Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Roswalt >

Pension Atlantik

Franz Roswalt: Pension Atlantik - Kapitel 8
Quellenangabe
authorFranz Roswalt
titlePension Atlantik
publisherSchlesische Verlagsanstalt G.m.b.H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171219
projectid0885c0ac
Schließen

Navigation:

7

Oliver Mason berührte wie unabsichtlich die Hand der jungen Dame, als er ihr zuvorkommend Feuer gab.

»Pardon«, sagte er mit seinem breiten amerikanischen Akzent.

Er saß seit einer Stunde in dem Vorgarten des Restaurants, der in der lauen Nacht von Stimmen und Licht erfüllt war, das ihn umfloß und erregte nach der langen Zeit tiefster Einsamkeit.

Anna Hedenus dankte dem Amerikaner, für den sie ihn unwillkürlich hielt; man mußte Mason unbedingt für einen gutaussehenden amerikanischen Gentleman halten, irgendeinen von diesen schaffenden, raffenden, energischen Männern von drüben, deren markante braune Gesichter sofort auffallen. In Wirklichkeit war er in Genua geboren, früh in die Staaten eingewandert und kanadischer Staatsbürger geworden.

»Herrliche Stadt hier!« begann Mason wieder. Die blasse schlanke Frau an seinem Tisch gefiel ihm, er suchte einen Anknüpfungspunkt.

Für gewöhnlich hätte Anna Hedenus brüsk jede weitere Unterhaltung abgelehnt, heute war es ganz anders, alles war anders. Sie saß hier verzweifelt; im kleinen Handkoffer, der neben ihr auf dem Stuhl lag, waren die notwendigsten Dinge für zwei, drei Tage – ja, drei Tage konnte es dauern, dann war alles aus.

Sie dachte nicht daran, sich nach Prenzlau abschieben zu lassen; und dann war da noch ein Wort, ein furchtbares Wort, das brannte und fraß und beherrschte alle Gedanken: Diebin!

Mason zuckte zusammen; warum lachte dieses seltsame blonde Fräulein auf, was war? Er deutete es falsch und entschuldigte sich: »Ich bin noch nicht lange hier in Berlin, ich kenne noch nichts hier!«

Sie war froh, mit jemand sprechen zu können.

»Ich will Ihnen gern unsere Sehenswürdigkeiten zeigen!«

»Oh, das ist sehr nett, wirklich, wenn es Ihre Zeit zuläßt!«

Meine Zeit, dachte sie bitter, ich habe unendlich viel Zeit; die ganze Nacht habe ich Zeit, heute, morgen, immer. Die Nerven gaben jäh nach unter einem furchtbaren, unwiderstehlichen Zwang, zu viel war auf sie eingestürmt, sie konnte nicht mehr.

Ohne sich Rechenschaft zu geben, begann sie zu sprechen, begann eine erdrückende Last gleichsam von sich zu werfen.

Oliver Mason horchte auf, als sie ihm ihre Geschichte erzählte. »Und jetzt«, schloß sie mit einem müden Lächeln, »jetzt sitze ich hier und weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll – vielleicht eine Stellung suchen oder dergleichen. Aber es gibt heute so wenig Stellungen in Berlin.«

Mason blinzelte in den gelben Schimmer der Lampen.

Eine Motte flog surrend gegen das lichthelle Glas, wieder, immer wieder, plötzlich stürzte sie senkrecht ab, verbrannt, vernichtet.

»Ich würde an Ihrer Stelle nicht in ein Büro gehen, Fräulein – Fräulein Hedenus.«

»Aber warum denn nicht?«

»Weil ich glaube, daß Sie dafür nicht geeignet sind. Ich würde an Ihrer Stelle zur Revue gehen oder zum Film – ich könnte Ihnen dabei helfen, denke ich.«

Sie sah, wie erschrocken über diese unbekannte Möglichkeit, über den menschenerfüllten Vorgarten hin. Sah überall in zurechtgemachte Gesichter, rote Münder, lachende weißblinkende Zähne, sah kostbare Pelze über eleganten Toiletten.

Es war eine sehr andere, sehr lockende Welt, die sie in dieser Nacht zum erstenmal mit ganz anderen Augen als früher sah. Und diese Welt begann nahezurücken, greifbar nahe. Film und Revue, das sind Worte, die wie Magneten die Menschen heranziehen. Und Anna Hedenus war ein Mensch, ein armer, enttäuschter, junger Mensch.

