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Ida von Hahn-Hahn: Peregrin - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrin
authorIda Gräfin Hahn-Hahn
year1864
publisherVerlag von Franz Kirchheim
addressMainz
titlePeregrin
created20020701
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Peregrin kam. Heliade erkannte sogleich an seiner Gestalt und Haltung den jungen Mann, den sie jeden Morgen in der Messe bemerkt hatte. Und als er ihr näher trat, tauchte die Erinnerung in ihr auf, daß sie schon früher diese dunkeln, denkenden Augen, diesen lebhaften Blick, dies gute freundliche Lächeln gesehen habe. Und plötzlich erinnerte sie sich, wo das geschehen – und daß dies derselbe junge Mann sei, der sie vor Jahren »Kleine Fee« und »Heliade« genannt habe. Sie erröthete und ihr Antlitz, das gewöhnlich etwas bleich war, bekam dadurch einen reizenden Anhauch von Verklärung.

So kamen sie denn in Beziehung zu einander: Peregrin überglücklich, daß ein Ereigniß, welches sich noch vor wenig Wochen in nebelhafte Ferne verlor, urplötzlich eingetreten sei; Heliade froh, daß sie, zum ersten Mal in ihrem Leben, mit einem Menschen verkehrte, dessen Jugend mit der ihren im Einklang war und der ersichtlich ihren so abgeschlossenen, so in sich gekehrten, so schwermüthigen Vater erheiterte. Daß der Umgang mit Peregrin auf Heliade günstig wirke und eine erhöhte Theilnahme für geistige Interessen in ihr anrege – zugleich einen frischen Frohsinn ihr wiedergebe, der in der letzten Zeit von ihr gewichen war – bemerkte Horburg mit Freuden. Heliade dachte nicht darüber nach; sie war glücklich; ihre alte Zufriedenheit war zurückgekehrt, aber mit einem erhöhten Reiz. Sie freute sich an Peregrin's Sein und Dasein, wie an etwas ganz Neuem. Da sie nie mit jungen Männern verkehrte – von denen die große Mehrzahl, wie bei allen Erscheinungen auf der mittelmäßigen Erde, mit dem Mittelmaß gestempelt ist – so war ihr die gewisse stolze Ueberhebung fremd, in welche junge Personen, denen in der Welt – und nicht immer in zarter Weise, sehr gehuldigt wird, leicht verfallen. Sie war ganz bereit, Peregrin aufrichtig zu bewundern wegen seiner Kenntnisse, seiner Studien, seines Talentes und wegen seiner guten, liebenswürdigen Eigenschaften, die im Umgang zu Tage kamen. Seine Anhänglichkeit an die Eltern, seine Gleichgültigkeit gegen rauschende Vergnügungen, seine warme, lebendige Theilnahme für Alles, was in der Menschheit leidet und Mitleid in Anspruch nimmt, sein Verlangen nach hohen Idealen, um sich nach ihnen zu bilden – dies Alles fand Heliade mit einer unbeschreiblich frohen Ueberraschung außerhalb ihres eigenen Herzens und in dem Gewande, welche die männliche Auffassungs- und Ausdrucksweise ihnen gab. Die veränderte Gemüthsstimmung ihres Vaters beseligte Heliade. Er war viel zugänglicher, gesprächiger und sie nahm sich vor, wenn die glückliche Umwandlung etwas festere Wurzel in ihm gefaßt habe, ganz sanft wieder jene Saiten anzuschlagen, die das Glaubensleben berührten. Einmal sagte sie:

»Jeden Morgen besucht Graf Gorm die heilige Messe, lieber Vater – und das freut mich sehr.«

»Weshalb denn Dich?« fragte Horburg.

»O, seinetwegen! Er nimmt sich Zeit an Gott zu denken und zu beten. Er ist nicht ganz versunken in seine Studien, seine Violine und seine Weltbeglückungspläne, die ihm doch sehr am Herzen liegen. Es würde der lieben Mutter sehr gefallen haben.«

»Es gefällt auch mir, Heliade,« sagte Horburg, aber wieder in dem kühlen abwehrenden Tone, der ihr das Wort auf den Lippen tödtete.

Peregrin ging seinen eigenem Weg. Er wollte nicht durch den Vater die Tochter gewinnen. Er hatte nie wieder mit Horburg über seine Liebe und deren Hoffnungen und Wünsche gesprochen. Mit seinem Herzen, nicht durch einen Fürsprecher, getraute er sich die geliebte Heliade zu erringen, denn es schien ihm unmöglich, daß ihre zarte Seele einer so tiefen Liebe widerstehen könne. Aber er schwieg noch. Seine Eltern sollten erst ihre volle, frohe Zustimmung geben und Heliade selbst ihn etwas – ach nur etwas ermuthigen. Das that aber Heliade nicht und hatte auch keine Veranlassung dazu.

So vergingen mehrere Monate. Da sagte Peregrin eines Abends, nachdem er ein wundervolles Adagio von Beethoven gespielt hatte:

»Jetzt, Fräulein Heliade, nimmt die Amata Abschied von Ihnen.«

»Ja, bis auf morgen oder übermorgen,« sagte Heliade; – »länger gestatten wir ihr nicht zu verstummen.«

»Doch etwas länger! ich besuche meine Eltern.«

»Ah, das ist recht!« rief Heliade.

