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Peer Gynt

Henrik Ibsen: Peer Gynt - Kapitel 9
Quellenangabe
typedrama
booktitleVolksausgabe in fünf Bänden, Band 2
authorHenrik Ibsen
translatorChristian Morgenstern
year1907
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titlePeer Gynt
pages421-590
senderahipler@mainz-online.de
created20000203
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(Nacht. Marokkanisches Lager am Rand der Wüste.)

(Wachtfeuer und rastende Krieger.)

Ein Sklave(kommt und rauft sich das Haar.)
Des Kaisers weißes Roß ist verschwunden!

Ein Anderer SKLAVE(kommt und zerreißt sich die Kleider.)
Des Kaisers heilige Tracht ward gestohlen!

Aufseher(kommt.)
Hundert jedem auf die Sohlen,
Der bis morgen nichts gefunden! –

(Die Krieger steigen zu Pferde und galoppieren nach allen Richtungen fort.)

(Tagesgrauen. Die Baumgruppe von vorhin.)

Peer Gynt(auf dem Baume, einen abgebrochenen Zweig in Händen, hält sich einen schwarzen Affen vom Leibe.)
Vertrackt! So unbequem schlief ich noch nie.
(Haut um sich.)
Bist Du wieder da? Mein Maß voll zu machen!
Jetzt werfen sie Früchte. Nein, andere Sachen.
Ein ekliges Tier, solch ein Affenvieh.
Es steht zwar geschrieben: Du sollst wachen und fechten!
Doch ich kann nicht, weiß Gott, ich bin lahm und matt.
(Wird wieder gestört; ungeduldig.)
Was tun? Ich hab' das Unwesen satt.
Ich fang' mir einen von diesen Hechten,
Häng' ihn und schind' ihn und kriech' in sein Fell,
Sein zottiges, und der vermummte Gesell,
Was gilt's, fährt balde für einen echten. –
Was sind wir Menschen? Nicht mehr als ein Hauch.
Und man muß sich wohl finden in Schick und in Brauch.
Wieder ein Schwarm! Die Schufte sind zäh!
Packt Euch! Psch! Die tun wie Verrückte!
Wer mir nur jetzt einen Schwanz anstückte, –
Daß man mehr wie ein Tier aussäh' –!
Was nun! Da sind sie mir gar überm Kopfe –!
(Blickt aufwärts.)
Der Alte, – mit Fäusten voll von Schmutz –!
(Kriecht ängstlich in sich zusammen und hält sich ein Weilchen still. Der Affe macht eine Bewegung; Peer Gynt beginnt ihm zu schmeicheln und schönzutun wie einem Hunde.)
Je, je, – bistDu da, Du alter Butz!
Er ist anständig, gelt, zu mir armem Tropfe!
Er will gar nicht werfen; – das wär' nicht charmant; –
Ich bin's doch! Pip, pip! Wir stellen uns nicht nach, – nicht?
Eia, Eia! Da sag' noch, ich kennte Deine Sprach' nicht!
Butzchen und ich, wir sind lange bekannt;
Butz bekommt morgen Zucker –! Du Vieh!
Die ganze Ladung! Michso vollzudrecken!
Oder war's Futter? Man konnt's nicht recht schmecken;
Doch da bestimmt meist Gewohnheit das Wie.
Sprach doch einmal welches Denkers Vernunft:
Man spuckt – und gewöhnt sich zuletzt in die Zunft? –
Da kommt auch der Nachwuchs noch!
(Ficht und haut.)
                                                          Närrisch bestallt,
Daß der Mensch, Herr der Erden und Himmelserbe,
Sich genötigt soll sehn zu –! Gewalt! Gewalt!
Die Rangen verstehn ihr verruchtes Gewerbe!

(Früher Morgen. Steinige Gegend mit Aussicht auf die Wüste.)

(Auf der einen Seite eine Felsenschlucht und eine Höhle.)

(Ein Dieb und ein Hehler in der Felsenschlucht mit dem Pferd und den Kleidern des Kaisers. Das Pferd, reich aufgezäumt, steht an einen Stein gebunden. Reiter in der Ferne.)

Der Dieb.
Wie sie schillern und schlecken,
Die Zungen der Lanzen, –
Schau', schau'!

Der Hehler.
Ich fühl' meinen Kopf schon
Im Sande tanzen;
Au, au!

Der Dieb(kreuzt die Arme über der Brust.)
Mein Vater war Dieb;
Sein Sohn muß stehlen.

Der Hehler.
Mein Vater war Hehler;
Sein Sohn muß hehlen.

Der Dieb.
Dein Los trag' ergeben;
Dich selbst sollst Du leben.

Der Hehler(horcht.)
Schritte im Gebüsch!
Wenn uns einer erspäht!

Der Dieb.
Tief ist die Höhle
Und groß der Prophet!

(Sie flüchten und lassen die Kostbarkeiten im Stich. Die Reiter verlieren sich in der Ferne.)

