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Pension Atlantik

Franz Roswalt: Pension Atlantik - Kapitel 26
Quellenangabe
authorFranz Roswalt
titlePension Atlantik
publisherSchlesische Verlagsanstalt G.m.b.H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171219
projectid0885c0ac
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25

Merkwürdigerweise werden sich die Männer über ihre Gefühle zu einer Frau erst dann klar, wenn sie warten müssen, je länger, desto besser! Michael mußte an diesem Nachmittag sehr lange auf Anna warten und hatte sie bereits im Verdacht, daß sie doch wieder eine ›Dummheit‹ begehen wolle. Aber sie enttäuschte ihn angenehm, denn als sie endlich hastig die Kaffeehausterrasse betrat, war ihr Gesicht gestrafft und erwartungsfroh – jedenfalls schien es ihm so; er sprang auf und begrüßte sie herzlich. »Guten Tag, gnädiges Fräulein – ich fürchtete schon –!

»Ich muß Sie um Entschuldigung bitten, Herr Forster, ich traf einen alten Bekannten, der mich aufhielt – ich pflege sonst pünktlich zu sein.«

»Das hoffe ich!« entfuhr es ihm.

Sie sah ihn belustigt an: »Nanu – so streng?«

»Verzeihen Sie mir, Fräulein Hedenus – ich dachte mir nichts dabei.«

»Das hoffe ich!« kopierte sie ihn, und beide mußten lachen. Ein lieber Junge, dachte sie, während er ihr die ganze Preiskarte vorlas, und fühlte, wie sehr sie ihn den ganzen Vormittag entbehrt hatte, nachdem er in aller Morgenfrühe bei ihren Wirtsleuten erschienen war und sich nach ihrem Befinden erkundigt hatte. Man hatte sie auf seinen ausdrücklichen Wunsch nicht gestört, »er müsse so früh in die Fabrik!« hatte er sich verlegen entschuldigt. »Det muß mein Mann ooch, det schadt nischt!« hatte sicherlich Frau Peschke geantwortet.

Er bestellte nach vielem Hin und Her zwei Orangeade und fragte sie, ob er rauchen dürfte. »Natürlich – ich rauche sogar mit, wenn's Ihnen Spaß macht!« Er beeilte sich, ihr seine Zigaretten anzubieten – das Stück zu drei Pfennig. Aber das Aroma schien ihr köstlicher als das der edelsten Mischung, die in einer eleganten Dose verpackt ist.

»Was werden Sie jetzt beginnen?« fragte er voller Interesse.

»Ich werde eine Stellung annehmen.«

»Ah – – und wo, wenn ich fragen darf?«

»Ich werde in der Galerie Gottschalk Bilder verkaufen – das Geschäft ist in der Bellevuestraße.«

Er schüttelte den Kopf.

»Nicht zufrieden?« fragte sie und mußte wieder über sein ernstes Gesicht lächeln, – ein Vater konnte ihre Angelegenheiten nicht gewichtiger nehmen als dieser Junge – Michael war doch noch ein Junge, empfand sie, ein sehr sympathischer junger Mensch, der noch schrecklich jung war. Man müßte ihn bemuttern.

»Doch!« sagte er langsam, »ich bin natürlich zufrieden – ich freue mich sehr für Sie – aber, entschuldigen Sie bitte, ich habe das Gefühl, daß Sie das alles gar nicht nötig haben! Können Sie denn wirklich nicht nach Haus zurück?«

»Nein«, schnitt sie bitter ab, »das kann ich nicht, lassen wir das, bitte, sprechen wir über andere Dinge!«

Er sah sie bekümmert an.

»Jetzt muß ich Sie mal ins Gebet nehmen«, schalt sie und sah ihn verwundert an, »seit wann grübeln Sie – das gab's doch sonst nicht bei Ihnen, wir kennen uns doch immerhin schon einen Tag!«

»Wir kennen uns schon ein Jahr, immer, glaube ich!« rief er spontan. Sie konnte nicht einmal widersprechen, sie schwieg betroffen; es ging ihm also wie ihr. Sie zerstörte, ärgerlich über sich selbst, die weiche Stimmung und zwang sich zur Ironie:

»Liebe auf den ersten Blick, nicht?«

Sein Blick bat gequält: Warum? warum sprichst du so, warum sich belügen – ist die Wahrheit nicht schön?

