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Pension Atlantik

Franz Roswalt: Pension Atlantik - Kapitel 18
Quellenangabe
authorFranz Roswalt
titlePension Atlantik
publisherSchlesische Verlagsanstalt G.m.b.H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171219
projectid0885c0ac
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17

»Also – der Vater kommt noch immer regelmäßig zu Ihnen?« fragte Anna Hedenus leise und voller Scham. Einen halben Tag lang hatte sie den kleinen Laden umschlichen, in dem sich das Vervielfältigungsbüro befand, wo Professor Hedenus seine Manuskripte zu diktieren pflegte.

»Herr Professor kommt fast jeden Tag!« antwortete das verhutzelte Weiblein feindselig. Es klang wie ein Vorwurf. Was hat diese Frau mir vorzuwerfen? dachte Anna bitter, und die Feindseligkeit der anderen ging unwillkürlich auf sie selbst über. Hat überhaupt ein Mensch das Recht, mir einen Vorwurf zu machen? Was habe ich denn getan?

»Wie sieht er aus – erscheint er Ihnen gesund?« fragte sie mit großer Überwindung von neuem.

Trübe Augen musterten sie boshaft – so schien es ihr, überall witterte sie ja Feindschaft, Haß, Abweisung, es war wie eine schwere, zermürbende Krankheit.

»Herr Professor sieht ein wenig angegriffen aus, Fräulein Hedenus – ich glaube, er hat in letzter Zeit große Aufregungen gehabt!«

Das geht auf mich, fühlte sie kraftlos.

»Glauben Sie, daß es gut für ihn wäre – wenn ich ihn einmal besuchte?« Auch diese Frage mußte gestellt werden, damit das Maß der Demütigungen voll wurde, warum sollte nicht die ganze Welt wissen, daß man sie davongejagt hatte – eine Diebin!

Die Ladenklingel ging und unterbrach das unerquickliche Gespräch. Die Diktierstube war vom Verkaufsraum nur durch eine alte grüne Portiere getrennt – schon, als es dem Professor noch gut ging, also vor langer Zeit, sah es hier genau so aus wie jetzt. Die Zeit schien hier stillzustehen. Es gibt solche Räume, die verändern sich nicht, sie sind zeitlos; alles erkannte sie wieder, sie erinnerte sich, wie sie einmal als Schulmädel Aufzeichnungen des Vaters zur Abschrift hergebracht hatte – die Frau hier erschien ihr damals genau so verhutzelt und mürrisch wie heute, seltsam, nur die grüne Portiere mit den Troddelchen war inzwischen an den Rändern bräunlich geworden. Das einzige Zeichen, daß Jahre vergangen waren.

Die alte Frau kehrte zurück, sie schien nicht sehr erfreut, den lästigen Besuch immer noch vorzufinden. »Ich kann Ihnen nicht sagen, Fräulein Hedenus, ob der Herr Professor Ihren Besuch wünscht, er sprach nicht darüber.«

»So – er sprach nicht darüber. Hm, dann ist es ja gut – grüßen Sie mal, wenn Gelegenheit ist. Auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen, Fräulein Hedenus!«

Sie ging langsam durch die Straßen.

Einmal sah sie flüchtig empor – Das war ja Nummer 62a! Sie las mechanisch die großen, schwarzen Emaillebuchstaben, ›Pension Atlantik‹ – – hier hatte es ja begonnen. Da, in dem Zimmer, dessen großes Fenster jetzt noch von einem schweren Vorhang gegen das Tageslicht abgeschlossen war – der oder die Bewohnerin mochten noch schlafen, da hatte sie ja selbst gewohnt.

Wie unter einem Zwang blieb sie stehen.

Eine krankhafte Lust überkam sie, hinaufzugehen und nach Mason zu fragen. Als man ihr mitteilte, Herr Mason sei verreist – das Zimmer auf einen Monat für sie bezahlt –, hatte sie zuerst immer ungläubig den Kopf geschüttelt, nicht glauben wollen; verreist, ohne ein Wort zu sagen, ohne sich von ihr zu verabschieden? Das Stubenmädel hatte gegrinst.

Harry hatte die Achseln gezuckt: »Ich mein', er wird halt auch mal verreisen wollen!«

Noch heute grübelte sie darüber nach, was sie verschuldet hatte, daß man sie so behandelte – wie ein Straßenmädel, wie die erste beste, die man irgendwo aufgelesen und wieder fortwarf.

Aber sie hatte nicht lange Zeit, ihren Gedanken nachzuhängen, in der Pension, in der sie jedes Gesicht, jedes Wort aufs neue an die erlittene Demütigung gemahnte, blieb sie nur noch so lange, wie sie brauchte, um ihren kleinen Handkoffer zu packen.

