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Pension Atlantik

Franz Roswalt: Pension Atlantik - Kapitel 25
Quellenangabe
authorFranz Roswalt
titlePension Atlantik
publisherSchlesische Verlagsanstalt G.m.b.H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171219
projectid0885c0ac
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24

Anna Hedenus stand am Fenster des kleinen Cafés und sah auf die Straße. Die Nacht und ihre Schrecken hatten Male in das junge Gesicht gegraben, das von erschreckender Durchsichtigkeit war. Aber sie dachte nicht mehr an ›Dummheiten‹, wie ihr Lebensretter ihre Verzweiflungstat genannt hatte. Das tröstliche Bewußtsein, einen Menschen gefunden zu haben, der sich um sie sorgte, gaben ihr von neuem Hoffnung und die alte Energie. Wie bei Mason damals wollte sie auch diesmal nicht enttäuschen, es steckte ein eigenartiger Stolz in diesem jungen Mädchen. Nur war es diesmal ein ganz anderer Wille, der sie beseelte, sie wußte selbst noch nicht, was mit ihr geschehen war – sie lächelte, wenn sie daran dachte und an den jungen Mann, der in einer Nacht grimmigster Verzweiflung an ihrer Seite aufgetaucht war und sie vor dem Schlimmsten bewahrt hatte. Sie hoffte wieder, und ein Mensch, der hofft, geht nicht unter.

Sie ließ sich vom Kellner die Morgenblätter bringen und sah aufmerksam die Stellenangebote durch – – Hauspersonal, Büropersonal, Stenotypistinnen – – wohin waren die Träume eines Revuestars verflattert?

Junges, gebildetes Mädchen,
sprachenkundig,
für den Verkauf gesucht.
Galerie Dr. Gottschalk, W 4.

Dr. Gottschalk? entsann sie sich und war bereits entschlossen, sich um die Stellung zu bewerben. Das war doch ein guter Bekannter ihres Vaters, sie kannte die Bildergalerie in der Bellevueallee von früher her, einige Male war sie mit ihrem Vater dort gewesen und hatte Bilder angesehen. Sie stand erregt auf, die Möglichkeit, aus dem augenblicklichen Elend heraus und wieder in ein geordnetes Leben zu kommen, war eine Vorstellung, die sie voll freudiger Unruhe erfüllte. Sie hatte zu viel durchgemacht, um nicht den Gedanken einer stetigen Beschäftigung als verlockend zu empfinden.

Gegen zehn Uhr stand sie vor den zwei großen Schaufenstern des Ausstellungsraumes. Jetzt, da sie hineingehen und ihr Anliegen vorbringen sollte, war sie gedrückt und niedergeschlagen – – was würde man ihr antworten, würde man sie abweisen? Sie fühlte sich rot werden bei dieser Vorstellung, wieder hinausgehen zu müssen, ein erkämpftes Lächeln auf dem Gesicht.

Entschlossen machte sie allen Zweifeln und Vorahnungen ein Ende und trat ein. Ein junger Mann erschien und fragte nach ihren Wünschen. Wahrscheinlich nahm er an, daß sie eine Käuferin sei.

»Ich will mich um die Stellung bewerben, die Sie ausgeschrieben haben«, überwand sie sich, klar und ohne falsche Scheu zu sagen.

Er sah sie einen Augenblick erstaunt an, dann bat er sie zu warten und verschwand in den hinteren Räumen, wo die Büros lagen – – sie erinnerte sich ganz genau; ohne zu zögern, hätte sie den Weg in das Privatbüro gefunden.

Es schien eine Ewigkeit, bis er zurückkehrte – sein Gesicht verhieß nichts Angenehmes, es hatte jenen höflich abweisenden Ausdruck, der von vornherein besagt, ›tut uns sehr leid‹!

»Herr Dr. Gottschalk läßt bitten.«

Sie atmete auf. Erst jetzt fiel ihr ein, daß sie gar nicht ihren Namen genannt hatte – es war zu spät, den Fehler gutzumachen, der junge Mann ging ihr bereits voraus und blieb vor der Glastür des Privatkontors abwartend stehen – »bitte sehr!« er öffnete die Tür und ließ sie ein.

Dr. Gottschalk saß genau wie damals in dem Drehsessel hinter seinem mächtigen Schreibtisch und hatte eine Unmenge von Katalogen und Broschüren vor sich liegen; er erkannte sie nicht gleich und musterte sie scharf durch seine große runde Hornbrille.

