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Peer Gynt

Henrik Ibsen: Peer Gynt - Kapitel 5
Quellenangabe
typedrama
booktitleVolksausgabe in fünf Bänden, Band 2
authorHenrik Ibsen
translatorChristian Morgenstern
year1907
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titlePeer Gynt
pages421-590
senderahipler@mainz-online.de
created20000203
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(Des Dovre-Alten Königshalle)

(Große Versammlung von Hoftrollen, Erdgeistern und Kobolden. Der Dovre-Alte auf dem Hochsitz mit Krone und Szepter. Seine Kinder und nächsten Verwandten zu beiden Seiten. Peer Gynt steht vor ihm. Große Bewegung im Saal.)

Die Hoftrolle.
Schlachtet ihn ab! Betört hat der Christ
Des Dovre-Alten wonnigste Maid!

Ein junger Troll.
Ob ich ihn in den Finger schneid'?

Ein Anderer.
Darf ich ihn an den Haaren reißen?

Eine Trolljungfer.
Laßt mich ihn in den Schenkel beißen!

Trollhexe(mit einem Kochlöffel.)
Dafern er in Salzlaug' zu pökeln ist –?

Eine Andere(mit einem Schlächtermesser.)
Soll ich ihn am Spieß braten oder im Hafen schmoren?

Der Dovre-Alte.
Eis Euch ins Blut!
(Winkt seine Vertrauten näher zu sich heran.)
                          Hört, sei'n wir keine Toren!
Mit uns geht's die letzten Jahre zurück,
Wir haben den Halt, sozusagen, verloren,
Und Volkshilfe macht' uns am End' wieder flügg.
Zudem scheint der Bursche gesund geboren,
Und stark gebaut ist er auch, wie ich seh'.
Wohl wahr, Kopf hat er nicht mehr als einen,
Doch hat meine Tochter ja auch nicht meh.
Dreiköpfiger Trolle gibt's schier mehr keinen,
Zweiköpfige kaum noch mal hier und da,
Und die sind denn auch soso lala.
(Zu Peer Gynt.)
Du willst, daß ich Dir die Tochter gebe?

Peer Gynt.
Die Tochter und 's Reich als Mitgift dazu.

Der Dovre-Alte.
Das halbe mag Dein sein, solang' ich noch lebe,
Das übrige, leg' ich dereinst mich zur Ruh'.

Peer Gynt.
Ich bin's zufrieden.

Der Dovre-Alte.   Ja, stopp, mein Sohn!
Du mußt Dichauch durch Zusagen binden.
Und brichst Du nur eine, so kostet's den Thron,
Und Du wirst nie mehr lebend von hier hinweg finden.
Zunächst hast Du nirgends herumzuscharlenzen,
Auch nicht in Gedanken, außer Rondanes Grenzen.
Tag sollst Du scheun und Tat und jeden Fleck Lichts.

Peer Gynt.
Wenn ich König genannt werd', verschlägt mir das nichts.

Der Dovre-Alte.
Dann woll'n wir Dich mal bei den Hörnern packen –
(Erhebt sich auf seinem Sitz.)

Der älteste Hoftroll(zu Peer Gynt.)
Wobei Deine Kunst sich erweisen soll,
Des Alten Rätselnüsse zu knacken!

Der Dovre-Alte.
Wodurch unterscheiden sich Mensch und Troll?

Peer Gynt.
Die unterscheiden sich wohl nicht sehr.
Großtroll will zwicken und Kleintroll will zwacken; –
Ganz wie bei uns, wenn's erlaubt nur wär'.

Der Dovre-Alte.
Wohl wahr, wir sind einig in dem und in mehr.
Doch gleicht sich auch Tag um Tag um ein Haar, –
Ein Unterschied bleibt denn doch immerdar. –
Hör' zu denn, so wird er Dir offenbar.
Draußen im Sonnenstrahl ruft man sich zu
Als heimlichste Weisheit: "Mensch, sei Du!"
Hier aber unter uns Trollen heißt klug
Geredet: "Troll, sei Du – Dir genug!" –

Der Hoftroll(zu Peer Gynt.)
Ist das nicht tief?

