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Pension Atlantik

Franz Roswalt: Pension Atlantik - Kapitel 19
Quellenangabe
authorFranz Roswalt
titlePension Atlantik
publisherSchlesische Verlagsanstalt G.m.b.H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171219
projectid0885c0ac
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18

Paul Klahr, der Drucker, verdeckte vorsichtig die Maschinen und schloß den Kellerraum ab. Dann begab er sich in die kleine Kammer nebenan und kleidete sich um.

Der Milchhändler Heesmann, der ihn nun schon kannte und sich von ihm hin und wieder ein paar Formulare für seinen Schwager drucken ließ, der ein größeres Geschäft hatte, begrüßte ihn, wie ein Biedermann den anderen zu begrüßen pflegt.

»Tach, Herr Klahr, wie geht's Geschäft?«

»Ach, schlecht! Wenn man nicht alles selbst machen würde – Sie wissen ja, auf Gehilfen ist kein Verlaß!«

»Richtig, lieber Klahr – Sie sind genau aus derselben alten Schule wie ich, nur eigene Arbeit bringt vorwärts!«

Klahr schob schnell die Manschette über die Hand, er bemerkte, daß der andere erstaunt die kostbare goldene Armbanduhr fixierte – das war nicht ganz ungefährlich.

Er verabschiedete sich eilig und ging die Straße hinunter. An der nächsten Ecke erst wagte er eine Taxe anzuhalten: »Kurfürstendamm 62a!«

Der Wagen rollte mit ihm davon, es war eine weite Fahrt, sie mußte fast die halbe Stadt durchqueren.

Unterdessen hing Klahr seinen Gedanken nach. Er befand sich in einem ganz merkwürdigen Zustand. Zuerst war alles so unwirklich schnell über ihn gekommen, daß er zum Besinnen gar keine Zeit gefunden hatte – die plötzliche Bekanntschaft Monnas, die ihn umwarf und gefügig machte, dann die enge, für ihn so schmeichelhafte Freundschaft mit diesem feinen Herrn, dem Harry Speidler, der ihn so sehr um die schöne Monna Treßler zu beneiden schien – – weiter erinnerte er sich an den Vormittag, an dem er das Druckereibüro betrat und kündigte – das Erstaunen und der kaum verhohlene Neid bei allen Kollegen, als er auf alle neugierigen Fragen nur die geheimnisvolle Antwort hatte: »Ich habe was Besseres jetzt!« – an alle diese Dinge dachte er jedesmal von neuem, wenn er zu seiner Geliebten fuhr.

Und doch bedeutete ihm sein jetziges Leben keine reine Freude, es gab Stunden, in denen er reichlich zahlte für flüchtige Freuden, Stunden, wenn er nachts allein in seinem bescheidenen Zimmer, das er nach wie vor bewohnte, ruhelos grübelte, wenn die Angst kam und das grauenhafte Bewußtsein, daß alle Reue und alle Erwägungen zu spät kamen, denn es war nun einmal geschehen!

Was war denn geschehen?

Ach, er wußte genau, wie sehr er sich strafbar gemacht hatte und es jeden Tag aufs neue tat, er wußte es ganz genau, wenn er sich auch noch so sehr gegen diesen Gedanken abzuschließen suchte; sie waren ja da, es steckte doch in ihm noch ein Rest von Moral und vom Gewissen des anständigen Menschen, der von Kind auf lernt und weiß, was verboten und was erlaubt ist.

Paul Klahr hatte sich nur äußerlich gewandelt, innerlich war er immer noch der bescheidene, fleißige Arbeiter, der sich in der Atmosphäre der ›Pension Atlantik‹ nicht zu Hause fühlen konnte.

Monna erwartete ihn wie immer ungeduldig und in schlechter Laune. Sie war jedesmal in dieser Stimmung, wenn sie sich von Harry trennen und mit diesem blamablen Kerl von Klahr abgeben mußte. Sogar seine Engelsgeduld, mit der er alle ihre Launen und Eigenheiten ertrug, reizte sie.

»Du kommst jeden Tag früher!« fauchte sie ihn an.

»Unser Tagesquantum ist fertig«, sagte er bittend und wagte nicht einmal, sich ohne ihre Erlaubnis zu setzen. Es kam manchmal vor, daß er sich seiner Macht bewußt wurde – was konnten sie denn ohne ihn anfangen, er war doch der geschickte Mann, der augenblicklich ihren kostspieligen Lebenswandel bestritt und kein anderer! Aber diese Momente wurden immer seltener, er war in der kurzen Zeit ganz mürbe geworden, mochten sie mit ihm machen, was sie wollten – eines Tages mußte ja doch das Ende kommen.

War es nicht hohnvoller Widerspruch? Derselbe Drucker Paul Klahr, der sich so sehr nach diesem Leben, das er jetzt nach außen hin führte, gesehnt hatte, derselbe Mensch ersehnte jetzt fast den Tag, an dem es wieder zu Ende war?!

