief er, »wenn Sie es verstehen, so lassen Sie mir für die Zukunft eine Hoffnung.«

»Sie wissen, was uns trennt – und was uns verbinden würde . . . . auf ewig!« sagte Heliade, indem sie sanft ihre Hand zurückzog.

»O Heliade!« rief Peregrin, »stellen Sie doch eine Bedingung, die innerhalb dessen liegt, was einem Menschen möglich ist zu thun.«

»Nicht von uns Menschen hängt unser wahres Glück ab, sondern von Gott und seiner Gnade. Da ruht meine Hoffnung – nur da! Ich kann nichts Anderes sagen, als was ich denke,« entgegnete Heliade. »Eine andere Hoffnung Ihnen geben . . . . hieße lügen.«

»Engel des Todes!« rief Peregrin. Er warf sich stürmisch vor Heliade nieder, ergriff ihre Hand, drückte sie an seine Lippen, an seine Stirn, sprang auf, schüttelte Horburgs Hand – und war verschwunden. – –

Damals gab es noch keine Eisenbahnen in Deutschland. Es währte zwei Tage, bis Peregrin Schloß Traun erreichte, das er vor fünf Tagen unter so ganz andern Eindrücken, Aussichten, Hoffnungen verlassen hatte. Die Beerdigung war noch nicht geschehen. Man hatte auf Peregrin gewartet. Der Sarg stand in einer großen schwarz ausgeschlagenen Halle des Schlosses zwischen Candelabern und Blumen. Alle Diener waren in Trauerkleidern. Die Gräfin in ihren langen schwarzen Gewändern irrte im Schloß umher wie ein ruheloser Schatten. So wie Peregrin ankam, wurde der Sarg im Grabgewölbe der Schloßkapelle beigesetzt und verschwunden von der Erde, ohne Vorbereitung, ohne Uebergang war der Vater für den Sohn. Lucia war in einer so fieberhaften Aufregung, daß Alarich darauf bestanden hatte, den Hausarzt täglich kommen zu lassen. Verschrieb derselbe aber auch die besten calmirenden Mittel und ermahnte er zur Ruhe und abermals zur Ruhe: sie verblieb in einem Zustand, der ihren Söhnen die peinlichste Besorgniß einflößte; denn eine solche Erregtheit der Nerven mußte sich in eine schwer Krankheit auflösen. Machten die Söhne ihr zärtliche Vorwürfe, so sagte sie:

»Wäre nur erst die fürchterliche Beisetzung vorüber!«

Und später, als dieser Act ihr nicht die mindeste Beruhigung gab:

»Wäre nur erst das Testament eröffnet.«

Es wurde eröffnet; es war gerade so, wie Jedermann es erwartet hatte: Peregrin bekam Schloß Traun mit den dazu gehörenden Besitzungen und Alarich eine schöne Herrschaft in Böhmen, so daß sich das Erbtheil der Brüder vollkommen die Waage hielt. Ein Flügel von Schloß Traun blieb Lucia's Wittwensitz und sollte demgemäß eingerichtet werden, so daß ihr Haushalt in keiner Weise durch denjenigen, den Peregrin führen werde – berührt oder genirt wurde. Mit seiner gewohnten liebevollen Sorgfalt hatte Graf Gorm bis in's Kleinste hinein Alles bedacht, was für Lucia bequem und angenehm sein könnte; – aber ihr Zustand änderte sich nicht.

»Was fehlt nur der Mama!« sagte Alarich einmal fast ungeduldig zu Peregrin; – »das ist doch kein Kummer, der sich so äußern könnte.«

»Du weißt ja, wie lieb sie den theuern Vater hatte,« sagte Peregrin begütigend; – »sie waren ein Herz und eine Seele. Darauf verzichtet man nicht so leicht.«

»Ich meine aber, sie sei nicht bloß vor Gram und Kummer so aufgeregt . . . . sie habe etwas Anderes auf dem Herzen,« entgegnete Alarich.

»Das ist nicht wahrscheinlich,« versetzte Peregrin, überrascht von dieser Bemerkung des Bruders, die er nicht gemacht hatte, weil er eben jetzt die ganze Welt mit dem Blick der traurigen Liebe betrachtete und in deren Beleuchtung alle Erscheinungen auffaßte.

»Nicht wahrscheinlich, aber auch nicht unmöglich,« erwiderte Alarich; – »sprich doch einmal mit ihr. Du bist der älteste Sohn, jetzt das Haupt der Familie und ihre Stütze . . . . mache ihr das recht klar – vielleicht gelingt es Dir auf irgend eine Weise zu erfahren, was sie quält – und sie zu beruhigen.«

»Du hast Recht, guter Alarich, ich spreche in diesem Sinn noch heute mit ihr,« sagte Peregrin, der sich einen stillen Vorwurf machte, daß er im Schmerz um Heliade und um den Vater nicht aufmerksam genug für die Mutter gewesen sei, die ihn doch gerade jetzt mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit behandelt habe.