Peer Gynt.             Mir ist's noch nicht klar.

Der Dovre-Alte.
"Genug", mein Sohn, dies mächtige Scheid'wort,
Werde fortan Dein Leib- und Leitwort!

Peer Gynt(kraut sich hinter dem Ohr.)
Ja, doch –

Der Dovre-Alte.
              Dumußt, willst Du Herr hier werden!

Peer Gynt.
Meinthalben; 's gibt schlimmere Dinge auf Erden –

Der Dovre-Alte.
Sodann mußt Du Ehre, zu lernen, einlegen,
Wie wir daheim hier zu leben pflegen.
(Er winkt. Zwei Trolle mit Schweinsköpfen, weißen Nachthauben usw. bringen Speise und Trank.)
Die Kuh gibt Fladen, der Ochs gibt Met;
Frag' nicht, ob's sauer oder süß eingeht;
Die Hauptsach' ist, daß man nie vergißt,
Daß es hausgemacht ist.

Peer Gynt(weist die Sachen zurück.)
Zum Teufel mit Euerer Hauskost auch!
Ich find' mich wohl nie in den Landesbrauch.

Der Dovre-Alte.
Der Napf geht mit und der Napf ist von Gold.
Wer den Goldnapf hat, dem ist mein Töchterlein hold.

Peer Gynt(überlegend.)
Es steht freilich geschrieben: Du sollst Dich zwingen; –
Und man lernt's mit der Zeit ja wohl leichter schlingen.
Meinthalben!
(Fügt sich.)

Der Dovre-Alte.
                    Sieh, Freund, das zeugt von Vernunft. –
Du spuckst?

Peer Gynt.     Man gewöhnt sich wohl noch in die Zunft.

Der Dovre-Alte.
Sodann mußt Du Deine Christentracht abwerfen;
Denn dies laß zu Dovres Ehren Dir einschärfen:
Hier ist nichts von jenseits der Felsenscheide,
Außer hinten am Wedel die Schleife von Seide.

Peer Gynt(zornig.)
Ich hab' keinen Wedel!

Der Dovre-Alte.         Geduld' Dich, Mann!
Hoftroll, bind' ihm meinen Sonntagsschwanz an.

Peer Gynt.
Wenn Du's versuchst –! Das geht über den Scherz!

Der Dovre-Alte.
Du freist um meine Tochter mit nackichtem Sterz?

Peer Gynt.
Einen Menschen zum Tier machen!

Der Dovre-Alte.                           Freund, Du irrst;
Ich mach' Dich nur zu einem höfischen Freier.
Die brandgelbe Schleif', die Du kriegen wirst,
Die trägt man hier sonst nur zur höchsten Feier.

Peer Gynt(nachdenklich.)
Wie heißt's doch! Ein Mensch ist nicht mehr als ein Hauch.
Und man muß sich wohl finden in Schick und in Brauch.
Bind' an denn!

Der Dovre-Alte.
                      Du bist ein umgänglicher Gesell.

Der Hoftroll.
Und nun versuch' mal recht fein zu wedeln!

Peer Gynt(gereizt.)
He, wollt Ihr mich nun noch weiter veredeln?
Heischt Ihr auch noch meinen Christenglauben?

Der Dovre-Alte.
Nein, nein, den wollen wir Dir nicht rauben.
Der Glauben ist frei; darauf liegt hier kein Zoll.
Am Schnitt und am Schritt erkennt man den Troll.
Wenn uns nur Tracht und Gehaben nicht trennen,
Nenn' immer Glauben, was Furcht wir nennen.

Peer Gynt.
Du bist doch, trotz all der schlimmen Gebräuch',
Ein netterer Kerl, als man sollte meinen.