»Wo wollen wir zu Abend essen?« fragte er demütig und wagte, ihr zuzulächeln.

Wie sie dieses lächelnde, demütige Gesicht haßte, wie sie ihn verachtete, wie sie die Stunde ersehnte, da sie ihn wieder los war!

»Überhaupt nicht! Ich will heute allein sein – verstehst du das? Ich will dich heute nicht mehr sehen!« Sie griff in unbezwingbarer Wut, in einem Anfall von Hysterie, nach einem hauchdünnen Kleid, das auf dem Sofa lag, ein Geschenk von ihm, sie zerknüllte es zwischen den Fingern, als wollte sie das Gewebe zerfetzen.

»Warum nicht?« fragte er tonlos und machte totenblaß einen Schritt auf sie zu. Es gab eine Wunde, an der man nicht rühren durfte, das war seine brennende Eifersucht, er liebte diese Frau so wie ein einfacher Mann aus den einfachen Volksschichten zu lieben gewohnt ist – schlicht, stark, treu.

Hier war er verwundbar und gefährlich.

»Warum nicht – Monna – hast du eine Verabredung – willst du mit einem anderen zusammensein – was entbehrst du denn, ich arbeite doch Tag und Nacht für dich!«

Und da sie ihm noch immer schweigend gegenüberstand und ihn nur haßvoll anblickte, ein verächtliches Lächeln um die Mundwinkel, verlor auch er plötzlich die mühsam erzwungene Beherrschung: »Ich schufte doch Tag und Nacht!« brüllte er zitternd und außer sich.

Sie wich entsetzt zurück, so hatte sie ihn noch niemals gesehen, Weinen schüttelte sie, sie kam sich erbarmungswürdig vor, mißhandelt, bedroht von einem Kerl, von dem alles zu erwarten war.

Der rasende Mann deutete ihre Furcht falsch, er glaubte sie überführt und suchte mit fliegenden Händen nach Beweisen – da, er riß ihre Handtasche an sich und verstreute den Inhalt auf den Boden – zwischen Puderbüchsen und Schminkstiften flatterte ein Kärtchen, Axel Puttenhain, las er, ah, sie belog ihn also doch! Er hatte wahrhaftig geglaubt, daß Monna Treßler ihm gehöre, ihm allein.

»Ich kann dir noch eine Menge solcher Karten geben, wenn du willst!« rief sie voller Hohn und flüchtete in die Nähe der Tür.

»Monna!« keuchte er mit erstickter Stimme, »Monna – ich – ich schufte Tag und Nacht für dich«, hatte er noch einmal sagen wollen, aber er konnte kein Wort mehr herausbringen, es wurde ihm dunkel vor den Augen, er taumelte in einem wilden Satz nach vorn. Im Augenblick, als sie die Türklinke herabdrücken wollte, packte er sie am Handgelenk und riß sie zurück. Sie hatte das Gefühl, als zerschlüge ihr jemand mit einem schweren eisernen Hammer die Knochen, die Angst gab ihr die Kraft, nach Harry zu rufen. »Harry!« schrillte ihre entsetzte Stimme, »Harry!«

Als Harry Speidler das Zimmer betrat, hatte sich der andere bereits wieder beruhigt; er stand am Fenster und starrte mit finsteren Augen auf die Straße; Monna hockte auf dem Sofa und schluchzte in ihr Taschentuch.

»Was gibt's denn?« fragte Harry unwillig.

Monna schluchzte heftiger.

Der Drucker wandte sich langsam um. Irgend etwas in seinem Blick warnte Harry, den Bogen zu überspannen, man brauchte den Burschen noch. »Hör doch auf!« befahl er herrisch der Weinenden, »mach dich lieber fertig, wir werden zu dritt speisen!«

Sie stand gehorsam wie ein gescholtenes Mädchen auf und zog sich an.

»Kommt's, Kinder«, munterte Harry auf, der schon wieder alles vergessen hatte, und schob die beiden mit sich hinaus.

Auf der Straße begegnete ihnen ein armer, arbeitsloser Teufel, der sie anbettelte. Klahr griff zerstreut in die Tasche und steckte ihm einen Zehnmarkschein zu. Einen echten!

Und der andere, der vielleicht schon lange keinen Zehnmarkschein mehr sein eigen genannt hatte, starrte lange den drei feinen Herrschaften nach, diesen eleganten, gutgekleideten Herren, die mit einer so schönen Frau dahinschlendern konnten.

Vielleicht hätte Paul Klahr, der sich in diesem Augenblick neben Monna viel ärmer und verratener vorkam als der ärmste, verkommenste Bettler, gelacht, wenn er die Gedanken des Beschenkten hätte erraten können.

So ging er finster und verbissen weiter und verfluchte sein Leben.

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