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Peer Gynt

Henrik Ibsen: Peer Gynt - Kapitel 8
Quellenangabe
typedrama
booktitleVolksausgabe in fünf Bänden, Band 2
authorHenrik Ibsen
translatorChristian Morgenstern
year1907
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titlePeer Gynt
pages421-590
senderahipler@mainz-online.de
created20000203
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VIERTER AKT

(An der Südwestküste von Marokko. Palmenwald. Gedeckter Mittagstisch, Sonnensegel, Teppichläufer aus Binsen. Weiter drinnen im Hain Hängematten. Draußen auf dem Meer liegt eine Dampfjacht mit norwegischer und amerikanischer Flagge. Am Strand eine Jolle. Es ist gegen Sonnenuntergang.)

(Peer Gynt, ein hübscher Herr von mittleren Jahren, in elegantem Reiseanzug, eine goldene Lorgnette auf der Brust, führt den Vorsitz als Wirt am Ende des Tisches. Master Cotton, Monsieur Ballon nebst den Herren von Eberkopf und Trumpeterstråle sind im Begriff die Mahlzeit zu beenden.)

Peer Gynt.
Getrunken, meine Herrn! Geboren
Zu leben, woll'n wir denn auch leben!
Es heißt: Verloren ist verloren,
Hin hin. Was darf ich Ihnen geben?

Trumpeterstråle.
Du bist ein Prachtwirt, Bruder Peer.

Peer Gynt.
Es teil'n sich mit mir in die Ehr'
Mein Geld, Koch, Stewart –

Master Cotton.                 Very nice!
Ein Glas zu dieser viere Preis!

Monsieur Ballon.
Monsieur, Sie ziert ein goût, ein ton,
Der nicht beim Zehnten heut zu finden,
Der (so wie Sie) lebt als garçon, –
Ein – ein – ich weiß nicht was –

v. Eberkopf.                             Ein Hauch,
Ein Schimmer geistiger Entnachtetheit
Und Weltenbürgertumgepachtetheit,
Ein scharfer Blick durch Dunst und Rauch,
Den keine Vorurteile binden,
Ein Abglanz höherer Verklärtheit,
Urstoffnatur samt Weltbelehrtheit,
Im Brennpunkt eins der Trilogie.
Nicht wahr, Monsieur; dies meinten Sie?

Monsieur Ballon.
Sehr möglich; klingen die Gedanken
Auch nicht so artig bei uns Franken.

v. Eberkopf.
Ei was! Die Sprach' ist auch zu steif –
Doch woll'n wir zu dem Phänomen
Den Grund ersehn –

Peer Gynt.                 Ersehn wirden:
Ich trage nicht der Ehe Reif.
Ja, meine Herrn; ganz klipp und klar,
Das ist's. Was sei des Mannes Streben?
Er selbst zu sein – nicht wahr?
Sich und demSeinen soll er leben.
Doch kann er dies als Trampeltier
Für andrer Glück? Bezweifl' ich schier!

v. Eberkopf.
Doch dieses An und für sich-Dasein
Blieb, wett' ich, kaum unangefochten –

Peer Gynt.
Wohl wahr; zu seiner Zeit; doch mochten
Mir immer gute Geister nah sein.
Zwar kam es doch ein böses Mal,
Daß ich mich unverhofft verbrühte.
Ich war ein rascher, schmucker Schelm;
Und sie, die Dame meiner Wahl,
Sie war von fürstlichem Geblüte.

Monsieur Ballon.
Von fürstlichem?

Peer Gynt(wegwerfend.)
                          Nun ja, Sie wissen,
Von diesen –

Trumpeterstråle(schlägt auf den Tisch.)
                    – adeligen Trollen!

Peer Gynt(zuckt die Achseln.)
Verstaubte Hoheiten, beflissen,
Plebejerflecken fern zu halten
Von ihres Stammes Wappenhelm.

Master Cotton.
Worauf Sie denn zusammenprallten?

Monsieur Ballon.
Die Eltern wollten die Partie nicht?

Peer Gynt.
Im Gegenteil!

Monsieur Ballon.
                    Ah!