»Was halten Sie davon«, fragte sie ablenkend, »wenn wir jetzt noch ein bißchen im Tiergarten herumlaufen – ich brauche Luft nach der entsetzlichen Räuberhöhle, in der ich wohne!«

Er war mit allem einverstanden.

»Heute sind Sie mein Gast!« wehrte sie ihm, als er zahlen wollte, »ich bin sonst beleidigt und treffe mich nie wieder mit Ihnen!«

»Hat es die Dame nicht kleiner?« fragte der Kellner mißmutig.

»Nein«, sagte sie übermütig, »kleiner habe ich es wirklich nicht!«

»Dann muß ich erst wechseln – Moment, bitte.«

Erst nach einiger Zeit kehrte der Kellner zurück, in der Hand hielt er noch immer den Schein.

»Nun?« fragte sie ungeduldig.

»Bedaure sehr, meine Dame, der Schein ist gefälscht – ich selbst habe es nicht gleich bemerkt, unsere Kassiererin hat mich darauf aufmerksam gemacht – hier, sehen Sie, das Wasserzeichen – und da, die Ziffer Hundert, die Zeitungen haben ja erst kürzlich gewarnt!«

Er gab ihr den Schein wieder zurück. Michael bezahlte schnell, um die peinliche Szene zu beenden. »Kommen Sie!« sagte er, und seine Stimme hatte einen eigentümlichen Klang.

Als sie auf der Straße waren, fragte er drängend: »Wer hat Ihnen den Schein gegeben, Fräulein Hedenus?« Er hatte Furcht vor ihrer Antwort, konnte man sich so in einem Menschen täuschen? Sie selbst war noch derartig überrascht von dem Zwischenfall, daß sie wie in einem bösen Traum neben ihm herging. Es gab ja keinen Zweifel – Mason wollte ihr den Schein nicht geben, er hatte ihr Dollar angeboten, Dollar so viel sie wollte – nur diesen Schein hatte er ihr verweigert – Mason machte falsches Geld oder er steckte mit den Leuten unter einer Decke, die es herstellten – Mason, Mason! Der Mann, mit dem sie unter einem Dach gelebt hatte, dem sie sich in der ersten Stunde anvertraute und von dem sie sich helfen ließ, von dem sie Geld lieh – Mason, ein Verbrecher!

»Wer gab Ihnen den Schein?« fragte Forster wieder.

Sie sah ihn wild an: »Ich weiß es nicht – fragen Sie mich nicht. Sie haben kein Recht dazu – was wollen Sie von mir, warum fragen Sie immer?«

Er schwieg mit zuckenden Lippen. Plötzlich blieb er stehen.

»Es tut mir leid, Fräulein Hedenus, ich muß Sie jetzt verlassen!«

»Warum?« fragte sie erschrocken und fühlte, wie alles Blut aus den Wangen wich. »Warum – was ist denn mit Ihnen – Sie sind so verändert!«

Er grüßte kalt und ließ sie stehen.

Zuerst hatte sie das Gefühl einer Beschimpfung, als hätte ihr jemand auf offener Straße vor allen Menschen ins Gesicht geschlagen – was erlaubte sich dieser Junge, dieser unreife Mensch – wie konnte er wagen, ihr gegenüber einen solchen Ton anzuschlagen? Doch als er ohne sich umzublicken weiterging, da hätte sie alles darum gegeben, sein Gesicht sehen zu können. – Wenn er sich nur einmal umgewandt hätte, sie wäre auf der Stelle zu ihm hingelaufen wie ein Schulmädel, alles hätte sie ihm gesagt, er hatte ja ein Recht, es zu wissen, sein ehrliches Mitempfinden gab es ihm – warum ging er weiter und ließ sie allein, warum? Sie erinnerte sich, daß sie nun den weiten Weg zu Fuß zurücklegen mußte, sie hatte nicht einen Pfennig mehr bei sich – sie konnte Frau Peschke keine Miete mehr zahlen und wußte nicht, wovon sie bis zum Montag leben sollte – was tat es?