Peer Gynt(kommt, eine Rohrflöte schneidend.)
Wie holdselig ist diese Morgenstund'! –
Der Mistkäfer rollt seine Kugel im Dreck;
Aus seinem Schneckenhaus kriecht der Schneck.
Ja, ja, – der Morgen hat Gold im Mund!
Es ist doch im Grund eine seltsame Macht,
Womit so Natur das Frühlicht bedacht.
Man fühlt sich so sicher, fühlt alle Furcht schwinden,
Man würde, tät's not, mit 'nem Ochsen anbinden. –
Wie still's hier rings ist! Ja, die ländlichen Freuden, –
Unbegreiflich genug, daß ich einst sie verwarf;
Daß man einkerkert sich in finstern Gebäuden,
Bloß daß jeder Lump dir ins Haus rennen darf. –
Nein, sieh, wie der Eidechs sich Schnaken fängt,
Schnappt, huscht, schnappt und an nichts dabei denkt.
Welch eine Unschuld solch Tier offenbart!
Jedwedes folgt seinem Schöpfer fein züchtiglich,
Bewahrt sich sein Sondergepräg' unverflüchtiglich,
Ist es selbst in jeglicher Lebensart,
Es selbst, es selbst, wie es ward, da es ward.
(Setzt die Lorgnette auf die Nase.)
Ein Krötlein. In einem Sandstein. Guck'!
Versteinerung rings. Nur der Kopf ist heraus.
Da sitzt es und sieht, wie aus einem Haus,
Auf die Welt und ist sich selber – genug. –
(Denkt nach.)
Genug? Sich selber –? In welcher Küchen
Warddas Wort gekocht? Wo las ich das schon?
In der Hauspostillen? Oder Salomons Sprüchen?
Vertrackt! Gestehe dir, alter Sohn,
Dein Gedächtnis spricht allem Anstand Hohn.
(Setzt sich in den Schatten.)
Hier ist ein Fleckchen für Bärenhäuter.
Ah, da gibt's Farren! Eßbare Kräuter!
(Schmeckt ein wenig davon.)
Das ist eher Brot für die Kreatur; –
Doch freilich, es heißt: Zwing deine Natur!
Des weiteren steht da: Hochmut vergehet.
Und wer sich erniedrigt, der wird erhöhet.
(Unruhig.)
Erhöhet? Gewiß, so wird mir geschehn; –
Es ist ganz unmöglich, sich's anders zu denken.
Das Schicksal wird meine Schritte lenken.
Dies ist eine Prüfung; ich werd' sie bestehn, –
Und für eine Zukunft, da Freude sein wird, –
Dafern der Herr mir Gesundheit verleihn wird.
(Schüttelt die Gedanken ab, zündet sich eine Zigarre an, streckt sich aus und starrt in die Wüste hinaus.)
Welch unermeßliche, endlose Leere! –
Dort in der Ferne schreitet ein Strauß. –
Was im Gefüge des Weltenbaus
Gott wohl plante mit diesem Meere
Sandes, mit diesem alles versagenden,
Diesem verbrannten, niemandem tragenden; –
Diesem Bruch der Erde, der brach liegt!
Diesem Leichnam, der tempelschänderisch
In der Schöpfung reichem Gemach liegt!
Wozu ward er? Die Natur ist verschwenderisch.
Ist dies die See, dort im Osten, der Flor
Von Silber? Unmöglich! Nur Sinnenbetrug!
Die See liegt im Westen; zurück und empor
Gedämmt durch ragender Dünen Zug –
(Ein Gedanke durchblitzt ihn.)
Gedämmt? So könnt' ich –! Die Höhen sind schmal.
Gedämmt! Ein Durchbruch nur, ein Kanal, –
Und, ein Lebensstrom, würden die Wasser brüllen
Herein durch den Schlund und die Wüste füllen!
Bald würd' der ganze glühende Plan
Blaun, ein gekräuselter Ozean.
Die Oasen würden als Inseln ihn kleiden,
Bergküste würde des Atlas Grat;
Die Segler würden wie Sturmvögel schneiden
Der Karawanen ertrunkenen Pfad.
Lebenshauch würde zerstreuen das Qualmen
Der Dünste, und Tau würde triefen die Wolk';
Stadt um Stadt würde bauen das Volk,
Und Gras würde grünen um schwankende Palmen.
Südwärts der Sahara würd' alle Flur
Küstengebiet mit verjüngter Kultur.
Dampf würde treiben Timbuktus Fabriken;
Bornu bekäm' europäischen Stil;
Nach Habes hinauf würd' den Forscher man schicken
Im sichern Waggon bis zum oberen Nil.
Mitten im Meer, auf 'nem fetten Eiland,
Geb' ich der Norwegerrasse dann Freiland;
Das Gudbrandstal hat ja schier königlich Blut;
Kreuzung mit Arabern 's Übrige tut.
Auf einer Bucht ansteigendem Strand
Geb' dannPeeropolis allem die Weihe! –
Die Welt ist abgelebt. Jetzt kommt die Reihe
An Gyntiana, mein junges Land.
(Springt auf.)
Nur Kapitalien, so sprießt es empor. –
Einen Schlüssel von Gold zu des Meeres Tor!
Kreuzzug dem Tod! Heraus aus der Katzen,
Geizhals, die zwecklos gehüteten Batzen!
Für Freiheit pocht es in allen Brüsten; –
Gleich dem Esel der Arche will rufen ich laut
Übern Erdball und bringen die Meerwasserbraut
Meinen harrenden, schmachtenden Zukunftsküsten.
Fort, fort! Kapital zusammengekehrt!
Mein Reich, – mein halbes Reich für ein Pferd!
(Das Pferd wiehert in der Felsenschlucht.)
Ein Pferd! Und Kleider! – Und Waffen – und Schätze
(Tritt näher.)
Unmöglich! Nein, wirklich –! Mir ward wohl gelehrt
Irgendwo, daß der Wille Berge versetze; –
Doch daß er sogar versetzt ein Pferd –!
Gewäsch! Genug: Dort Roß, hie Reiter; –
Ab esse ad posse und so weiter und so weiter –.
(Zieht die Kleider über die seinigen an und blickt an sich herab.)
Sir Peter, – und Türke vom Scheitel bis zur Sohl'!
Wer prophezeite wohl gestern solch Heute!
Spute Dich, Grane mein, preisliche Beute!
(Steigt in den Sattel.)
Güldne Pantoffel als Bügel! Ei wohl!
Am Reitzeug erkennt man die fürnehmen Leute!
(Er galoppiert in die Wüste hinein.)

