Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Roswalt >

Pension Atlantik

Franz Roswalt: Pension Atlantik - Kapitel 3
Quellenangabe
authorFranz Roswalt
titlePension Atlantik
publisherSchlesische Verlagsanstalt G.m.b.H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171219
projectid0885c0ac
Schließen

Navigation:

2

Dem Zug der Zeit folgend hatte die Giant Motor Company in Mitteleuropa eine Geschäftsstelle eingerichtet, um auch diesen Erdteil besser erobern zu können.

Die Sirene des mächtigen Fabrikkomplexes in Berlin-Adlershof hatte bereits das Schlußzeichen hinausgeschrillt, die kleine Armee der Arbeiter und Arbeiterinnen war die schnurgerade Chaussee hinuntergewandert, hatte sich mit dem Heere, das aus den benachbarten Fabriken quoll, vermengt, füllte die Straßen, die Plätze des Vorortes, drängte sich in die elektrischen Bahnen, kletterte mit vielen eiligen Schritten die Treppen hinauf, die zu den Bahnsteigen führten.

Schornig sah gedankenvoll aus dem Fenster seines Büros auf den weiten Fabrikhof hinaus. Die letzten Arbeiter radelten davon, ein junger Bursche wurde von einem Mädchen erwartet, sie küßten sich unbekümmert und wanderten untergefaßt durch das Tor; der ganze Komplex lag jetzt still, man konnte das Läuten der Straßenbahnen hören, die draußen vorüberfuhren, das eintönige Klappern der Schreibmaschinen in den Werkbüros, das im Lärm des Arbeitstages mit seinen vielfältigen Signalen, Rufen, Geräuschen unterzugehen pflegte.

Schornig liebte das Werk um diese stille Stunde besonders – – – er erinnerte sich dann an früher, als er noch selbst der Herr im Hause gewesen war, als die Schornig A.-G. noch ungezählte Meter, Kilometer von Drahtgeflechten herstellte. Die wirtschaftliche Notlage Deutschlands hatte seiner Produktion ein jähes Ende bereitet, Inflation, Absatzlosigkeit, unerträgliche Steuerlasten hatten ihn gezwungen, die Fabrikation einzustellen und das gesamte Werk an die Giant Company auf Jahre hinaus zu vermieten. Es wäre Schornig unerträglich gewesen, sein Leben untätig zu beenden, es war ihm nicht gegeben, sich durch Reisen, Kunst oder irgendwelche anderen Vergnügungen zu zerstreuen, er mußte arbeiten, sonst ging er zugrunde. Man war entgegenkommend genug gewesen, den alten Fabrikanten mit zu übernehmen, und hatte für ihn eine feste Position in der Werkinspektion geschaffen, die in anerzogener gewohnter Sorgfalt von ihm ausgefüllt wurde – – es war ja doch immer noch irgendwie sein eigenes Werk.

Schornig faltete seine Akten zusammen, die er zur Berichterstattung brauchte. Punkt vier Uhr täglich hatte er sich mit den anderen leitenden Angestellten bei der Präsidentin der Giant Company einzufinden, die nach dem frühen Tode ihres Mannes, Mr. J. C. Spencer, die Leitung der gewaltigen Fabriken übernommen hatte. Zuerst hatte er dieser kaum dreißigjährigen Vollamerikanerin wie ein Feind gegenübergestanden, allmählich – er hätte selbst nicht sagen können, wie und warum – war aus dieser Feindschaft so etwas wie Hochachtung, fast Bewunderung geworden. Schornig hatte sich wie alle anderen daran gewöhnt, einer Frau, die teils in Amerika, teils in Europa lebte, Bericht zu erstatten.

Als er das Vorzimmer des Büros betrat, fand er die Herren der verschiedenen Abteilungen vollzählig versammelt, sogar Fräulein Gundlacher war anwesend, also große Konferenz.

» Hallo, old man!« begrüßte ihn grinsend der dürre Mister Schwab vom Verkauf, »wie geht's? Immer all right?«

Schornig reichte ihm die Hand: » All right«, lächelte er.

»Sie lachen immer, wenn man Sie sieht, Sie haben's doch gut!« sagte Schwab und sah noch dürrer aus, »wenn Sie leben müßten wie unsereins – surely, Sie würden's verlernen!«

» Keep smiling!« erwiderte Schornig lakonisch. Es war gut, wenn man für seine Leute die Antworten präpariert hatte, man ersparte sich unnötige Auseinandersetzungen. Hm, wie lange mochte wohl noch die rote Glühlampe über dem Allerheiligsten leuchten, bis diese Dame drinnen geruhte zu empfangen? Bei ihm hatte es keine Lampen und dergleichen Einrichtungen gegeben, man klopfte an und trat entweder ein oder blieb draußen. Man wußte auch so, daß man mit Herrn Schornig sprach.