»Ihre Studien sind vollendet?« fragte Horburg.

»Was die academischen betrifft – ja! Nun kommen andere an die Reihe und ich hoffe eine große Reise zu machen,« sagte Peregrin.

»Sie gehen doch auch nach Italien . . . nach Florenz?« fragte Heliade.

»Gewiß! auf der Rückkehr. Soll ich Ihnen Grüße aus Florenz bringen?«

»Bitte, thun Sie das . . . und dann sagen Sie mir, ob Sie irgendwo in der Welt ein Plätzchen gefunden haben, das Ihnen besser gefällt als Florenz.«

»Um Ihnen das zu sagen, muß ich Sie aber auch finden können! – Findet man Sie immer hier, Herr von Horburg?«

»Immer wohl nicht,« entgegnete Horburg mit schwermüthigem Lächeln.

»O mein lieber Vater!« rief Heliade schmerzlich; und dann sagte sie zu Peregrin: »Ihre Zaubermusik wird nun verstummen und mein Vater in seine Melancholie zurückfallen.«

»Nein, gutes Kind, beruhige Dich! ich habe mir einen kleinen Vorrat von Frohsinn gesammelt,« sagte Horburg; – aber Blick und Ton widersprachen der Versicherung.

Peregrin nahm Abschied und reiste am andere Morgen nach Schloß Traun. Kaum war er fort, so bemerke Heliade die immense Lücke und Leere ihrer Tage. Während seiner Anwesenheit war ihr das gar nicht klar geworden. Wenn man jung ist, nimmt man den Frühling in der Natur hin. ohne daran zu denken, daß er zwischen zwei Wintern liegt. So war es ihr mit dem Frühling des Herzens ergangen. Sie wußte jetzt nicht, wie sie ihre Stunden ausfüllen, wie sie ihren Vater unterhalten sollte. Das hatte Peregrin übernommen. Vom Morgen an, wo er nicht mehr am Weihwasser stand, bis zum Abend, wo er nicht mehr kam und die Gespräche zu führen wußte, die ihren Vater unterhielten – und nicht mehr diese Musik erklingen ließ, welche sie über die stille Dämmerung ihres Daseins hinweg in ein süßes, seliges Leben und Weben im Lichtreich der Geister versetzte – o wie sehr vermißte sie Peregrin. Alles kam ihr verändert vor! die romantische Ruine alltäglich – die reizende, bewegte Gegend öde; der Vater trauriger wie je. Sie flüchtete im Geist zu ihrer Mutter und weinte tausend Thränen über dem teuren Grabe, Thränen von einer Bitterkeit, wie sie bis dahin ihr unbekannt gewesen waren, weil sie mit einer gewissen Beschämung sich vermischten. Es ist ja nicht möglich! seufzte sie heimlich; – ich werde doch nicht weinen, weil er fort ist! – Aber ach! es war dennoch möglich! . . . . und wenn sie sich das nicht ableugnen konnte, so suchte sie sophistische Gründe – weshalb. Die Erheiterung des Vaters . . . . seine gehobene Gemüthsstimmung . . . . die übernatürlichen Hoffnungen, die sie daran knüpfte! Und das Alles war nun zu Ende und rieselte in den Staub zu ihren Füßen wie eine zerrissene Perlenschnur.

»Glaubst Du, daß Graf Gorm bald zurückkommen werde, lieber Vater?« fragte sie einmal, als Peregrin etwa vier Wochen fort war,

»Er will eine große Reise antreten, . . . und wer weiß, ob er überhaupt zurückkehrt! Bald – gewiß nicht,« versetzte Horburg, dessen Hoffnungen für Heliadens Zukunft sehr gesunken waren und den der Gedanke an seinen Tod und ihre Verlassenheit namenlos folterte.

Täglich machten sie still und schweigsam ihren Spaziergang, häufig zum Kaiserstuhl, an trüben Tagen nur zur Schloßruine. Da setzten sie sich auf der westlichen Terrasse nieder und Jeder von ihnen hing seinen Gedanken nach. Wenn aber Fremde zu diesem Platz geführt wurden, so frappirte dieser Greis und dies wunderschöne Mädchen sie mehr, als die Aussicht und die Ansicht und der Epheuumrankte Thurm mit den traurigen Rittern.