Er benutzte die Zeit, wo sie müde von stundenlangem Umherstreifen im Park, sich erschöpft auf die Chaise longue in ihrem Cabinet gelegt hatte – in demselben Cabinet, wo sie immer die traulichsten Gespräche mit ihrem Mann und ihren Söhnen zu haben pflegte. Peregrin setzte sich zu ihr und sagte, nachdem er von Angelegenheiten, die ihr Witthum betrafen, gesprochen hatte:

»Es versteht sich von selbst, liebe Mutter, daß ich jetzt an keine Reise denke. Ich vermuthe, daß Du das Trauerjahr hier wirst zubringen wollen . . . . und da wird es hoffentlich für uns Beide ein Trost sein, wenn wir zusammenbleiben – nicht wahr?«

»Mein guter Peregrin,« erwiderte die Gräfin mit dem Ausdruck herzlicher Dankbarkeit.

»Und wenn Du irgend etwas wünschest, so bitte ich Dich, es mir gerade so zu sagen, wie Du es dem lieben Vater gesagt hättest; denn ich werde Deine Wünsche gewiß eben so gern erfüllen.«

»Mein guter Peregrin!« wiederholte die Gräfin und setzte hinzu. »Ja, die Wünsche zu erfüllen . . . . das ist eine eigene Sache . . . mitunter nicht leicht . . . ich bin so verwöhnt! – Aber wie steht es mit Deinen Wünschen und Hoffnungen in Bezug auf die schöne Heliade? In all der Trauer hat man gar nicht den Muth, nach Liebesglück zu fragen. Es klingt wie eine Dissonanz.«

»Diesmal paßt die Frage, liebe Mutter,« entgegnete Peregrin ernst; – »meine Hoffnung ist todt.«

»Wie kann das sein! sie war ja so zuversichtlich! . . . und wer thut denn einen solchen Schritt unbedachtsam! . . . das kann nur Peregrin thun!« rief Lucia gekränkt in Peregrin durch den unerwarteten Ausgang.

Er küßte die Hand der Mutter und sagte sanft:

»Ich kannte Heliade nicht . . . oder nur unvollkommen.«

»Das scheint so!« warf sie unmuthig ein.

»O zürne ihr nicht! sie handelt nach der geheimnißvollen Richtschnur ihres Glaubens, ihrer Kirche, und sie sieht diese Richtschnur für sich gefährdet, für ihre Kinder verloren . . . . in der Ehe mit einem Protestanten. Wir verstehen das wohl nicht – aber eben deshalb dürfen wir es nicht verurtheilen.«

»Konnte sie denn nicht Deine Neigung erwidern?« fragte die Gräfin gespannt.

»O doch!« seufzte Peregrin.

»Waren die Eltern dagegen?«

»Ihr Vater war außerordentlich dafür; denn er ist bejahrt, ohne Vermögen, die Mutter todt – und Heliade einsam in der Welt.«

»Und das Alles sieht sie, weiß sie . . . . und schlägt dennoch eine solche Verbindung aus! das ist ja ganz unbegreiflich!«

»Aber es ist so. Wo zwei Seelen nicht Eins sind im Glauben – fehlt in Heliadens Augen die ächte Grundlage der Liebe und die Bedingung des wahren Glücks – und da diese Ansicht nichts Willkürliches, Selbstgemachtes ist, sondern aus der Abneigung der katholischen Kirche gegen gemischte Ehe, die den Glauben erkälten, hervorgeht – und da das Lehramt der Kirche an Gottes Statt zu ihr spricht: so ist sie ganz unüberwindlich.«

»Wie schön ist diese Festigkeit, die kein Eigene ist – denn sie opfert ihre Neigung!« sagte Lucia nachdenkend. »Aber welche göttliche Richtschnur und welche immense Glaubenskraft gehören dazu, um solche Festigkeit gegen das eigene und das geliebte fremde Herz zu geben!«

»Weißt Du noch, liebe Mutter, wie Lydia Hohenfels von einem glückbringenden Talisman sprach? – Heliade besitzt einen Talisman, der ihr jene Festigkeit gibt, die Du an ihr bewunderst.«

Peregrin zog aus seiner Brusttasche einen Brief hervor und aus dem Umschlag ein Blatt Papier und sagte:

»In dem Augenblick meiner Abreise von Heidelberg erhielt ich diesen Brief. Die Adresse hat Herr von Horburg geschrieben, den Inhalt – Heliade. Dies charakterisirt sie. Da ist kein Name, kein Datum, keine irdische Erinnerung! da ist nur ein erhabener Gedanke.«

