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Pension Atlantik

Franz Roswalt: Pension Atlantik - Kapitel 17
Quellenangabe
authorFranz Roswalt
titlePension Atlantik
publisherSchlesische Verlagsanstalt G.m.b.H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171219
projectid0885c0ac
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16

In grauen Dunstschleiern dämmerte der Sommerabend über Berlin. Vage Geräusche erfüllten die Straßen, Klänge flatterten aus den offenstehenden Türen der Kneipen, Kinder trieben noch lärmend letzte Spiele, in den dunklen Nischen der Hauseingänge standen Liebespaare und sahen sich an – – Johann Forster kannte das Gesicht der einfachen Vorstadtstraße in allen seinen Nuancen, seit mehr denn vierzehn Jahren wohnten sie hier in ihrer kleinen bescheidenen Wohnung.

Er sog behaglich an seiner Zigarre und blinzelte Michael an, der nicht recht wußte, was er zu dem Hundertmarkschein sagen sollte, den ihm sein Vater soeben verehrt hatte.

»Du hast wohl in der Lotterie gewonnen, Vater?«

»Ach nee, mein Junge – und gib man lieber wieder her, ich hab's mir überlegt – und außerdem ist er falsch!«

»Ein falscher Hundertmarkschein? Dann muß ich mir das Ding noch mal genauer besehen, sonst drehen mir die Kerle eines Tages noch sone Niete an, ich habe das gerade nötig!« Er wendete die Banknote nach allen Seiten hin und her, hob sie in die Höhe, prüfte das Wasserzeichen gegen das Licht. »Das ist aber wirklich unglaublich, Vater – die reinen Zauberkünstler, ich hätte den ruhig angenommen, ohne etwas zu merken. Raffiniert gemacht!«

Er gab den Schein zurück, den der Kriminalbeamte sorgfältig verwahrte. Er konnte seinem Sohn ruhig etwas zeigen – auf Michael war Verlaß, der schwieg wie ein Trappistenmönch.

»Grant hat mit uns bereits die Spuren nachgeprüft – die Sache läßt sich verdammt schwierig an, aber ich denke, wir kommen dahinter!«

»Na, irgendwo müssen doch die falschen Noten herkommen – ich kann mir das gar nicht so schwer vorstellen, den Ursprungsort zu finden.«

Der Alte lachte.

»Hast du 'ne Ahnung, mein Junge! Du weißt vielleicht, wie 'n Motor innen aussieht, aber von Kriminalistik verstehst du nichts!« Es war der einzige Vorwurf, den Johann Forster seinem Sohn zu machen hatte, daß er nicht denselben Beruf ergriffen hatte wie er – vielleicht wäre er Polizeipräsident geworden, man kann nie wissen!

Aber auch das war verwunden, wie man so vieles im Leben hinunterschlucken muß – die roten Petunien glühten, die Zigarre schmeckte, was wollte man schließlich mehr?

»Also, du hast wieder mal eine ganz falsche Vorstellung«, nahm er das Gespräch von neuem auf. »Hersteller von Falschgeld unschädlich zu machen, ist oft weit schwerer, als den geheimnisvollsten Raubmord aufzuklären – jawohl! Du darfst nicht etwa denken, daß man nur die Leute zu beobachten braucht, die die Scheine in Umlauf setzen – die haben wir natürlich schon längst auf'm Kieker, die sind zehnmal photographiert und werden auf Schritt und Tritt bewacht, soweit das möglich ist.«

»Warum verhaftet ihr die Kerle nicht?« fragte Michael interessiert, »auf diese Weise duldet ihr doch, daß immer neues Falschgeld unter das Publikum kommt!«

Johann Forster machte ein überlegenes Gesicht wie die alten Inspektoren in den englischen Kriminalromanen, die auch immer alles besser wissen.

»Bravo, Herr Meisterdetektiv! Ist doch ganz gut, daß du unter die Motorenfritzen gegangen bist!« Er mußte über soviel Unkenntnis der Materie ergrimmt den Kopf schütteln. Sein Sohn, sein eigener Sohn sollte so wenig von den Fähigkeiten des Vaters geerbt haben?

»Was haben wir denn erreicht, wenn wir die Handlanger dingfest machen? Weniger als nichts! Im Gegenteil, wir haben die Drahtzieher gewarnt und müssen uns erst die Mühe machen, die neuen Leute festzustellen, die als Ersatz für die Verhafteten arbeiten – nein, wen wir suchen, das ist der Drucker und der Auftraggeber!«

Michael sah ihn zerstreut an.