Peer Gynt(schonend.)
                          Sie verstehn!
Es lagen Dinge vor, – nun, – die nicht
Erlaubten mehr, zurückzugehn.
Doch all dies ging – warum's verschweigen! –
Von A bis Z mir widern Strich.
Ich bin in manchen Dingen eigen
Und lass' mich selbst nicht gern im Stich.
Und als der Schwiegervater nun
Gar mit der Fordrung kam geschwommen,
Namen und Stellung abzutun
Und um den Adel einzukommen,
Samt anderm, was schier unannehmbar –
Nicht peinlich bloß und unbequem war, –
So wehrt' ich sanft mich meiner Haut,
Empfahl mich auf sein Ultimatum –
Und Gotte meine junge Braut.
(Trommelt auf dem Tisch mit scheinbarer Andächtigkeit.)
Ja, ja; es herrscht denn doch ein Fatum,
Darauf wir Menschen bauen können; –
Ein Trost, der uns fürwahr zu gönnen!

Monsieur Ballon.
So war die Luft denn wieder rein?

Peer Gynt.
Bis auf ein Nachspiel, unergötzlich; –
Denn Unbefugte mischten plötzlich
Mit lautem Zeter sich hinein.
Zumeist des Hauses jüngre Glieder,
Mit deren sieben ich mich schoß.
Die Zeit vergess' ich wohl nie wieder,
Wiewohl ich sie mit Glück beschloß.
Da ließ ich Blut; doch dieses Blut
Hat meiner Seele Preis verteuert,
Und zeigt erbaulich, kurz und gut,
Wie weis' ein Fatum alles steuert.

v. Eberkopf.
Ihr Weltblick auf der Dinge Gang
Erhebt Sie zu der Denker Rang.
Indes wir immer neuer Szenen
Planlose Flucht zu schauen wähnen
Und nie zum Schluß zu kommen meinen,
Verstehn Sie alles zu vereinen.
Sie messen stets mit gleichem Stabe.
Sie spitzen zu, was Sie auch sprechen,
So daß die Wort' wie Speichen brechen
Aus einer Weltanschauungsnabe. –
Und Sie, Sie hätten nie studiert?

Peer Gynt.
Ich bin, das ist die Wahrheit, nackt,
Ein einfacher Autodidakt.
Methodisch hab' ich nichts gelernt;
Doch viel gedacht und spekuliert
Und mich von manchem Wahn entfernt.
Ich fing als ältrer Mann erst an;
Da heißt es, sich besonders rackern,
Um Seit' auf Seite durchzuackern
Und mitzunehmen, was man kann.
Die Weltgeschichte nahm ich schluckweis;
Mehr wollt' die Zeit mir nicht erlauben.
Und da man doch in schweren Putschen
An etwas Festes möchte glauben,
Anschloß die Religion ich ruckweis.
So kam das Ganze mehr ins Rutschen.
Man schlinge Wissen nicht wie Grütze,
Man nehme nur, was einem nütze –

Master Cotton.
Sieh, das ist praktisch!

Peer Gynt(zündet sich eine Zigarre an.)
                                Meine Besten;
Bedenkt doch nur, wie mir's gegangen.
Wie kam ich damals nach dem Westen!
Mit leerer Hand und roten Wangen.
Ich mußte kämpfen hart ums Brot;
Traun, Freunde, manchmal fiel mir's schwer.
Allein das Leben lockt doch sehr,
Und bitter, sagt man, ist der Tod.
Nun gut! Das Glück, seht, ward nicht flüchtig,
Noch Muhme Fatum gallensüchtig.
Es ging. Und da ich selber tüchtig,
Lief bald die Sache wie auf Federn.
Zehn Jahre drauf ward ich genannt
Ein Krösus unter Charlestowns Reedern.
Mein Name flog von Strand zu Strand;
Das Glück fuhr mit ihm ohne Wandel –

Master Cotton.
Was trieben Sie?

Peer Gynt.             Meist Negerhandel
Nach unserm Staate Karolina –
Und Götterbilderfracht nach China.

Monsieur Ballon.
Fi donc!

Trumpeterstråle.
            Der Tausend, Onkel Gynt!