(Zelt eines Araberhäuptlings, einsam auf einer Oase.)

(Peer Gynt in seiner orientalischen Tracht, auf Polstern ruhend. Er trinkt Kaffee und raucht aus einer langen Pfeife. Anitra und eine Schar Mädchen tanzen und singen ihm vor.)

Chor der Mädchen.
Der Prophet ist erschienen!
Der Prophet, mit Allweisheit begabet,
Der Herr, der Prophet ist erschienen,
Zu uns übers Sandmeer getrabet!
Der Prophet, der das Rechte stets triffet,
Uns ist er, uns ist er erschienen,
Zu uns durchs Sandmeer geschiffet!

Jauchzt zu Flöten und Tamburinen:
Der Prophet, der Prophet ist erschienen!

Anitra.
Sein Zelter der Milch gleicht, der weißen,
Die fleußt in des Paradieses Bronnen.
Beugt Euch! Kniet! Er ist gnädig gesonnen!
Seine Augen sind Sterne voll mildem Gleißen.
Doch welch Erdenkind trägt
Den Glanz des Glanzes, der ihnen entschlägt?

Durch die Wüste kam er.
Gold und Perlen entsprangen auf seiner Brust.
Wo er hinkam, ward Glanz und Lust.
Wo er schied, hat der Samum gewütet,
Wo er schied, Nacht und Dürre gebrütet.
Durch die Wüste kam er,
Kam geschmückt er einher,
Wie ein irdisch Geborener!
Die Kaaba, die Kaaba steht leer; –
Selbst hat's beschworen er!

Chor der Mädchen.
Jauchzt zu Flöten und Tamburinen:
Der Prophet, der Prophet ist erschienen!
(Die Mädchen tanzen zu gedämpfter Musik.)

Peer Gynt.
Ich las mal gedruckt, – und darin liegt Verstand, –
Es gilt kein Prophet im eigenen Land.
Dies Leben hier will mir weit besser behagen
Als das eines Reeders in Charlestowns Tagen.
Es war etwas Hohles in all dem Betrieb,
Etwas Unklares, Fremdes, das blieb und blieb.
Ich fühlte mich nie recht daheim unter Dach,
So niemals ganz richtig als Mann von Fach.
Was wollt' ich auch dort nur, so frag' ich mich?
Ein Geschäftsgaul, ewig im Kreis herum traben?
Denk' ich dran, wird mir ganz wunderlich.
Estraf sich so;da liegt der Hund begraben! –

Du selbst sein wollen von Goldes Gnaden,
Das ist, wie sein Haus auf Sandgrund errichten.
Vor Uhr und vor Ring und den andern Geschichten
Wälzt sich im Kot dir der ganze Schwaden.
Sie ziehen den Hut vor 'ner Brustnadel- Kron';
Aber Ring oder Nadel, ist das die Person?
Prophet; – die Stellung ist sonder Tadel.
Da weiß man doch gleich, was man gilt in der Welt.
Da ist man doch selber der Huldigung Held,
Besieht man's, und nicht seine Börs' oder Nadel.
Man ist, was man ist, und das glatt und blank,
Man schuldet nicht Zufall noch Ungefähr Dank,
Man braucht kein Patent nicht noch Privileg.
Prophet; ja, das ist für mich ein Gepräg'.
Und wie unerwartet mir diese Gift kam!
Bloß sintemal ich durch die Wüste geschifft kam
Und diese Naturkinder traf auf dem Weg.
Der Prophet war erschienen; die Sache war klar.
Es war also nicht mein Plan, zu betrügen –;
Zudem ist prophetisch antworten nicht lügen;
Und zurücktreten kann ich ja immerdar.
Ich bin nicht gebunden; das steht außer Frage –
Das Ganze ist, so zu sagen, privat;
Ich kann gehn, wie ich kam; mein Roß steht parat;
Mit einem Wort, ich bin Herr der Lage.