Mrs. Glaid Spencer ließ ihre Angestellten nicht aus Übermut warten. Sie, die sich nicht damit begnügte, ein nach Millionen zählendes Dollarvermögen zu verwalten, sondern ihr Lebensziel darin zu sehen schien, dieses überkommene Kapital in gigantischen Ausmaßen zu vergrößern – – diese Frau saß ihrem Chefkonstrukteur gegenüber und hörte mit scharfer Aufmerksamkeit seinen Bericht über die letzten technischen Verbesserungen in den Giant-Werken jenseits des Ozeans an.

Al Parneggs Bleistift – selbstverständlich war es der von der Propaganda-Abteilung ausgegebene Giant-Taschenstift, der die stolzen Worte eingraviert trug: » Giant, the triumph of the century« – fuhr die Linien der Modellzeichnung, die er der Präsidentin erklärte, entlang.

»Das Publikum verlangt heute stärkste Widerstandsfähigkeit von seinem Wagen«, dozierte er mit seiner knarrenden trockenen Stimme. »Ich habe diesen neuen Mechanismus hier zur Prüfung der Elastizität der einzelnen Wagenteile genau erprobt und empfehle ihn für unser Werk in Michigan!« Er machte eine kleine Pause und schob die Skizze etwas näher zu Mrs. Spencer hinüber. »Das da sind die eisernen Walzen, auf die wir den zu prüfenden Wagen setzen, jetzt beginnen die Walzen zu rotieren, sie rotieren nicht nur, sondern sie stoßen zu hunderten Malen den Wagen hoch – – vorn, hinten, in der Mitte, schlimmer und anspruchsvoller als die schlechteste Balkanstraße. Ein Wagen, der das aushält, ist fit – – zusammen mit unserer Kälteprüfung, in der der Motor bei tiefsten Temperaturen zu laufen hat, gibt es einfach keine bessere Kontrolle auf Haltbarkeit des Materials!«

Mrs. Spencer sah kritisch auf die Zeichnung.

Sie wußte aus alter Erfahrung, daß man nicht einmal den Lobeshymnen der eigenen Leute ganz vertrauen durfte, besonders wenn es eine Anschaffung galt; diese Prüfungsmaschine war bedenklich teuer. »Wenn Sie so überzeugt sind, Parnegg – – please, ich möchte Ihnen nicht in diese Dinge hineinreden, lassen Sie die Sache einbauen.«

Parnegg nickte, sein Gesicht faltete sich schmunzelnd. Der Erfinder dieser komplizierten und kostspieligen Anlage war sein Schwiegersohn. Aber das ging schließlich niemand etwas an.

Er hielt den Zeitpunkt für gekommen, sich endlich des Sekretärs zu erbarmen, der neben einer Tür stand und nicht zu stören wagte.

»Sie werden verlangt, Mrs. Spencer.«

»Was ist?« fragte sie, ohne hinzusehen.

»Sollen die Herren zur Berichterstattung warten oder erst zum Vortrag gehen?«

»Zu was für einem Vortrag?« fragte Mrs. Spencer zerstreut zurück.

»Ich habe einen Vortrag über Ziel und Wesen des Berliner Werks angesetzt«, erinnerte Mr. Parnegg, »es ist gut, wenn die Herren der Leitung sich wieder vor Augen führen, warum wir hier karossieren, weshalb wir die einzelnen Teile aus Amerika kommen lassen, was die Vormachtstellung des Giant-Motoren ausmacht – das muß von den leitenden Stellen auf den kleinsten Boy übergehen, jeder Mensch, der hier beschäftigt ist, muß es jedem auf der Straße auseinandersetzen können! Bei großen amerikanischen Firmen finden regelmäßig diese Vorträge statt.«

Mrs. Spencer winkte mit der Hand und erhob sich. »Bitte erst den Vortrag – – Fräulein Gundlacher soll mir während der Werkbesichtigung über die Personallisten berichten – kommen Sie, Parnegg!«

»Jawohl, Mrs. Spencer«, sagte der junge Sekretär und verschwand.

Die Präsidentin hatte ihn aus dem Büro fort zu ihrem Privatdienst engagiert, weil er vorzüglich Englisch sprach; aber er konnte sich kaum erinnern, wann er je seine Fähigkeit zu beweisen hatte, es gehörte zu den erstaunlichen Eigenschaften dieser intelligenten Frau, daß sie die Sprache des Landes, in dem sie gerade war, überraschend schnell erlernte.

Sie ging mit ihrem Chefkonstrukteur Parnegg und Fräulein Gundlacher, die über die letzten Personalveränderungen Bericht erstattete, durch die weiten, nachmittagsstillen Hallen des Werkes.

»Wieviel Leute haben Sie in dieser Woche abgebaut?«

Fräulein Gundlacher blähte ihre rosigen Wangen etwas auf, während sie mit ihrem Zeigefinger Ziffern addierte; aus einem unerfindlichen Grund heraus war sie beim gesamten Personal unbestritten die unbeliebteste Persönlichkeit, obgleich sie weiter nichts tat als ihre Pflicht – – aber sie war im Laufe vieler Bürojahre so erstarrt in Arbeit und Personallisten, daß sie die Menschen vergaß, die sich hinter den Namenkolonnen verbargen.