Jetzt war alles gleich – – –

Michael kehrte nach Haus zurück, einer, vor dem sich ein Abgrund aufgetan hatte, der noch nicht fassen kann, daß er in einer Welt lebt, die voller Grausamkeit und Enttäuschung ist – er hatte an diesem Nachmittag die grimmigste Enttäuschung seines ganzen Lebens empfangen.

Er hielt Anna Hedenus für eine Komplizin der Geldfälscher, deren Namen sie nicht preisgeben wollte.

Alles läuft gegen mich aus, fühlte er in dumpfer Verbitterung. Die Mutter stand im Flur und wartete auf ihn – sie legte den Finger warnend an den Mund, er sollte leise sein.

»Schläft Vater?« fragte er und ging auf Zehenspitzen.

Sie schüttelte resigniert den Kopf, plötzlich brach sie in heißes Schluchzen aus und tastete nach ihm. »Was ist denn, was ist denn geschehen?« fragte er unterdrückt. »Wo ist er denn?«

»In seinem Zimmer«, schluchzte die Mutter, »geh zu ihm, Michael – sprich du mit ihm. Ich kann es nicht!«

Johann Forster ging mit unregelmäßigen Schritten im Zimmer auf und ab. Als der Sohn eintrat, blieb er stehen, sah an ihm vorüber: »Was willst du?«

»Ich will mit dir sprechen, Vater!« sagte er fest.

»Ich habe nichts zu besprechen – du kannst mir auch nicht helfen!«

»Möchtest du mir nicht doch – – vielleicht kann ich dir behilflich sein?!«

»Ach was! Da gibt's nichts zu helfen – da muß mit Fäusten dreingeschlagen werden! Wenn's möglich wäre – aber es wird wohl nicht möglich sein – man wird abgeschoben werden, basta!«

Er holte tief Atem und schwieg erschöpft.

»Aber was ist denn bloß los?« drängte der Sohn voller Unruhe.

»Haha – rausgeschmissen haben Sie ihn – deinen Vater – damit du im Bilde bist – oder ›zur Disposition gestellt‹, wie das so nett heißt – und warum? Weil ein dreckiger, gemeiner Schuft von Denunziant – weil ein notorischer Zuchthäusler Dinge über ihn gesagt, die über einen Kriminalbeamten eben nicht gesagt werden dürfen!«

»Ja, sie haben ihm doch gar nicht glauben können!« brach Michael empört los, »das wird sich doch alles widerlegen lassen!«

»Sachte, sachte«, klärte ihn der Alte bitter auf, »widerlegen, beweisen? Wie soll ich diesem Herrn Thomas Dinge widerlegen, die von A bis Z erstunken und erlogen sind?« Er schwieg mit gramvollem Gesicht.

»Ich weiß nicht, wie ich sie widerlegen soll!« sagte er gequält, »ich bin solchen Gemeinheiten nicht gewachsen; entweder man glaubt mir oder man glaubt mir eben nicht, ganz einfach!«

»Niemand wird von dir etwas Schlechtes glauben können, Vater«, redete er ihm Mut zu, »wenn Schufte auch zuerst über dich falsche Gerüchte verbreiten können, so werden wir ihnen bald das Handwerk legen, verlaß dich da auf mich – ich bin auch noch da, Vater!«

»Aber sie untersuchen ja schon!« rief der alte Beamte mit erstickter Stimme aus, »sie untersuchen ja bereits und finden nichts gegen mich – man kann die Sachen, die gegen mich vorgebracht werden, nicht widerlegen und nicht klären – sie sind ja auch zu widersinnig!«

»Was behaupten denn die Halunken?«

»Sie behaupten nicht mehr und nicht weniger, als daß ich mit den Geldfälschern unter einer Decke stecke – sie haben Briefe gefälscht – sie wollen mich umbringen!« schrie er in sinnloser Verzweiflung auf.