Peer Gynt.
Sie finden das Geschäft wohl an
Der Grenze zwischen Gut und Bös?
Mir schien es selbst zuweilen Sünd',
Ja, dann und wann, sogar odiös.
Der Fehler war, daß ich's begann;
Denn später weiß man nicht mehr, wie
Es ändern. Es bedankt sich nie,
Bricht man in solch 'nem Unterfangen,
Drin Tausender Int'ressen hangen,
Die Dinge rundweg übers Knie.
Dies "übers Knie" mißfiel mir immer;
Zudem entbrach ich nie und nimmer
Der Achtung mich vor –, meine Herrn,
Was man so nennet Konsequenzen;
Und alles Setzen über Grenzen
Lag immerdar mir ziemlich fern.
Zum andern naht' ich nun dem Alter,
Wo man des Lebens Gleicher schneidet
Und fast schon graue Haare trägt;
Und ging's auch gut mir, augenscheinlich,
So fiel mir's doch zu denken peinlich:
Wer weiß, wie bald das Stündlein schlägt,
Da des Gerichts gestrenger Walter
Die Schafe von den Böcken scheidet.

Was tun? Den ganzen Handel scheitern
Zu lassen, wies ich von der Hand.
Und so erfand ich einen weitern
Geschäftsbetrieb ins gleiche Land.
So oft ich Götter exportierte,
Zugleich ich Priester exklarierte,
Und zwar mit allem ausgestattet,
Als Strümpfen, Bibeln, Rum und Reis –

Master Cotton.
Und mit Profit?

Peer Gynt.           Natürlicherweis.
So ging's. Sie schafften unermattet.
Für jeden Gott, dahin verkauft,
Ein Kuli gründlich ward getauft,
So daß das Gift neutralisiert war.
Der Kirche Feld lag niemals brach;
Denn jeden Gott, der kolportiert war,
Ihn hielt ein Missionar im Schach.

Master Cotton.
Nun, und die afrikanischen Waren?

Peer Gynt.
Auch dort schloß alles in Moral.
Ich sahe, das Geschäft empfahl
Sich nicht für Leut' in höhern Jahren
Man konnt' ja bald zur Grube fahren.
Wozu noch kam das Wehgeschrei
Von unsern Philanthropenbänken,
Um nicht der Kaper zu gedenken
Samt Wettersnot und Havarei.
Dies alles wußt' sich durchzusetzen.
Ich dachte: Peter, drehe bei!
Sieh zu, die Scharten auszuwetzen!
So kauft' ich mir denn Land im Süden,
Behielt den letzten Fleischimport,
Der auch von prima Sorte just war,
Und macht' sie fett, daß es, mein Wort!
Für mich wie für die Kerls 'ne Lust war.
Ja, traun, ich pflegt' sie ohn' Ermüden,
Mit wahrhaft väterlichem Zug, –
Was seine guten Zinsen trug.
Ich baute Schulen für die Leutchen,
Damit die Tugend bliebe munter
Und auf 'ner Höh', geheischt mit Fug,
Und hielt darauf, daß um kein Deutchen
Ihr Thermometer sank darunter.
Zum Schluß hab' ich von dem verdammten
Geschäft mich gründlich dann verschnauft –
Und die Plantag' nebst dem gesamten
Inhalt mit Haut und Haar verkauft.
Zum Abschied für das ganze Schock,
So Groß wie Klein, gab's gratis Grog;
So Mann wie Frau bekam zu viel –
Und jede Witwe Schnupfbrasil.
Und darum hoffe ich, sofern
Das Wort nicht bloß Geklapper hohl:
Der, der nicht übel tut, tut wohl, –
So ist mein Fehl getilgt beim Herrn,
Und meiner Tugend sorglich Walten
Kann meiner Schuld die Stange halten.

v. Eberkopf.
Wie hocherbaulich, hier zu sehen
Ein Theorem zur Tat gemacht,
Erlöst aus seiner grauen Nacht
Trotz allem widrigen Geschehen!

Peer Gynt,(der während des Vorhergehenden den Flaschen fleißig zugesprochen hat.)
Wir Volk vom Norden, wir verstehen
Uns durchzuschlagen! In den Wirren
Des Lebens kommt's auf dies nur an:
Halt dir die Ohren zu! So kann
Kein Schlänglein arg dein Wandeln irren.

