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Pension Atlantik

Franz Roswalt: Pension Atlantik - Kapitel 31
Quellenangabe
authorFranz Roswalt
titlePension Atlantik
publisherSchlesische Verlagsanstalt G.m.b.H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171219
projectid0885c0ac
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30

Mrs. Glaid schritt über den Gartenweg der Berliner Charité, über knisterndes, braunes Laub, und fühlte nie gekannte Unruhe im Herzen. Immer wieder hatte sie den geplanten Besuch bei Michael unterlassen, der Mut fehlte ganz einfach, man war immer noch in den kleinlichen Bedenken der Welt eingefangen. Sie mußte ihn endlich sehen, sie wollte sich jetzt mit ihm aussprechen, denn sie empfand mehr als bloße Sympathie für ihn, heute war sie sich darüber im klaren und zögerte nicht länger. Sie fragte die Schwester, durch die sie sich anmelden ließ, wie es dem Rekonvaleszenten ginge. Die Schwester sprach viel und sagte nichts; Mrs. Glaid preßte das kleine Kästchen mit ausgewählten Konfitüren fester und machte sich Vorwürfe, daß sie nicht schon eher hier gewesen war.

Michael lag auf einem Sofa in der Nähe des Fensters, sie sah betroffen, wie auf seinem bleichen Gesicht die Farbe kam und wich; litt er etwa ihretwegen?

»Bitte, lieber Forster, bleiben Sie liegen und lassen Sie sich durch mich nicht im geringsten stören – ich bringe Ihnen hier ein paar unserer berühmten Kandierten und werde mich jetzt ein bißchen zu Ihnen setzen – wie geht's, mein armer Junge?« Sie brachte es einfach nicht übers Herz, »Herr Forster« zu sagen. Das da war ein blasser, junger Mensch, den man tüchtig pflegen mußte, damit er wieder der alte wurde – er würde wieder aufkommen, die Forsters hatten's in sich. Sie hatte seinen Vater kennengelernt, der inzwischen den Polizeidienst quittiert hatte und Schornig bei der Fabrikkontrolle half. Ein prächtiger alter Herr – vielleicht gefiel er ihr deshalb schon so gut, weil sie seinen Sohn kannte. Michael lächelte tapfer und sagte, daß es ihm gut ginge und daß er bald wieder Regatta fahren könnte!

Sie rief: »Fein, mein Lieber, dann bauen wir für Sie einen neuen Tornado, einverstanden?!« Er nickte, glücklich, daß das Leben ihn nicht vergessen hatte.

»Wissen Sie, gnädige Frau, daß es furchtbar für einen jungen Menschen ist, untätig liegen und sich pflegen lassen zu müssen – das ist schlimmer als alles andere!«

Sie lachte herzlich.

»Mein lieber Forster, die Arbeit läuft Ihnen nicht fort, sowie Sie wieder ganz auf der Höhe sind, kommen Sie in die Fabrik zurück, wir müssen dann einmal überlegen, welcher Posten jetzt für Sie in Frage kommt!« Sie sprach nicht weiter, sondern mußte seine großen, träumenden Augen ansehen – richtige nachdenkliche Jungenaugen.

»Ah – verzeihen Sie, gnädige Frau«, erinnerte er sich erschrocken. »Ich vergaß ganz – ich stelle mir schon vor, wie das alles werden wird.«

»Nun, sehen Sie, alles wird werden, warum auch nicht?« Sie benutzte eine kleine Pause, um den Knoten zu öffnen und ihm anzubieten, »nehmen Sie, mein braver Boy, Sie müssen sich pflegen, alle sollen sich Mühe geben um Sie, ich wünsche es!«

Er nahm eine der kandierten Früchte und legte sie behutsam auf das Tischchen neben sich. Er wunderte sich selbst, wie fern und gleichgültig ihm das alles war, er wußte nicht warum.

»Sie sind gütig, gnädige Frau«, flüsterte er mit erstickter Stimme. Warum kann ich ihr nicht mehr sagen? dachte er, entmutigt von seiner eigenen Kühle; er erinnerte sich vag einer Zeit, da er für diese Frau, die jetzt neben ihm saß, durchs Feuer gegangen wäre. War es nicht mehr so, sollte alles so anders geworden sein? Es war anders geworden, man konnte kaum glauben, daß es einen Sommerabend gegeben hatte, an dem man aus einem Ruderboot heraussprang und in hemmungsloser Verzweiflung in den Park hineinfloh, vor den anderen, vor sich selbst – weil die Frau, deren Bild sich in ihn hineingebrannt hatte mit dem Schlag seines Blutes, unerreichbar schien, ein köstlicher und quälender Wunsch zugleich. Wie weit lag das zurück, man überwand und vergaß und strebte neuen Zielen zu. Das Leben war ein Wechsel, immerwährend.

Sie wollte ihm noch etwas Freundliches sagen, sie wollte nicht so förmlich von ihm gehen. Da fiel ihr Blick auf einen kleinen einfachen Feldblumenstrauß, der blau und gelb und leuchtendrot auf dem Fensterbrett stand – sie sah ihn erst jetzt; jemand, der ihn sehr liebte, mußte ihn mit viel Sorgfalt und Zärtlichkeit für ihn gesammelt haben – eines dieser blonden deutschen Mädchen sicherlich, die sie immer im stillen etwas beneidete, die in einer Welt lebten, die so ganz anders war als die ihre.

Vielleicht sollte es so sein, man mußte jetzt vergessen. Sie stand auf.