Eines Morgens ging Heliade wie gewöhnlich in die Messe. Es wehte ein rauher Herbstwind und tief verhüllt in Schawl und Schleier betrat sie die Kirche. Da stand Peregrin am Weihwasser. So schnell sie auch vorüber und nach ihrem gewöhnlichen Platz ging – er war es! sie hatte ihn erkannt! Aber warum freute sie sich denn nicht? . . . . Die Überraschung war so groß, daß sie nur Schreck und eine gewisse Unruhe empfand. Sie betete mit großer Zerstreuung – und um das gut zu machen, blieb sie eine Viertelstunde länger nach der Messe, als sie zu thun pflegte. Dann stand sie auf, beklommen und zitternd, und ging zur Thür. Aber Peregrin war nicht mehr da. Könnte ich mich so getäuscht haben? fragte sie sich mit erneuter Beklommenheit; – oder . . . . werden meine Gedanken zu äußeren Bildern? . . . Schrecklich! – – Sie eilte heim. Unten an der Treppe kam ihr die Hausfrau entgegen und sagte geschäftig:

»Wissen Sie es schon, gnädiges Fräulein?«

»Nein! . . . . Was?« rief Heliade erbleichend.

»O kein Unglück! Herr Graf Gorm ist wieder hier, ist aber im Hotel abgestiegen . . . . und befindet sich bereits oben bei dem Herrn Papa.«

»Das freut mich!« sagte Heliade gefaßt.

Sie ging hinauf und in ihr Zimmer. Eben durchbrach die Sonne den Octobernebel und erfüllte das kleine enge Gemach mit freundlichem Licht. Der blühende Rosenstock im Fenster lachte ihr entgegen und die Amsel im Käfig pfiff melodisch. Alles schien sie froh und freudig zu begrüßen. Aber Heliade konnte zu keiner Freude kommen. Sie legte ihr Gebetbuch fort, knüpfte ihr Hutband auf und sank dabei, wie ermüdet, auf einen Stuhl. Ihr kleines Gemach lag neben dem Zimmer, in welchem sie sich mit ihrem Vater aufzuhalten pflegte. Da sie keine Stimmen hörte, so mußte Peregrin jenseits desselben im Zimmer des Vaters sein. Nun! ich werde ihn ja später sehen! sagte sie entschlossen, stand auf, legte Hut und Schawl fort und trug ihr Reißbrett, Farben und Pinsel zusammen, denn der Lehrer, der ihr Unterricht gab Blumen in Aquarell zu malen, mußte bald kommen. Da hörte sie, daß ihr Vater seine Thür öffnete und durch das mittlere Zimmer ging. Beklommen und heftig schlug ihr Herz. Um der quälenden Spannung zu entgehen, trat sie ihm rasch auf der Schwelle des ihren entgegen und er sagte:

»Bist Du endlich da! ich war schon einmal an Deiner Thür! . . . Graf Gorm ist hier und wünscht mit Dir zu sprechen.«

Sie folgte ihrem Vater in das mittlere Zimmer und stand vor Peregrin. Da gewann sie sogleich ihre Haltung und sagte freundlich:

»Grüß Sie Gott! ich dachte, Sie wären auf der andern Seite der Weltkugel.«

Peregrin machte eine verneinende Bewegung und sagte ernst:

»Bevor das geschieht, möchte ich Sie bitten, eine Frage zu beantworten.«

Heliade schlug ihre strahlenden Augen zu ihm auf und ein tiefer Ernst legte sich über ihr schönes Antlitz: sie fühlte, daß ihre Antwort über zwei Leben entscheiden werde.

»Herr von Horburg hat mich ermächtigt, diese Frage an Sie zu richten,« setzte Peregrin hinzu, und Heliade bemerkte jetzt, daß sich ihr Vater in sein Zimmer begeben habe. Dies Alleinsein mit Peregrin stimmte sie noch feierlicher und wie eine Bildsäule stand sie ihm gegenüber. Peregrin faltete die Hände und sagte leise:

»Heliade . . . . ich liebe Sie seit Jahren! der erste Blick bestimmte über mein Herz. Wäre es möglich, daß Sie mich lieben könnten? . . . lieben – für das ganze Leben?«

»Für das ganze Leben!« wiederholte Heliade noch leiser, aber fest.

»Ach!« rief Peregrin und drückte beide Hände vor die Augen; – »ist das gewiß? vertrauen Sie mir wirklich genug, um mit mir Leid und Freude des Lebens theilen zu wollen . . . . Heliade?«

»Das gehört ja zusammen,« sagte sie einfach.

Er hatte nicht geglaubt, seinem Ziel so nahe zu sein. Ueberwältigt von Freude rief er:

»Also keine Hoffnung – sondern eine Gewißheit nehme ich mit mir, Heliade?«

»Gewiß!« entgegnete sie lieblich.

»Nun dann muß ich fort – jetzt gleich und auf der Stelle fort!« rief er in der stürmischen Weise seiner Natur; – »denn wenn ich nicht jetzt ginge, so fände ich nie mehr die Kraft, um mich von Heliade zu trennen.«

»O nicht in diesem Augenblick!« sagte sie bittend. »Hat mein Vater uns gesegnet, so müssen Sie mit mir zum Grabe meiner geliebten Mutter gehen.«

»Wie gern!« rief Peregrin; »aber dann muß ich fort.«

»Und dann müssen Sie mit mir vor das allerheiligste Sacrament gehen . . . und da wollen wir die aus Liebe verborgene Ewige Liebe bitten, unsere Liebe so heilig zu machen, wie das nur immer in zwei armen schwachen Menschenherzen möglich ist,« sagte Heliade mit tiefer Innigkeit. »Und wenn Sie mich ganz glücklich machen . . . und Ihr Herz mit unzerreißbaren himmlischen Banden an das meine knüpfen wollen« . . . –

»O Heliade, was soll ich thun? . . . . Da wird das Schwerste mir leicht und süß sein!« rief Peregrin beseligt.

