Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Ida von Hahn-Hahn: Peregrin - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrin
authorIda Gräfin Hahn-Hahn
year1864
publisherVerlag von Franz Kirchheim
addressMainz
titlePeregrin
created20020701
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
Schließen

Navigation:

Heliade sah sich ganz befremdet alle Gegenstände in ihrem kleinen Zimmer an. Ihr war zu Sinn, als müßten inzwischen die Rosen verblüht und der Vogel entflogen und die Blumenzeichnung auf dem Reißbrett ausgelöscht sein. Aber nein! all diese Spielereien waren da – und nur in ihr war es so furchtbar ernst geworden – ernst, wie das Opfer immer ist. In dem Augenblick, da sich ihr junges Herz einem andern Herzen zärtlich und glückverheißend zuneigte, trat ihr die flammende Erkenntniß entgegen, daß es etwas Höheres gebe, als in der reinsten menschlichen Liebe beseligt zu sein – und daß dies Höhere das Opfer der Liebe fordere. Wie in einer einzigen Frühlingsnacht plötzlich um alles Gezweig ein grüner Schleier schwebt und alle Blüthen sich duftend erschließen: so hatte der Seelenfrühlingshauch und die Nacht des Seelenschmerzes sie aus ihrem mädchenhaft beschränkten Horizont hinausgehoben und die edlen Blüthen der Selbstverleugnung und der Entsagung in ihr gezeitigt. Alle edlen und schönen Gefühle haben aber einen und denselben Boden: Kraft des Herzens. Daher wurde Heliadens Liebe, eben weil sie rein und schön war, keineswegs schwächer durch die Erkenntniß und den Entschluß, sie zu opfern – sondern stärker. Sie hatte nur einen Blick in das irdische Paradies geworfen: er genügte, um ihr zu zeigen, was sie verlor – nein, mehr! was sie freiwillig aufgab. Aber sie schwankte nicht. Es war ihr, als ruhe sie zu Füßen des Gekreuzigten in den Armen ihrer Mutter und als entnehme sie aus deren Herzen die Richtschnur ihrer Worte, ihrer Handlungsweise. Nur konnte sie gar nicht die Absicht ihres Vaters mit dieser peinlichen Verzögerung begreifen. Er hatte ihr liebreich gesagt:

»Fasse Dich, Heliade; nimm Dich in Ruhe zusammen. Heute Abend rede ich mit Dir!«

Wovon? worüber? weßhalb nicht gleich? warum mit dieser feierlichen Ankündigung? . . . . Sie war durchaus nicht daran gewöhnt, ihren Vater zu fürchten; aber unwillkürlich kam etwas über sie wie Furcht.

Als es zu dunkeln begann, trat sie mit der brennenden Lampe aus ihrem – in das mittlere Zimmer. Dann pflegte Horburg auch zu kommen, und wenn er nicht kam, so ging Heliade zu ihm und holte ihn herein. Jetzt, da sie die Lampe auf den Tisch stellte und deren Schein das Zimmer erleuchtete, wurde sie ihren Vater gewahr, der unbeweglich am Fenster saß. Sie trat zu ihm heran, umschlang seine Schulter und fragte zärtlich:

»Lieber Vater, warum hast Du mich nicht hereingerufen?«

Sie beugte sich herab, um ihm in die Augen zu sehen. Da gewahrte sie mit einer Art von Entsetzen – eine Thräne an seinen Wimpern. Er hatte nie eine Thräne vergossen – nicht an Colomba's Sterbebett – nicht neben ihrer Leiche, ihrem Sarge, ihrem Grabe. Was mußte das sein, das ihrem Vater eine Thräne entlockte!

»O mein lieber Vater!« sagte sie beklommen und angstvoll, »was fehlt Dir? . . . Leidest Du?« . . . –

»O fürchterlich, Heliade!« erwiderte er, fuhr mit der Hand über die Stirn und erhob sich mit so schwerer Bewegung, als drücke ihn eine unsichtbar Last zu Boden. Er ging ein Paarmal im Zimmer auf und nieder, dann sagte er zu Heliade, die ihm kummervoll zuschaute:

»Komm her, mein armes liebes Kind, setze Dich zu mir und unterbrich mich nicht. Wie schwer es mir auch werden möge – Du sollst Alles wissen, denn es wäre möglich, daß meine Rettung durch Dich bewerkstelligt werden könnte. Was ich Dir zu sagen habe, wird Dein Herz zerreißen . . . . nach allen Seiten hin: um so klarer wird es Dir hoffentlich werden, was Du zu thun hast.«

Heliade sank zitternd und sprachlos auf einen Sitz neben ihrem Vater nieder und Horburg sprach:

»Ich bin nicht aus einer protestantischen Familie, wie Du es bisher geglaubt hast . . . . sondern aus einer altkatholischen. Aber mein Vater, der im Zeitalter Voltaires und der Encyclopädisten seine Jugend in Paris verlebte, glaubte seinen Grundsätzen der Aufklärung folgen und bornirte Vorurtheile beseitigen zu müssen, indem er sich mit einem reformirten Fräulein aus der Pfalz vermählte, das ihm gefiel. Ich war das einzige Kind dieser Ehe. Mein Vater verachtete die Religion, weil er sie nur aus den frevelhaften atheistischen Schriften jener literarischen Rotte, die ein ewiger Schandfleck in der Geschichte des menschlichen Geistes bleibt – kennen wollte. Meine Mutter, die mehr religiöses Gefühl und wenige Verstand als er . . . . und ihn dabei sehr gern hatte, erlag mit ihren etwaigen Glaubensansichten seinen Spöttereien und Neckereien. Zuerst wird sie ihre Meinungen wohl nur verschwiegen haben; – nach und nach vergaß sie dieselben und bewegte sich mit meinem Vater in der Sphäre seiner frivolen Anschauungen.

