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Pension Atlantik

Franz Roswalt: Pension Atlantik - Kapitel 5
Quellenangabe
authorFranz Roswalt
titlePension Atlantik
publisherSchlesische Verlagsanstalt G.m.b.H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171219
projectid0885c0ac
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4

Als Anna Hedenus die hohen Bronzegitter der Villa Spencer hinter sich gelassen hatte, war es ihr nicht mehr möglich, die Beherrschung, die sie noch kurz zuvor gezeigt hatte, weiter zu bewahren. Irgend jemand drehte sich nach der jungen Dame um, die eilig die Straße hinunterging, fast lief. Denn ihr perlten die Tränen aus den Augen.

Sie war vollkommen verzweifelt, am Ende der Kräfte.

Ihre Seele war so voller Bitterkeit, so voller Enttäuschung, daß jedes Wort der ahnungslosen Mrs. Spencer wie eine feine spitze Nadel getroffen hatte.

Am Bahnhof Halensee überlegte sie einen Augenblick unschlüssig, ob sie fahren oder bis zu ihrer Wohnung zu Fuß gehen sollte. Sie entschloß sich zu letzterem und wanderte mechanisch weiter. Sie verlor nichts, wenn sie später heimkehrte.

Was hatte diese Amerikanerin gesagt, diese Frau, die überhaupt nicht wußte, was um sie herum vorging, die die graue kämpfende Umwelt nur ganz flüchtig durch die Scheiben ihrer Wagenfenster zu sehen bekam – sie pflegte dem Ärger aus dem Wege zu gehen, sie hielt es für richtig, daß die Frau von heute mitten im berufstätigen Leben stand – was wußte Mrs. Glaid denn von allen diesen Dingen?

Sie kannte sie ja gar nicht.

Aber sie, Anna Hedenus, hatte sie kennengelernt.

Das alte Lied, tausendfach variiert in anderen gleichen Schicksalen. Vor dem Kriege – – es war undenklich lange her – war Professor Hedenus eine anerkannte Asienkapazität, ein Mann, der eines der ersten Häuser der Berliner Gesellschaft bedeutete und zu repräsentieren wußte.

Dann sank es herab wie ein einziger grauer Spuk, der Krieg, das unglückliche Ende, die Inflation, Vermögensverfall, der Tod der Mutter – es dauerte geraume Zeit, bis sich der Professor wieder aufraffte und zu arbeiten begann.

Und da war es zu spät. Neue Namen wurden genannt, andere Männer rüsteten kostspielige Expeditionen, man wertete das Resultat der Forschungen in Filmen aus, die Abend für Abend in den großen Kinos liefen. Wer dachte noch an einen früher sehr bekannten Professor Hedenus, den Mann, der als einer der ersten Genaueres über Tibet berichtet hatte, der als einer der ersten die Namen Karakul und Mus-tagh-ala ausgesprochen hatte. Wer kannte ihn heute noch, wer las noch seine Werke über Asien und asiatische Kunst? Niemand! Und die große Tragik dieses Menschen war, daß er nicht glauben wollte, daß er wirklich vergessen war, daß er rückständig war und längst überholt von jüngeren Kräften. Konnte er das überhaupt einsehen? Dann hätte er die mühevolle Arbeit, die er Tag für Tag langsam und gewissenhaft vervollständigte, zusammenballen müssen zu einem Haufen wertlosen Papieres und verbrennen.

Aber Professor Hedenus sah nichts ein, er arbeitete und verbrannte nicht, er hoffte nicht und verzweifelte nicht.

Der alte Mann war fest von sich überzeugt.

Anna Hedenus ging immer langsamer, es war so untragbar schwer, die sinnlose Arbeit des Vaters mitanzusehen, ohne aufzuspringen und hinauszulaufen, irgendwohin. Aber wohin?

Sie hatte eigentlich vorgehabt, Mrs. Spencer um eine Anstellung zu bitten, sie mußte ja verdienen, das bißchen Wirtschaftsgeld, das sie erhielt, reichte nicht, die heimlichen Zuschüsse mitleidiger Verwandten reichten nicht – – sie hatte, ohne dem Vater etwas zu sagen, mehrere Stücke seiner Sammlung verkauft, verkaufen müssen, jetzt war auch dieses Geld verbraucht, und jeder Tag konnte die Entdeckung bringen.

Was nun?

Als blendeten sie die flirrenden Lichter der Straße, strich sie sich müde über die Stirn, rings herum gab es Menschen, die merkwürdig sorglos schienen, elegante Frauen, elegante Männer, elegante Automobile, elegante Läden, elegante Restaurants – wo kam das alles her, wie machten das die anderen?

Warum kann ich das nicht? quälte sie sich in dumpfer Hoffnungslosigkeit und starrte auf das Frühjahrskostüm der Dame, die vor ihr herging, auf den kostbaren Fuchs.

Jedesmal, wenn sie den Kurfürstendamm entlangging, fühlte sie sich aufs neue gedemütigt, fühlte sich klein, arm, deklassiert, und sah keinen Ausweg. Die beruhigenden Redensarten kluger Tanten von der guten Tochter und den wahren Werten, die nicht in äußerlichen Dingen zu suchen seien, kannte sie auswendig und war von ihrer Zweideutigkeit jetzt vollkommen überzeugt.

Es mußte etwas geschehen, und zwar bald!

Vor dem Hause in der Bleibtreustraße blieb sie einen Augenblick stehen. Man mußte erst wieder das Lächeln zurechtsetzen, die Kraft wiederfinden, die Unbekümmerte zu spielen – – wer wußte, ob nicht inzwischen die fehlenden Teile der Sammlung vermißt worden waren – – man sollte eigentlich allem Ärger aus dem Wege gehen, wie Mrs. Spencer zu sagen beliebte.

Das junge Mädchen lachte gequält.

Man konnte zu dieser Frau nicht sagen: »Liebe Mrs. Spencer, alles schön und gut – – nun geben Sie mir bitte eine Stellung und Gelegenheit, ein paar von Ihren Dollars zu erhaschen!« Das konnte man nicht, sie konnte es wenigstens nicht, vielleicht mußte es erst schlimmer kommen, viel schlimmer, vielleicht mußte ihnen erst diese lächerliche Maske, mit der sie die Umwelt noch zu täuschen wußten, heruntergerissen werden von einer erbarmungslosen Hand – – – vielleicht konnte man dann so sprechen und betteln. Sie schloß den Mund hart und schmal und ging entschlossen ins Haus.

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