»Dann empfangen Sie mit mir in den nächsten Tagen die heiligen Sakramente der Buße und des Altars. Und dann reisen Sie! dann gehen Sie in die Welt und in die Zeit hinaus! . . . Dann sind wir vereinigt durch die heiligmachende Gnade und durch den Leib des Herrn.«

»O!« rief Peregrin schmerzlich, »warum muß diese Bitte die einzige sein, die ich unmöglich erfüllen kann!«

»Unmöglich?« sagte Heliade betroffen.

»Unmöglich, Heliade! denn ich bin kein Katholik.«

Kaum hatte Peregrin dies Wort ausgesprochen, über dessen Eindruck auf Heliade er ahnungslos war, als sie mit der Hand zum Herzen fuhr, leichenblaß wurde und mit einem dumpfen Seufzer zusammenbrach. Sie wäre zur Erde gesunken, wenn Peregrin sie nicht aufgefaßt hätte.

»Heliade!« rief er so schmerzlich, daß Herr von Horburg eintrat und voll Entsetzen Heliade in Ohnmacht fand.

»Was ist geschehen?« rief er beängstigt; »sie hatte nie einen solchen Zufall! Kann die Ueberraschung so heftig wirken.«

Er tauchte ihr Tuch in frisches Wasser und legte es an ihre Schläfen. Peregrin rang die Hände. Heliade kam zur Besinnung zurück; die Farbe des Todes wich von ihren Wangen, ihren Lippen; sie strich ihr feuchtes dunkles Haar von der bleichen Stirn, richtete sich auf und sagte mit dem Ausdruck tiefsten, ruhigsten Schmerzes:

»Ja, dann . . . ist Alles vorbei!«

»Kind, geliebtes Kind!« rief Horburg außer sich; »was ist geschehen! . . . . Sprich!«

Peregrin starrte sie an, stumm vor Verzweiflung, denn er glaubte, daß sie irr geworden sei. Heliade erhob sich, lehnte sich auf den Arm ihres Vaters und sagte zu Peregrin:

»Habe ich recht gehört? . . . . Sie wären nicht katholisch?«

»Ich bin es nicht, Heliade, und ich begreife nicht, wie das Sie so erschüttern kann.«

»Sie hat Sie täglich in der Messe gesehen und daraus gefolgert, daß Sie katholisch sein müßten,« sagte Horburg.

»Ich gestehe, ich ging hin, weil ich dort Heliade sah . . . . und beten sah.«

»Nun wohlan!« sagte Heliade, »dann ist Alles . . . . Alles aus und vorbei.«

Und schwere Thränen rollten über ihr trauriges Antlitz. Eine namenlose Verzweiflung ging zweischneidig durch Horburgs Brust – wegen Heliade und wegen seiner selbst. Peregrin verstand das Alles gar nicht. Er rief:

»Heliade, wie können Sie fürchten, daß ich Sie je in Ihrem Glauben, in Ihrer Andacht stören oder beeinträchtigen würde. Ich wußte ja, daß Ihre Mutter eine irische Katholikin, in Rom erzogen, also gewiß bis in's Herz hinein katholisch war; ich wußte es auch von Ihnen – aber ich habe nie einen Grund darin gesehen, der mich von Ihnen trennen oder eine Schranke zwischen uns ziehen könnte. Sie können hier im Vaterhause nicht freier in Ihrem Glauben und Gewissen sein, als Sie es dereinst in meinem . . . . in Ihrem Hause sein werden. Verlassen Sie sich auf mein Wort, Heliade.«

»O, das ist aber schrecklich!« rief Heliade.

»Was ist schrecklich? oder vielmehr: was erschreckt Sie, Heliade? Sprechen Sie! . . . Erklären Sie mir diese unbegreifliche Aufregung,« rief Peregrin beängstigt und erregt.

»Ich bin trostlos und er versteht das nicht und er fragt mich, weshalb ich es sei! . . . . O mein Gott! ist so etwas möglich, wenn zwei Herzen sich lieben!« sagte Heliade in Thränen schwimmend.