Peregrin reichte seiner Mutter das Blatt. Sie entfaltete es, betrachtete die klare, leichte Handschrift und las halblaut:

»Trost und Reichthum für's Leben! – Der heil. Anselmus von Canterbury spricht: »Wenn Einer zu dir spricht: Blicke rückwärts, sonst stürzt die ganze Welt in Trümmer – und wenn Gott dir dies verbietet: so sollst du Gott gehorchen, wenn gleich die ganze Welt in Trümmer stürzt.«

Lucia's Stimme wurde immer schwächer; bei den letzten Worten versagte sie ganz. Der Nervenkrampf trat ungewöhnlich heftig ein, und brach sich endlich in einen Strom von Thränen. Das that ihr wohl. Sie lehnte sich zurück und weinte immer ruhiger, ließ aber nicht Peregrin's Hand aus der ihren. Er sprach zu ihr wie zu einem kranken Kinde, gab ihr süße Namen und zärtliche Worte und begriff nicht den Zusammenhang zwischen jenen Worten und diesem Anfall. Plötzlich richtete sich Lucia auf, trocknete ihre Thränen und sagte.

»Peregrin! Du bist immer ein guter Sohn gewesen! willst Du mir ein Opfer bringen?«

»Gern – wenn ich es vermag, liebste Mutter.«

»Tausche mit Deinem Bruder . . . . und gib ihm Schloß Traun!« rief sie.

Peregrin verstummte vor Erstaunen.

»Denkst Du daran, Dich zu verheirathen?« fragte sie dringend.

»Gewiß nicht!« entgegnete er traurig.

»Also gib ihm Schloß Traun!« bat sie dringender.

Peregrin's Befremden stieg immer höher.

»Wünscht Alarich diesen Tausch?« fragte er betroffen.

»Das weiß ich nicht! . . . . aber ich wünsche ihn!« rief sie.

Peregrin konnte sich des schauerlichen Gedankens nicht erwehren, daß seine Mutter in vorübergehender Geistesverwirrung rede. Um sie aus ihrem Gedankenkreise zu wecken, sagte er sanft:

»Wie könnten Alarich und ich uns einfallen lassen gegen die ausdrückliche Bestimmung des lieben Vaters, durch welche er den alten Familienbrauch stützt und sanctionirt, dergleichen vorzunehmen!«

»Wenn es aber doch mein Wunsch ist – der höchste Wunsch meines Lebens!« rief sie. »Wenn ich Dir sage, daß ich seit Jahren Deinen Vater angefleht habe, diese Bestimmung nicht zu treffen!«

»So beweist sein Testament, liebe Mutter, daß er Deinen Wunsch nicht für gerechtfertigt hielt,« entgegnete Peregrin ehrerbietig, aber fest; – »und Du wirst Deinen Söhnen gewiß nicht zumuthen, von den Anordnungen abzuweichen, welche er als die richtigen bestimmt hat.«

»Aber Du denkst ja an keine Vermählung!« rief sie.

»Liebe Mutter,« erwiderte Peregrin mit tiefem Schmerz – »es ist grausam, daß Du in diesem Augenblick diesen Punkt berührst. Ich habe Heliade verloren und glaube nicht, daß ein anderes weibliches Wesen sie in meinem Herzen ersetzen kann. Aber ich bin erst im vierundzwanzigsten Jahr. Wie kann ich vorhersagen, was ich in zehn – in zwanzig Jahren thun werde? Das wäre vermessen und thöricht. Es können ja auch ganz unerwartete, himmlische Fügungen eintreten und mir Heliaden zuführen.«

»Glaubst Du? . . . Ja . . . Du magst Recht haben! . . . . Nichts mehr davon – für heute! ich bin ganz erschöpft. Laß mich jetzt allein, mein guter Peregrin,« sagte Lucia freundlich und müde – und sank in ihre Chaise longue zurück.

Peregrin küßte ihre Hände und eilte zu Alarich, der ihn mit Ungeduld erwartete und ihm entgegen rief:

»Nun? ist das Räthsel gelöst?«

»Insofern ich den Herzenswunsch unserer Mutter jetzt kenne – ja! Aber der ist ein neues Räthsel. Sie wünscht, daß Du, Alarich, Herr auf Schloß Traun werdest und ich auf Coschau.«

»Nimmermehr!« rief Alarich lebhaft; – »darauf gehe ich nicht ein.«

»Es ist mir sehr lieb dies zu hören,« entgegnete Peregrin; – »ich kam schon auf die Vermuthung, Du hegtest diesen Wunsch und hättest ihn der Mama anvertraut.«