Master Cotton.
Kein Schlänglein arg, verehrter Mann?

Peer Gynt.
Ja, keins, das dich verführt zum Leiden:
Dichganz zu etwas zu entscheiden.
(Trinkt wiederum.)
Die ganze Kunst, das Glück zu zwingen,
Die Kunst, den Mut der Tat zu haben,
Ist die: wahlfreien Laufs zu traben
Durch dieses Lebens tausend Schlingen, –
Zu wissen, daß zu keinen Tagen
Des Streites letzten Tag man schreibt,
Zu wissen, daß stets offen bleibt
Ein Brücklein, Dich zurückzutragen.
Die Theorie war mir gerecht;
Sie war's, die meinen Wandel färbte,
Und diese Theorie vererbte
Mir meines Heimatgaus Geschlecht.

Monsieur Ballon.
Sie sind Norweger?

Peer Gynt.                 Von Geblüt!
Jedoch Weltbürger von Gemüt.
Was Gutes mir bislang geschah,
Verdank' ich meist Amerika.
Von wohlbestallten Bücherbrettern
Erbaun mich meine deutschen Vettern.
Von Frankreich kam mir meine Weste,
Mein Scherflein Geist sowie mein Schliff, –
Von England mein Geschäftsbegriff
Samt schärferm Sinn fürs eigne Beste.
Vom Juden mein "festina lente".
Den Hang zum dolce far niente
Gab mir Italien auf den Weg; –
Und einstmals, auf gedrangem Steg,
Vermehrt' ich meiner Tage Zahl
Mit Hilf' von gutem schwedischen Stahl

Trumpeterstråle(erhebt sein Glas.)
Ja, unser Stahl –!

v. Eberkopf.         Der ihn geschwungen,
Sei vörderst huldigend umklungen!
(Sie stoßen an und trinken mit ihm. Das Blut beginnt Peer zu Kopf zu steigen.)

Master Cotton.
Dies alles ist vortrefflich baß,-
Doch, Sir, – die Frage will nicht ruhn, –
Was woll'n Sie mit dem Gold nun tun?

Peer Gynt.
Hm; was?

Alle vier(näher rückend.)
                Ja, sagen Sie uns das!

Peer Gynt.
Nun, erstlich werden Weltbereiser
Seht, deshalb nahm ich Euch an Bord
Als Schiffsgesellschaft in Gibraltar.
Ich brauchte Tänzer, auf mein Wort,
Um meines goldnen Kalbes Altar –

v. Eberkopf.
Höchst witzig!

Master Cotton.
                      Doch verreist ein Weiser
Wie Sie nicht nutzlos seine Tage.
Man hat ein Ziel, ganz ohne Frage.
Und dies ist –?

Peer Gynt.         Kaiser werden.

Alle vier.                                 Kaiser?

Peer Gynt(nickt.)
Jawohl!

Die Herren.
            Und wo?

Peer Gynt.             In aller Welt.

Monsieur Ballon.
Ja, wie denn, Freund –?

Peer Gynt.                     Nun, durch mein Geld!
Ein Plan, nicht erst von gestern her,
Und dem ich treu blieb sonder Wanken.
Als Knab' schon ritt ich in Gedanken
Auf Wolkenrossen übers Meer;
Stieg auf in güldner Waffenziere, –
Und purzelt' ab auf alle Viere.
Doch trotzdem blieb ich unverzagt.
Es gibt da einen Spruch, der sagt,
Ich weiß nicht wo, daß, wenn ein Mann
Die ganze weite Welt gewann,
Dochsich verlor, so blüht' als Lohn
Ihm höchstens eine Dornenkron'.
So steht dort – oder ähnlich; und
Dies Wort hat seinen guten Grund.

v. Eberkopf.
Und dieses GyntscheIch nun ist?

Peer Gynt.
Die Welt hier hinterm Schädelgitter,
Durch die ichich bin und kein Dritter,
Wie Gott Gott und nicht Antichrist.

Trumpeterstråle.
Das wirft auf alles neue Lichter.