Peregrin nahm seine ganze Kraft zusammen, um mit Ruhe zu sagen:

»Fassen Sie sich, Heliade. Schenken Sie mir Ihr ganzes Vertrauen. Ich sehe, ich fühle, daß ein großer Schmerz durch die Erklärung, ich sei nicht katholisch, über Sie gekommen ist. Allein den Grund dieses Schmerzes fasse ich nicht. Also sammeln Sie sich und reden Sie ganz aufrichtig zu mir. Ich bin fest überzeugt, wir werden uns verstehen.«

»O, dieser Wahn ist ja eben das Schreckliche!« rief Heliade. Dann trocknete sie ihre Thränen, legte die Hand über die Augen, als wolle sie sich ungestört besinnen und sagte dann, indem sie Peregrin mit übernatürlicher Ruhe anblickte, mit einer Stimme, durch welche das Erzittern der Natur und der Triumph der Gnade klang: »Fühlen Sie denn gar nicht, was das heißt, wenn zwei Menschen, die in den schönsten und edelsten menschlichen Empfindungen Gedanken und Ideen übereinstimmen, plötzlich auseinandergehen, wenn es sich handelt um himmlische, um übernatürliche Dinge – um Lehren, die in's Herz eingreifen, um Vorschriften, die der Seele ihren Weg vorzeichnen, um Tröstungen, mit denen kein Trost hienieden zu vergleichen ist. Das Alles soll ich allein besitzen – und nicht mit Ihnen! Ueber Kunst und Poesie und Menschenwohl und edles Streben soll ich mit Ihnen sprechen . . . und wenn ich von Gott spreche im göttlichsten der Geheimnisse, von Gott in der heiligen katholischen Kirche, von Gott in seinem mystischen Leben im Herzen der Gläubigen . . . . dann verstehen Sie mich nicht! dann antworten Sie mir nicht! dann lassen Sie mich allein im Sonnenlicht und treten in den Nachtschatten! . . . Nein, Peregrin! so niedrig wohnt meine Liebe nicht! sie will mit Ihnen zuerst im Himmel zu Hause sein . . . . und dann erst aus Schloß Traun.«

Peregrin war jetzt leichenblaß geworden. Seine Augen waren tief unter die dunkeln Braunen zurückgetreten, als betrachteten sie aus der Ferne prüfend Heliade und langsam sagte er:

»Engel des Todes! aber immer ein Engel!«

»Ja wohl . . . . Todesengel! auch für mich!« seufzte Horburg für sich. Er war auf einen Stuhl – und sein Kopf auf seine Brust gesunken; die Arme hingen ihm schlaff herab; jedes Wort Heliadens zerschnitt ihm das Herz. Das Alles hatte Colomba gefühlt, geduldet, getragen! all dies unaussprechliche Weh gelitten für den kurzen Rausch der irdischen Liebe! Konnte er wünschen, daß Heliade um denselben Preis denselben Jammer sich erkaufe? – Und dennoch war ein Etwas in ihm, das diesen fürchterlichen Wunsch nicht aufgeben wollte. Heliade setzte sich neben ihren Vater, nahm seine Hand in die ihre, legte die Stirn auf seine Schulter und schloß die Augen, um Peregrin nicht zu sehen. Es war als legte sie sich zu ihrem Vater in's Grab, so unerhört traurig war er und sie und die ganze Scene.

Peregrin kannte große Opfer für große Ideen – in Gedanken und begriff sie – in der Vorstellung. Hier sah er es vor Augen – und begriff es nicht.

»Heliade,« sagte er sanft, »Sie sind im Mißverständniß meiner religiösen Ueberzeugung. Ich bin kein frivoler Ungläubiger . . . . ich bin kein Anhänger des gemeinen Rationalismus. Ich glaube an Christus, den Gottmenschen, wie Sie an ihn glauben. Dies sei der Punkt, in welchem unser beiderseitiger Glaube sich begegnet; denn er ist das wesentlich Notwendige. Die Form, in der er zu Tage kommt, ist es nicht. Die Messe, die Sacramente sind nicht im wesentlichen Zusammenhang mit dem christlichen Glauben. Es gibt, ohne sie, sehr viele fromme, vortreffliche Christen. Lassen Sie uns also das Wesen aufsuchen, denn es verbindet uns. Nur die Form würde uns, nach Ihrer Meinung, trenne Das ist aber nicht die wahre Auffassung der Dinge, Heliade! Ist das Ewige für uns, so dürfen wir uns nicht an das vergängliche, das uns trennt, anklammern und es höher stellen, als jenes, indem wir ihm eine höhere Wichtigkeit beilegen, die nur aus einseitiger Auffassung entspringt. Wenn ich Ihnen sage, daß Ihre Glaubensansichten mir heilig sein werden . . . . ja, wenn Sie überhaupt Vertrauen zu mir haben . . . . so müssen Sie einsehen, daß keine wirkliche Schranke zwischen uns liegt und daß die eingebildete sinken müsse vor der Wahrheit der Liebe.«

Heliade antwortete keine Sylbe. Peregrin hoffte, wenn auch noch nicht sie überzeugt zu haben, doch sie überzeugen zu können. Er sagte:

»Ihr eigener vortrefflicher Vater, an dem Sie so kindlich hängen, den Ihre Mutter so zärtlich geliebt hat – ist nicht katholisch. Sie verleugnen gleichsam die kindliche Ehrfurcht, wenn Sie meinen, einem solchen Beispiel nicht folgen zu dürfen . . . . und das ist Ihnen so unähnlich, Heliade!«

Sie richtete sich auf und sagte zu Herr von Horburg, indem sie vor ihm niederkniete:

»Mein lieber Vater, Du weißt, daß ich mich mein Lebenlang bemüht habe, ein gutes Kind zu sein und in keiner Weise die Ehrfurcht und Liebe zu verletzen, die ich Dir, als dem Stellvertreter Gottes, schuldig bin. Darum mußt Du mir vergeben, wenn ich jetzt so zu Graf Gorm spreche, wie ich zu Gott spreche.«

Horburg legte mit schwermüthiger Zärtlichkeit die Rechte auf ihr Haupt. Heliade küßte seine Hand und sagte dann zu Peregrin:

»Sie sprechen von dem Beispiel meiner Mutter. Nun! meine Mutter lief in der ersten Zeit ihrer Ehe Gefahr, lau im Glauben zu werden, d. h. die Hauptaufgabe des Christen, die Rettung ihrer Seele, aus den Augen zu verlieren. Und als sie darüber zur Erkenntniß und durch Gottes Gnade auf den richtigen Weg kam, hat sie jeden Tag ihres Lebens verzehrt in Gebet und in Thränen, weil sie meinen theuern Vater nicht auf dem sichern Pfade sah, der nur in der katholischen Kirche und nur durch sie . . . . zum ewigen Leben führt. Dies nämliche Schicksal stände mir bevor. Und da ich – wenn ich liebe . . . . stark liebe: so würde ich vielleicht dermaßen unter die Macht der Empfindung kommen, daß ich, um mich mit Ihnen in die tiefste Harmonie zu setzen, die Fülle meines Glaubens fallen ließe, um mich mit dem Bruchstück des Ihren zu begnügen – und dadurch Gefahr liefe, meine Seele zu verlieren. Wer sich freiwillig und gegen Gottes Gebot in die Gefahr begibt, der kommt darin um . . . . denn nur ein Wunder der Gnade kann ihn retten. Für meine Mutter geschah es . . . . aber das ist kein Grund für mich, um daraufhin zu sündigen.«

»Heliade!« rief Peregrin in heftigster Aufregung »was ist das für ein gräßlicher Gedanke . . . und wie unwahr ist er!«

»Unwahr?« fragte sie staunend. »Wenn ein Kleinod mir anvertraut wird, von dem die Existenz eines Andern abhängt – und ich übergebe es leichtsinnig an Jemand, der dessen Werth nicht kennt und bei dem es leicht verloren gehen kann und verlort geht – versündige ich mich da etwa nicht? Nun, Gott hat mir den Glauben gegeben für das Leben meiner Seele: begebe ich mich in Verhältnisse, wo er gefährdet wird, so versündige ich mich gegen Gott, der ihn mir gab, und gegen meine Seele, die ihn braucht.«

»Aber Heliade, er ist nicht gefährdet, denn ich theile ihn.«

»Gut!« sagte sie mit traurigem Lächeln; »dann legen Sie das katholische Glaubensbekenntniß ab.«

Unwillkürlich trat Peregrin einen Schritt zurück und noch trauriger sagte Heliade:

»Sehen Sie . . . das, was Sie sagen, ist unwahr.«

Peregrin machte eine Bewegung, um zu antworten; aber Heliade rief lebhaft:

»Sie legten mir Ihren Glauben dar und ich antwortete Ihnen, er sei ein Bruchstück des meinigen. Sie nennen ihn freilich das Wesentliche; aber umsomehr müßten Sie ja auf meinen Vorschlag eingehen, wenn Sie nicht im tiefsten Gewissen die Ueberzeugung hätten, daß wir nicht eines Glaubens sind: folglich ist Ihre Behauptung unwahr.«

»Unerbittliches Geschöpf!« sagte Peregrin finster, »Sie werden mich dahin bringen, Ihren Glauben zu hassen, denn er verzerrt die Lehre des Gottmenschen, der die Liebe als die Erfüllung aller Gebote pries.«

»Ja, als sie; aber nicht anstatt ihrer; d. h.: die Liebe, die auf dem Boden und im Schirm des Glaubens erblüht und die Früchte des Glaubens, die Erfüllung aller Gebote hervorbringt – diese Liebe ist die höchste Stufe der Vollkommenheit. Eine Liebe aber, die abgelöst von der Glaubenslehre und deren Folgerungen, nur im Irdischen ihre Befriedigung sucht, ist nicht die, welche Christus im Sinne hatte.«

»Das ist auch die meine nicht!« rief Peregrin.

»Ich weiß es,« entgegnete Heliade; »aber es wäre die meine, wenn ich ein Bündniß schließen wollte, das nur unter himmlischen Einflüssen meine Seele nicht gefährdet. Daß diese nicht außerhalb meiner Kirche zu suchen sind, versteht sich von selbst! nur sie hat die Gnadenströmende Fülle der Sacramente.«

»Und so wären wir denn getrennt, Heliade!« rief Peregrin mit tiefem Schmerz. »Habe ich so lange Sie geliebt, um in dem Augenblick, wo ich Gegenliebe finde – von Ihnen getrennt zu werden – und mein Ideal wie ein Nebelbild verschwinden zu sehen.«