Anitra(nähert sich vom Eingang her.)
Prophet und Herr!

Peer Gynt.               Meiner Sklavin Begehr?

Anitra.
Harrend vorm Zelt stehn die Wüstensöhne.
Sie bitten, Dein Angesicht schauen zu –

Peer Gynt.                                             Stopp!
Sag' ihnen, daß mir zunächst ihr Galopp
Statt ihres Gebets in die Ohren dröhne!
Ich will keine Mannsleute hier um mich her!
Die Männer, mein Kind, sind voll Falschheit, – so recht,
Was man sagt, ein unbeständig Geschlecht!
Anitra, Du kannst Dir nicht denken, mein Kind,
Wie hündisch – ich meine: wie sündig sie sind! –
Na, lassen wir das. Getanzt und gesungen!
Der Prophet will vergessen Erinnerungen.

Die Mädchen(tanzend.)
Der Prophet ist gut; der Prophet ist betrübt;
Denn die Söhne des Staubs haben Böses verübt.
Der Prophet ist mild; seiner Mildheit sei Preis!
Er führet die Sünder zum Paradeis.

Peer Gynt,(während er mit seinen Augen Anitra beim Tanze folgt.)
Wie Trommelschlegel fliegen die Beine.
Ei! Sie ist wahrhaft lecker, die Kleine.
Sie hat etwas extravagante Formen, –
Nicht stimmend ganz mit der Schönheit Normen;
Doch was ist Schönheit? Ein Herkommen nur, –
Eine Münze, gangbar nach Ort und Uhr.
Und just das Extravagante schmeckt süppig,
Auslöffeltest du die normale Welt.
Wo die Regel herrscht, wirst um den Rausch du geprellt.
Entweder höchst mager oder höchst üppig,
Entweder blutjung oder schreckhaft alt; –
Was dazwischen, läßt kalt.
Ihre Füße – sind zwar nicht blendend an Reine,
Auch die Arme sind's nicht, zumal nicht der eine.
Doch ist dies schließlich' kein arges Laster.
Ich nennt' es eher ein Schönheitspflaster – –
Anitra, hör' zu!

Anitra(nähert sich.)
                      Deine Sklavin lauscht!

Peer Gynt.
Du bist reizend, Kind! Der Prophet ist berauscht!
Und willst Du nicht glauben, vernimm als Beweis:
Er macht Dich zur Huri im Paradeis.

Anitra.
Unmöglich, Herr!

Peer Gynt.             Du glaubst, es sei Scherz?
Ich schwör' Dir's, so wahr ich hier sitze, mein Herz!

Anitra.
Doch ich hab' keine Seele.

Peer Gynt.                           Die kannst Du erhalten.

Anitra.
Doch wie, o Herr?

Peer Gynt.               Des laßmich nur walten.
Ich werd' Dein Erzieher und geb' Dir Stunden.
Keine Seele! Ja, dumm bist Du freilich, Schatz,
Wie man sagt. Das hab' ich mit Schmerz empfunden.
Doch für eine Seel', da ist immer noch Platz.
Komm her; laß mich Deinen Hirnkasten messen. –
Ich hab's doch gewußt: Hier ist Raum; hier ist Raum.
Zwar wirst Du nicht Weisheit mit Löffeln essen;
Denn 'ne sonderlich große Seele wird's kaum – –
Ach, was! Ich will Dir wohl, wie Du sehn kannst; –
Du sollst so viel kriegen, daß Du bestehn kannst – –

Anitra.
Der Prophet ist gut, doch – –

Peer Gynt.                             Du willst nicht einmal?

Anitra.
Ich wünschte lieber –

Peer Gynt.                   Sprich ohne Hehl!

Anitra.
Ich mache mir nicht so viel aus 'ner Seel'; –
Gib mir lieber –

Peer Gynt.         Was?

Anitra(zeigt auf seinen Turban.)
                              Diesen schönen Opal!

Peer Gynt(hingerissen, indem er ihr das Schmuckstück reicht.)
Anitra! Evaskind, unverzagtes!
Magnetisch lockst Du; denn ich bin Mann,
Und – ein geachteter Schriftsteller sagt es: –
"Das ewig Weibliche zieht uns an!"

(Mondscheinnacht. Palmenhain vor Anitras Zelt.)

(Peer Gynt, mit einer arabischen Laute in der Hand, sitzt unter einem Baume. Sein Haar und Bart sind gestutzt; er sieht bedeutend jünger aus.)