»Niemals ist er mir in den Sinn gekommen!« betheuerte Alarich. »Nein! da ich in österreichischen Staatsdienst treten will, sind mir die böhmischen Güter viel lieber, viel bequemer, als Schloß Traun. Unter keiner Bedingung gehe ich auf den Tausch ein, Peregrin, und wenn Mama auch noch so beweglich bitten sollte . . . und Du mußt eben so standhaft sein. Sind wir Brüder einig und sogar einig in dem Willen des Vaters, so wird die gute Mama ihren schrecklichen Wunsch fallen lassen. Aber wie kommt sie darauf?«

»Ja, wie kommt sie darauf? . . . das ist eben das Räthsel, das mich beunruhigt,« sagte Peregrin sinnend.

»Wäre ich boshaft,« erwiderte Alarich scherzend, »so würde ich sagen, sie glaubt mit mir mehr Herrin auf Schloß Traun zu sein, als mit Dir. Man bleibt gern in der gewohnten Lebensstellung.«

»Das wäre möglich!« sagte Peregrin tief aufatmend. »Ich gestehe Dir, dies Räthsel peinigt mich und ich wünschte, Deine scherzhafte Lösung wäre die richtige. Dann wollte ich ihr freudig beweisen, daß sie meine Oberlehnsherrin auf Schloß Traun bleibt.«

»Das bezweifle ich keinen Augenblick! Also beruhige sie auf's Beste und weise mit Entschiedenheit jeden Tausch ab. Ich verlasse mich ganz auf Dich! ich muß morgen oder übermorgen spätestens . . . . nach Göttingen zurückgehen.«

Dies geschah. Peregrin blieb allein mit seiner Mutter. Er suchte sich mit allen Geschäften und Obliegenheiten bekannt zu machen, welche ein großer Grundbesitz mit sich bringt, und da er auch das Gut seines Bruders in den Kreis seiner Thätigkeit aufnahm, so fehlte es ihm nicht an Beschäftigung. Aber sein Leben war ein freudenloses – denn Heliade war nicht darin; und seine Mutter, weit entfernt ihm Liebe und Theilnahme zu beweisen, setzte seiner zärtlichen Aufmerksamkeit abstoßende Kälte entgegen und versenkte sich mehr und mehr in stummen Trübsinn. Er begann für ihre Gesundheit, ja für ihr Leben zu fürchten und zog den Hausarzt zu Rath, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert auf Schloß Traun aus- und einging. Der aber konnte nur sagen, daß keine Krankheitssymptome zu entdecken wären. Die ganze Organisation der Gräfin sei eine nervös überreizte – und daher unkräftige. Schon in früheren Epochen habe sich das herausgestellt und eine tiefe Nervenverstimmung habe sie auf längere Zeit in einen Zustand von Melancholie versetzt; – aber das gehe vorüber . . . . hoffentlich mit dem Winter. Der so ganz unerwartete und plötzliche Tod des Grafen habe ihr Nervensystem übermäßig erschüttert; es brauche Zeit, um wieder in's Gleichgewicht zu kommen.

Dies war allerdings das Wahrscheinlichste; – nur änderte es nichts an der Wolke von Schwermuth, die über Schloß Traun brütete und die auf dieser Stätte etwas so Fremdes, so Unerhörtes für Peregrin war, daß er oft dachte, er werde selbst in diesen Trübsinn hineingezogen wie in einen schwarzen Abgrund, der eine gewisse magnetische Kraft übt, wenn der Kopf vom Schwindel erfaßt wird, so daß man widerstandslos in die dunkle Tiefe hinabsinkt.

