Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Roswalt >

Pension Atlantik

Franz Roswalt: Pension Atlantik - Kapitel 14
Quellenangabe
authorFranz Roswalt
titlePension Atlantik
publisherSchlesische Verlagsanstalt G.m.b.H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171219
projectid0885c0ac
Schließen

Navigation:

13

Den heiß durchkämpften Tag beschloß ein festlicher Abend, den die Klubleitung zu Ehren der ausländischen Gäste, die an dem Rennen teilgenommen hatten, gab.

Major Sensbride wurde durch Mrs. Glaids bestrickende Art so entwaffnet, daß er an diesem Abend eine zweite, wenn auch bedeutend sympathischere Niederlage einstecken mußte. Dieser eingeschworene Junggeselle und Frauenverächter erkannte diese Frau nicht nur voll an, er bewunderte sie sogar im stillen und gelobte sich selbst Besserung. Unter den Teilnehmern des zwanglosen Beisammenseins befanden sich auch Mason und Anna Hedenus; Oliver Masons markante Erscheinung lenkte die Aufmerksamkeit in größerem Maße auf ihn als ihm eigentlich lieb war, er wußte sehr wohl, daß man in diesem Klub sehr darauf bedacht war, ›unter sich zu bleiben‹; ohne Anny – aus der Tochter des Professors Hedenus war Anny geworden – wäre kaum die Einladung zustande gekommen. Sie hatte sich mit Mrs. Spencer in Verbindung gesetzt, denn Mason legte augenscheinlich großen Wert darauf, Gast des Jachtklubs zu sein.

Warum muß ich auch das über mich ergehen lassen: sann Anna Hedenus, die mit erfrorenem Lächeln an der Tafel saß, weshalb ein Schlag nach dem anderen? War denn der Weg ins Leben so entsetzlich schwer zu finden, mußte man denn auf Schritt und Tritt gedemütigt werden? Sie mußte Masons Gesellschaft jetzt wohl ertragen – sie hatte seine Gefühle im Rausch des Abenteuers, von dem sie überrumpelt wurde, überschätzt. Oh, das Erwachen kam zeitig genug, sie gab sich längst keinen Illusionen mehr hin. Aber Oliver Mason war eine Art Wohltäter, was wäre ohne ihn geworden? Sie dachte an das weltferne Haus der Tante und schüttelte sich. Sie würde keinen Versuch unterlassen, in den nächsten Tagen sollte sie sich bei einer Filmgesellschaft melden, vielleicht gelang dort, was bei Proscher mißlungen war, warum sollte sie nicht gefallen, andere Mädels gefielen auch, sie hatte Vorzüge – hätte sonst ein Mason sich um sie bemüht?

Sie beobachtete ihn, er beteiligte sich an einem Gespräch, das Mrs. Spencer mit Sensbride über motortechnische Dinge führte. Mason warf geschickt das Stichwort vom Trainingsgelände auf dem oberen Hudson in die Unterhaltung, leidenschaftliches Für und Gegen der hundertprozentigen Sportsleute hub an.

Anna Hedenus machte einen vagen Versuch, auch etwas zu sagen, sie wollte sich mit aller Gewalt zusammenreißen, aber es gelang nicht, sie stand innerlich dieser Welt zu fern, war zu tief verstrickt in viele kleine quälende Dinge eines grauen, drohenden Alltags. Das Zusammenleben mit Mason, das ein zwangsläufiges war, zermürbte sie mit täglichen Demütigungen, man konnte nicht von einem Tag auf den anderen frühere Zeiten vergessen und fortwerfen. Hatte sie sich denn fortgeworfen?

Was war denn geschehen?

Das ihr selbst Unerklärlichste war, daß sie dem unbestimmbaren Zwang, den die Persönlichkeit dieses Mannes auf Frauen ausübte, ebenso unterlegen war wie alle anderen, sie liebte ihn und haßte ihn zugleich – noch waren Liebe und Hörigkeitsgefühl die stärkeren! Mit letzter Kraft wehrte sie sich gegen ihn, verstand es mit tausend kleinen Listen und Schlichen, ihn hinzuhalten; aber sie wußte, daß an dem Tage, an dem sie ihn verlieren würde, alles gleichgültig war – – dann müßte sie sich eben fortwerfen, um ihn zu halten, wenn es kein anderes Mittel gab. Denn sie brauchte Mason, sie brauchte einen Menschen neben sich, irgendeinen, an den sie sich klammern konnte in ihrer grenzenlosen Verlassenheit – – sollte sie später verachtet und von allen verstoßen werden? Sie pfiff darauf – wer half ihr denn? Niemand! Man mußte sich an diesen Mann klammern, er war der einzige Mensch inmitten einer Wüste.

»Amerika ist immer überlegen«, sagte Mason heiter.

»Ich konnte ›Miß England‹ nicht auslaufen lassen, der Motor wird bereits gründlich geprüft«, widersprach der Major verbissen.

»Aber, meine Herren, keine Aufregung – wir geben Revanche!« lächelte Mrs. Glaid bezwingend.

»Ich hoffe!« schloß Sensbride lakonisch.

Die Flucht der Klubräume, die sich an den Speisesaal schlossen, öffnete sich, Musik lockte in flatternden Tönen, man verließ die Tafel, die älteren Jahrgänge zu den ersehnten Karten, die jüngeren stürzten sich nach den Kämpfen, die mit Motoren ausgetragen wurden, in die des Flirts, wo ein eleganter Tangoschritt wichtiger war, als der bestgeschliffene Zylinderkopf.