Peer Gynt(spricht und singt.)
Ich sperrte zu mein Paradies
Und nahm den Schlüssel mit.
Der Nord mein Schiff vom Strande blies,
Indes die Schönen, die ich ließ,
Nachweinten meinem Schritt.
Gen Süden schnitt des Kieles Pflug
Der Salzflut schwankend Land.
Wo schlanker Palmen stolzer Zug
Geleitet blauer Buchten Bug,
Da steckt' ich es in Brand.
Ein Wüstenschiff erklettert' ich,
Ein Schiff auf Beinen vier.
Aufschäumt' es unterm Sporenstich; –
Ich bin ein Vogel; fange mich, –
Vom Zweig ich tirilier'!
Anitra, Palmenmost! Wer mäß'
Von Dir genug sich zu!
Selbst der Angoraziege Käs
Ist kaum ein halb so süß Geäs,
Anitra, ach, denn Du!
(Hängt die Laute über die Schulter und kommt näher.)
Lauscht sie mit gespannter Miene?
Hat mein Liedchen sie gehört?
Späht sie, hinter der Gardine,
Undrapiert und hold betört?
Horch! Das klang, als ob gewaltsam
Von 'ner Flasch' der Stöpsel sprang.
Da! Da wieder! Welch ein Klang!
Liebesseufzer? – Nein, Gesang; – –
Nein, – ein Schnarchen, unaufhaltsam. –
Süßer Laut! Anitra, schlummere!
Nachtigall, hör' auf zu flehn!
Jedes Leid soll dir geschehn,
Störst du frech ihr sanft Geschummere!
Zwar es heißt: wie's geht, mag's gehn!
Bülbül ist wie ich ein Sänger;
Ach, ich will es nur gestehn:
Beide sind wir Rattenfänger
Kleiner, liebeskranker Feen.
Laue Nacht und Liederschall
Sind uns gleiche Herzensweide;
Wenn wir singen, sind wir beide
Wir, Peer Gynt und Nachtigall.
Und just, daß sie schläft, die Kleine,
Krönt mein Glück; just dies, daß meine
Lippen schier den Becher kippen,
Ohne dran auch nur zu nippen – –;
Doch da ist sie ja, – halloh!
Nun, 's ist gleich, so oder so.

Anitra(vom Zelt her.)
Riefst Du, Herr, nach Deiner Magd?

Peer Gynt.
Der Prophet, ja, hat gerufen.
Tollgewordne Katzen schufen
Störung ihm mit ihrer Jagd.

Anitra.
Ach, kein Jagdgelärm war, Herr, es;
Etwas weit Verfänglicheres.

Peer Gynt.
Was denn?

Anitra.           Laß mich schweigen!

Peer Gynt.                                     Sprich!

Anitra.
Ich erröte –

Peer Gynt(nähert sich ihr.)
                  War's am Ende,
Was so ganz erfüllte mich
Bei des Steins verliebter Spende?

Anitra(erschrocken.)
Dich vergleichen, Erdenzier,
Einem eklen Katzentier!

Peer Gynt.
Kind, im Punkt der Liebe steht
Oft ein Kater und Prophet
Auf dem nämlichen Tapet.

Anitra.
Herr, des Scherzes Rede geht wie
Honig Dir vom Mund.

Peer Gynt.                   Mein Kind;
Du, wie Dein Geschlecht, Ihr seht nie
Große Männer, wie sie sind!
Ich bin scherzhaft, laß Dir sagen,
Und zu zweien umsomehr.
Meine Stellung läßt mich tragen
Einer Maske ernste Wehr.
Pflichten machen ungemächlich;
All dies Sorgen und Gescher'
Mit den Leuten hin und her
Macht mir oft den Kopf recht schwer;
Doch dies ist nur oberflächlich. –
Dummes Zeug! Im Tête-à-tête
Bin ich Peer, – ja der, nur der.
Hui, da läuft er, der Prophete;
Und hier hast Du Deinen Peer!
(Setzt sich unter einen Baum und zieht sie an sich.)
Komm, Anitra, komm und träume
Mit mir in der Palme Fächeln!
Ich will flüstern, Du sollst lächeln;
Wollen dann die Rollen wechseln;
Und, indes ich lächelnd säume,
Sollst Du Liebesworte drechseln!

Anitra(legt sich ihm zu Füßen.)
Süß sind Deine Worte, mag mir
Auch ihr Sinn nur selten nahen.
Herr, kann Deine Tochter, sag' mir,
Also lauschend Seele fahen?

Peer Gynt.
Seele, Geistes Licht und Wissen
Sollst Du seiner Zeit nicht missen.
Wenn im Ost auf Rosenstreifen
Golddruck meldet: Nacht verschwunden!
Geb' ich Dir, mein Püppchen, Stunden;
Und Du sollst mir köstlich reifen.
Aber in der Mondnacht Stille
Wär' es eines Toren Grille,
Mit verstaubter Weisheit Beten
Als Magister aufzutreten. –
Ist doch auch der Seele Lehen
Nicht als Hauptsach' zu begreifen.
Wird doch meist aufs Herz gesehen.

Anitra.
Herr! In Deiner Rede Strahlen
Schillert Glanz, wie von Opalen.

Peer Gynt.
Geist, zu scharf, ist Geisteslosheit;
Feigheit, aufgeknospet, Bosheit;
Wahrheit in der Übergift,
Rückgewandte Weisheitsschrift.
Ja, mein Kind, Gott soll mich strafen,
Lebt nicht manch ein Feuergeist,
Dem sich der Erkenntnis Hafen
Erst nach schweren Stürmen weist.
Kannte einen dieser Kerle, –
In dem ganzen Brack die Perle; –
Und selbst dieser Mann ging irre,
Ward verführt vom Weltgewirre; – –
Siehst Du rings die Wüste gähnen?
Wenn ich bloß den Turban schwenke,
Strömt das Meer aus hundert Hähnen
Seine Flut in ihr Gesenke.
Doch ich hätte Gimpelgrütze,
Schüf' ich diese Wüstenpfütze.
Weißt Du, was bedeutet: leben?