Monsieur Ballon.
Sie sind ein Denker!

v. Eberkopf.             Und ein Dichter!

Peer Gynt(immer mehr in Stimmung geratend.)
Das Gyntsche Ich, – das ist das Heer
Von Wünschen, Lüsten und Begehr, –
Das Gyntsche Ich, das ist der Reihn
Von Forderungen, Phantasein, –
Kurz alles, was justmeine Brust hebt
Und macht, daß Gynt als solcher just lebt.
Doch wie der Herrgott braucht der Erden,
Soll er bestehn als Gott der Welt,
So hab' auch ich Bedarf an Geld,
Soll ich ein rechter Kaiser werden.

Monsieur Ballon.
Sie haben's doch!

Peer Gynt.             Das würd' gelogen sein.
Ja, ja, vielleicht auf zwei, drei Jausen
Als Kaiserlein von Sondershausen.
Doch ich willich in Bausch und Bogen sein,
Will Gynt sein, wo ich geh' und stehe,
Sir Gynt vom Scheitel bis zur Zehe!

Monsieur Ballon(hingerissen.)
Beschwör'n die Helena der Sage!

v. Eberkopf.
Am ältsten Rheingewächs sich laben!

Trumpeterstråle.
Die Degen Karls des Zwölften haben!

Master Cotton.
Doch erst 'ne Kapitalsanlage,
Die sich rentiert –

Peer Gynt.             Die eben fand ich;
Vergebens nicht ging hier an Land ich.
Heut abend dampfen wir gen Nord;
Denn Blätter melden mir an Bord
Ein Märlein, das so ernst wie neu ist –!
(Steht auf mit erhobenem Glase.)
Als ob dem alles allzusammen
Zum Glück hülf', der sich selber treu ist –

Die Herren.
Und dies ist?

Peer Gynt.       Hellas steht in Flammen.

Alle vier.
Die Griechen –?

Peer Gynt.           Brachen ihre Dämme.

Die vier.
Hurra!

Peer Gynt.
          Und Mahmud ist in Klemme!
(Leert sein Glas.)

Monsieur Ballon.
Nach Hellas! Auf! Uns ruft die Ehre!
Ich helf' mit meiner fränkischen Wehre!

v. Eberkopf.
Ich mit Aufrufen, aus der Ferne!

Master Cotton.
Ich will mit Lieferungen gerne –!

Trumpeterstråle.
Ich hol' (die König Karl verloren
Zu Bender) die berühmten Sporen!

Monsieur Ballon(fällt Peer Gynt um den Hals.)
Verzeih'n Sie, Freund, ich hab' von Grund
Aus Sie verkannt!

v. Eberkopf(drückt ihm die Hand.)
                          Ich dummer Hund,
Ich hielt Sie für 'nen Schelmen fast!

Master Cotton.
Das ist zu stark; nur für 'nen Narren –

Trumpeterstråle(will ihn küssen.)
Ich, Vaterbruder, für 'nen Farren
Von allergröbster Yankeemast!
Vergib mir!

v. Eberkopf. Wir sind fehlgegangen –

Peer Gynt.
Was heißt das?

v. Eberkopf.       Jetzo sehn wir prangen
Vereint das ganze Gyntsche Heer
Von Wünschen, Lüsten und Begehr –!

Monsieur Ballon(bewundernd.)
So mußt' sich Monsieur Gynt bewähren!

v. Eberkopf(ebenso.)
Das heiß' ich Gynt sein – und mit Ehren!

Peer Gynt.
Ich bitte Sie –

Monsieur Ballon.
                    Verstehn Sie nicht?

Peer Gynt.
Ich lass' mich hängen, wenn ich's tue!

Monsieur Ballon.
Je nun, mein Bester, gehn Sie nicht
Nach Griechenland mit Schiff und Truhe?

Peer Gynt(prustet spöttisch.)
Ach, nein! Ich stütze den, der stärker,
Und leih' dem Türken meine Märker.

Monsieur Ballon.
Unmöglich!

v. Eberkopf. Witzig, – doch gescherzt!