Der Dovre-Alte.
Mein Sohn, wir Trolle sind besser als wir scheinen,
Das ist auch ein Unterschied zwischen uns und Euch. –
Doch, laßt uns dem Ernst ein Ende nun setzen.
Auf, auf, zur Freude für Aug' und für Ohr,
Laß, Spielmaid, nun Deine Harf' uns ergetzen!
Spring', Tanzmaid, uns den Dovretanz vor!
(Spiel und Tanz.)

Der Hoftroll.
Was gedünkt Dich davon?

Peer Gynt.                           Was? Hm!

Der Dovre-Alte.                               Fürcht' Dich nicht.
Was siehst Du?

Peer Gynt.           Ein urgreulich Gesicht:
Eine Darmsaiten hufende Schellenkuh.
In Kniehosen trippelt ein Ferkel dazu.

Der Hoftroll.
Verschlingt ihn!

Der Dovre-Alte.
                        Bedenkt, er hat Menschensinnen!

Die Trolljungfern.
Aug' aus und Ohr ab dem frechen Fanz!

Die Grüngekleidete(weinend.)
Huhu! Solch Lob ist's, was wir gewinnen,
Wenn ich und mein Schwesterlein spiel' und tanz'!

Peer Gynt.
Ach, Du! Du warst's? Na, so 'n bißchen Gehöhn',
Das weißt Du ja doch, das bedeutet nicht viel.

Die Grüngekleidete.
Gewiß und wahrhaftig nicht?

Peer Gynt.                               Tanz so wie Spiel
War, laus' mich der Affe, beides sehr schön.

Der Dovre-Alte.
Mit der Menschenart ist das ein wunderlich Ding;
Die klebt und klettet so merkwürdig fest.
Und ob sie auch so noch viel Schrammen empfing, –
Die Narben heilen, das ist der Rest.
Mein Schwiegersohn hat doch nun, ungelogen,
Fügsam sein Christenzeug ausgezogen,
Fügsam getrunken vom Metpokal,
Fügsam den Wedel sich umgebunden, –
So fügsam zu allem, kurz, was ich befahl,
Daß ich dachte, für ein und für alle Mal
Sei nun sein alter Adam verschwunden;
Doch einszweidrei steht der hier wieder im Saal.
Ja, ja, mein Sohn, so bedarf's einer Kur
Wider diese dickschädlige Menschennatur.

Peer Gynt.
Einer Kur?

Der Dovre-Alte.
                In den linken Augapfel hier
Ritz' ich Dich leicht: so wird scheel sein Geäug';
Doch was Du siehst, siehst Du fortan wie wir.
Sodann schneid' ich aus Dir das rechte Visier.

Peer Gynt.
Du bist wohl –?

Der Dovre-Alte(legt einige scharfe Werkzeuge auf den Tisch.)
                      Hier hab' ich mein Glaserzeug.
Und kriegst Du dann Scheuklappen noch, wie ein Gaul,
Dann siehst Du die Braut mit einem Mal blühn,
Und fabelst nie fürder mit bösem Maul
Von trippelnden Ferkeln und Schellenküh'n –

Peer Gynt.
Töricht!

Der älteste Hoftroll.
            So kommt Dir des Alten Red' vor?
Merk's! er ist der Weise und Du bist der Tor!

Der Dovre-Alte.
Bedenk, von wieviel Verdrießlichkeiten
Du Dich befrein kannst auf alle Zeiten.
Frag' selbst Dich, was hast Du von dieser Quelle
Quälender Zährenbeiz' und –laug'!

Peer Gynt.
Ganz recht; und ich kenn' auch die Bibelstelle:
Ärgert dein Aug' dich, reiß' aus dein Aug'!
Aber – wann stellt es sich dann wieder her,
Wird Menschenaug' wieder?

Der Dovre-Alte.                 Das wird's nimmermehr.