Anitra.
Lehr' mich's!

Peer Gynt.       Dies: Den Zeitstrom schweben
Unbenetzten Schuh's zu Tal
Als sein eigenst Ideal.
Nur in Vollkraft kann ich der sein,
Der ich bin, kann Peer als Peer sein!
Alter Weih verliert die Federn,
Alter Bock wird welk und ledern,
Alte Trulle keift aus Lücken,
Alter Trottel hinkt an Krücken, –
Jedem wird die Seele greis.
Jugend! Jugend! Herrschen, thronend
Wie ein Sultan, heil und heiß, –
Nicht durch Gyntianas Banken,
Unter Palmenlaub und Ranken, –
Sondern weil in den Gedanken
Einer reinen Jungfrau wohnend! –

Wirst Du nun noch zweifelnd fragen,
Kind, warum ich Dich erküret,
Gnädiglichst Dein Herz gerühret,
Dort gegründet, sozusagen,
Meines Wesens Kalifat?
Deine Sehnsucht will ich haben.
Allgewalt in meinem Staat!
Du sollst sein allein die Meine.
Peer mit seinem Geist und Gaben
Sei Dir mehr denn Gold und Steine.
Scheiden wir, so ist das Leben
Ausgelebt, – das heißt, das Deine!
All Dein Du, inbrünstiglich,
Willenlos mir hingegeben,
Sei erfüllt von meinem Ich.
Deiner Locken nächtlich Blinken,
Was Dir Grazien nur gewährten,
Soll, wie babylon'sche Gärten,
Mir zu Sultansfesten winken.

Darum ist auch die Entnachtung
Deiner Stirn so nötig nicht.
Hat man Seele, ist Betrachtung
Seiner selbst die erste Pflicht.
Höre, da ich just dran denke;
Du sollst haben, macht's Dich froh,
Einen Ring ums Fußgelenke; –
Jeder fährt am besten so;
Ich mich Dir als Seele schenke,
Und sonst alles: status quo.
(Anitra schnarcht.)
Wie? Sie schläft! Peer Gynt, versenke
Deine Hoffnung –! Dies beweist –
Halt! – just deinen mächt'gen Geist:
Deiner Liebesrede Schäumen
Trägt sie fort zu süßen Träumen. –
(Erhebt sich und legt ihr Schmuckgegenstände in den Schoß.)
Hier sind Spangen! Hier noch mehr!
Schlaf, Anitra! Träum' von Peer – –!
Schlaf! Im Schlaf hast Du die Krone
Deinem Kaiser dargebracht!
Durch Persönlichkeit zum Throne
Kam Peer Gynt in dieser Nacht.

(Karawanenweg. Die Oase, zurückliegend, in weiter Ferne.)

(Peer Gynt, auf seinem weißen Pferd, jagt durch die Wüste. Er hat Anitra vor sich auf dem Sattelknopf.)

Anitra.
Laß sein; ich beiße!

Peer Gynt.                 Du kleiner Schalk!

Anitra.
Was willst Du?

Peer Gynt.           Was? Spielen Täubchen und Falk!
Dich entführen! Tolle Geschichten machen!

Anitra.
Schäm' Dich! Ein alter Prophet –!

Peer Gynt.                                     Firlefanz!
Der Prophet ist nicht alt, Du kleine Gans!
Macht man im Alter noch solche Sachen?

Anitra.
Laß los! Ich will heim!

Peer Gynt.                     Jetzt bist Du kokett.
Also heim! Zum Schwiegervater! Wie nett!
Wir tollen Vögel, die Reißaus genommen,
Wir dürfen ihm nie mehr vor Augen kommen.
Zum andern bleibe man nicht, mein Schatz,
Für längere Zeit an demselben Platz;
Man verliert in der Achtung, je mehr man bekannt wird; –
Zumal, wenn man kommt als Prophet oder so.
Man gehe vorüber, rasch wie ein Bonmot.
Es war schon so weit, wo die Sache gespannt wird.
Deine Wüstensöhne wurden verdrießlich; –
So Gebete wie Weihrauch versagten schließlich.

Anitra.
Doch Dubist doch Prophet?

Peer Gynt.                             Ich bin Dein Kaiser!
(Will sie küssen.)
Guck', was für ein kleiner Bärenbeißer!

Anitra.
Gib mir den Ring da von Deinem Finger!

Peer Gynt.
Nimm, süße Anitra, die ganzen Dinger.

Anitra.
Wie klingt Deine Rede so wonniglich.

Peer Gynt.
O selig, wer so hoch geliebt wird wie ich!
Hinab! Und das Pferd geführt, als Dein Sklav'!
(Reicht ihr die Reitpeitsche und steigt ab.)
So, meine Rose, meine liebliche Blume,
Hier will ich Sand treten zu Deinem Ruhme,
Bis mich ein Sonnenstich gnädiglich traf.
Ich bin jung, Anitra; das hab' vorm Auge,
Du mußt's nicht so streng nehmen, wenn ich nichts tauge.
Sieh, neigt nicht just Jugend zu allerlei Tänzchen?
Hätt' also Dein Geist mehr Schliff und mehr Schwung,
So würdest Du schließen, mein reizendes Pflänzchen, –
Dein Liebster macht Unsinn, – ergo ist er jung!