»Vierzehn im Werkbüro, den einen Zeichner im Propaganda-Außendienst und zweiundfünfzig Arbeiter, Mrs. Spencer.«

»So viel?!« fragte Parnegg aus seinen Gedanken heraus. Er stand am Ende des fließenden Bandes, das nach seinen Spezialentwürfen für die Berliner Fabrik konstruiert war. Hier wurde Teil um Teil aneinandergesetzt, vom Chassisrahmen bis zum kleinen Messingschild ›Original-Giant-Modell mit Original-Giant-Teilen in Berlin-Adlershof zusammengebaut.‹

»Ja, mein Lieber, das hilft nichts. Wir haben unser Produktionsprogramm beendet, was sollen wir mit den überzähligen Leuten?!« ging Mrs. Spencer auf seine sicherlich ganz gleichgültige Frage ein. Auch sie hatte nur die Vorstellung von Ziffernkolonnen und sah nicht den Menschen, der durch die Entlassung arbeitslos wurde. Sie wußte davon nichts.

»Wir hoffen, nächste Woche den Abbau auf fünfzig Prozent durchgesetzt zu haben!« erlaubte sich die Vorsteherin der Personalabteilung zu bemerken. Man mußte sich immer ins rechte Licht setzen, nur keine falsche Bescheidenheit, sie hatte schlechte Erfahrungen damit gemacht. Der Kampf ums tägliche Brot erforderte Härte und keine überflüssigen Sentiments.

»Fünfzig Prozent?« überlegte die Präsidentin, »dann kann man den Preis etwas drücken, der Absatz hat auffallend nachgelassen!«

»Haben die Leute hier in Deutschland denn kein Geld?« brummte der Chefkonstrukteur unwillig. Jede Preisherabsetzung bekämpfte er prinzipiell, er war am Gesamtgewinn beteiligt und hatte ein Konto beim Equitable-Trust in New York, das wachsen sollte. Immer mehr wachsen, bis er die Aktienmajorität der Gesellschaft an sich bringen konnte.

Sie kamen in einen Saal, der vom dröhnenden Knattern eines Motors widerhallte. Ein junger Mensch im Leinenanzug arbeitete, ohne aufzublicken, es schien für ihn weder Zeit noch Umwelt zu geben. Nur diesen Öl und Benzin spritzenden Motor.

»Warum werden Überstunden gemacht?« fragte Mrs. Spencer.

»Das ist ein junger Hilfsmechaniker«, erwiderte sofort Fräulein Gundlacher, die alles wußte, und suchte den Namen in ihren Listen auf – »Forster, Michael Forster, wir haben ihn erst vor kurzem eingestellt, er will sich hier vervollkommnen – übrigens wurde er uns besonders empfohlen, wir hätten ihn sonst zur Zeit kaum berücksichtigen können!«

Parnegg sah uninteressiert an dem Motorstand vorüber, seine Stiefelspitzen klopften einen leisen nervösen Takt; Mr. Parnegg hatte eine Verabredung, was gingen ihn Hilfsmechaniker an, die sich vervollkommnen wollten.

»Wozu will er das?« fragte Mrs. Spencer, die an so viel zu denken hatte, etwas naiv und weltfern.

»Die jungen Leute besuchen meistens später ein Technikum oder studieren – – die Verdienstziffer beträgt im allgemeinen nur einen geringen Teil der der Vollarbeiter«, fügte sie wie zur Entschuldigung hinzu. Einer plötzlichen Laune folgend, trat Mrs. Spencer neben den Motor. Als der junge Mann den Kopf hob, stand sie wie aus dem Boden gewachsen neben ihm.

Sie sah in ein seltsam männlich gereiftes Gesicht; er grüßte sie mit einer gewissen kalten Höflichkeit und arbeitete weiter.

Sie hatte Lust gehabt, eine nichtssagende liebenswürdige Unterhaltung zu beginnen, aber der Lärm verschlang jedes Wort. So blieb sie noch eine Zeit lang bei dem Motorstand und beobachtete die arbeitenden Teile der Maschine. Fräulein Gundlacher raschelte mit den Listen und machte hinter den Namen Schmidt, Karl, geboren 4.6.1895, ein kleines, rotes Kreuz. Wenn sie so billige Hilfskräfte hatte, konnte sie den Abbau getrost etwas forcieren.

Schmidt, Karl, der vielleicht jetzt gerade ahnungslos irgendwo sein Glas Bier trank, würde Ende der Woche seine Restzahlung erhalten.

Giant-Motors hatten wie alle amerikanischen Firmen wöchentliche Kündigung.

Es mußte sehr schwer sein, in einem Betrieb wie diesem festen Fuß zu fassen, sich emporzuarbeiten; vielleicht unmöglich. Als Mrs. Spencer mit einem kurzen anerkennenden » go on! go on!« dem jungen Mechaniker ermunternd zunickte und den Saal verließ, blieb der dreiundzwanzigjährige Michael Forster mit einer so verbissenen Konzentration bei seinem Motor zurück, als wollte es hier einer allen Kräften zum Trotz doch schaffen.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.