An einem kalten Mondscheinabend im December kam er von einem Ritt durch die Forsten zurück. Er kleidete sich um und ging in den kleinen Salon seiner Mutter, wo sie sich um diese Stunde immer aufhielt. Sie war nicht da und auch nicht in ihrem Cabinet. Das fiel ihm auf, denn sie hielt genau die Zeit inne, wie sie es bei ihrem Mann gewohnt war. Peregrin klopfte an die Thür, die aus dem Cabinet in ihr Schlafzimmer führte. Keine Antwort. Todtenstille. Er wartete lauschend. Da vernahm er einen dumpfen Seufzer. Entschlossen ergriff er eine der Lampen und trat in das Schlafzimmer. Aber da war Niemand und er hörte nur die Stimmen der Zofen, die in ihrem Gemach, welches durch eine Garderobe von dem Schlafzimmer der Gräfin getrennt war, plauderten und lachten. Diese lauten muntern Stimmen gaben ihm eine Art von Beruhigung – er wußte selbst nicht worüber. Aber wo war seine Mutter? Er ging in ihr Cabinet zurück, stellte die Lampe wieder auf den Schreibtisch und bemerkte nun, daß seine Mutter im Schreiben begriffen gewesen war, denn ein unvollendeter Brief lag in der offnen Schreibmappe. Unwillkürlich fiel sein Blick auf die letzten Worte. Sie hießen: »Sage ihm das gräßliche« – da hatte sie abgebrochen. Eine namenlose Unruhe bemächtigte sich Peregrin's. Und wieder hörte er ein dumpfes Stöhnen. – Er schlug den Vorhang zurück, der vor der Fensterthür herabfiel. Die äußere Schutzthür, die Abends geschlossen wurde, stand offen und auf der kleinen Terrasse lag die Gräfin, halb knieend, halb zusammengesunken, ohne Hut, ohne Schawl, den Kopf an die steinerne Brustwehr gelehnt. Peregrin eilte hinaus, hob sie auf, führte sie in das Cabinet zurück, schloß Thüren und Vorhang und vergaß seine Angst in der Freude, sie gefunden zu haben. Er hüllte sie in einen Plaid ein, erwärmte ihre erstarrten Hände in den seinen und sagte mit freundlichem Scherz:

»Aber, liebe Mutter, das romantische Vergnügen den Park im Mondschein zu betrachten, genießt man im December besser am Fenster, als auf der Terrasse.«

»Ach!« sagte sie mühsam; – »ich habe nichts vom Mondschein bemerkt. Ich schrieb . . . . dabei überfiel mich Beklommenheit – und ich wollte Luft schöpfen . . . . aber die Kälte benahm mir den Athem – Jetzt ist es vorüber!« setzte sie hinzu, indem sie rasch aufstand, zum Schreibtisch ging, ihre Mappe schloß und sich dann in den Salon begab.

Peregrin folgte ihr. Sein Entschluß war gefaßt. Als sie sich ruhig bei einer Handarbeit niedergelassen hatte, sagte er sanft und ruhig:

»Ich habe vorhin absichtslos die letzten Worte bemerkt, die Du geschrieben hast, liebste Mutter; – sie lauten« . . . . – –

»O schweige davon!« rief die Gräfin und drückte beide Hände vor die Augen.

»Ich thäte es,« erwiderte Peregrin zärtlich, »wenn ich nicht hoffte, daß es Dir einigen Trost geben könnte, Deine Sorgen oder worin nun Deine Leiden bestehen mögen – meinem treuen Herzen anzuvertrauen. In jenen Worten liegt die Andeutung, daß irgend etwas sehr Schmerzliches Dich quält. Soll ich es nicht erfahren?«

»Du weißt es bereits!« sagte die Gräfin zitternd vor innerer Bewegung.

»Ich weiß Deine Trauer um unseren lieben Dahingeschiedenen; – aber nur dies.«

»Nein!« rief die Gräfin erregt; – »Du weißt mehr! ich habe Dir schon einmal gesagt, daß mein Lebensglück von der Erfüllung eines gewissen Wunsches abhänge. Aber Du hast sie entschieden abgelehnt.«

»Wie!« rief Peregrin höchst verwundert: »der Gütertausch wäre bei Dir – verzeih' den Ausdruck, theure Mutter! . . . zur fixen Idee geworden? Ich kann das nicht glauben, denn Du wünschest ja vor Allem die Zufriedenheit Deiner Söhne – und wir sind Beide durchaus gegen diesen Tausch; Alarich im Hinblick auf seine Carriere; ich, aus Anhänglichkeit an den Familiengebrauch, den des Vaters Wille bestätigt hat. Es müßten Gründe sein von ich weiß nicht welcher undenkbaren Wichtigkeit, die uns zu einem Tausch bestimmten« . . . . – –

»Sie existiren!« unterbrach ihn die Gräfin. »Alarich soll sie aber durchaus nicht erfahren! . . . nur Du!«

»Nur ich!« rief Peregrin mit steigendem Erstaunen; »nun wohlan, liebste Mutter, sprich!«

»Nicht um die Welt!« seufzte sie mit erstickter Stimme. »Tante Justine wird Dir Alles erklären.«

»Tante Justine?« sagte Peregrin und ein nervöses Frösteln kroch über sein Herz, indem er an dies liebeleere Wesen dachte. Die Gräfin fuhr fort:

»Ich schrieb ihr so eben« . . . . –

»Sag' ihm das gräßliche« . . . . – unterbrach sie Peregrin in peinlichster Spannung.

»Ach! willst Du mich um's Leben bringen!« ächzte sie.