Zehn Minuten, nachdem sie Masons lakonischen Bescheid erhalten hatte, schloß sie die Wohnungstür hinter sich und verließ das Haus. Weit draußen im Norden, in einer Straße, die nur aus Laternenpfählen und tristen Kohlenläden zu bestehen schien, fand sich ein Zimmer, das man für fünfundzwanzig Mark im Monat mieten konnte. Dort blieb sie zunächst, sie war zu müde, lange zu suchen, wozu auch?

Als sie gegen vier Uhr den kleinen dunklen Wohnungsflur betrat, in dem es immer so beklemmend dumpf roch, teilte ihr die Wirtin mit, daß ein Herr drin sei und auf sie warte.

Mason! durchfuhr es sie und seltsamerweise spürte sie keinen Haß mehr; sondern eine Erleichterung fast; das Selbstbewußtsein, das Tag für Tag aufs neue getreten wurde, richtete sich wieder auf – das war es. Aber drinnen saß nicht Mason, sondern nur Herr Blumman. Alfred Blumman war Filmagent, der Mann, der den jungen unbekannten Leuten mit Talent und ohne Beziehungen eine Zukunft als Filmstar sichern wollte – mit prozentualer Beteiligung natürlich. Er bemühte sich, stets genau so aufzutreten wie die großen Regisseure, die ihn warten ließen und verachteten.

»Ich wart' auf Sie, meine Gnädigste!« begrüßte er sie in dem eigentümlichen Wiener Dialekt, den jeder begabte Berliner anzunehmen sucht, wenn er mit Filmleuten längere Zeit arbeitet.

»Guten Tag, Herr Blumman – das ist nett, daß Sie mich hier aufstöbern!« Sie war tief enttäuscht, nicht Mason vorzufinden, aber eine kleine, winzige Hoffnung keimte dafür – vielleicht hatte dieser unsympathische Kerl wirklich etwas für sie gefunden.

»Sie wohnen aber sehr elegant hier!« lobte er banal.

Ihre Augen wurden um einen Grad härter.

»Ich finde es hier sehr nett, Herr Blumman!«

»Also, Fräulein Hedenus – ich war heute beim Brann, Sie wissen doch, bei meinem lieben alten Josef Brann – ein Könner, ein wirklicher Künstler – ich halte viel von dem Mann und ich weiß doch, was ich sage!«

Sie nickte irgendwie angewidert.

»Der Brann wird jetzt einen Film machen, eine ganz kolossale Sache! Also – nach dem, was er mir so unter uns alten Filmhasen erzählt hat – Zucker!«

Er sah sie gewichtig an und streckte die Beine weit von sich, anscheinend fühlte er sich in dem alten Plüschsessel sehr wohl.

Was will er von mir? dachte sie beunruhigt. Sie war fest entschlossen, bei der ersten Zumutung Herrn Blumman die Treppe hinunterzuwerfen.

Aber Herr Blumman beherrschte sich oder gab sich wenigstens außerordentliche Mühe; er nahm nur ihre Hand und tätschelte sie vertraulich: »Wir werden in diesen Tagen zum Josef ins Atelier fahren, ich glaube bestimmt, daß es etwas wird – zufrieden, Fräulein Hedenus?«

»Ich danke Ihnen vielmals, Herr Blumman!«

Er bot ihr eine Zigarette an. Als sie dankte, zündete er sich selbst eine frische an und blies ein paar kunstvolle Ringe in die Luft.

»Was haben Sie heute abend vor, wenn ich fragen darf?« meinte er leichthin.

Aha, dachte sie angewidert; da kommt er doch noch damit heraus. »Ich habe gar nichts vor.«

»Wenn ich mir erlauben dürft'?«

»Nein, Herr Blumman, sehr freundlich – ich gehe niemals aus!«

»Na – ne?!« machte er enttäuscht und erhob sich langsam.

Sie begleitete ihn so schnell zur Tür, daß er über ihre nicht vorhandenen Sympathien nicht länger im Zweifel sein konnte. Gekränkt verabschiedete er sich sehr förmlich und ärgerte sich über die verlorene Zeit. Ich muß wirklich einmal versuchen, daß ich den Brann zu sprechen bekomme, dachte er, als er die Treppe hinunterging.

Als er vom Hof aus noch einmal zurückblickte, sah er, daß hinter ihrem Fenster eine Gestalt reglos stand und das Gesicht gegen die Scheibe preßte. Vielleicht war es auch eine Täuschung, man konnte es nicht so genau erkennen, was ging es ihn schließlich an.

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