»Glauben Sie?« flüsterte sie schüchtern, »daß ich mich eignen könnte?«

Oliver Mason fand sie in dieser Minute begehrenswerter als alle geschminkten, aufgemachten Frauen des Gartens und des blinkenden Boulevards draußen. Ihre Hilflosigkeit, ihre unverfälschte Natur zündete etwas in ihm, was seit der grausigen Begebenheit im Urwald erloschen war oder wenigstens so schien; er beugte sich vor:

»Sie gehören dorthin, Fräulein Hedenus!«

»Ja?!« fragte sie wieder, von ungekannter Erregung gefangen.

Das Signal eines Autos, das draußen vorüberjagte, riß sie mit gellendem Ruf aus Träumen zurück in die Wirklichkeit:

»Es geht ja nicht.«

»Warum geht es nicht?«

»Wo soll ich wohnen, woher soll ich die Mittel nehmen, um mich zu kleiden, um zu warten, bis sich etwas für mich gefunden hat?«

Ganz flüchtig dachte Oliver Mason, daß dieses blonde, scheinbar so weltferne Mädchen vielleicht eine ganz raffinierte Kokotte sein könnte. Aber er verwarf diesen Gedanken augenblicklich; Kokotten sahen anders aus, so wie die Frau am Nebentisch oder das junge Ding drüben, das mit drei Kavalieren soupierte.

Die Dame an seinem Tische hatte zu ehrliche Augen.

»Dafür möchte ich bitten sorgen zu dürfen – ich kenne eine ausgezeichnete Pension, ganz in der Nähe – auch das andere wird sich finden«, sagte er mit einer Freundlichkeit, die sie beunruhigte.

Sie protestierte. »Nein, nein – das geht nicht, mein Herr!«

»Ich vergaß«, entschuldigte er sich, »mein Name ist Mason.«

»Es geht nicht, Herr Mason, so kann ich Ihr freundliches Anerbieten nicht annehmen, Sie dürfen es nicht falsch auffassen!«

Er lachte und nahm ihre Worte nicht weiter ernst.

»Sie müssen lernen, modern zu denken, Fräulein Hedenus, Sie werden bald viel Geld verdienen und mir die kleinen Auslagen zurückerstatten können – – Sie werden auch diese – diese Buddhas Ihrem Vater wiederbringen!«

Denke ich wirklich altmodisch und falsch? – grübelte sie wankend und unentschlossen. Die Dame am Nebentisch ließ sich verschiedene Früchte zeigen. »Es gibt hier nichts«, meinte sie laut zu ihrem Begleiter, »gehen wir!«

Ich kann es nicht, fühlte sie wieder, ich kann nicht so leben und sprechen wie diese Frauen, ich will es nicht!

In diesem Augenblick erschien Harry, ließ sich vorstellen, küßte ihr respektvoll die Hand und verbreitete eine köstliche Atmosphäre von Sorglosigkeit und guter Laune um sich.

»Ihr müßt euch den Laden ansehen, den Reisch heute abend eröffnet hat, fabelhaft, eine Stimmung – – und ein Mixer, kolossal!«

So kam sie gar nicht mehr dazu, Vernunftgründe anzubringen; Harry zeigte sich sofort von ihrer Eignung zum Star überzeugt, nahm ihren kleinen Koffer und küßte noch einmal ihre Hand.

Eine Taxe brachte sie ein paar Schritt weiter zu Reischs. Tibor Reisch war einer von jenen Ungarn, die nicht totzukriegen sind, das personifizierte Stehaufmännchen.

Man erzählte sich von ihm eine bezeichnende Geschichte; eines Tages tauchte er ohne einen Sou in Paris auf, unrasiert, zerlumpt, mit einem Wort: ganz auf den Hund gekommen. Zuerst wollte man ihn gar nicht in das elegante Restaurant hereinlassen, aber Tibor verstand es, durchzuschlüpfen. Er entdeckte einen Herrn im Hintergrund, der dann und wann den Garçons Anweisungen gab. Der Geschäftsführer konnte es nicht sein, denn der spazierte in der Nähe des Eingangs auf und ab, also wohl der Besitzer. Und zufällig hörte er, wie dieser mutmaßliche Herr des Hauses mit einem Gast ein paar Worte wechselte, – unverfälschter Wiener Dialekt – aus denen er entnehmen konnte, daß die Zeiten schlecht waren und die Geschäfte ›net‹ gingen. Tibor hatte sofort die richtige Idee: österreich-ungarische Spezialitäten gehörten hierher. In Paris wohnten so viele Ungarn und Österreicher; von den paar kleinen Koststuben abgesehen, fehlte geradezu das große elegante Restaurant mit den Spezialitäten. Man schreit danach, Herr Baron! Ein paar Tage später war er Arrangeur des Hauses und bewohnte ein hochelegantes Appartement. Und seine Anzüge waren nicht mehr zerrissen ...