Peer Gynt(schweigt ein Weilchen, stützt sich auf einen Stuhl und nimmt eine vornehme Miene an.)
Ich glaub', Ihr Herrn, wir stehn vom Fest
Nun auf, eh' daß der letzte Rest
Von Freundschaft sich verhimmelwärtst.
Wer arm ist, dem ist viel verstattet.
Wenn man vom weiten Rund knapp hat
Das Streiflein Staub, das man beschattet,
Ist man Kanonenfutter, glatt.
Doch hat sein Schäflein man geschoren,
Wie ich, so wäre mehr verloren.
Gehn Sie nach Griechenland! Ich sende
Sie gratis und bewaffnet hin.
Gut! Schüren Sie den Aufruhrsinn –
Und wirken so mir in die Hände!
Drauf los, für Freiheit und für Recht!
Gestürmt! In Türkenblut gezecht!
Und dann zuletzt ein Tod in Ehren
Auf schlanken Janitscharenspeeren. –
Doch ohne mich.
(Schlägt sich auf die Tasche.)
                          Ich bin nicht frei –
Und bin ich selbst, Sir Gynt. – Good by!
(Er spannt seinen Sonnenschirm auf und geht in den Palmenhain, den Hängematten zu.)

Trumpeterstråle.
Der Schweinekerl!

Monsieur Ballon.
                            Kein Sinn für Ehre!

Master Cotton.
Ach, Ehre! Wenn es das nur wäre!
Doch denkt Euch: Unser Riesenschnitt,
Wenn nun der Grieche frei sich stritt –!

Monsieur Ballon.
Ich sah mich schon auf Türkenleibern
Bekränzt von Hellas' schönsten Weibern!

Trumpeterstråle.
Ich sah in meiner Hand schon prangen
Die heldengroßen Sporenspangen!

v. Eberkopf.
Ich meines großen Vaterlands
Kultur ausbreiten ihren Glanz –!

Master Cotton.
Das Schlimmst' ist doch der bare Schade.
Goddam! Welch Pech im höchsten Grade!
Schon sah ich den Olymp mir dienen.
Wenn seinem Ruf man darf vertraun,
Enthält der Berg noch Kupferminen,
Die man von neuem könnte baun.
Und dazu dieser Fluß Kastale,
Davon die Red' an dutzend Male,
Mit Fäll'n, berechnet ungefähr
Auf tausend Pferdekraft und mehr –!

Trumpeterstråle.
Ich gehe doch. Mein schwedisch Schwert
Ist mehr als Yankeedollars wert!

Master Cotton.
Mag sein; nur daß wir, erst im Haufen,
In ihm elendiglich ersaufen
Und der Profit in Rauch verpufft!

Monsieur Ballon.
Verdammt! So nah dem Glück zu gasten,
Um so zu stehn an seiner Gruft!

Master Cotton(mit geballter Faust nach dem Fahrzeug hin.)
Dort liegt, in diesem schwarzen Kasten,
Des Nabobs güldner Niggerschweiß –!

v. Eberkopf.
Ein königlicher Einfall! Sei's
Gewagt! Das wird sein Todespfeil sein!
Kommt! Kommt!

Monsieur Ballon.
                          Sie woll'n –?

v. Eberkopf.                           Ich will die Macht!
Die Mannschaft wird um wenig feil sein.
An Bord! Ich annektier' die Jacht!

Master Cotton.
Sie – was –?

v. Eberkopf. Ich mause, was ich find'.
(Ab nach der Jolle hinunter.)

Master Cotton.
Da heißt mein Vorteil mich geschwind
Mitmausen.
(Folgt ihm.)

Trumpeterstråle.
                  Eines Schurken Schluß!

Monsieur Ballon.
Ein Diebsstück –! Mais – enfin! Man muß –!
(Folgt den andern.)

Trumpeterstråle.
Dann muß auch ich – der Eintracht wegen –,
Doch protestier' ich laut dagegen.
(Ihm nach und ab.)

(Eine andere Stelle der Küste.)

(Mondschein und treibende Wolken. Die Jacht sticht unter vollem Dampf in See.)

(Peer Gynt läuft den Strand entlang. Bald zwickt er sich in den Arm, bald starrt er hinaus übers Meer.)