»Vielleicht hatte Ihr treues Anhängen an dem Ideal den geheimen Sinn, daß Sie durch dasselbe der göttlichen Offenbarung einen Schritt näher kommen sollten,« sagte Heliade schüchtern; – »denn meine armselige Person war dessen gewiß nicht werth.«

»In dem Sinn, wie Sie es verstehen, Heliade, muß ich es verneinen. Was Gorm heißt, ist protestantisch und muß es bleiben. Es kann wohl eine Katholikin in die Familie eintreten, aber ohne in dem Punkt etwas zu ändern.«

»Und woher kommt Ihrer Familie diese Entschiedenheit,« fragte Heliade, »da sie doch vor dreihundert Jahren – wenn sie damals existirte – sich vom alten Glauben lossagte! Was zum Unheil geschah, kann auch zum Heil geschehen.«

Den Punkt des Glaubensabfalls ließ Peregrin unberührt und sagte lebhaft.

»Mit dem großen Gustav Adolf haben wir auf deutschem Boden Blut und Leben an die protestantische Sache für Deutschland eingesetzt. Durch die Tradition, die Familienehre, die Heldenthaten der Vorfahren, sind wir mit dem Protestantismus, den wir begründen halfen, so verwebt und verschmolzen, daß ein Glaubenswechsel etwas Undenkbares ist.«

»Aber das sind ja gar keine übernatürliche Gründe!« rief Heliade.

»Was nennen Sie so?« fragte Peregrin.

»Es sind keine Gründe, die aus dem offenbarten Glauben fließen und sich auf eine göttlich beglaubigte Autorität stützen. Es sind ganz menschliche und höchst irdische Gründe. Wenn ich sage: ich gehöre zu der Kirche, die Christus stiftete, die von den Aposteln verbreitet, von den Martyrern befruchtet, von Bekennern und Lehrern befestigt und gebildet, von Heiligen verherrlicht wurde – und deshalb gehöre ich zu ihr – – so verhält sich meine Tradition zu der Ihren doch gewiß wie das Sonnenlicht über der Oellampe.«

»Sirene!« sagte Peregrin in ihren Anblick verloren.

»Nein!« erwiderte Heliade stolz; – »nichts von Sirene! Ich will Niemand bethören. Sirenen verkünden die Wahrheit nicht.«

»O Heliade!« rief Peregrin vor ihr niederkniend; – »je mehr ich Sie höre, je mehr ich Sie sehe, desto weniger begreife ich, daß wir getrennt werden sollen und noch weniger . . . . daß Gott es sein soll, der uns trennt.«

»Nicht er trennt uns,« sagte Heliade mit unaussprechlicher Wehmuth. »Er hat vielleicht in unsere Seelen gerade diesen tiefsympathischen Zug gelegt. Was uns trennt, sind menschliche Ansichten, sind Ihre Familientraditionen, sind Meinungen und Lehren, die göttlicher Lehre entgegenstehen.«

»Und das urewige, heilige Gebot, Heliade: Du sollst Vater und Mutter ehren – steht es Gott entgegen?«

»Nein! . . . aber die Ergänzung dazu lautet so: »»Wer nicht Vater und Mutter verläßt und Mir nachfolgt, ist Meiner nicht werth.«« Handelt es sich um Seele und Seligkeit – da muß man Gott mehr gehorchen, als den Menschen; denn Vater und Mutter können uns nicht selig machen.«

»Aber ich stehe durchaus auf christlichem Boden und hoffe auf Seligkeit durch meinen Glauben.«

»So mag das für Sie genügen. Für mich – genügt es nicht. Ich habe Ihnen meine Gründe gesagt . . . . und wir verstehen einander nicht mehr. Das ist das Vorspiel von dem, was ohne Zweifel kommen . . . . und uns unaussprechlich elend machen würde. Also . . . .«

Sie konnte nicht weiter sprechen. Ihre Stimme brach in krampfhaftes Weinen. Peregrin war aufgestanden und sagte zu Horburg im Ton des Vorwurfes.

»Warum schweigen Sie so ganz? Haben Sie so wenig Theilnahme für mich, daß Sie nicht eine Sylbe zu meinen Gunsten reden, obschon Sie vor einer halben Stunde mit Freuden bereit waren, mich als Sohn aufzunehmen.«

Horburg raffte sich zusammen und erwiderte:

»Dem Willen des Vaters würden Sie die Neigung der Tochter schwerlich verdanken mögen. Das haben Sie mir gesagt, bevor Sie in meine Häuslichkeit eintraten . . . . und das begreife ich vollkommen wegen der großen, seltenen Liebe, die Sie für Heliade empfinden. Aber diese ganze Sache ist so plötzlich, so unerwartet gekommen – wir glaubten Sie fern auf hundert Meilen . . . und Sie waren hier! – dazu Heliadens höchst entschiedene religiöse Ueberzeugungen: das Alles hat eine Zerstörung hervorgerufen, die allzu groß ist, um mitten in derselben eine Entscheidung zu treffen. Ich muß mit Heliade ruhig überlegend sprechen; sie muß sich fassen. Gönnen Sie uns einen Tag Bedenkzeit.«

»Auch zwei, auch drei!« rief Peregrin. »Die Hoffnung könnte mich eine halbe Ewigkeit hier festhalten.«

»O lieber Vater, wozu das?« sagte Heliade sanft.

