Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Roswalt >

Pension Atlantik

Franz Roswalt: Pension Atlantik - Kapitel 22
Quellenangabe
authorFranz Roswalt
titlePension Atlantik
publisherSchlesische Verlagsanstalt G.m.b.H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171219
projectid0885c0ac
Schließen

Navigation:

21

Es war Abend geworden, die Lichter der vielen Fenster, die auf den Hof hinausgingen, zeichneten gelbe Streifen über den Fußboden, wanderten die grauen Wände der Stube hinauf, tanzten zitternd über Schrank und Tisch.

Anna Hedenus hockte noch immer in der Ecke des Sofas, in die sie vor Stunden in einem plötzlichen Anfall von Schwäche gesunken war. Langsam tasteten sich ihre Blicke durch das Zimmer, faßten einen kleinen weißen Fleck auf der Tischplatte vor ihr – sie erinnerte sich, das war die Rechnung, die sie bei ihrer Rückkehr vorgefunden hatte; sie sollte Miete zahlen, Frühstück und noch ein paar ärmliche Kleinigkeiten, fünfzig Mark alles in allem. Sie hatte keine fünfzig Mark. Ich muß ja auf Nachricht warten! dachte sie voller Hohn und wurde von Schluchzen geschüttelt, ich muß ja auf Nachricht warten, ob man mich gebrauchen kann – vielleicht wird mich derselbe ›Aufnahmedirektor‹ wieder zu sich bestellen und seine Rache nehmen. Sie erhob sich und ging zum Fenster. Und wieder zurück und wieder zum Fenster wie ein gefangenes Tier.

Wie hoch sie wohnte – wie tief dieser Hofschacht war – – – ein Sprung und alles war zu Ende, man brauchte dann nicht mehr auf Nachricht zu warten! Der furchtbare Gedanke rüttelte sie auf und trieb sie hinaus auf die Straße, die ihr lärmend entgegenbrauste. Sie wanderte die endlosen Straßenzüge hinunter, weiter immer weiter hinaus bis sie in eine Gegend kam, die ihr bekannter schien.

Hinter dem Fluß, der schwarz und träge dahinfloß, lockten Bäume, ein Park, Musik flatterte herüber und das schwirrende Summen vieler Stimmen; die Gartenlokale der Vorstadt blinzelten mit grellen bunten Lichtern. Sie ging mit schweren Füßen vorüber, sie hätte sich jetzt nicht unter diese vielen fremden Gesichter setzen können, sie mußte allein sein; allein und fern von allem; sie mußte einen Ausweg finden.

Der Sand der Parkwege knirschte unter ihren Schritten, Liebespaare flüsterten auf versteckten Bänken, hin und wieder kam ihr jemand entgegen, eine Zigarette glimmte auf wie ein böses feindliches Auge. Sie wurde angestarrt und angesprochen, bis sie wieder allein war, gequält, gehetzt ohne Mitleid, ohne Erbarmen von einer fremden gefährlichen Umwelt.

Dicht am Ufer fand sie endlich eine Bank, die so abseits stand, daß sie sogar den Pärchen entgangen war, die den ganzen Park mit Flüstern und Zärtlichkeiten erfüllten. Sie ließ sich müde nieder, die Hände griffen an das harte glatte Holz: Was nun? Das Wasser des Flusses lag breit vor ihren Blicken, Boote trieben vorüber; Musikinstrumente zirpten, Stimmen sangen – – es war ja Sommer!

Sie erinnerte sich an andere Sommerabende – früher – ohne Groll, ohne Haß gegen die Zeit, in der sie lebte, sie dachte an dies schöne begehrenswerte Früher wie an ein leuchtendes, flimmerndes Bild, das langsam verblaßte. Sie kam aus der Schule, die Ferien hatten begonnen, man erwartete sie zu Hause, um die Sommerreise anzutreten: oh, sie sah in dieser warmen beredten Nacht alle die Straßen und Plätze wieder, die sie damals durcheilt hatte, sie erkannte Gesichter, die sie freundlich grüßten, sie saß wieder in dem Wagen zwischen ihren Eltern und fuhr zur Bahn. Das war gewesen und vorüber.

Wozu sich quälen? Das Holz der Bank, gegen das sich ihre Hände preßten, brachte sie wieder in die Wirklichkeit zurück, die eben so hart war, die zu hart war für sie – sollte man den Kampf aufgeben? Das Erlebnis in dem stickigen kleinen Raum im Atelier war so brutal gewesen, daß sie es nicht überwinden konnte, sie mochte noch so viel daran deuteln und ändern, es blieb und war Tatsache; sowie sie daran dachte, sah sie das gemeine gierige Gesicht dieses Kerls vor sich, der glaubte, nur eine Tür abschließen zu brauchen, um sie zu besitzen – – so weit war sie schon, so stand es um sie?