Peer Gynt.
Alpdruck! – Hirnspuk! Wach' ich bald auf?
Sie sticht in See! Und in rasendem Lauf!
Bloßer Hirnspuk! Ich schlaf'! Ich bin trunken und toll!
(Ringt die Hände.)
Das geht doch nicht an, daß ich sterben soll!
(Rauft sich das Haar.)
Ein Traum! Ich will, daß ich träum' und schlaf'!
Entsetzlich! Zwecklos, daß ich mich sperre!
Diese Hunde von Freunden –! O, erhöre mich, Herre!
Du bist ja so weis' und gerecht –! O, straf' –!
(Mit emporgestreckten Armen.)
Ich bin's, Peter Gynt! Laß ein Wunder geschehn!
Nimm Dich meiner an, Vater; sonst muß ich vergehn!
Laß sie stoppen! Laß sie die Gig niederlassen!
Halt die Dieb' auf! Laß sie die Segel falsch brassen!
Hör' mich! Laß warten Kunz Tausendhändig!
Die Welt wird nicht schief gehn ob solcher Verwegenheit!
Ob er wohl hört! Er ist taub, wie beständig.
Das ist eine Wirtschaft! Ein Gott in Verlegenheit!
(Winkt aufwärts.)
Pst! Ich treib' längst nicht mehr Niggerhandel!
Ich hab' China bekehrt zu christlichem Wandel!
Eine Handreichung ist doch der anderen wert!
O, hilf mir –!

(Ein Feuerstrahl schießt aus der Jacht empor, von einer dicken Rauchwolke begleitet; man hört einen hohlen Knall; Peer Gynt stößt einen Schrei aus und sinkt nieder auf den Sand; nach und nach verzieht sich der Rauch; das Schiff ist verschwunden.)

Peer Gynt (bleich und leise.)
                  Das war der Strafe Schwert!
Versunken mit Mann und Maus, wie ein Stein!
O, ewiglich will ich mein Glück benedein – –
(Gerührt.)
Ein Glücksfall? Nein, hier ist mehr geschehn.
Ich sollte siegen und die vergehn.
O, Preis Dir, daß Du der Not mich entrissen,
Im Aug' mich behalten trotz meinem Gebrest – –
(Atmet tief auf.)
Wie macht es doch wundersam fröhlich und fest,
Sich so separat behütet zu wissen.
Doch werden auch Hunger und Durst mich in Ruh' lassen?
Ach, ich finde wohl was. Das ist sein Gewerb'.
Das ist nicht gefährlich; –
(Laut und einschmeichelnd.)
Er wird doch nicht zulassen,
Daß ich armer, kleinwinziger Sperling verderb'!
Nur hübsch demütig sein! Und vergönnen ihm Frist.
Den Herren laß walten; Verzagen wär' töricht –
(Fährt erschrocken zusammen.)
Knurrte dort nicht ein Löwe im Röhricht –?
(Zähneklappernd.)
Nein, 's war wohl kein Löwe.
(Sich ermannend.)
                                            Und wenn's einer ist!
Die Biester, die halten sich doch wohl beiseite.
Mit dem, der sein Herr, da liegt keins gern im Streite.
Sie haben ja Instinkt; – da fühlen sie gewißlich:
Mit Elefanten zu spielen ist mißlich. – –
Doch trotz alledem, – ich such' mir 'nen Baum.
Dort wiegen im Wind sich Akazien und Palmen;
Erst droben, halt' ich den Kerl wohl im Zaum, –
Insonderheit, könnt' ich dazu ein paar Psalmen – –
(Klettert hinauf.)
Man soll nicht den Tag vor dem Abend loben;
Das Schriftwort hat mancher wohl schon bedacht.
(Setzt sich zurecht.)
Wie herrlich, so sitzen, den Geist erhoben!
Edel denken ist mehr, als Reichtum und Macht.
Bloß vertrauen auf Gott! Er kennt die Portion
Vom Kelch des Leidens, die wir vertragen.
Er ist väterlich gegen unsre Person; –
(Wirft einen Blick aufs Meer und flüstert mit einem Seufzer.)
Aber Ökonom, – nein; das kann man nicht sagen.

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