»Wenn ich das nächste Mal komme, lieber Forster, dann gehen wir schon ein bißchen im Garten spazieren – bestimmt! Ich werde Ihnen noch diesen hübschen kleinen Strauß da auf den Tisch stellen – sehen Sie, jetzt können Sie mir nicht in die Augen sehen, alter Don Juan, ich wußte es ja immer. Aber seien Sie froh, daß Ihnen jemand Blumen bringt, Sie sind jung – und ich bin eine alte Frau, die es gut mit Ihnen meint!« Sie reichte ihm die Hand, die er, hingerissen von ihrer Selbstüberwindung, von ihrem unbesieglichen Feingefühl, küßte. Sie entzog sie ihm schnell, nur an der Tür drehte sie sich noch einmal um und winkte ihm freundschaftlich. Sie hatte sich das alles ganz anders ausgemalt – vielleicht ein bißchen überspannt, so wie es die amerikanischen Magazine in ihren ›Honigmond‹-Geschichten darzustellen pflegten, nun, es war nicht gekommen, wie sie erwartet hatte – sie hatte zum ersten Male in ihrem Leben das Gefühl, alt zu sein, es war alles so leer in ihr, eine große, starke Freude war erloschen.

Auf dem Korridor begegnete sie Anna Hedenus, die in einem einfachen, sehr kleidsamen Kostüm straff herankam. In der Hand hielt sie einen Strauß genau der gleichen Feldblumen, wie sie sie drinnen gesehen hatte – also das war die Glückliche, die ihr den Boy genommen hatte. Sie empfand keinen Groll, keinen Haß, dafür war sie selbst eine zu starke Persönlichkeit, um solcher kleinlichen Gefühle fähig zu sein.

Aber sie bedauerte, nicht eher den Weg gefunden zu haben, vielleicht hatte es eine Zeit gegeben, wo sie nicht zu spät gekommen wäre! Sie überwand sich auch diesmal und begrüßte Anna in ihrer weltgewandten Liebenswürdigkeit. »Guten Tag, mein liebes Fräulein Hedenus – Sie machen wahrscheinlich denselben Besuch wie ich eben – ich bin sehr froh, daß es unserem Patienten wieder besser geht!«

»Ja, er wird bald wieder arbeiten können!« sagte sie mit strahlenden Augen, »er wünscht sich nichts so sehr, als wieder hinter seinen Motoren zu stehen!«

Mrs. Spencer lachte herzlich: »Ich glaube, das wird er kaum mehr nötig haben – ich werde mal Parnegg einen kleinen Wink geben – sind Sie mir böse?«

»O nein!« sagte die andere und senkte den Blick.

»Und wie geht's selbst, Fräulein Hedenus?«

»Danke – ich verkaufe tagsüber Bilder in einer Galerie, und am Abend helfe ich meinem Vater bei seinen Arbeiten – er hat jetzt sogar einen großen Erfolg gehabt, auf den er sehr stolz ist, ein Verlag hat ihm sein neuestes Werk abgekauft.«

»Ah – das hört man gern! Alles Gute, Fräulein Hedenus, ich hoffe, Sie bald wieder einmal bei mir zu sehen!«

Sie ging gleich weiter, um nicht wieder in die dummen Grübeleien von vorhin zu verfallen. Mrs. Spencer haßte nichts so sehr wie nutzloses Grübeln. Man wurde krank davon, und der Mensch sollte nicht krank, er mußte gesund sein, um sein Leben leben zu können.

»Zum nächsten Postamt!« befahl sie ihrem Chauffeur und sprang in federnder Energie in den Wagen. Als sie das Telegrammformular vor sich hatte, überlegte sie einen Augenblick, dann wußte sie schon, was sie schreiben würde – Vlaho verstand ohne viel Worte.

Eintreffe nächste Woche stop denke wir machen geplante Weltreise stop bereiten Sie alles vor stop.

Glaid Spencer.

So, das war erledigt, nun konnte man die Koffer packen, und alles andere würde von selbst kommen. Der Gedanke, bald den Park des Schlosses Petkovic wiederzusehen, in der alten schönen Bibliothek zu lesen und mit Vlaho Reisepläne zu machen, erfüllte sie mit Trost und neuem Lebensmut.

Sicherlich sollte es so sein, man mußte sich fügen. Sie gab selbst das Telegramm auf und war erst beruhigt, als sie dem Beamten die Gebühr gezahlt hatte.

Ihr Wagen schoß mit ihr davon, unbekümmert, in eine letzte, blendende Herbstsonne hinein. – –

»Ihr tut alle so, als hätte ich etwas ganz Besonderes geleistet!« lächelte Michael und nahm Anna den Strauß aus der Hand.

Sie küßte ihn sorglos und bewunderte die Kandierten.

»Von Mrs. Spencer?«

»Ja!« sagte er und blickte sie offen an.

Sie ahnte dunkel die Zusammenhänge und war sehr stolz auf ihn. Es war eine unverkennbare Veränderung mit ihr vorgegangen. Alles, was bedrückte und beschwerte, war gewichen und hatte vor ihrer Jugend kapitulieren muffen.

»Ich bin so glücklich, Michael, ich könnte die ganze Welt umarmen!«

»Ich bitte dich in meinem Interesse, das nicht zu tun.«

»Du bist scheußlich zu mir!«

»Und du wirst wieder Dummheiten machen!«

»Nie wieder, Michael«, gelobte sie, »bestimmt nicht wieder – oder nur mit dir zusammen!«

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