Auf diesem Boden erwuchs ich und wuchs ich heran . . . und, um mein Unglück zu vollenden, war ich der Abgott meiner Eltern . . . obschon ich ihnen – die ersten Kinderjahre vielleicht abgerechnet – nie Freude machte. Sie lehrten mich keinen Gehorsam gegen Gott, keine Abhängigkeit von Gott, weder durch Wort noch durch Beispiel, und so fühlte ich mich denn auch nicht zum Gehorsam gegen sie verpflichtet und die Abhängigkeit von ihnen drückte mich dermaßen, daß ich mich in beständiger Empörung gegen sie befand, wenn ihre Wünsche, Pläne und Ansichten den meinen entgegentraten. Nie kam es mir in den Sinn, meinen Willen dem ihren unterzuordnen, denn der erhabene Gedanke, auf welchem allein die Würde der Eltern beruht: Stellvertreter Gottes bei der Erziehung einer unsterblichen Seele zu sein – wurde nicht meinem kindlichen Herzen eingeprägt. Nie sah ich meine Eltern beten, nie einen Gottesdienst besuchen, nie eine andächtig Handlung verrichten. Welche Gedanken muß sich ein Kind über Religion, Glauben und Kirche bilden, wovon der Lehrer zu ihm spricht, wenn es die Eltern leben sieht, als ob das Alles gar nicht existire. Auf das junge Gemüth macht das Beispiel – und besonders das elterliche, mehr Eindruck als tausend Lehren eines Informators. Frivol in den Ansichten – von Grundsätzen war überhaupt keine Rede! – und leidenschaftsvoll im Herzen verließ ich bei neunzehn Jahren das Vaterhaus, um in Mainz academische Studien zu machen. Es ist wahrscheinlich, daß ich dort Männer hätte finden können, die in Leben und Wissenschaft ernste Wege gingen, aber die allgemeine Luft, die dort wehte, war triviale Oberflächlichkeit – angefangen beim Churfürsten bis herab zu jenem Georg Forster, den die verschrobene Jetztwelt zu einem Heros und Martyrer erhabener Ideen machen möchte, während er in geistiger Beziehung kurzsichtig und unklar – in moralischer gemein war. Das war überhaupt die klägliche Signatur jener Tage! Erhabene Ideen wurden nur gleichsam in ihrem Wortlaut – nicht in ihrer Tiefe, ihrem Zusammenhang, ihren Folgen . . . also nicht in der Wahrheit, die in Gott ist – aufgefaßt; denn die Menschen hatten durch Ueberschätzung des raffinirten Verstandes, der die Außenseite der Dinge blendend umwirbelt – und durch Hinneigung zum Materialismus, welche diese Sorte von Verstand immer entwickelt und nährt: das Auge der höheren Intelligenz in sich selbst geschlossen. Der Glaube ist die Lebensverbindung des menschlichen Geistes mit dem Geist Gottes. Wird dies Band zerrissen, dieser Kanal zerstört, so schrumpft der Menschengeist mehr und mehr zusammen, verliert Schärfe, Schwung und Umsicht und taumelt auf dem Boden der sinnlichen Wahrnehmungen umher, wie ein Schmetterling, dem die Flügel ausgerissen wären. In dieser dreifachen Trunkenheit der Selbstüberschätzung, des Rationalismus und der Sinnlichkeit bewegte sich der Hof des Kurfürsten, an welchem ich Verwandte hatte – und der Kreis der Professoren der Hochschule, unter denen ich meine Lehrer suchte. Mit der Vorbereitung, die ich aus dem Vaterhause mitbrachte, war das Resultat vorherzusehen: ich begeisterte mich für Ideen, die meinen Leidenschaften zusagten.

Trotz dieser Abrutirung war ich keineswegs zufrieden. Es war etwas in mir, das Anderes begehrte. Ich wußte nur nicht was. Ich glaubte, es sei ein größerer Spielraum, mehr That, mehr Bewegung. Gegen den Willen meiner Eltern ging ich nach Paris. Ich hatte Talent, Muth, jenen Enthusiasmus, der mehr mit der überschäumenden Kraft der Jugend, als mit hohem sittlichen Streben zusammenhängt. Das gefiel. Ich lernte die Partei der Girondisten kennen, schwärmte für sie und mit ihnen, bankettirte mit ihnen bei Madame Roland, die uns Rosenblätter in die Weingläser streute – zur Erinnerung an die Symposien der alten Hellenen – und hielt mit ihnen feurige Reden voll tönender Phrasen ohne Wahrheit.

Die Guillotine verschlang den König, verschlang die Girondisten. Ich entkam ihr. Daß von Begründung der Freiheit nicht mehr – wohl aber von wahnwitzigster, beispielloser Tyrannei die Rede sei, lag zu Tage. Ich fanatisirte mich für die unglückselige Königin. Mein Geld, meine Freunde, tausend Intriguen sollten mir dienen, um sie zu retten. Sie hatte glühende Anhänger und ich verband mich mit ihnen bis zur äußersten Lebensgefahr. Dennoch scheiterten unsere Plane . . . und die Guillotine verschlang ihr schönes, stolzes, kummervolles Haupt. Da faßte mich ein Gemisch von Ekel und Haß gegen ihre Henker und ich floh nach der Vendée, wo ich mit wüthender Energie, abermals dem Strom meiner momentanen Leidenschaft folgend, gegen dies monströse Schreckensregiment kämpfte.

Das war der Augenblick, den die göttliche Vorsehung erwartet zu haben schien, um mich auf andere Wege zu leiten. Meine Freundschaft mit einem jungen Edelmann der Vendée brachte mich in Verbindung mit seiner Familie . . . . mit seiner Schwester . . . . der edelsten und reinsten Seele, die mir bis dahin erschienen war. Ich wurde von ihr und von dem ganzen Hause mit der zartesten Gastfreundschaft behandelt, weil ich ein Waffenbruder war. Aber ich wünschte mehr . . . . und hoffte mehr. Ich bewarb mich um Magdalene. Sie sowohl als der Marquis lehnten den Antrag ab, als die Frage nach meinem Glauben zur Sprache kam und sie frivolen Unglauben entdeckten.