Anitra.
Ja, Du bist jung. Hast Du nicht noch mehr Ringe?

Peer Gynt.
Da; nimm! Ich bin ein Bock, und ich springe!
Wär' hier wo Weinlaub, ich setzte mir 'nen Kranz auf!
Ja, weiß Gott, bin ich jung! Und jetzt sing' ich mir zum Tanz auf!
(Tanzt und singt.)
    Ich bin ein Hahn, ein glückseliger!
    Pick' mich, Du kleine Henne!
    Ei! Hopp! Da schau, wie ich renne; –
    Ich bin ein Hahn, ein glückseliger!

Anitra.
Du schwitzest, Prophet; Du zergehst mir ja fast!
Reich' mir vom Gurt dort die baumelnde Last!

Peer Gynt.
Zärtliche Sorg'! Nimm den Beutel für immer!
Liebenden Herzen ist Gold nur ein Schimmer.
(Tanzt und singt wieder.)
    Jung Peer Gynt ist ein Tollhans!
    Er weiß nicht, auf welchem Fuß er stehn soll.
    Pah, sagt Peer, – geh's, wie's gehn soll!
    Jung Peer Gynt ist ein Tollhans!

Anitra.
Wunderfein tanzt der Prophete gestreng!

Peer Gynt.
Prophet? Dummes Zeug! – Komm, tauschen wir Kleider!
Zieh aus!

Anitra.       Dein Gurt und Dein Kaftan ist leider
Zu weit und zu lang und Dein Strumpfwerk zu eng –

Peer Gynt.
Eh bien!
(Kniet nieder.)
            Doch schaff' mir ein heftiges Leid;
Liebenden Herzen ist Leiden köstlich!
Kommen wir dann in mein Schloß, seiner Zeit, –

Anitra.
In Dein Paradies; – liegt's nochsehr weit östlich?

Peer Gynt.
O, wohl tausend Meilen –

Anitra.                               Zu weit!

Peer Gynt.                                     Gemach!
Du bekommst auch die Seele, von der ich Dir sprach –

Anitra.
Ich danke; das kommt nicht so sehr in Frage.
Doch Du batst um ein Leid –

Peer Gynt(steht auf.)             Ja, zum Teufel! Ein Weh,
Gewaltsam, doch kurz, – so auf zwei, drei Tage!

Anitra.
Anitra gehorcht dem Propheten! – Ade!
(Sie zieht ihm einen tüchtigen Hieb über die Finger und jagt in fliegendem Galopp zurück durch die Wüste.)

Peer Gynt(steht eine lange Weile wie vom Blitz gerührt.)
Na, da soll aber doch – – –!

(Dieselbe Stelle. Eine Stunde später.)

(Peer Gynt zieht, bedächtig und nachdenklich, die Türkenkleider aus, Stück für Stück. Zuletzt nimmt er seine kleine Reisemütze aus der Rocktasche, setzt sie auf und steht wieder in seiner europäischen Tracht da.)

