Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Roswalt >

Pension Atlantik

Franz Roswalt: Pension Atlantik - Kapitel 15
Quellenangabe
authorFranz Roswalt
titlePension Atlantik
publisherSchlesische Verlagsanstalt G.m.b.H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171219
projectid0885c0ac
Schließen

Navigation:

14

»Fräulein Treßler?«

»Ja–a?«

»Ein Herr möchte Sie sprechen!«

»Wer denn?«

»Herr Klahr!«

»Er kann ruhig hereinkommen!«

»Fräulein Treßler läßt bitten, mein Herr!«

Paul Klahr betrat das Zimmer Monna Treßlers, äußerlich durchaus ein Gentleman, den nur eine etwas zu auffallende Krawatte, ein wenig zu weiße Gamaschen, um einen Grad zu helle gelbe Handschuhe verrieten. Diese Umwandlung hatte seine gesamten Ersparnisse verschlungen.

Monna Treßler räkelte sich unter der Daunendecke, die sie in malerischer Pose über sich gebreitet hatte; neben ihr lag noch ein winziger Hund auf dem Sofa, der sich aber später zu Herrn Klahrs Überraschung als ausgestopft erwies. Sie streckte ihm die Hand hin, die er küßte, wie es erstklassige Filmroués zu tun pflegen.

»Ich wollte mir erlauben, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen«, begann er sehr unbeholfen und äußerst zurückhaltend. Das »Du« war vergessen.

Sie lachte girrend und verwirrte ihn vollständig. »Mir gehts ganz gut, Herr Klahr, und selbst?« Sie musterte ihn anerkennend und fügte hinzu: »Noch besser, was? Ein Wunder, daß man sich noch um ein armes Mädchen wie mich kümmert!«

Er antwortete nicht gleich, seine Augen hefteten sich auf das untere Sofaende – die Daunendecke glitt, ohne daß es die Liegende zu bemerken schien, langsam herab und entblößte die Beine Monnas, die schon andere als Paul Klahr zu Torheiten verleitet hatten. Sie sah jetzt seine Blicke, die nackte Gier enthüllten, und erschrak, die Decke wurde mit einem ärgerlichen Ruck hochgezogen. »Aber, Herr Klahr – – Sie bringen mich in Verlegenheit – wie können Sie mich so behandeln!«

»Entschuldigen Sie, ich dachte gar nicht – –«

»Natürlich, ein Mann wie Sie ist natürlich gewöhnt, daß die Frauen sich ihm gleich an den Hals werfen – Sie müssen Geduld mit mir haben, Herr Klahr!«

Er wischte sich mit der Hand über die Stirn. Wie konnte er nur?!

Sie beobachtete ihn lauernd – der Junge war reif, also keine Zeit verlieren! Mit erstaunlicher Gewandtheit, die das ehemalige Girl verriet, sprang sie vom Sofa herunter, lief in die Decke gewickelt durchs Zimmer und verschwand hinter einem Paravent: »Entschuldigen Sie mich jetzt bitte, Herr Klahr, ich lasse gleich Kaffee kommen, ich mach nur ein wenig Toilette – bitte, sehen Sie so lange fort!«

Er drehte gehorsam das Gesicht nach der anderen Seite; sie wußte ganz genau, daß er sie jetzt in dem Tischspiegel sehen konnte – und ließ ihm Zeit.

*

»So, Herr Klahr, jetzt kommt gleich der Kaffee und wir machen's uns gemütlich – wie gefällt Ihnen übrigens mein Kleid, hübsch?«

»Sie sind die schönste Frau, die ich kenne«, sagte er schlicht und war für einen kurzen Augenblick der ehrliche einfache Drucker Paul Klahr, mit dem es ein verrücktes Schicksal schlecht meinte.

Sie drohte ihm lachend: »Alter Don Juan, wie vielen haben Sie das schon gesagt – die Wahrheit, gestehen Sie einer armen Frau!«

»Nicht zu vielen«, antwortete er gedehnt und verwandelte sich wieder in den Talmigent zurück.

Esel, dachte sie bei sich und hatte Lust, ihm etwas Verletzendes zu sagen; aber sie bezwang sich und reichte ihm das Zigarettenetui. Er wagte nicht einmal »Bin so frei!« zu sagen, er schämte sich jäh und wußte nicht weshalb.

Das Stubenmädchen klopfte und brachte den Kaffee. Monna bediente Klahr gewandt und ließ keine Mißstimmung mehr aufkommen. Duftiges Aroma köstlicher Zigaretten zog durchs Zimmer – das Gesicht der verführerischen Frau war nahe dem seinen, es lächelte und verhieß.

»Ich möchte immer bei Ihnen sein!« sagte er schwer atmend und versuchte, das plumpe Wort als Scherz hinzustellen, aber es war tiefer harter Ernst; jetzt wäre er fähig gewesen, alles für sie zu tun, sie brauchte nur zu verlangen. Er war wehrlos. Ihre Hand ruhte ganz leicht auf der seinen, er spürte die zarte Haut, noch nie hatte eine Berührung so wohl getan, in seinem ganzen harten schweren Leben nicht, er hätte weinen können. Er saß unbeweglich und wagte kaum zu denken, nur der Atem ging schwer und heiß. Hätte er nur einmal die dunklen Augenschlitze mit wachem Hirn gesehen – – er hätte alles erkennen müssen. Vielleicht hätte er noch den Rückweg gefunden, vielleicht war es auch dazu schon zu spät.