Mein Leben nahm eine furchtbare Wendung. Mein Stolz, mein Selbstgefühl, meine Eitelkeit bäumten sich auf gegen diese Demüthigung. Bis jetzt war mir die Religion ein Ding gewesen, das seitwärts vom Pfade lag, wo kluge und gebildete Menschen gehen, ein Ding, das ihnen gar nicht vor die Augen kommt und sie daher auch gar nicht belästigt. Und plötzlich nahm sich dies verachtete Ding die Freiheit, mir entgegenzutreten und meinen Lauf nach einem ersehnten Ziel zu hemmen! Diese Unverschämtheit mußte bestraft und die freche Zumuthung mit Fußtritten beantwortet werden. Fortan setzte ich eine Ehre darin, mit meinem Atheismus zu prahlen und demgemäß zu leben. Die göttliche Gnade hatte mir die rettende Hand geboten; rasend stieß ich sie fort – und der Stoß hatte die Folge, daß ich einige Stufen tiefer herabtaumelte.

In dieser niedrigen Sphäre verbrachte ich Jahre um Jahre und wurde moralisch so entnervt, daß ich sogar jene innere Rastlosigkeit verlor, die mich so zu keiner rechten Befriedigung kommen ließ. An die Stelle der Rastlosigkeit war Betäubung und Stumpfheit getreten. Konnte ich nur den Winter in Paris, den Sommer in Spaa zubringen – hatte ich nur Geld vollauf für Pferde und Hunde, für Karten und Wetten, für Theater und Champagner, so vergaß ich, daß meinem innersten Wesen jemals etwas gefehlt hatte.

Meine armen bekümmerten Eltern wünschten meine Rückkehr, meine Verehelichung. Bei dem Gedanken an Ehe . . . lachte ich und an Familienleben . . . schauderte ich. Dabei blieb es. Auch als mein Vater starb. Nur insofern trat eine Veränderung ein, als meine Verschwendung zunahm und zwar so sehr, daß ich nach einigen Jahren das bedeutende väterliche Vermögen gänzlich aufgezehrt und dadurch auch meine Mutter um ihr Einkommen als Wittwe gebracht hatte. Nun war ich arm, aber buchstäblich arm – und zwar mit einer erniedrigten Seele: die fürchterlichste Vereinigung, die es auf Erden geben kann. Die Armuth an sich ist so wenig ein Unheil, daß manche arme Menschen mit einer großen Seele die größten geworden sind, die man je gesehen hat . . . denn sie wurden Heilige. Aber Armuth und eine erniedrigte Seele – wird das Treibhaus aller Verbrechen.

Um mir eine kleine Jahresrente und die Anwartschaft auf ein großes Vermögen zu sichern, ohne Ueberzeugung, daß ich die Wahrheit verlasse und ebensowenig überzeugt, daß ich sie finde – wurde ich . . . o meine arme Heliade! wurde ich Protestant. Meine gute Mutter knüpfte einige Hoffnung für mich an dies Ereigniß und erleichterte mir auf jede Weise den Schritt. Ich that ihn mit großer Gelassenheit, indem ich sagte.

»Ich bin ein ächter Protestant, denn ich protestire gegen alles und jedes Katholische.«

Damit war ein protestantisch-rationalistischer Theolog ganz einverstanden und begnügt. Mein Großonkel, den ich beerben wollte, zwar nicht; indessen ließ er sich von meiner armen Mutter beschwichtigen, die ihn mit tausend Thränen anflehte, mit dem ersten schwachen Schritt ihres unglücklichen Sohnes vorlieb zu nehmen und ihn nicht durch höhere Forderungen zu irgend einem verzweifelten Schritt zu treiben. Mein Onkel setzte mir also eine kleine Jahresrente aus: es ist die, wovon wir bis zur Stunde leben.«

Heliade sprang auf mit einem Ausdruck des Entsetzens, als halte der Vater ihr das Haupt der Meduse entgegen. Sie fiel vor ihm nieder, umklammerte seine Knie und ächzte mit tonloser Stimme:

»Aber von Stund' an nicht mehr . . . o nicht mehr.«

»Höre weiter, Heliade!« sagte Horburg, indem er sie sanft aufhob und wieder auf ihren Platz setzte: »Mein Geldmangel hatte die Folge, daß mir meine gewohnten Zerstreuungen fehlten und daß daher wieder eine große Unruhe sich meiner bemächtigte. Es war aber weder die des Gewissens noch des Geistes, sondern nur ein Drang nach lebhafter Beschäftigung und äußerer That. Beides fand seine entsprechende Nahrung in den furchtbaren Kriegen, welche Napoleon in Europa entzündete. Während acht Jahren kämpfte ich gegen ihn – immer in demjenigen Lande und unter derjenigen Fahne, die seinen Invasionen Widerstand leisteten. Beseelten mich auch keine höheren Motive, so schlug ich doch mein Leben in die Schanze – und dieser Versuch, das Leben zu etwas Anderem zu verwenden, als zu selbstsüchtigen Genüssen, that mir wohl. Sogar auf dieser untersten Stufe spürte ich die reinigende Kraft der Selbstverläugnung: wer sich täglich der Gefahr aussetzt, sein Leben zu verlieren, bei dem sinken die Glücksgüter im Preise. Ich machte keine Fortschritte in jener Richtung, die nothwendig gewesen wäre, um mich in des Onkels Gunst und Erbschaft festzusetzen. Er starb während der Kriegsjahre. Ein anderer Neffe wurde sein Universalerbe; mir blieb nur meine kleine Pension. Inzwischen war ich vierundvierzig Jahr alt geworden und mit andern Menschen, Gedanken und Bestrebungen bekannt geworden, als jene, die ich in früheren Lebenskreisen gefunden. Die unerhörte Nichtigkeit meiner früheren Existenz ekelte mich an. Die unüberwindliche Sehnsucht nach Glück, die ich mit dem Rausch und den Träumen des Opiums eingeschläfert hatte, regte sich wieder in mir. Ich wollte andere Dinge treiben, andere Interessen verfolgen, andere Beschäftigungen suchen, als bisher. So kam ich nach Rom . . . . und in das Haus Deines Großvaters Sir Reginald O'Connor.