»Damit Du die Beruhigung hast, nicht in erster Aufregung der Leidenschaft gehandelt zu haben,« versetzte er.

Sie schwieg befremdet, denn sie dachte, daß die Leidenschaft, die immer das Gepräge des Egoismus trägt, anders gesprochen haben würde, als sie. Peregrin aber rief:

»Das ist richtig! Heliade muß ruhig überlegen.«

»Täuschen Sie sich nicht,« sagte Heliade ernst; »wenn ich hundert Jahre überlegte, würde meine Antwort dieselbe sein: ich binde mich nur mit dem Bande des Glaubens, denn nur dieses knüpft meine Liebe an die Ewigkeit.«

Peregrin wollte sie unterbrechen; aber sie fuhr fort:

»Und wenn ich vom Glauben rede: so dürfen Sie sich durchaus keine Fragen stellen, ob es dieser oder jener sei – und sich durchaus keine Illusionen machen, als ob Sie ihn im Wesentlichen theilten und im Unwesentlichen nicht nöthig hätten. Ich meine den Glauben, den der Herr in jenem erhabenen, feierlichen Augenblick vor seiner Aufnahme in den Himmel im Sinn hatte, als er sein letztes Wort, gleichsam die Besiegelung aller seiner Worte und den Inbegriff seiner ganzen Lehre – zu seinen Aposteln sprach: »Wer glaubt und sich taufen läßt, wird selig– wer nicht glaubt, wird verdammt werden.« Ein Wort von so furchtbarem Gewicht in diesem Munde und zu dieser Stunde . . . mußte selbstverständlich die Folge nach sich ziehen, daß kein Mensch auf Erden darüber in Zweifel sei, was er zu glauben habe, um selig zu werden. Und diese Folge war – die katholische Kirche, die der heilige Geist aufbaute und beseelte und unter seinem Beistande zur Glaubenslehrerin aller Völker und aller Zeiten machte. Von ihr empfing auch ich meinen Glauben und keinen andern erkenne ich als göttliche Offenbarung an.«

Peregrin folgte mit höchster Spannung Heliadens Worten und als sie schwieg, sagte er zu Horburg:

»Und wenn sie Recht hätte? . . . Und wenn nur da die Fülle der Offenbarung – die ganze, göttliche Wahrheit wäre?«

»Nun?« rief Horburg lebhaft, »was würden Sie tun?«

Peregrin aber brach ab und sprach wie zu sich selbst:

»Das kann nicht sein! . . . und nicht an mir ist es, dies zu prüfen. Ich stehe da, wo meine Väter standen und sie kämpften für das reine Evangelium, wie der große Gustav Adolf.«

Horburg schwieg, um Peregrin nicht noch mehr in den Widerspruch hinein zu treiben; aber er lächelte mitleidig über diese Zuversicht zu der Gustav-Adolfs-Fabel. Heliade sagte jedoch in ihrer energischen Weise:

»Wohlan! Sie führen den Glaubenskampf mit dem Schwedenkönig gegen meine Kirche – und ich sollte mit Ihnen Hand in Hand gehen?! Sie müssen ansehen, daß das so unmöglich ist, als der helle Tag um Mitternacht! Genug also . . . und keine Bedenkzeit mehr.«

»Ich verlange sie durchaus, Heliade,« sagte Horburg.

»Doch nicht für mich?« entgegnete sie bittend.

»Es bleibt dabei!« rief Peregrin: »heute keine Entscheidung.«

»Mein Gott!« seufzte Heliade, »weßhalb muß denn die Agonie verlängert werden!«

»Weil sie in eine Krisis übergehen und zum Leben führen kann!« versetzte Peregrin schnell.

»Lieber Vater,« sagte Heliade ermattet, »ich kann dies Alles nicht länger aushalten.«

»Geh in Dein Zimmer, Heliade,« sagte Horburg sanft.

Sie stand auf, grüßte Peregrin und verschwand. Er blickte ihr nach und sagte zu Horburg:

»Und so sollte sie aus meinem Leben verschwinden, nachdem sie dessen Axe und Polarstern war? Das Ideal der Liebe ginge mir unter in dem Augenblicke, als ich durch dasselbe ein Ideal von Glück zu verwirklichen hoffte? Wozu dann diese himmlische Vision? wozu dann dieser unerklärliche und unwiderstehliche Zug zu ihr? Welt und Leben und Bestimmung haben fortan keinen Sinn für mich – wenn Heliade aus ihnen verschwindet.«

»Es gibt andere Frauen,« antwortete Horburg gedankenlos, weil er in seine eigenen Gedanken vertieft war.

»Ja wohl gibt es andere!« rief Peregrin – »aber keine ähnliche! können Sie mir keine andere Aussicht geben?«

»Ich weiß es nicht,« erwiderte Horburg mühsam. »Ich werde heute Abend mit ihr sprechen –und morgen um diese Stunde erwarte ich Sie wieder.«

So trennten sie sich – –

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