Peer Gynt.
So? Ja, dann sind wir zu Ende gediehn.

Der Dovre-Alte.
Was willst Du tun?

Peer Gynt.               Meines Wegs mich verziehn.

Der Dovre-Alte.
Nein, halt! Herein schlüpft hier leicht ein Wicht!
Aber hinaus läßt der Dovrehag nicht.

Peer Gynt.
Du willst mit Gewalt, daß ich hier bleiben soll?

Der Dovre-Alte.
Hör' nun und nimm Vernunft an, Prinz Peer!
Du hast Begabung zum Troll. Nicht wahr, er
Trägt sich nun schon so ziemlich wie ein Troll?
Und willst doch auch Troll sein?

Peer Gynt.                                   Weiß Gott, will ich's sein.
Für 'ne Braut und ein wohlbestellt Reich obendrein
Gibt man ja wohl auch einmal etwas viel.
Aber alles in der Welt hat sein Maß und sein Ziel.
Den Wedel nahm ich an, weil ich's also verstand:
Man kann wieder lösen, was der Hoftroll band.
Die Hos' warf ich ab, weil sie alt war und fetzig;
Doch die kann man ja wohl wieder anknöpfen, schätz' ich.
Und schließlich drück' ich mich wohl auch noch leis
Von dieser Dovreschen Lebensweis'.
Ich will ja gern schwören, eine Kuh wär' eine Maid;
Einen Eid kann ja einer mal in sich fressen; –
Aber so seine Menschheit auf immer vergessen,
Nicht einmal als ehrlicher Mensch sterben sollen,
Als Bergtroll so umgehn auf Lebenszeit, –
Niemalen mehr von Euch zurücktreten können, –
So Troll sein mit all seinem Fühlen und Wollen; –
Nein, nein; da tu' ich mir Besseres gönnen.

Der Dovre-Alte.
Jetzt werd' ich aber bald wild, Du Duns;
Und dann ist nicht mehr zu spaßen mit Uns.
Du tagfalber Knirps! Weißt Du, wer Wir sind?
Zuerst vergreifst Du Dich an Unserm Kind –

Peer Gynt.
Das lügst Du in Deinen Hals!

Der Dovre-Alte.                   Du mußt sie jetzt frein.

Peer Gynt.
Du wagst mir zu sagen –?

Der Dovre-Alte.             Was ist da zu schrein?
Du hast sie begehrt! Du wünschtest mein Reich!

Peer Gynt(pustet.)
Sonst nichts? An so was sich festzuzwacken!

Der Dovre-Alte.
Ihr Menschen bleibt Euch doch alleweil gleich.
Den Geist bekennt Ihr mit vollen Backen;
Doch geachtet wird nur, was mit Fäusten zu packen.
Du meinst, daß Wunsch und Begehren nicht bindet?
Wart' nur, Dir soll bald ein Licht aufgehn!

Peer Gynt.
Du sollst mich Dir nicht ins Netz schwimmen sehn!

Die Grüngekleidete.
Mein Peer, Du bist Vater, eh's Jahr entschwindet.

Peer Gynt.
Laßt mich hinaus.

Der Dovre-Alte. Wir schicken Dir 's Kleine
Nach in 'nem Bocksfell.

Peer Gynt(trocknet sich den Schweiß ab.)
                                    Erwacht' ich doch nur!

Der Dovre-Alte.
Soll's an den Königshof?

Peer Gynt.                       Schickt's der Gemeine!

Der Dovre-Alte.
Mach', was Du willst, mit der Kreatur.
Getan ist getan; davon geht kein Quent;
Item, Prinz Peer, daß Dein Sprößling wird wachsen;
Solch ein Mischlingsbalg wächst unheimlich behend –

Peer Gynt.
Alter, nun lassen wir endlich die Faxen;
Kommen wir, Jungfer, zu Frieden und Vergleich!
Du sollst wissen, ich bin weder Prinz weder reich; –
Und ob Du mich wögest nun oder mich mäßest,
's wäre für Dich kein Gewinn, wenn Du mich besäßest.
(Der Grüngekleideten wird übel; Trollmädchen tragen sie hinaus.)