Heute war er ein gemachter Mann, besaß ein Hotel in Frankreich, mehrere Nationalrestaurants und als letztes ›Reisch‹ am Kurfürstendamm in Berlin. Treffpunkt der guten Gesellschaft, das Haus mit der Küche für Kenner, der Musik für Genießer und den Frauen für den Gentleman von morgen, wie er zu sagen beliebte.

Harry machte in den kleinen eleganten Räumen den gewandten Führer, er war überall zu Hause, wo es Musik und elegante Frauen gab, ein anderes Leben konnte er sich einfach nicht mehr vorstellen.

»Drüben, siehst du, Ol, das ist die reichste Frau, die augenblicklich in Europa zu finden ist, Mrs. Spencer von den Giants.«

Oliver Mason sah zu der Dame hinüber, deren lackschwarzer Kopf einen auffallenden Kontrast mit dem exzentrisch schimmernden Abendkleid bildete. Mrs. Spencer fühlte diesen Blick und erwiderte ihn gleichgültig, sie war das alles bis zum Überdruß gewohnt. Da sah sie das blasse blonde Fräulein Hedenus. Gott mochte wissen, wie sie sich in dem einfachen, schüchternen Kleid hierher verirrt hatte.

Sie winkte ihr liebenswürdig zu: »Erfreut, Sie wiederzusehen, meine Liebe!«

Gerade wurden einige Sessel am Tisch Mrs. Spencers frei, so ergab es sich ganz natürlich, daß man bei Mrs. Glaid Platz nahm, Anna Hedenus vermittelte die Bekanntschaft, ein belangloses Gespräch begann – wie man sich an diesen Orten zu unterhalten pflegt.

»Ich wäre bestimmt nicht hierhergekommen«, lachte Mrs. Glaid, »aber Kolowrat hat das hier eingerichtet, er war ganz stolz auf sein Kunstwerk – ich mußte es sehen, oder er hätte es nicht überlebt!«

Eine ungarische Hauskapelle, die Ferenczy Janos selbst leitete, begann mit den rollenden, wirbelnden Klängen der Heimat. Tschardasch!

Anna Hedenus sah einen weißhaarigen Herrn, der das Gesicht in die Hände vergraben hatte und den fremden unverständlichen Text des Liedes mitsummte.

Die Kellner dämpften die Schritte, Tibor Reisch lehnte geduckt in einer Ecke und starrte verzückt auf Ferenczys gleitenden Bogen. Diese ganze elegante Versammlung, ob echt oder Talmi, schien eine einzige lauschende Familie, es gab keine Unterschiede, kein Heute und Morgen, keinen Alltag, kein Berlin, kein Budapest, das unersetzlich und fern war, es gab nur Ferenczy, seine Geige und seine Kapelle, die ihn ganz leise begleiten durfte.

Das ist also das Leben, dachte die Tochter des alten verbitterten Professors Hedenus und fühlte erstaunt, wie eine große, schwere Beklemmung zu weichen begann, als nähme ihr jemand ein graues, häßliches Tuch von den Schultern, nicht gewaltsam, sondern ganz vorsichtig, behutsam, liebevoll.

Sie wandte den Blick zu Mason hinüber, der sich leise mit Mrs. Spencer auf englisch unterhielt. Als Landsleute, wie Glaid Spencer festgestellt, hatten sie schnell gemeinsame Interessen gefunden. Sie sah jetzt sein Profil. Oliver Mason hatte das markante braune Profil eines Edelcowboys, wie ihn der Film zu zeigen pflegt. Dieser Mann also, der sie hierhergeführt hatte, in eine Welt von Klängen, Farben und Leben, fort von dem trüben Erlebnis, was hinter ihr lag – dieser Mann fand sie schön?

Oliver Mason, der in ihrem Leben aufgetaucht war, ein atemraubendes Abenteuer, glaubte an ihr Startum?

Star?

In einer nie gekannten Glückseligkeit, die alles überflutend auslöschte, was noch an Gedanken und Erinnerungen in ihr war, leerte sie ihr Glas. Vergessen, vergessen, ein neues Leben beginnen!

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.