Peer Gynt,(indem er den Turban weit von sich fortschleudert.)
Dort liegt der Türke, und hier steh' ich.
Dieses heidnische Wesen hat einen Stich.
Ein Glück, daß ich's nur in den Kleidern getragen,
Daß sich's nicht, wie man sagt, aufs Herz mir geschlagen.
Was wollt' ich nur eigentlich, frag' ich mich?
Man tut doch am besten, als Christ zu wandeln,
Zu verschmähn des Pfauenhabits Geprahl,
Zu stützen sein Tun auf Gesetz und Moral,
Man selber zu sein und dafür sich einmal
Einen Nachruf und einen Kranz einzuhandeln.
(Macht einige Schritte.)
Das Dirnchen! – Es hing nur an einem Haar,
Daß ich nicht mehr zur Vernunft erwachte.
Ich will ein Troll sein, sofern mir klar,
Was es war, das mich also von Sinnen brachte.
Na, gut, daß es aus ist! Ein Schritt noch vom Pfade, –
Und ich war lächerlich ohne Gnade.
Ich hab' mich versehn, – doch, ich darf mir's gestehn,
Nur infolge der Schiefe der Stellung versehn,
Nicht selbst als Persönlichkeit jedenfalls.
Ja, mußte nicht just dies prophetische Wallen,
So ganz ungewürzt von der Wirksamkeit Salz,
Zuletzt in Geschmacklosigkeit verfallen?
Eine böse Bestallung, Prophet zu sein!
In seinem Beruf soll man gehn wie in Wolken; –
Prophetisch betrachtet, büßt man flugs ein,
Sobald man aufhört, Unsinn zu kolken.
Insofern bin ich mehr als entschuldigt,
Daß ich der dummen Gans da gehuldigt.
Doch, nichtsdestominder –
(Bricht in Lachen aus.)
                                      Man stelle sich vor!
Die Zeit will er stoppen durch Trippeln und Tänzeln!
Schwimmen wider 'n Strom mit Schweifeln und Schwänzeln!
Lustgirrend hupft er, die Laute zupft er,
Und endet zuletzt als Hahn, – als gerupfter.
Fürwahr, ein Prophet, der die Zügel verlor! –
Gerupft, ja! – Brr! Bin ich abgebrannt!
Na; etwas ist noch in der Hinterhand,
In der Charlestowner Bank und in meinen Taschen;
Es ging also doch nicht alles durch die Maschen –
Überlegt man's, ist solch ein Zustand viel wert.
Man ist nicht gebunden an Kutscher noch Pferd,
Hat nicht mit Koffer und Karren Plage,
Kurz, wie man sagt, man ist Herr der Lage. –
Wohin nun des Wegs? Was sei nun erkoren?
Am Wählen kennt man den Weisen vom Toren.
Mein Geschäftsleben ist ein beschlossen Kapitel;
Mein Liebesspiel ist ein beseitigter Kittel.
Zu Krebsgang hab' ich nicht Lust noch Grund.
Hin und zurück, 's ist der gleiche Weg,
Hinaus und hinein, 's ist der gleiche Steg, –
Sagt ja wohl irgend ein geistreicher Mund. –
Wenn mir nur jetzt etwas Neues durch den Sinn führe,
Etwas Großes, bei dem man zugleich mit Gewinn führe!
Ob ich mein Leben schreib', ungeschminkt, wahrhaft, –
Ein Vademecum, so schmackhaft wie nahrhaft? –
Oder –! Wer gleich beim Gelehrten endete – –
Und, ein reisender Forscher, mit seinem Span
Dem Einst in den dunklen Rachen blendete?
Bei Gott, ein höchst erwägbarer Plan!
Vor Chroniken bin ich nie abgebogen,
Und war auch der Wissenschaft immer gewogen. –
Wohlan denn, durchmessen der Menschheit Bahn!
Ich schwimm' auf dem Strom der Geschichte wie ein Flaum,
Ich durchlebe sie nochmals, als wie in einem Traum, –
Seh' der Helden Kämpfe für Gut und Groß,
Doch aus sicherm Versteck, als Zuschauer bloß; –
Seh' der Denker Fall, der Märtyrer Glorie,
Seh' Reiche sich bilden und Reiche vergehn, –
Seh' Weltepochen aus Kleinem entstehn;
Kurzum, schöpf' ab den Rahm der Historie. –
Ich muß mir einen Band Becker erhandeln
Und dann chronologisch die Welt durchwandeln.
Wohl wahr, – Geschichte ist nicht meine Stärke –
Und sinnverwirrend ihr innres Gewerke! –
Doch, pah! Je toller der Ausgangssatz ist,
Um so seltener oft der gefundene Schatz ist. – –
Erhabner Gedanke, solch Ziel sich zu stecken,
Und vor nichts, was es fordert, zurückzuschrecken!
(Still bewegt.)
Aus allen Banden fahren und schlüpfen,
Die dich mit Heimat und Freunden verknüpfen, –
In die Luft sprengen all deines Reichtums Pracht, –
Sagen dem Glück deiner Liebe gutnacht, –
Nur, um zu finden der Wahrheit Mysterium, –
(Zerdrückt eine Träne im Auge.)
Das ist des echten Forschers Kriterium.
O Unglück, du hast deinen Stachel verloren!
Ging mir doch auf nun, wozu ich geboren!
Und nun bloß aushalten, kommt's noch so schwül!
Hoch nun darf ich mein Haupt wieder tragen, –
In meines Manneswerts Wohlgefühl;
Ein Kaiser des Lebens, sozusagen! –
Der Vergangenheit Summe will ich besitzen;
Nie mehr die Wege der Heutigen schwitzen; –
Die Gegenwart ist keine Schuhsohle wert;
Die Männer sind nur dem Gewinn zugekehrt,
Ihre Geister sind lahm, ihre Taten unecht; – –
(Zuckt die Achseln.)
Und die Weiber, – ein unbeständig Geschlecht! –
(Ab.)

(Sommertag. Hoch im Norden. Eine Hütte im Hochwald.)

(Offene Tür mit einem großen hölzernen Schloß. Rentiergeweih über der Tür. Eine Schar Ziegen an der Hauswand.)

(Ein Weib von mittleren Jahren, licht und schön, sitzt und spinnt draußen im Sonnenschein.)

Das Weib (wirft einen Blick den Weg hinab und singt:)
Vielleicht geht der Winter, und der Frühling folgt nach,
Und der Sommer dazu, und das ganze Jahr; –
Aber einst wirst Du kommen, das, weiß ich, ist wahr;
Und ich werde warten, wie ich Dir's versprach.
(Lockt die Ziegen, spinnt und singt wieder:)
Gott stärke Dich, wo in der Welt Du auch gehst!
Gott segne Dich, wenn Du vor seinem Fuß-Schemel stehst!
Hier wart' ich, mein Freund, bis Du kommst, nach Deinem Wort;
Und wartest Du dort oben, so treffen wir uns dort!

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