»Bitte, nehmen Sie Platz, meine Dame!« Er erhob sich dabei leicht und machte die Andeutung einer Verbeugung: »Gottschalk ist mein Name – bitte, setzen Sie sich doch!«

Sie trat befangen näher. Nur lächeln! befahl sie sich mit aller Energie, lächeln, immer lächeln! »Sie kennen mich bereits, Herr Doktor, Hedenus – Anna Hedenus.«

Er sprang auf und musterte sie zum zweitenmal.

»Fräulein Hedenus?« fragte er ungläubig und sah sie betroffen an, »Fräulein Hedenus – – was führt Sie zu mir?« Er faßte sich nervös an die Stirn und ließ sie gar nicht antworten, »nehmen Sie Platz, bitte, entschuldigen Sie, daß ich nicht gleich – – ich bin so zerstreut! Wie geht's dem Herrn Vater – man hört gar nichts mehr von ihm?!«

Sie setzte sich ein wenig hölzern, das Lächeln ließ sich nicht erzwingen, es ging nicht. Ein scheußliches Gefühl würgte, immer der alte dumme Stolz.

»Herr Doktor«, sagte sie und wunderte sich, wie unfreundlich es klang, »ich komme mit einer Bitte zu Ihnen – – ich las heute morgen Ihre Annonce – bitte, wollen Sie es mit mir versuchen? Ich spreche englisch, spanisch und französisch – Sie wissen ja!«

So, nun war es getan, kam, was da kommen sollte.

»Tja, mein liebes, gnädiges Fräulein – – tja!« Er wußte anscheinend nicht, wie er sich zu dem überraschenden Angebot stellen sollte – angenehm war es ihm jedenfalls nicht.

»Was verlangen Sie, Fräulein Hedenus?« fragte er mit einer Handbewegung, die etwa besagte, wieviel soll mich der Spaß kosten? Jetzt nicht locker lassen, kommandierte die Stimme in ihr, die sie schon in die Galerie und bis in dieses Bürozimmer befohlen hatte.

»Was Sie mir geben wollen, Herr Doktor – – ich brauche nicht viel zum Leben.«

»Wohnen Sie denn nicht mehr zu Haus?« fragte er erschrocken und betrachtete wieder das leidgezeichnete junge Gesicht.

»Nein, ich wohne nicht mehr zu Haus!« antwortete sie mit schmalen Lippen.

Eine Pause entstand. Dr. Gottschalk stand auf und ging am Fenster hin und her. Endlich blieb er mit verschränkten Armen vor ihr stehen: »Wenn Sie es zunächst mit zweihundert Mark im Monat versuchen wollen, Fräulein Hedenus, – leider geht das Geschäft nicht so, daß ich Ihnen mehr anbieten kann, später vielleicht!«

»Es genügt«, antwortete sie und sprang mit leichten Füßen empor, »ich danke Ihnen, Herr Doktor.«

»Nichts zu danken – die Tochter von Professor Hedenus wird immer eine Beschäftigung finden!«

»Und wann kann ich beginnen, Herr Doktor?«

»Ich würde Sie bitten, in drei Tagen, also am Montag, sich wieder bei mir einzufinden – recht so?«

»Gewiß, Herr Doktor, ich werde pünktlich erscheinen – nochmals –«

Er wehrte ihren Dank irgendwie bedrückt ab und geleitete sie hinaus, wie man die Tochter des Professors Hedenus zu verabschieden pflegte.

Als Anna wieder in die Wohnung zurückkehrte, in der sie ihr Zimmer abgemietet hatte, wurde sie bereits von Frau Peschke erwartet. Frau Peschke stand gerade mit einer Nachbarin am Türeingang und hielt Umschau; man bemerkte sie erst, als sie erstaunt und ungehalten grüßte.

»Ah«, sagte Frau Peschke und warf der Nachbarin einen bedeutsamen Blick zu, »ah, da sind Sie ja, Fräulein – – ich mein' man bloß von wegen der Miete!«

»Ich muß Sie bitten, noch ein paar Tage zu warten – ich, ich werde Ihnen dafür etwas mehr geben, damit Sie keinen Schaden haben.«

»Haben Sie gehört, Müllern? 'n paar Tage warten? Wie denken Sie sich das eigentlich, Fräulein, was sind das für Sachen – entweder bezahlen Sie Ihre Miete oder Sie müssen raus, verschenken können wir nichts, nee, dazu sind die Zeiten zu schlecht!«

Anna stand unschlüssig.

Ich komme nicht mehr heraus aus diesem Elend, dachte sie voller Bitterkeit, die groben Worte der einfachen Frau schrien jede Hoffnung nieder.