Montaigne hat gesagt: »Il n'y a de satisfaction çà bas que pour les ames ou brutales ou divines.« Diese Familie war ein lebendes Bild der Zufriedenheit, die himmlische Seelen hienieden finden. In der knappsten äußern Beschränkung, in der Verbannung, in beständigem Kummer um das Vaterland, im Jammer um einen entarteten Bruder – waren diese Menschen dennoch tief zufrieden, etwa so wie die Seligen es sein mögen, die zwar die Leiden der Welt kennen, doch nur im Wiederschein des göttlichen Willens, der vor ihrem Aug' erstrahlt, sie überschauen. War ich mit ihnen zusammen, so empfand ich, daß diejenige Befriedigung, die ich bis jetzt gesucht und gefunden hatte, mich in die Kategorie von Montaigne's »ames brutales« verwies.

Wie Deine Mutter war bei sechszehn Jahren . . . . kann ich Dir nicht beschreiben. Ein christliche Psyche – so stelle sie Dir vor. Später wurde sie eine Heilige! – Daß sie sich mit mir gegen den ausdrücklichen Willen ihrer Eltern, die vor meiner Apostasie zurückschauderten, dennoch vermählte . . . . hat sie Dir selbst erzählt, jedoch mit Uebergehung meines Abfalls. Demüthig wie sie war, betrachtete sie ihren Ungehorsam als den Grund, weshalb Gott ihre Gebete um meine Bekehrung nicht erhöre. Dem war aber nicht so! der Grund lag in mir. Daß sich auch jetzt wieder zwischen Colomba und mich der katholische Glaube stellen wollte, wie vor achtzehn Jahren zwischen Magdalene und mich – fachte meinen vergessenen Groll gegen ihn frisch und feurig an, und mein Stolz blies kräftig die Flammen an. Nur liebte ich Deine Mutter zu sehr, um meine Verachtung von Glauben und Kirche absichtlich zur Schau zu tragen. Ich hielt mich in dem allgemeinen Indifferentismus gegen alle Offenbarung, beschäftigte mich mit literarischen Arbeiten, mit historischen Studien und lebte in Florenz eine Reihe von Jahren so glücklich, wie der Mensch es sein kann, der nur auf dem natürlichen Boden steht und die leisen Mahnungen seines Gewissens in der Zufriedenheit seines Familienlebens beschwichtigt. Deine arme Mutter aber hatte längst ihren Frieden verloren, seitdem sie für meinen Seelenzustand zitterte. Sie meinte immer, ein kluger Mann müsse ganz leicht zur Erkenntniß der Wahrheit der Offenbarung kommen; er sei gewöhnt an Nachdenken, an Logik; er brauche nur zu wollen, so führe ihn der folgerichtige Gedanke zu Gott und zur Offenbarung, die das notwendige Band zwischen Ihm und der Menschheit ist. Sie brachte nur nicht in Anschlag, daß der klügste Mann keineswegs immer den entschiedensten Willen zur Erkenntniß Gottes mitbringt. Allzu häufig sucht er seine eigenen Gedanken und sein eigenes Ich. Abermals stieß ich die Gnade zurück, die mir die göttliche Vorsehung darbot, als sie mich in Verbindung mit Deiner Mutter brachte; und abermals taumelte ich durch diesen Stoß einige Stufen abwärts – jedoch nicht abwärts in der äußeren Welt, sondern in mir selbst. Mein äußeres Leben war durchaus geregelt, häuslich, arbeitsam, einfach; ich war ein zärtlicher Gatte und Vater, ein respectabler Mann; ich bekam eine gewisse Hochschätzung meiner moralischen Vortrefflichkeit – und dadurch wurde ich blinder über mich selbst, als ich je gewesen war.

Die Sorge um Deine und Deiner Mutter Zukunft nach meinem Tode war ein Punkt, der mich unsäglich peinigte, je älter ich wurde. Er zwang mich, die Quelle scharf in's Auge zu fassen, welche hauptsächlich die Meinen ernährte: meine Jahresrente. Ich hatte mir bis dahin immer vorgespiegelt, der Onkel sei mir dieselbe schuldig gewesen und nur aus herrnhutischer Beschränktheit habe er sie zu einer Belohnung gemacht. Wollte ich aber ehrlich sein, so mußte ich bekennen, daß dies eine freiwillige Täuschung meinerseits sei. Mein Großonkel hatte nicht die mindeste Verpflichtung gegen mich und hätte einem katholischen Großneffen nimmermehr ein Jahrgeld ausgesetzt. Ich wünschte aber sehnlichst, daß dasselbe im Fall meines Todes auf Weib und Kind übergehe. Die Hoffnung, diese Angelegenheit bei meinem Vetter zu ermöglichen und sie in Deutschland leichter zu betreiben, als in Italien, ließ mir in Florenz keine Ruhe. Aus der Heimlichkeit, mit der ich sie umgab – aus dem tiefen Schweigen, das ich darüber gegen Deine Mutter beobachtete – drängte sich mir unwillkürlich meine eigene Verurtheilung auf: es handelte sich um eine schmachvolle Sache. Die Vorstellung, daß Deine Mutter sie entdecken könne, trieb mir den Angstschweiß auf die Stirn – – und sie hat auch nie diese gräßliche Entdeckung gemacht!