Mason hatte die schöne Mrs. Spencer um die Ehre des ersten Tanzes gebeten, aber sie hatte mit einem ganz eigentümlichen Lächeln gesagt, sie hätte diesen Tanz bereits vergeben müssen – oh, an einen sehr tapferen jungen Mann, dem man heute nichts abschlagen konnte. Mason war gespannt, wer dieser Junge, der ihm da unerwünscht in die Quere gekommen war, sein würde, er verbarg seine Erwartung in einem gleichgültigen Gespräch mit Anna, die einsilbig antwortete.

Die Maske, die sie tragen mußte, gewann täglich und stündlich an erdrückendem Gewicht.

»Wer ist dieser Boy?« fragte Mason leise und führte sie dicht an dem Paar vorüber, so daß sie den Tänzer Mrs. Glaids sehen konnte.

Anna Hedenus blickte in ein fremdes junges Gesicht, dessen Augen weltvergessen träumten. »Ich kenne ihn nicht.«

»Aber du kennst doch alle Menschen hier, Anny!«

Wie hassenswert dieses ›Anny‹ war – und wie man es entbehrte, wenn es ausblieb. »Ich kenne ihn wirklich nicht, Ol.« Sie lächelte ihm resigniert zu: »Ich glaube, Du überschätzt mich, Ol!«

»Es hätte mich interessiert, seinen Namen zu wissen.«

»Ich werde sehen«, versprach sie müde wie ein braves Kind.

Die Musik verklang in einem lang hallenden Schlußakkord.

»Darf ich Ihnen noch einen Augenblick Ihrer Zeit stehlen, gnädige Frau?« fragte der Boy Mrs. Spencer mit tonloser Stimme.

Sie sah ihn erstaunt an; eigentlich hatte sie diesen jungen Mann – wie hieß er nur? – erst heute bemerkt, als er so tapfer für Pallstreen einsprang und das gefährdete Rennen zu Ende führte.

Was tat man nicht alles dem ›Tornado‹-Motor zuliebe!

»Aber gewiß, mein lieber ...!«

»Forster, gnädige Frau«, half er betreten ein. Es war so bitter, Mrs. Glaid an den eigenen Namen erinnern zu müssen, der ihr sehr gleichgültig sein mußte.

»Begleiten Sie mich ein paar Minuten auf die Terrasse«, sagte sie großmütig. Ihre scheinbare Großzügigkeit verdeckte nur eine ganz leise, nie gekannte Befangenheit, sie wußte absolut nicht, was ihr dieser Junge zu sagen hatte, aber sie fühlte instinktmäßig, daß es nicht am Tisch vor den anderen gesagt werden konnte.

Die Terrasse blinkte mit matten gelblichen Lichtern in die Nacht hinaus, die, eine ungeheure Glocke, den See überwölbte, dessen leichte Wellen unten herantrieben.

Seltsam ist die Nacht der märkischen Seen, voll einer schweren, unergründlichen Stille, die allem ihr einzigartiges Gepräge gibt.

»Was wollten Sie mir sagen?« ermunterte Mrs. Glaid leichthin.

Der junge Forster suchte nach Worten, nach einem einzigen, schäbigen Wort nur – doch er fand es nicht, konnte man es überhaupt wagen, auszusprechen, was er empfand, war es nicht Wahnsinn, einer solchen Frau so gegenüberzutreten? Natürlich war es heller, abgründiger Wahnsinn!

»Sie sind sehr brav gefahren«, sprach Mrs. Glaids Stimme, »ich werde Sie im Auge behalten.«

»Das ist sehr gütig, gnädige Frau«, würgte er hoffnungslos heraus.

Sie horchte gespannt auf, betroffen von der Kargheit seiner Worte. »Sind Sie denn gar nicht stolz auf Ihren Sieg, Herr Forster? Warum sind Sie überhaupt so gedrückt, ich an Ihrer Stelle –!«

Seine Hand kam in flehender Gebärde über den Tisch und unterbrach sie – die Hand verdeckte halb, wie zum Schutz, sein Gesicht, er murmelte Unverständliches.

»Aber, lieber Forster!« lachte sie gepreßt, »was ist Ihnen denn, was ist denn geschehen, sprechen Sie doch!« Sie sah sich flüchtig um, alles war in den Klubräumen, außerdem war sie zu sehr gewohnt, über all diesen Dingen zu stehen, zu wenig gewohnt, mit anderen Menschen rechnen zu müssen. »Sprechen Sie doch ruhig!«

Der junge Mann, der in einem wilden Rennen, in dem es über den Weltrekord ging, die Nerven behalten hatte, der einen dröhnenden Motor zu führen wußte, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, starrte Mrs. Glaid hilflos und verloren an – das Gesicht weiß wie Kalk, oder war es der Lichtschein der Lampe?

Er brachte kein Wort heraus, für ihn sprach die ruhende Wasserfläche des nächtlichen Sees, die verirrten schwirrenden Vogelstimmen, die durch die Nacht heranklangen, sprachen die Wolken, die hoch oben dahingeisterten. Und Mrs. Spencer, Glaid Spencer, Präsidentin der Giant Motoren-Company, lauschte zum erstenmal in ihrem Leben dem Geständnis einer Liebe, das ohne Worte sprach, ohne Gebärde bat, das abgründig tief war in seiner Stummheit. Sie versuchte zu lächeln und brachte nur eine vage Handbewegung zustande. – »Sie sind noch sehr jung«, sagte sie endlich und erhob sich voll beklommenen Erstaunens über sich selbst, daß sie nichts anderes zu sagen vermochte.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.