*

Der Kies knirschte kaum hörbar, so leise ging sie jetzt. Als wollte sie sich selbst darüber hinwegtäuschen, schlich sie über den Weg, überstieg das niedrige Gitter – sie schloß tapfer die Augen, es ging schon hinunter – das mußte die Böschung sein – gluckste nicht das Wasser? Noch ein paar kleine Schritte – ah, sie kam ins Rutschen, instinktiv griff sie in letzter plötzlicher Angst um sich – es war zu spät.

Ihre Hand griff ins Leere.

*

Michael stolperte über das Gitter, das er im Sprung übersehen hatte, schlug der Länge nach hin und stürzte fast selbst die Böschung hinab; aber seine Hand hatte die Lebensmüde gefaßt und gab sie nicht mehr frei, langsam zog er Anna Hedenus zu sich herauf, half ihr über das Gitter und führte sie vorsichtig zu der Bank zurück, auf der der Wunsch zu sterben so übermächtig stark in ihr geworden war.

»Das war aber unvorsichtig von Ihnen, Fräulein«, sagte er endlich und konnte die eigenen bedrückenden Sorgen über dem Leid eines anderen Menschen vergessen.

»Ich – ich danke Ihnen, mein Herr«, stammelte sie mit verzerrtem Gesicht. Sie war ganz schwach und konnte sich kaum aufrechterhalten.

»Wo soll ich Sie hinbringen?« fragte er teilnehmend.

»Nirgends – danke, es ist wirklich nicht nötig!« wehrte sie ab und hatte nur den einen Wunsch, allein zu sein.

»So kann ich Sie nicht zurücklassen«, sagte er nach kurzem Überlegen, »Sie bekommen es fertig und springen wieder hinunter – ich lasse Sie nicht allein!«

Sie blickte zu ihm auf, seine Stimme und Art zu sprechen waren so ganz anders als die Harrys und Blummans und aller dieser Menschen – einfach, gerade, unverschminkt, es tat so wohl.

Er faßte ihren Blick falsch auf und nannte seinen Namen. »Sie dürfen sich ruhig von mir in Ihre Wohnung bringen lassen – ich will Sie nur von einer neuen Dummheit abhalten!« beteuerte er und sah sie ernst an.

Plötzlich wußte sie, woher sie sein Gesicht kannte, gleich war es ihr so bekannt erschienen.

Es war der junge Mensch, der damals auf dem Ball des Jachtklubs mit Mrs. Spencer getanzt hatte – ja, es waren dieselben Augen, die so entrückt geträumt hatten, ganz deutlich erinnerte sie sich jetzt, Mason fragte sie ja an jenem Abend nach seinem Namen.

»Wohin darf ich Sie bringen?« fragte er in ihr Schweigen hinein.

Sie antwortete nicht gleich, die trüben Gedanken kamen wieder und quälten. Warum hat er mich gerettet? mußte sie voller hoffnungsloser Bitterkeit denken.

Er nickte vor sich hin, als habe er ihre Gedanken erraten: »Ja, wir haben's heute alle nicht leicht – aber jetzt wollen wir hier fort!« Er stand energisch auf und half ihr empor, noch immer zitterten Schwäche und Angst in ihr nach. Michael sah es und fühlte heißes Mitleid mit diesem jungen Mädchen in sich aufsteigen; er war selbst noch so jung, vielleicht hätte er zu anderen Zeiten gar nicht so intensiv mit anderen mitfühlen können. Seine eigene furchtbare Lage hatte ihn gereift, er war nicht einige zwanzig – er war um Jahre gealtert.

Kommen Sie doch, nehmen Sie sich doch zusammen!« bat er leise und führte sie vorsichtig Schritt um Schritt von dem gefährlichen, lockenden Ufer fort, »ich bringe Sie jetzt nach Haus – wir werden den Eltern schon irgend etwas vorschwindeln, womit Sie die feuchten Sachen erklären können – sehen Sie doch. Sie haben ja schon halb im Wasser gelegen, merken Sie es denn gar nicht?«

Wahrhaftig, ein anderer fror für sie, es war zu seltsam – ein lange entbehrtes Gefühl beschlich sie und deckte viele frische Wunden zu, die in ihrer Seele brannten – ein anderer sorgte um sie – ein Fremder, ein ganz fremder Mensch!