»Eigentlich gar kein so schlechtes Geschäft, das die Jungens betreiben!«

Der alte Beamte schlug die Jacke auf und deutete auf seine Marke: »Es endet im Zuchthaus und schlimmer, Michael!«

Die Unterhaltung wurde durch Frau Forster unterbrochen, die energisch zum Essen rief. Sie sah es überhaupt nicht gern, wenn ihr Mann soviel mit dem Jungen fachsimpelte, immer hatte sie im geheimen Angst davor gehabt, daß Michael auch in den Polizeidienst treten könnte. Sie hatte aufgeatmet, als er mit aller Entschiedenheit erklärt hatte, einen anderen Beruf ergreifen zu wollen. Und schließlich hatte der Alte sich fügen müssen. »Wenn einer nich will, dann will er nich!«

*

»Du hast dich ja heut wieder mächtig angestrengt, Mutter!«

»Gewiß doch, iß man – dein Sohn hat dafür gar keinen Appetit!«

»Du hast keinen Hunger, Michael – Deuwel noch eins, mach mir keine Sperenzchen! Oder vergeht euch in dieser verfl... Schlosserei auch noch das, könnt' ich schließlich begreifen!«

Er häufte sich brummelnd den Teller voll, der Junge gefiel ihm schon lange nicht mehr, was mochte da wieder los sein?

›Die Schlosserei‹ war übrigens eine respektlose Bezeichnung für Giant Motors Company!

Michael war froh, als Grote ihn abholen kam, unten erwarteten sie noch zwei junge Mädchen, die der andere mitgebracht hatte.

Es war nämlich in letzter Zeit nicht ratsam, mit Michael allein auszugehen, man mußte damit rechnen, daß während der ganzen Zeit nur zwei Worte gewechselt wurden: ›Tag‹ und ›Wiedersehen‹.

Karl Grote stellte im Vollgefühl eines geschickten Managers seinen Freund vor, die Mädchen waren blond und braun und arbeiteten in demselben Geschäft, Karl kaufte alles bei ihnen, was er zur Vervollständigung seiner ›Kluft‹ brauchte.

»Wo wollen wir hingehen, Kinders?«

Die Kinder entschieden sich nach aufgeregtem Hin und Her für den ›Neuen See‹, wo man rudern konnte. Sie fuhren mit der Straßenbahn nach dem Tiergarten hinaus, Grote und die beiden Freundinnen unterhielten sich ausgelassen, lachten über die ältesten Kalauer, und warfen sich Blicke zu, die von einem dunklen See sprachen, verschwiegenen Landungsplätzen und von diesem Sommerabend, der ihnen gehörte, der Jugend.

Michael saß zwischen ihnen, grau und verbissen und sagte kein Wort. Wie ein alter Mann kam er sich vor, zwischen ausgelassenen jungen Leuten, mit denen er nichts anzufangen wußte.

Warum diese Quälerei, warum war er nicht zu Haus geblieben?

Der See lockte in schwarzer ruhender Fläche, nur die elektrischen Lampen zeichneten stille Kreise, der Park sandte schweren Blütenduft, vom Zoo her schollen die nächtlichen Stimmen der Tiere.

Michael ruderte schweigend.

»Wollen wir nicht hier ein bißchen halten?« bat das Mädchen schüchtern, das in seinem Boot saß; sie beneidete im stillen die Freundin, die mit dem anderen zusammen war; das war ein lustiger Kerl.

Michael ließ das Boot gegen das Ufer laufen. Sie landeten gerade unter einem schwer herabhängenden Strauch; viele weiße kleine Blüten schimmerten.

Das Mädchen setzte sich neben ihn – der Junge tat ihr leid, warum saß er mit hängenden Armen auf der Ruderbank und fand kein Wort für sie?

»Kannst du mich denn gar nicht lieben?« flüsterte sie zärtlich.

Er fuhr zusammen und starrte sie an wie ein ganz fremdes Wesen. Er sah in ein harmlos hübsches Gesicht, das ihm aufmunternd zulächelte. Einen Augenblick lang spürte er den brennenden Wunsch, dieses fremde Gesicht zu küssen, immer wieder zu küssen und alles zu vergessen. Aber die Hände sanken wieder herab, der törichte Wunsch erstarb und verflog wie er gekommen – man konnte Mrs. Glaid nicht vergessen, man konnte ihr Bild nicht fortküssen.

Er atmete schwer und gepreßt.

Man konnte nicht sein Inneres töten, es war sinnlos, diesen Kampf zu beginnen.

Der Mund des Mädchens berührte den seinen, er spürte ihren heißen Atem, ihre Hände tasteten nach seinen Schultern und zogen ihn herab.

Er sah die Frau, die er so besinnungslos lieben mußte, vor sich, jeden Gesichtszug Mrs. Glaids sah er jetzt, ihr schwarzes Haar, ihre hellen grauen Augen, die kleine Nase und den schmalen, energischen Mund, der doch so verheißend lächeln konnte.

Das Boot schwankte plötzlich wild hin und her, Michael war aufgesprungen, er riß sich förmlich von dem erschrockenen Mädchen los und stürmte davon – ein Verzweifelnder – in die Dunkelheit des Parks.

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