»Du marterst mich auf jede Weise!« sagte er wieder gefaßt. »Aber gleichviel! ist es nur Tante Justine, die mich aufklären kann über das, was ich zu thun und zu lassen habe – so gehe ich gleich morgen nach Tannhof . . . . und ich begreife nur nicht, weshalb Du mir dies nicht längst gesagt hast.«

»Mein guter Peregrin!« erwiderte die Gräfin – und um ihre hervorquellenden Thränen zu verbergen, stand sie schnell auf, setzte hinzu: »Dann will ich meinen Brief zu Ende schreiben« – und ging in ihr Cabinet.

Peregrin's Gedanken verloren sich in Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, wie sich der Blick verliert in der endlosen Wüste, ans welcher kein einziger Gegenstand faßbar hervortritt und dadurch einen Wechsel von Anstrengung, der etwas entdecken möchte – und von Erschöpfung, die sich nicht mehr anstrengen mag – zuwege bringt. Aus den Nebeln und Wolken tauchte zuweilen Heliadens schönes Bild auf und alle Gedanken, die mit ihr zusammenhingen, waren so stark und kräftigend, daß der Schmerz um sie ihm ein erfrischendes Seelenbad war gegen die bestimmten dunkeln Aengste, die ihn der Gräfin gegenüber umschlichen.

So kam er am andern Tage nach Tannhof. Die Baronesse empfing ihn wie immer mit jener trockenen Freundlichkeit, hinter der kein Herz schlägt. Ihre Augenleiden hatten zugenommen. Sie wendete ihre ganze Sehkraft ihren Schreibereien zu und las nicht mehr selbst, sondern ließ vorlesen. Sie hatte dies wenig beneidenswerte Amt zwischen ihrer Kammerfrau und ihrer Haushälterin getheilt – und sie alle Drei hatten vollauf Veranlassung, sich in der Geduld zu üben. Briefe jedoch las Justine immer selbst; – also auch Lucia's Brief, den Peregrin überbrachte.

»Ich wäre gern zur Beisetzung Deines Vaters nach Schloß Traun gekommen,« sagte sie in ihrer kalten Weise, »aber meine Augenschwäche macht es mir immer schwieriger, im Bunde mit der wachsenden Macht der Gewohnheit, mich von Tannhof zu trennen. Und dennoch droht mein Arzt mir ernstlich mit einer solchen Trennung. Er wünscht Consultationen anderer Aerzte, Curen, Bäder – was weiß ich! Du kannst Dir vorstellen, daß ich höchst ungern mich dazu entschließen würde. Abgesehen von meiner Abneigung gegen jede Locomotion außerhalb Tannhofs Grenzen, bin ich überdies keine Freundin von ungewöhnlichen Ausgaben.«

»Diese Rücksicht müßte schweigen, liebe Tante!« fiel Peregrin ein. »Du könntest Dich ja später, mit erneuter Sehkraft, Deiner ganzen Thätigkeit widmen.«

»Das denk' ich auch . . . . zuweilen!« versetzt sie; – »die Vernunft sagt mir aber, daß man, wenn man alt ist, keine junge Augen wieder bekommt. Wozu also die Geldverschwendung?«

»Man muß erhalten, was zu erhalten ist, liebe Tante.«

»Wäre es nicht um Tannhof mehr und mehr in Flor zu bringen,« fuhr sie fort in ihrer kühlen Gesprächsweise, welche eigentlich nur ein lauter Monolog war: »so wäre ich nicht eben unzufrieden, wenn das Ende käme. Ich bin nun sechzig Jahre alt. Sei froh, daß Du ein Mann bist, Peregrin. Ein Mann kann bei sechszig Jahren noch Manches . . . . ja noch sehr viel leisten. Es gibt Männer, die erst bei sechzig Jahren zu Einsicht und Vernunft kommen und mit ihnen erst ein tüchtiges Leben beginnen und zehn, zwanzig Jahre fortsetzen. Aber eine Frau von sechszig Jahren ist abgenutzt. Ihre Organisation hält nicht länger eine kräftige Thätigkeit aus. Früher zur Blüte und schneller zur Reife gekommen, stirbt sie früher ab. Bei sechszig Jahren ist sie eigentlich nur ein wandelnder Cadaver, der je eher je lieber unter die Erde müßte.«

»Beste Tante!« sagte Peregrin innerlich empört, so von dem Geschlecht sprechen zu hören, zu welchem seine Mutter und Heliade gehörten; – »mir scheint, Du schlägst das äußere Thun des Weibes etwas zu hoch – und ihr inneres Sein viel zu niedrig an. Eine seelenvolle Frau, bei der die Jahre Herz und Geist durcharbeitet und abgeklärt haben, ist ein Schatz in einer Familie, von welchem jedem Einzelnen ein Goldkorn zufällt – und wenn sie auch da sitzt mit den Händen im Schooß. Eine solche Frau von sechszig Jahren will Niemand unter der Erde wissen.«

