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Pension Atlantik

Franz Roswalt: Pension Atlantik - Kapitel 23
Quellenangabe
authorFranz Roswalt
titlePension Atlantik
publisherSchlesische Verlagsanstalt G.m.b.H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171219
projectid0885c0ac
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22

Al Parnegg sah Mrs. Spencer verblüfft an. Er konnte sich die seltsame Veränderung, die mit ihr vorgegangen war, nicht erklären. Sie trug eine Zerstreutheit zur Schau, die einem halbwegs aufmerksamen Beobachter nicht entgehen konnte, sie fragte Dinge, die sie früher niemals interessiert hatten – zum Beispiel, was aus den jungen Hilfskräften würde, wenn sie ihre Zeit im Giant-Werk hinter sich hätten – ob man sie entließ oder ihnen festbezahlte Positionen anbot. Was waren das für unverständliche Fragen? Wie überraschend, daß sie sich mit derartigen Dingen befaßte. Parnegg zuckte mißgelaunt die Achseln.

»Ich weiß es nicht, Mrs. Spencer, ich werde mich mal erkundigen – wirklich, ich kann es Ihnen im Augenblick leider nicht sagen.«

Sie biß sich auf die Lippen. Sie sah ein, daß sie so nicht weiterkam, sie konnte von Parnegg nicht verlangen, daß er auf ihre Privatinteressen einging, der Mann hatte anderes im Kopf.

»Ich wäre Ihnen sehr verbunden, ich verfolge einen bestimmten Gedanken – nun zu Ihnen, mein Lieber, was haben Sie Neues für mich?«

Er fuhr sich müde über die Stirn. »Nichts Besonderes. Der Absatz stockt immer noch, die Leute haben kein Geld, das ist das ganze Geheimnis – nun, wir müssen uns durch radikalen Abbau und rechtzeitige Produktionsbeschränkung vor empfindlichem Schaden zu schützen suchen.«

»Sie haben recht«, meinte sie und sah an ihm vorbei ins Leere. Wie gleichgültig war das alles. Gestaltete sich ihr Leben etwas anders, besser oder schlechter, wenn das Werk hier gedieh oder mit Verlust arbeitete? Sie begriff sich selbst nicht mehr, daß sie einmal in diesen Zahlen gelebt und dann darin den Sinn ihres Lebens erblickt hatte – in Zahlen!

» Bye, bye, Parnegg, ich will noch ein bißchen durchs Werk gehen – auf morgen!«

Er verschluckte die Höflichkeitsfrage, ob er sie begleiten solle, er hatte keine Lust, sich neuen Überraschungen auszusetzen, wer konnte wissen, was die Frau bei der Werkinspizierung fand und plötzlich bemängeln würde – der Teufel sollte aus ihr klug werden!

Mrs. Spencer ging langsam durch die Räume und Hallen, im Montagesaal floß stetig das laufende Band, Wagen auf Wagen rückte vor und wurde mit eingelernten monotonen Griffen vervollständigt. Sie sah von der Galerie aus hinunter und nahm sich Zeit, die Gesichter der Menschen zu beobachten, die jede Minute einen bestimmten Handgriff auszuführen hatten, jede Minute ein und dieselbe Schraube festzogen, ein immer gleiches Teil eindrehten – stundenlang, tagelang, wochenlang, monatelang – ein Leben hindurch! Die Gesichter waren grau und zerfurcht; alt und jung waren lustig und unbekümmert und kauten Gummi, andere trugen die Spuren von Bitterkeit und Enttäuschung, nur das Band war ewig und zog seine Bahn und zwang ihnen den Willen auf.

Sie schritt weiter voller Erstaunen, daß sie das alles zum erstenmal sah und bemerkte – wie konnte man an einer solchen Tatsache vorübergehen? Ich muß mich um den Wohltätigkeitsfonds kümmern, beschloß sie, man muß sich um einen Ausgleich bemühen, jeder muß es, beide Seiten, die da unten und ich und Parnegg, wir alle!

Sie verließ den Montagesaal und fühlte ihr Herz klopfen. Gleich würde sie den sehen, der in ihr geweckt hatte, was unter Ziffern und Berechnungen zu ersticken gedroht. Vielleicht wußte er nicht einmal, daß er es war und kein anderer.

Michael Forster stand wie damals an einem Motore und prüfte die einzelnen Teile mit derselben zähen Beharrlichkeit durch wie an dem Nachmittag, an dem sie ihn zum erstenmal bemerkt hatte. Nichts hatte sich geändert.

Wenn sie jetzt zu ihm ginge und ihn begrüßte – was sollte sie ihm sagen? Mrs. Glaid hatte an alles gedacht, nur nicht an die naheliegendste Möglichkeit, daß es gar nicht möglich war, einfach zu einem jungen Hilfsmechaniker zu gehen und ihn zu begrüßen. Sie konnte ihn in ihr Büro rufen lassen, aber sie fühlte, daß das etwas ganz anderes war – und hier, allen diesen fremden, neugierigen Blicken ausgesetzt, würde sie nur ein paar konventionelle Phrasen sagen können. Und das wollte sie nicht, dann zog sie es vor, zu warten, bis sich eine bessere Gelegenheit zu einer Unterhaltung bot. Sie beobachtete noch eine Zeitlang, wie er den Motor anlaufen ließ, ihn abstellte, wieder von neuem nach der Fehlerquelle zu suchen begann, unverdrossen, immer wieder von neuem. Nichts war für ihn vorhanden als dieser Motor; ob er überhaupt andere Interessen hatte? mußte sie kopfschüttelnd denken. Sie hatte noch nie einen solchen Arbeitsfanatismus gesehen. Er sollte sich belohnen, sofort mußte man mit Parnegg darüber sprechen. Gegen eine Auszeichnung des Regattasiegers war doch wohl nichts einzuwenden? Und wenn, so würde sie dafür sorgen, daß er allen Einwendungen zum Trotz an den Platz kam, an den er gehörte. Sie ging lächelnd in ihr Privatbüro zurück; sie mußte an Vlaho denken. Was würde er dazu sagen, wenn er sie hier sehen würde, so hilflos und ungeschickt, sie, die er für so erhaben über alle kleinen Dinge des Lebens hielt – heute wohl nicht mehr, denn sie hatte ihm ja ihre Hilflosigkeit eingestanden.

Als sie wieder allein in ihrem prunkvollen, stillen Büro saß, zerknüllte sie unentschlossen ein Telegrammformular; sie hatte große Lust, Vlaho zu sich zu rufen und seinen Rat zu hören.

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