»Es handelt sich um die Falschgeld-Affäre?« fragte Michael und fühlte, wie er ganz ruhig wurde – eiskalt, entschlossen, sich festzubeißen in dieses Geheimnis, bis der Knoten gelöst war. Der Vater nickte. Die ruhige Stimme Michaels schien auch ihn zur Vernunft zu bringen. Er begann nachzudenken. »Sieh mal – die Sache ist die – – die Bande – die nebenbei erst jetzt ein Mitglied, einen gewissen Klahr, verloren hat – muß diesen Thomas gedungen haben, mich unehrenhafter Handlungen zu bezichtigen – er hat natürlich alles beeidet.«

Er knirschte mit den Zähnen, aber beherrschte sich.

»Grant und die anderen Kommissare glauben ihm selbstverständlich nicht – aber dummerweise hat doch schon die Öffentlichkeit davon erfahren und verlangt Klärung.«

Er schwieg wieder, es zitterte verdächtig um den Mund – aber er bezwang sich.

»Sieh mal – und jetzt müssen sie die Untersuchung gegen mich einleiten – Grant drückte mir persönlich sein Vertrauen aus – es ist ja alles nur reine Formsache – aber ich soll doch – ich muß doch –!« Er konnte einfach nicht mehr weitersprechen, er riß die Jacke auf und klopfte gegen die Legitimationsmarke.

*

Michael begriff voller Mitleid, der Vater war, solange nicht alles aufgeklärt war, vom Dienst suspendiert. Und all das wegen eines gemeinen, ehrlosen Lumpen, der im Dienst der Fälscher stand.

Die Verbrecher wollten den Feind erledigen!

»Man muß die Bande dingfest machen, Vater, man muß beweisen, daß du unschuldig bist, du mußt es beweisen, indem du die Auftraggeber verhaftest und ins Zuchthaus bringst!«

Der Alte sah ihn mit weichem Blick an. »Lieber Junge – wenn das möglich wäre – – aber es ist nicht möglich, glaube mir!«

»Es ist möglich, Vater!« rief Michael zuversichtlich und dachte an Anna Hedenus, »ich werde dir beweisen, daß es möglich ist!«

»Junge!« stammelte der Alte mitgerissen, »Junge – und ich zieh' den Rock doch nicht aus!« raffte er sich auf, »sollen sie mit mir machen, was sie wollen, ich behalt' ihn an, ich bin darin grau geworden und werde ihn weitertragen – wir müssen's schaffen, Michael!« Er preßte ihm dankbar die Hand und sah ihm nach, bis sich die Tür hinter dem Sohn geschlossen hatte.

Michael lief die Treppe hinunter, der starke Wunsch zu helfen trieb ihn.

Er überlegte, während er zu Anna Hedenus hinausfuhr, was zuerst zu tun sei. Er würde das Geheimnis aus ihr herauspressen, er würde sie zwingen zu gestehen, und wenn er sie auf die Polizei schleppen mußte – allerdings wußte er von seinem Vater, wie behutsam eine solche Angelegenheit anzufassen war, wenn man die wirklichen Schuldigen ermitteln wollte.

Und nur die Chefs der Bande interessierten in diesem Fall, die unsichtbaren Drahtzieher, die das Geld herstellen ließen, die so mächtig waren, daß sie selbst in die Reihen der Polizei eindringen und alte bewährte Beamte zu Fall bringen konnten.

Die Drahtzieher mußte er finden!

Er war sich schon jetzt bewußt, daß er zu diesem Zweck Geld brauchte, sonst konnte er sein Ziel niemals erreichen, er mußte mit den Bekannten des Fräulein Hedenus in einem Raum speisen, er mußte ihre Wohnungen ermitteln, er mußte die Lokale aufsuchen, in denen sie verkehrten, – vielleicht konnte er dann erkennen, mit wem sie zusammenkam – und unter diesen Leuten mußte er die Bandenchefs suchen, das war der Weg, der einzige, den es gab.

Zweitausend Mark, rechnete er in fiebernder Erregung zusammen, zweitausend Mark mußte er erspart haben, vielleicht konnte er das Geld ausnahmsweise noch heute bekommen – es war für seinen großen Traum bestimmt gewesen, für die Weltreise, die er einmal machen wollte – mit einer Frau zusammen, die er liebte und in der er aufging. Das war der Traum des Michael Forster gewesen.

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