»Du warst immer etwas schwärmerischer Natur,« sagte Justine kalt und fügte abbrechend hinzu: »Wann trittst Du deine Reise in den Orient an?«

»Diesen Winter gewiß nicht. Vielleicht im Frühling. Ich muß sehen, ob meine Mutter, Alarich, Schloß Traun, Menschen und Verhältnisse, mich nicht etwa hier nöthig haben. Aber in diesen Verhältnissen scheint ein rätselhafter . . . . oder wenigstens mir unverständlicher Punkt zu sein – und um mich über denselben aufzuklären, hat meine Mutter mich an Dich gewiesen, liebe Tante, und Dich in diesem Brief gebeten, mir die notwendige Auskunft zu geben.«

Die Baronesse nahm Lucia's Brief, ging damit an das nächste Fenster und las ihn ohne Mühe, da ihr die Handschrift ganz – und der Inhalt einigermaßen bekannt war. Dann kam sie zu ihrem Platz auf dem kleinen Sopha neben dem großen Caminofen zurück und sagte ruhig zu Peregrin, der mit Mühe seine fieberhafte Ungeduld bemeisterte:

»Der Augenblick ist gekommen, um ein großes Familiengeheimniß Deiner Vorsicht und Verschwiegenheit – welche für Dich selbst von höchster Wichtigkeit sind – anzuvertrauen. Peregrin . . . . Du bist nicht der Sohn Deines Vaters!«

»Tante!« rief Peregrin und sprang auf mit einem Blick und einer Geberde, die dermaßen dem drohenden Zorn seiner Stimme entsprachen, daß die Baronesse ihren Arm wie abwehrend gegen ihn ausstreckte und schnell hinzusetzte:

»Du bist auch nicht der Sohn Deiner Mutter.«

»Nicht der Sohn meiner Eltern!« sagte Peregrin und versuchte zu lächeln, aber mit dem Ausdruck der tiefsten Ungläubigkeit.

»Nein,« fuhr die Baronesse fort, »Du bist kein Gorm.«

»Kein Gorm!« wiederholte er tonlos.

»Beruhige Dich!« sagte sie mit einem Anflug von Mitleid; – »es wird sich Alles in Frieden lösen.«

»Aber ich soll kein Gorm sein!« rief er.

»Gerade umgekehrt, bester Peregrin: Du sollst ein Gorm sein, obschon Du keiner bist.«

»Das wäre denn doch infam,« sagte er schaudernd.

»Mäßige Dich!« sagte sie kühl; – »es gibt Nothwendigkeiten von gebietender Allgewalt, die zu einem ungewöhnlichen Schritt drängen.«

»Es wäre infam!« rief er im vollen Ausbruch der Verzweiflung. »Aber ich glaube diese ganze Geschichte nicht.«

»Wenn Du sie freilich mit solcher Wuth betrachtest, so ist nicht mit Dir zu reden; – und darum will ich Dir Dokumente geben, deren Zeugniß Du anerkennen wirst: Blätter, welche Deine Mutter geschrieben hat. Nimm sie mit in Dein Zimmer, lies sie; was da an der vollen Klarheit fehlt, werde ich mündlich ergänzen. Zum Nachtessen lasse ich Dich rufen.«

Sie war zu dem altertümlichen Schrank gegangen, der hinter einem kunstvollen Schloß ihre Wertpapiere und Diamanten verbarg. Sie öffnete ihn, nahm ein Paar Bücher heraus, gab sie an Peregrin, der sie maschinenmäßig empfing und sagte:

»Es sind Tagebücher Deiner Mutter, d. h. meiner Schwester.«

Er stürmte hinweg auf sein Zimmer. Die Erde bebte ihm unter den Füßen. Er schlug das erste Buch auf. Ja! das war die Handschrift seiner Mutter! – Dies brachte ihn zur Besinnung. Er setzte sich und las:

 
Nizza, 20. November 1812.

Ist Liebe – Sünde? – – Je nachdem sie erlaubt oder unerlaubt ist.

Aber wer hat das Recht, sie zu erlauben oder zu verbieten? – – Das Herz gewiß; das Gewisse vielleicht; – vielleicht auch die Gesetze, die bürgerlichen, die gesellschaftlichen, die moralischen. Gesetz, Gewissen, Herz – werden gekränkt durch eine Liebe, die fremdes Recht mit Füßen tritt und fremdes Gut sich aneignet. Das thut Er! –

Aber so muß ich fragen: Ist der erlaubten Liebe Alles erlaubt, um ihres Gegenstandes sicher zu sein? um ihn zu wahren, zu retten? Gibt es für sie unerlaubte Mittel? Ja, Gewalttätigkeit und . . . .