Der Dovre-Alte(blickt eine Weile mit tiefer Verachtung auf ihn; darauf sagt er:)
Schmeißt ihn wider die Bergwand zu Brei!

Die jungen Trolle(bittend.)
Spielen wir nicht erst Kauz und Weih?
Jsegrimm? Funkelkatz und Graumaus?

Der Dovre-Alte.
Aber schnell! – Ich schnarch' mein Gift derweil' aus.
(Ab.)

Peer Gynt(von den jungen Trollen gejagt.)
Laßt mich, Teufelspack!
(Will durch den Schornstein hinauf.)

Die jungen Trolle.       Kobolde! Wichte!
Beißt ihn von hinten!

Peer Gynt.                 Au!
(Will hinab durch die Kellerluke.)

Die jungen Trolle.       Macht alles dichte!

Der Hoftroll.
Wie die Kleinen sich freun!

Peer Gynt(mit einem kleinen Trolljungen kämpfend, der sich in sein Ohr festgebissen hat.)
                                        Laß los, Höllenbrut!

Der Hoftroll(schlägt ihn auf die Finger.)
Willst Du wohl, Schlingel! Das ist königlich Blut!

Peer Gynt.
Ein Rattenloch –!
(Läuft hin.)

Die jungen Trolle.
                          Wichtelvolk! Werg in die Kerbe!

Peer Gynt.
Die Rangen verstehn ihr verruchtes Gewerbe!

Die jungen Trolle.
Zerfetzt ihn!

Peer Gynt.     Ach, wär' man klein wie 'ne Maus!
(Läuft umher.)

Die jungen Trolle(umwimmeln ihn.)
Schließt den Ring! Schließt den Ring!

Peer Gynt(jammernd.)                       Ach, wär' ich eine Laus!
(Fällt um.)

Die jungen Trolle.
Auf die Augen ihm jetzt!

Peer Gynt(im Trollhaufen begraben.)
                                    Hilf, Mutter, ich sterbe!

(Kirchenglocken läuten in der Ferne.)

Die jungen Trolle.
Schellen im Gebirg! Der Schwarzrock fährt aus!
(Die Trolle flüchten unter Geheul und Getöse. Die Halle stürzt ein: alles verschwindet.)

(Stockfinsternis.)

(Man hört Peer Gynt mit einem großen Ast um sich hauen und schlagen.)

Peer Gynt.
Gib Antwort! Wer bist Du?

Eine Stimme in der Finsternis.
                                        Ich selbst.

Peer Gynt.                                           Freie Bahn!

Die Stimme.
Einen Umweg gemacht! Groß genug ist der Plan.

Peer Gynt(will an einer andern Stelle hindurch, stößt aber auf Widerstand.)
Wer bist Du?

Die Stimme.       Ich selbst. Kannst Du eben das sagen?

Peer Gynt.
Ich kann sagen, was ich will; und mein Schwert kann Dich erschlagen!
Sieh Dich vor! Hui, hei, da fällt's auch schon sausend!
König Saul erschlug hundert; Peer Gynt erschlug tausend!
(Schlägt und haut.)
Wer bist Du?

Die Stimme.       Ich selbst.

Peer Gynt.                       Das dumme Gered'
Kannst Du Dir sparen, das keiner versteht.
Was bist Du?

Die Stimme.       Der große Krumme.

Peer Gynt.                                       Schau' , schau'!
Erst war das Rätsel schwarz, jetzt scheint es grau.
Bahn frei, Krummer!

Die Stimme.                 Herum um mich, Peer!

Peer Gynt.
Durch!
(Schlägt und haut.)
          Da fiel er!
(Will vorwärts, stößt aber auf Widerstand.)
                          Hoho! Sind hier mehr?

