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Pension Atlantik

Franz Roswalt: Pension Atlantik - Kapitel 2
Quellenangabe
authorFranz Roswalt
titlePension Atlantik
publisherSchlesische Verlagsanstalt G.m.b.H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171219
projectid0885c0ac
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1

Ein ungeheures Treibhaus, glutet der afrikanische Urwald, der Poto Poto, er erstickt den Körper und tötet das Hirn.

 

Das Grammophon brach mit einem schrillen Mißton ab, der Arm Hérussiers fuhr in verzweifelter Gegenwehr empor, aber er fand das Ziel nicht mehr, wie zerschmettert sank er kraftlos herab, die Faust fiel auf die Grammophonplatte, die eben noch »Ramona« sang, – die Faust zerschlug das Wort Ramona in zwei gezackte Teile, der Körper wankte torkelnd nach, die Hand, die in einer Reflexbewegung nach Halt griff, riß den klingenden Grammophonschrank mit zu Boden.

Oliver Mason, den sie in Europa und drüben in den Staaten in Verbrecherkreisen den ›King‹ nannten, wischte sich zitternd über die Augen, sie brannten in dem zu dunklem Leder gegerbten Gesicht, sie flackerten wie verlöschende Fackeln.

Jeannettes heiseres Flüstern riß ihn aus seiner Apathie, er wandte das Gesicht ihr zu und bewegte lautlos die Lippen – er beugte sich wie unter einem furchtbaren starken Zwang vor und fühlte und lauschte – vielleicht lebte Hérussier noch! Das Hirn dachte zu spät, der Urwald hatte gesiegt!

Hérussiers, der Konzessionär des Holzhofes, war tot – – –

Oliver Mason, sein Angestellter, hatte ihn erstochen.

»Ol«, flüsterte die Frau wieder, »Ol, – hast du – hast du ihn?«

Sie ließ die Gardine los, die sie zwischen den Fingern knüllte, und schlich heran.

Ihre schönen, großen Augen, die Augen der Französin, wanderten verständnislos von dem Toten zu dem Stierenden, von dem zerschlagenen Grammophon zu der Blutlache.

Immer noch drehte sich die verstummte Walze in sinnloser Last.

»Du hast meinen Mann ermordet!« ächzte sie wie erwachend und konnte sich rühren, »du – du Mörder!«

Mason sah zu ihr hinüber und schluckte, als würgte er etwas hinunter, was ihm die Kehle zu verschließen drohte. »Du wolltest doch!« stieß er hervor. Sie schlich immer näher heran, bis er ihren heißen Atem spürte, sie rang nach Worten, verzweifeltes Weinen schüttelte sie – doch es rann keine Träne.

»Ich wußte nicht, was ich tat – ich habe noch nie einen Toten gesehen – Ol – was wird nun aus uns?«

Was wird nun? klang es in ihm dumpf zurück. Er wußte es nicht. Er wußte nicht einmal, wie es kam, daß der andere erstochen auf dem Boden lag – es war geschehen, und er begriff es nicht.

Das Treibhaus des Urwaldes mußte diese Tat geboren haben. Im schwülen Dunst der Nächte war der Gedanke entstanden, genährt von unerfüllter Leidenschaft, erwogen und verworfen, gewachsen und immer stärker geworden, bis er das Hirn überschattete und niederzwang.

»Wir müssen fliehen!« sprach Mason in ein Nichts hinein.

»Fliehen?« wiederholte die Frau schwach und schauderte.

Vom Hof her klangen singende Stimmen, Neger, die zurückkehrten und im uralten Takt die Füße bewegten, ein langer Zug bog herein, Lasten auf dem Kopf, viele dunkle, gebückte Leiber. Die weißen Aufseher folgten rauchend.

Die Angst peitschte Mason auf, sein wilder Blick glitt über die Frau, die am Fenster kauerte.

»Jeannette – ich muß fort – sie finden mich sonst – wir müssen vor ihnen fliehen – höre doch!«

Er ballte die Fäuste: »Jeannette!«

Sie richtete sich hoch – jetzt mußte auch sie die anderen kommen sehen – schon stiegen sie die Stufen der Veranda empor.

»Jeannette!«

Sie aber riß das Fenster auf, sie schlug die Matte zur Seite, sie schrie: »Mörder! Mörder! Er hat meinen Mann ermordet!«

Während die Neger draußen in gaffenden Haufen drängten, kamen die Weißen mit raschen Schritten heran, Türen schlugen zu; jähes, hastendes Leben erfüllte das ganze Haus. Sie kamen! Mason lief, ein gescheuchtes Wild, durch das Zimmer, sie wollte ihn nicht herauslassen, mit den Händen einer Ertrinkenden krallte sie sich an ihm fest, umklammerte seine kämpfenden Arme, seine stoßenden Beine, er versuchte ihr den Mund zu schließen, sie biß ihn blutig und heulte mit gellender Stimme: »Mörder!« Keuchend rang er sich aus der Umklammerung. In dem Augenblick, als die anderen ins Zimmer drangen und im ersten Entsetzen reglos stehen blieben, stürzte er wie ein Amokläufer auf sie zu. Revolver fielen krachend zu Boden, Rufe erstarben, Körper taumelten durcheinander.

In wilden Sprüngen hetzte der Mann über den Hof. – Er hatte ein neues Leben beginnen wollen hier – ah, er stolperte – er wollte kein Verbrecher mehr sein, wollte arbeiten – er raffte sich wieder auf, schon pfiffen die ersten Kugeln hinter ihm her – Jeannette machte ihn wahnsinnig! Jetzt versuchten die Neger ihn aufzuhalten, aber er schlug und trat in ihre schwarzen schreienden Gesichter. Da – ein Hieb warf ihn zu Boden, noch einer, noch einer, man wollte ihn totschlagen: Schlagt den Weißen tot! Schlagt ihn tot!

Mit versagenden Gliedern rannte der Verfolgte auf das Auto zu, das auf der roten Urwaldstraße stand, und schwang sich hinein. Allmählich erstarben die Schreie, wurden fern und verstummten.

Der Wagen rannte über Wurzeln und Schlingpflanzen, immer tiefer hinein in das grüne, fahle Licht des dämmernden Waldes.

Bis nur die wehklagenden Stimmen des Poto Poto noch riefen.

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