Die Hoffnungen, die ich an unsere Uebersiedlung nach Dresden knüpfte, erwiesen sich als taube Blüthen. Ich fand keineswegs das, was ich in literarischer Beziehung erwartet hatte: ich war zu alt, zu fremd, zu wenig vertraut mit der dermaligen Geistesströmung in Deutschland, zu unbeholfen, um mich in sie hinein zu finden, zu entmuthigt und wohl auch zu talentlos, um mir selbstständige Wege zu suchen und Bahnen zu brechen. Meine literarischen Arbeiten waren ganz untergeordneter Art – eine empfindliche Demüthigung für meinen Stolz! – Die Verhandlungen mit meinem Vetter blieben durchaus fruchtlos . . . . nein, mehr! sie ließen mich in einen Abgrund sehen! – Mein Vetter antwortete mir sehr artig, er würde für seine Person herzlich gern meinen Wunsch erfüllen, da er im Besitz des ganzen Vermögens sei. Nach seinem Tode gehe es aber auf seine fünf Söhne über, denen er unmöglich diese Last aufladen dürfe – um so weniger, als das Testament des Großonkels besage: Rudolf von Horburg solle sein Jahrgeld behalten, so lange er protestantisch sei. Man müsse daraus wohl mit Recht den Schluß ziehen, daß ein Jahrgeld für dessen katholische Familie dem Willen des Testators gänzlich zuwider laufe. Und ob ich denn nicht die Abschrift des Testamentes seiner Zeit erhalten habe?

Gewiß, ich hatte sie erhalten . . . . mitten im spanischen Feldzug. Ich hatte gelesen, daß ich nicht der Universalerbe – sondern auf ein Jahrgeld gesetzt sei – und ich hatte das Papier zerrissen, ohne jene Bedingung auch nur beachtet zu haben. Jetzt machte sie mir einen furchtbaren Eindruck. Wie stolz war ich immer gewesen auf meine falsche Freiheit, auf meine verkehrte Selbstbestimmung, auf meine Unabhängigkeit von jeder Fessel – und plötzlich fühlte ich mich auf dem Punkt, von dem die wahre Freiheit ausgeht: in meinem Gewissen . . . . an eine niederträchtige Kette gefesselt . . . niederträchtig, wie nur immer die Kugel sein kann, die der Galeerensklave am Fuß nach sich schleppt! Denn wenn ich Gebrauch machte von dem Recht, welches jedem Menschen zusteht – wenn ich forschen und fragen wollte nach der ewigen Wahrheit, so war mir die Möglichkeit geraubt, dieselbe in der katholischen Glaubenslehre zu finden – es sei denn, daß ich mich entschloß, mit den Meinen in vollkommene, buchstäbliche Armuth zu versinken. Und seltsamer Weise! – von diesem Augenblick an fühlte ich mich von einer unwiderstehlichen Macht angetrieben, gerade diejenige Bahn des geistigen Lebens einzuschlagen, die ich bis dahin immer vermieden hatte. Die Arbeiten meiner Feder waren zu gering, um den Kreis meiner Gedanken vollständig einzunehmen – und ich begann die Kirchenväter zu studiren. Anfangs behandelte ich die Sache mehr mit dem Interesse der Neugier, ob es wohl möglich sei, aus ihnen genügende Gründe für die objective Wahrheit der göttlichen Offenbarung zu schöpfen. Der Spiegel meiner Seele war dermaßen getrübt durch verkehrte Ansichten, die immer mit einem verkehrten Willen zusammenhängen – denn der richtige, auf Gott gestellte Wille schöpft seine Erkenntniß am Urquell des Lichtes und sie geht in seine Ansichten über – daß ich Anfangs dem Blinden glich, der keine Ahnung hat vom Aufgang der Sonne. Ich ließ mich aber nicht abschrecken und las weiter; – da wurde mir wie dem Blinden, dem man den Staar gestochen: das einströmende Licht thut ihm weh und er möchte zurückkehren in die alte Finsterniß. Das ist aber nicht mehr möglich. Er kann freilich die Augen schließen, weil er fürchtet, geblendet zu werden; allein er kann nicht mehr leugnen, daß auch ihm die Sonne aufgegangen sei. Doch ergab ich mich durchaus nicht leicht und schnell dieser Ueberzeugung. Ich bekämpfte sie, ich stemmte und wehrte mich gegen sie. Ich wollte mich an die Lehren des Materialismus halten: sie lösten sich unter meiner Hand in ich weiß nicht was für einen widerlichen, Prozeß gährenden Stoff auf, durch welchen die todte Katze in derselben Reihe steht, wie der todte Mensch. Ich wollte mich an den Rationalismus klammern; aber er ist kein lebendiges Glied, sondern nur eine hohle Geschwulst an dem geistigen Organismus der allgemeinen Intelligenz – seine Maßlosigkeit konnte mir weder Kraft noch Halt bieten. Vergebens sah ich mich um nach einer Rüstung . . . . ja nur nach einer Schutzwaffe gegen die christliche Offenbarung – ich fand keine! Wurde ich aber Christ: so wurde ich selbstverständlich Katholik, da eine übernatürliche Offenbarung, wie diejenige ist, welche das Christenthum begründete, nur da rein erhalten werden kann, wo die Tradition im Schooß der apostolischen Kirche sie bewahrt. Ich aber durfte nicht zu dieser Kirche mich bekennen: die Fessel der pecuniären Verhältnisse band mich an das tiefste Elend und die tiefste Erniedrigung, die es hienieden gibt: ich mußte die heiligsten Ueberzeugungen verleugnen . . . für ein Stück Brod! – und ich durfte deswegen mit Niemand hadern und Niemand anklagen! . . . ich selbst hatte mir diese Entwürdigung bereitet – ich war ein Apostat! Mit diesem Brandmal auf der Seele lebt sich's schwer! Es ist der Grund der Melancholie, die mich seit Jahren foltert. Mag Deine Mutter auch geahnt haben, daß ich in den heftigsten inneren Kämpfen schwanke: so wußte sie doch nicht, weshalb ich nicht zum Entschluß kam.