»Was is? Sonst müssen Sie mir Ihre Kledagen als Sicherheit dalassen – tut mir leid, Fräuleinchen, erst wohnen, denn nicht bezahlen – – das hätten Sie sich vorher überlegen müssen!«

Sie antwortete nicht. Die Frau hatte ja recht, aber was sollte sie tun? Dr. Gottschalk um Vorschuß bitten? Dann lieber im Tiergarten schlafen, fühlte sie, ihre Sachen wollte die Gute als Pfand haben – ihre Sachen? Wenn die Situation nicht so traurig gewesen wäre, hätte sie lachen müssen – wenn sich Frau Peschke mit dem Inhalt des kleinen Handkoffers begnügte – es war nicht viel darin.

»Ich habe leider nicht viel zu verpfänden, Frau Peschke, ich könnte Ihnen im Augenblick fünfundzwanzig Mark geben – den Rest müßten Sie mir stunden, ich will versuchen, daß ich ihn auftreibe!«

Sie konnte sogar wieder lächeln, alles konnte man!

»Geben Sie her, Fräuleinchen – und den Rest bis morgen!«

Endlich verließen die beiden Frauen das Zimmer, sie sank kraftlos auf das Bett, gerade zwanzig Pfennig hatte sie noch behalten, sie brauchte sie, um sich mit ihrem Lebensretter treffen zu können; sie hatten sich für den Nachmittag verabredet. Sie öffnete hastig das Täschchen – zehn Pfennig waren noch darin, nicht mehr, sie mußte sich verrechnet haben – oder das Geld verloren – das Geld! Zehn Pfennig!

Minutenlang starrte sie auf den Hof, dann sprang sie schnell auf. Nicht wieder unterkriegen lassen, es mußte einen Ausweg geben – lieber in den Straßen herumlaufen als hier hocken und auf dumme Gedanken kommen. Sie hatte ja heute morgen Kaffee getrunken und eine Stellung gefunden! Was wollte man mehr?

*

»Anny!« rief sie jemand unterwegs an, »Anny!«

Sie fuhr aus ihren Gedanken auf, die sie die Weite des Wegs, den sie hinter sich hatte, vergessen ließen – wurde die ›Pension Atlantik‹ wieder lebendig? Mason stand vor ihr in einem eleganten hellgrauen Sommerdreß und schüttelte lachend den Kopf: »Anny«, drohte er gutmütig, »das war nicht nett von dir, mich so zu verlassen – was habe ich dir getan?«

Sie fühlte mit Unruhe, daß er immer noch Macht über sie hatte, alte, vergessen geglaubte Wünsche kamen heiß und begehrlich wieder, die Sehnsucht, alle die kleinen Sorgen abschütteln zu können, statt in Dr. Gottschalks Galerie Bilder zu verkaufen – – sie riß sich zusammen: »Bitte, lassen Sie mich weitergehen, Mason!«

Er vertrat ihr den Weg und ergriff beide Hände, die schwach widerstanden, »nein, nein, Anny, jetzt habe ich Sie wiedergetroffen, jetzt müssen Sie mir eine Viertelstunde schenken – ich bitte Sie darum, nur ein paar Minuten!«

Sie folgte ihm in das elegante Lokal, vor dessen Fenster die Linden breit und machtvoll vorüberzogen.

»Was darf ich Ihnen bestellen, Anny?« fragte er behutsam und ging ganz auf ihren Ton ein. Sie sagte irgend etwas, es war ja ganz gleich, nur schnell wieder fort von ihm, nur nicht wieder zurückfallen in Hörigkeit und Schwäche.

»Anny«, fragte seine dunkle, klingende Stimme, »wie geht es Ihnen?«

»Gut – sehr gut!«

»Warum lügen Sie, Anny – – es geht Ihnen nicht gut – darf ich fragen, was Sie im Moment tun – haben Sie ein Engagement gefunden?«

Er ließ ihr Zeit, sich eine Antwort zu überlegen und holte ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche. Während er ihr eine Zigarette reichte, sagte sie: »Ich habe leider kein Engagement gefunden – ich bin wohl nicht begabt genug, Mister Mason!«

Er schwenkte das Zündholz aus. »Ach was, Sie haben's falsch gemacht – Sie hätten nicht fortlaufen dürfen! Hat Ihnen denn jemand etwas Böses zufügen wollen, ist Ihnen etwa Harry in meiner Abwesenheit zu nahe getreten?«

Er war ehrlich entrüstet bei diesem Gedanken, denn dem, der lange in den Staaten lebt, geht der Begriff Ehrerbietung gegen die Frau in Fleisch und Blut über, ein unumstößliches Gesetz, das niemand übertritt!