»Ich danke Ihnen!« sagte sie warm und sah ihm offen in die ehrlichen besorgten Jungenaugen, »Sie tun viel für mich – ich will auch keine Dummheiten mehr machen jetzt – ich werde nach Haus gehen und mich trocknen – es wird schon wieder werden.«

Er nickte aufmunternd: »Jetzt gefallen Sie mir viel besser – und was wollen wir den Eltern sagen – ich kenne nämlich den Rummel aus eigener Erfahrung sehr gut, warten Sie mal, was würde am glaubwürdigsten klingen?«

Sie mußte trotz ihres elenden Zustandes lächeln. »Sie brauchen sich nicht den Kopf zu zerbrechen – ich wohne allein.«

Sie gingen schweigend weiter, jeder hing seinen eigenen schweren Gedanken nach. Nach einiger Zeit blinkten die Lichter der Restaurationen wieder auf, in den Gärten spielte nach wie vor die Musik, sie hätte gewiß nicht einen Augenblick aufgehört, wenn auch wenige Schritte entfernt ein junges gepeinigtes Leben erloschen wäre. Der Mensch ist allein unter Menschen.

»Wir müssen an Ihre Eltern schreiben!« sagte er plötzlich. Er blieb stehen und winkte eine Taxe heran. Sie war gerührt, daß er sich Sorgen um ihre Zukunft machte – er kannte sie doch kaum.

»Jetzt stürzen Sie sich auch noch in Unkosten meinetwegen!« sagte sie abwehrend und machte einen schwachen Versuch, einen leichten Ton anzuschlagen, aber es gelang ihr nicht, die Stimme klang rauh, sie mußte jedes Wort herauswürgen.

»Denken Sie doch an sich!« schnitt er jeden Dank ab.

Der Wagen fuhr den Weg, den sie gekommen, einen endlosen Weg in immer grauere, düstere Viertel hinein, endlich waren sie angelangt. Er entlohnte den Kutscher und begleitete sie an die Haustür. Anscheinend war er unentschlossen, ob er sie alleinlassen sollte.

»Sie dürfen mich jetzt ruhig meinem Schicksal überlassen – vielen, vielen Dank für alles.« Sie reichte ihm die Hand, jäh überfiel sie Schüttelfrost, er konnte hören, wie ihre Zähne aufeinanderschlugen.

»Was werden Sie jetzt tun?« fragte er unruhig, »ich will mich Ihnen gewiß nicht aufdrängen – aber versprechen Sie mir wenigstens, daß Sie sich jetzt ins Bett legen und bis morgen ausruhen werden?!«

Sie nickte und versuchte das erbärmliche Schlottern zu unterdrücken, es gelang nicht.

»Soll ich Ihnen etwas aus der Apotheke holen?« fragte er und wäre bereit gewesen, die ganze Nacht über bei ihr zu wachen.

»Nein – nein, danke; das vergeht bald wieder!«

Er nahm ihr den Schlüssel aus der Hand und schloß das Haustor auf. »Wie unheimlich hier alles ist!« entfuhr es ihm unwillkürlich. Und auch das ist noch zu teuer für mich, erinnerte sie sich niedergeschlagen, auch hier wird man mich morgen hinauswerfen, es ist nur eine Galgenfrist, die ich heute gewonnen habe, eine Frist, die bald abgelaufen sein wird. Sie wollte ihn nicht von neuem beunruhigen und nahm alle Kraft zusammen, um unbekümmert zu erscheinen: »Also – ich danke Ihnen nochmals – Sie werden nun noch wichtigere Dinge vorhaben – gute Nacht, vielen Dank, mein Herr!«

»Ich komme mich morgen erkundigen, wie es Ihnen geht – darf ich das?«

Sie nickte aus dem Türspalt zurück.

»Und nach wem soll ich fragen?« erinnerte er sich im letzten Augenblick, ehe die schwere Tür zuschlug.

»Hedenus – ich wohne bei Peschke, drei Treppen im zweiten Seitenflügel – denken Sie jetzt nicht mehr an mich, nochmals vielen Dank für alles!«

Das Tor fiel mit schwerem hallendem Krachen hinter ihr zu.

Michael ging die Straße langsam hinunter, der aufregende Vorfall hatte ihn ganz vergessen lassen – die Geheimorganisation, die drückende Aufgabe, die er zu erfüllen hatte – sogar an Mrs. Spencer hatte er während der letzten Stunden nicht gedacht.

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.