»Das hat Gott so gefügt!« sagte Heliade mit übernatürlicher Ruhe; – »es hätte sie getödtet. Jetzt aber betet sie für Dich am Throne Gottes, mein geliebter Vater, und die Frucht dieses Gebetes wird sein, daß Du zurücktrittst in die heilige Kirche und dem Jahrgeld entsagst.«

»Und wovon leben, Heliade?«

»Du wirst wieder literarische Beschäftigungen beginnen . . . ich werde arbeiten . . . wir schränken uns ein, vertrauen auf Gott – und Er hilft uns.«

»In dieses Elend sollte ich mein einziges Kind stürzen!« rief Horburg in einem Ausbruch von Verzweiflung; –»nein, Heliade! höre mich an . . . es gibt einen Ausweg. Die Kirche mißbilligt immer die gemischte Ehe, weil die katholische Seele immer durch sie in Gefahr kommt; aber sie tolerirt dieselbe unter der Bedingung, daß die Nachkommenschaft katholisch werde. Setzest Du das durch, so hast Du das immense Glück, eine protestantische Familie in eine katholische zu verwandeln. Bei der Liebe, die Graf Gorm zu Dir hat, wird Dir das gelingen.«

»Hörtest Du nicht, lieber Vater, daß er sagte: Was Gorm heißt, muß protestantisch sein! – und: eine Katholikin würde die Confession der Descendenz niemals ändern. Wie kannst Du glauben, daß er ein solches Zugeständniß in den Ehepacten machen würde?«

»Das meinte ich nicht, Heliade!« entgegnete Horburg verlegen nach Worten suchend: »aber . . . je reiner das Herz und je edler der Charakter – desto mehr ist Empfänglichkeit für die Wahrheiten der Religion vorhanden. Graf Gorm besitzt jene Vorzüge in so hohem Grade, daß Dein Einfluß auf ihn nicht anders als günstig sein kann. Du wirst ihn in der Ehe um so sicherer gewinnen, als Du vorher . . . . keine derartige Ansprüche machen wirst. Ueberlege also, ob es nicht besser wäre, seinen Antrag anzunehmen. An dem Tage, wo Dir ein ehrenhafter Platz in der Welt gesichert ist . . . an dem Tage, Heliade, legt Dein Vater das Tridentinische Glaubensbekenntniß ab und entsagt jenem Gelde. So würdest Du meine Seele retten.«

»Und die meine verlieren,« entgegnete Heliade.

»Nein!« rief Horburg – »Gottes Gnade und der Segen Deines Vaters würden mit ihr sein.«

»Des Vaters Segen ist unwirksam, wo Gottes Gnade fehlt . . . und sie fehlt in einem Ehebündniß, das die Kirche, welche an Gottes Statt Spruchgewalt hat, durchaus verwirft. Ich würde heraustreten aus dem seligen Einfluß der heiligmachenden Gnade, wenn ich menschlichen Stimmen mehr Gehör geben wollte, als der Stimme Gottes.«

»Heliade! . . . . Du stürzest Deinen Vater in Verzweiflung . . . und Dich . . . in's Elend!« rief Horburg.

»Im Elend wird Gott mich behüten, mein lieber Vater,« sagte das unglückliche Kind mit ruhiger Fassung; – »in der Hölle nicht.«

»Und wenn ich meinen Fluch auf Dein unkindliches Haupt lege!« rief Horburg mit zornflammendem Blick.

»Das wirst Du nicht thun, mein geliebter Vater . . . . denn die Hand Gottes liegt auf meinem armen, schwachen Haupt!« sagte Heliade sanft; aber sie war so bleich und ihr Auge so müde und ihre Haltung so erschöpft, daß ihr Vater mit Grauen bei sich selbst sprach: Wenn sie nur nicht stirbt! solche junge Wesen sind doch nicht acclimatisirt in der Atmosphäre der Schmerzen, welche die des Lebens ist. Das Alter ist der Stürme gewohnt; die Jugend . . . kann durch einen einzigen gebrochen werden.

»Heliade, mein liebes, einziges Kind!« sagte er zärtlich, »bedenke doch, daß nichts so wohlgefällig vor Gott ist, als die reine Absicht. Du würdest die Ehe mit Graf Gorm schließen, um ihn und seinen Vater und die ganze Familie in den Schoß der Kirche zurückzuführen: wie kannst Du zweifeln, daß Dir Gott bei einem so ganz himmlischen Werk nicht beistehen werde.«

»Hätte ich die Mittel, um es zu unternehmen, so würde ich nicht zweifeln. Und dann hätte ich auch das Recht, aus meiner reinen Absicht Kraft zu schöpfen. Aber sie fehlen mir durchaus. Graf Gorm hat einen energischen Willen und entschiedene Ansichten. Ich könnte meine Entschiedenheit nur dadurch ausdrücken, daß ich auf eine katholische Descendenz beharrte. Weil die Sache dadurch sogleich abgebrochen ist, meinst Du, lieber Vater, daß es genüge zu schweigen und in der Stille die Entschiedenheit zu bewahren. Das genügt aber nicht vor Gott! es wäre eine Verleugnung Seines Willens und meiner Ueberzeugung aus Liebe zu einem Menschen. Und diese Liebe, die ich so hoch über die übernatürliche Liebe gestellt hätte, würde dann ohne Zweifel meine Seele so beschädigen und schwächen, daß sie mehr und mehr ihre Entschiedenheit verlöre und ihre reine Absicht vergäße – ja, daß sie selbst zum Abfall käme. Denn das ist klar, sieht Graf Gorm, daß mir die Vorschriften meiner Kirche nicht heilig sind, so wird er, der einen hohen Werth auf den Protestantismus legt, versuchen, an meinen Dogmen zu rütteln. Nein, mein lieber Vater, die reine Absicht, unsere Pflichten nach Gottes Willen zu erfüllen, heiligt uns. Aber wenn wir uns gegen Gottes Willen Pflichten aufbürden, so kann eigentlich gar nicht mehr von einer reinen Absicht die Rede sein.«

»Welchen Trost wirst Du in dem Gedanken finden, meine Heliade, die letzten Tage Deines alten Vaters mit Gott versöhnt und ihm den Frieden vermittelt zu haben, der aus dem Glauben fließt,« fuhr Horburg unerbittlich fort.