O dies unselige Und!

 
23. November.

Ich war im Dom heute gegen Abend. Er ist nicht schön, allein es gefällt mir die Stille, die Ruhe, die darin herrscht. Wir waren am Morgen spazieren gegangen, am Nachmittag ausgefahren; die Natur ist so reich, so üppig, die Sonne so golden, der Himmel so blau, das Meer so leuchtend – und das Alles paßt so wenig zu meinem betrübten Herzen, daß ich der bunten Bilder recht müde war. Bei der Rückfahrt ließ ich am Dom halten, stieg ans . . . und bat Justine, nach Hause zu fahren und mir den Wagen zurückzuschicken. Allein auch sie wollte den Dom besehen. Nach all' dem blendenden Glanz da draußen erquickte mich drinnen die kühle Dämmerung. Mir gefallen diese stets geöffneten Kirchen, in denen man sich alle Zeit sammeln und besinnen kann und in denen man vielleicht auf gute Gedanken kommt. Ich kam auf den Gedanken, daß ich gar gern einmal beichten möchte. Es saßen nämlich in einigen Beichtstühlen Geistliche, zu denen die Leute gingen, niederknieten und das sagten, was ihr Gewissen, ihr Herz drückte. Ach, dürfte ich doch auch mein gedrücktes Herz ausschütten! was kann ich dafür, daß ich nicht katholisch bin? Wäre Justine nicht dabei gewesen, wer weiß, was ich gethan hätte. Später sprach ich mit ihr darüber. Sie entgegnete, die Priester wären Intriguanten, die sich in alle Familienangelegenheiten mischten und furchtbar viel Unheil stifteten; in meinem Fall wäre ein solcher Schritt der entschiedenste Wahnwitz, der all' unsere Pläne vereiteln und Alarich auf immer von mir trennen würde. Ach, sie hat Recht!

 
25. November.

Das Leben ohne Alarich ist mir verhaßt – und müßte ich denken, daß ich ohne ihn so fortvegetiren sollte, Tag für Tag, Jahr für Jahr – ich legte mich nieder zum sterben. Justine nennt mich schwach und feig.

»Denke doch daran, daß Du ihn retten willst und mußt!« sprach sie heute, als ich sehr niedergeschlagen war. Ich brach in Thränen aus. »Weiß ich ja nicht einmal, ob und wie er lebt!« rief ich.

»So lange der Krieg dauert,« sagte sie, »ist sein beweglicher Charakter in Thätigkeit und Aufregung; – da hast Du nichts zu fürchten – und inzwischen geht hier Alles glücklich vorüber und Alarich kehrt froh zu Dir zurück.«

Justine hat, ich möchte sagen, einen magnetischen Einfluß auf mich: ihre Energie gibt mir Kraft. Können Schwestern verschiedener sein, als sie und ich? Welch ein herbes Schicksal hat sie gehabt und wie hat es sie gestählt! Sie war auch einst jung und schön, liebte und wurde geliebt, war glückliche Braut. Da bekam sie die Blattern – und die schreckliche Entstellung, welche ihre Schönheit erlitt, verscheuchte den Verlobten. Sie merkte sogleich sein unwillkürliches Entsetzen und gab ihm gelassen sein Wort zurück. Aber dies unfreiwillige Verzichten auf Glück und auf Liebe wurde ihr so schwer, daß sich ihr Herz dadurch wie mit einer eisernen Rüstung umschloß – und nur weil der Mensch nicht leben kann ohne zu lieben – liebte sie mich. Ich war ein Kind damals, zehn Jahr jünger als sie. Ihre Mutter war früh gestorben; jetzt starb auch die meine. Justine wurde nun meine Mutter – und als nach einem Jahr auch unser Vater starb, vertrat sie Elternstelle bei mir, leitete meine Erziehung, verwaltete unser Vermögen, führte mich in die Welt ein, die ihr zuwider war, sorgte, dachte, lebte für mich, ließ keinen Schmerz, keinen Kummer an mich heran kommen. Wie ein fröhliches Bächlein durch blumige Wiesen dahinfließt, so tanzte und schäkerte ich durch mein Jugendleben – bis Alarich kam. Da wurde mein unbewußtes Glück ein bewußtes: ich liebte ihn! Bis dahin hatte ich nicht gedacht, daß man einen Mann besonders lieben könne. Aber Alarich kam mir vor, als sei er für mich vom Himmel herabgekommen, um mich auf der Erde selig zu machen. Und er machte mich selig in den ersten Jahren unserer Ehe. In den ersten Jahren!! mein Gott, wie viel Jahre währt denn unsere Ehe schon? – Ach . . . . sechs Jahre! aber Alarich liebt mich nicht mehr.

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