Sie schüttelte den Kopf, nein, das nicht! Warum bin ich eigentlich davongelaufen, grübelte sie erstaunt, warum habe ich all das durchgemacht – war es vielleicht besser, sich von Frau Peschke das Hemd vom Leibe pfänden zu lassen? Und was war schließlich geschehen – Proscher hatte ihre Stimme ganz nett gefunden, nur zu unausgebildet, Brann ließ sich sogar sprechen und machte eine Probeaufnahme von ihr, was wollte sie mehr? Die kleinen Unannehmlichkeiten mußte man überwinden und vergessen können, das war alles!

Mason rauchte und beobachtete schweigend. Er verglich sie mit Mrs. Glaid, die in allem so begehrenswert war, und fand, daß dieses blasse schmale Gesicht doch irgend etwas hatte – man wußte nicht zu sagen, was es war – ein gewisses Etwas, das es über den Durchschnitt hinaushob. Er verstand sie nicht, er konnte sich nicht in ihre Gefühlswelt versetzen, sie war ihm fremd und doch konnte er sich vorstellen, daß man mit ihr ausgezeichnet leben konnte – sie war persönlicher als alle anderen Frauen, die er kannte, das war es. Mason hatte jetzt die ehrliche Absicht, ihr behilflich zu sein, soweit er konnte, er fühlte ganz instinktiv, daß er einen solchen Menschen brauchte – – den eine andere Atmosphäre umgab, bei dem man aufatmen konnte! O ja, auch Mason kamen solche Gedanken, die auch ihn heraushoben aus seiner schäbigen Talmiumgebung, die den Stempel des gemeinen Verbrechers von ihm nahmen und ihn menschlich sympathischer machen konnten – soweit das eben bei einem abenteuernden Desperado möglich war.

»Ich werde Ihnen helfen, Anny!«

Sie preßte die Finger so fest aneinander, daß sie schmerzten. Wach bleiben! raunte eine Stimme in ihr, nicht nachgeben, nicht betören lassen!

»Ich muß nun gehen, Mister Mason!«

Er zuckte zusammen, als habe er eine Ohrfeige erhalten.

»Aber wohin denn? Darf ich Sie nicht begleiten – was ist denn?«

Sie schüttelte den Kopf, sie fühlte sich frei und konnte nicht sagen, warum. Ein Zwang war von ihr gewichen, sie war sich selbst treu geblieben.

»Sie können mich auch nicht begleiten!«

»Aber – – ich möchte Ihnen doch helfen, Kind – vielleicht brauchen Sie Geld – oder wohnen Sie wieder zu Haus?«

»Ich wohne immer noch allein.«

»Wo – ich werde Sie einmal besuchen, wenn ich darf?«

»Auch das geht nicht – aber wenn Sie mir etwas Geld leihen wollen – ich werde es Ihnen natürlich von meinem Gehalt abzahlen.«

Sie dachte an Frau Peschke und konnte Mason um Geld bitten. Er würde es bald zurückerhalten.

»Sie haben eine Stellung angenommen?« fragte er und hatte erstaunte, achtungsvolle Augen, die sie anblickten wie ein Wunder. »Sie haben eine Stellung angenommen?«

»Gewiß! Man muß doch arbeiten, um leben zu können – soll ich stehlen?«

»Nein, gewiß sollen Sie das nicht!« stammelte er und riß die Brieftasche heraus, »wieviel wollen Sie, hundert Dollar? Mehr – zweihundert, dreihundert?«

»Danke«, antwortete sie und fühlte ihre Sicherheit und Ablehnung klein werden vor dieser Hilfsbereitschaft, »danke – gar keine Dollar, nur ein paar Mark!«

»Nehmen Sie doch die Dollar – bitte, hier – nehmen Sie doch!« flehte er.

»Nein, wirklich, ich brauche nicht so viel – fünfzig – hundert Mark, die kann ich schnell abzahlen.«

»Dann muß ich wechseln!« lehnte er finster ab, »ich habe keine fünfzig Mark!«

Er sah ihren Blick, der erstaunt seine Hand streifte, die die Brieftasche schließen wollte – die Brieftasche, die ganze Bündel von Banknoten enthielt. Er öffnete die Tasche und legte einen Hundertmarkschein auf den Tisch – sein lederbraunes Gesicht konnte nicht erblassen, aber er wurde starr wie Stein, ein brauner zerfurchter Stein. In diesem Augenblick hatte das Schicksal gegen ihn entschieden!

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