Heliade sah ihn an mit ihrem dunkeln Auge, das noch einmal so groß wie gewöhnlich erschien. Sie legte die Hand auf seine Schulter und sagte:

»Mein Vater! jetzt forderst Du den Glaube von mir . . . . aber ich bin nicht dafür verantwortlich und nicht Schuld daran, daß Du ihn verloren hast. Wenn nun nach zwanzig, dreißig Jahren meine Söhne zu mir kommen und sprechen: Sieh das Elend unserer Seelen! weshalb hast Du uns nicht im wahren Glauben erzogen! – was soll ich dann antworten, ihnen . . . und Gott, der sie mir anvertraut hat?«

»Geliebtes Kind, das ist eine ganz willkürliche Annahme . . . . und falsch dazu!« sagte Horburg immer mit derselben Zärtlichkeit. »Sind die Mütter fromm und gut, so werden es auch die Kinder. Ich sehe das ja an Dir! in Dir lebt die Seele Deiner Mutter.«

»Mein Gott!« seufzte Heliade und drückte ihre Hände gekreuzt über der Brust zusammen; – »der Versucher ist auch dem Herrn erschienen und hat ihm die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit gezeigt. Mir aber erscheint er in der Gestalt des eigenen Vaters. O Herr! schicke Deine Engel, damit sie mir beistehen.«

»Heliade! erbarme Dich meiner Seele!« ächzte Horburg und sank ihr zu Füßen.

Sie kniete neben ihm nieder und sagte:

»Nicht um den Preis meiner Seele, geliebter Vater . . . . das darf ich nicht.«

Da übermannte ihn ein heftiger Zorn. Er stieß sie von sich und verließ das Zimmer. Heliade lag zusammengesunken am Boden. Da lag sie lange, lange Zeit, nicht bewußtlos, aber in stumpfer Betäubung. Der Wellenschlag des Lebens ging brausend über das arme, junge Herz hinweg; – es war auf diese Stürme nicht vorbereitet. Allein die Engel, um die sie Gott angerufen hatte, kamen auch zu ihr, und während ihr Körper und ihre Sinne im Halbschlaf der Erschöpfung, welche auf eine übermäßige Aufregung folgt, zusammenbrachen, gingen durch ihre Seele Gedanken, die wie mit goldnen Buchstaben geschrieben vor ihrem innern Auge aufleuchteten und ihr Worte wiederholten, die sie öfter von ihrer Mutter gehört hatte. »Wenn Einer dir sagt: Blicke rückwärts, sonst stürzt die ganze Welt in Trümmer; – und wenn Gott dir dies verbietet: so sollst du Gott gehorchen, wenn gleich die ganze Welt in Trümmer stürzt.« – Dazwischen machte wohl der Jammer ihres Herzens sich Luft, daß wegen dieses Gehorsams der Vater ihr zürne und der Geliebte trauere; doch dann flüsterten himmlische Stimmen ihr zu: Aber deine Mutter segnet dich und der göttliche Liebhaber deiner Seele freuet sich deiner Treue. Wer das Vergängliche mehr liebt als das Ewige, ist Seiner ewigen Liebe nicht wert. Und hast du vergessen die Lehre deiner Mutter, die Lehre der Heiligen: Das geringere Gut ist für das Höhere hinzugeben, und wenn es auch Blut und Leben kostet. – – – Ein tiefer Athemzug entrang sich Heliadens Brust. Sie richtete sich auf. Ihr Haar rollte aufgelöst über ihre Schultern herab. Sie wand es zusammen und um ihren Kopf, drückte beide Hände vor Stirn und Augen und seufzte: »Ist denn schon je eine ähnliche Verwüstung über ein Menschenleben eingebrochen?« – –

Sie nahm die Lampe, ging in ihr Zimmer und setzte sich, wie es ihre Gewohnheit war, an einen Tisch, auf dem unter andern Büchern auch ein großer Quartband, eine Legende der Heiligen, lag. Darin las sie jeden Abend. Sie schlug auch jetzt das Buch auf; da fiel ihr Blick auf den Namen Vivia Perpetua – und ihr war zu Sinn, als ginge ein Strahl von diesem Namen aus und mitten in ihre Seele hinein.

Nie hat eine weibliche Hand schönere und edlere Blätter geschrieben, als Vivia Perpetua; aber ach! sie gehören zu den Acten der Martyrer und deshalb kennt die Welt sie nicht – oder verachtet sie. Aber Heliade kannte sie; sie wußte, daß diese zweiundzwanzigjährige Frau aus einer vornehmen Familie in Karthago die Festspiele verherrlichen mußte, die Kaiser Septimius Severus im Römerreich veranstaltete, als er seinen Sohn Geta zum Cäsar machte; – und diese Spiele bestanden darin, daß die Christen mit wilden Thieren kämpften. Perpetua hat ihre Leidensgeschichte aufgeschrieben, so schlicht und einfach, als sei es das Tagebuch ihres gewöhnlichen Lebens; – und nur die Begebenheiten ihres Todes- und Siegestages hat ein Anderer hinzugefügt – wahrscheinlich einer der Diakonen, der die Martyrer auf ihrem Triumphwege begleitete. Perpetua hatte durch ihren Vater, der fest am Heidenthum und leidenschaftlich an seiner Tochter hing, die schwersten Prüfungen zu bestehen – und mit heißer, unsäglicher Theilnahme las Heliade einige Bruchstücke von dem, was die junge christliche Heldin vor sechszehn Jahrhunderten darüber aufgezeichnet hat.