»Warum können Sie es nicht?« fragte sie sehr langsam und betonte jedes Wort.

Er fuhr zusammen. »Was, was kann ich nicht?«

Die Augenschlitze hielten ihr Opfer fest, erbarmungslos, unentrinnbar: »Immer bei mir sein – Paul – Polly?!«

»Weil ich nicht soviel Geld habe!« sagte er gepreßt und hätte sich selbst erwürgen können, um dieser gesprochenen Worte willen. Aber die Wirkung war eine ganz andere, als er geglaubt hatte.

Monna lachte, Monna Treßler lachte so herzlich, daß alle ihre prachtvollen weißen Raubtierzähne sich schimmernd entblößten. »Polly – du Narr – das – das ist der Grund?!«

Er sah verwirrt zu ihr auf.

Sie neigte sich von der Sessellehne, auf der sie hockte, herunter, ganz dicht zu ihm – jetzt spürte er ihren Atem, der ihn streifte, »wir können uns doch einschränken, mein Lieber!«

Er starrte in ihre rätselvollen Tieraugen, erst allmählich begriff er – diese – diese Frau da begehrte ihn, wollte sich seinetwegen einschränken – wollte mit ihm ein Leben führen – diese Frau?! Sein Blick irrte gehetzt durch das elegante Zimmer, über Sessel und Daunendecke zu den Fenstern, unter denen der Kurfürstendamm dumpf lärmte und brummte. Eine nie gekannte Entschlossenheit durchdrang ihn, er war ein Narr, wenn er's nicht schaffte, es mußte sich eine Gelegenheit finden, das nötige Geld aufzutreiben, Gelegenheiten, tausend Gelegenheiten! Undenkbar schien ihm ein Leben ohne sie – allein wieder im Trott der Alltäglichkeit, er war jetzt schon ein Verlorener, ohne sich dessen bewußt zu werden.

So mußte sich in erbarmungsloser Konsequenz sein Schicksal erfüllen, weil dieser Mann schwächer war als sein Trieb!

Noch lächelte es – noch verbarg sich die Zukunft unter einer Maske von Verführung und Lächeln, diese Maske hieß Monna Treßler und war ein Begriff, eine Welt.

»Du wirst dich nicht einschränken müssen – ich werde arbeiten, ich werde verdienen – – ich schaffe es!« Er war im Augenblick von seinen eigenen Worten überzeugt, ein Narr, der sich selbst belog.

Die Frau ließ sich nicht belügen. Langsam, eine große geschmeidige Katze, glitt sie in seinen Sessel und kauerte neben ihm, »ich wüßte sogar eine Gelegenheit für uns!« lockte sie vorsichtig.

»Was?!« fragte er rauh und fühlte unerklärliche Furcht vor der Antwort.

Sie antwortete nicht gleich, ihr roter lockender Mund bot sich ihm.

Er küßte ihn besinnungslos. »Was?!«

»Ich habe einen entfernten Verwandten – er würde mit dir gern ein Geschäft machen – du kannst doch Druckmaschinen bedienen – er macht dann alles andere.«

»Was soll ich denn drucken?«

Sie strich ihm spielerisch über die Schläfen. »Hin und wieder müßtest du auch ein Wasserzeichen nachmachen, Polly – mein Bekannter sagt, du wärest so geschickt.«

Er sah sie beunruhigt an: »Was soll ich denn?«

Sie lachte gleichmütig. »Ich glaube, Polly liebt mich nicht!«

»Was soll ich machen?!« fragte er wieder, die Stimme bekam einen gewissen drohenden Klang, der sie warnte.

»So darfst du nicht mit mir sprechen!« rief sie und sprang auf. Man mußte jetzt auf der Hut sein und ihn nicht aufkommen lassen, sonst war alles umsonst gewesen.

Sie blickte scheinbar verstohlen auf die Uhr – er mußte es bemerken, denn er ließ kein Auge von ihr, er belauerte ja jede ihrer Bewegungen. »Oh – – ich muß fort!«

»Wohin?!« fragte er heiser und wurde sich seiner Ohnmacht voller verzweifelter Eifersucht bewußt.

Sie lachte und drohte mit dem Finger: »Nicht alles wissen wollen, – aber ich muß wirklich fort, so leid es mir tut!«

»Bleib!« bettelte er und wußte nicht mehr, was er sprach.

Sie tänzelte heran und ließ sich bei ihm nieder. »Wirst du uns helfen – damit ich bei dir bleiben kann?!«

Er fühlte ihren Körper dicht an dem seinen. »Was soll ich denn tun, was wollt ihr denn drucken?« stammelte er und war unterlegen.

»Geld!« flüsterte sie und erstickte sein Wort in Küssen.

*

Im Nebenzimmer verließ Harry befriedigt seinen Horchposten an der Tür und machte sich zum Ausgehen fertig. Bevor er die Pension verließ, suchte er noch einmal Mason auf, der gedankenvoll in einem Sessel saß und den Rauchwölkchen der Zigarette nachsah.

»Wo ist Anny?« fragte er vertraulich. Für ihn war die ganze Welt eine Familie.

»Fort! Ich glaube, sie stellt sich wieder irgendwo vor.«

»Ich hätt' mit dem Mädel nicht die Geduld wie du!« meinte Harry kopfschüttelnd. »Was ich sagen wollt' – die Monna ist richtig, eben hat sie ihn gekascht – er macht mit!«

»So«, sagte der ›King‹ gedehnt, »er macht mit – – so!«

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.