»Ehe man mich und meine Gefährten in den Kerker brachte, hielt man uns in einem anständigen Hause in der Stadt und schickte unsere Angehörigen zu uns, um uns zum Abfall zu bewegen. Mein Vater bestürmte mich mit Bitten, mit Vorstellungen, mit Schmeichelworten. Da fragte ich ihn: Kann man die Dinge anders nennen als das, was sie sind? – Die Frage schien ihm seltsam und er antwortete: Nein. – Da sagte ich: Deshalb kann auch mich nun nicht anders nennen, als das, was ich bin: Christin. – Mein Vater wurde so aufgebracht, daß er mich im Zorn schlug und mißhandelte, erzürnt fortging und einige Tage ausblieb. Das war eine große Erleichterung für mich. Ich dankte Gott und bereitete mich ungestört zum Empfang der heiligen Taufe vor, die uns Allen in diesem Hause gespendet wurde. Ich war darnach so erfüllt von Freude, daß ich Leib und Leben, Eltern und Kind im Geist Gott aufopferte und ihn fortan um nichts mehr bat, als um Geduld für das Fleisch.«

»Nach einigen Tagen brachte man uns in einen fürchterlichen Kerker, der unter der Erde ausgemauert war. Ein Troß Soldaten stieß uns ungestüm hinein. Welch ein schrecklicher Tag war das! Welche ungeheure Hitze! Es graute mir auch vor der Finsterniß, in der wir uns befanden, und die Sorge um mein Kind peinigte mich. Aber die gebenedeiten Diakonen Tertius und Pomponius, die uns dienten, erkauften für Geld die Erlaubniß, daß wir uns einige Stunden in einem freieren Raum des Gefängnisses erfrischen durften. Da schöpften wir Luft und erholten uns. Da nährte ich mein schon halb verschmachtetes Kind und die Pflege des Knäbchens tröstete mich. Da fand ich aber auch meine Mutter und meinen Bruder und litt sehr, weil ich sie, die schon Catechumenen waren, meinetwegen so bekümmert fand. Ich verging vor Gram, als ich sah, daß sie aus Liebe zu mir sich vergrämten. Die Mutter suchte ich zu beruhigen; dem Bruder empfahl ich meinen Sohn; während vieler Tage stand ich diese Bekümmerniß aus.« – –

»Es verbreitete sich das Gerücht, daß wir verhört werden sollten. Nun kam mein Vater wieder zu mir, abgezehrt von Gram, suchte mich zum Abfall zu bewegen und sprach: Erbarme dich meiner grauen Haare! Erbarme dich deines Vaters, wenn du mich noch würdig hältst, mich Vater zu nennen. Denk', wie ich dich auf Händen in dein blühendes Leben hinein getragen – wie ich dich lieber gehabt habe, als deine Brüder. Denk' an deine Mutter, an dein Kind, das ja ohne dich nicht leben kann. Beharre nicht bei deinem Eigensinn, der mich vor allen Menschen mit Schmach bedeckt und uns sämmtlich zu Grunde richtet! – So sprach mein Vater mit größter Zärtlichkeit, küßte mir die Hände, warf sich mir zu Füßen, nannte mich unter Thränen nicht Tochter, sondern theure Herrin. Wohl schmerzten mich die grauen Haare meines Vaters und daß er allein von meinem ganzen Geschlecht sich nicht über meinen Martertod freuen würde. Ich suchte ihn zu trösten und sagte: Auf der Blutbühne wird mir nur das widerfahren, was Gott gefällt. Aber trostlos verließ er mich.« – –

»Wir wurden zum Verhör fortgerissen. Im Gerichtshof bestiegen wir die Blutbühne und wurden befragt. Alle legten ihr Bekenntniß ab. Nun kam die Reihe an mich. Da erschien mein Vater auf den untern Stufen des Gerüstes mit meinem Sohn auf den Armen, zog mich eine Stufe hinab und sagte flehend: Erbarme dich deines Kindes! – Und der Procurator Hilarian, der zu Gericht saß über Tod und Leben, sagte auch zu mir: Erbarme dich doch deines alten Vaters und deines kleinen Sohnes! – Aber ich antwortete: Das kann ich nicht – – Bist du denn eine Christin? fragte Hilarian. – Ich bin es! sagte ich. Jetzt wollte mich mein Vater mit Gewalt vom Gerüst herabziehen; aber Hilarian befahl ihn hinwegzureißen und da ward er mit Ruthen geschlagen! Das that mir weher, als wäre ich selbst geschlagen worden und mich jammerte sein gramvolles Alter. Hilarian sprach über uns Alle das Urtheil und verdammte uns zu den Thieren und freudig kehrten wir in den Kerker zurück.«  – – –

»Unsere Verwandten durften uns in unsern letzten Tagen besuchen. Da kam auch mein Vater wieder. Entstellt von Gram trat er ein, warf sich mir zu Füßen, zerraufte sein graues Haar, verwünschte sein langes Leben, das ihm solchen Jammer bringe und klagte so, daß Alle tief erschüttert wurden. Wohl ging mir sein Herzeleid durch die Seele, aber ich mußte es aushalten. Und in der Nacht hatte ich einen Traum: ich kämpfte mit einem gewaltigen Mohren und besiegte ihn. Und der Kampfesherold reichte mir einen grünen Zweig mit goldenen Früchten, gab mir den Friedenskuß und sprach: Tochter, Friede sei mit Dir! – Und im Triumph ging ich von dannen. Ich erwachte und erkannte, daß ich nicht eigentlich gegen Thiere, sondern gegen den Teufel zu streiten hätte, aber den Sieg erringen würde. Und dies habe ich bis zum Tage vor dem Festspiel aufgeschrieben. Was aber an dem Tage selbst geschehen wird, beschreibe ein Anderer, wenn er Lust hat.«

Heliadens gefaltete Hände sanken auf das Buch und ihre Stirn auf ihre Hände. Möge auch zu mir der Kampfherold sprechen: Friede sei mit dir! sagte sie halblaut – und es trat eine wunderbare Stille in ihre Seele.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.