Die Stimme.
Nur einer, Peer Gynt, der sich immer wieder erhebt!
Der Krumme, der tot ist und niedergebrochen.
Der Krumme, der tot ist, und der Krumme, der lebt.

Peer Gynt(wirft den Ast weg.)
Die Wehr ist verhext; muß die Faust denn ans Werk!
(Schlägt sich durch.)

Die Stimme.
Ja, trau' Du nur auf Deine Faust, Deine Knochen!
Hihi, Peer Gynt, so gewinnst Du den Berg.

Peer Gynt(kommt zurück.)
Hin und zurück, 's ist der gleiche Weg; –
Hinaus und hinein, 's ist der gleiche Steg!
Da ist er! Dort! Rings, wo ich mich weise!
Wähn' ich mich draußen, steh' ich mitten im Kreise.
Nenn' Dich! Laß sehn Dich! Was bist Du, Verkapptes?

Die Stimme.
Der Krumme.

Peer Gynt(tastet umher.)
                    Nicht tot. Nicht lebendig. Ein Gären.
Ein Brodeln. Gestaltlos. Und brummend tappt es
Um einen her wie halbwache Bären!
(Schreit.)
Schlag' um Dich!

Die Stimme.           Der Krumme ist nicht so toll.

Peer Gynt.
Schlag' zu!

Die Stimme.   Der Krumme schlägt nicht.

Peer Gynt.Er soll!

Die Stimme.
Der große Krumme gewinnt ohne Streit.

Peer Gynt.
Wär' hier bloß ein Zwerg, der mich zwicken möchte!
Wär' hier bloß ein Troll, nur zehn Monate alt!
Bloß daß man nicht so in der Luft herum föchte.
Jetzt schnarcht er gar! Krummer!

Die Stimme.                                   Was gibt's?

Peer Gynt.                                                     Brauch' Gewalt!

Die Stimme.
Der große Krumme gewinnt alles mit der Zeit.

Peer Gynt(beißt sich in Arme und Hände.)
Krallen ins Fleisch und ritzende Zähn'!
Ich muß mein eigen Blut rinnen sehn.

(Man hört etwas wie den Flügelschlag großer Vögel.)

Vogelschrei.
Kommt er, Krummer?

Die Stimme in der Finsternis.
                                  Ja! Schuh um Schuh.

Vogelschrei.
All Ihr Schwestern von nah und fern! Stellt Euch ein!

Peer Gynt.
Willst Du mich retten, Dirn, vor dem Draug,
Schau' nicht so bitter und kummervoll drein!
Dein Gesangbuch! Wirbel's ihm mitten ins Aug'!

Vogelschrei.
Er taumelt.

Die Stimme.   Wir haben ihn.

Vogelschrei.                     Schwestern! Herzu!

Peer Gynt.
Zu teuer erkauft sich ein Menschensein
Mit solch einer Stunde voll zehrender Pein.
(Sinkt zusammen.)

Die Vögel.
Da stürzt er! Nun, Krummer, an Leib und Leben ihm!

(Von ferne hört man Glockenläuten und frommen Gesang.)

Der Krumme(schwindet zu nichts zusammen und ruft mit erlöschender Stimme.)
Er war zu stark. Weiber standen neben ihm.

(Sonnenaufgang. Im Gebirge vor Aases Saeter.)

(Die Tür ist verriegelt; alles öde und still.)

(Peer Gynt liegt schlafend an der Außenwand der Hütte.)

Peer Gynt(erwacht, sieht mit stumpfem und trägem Augenaufschlag um sich. Spuckt aus.)
Wie gut ein gesalzener Hering jetzt wär'!
(Spuckt wieder aus; zugleich erblickt er Helga, die mit einem Korb voll Lebensmitteln kommt.)
He, Kleine, bist Du hier? Wo kommst Du denn her?

Helga.
Solvejg –

Peer Gynt(springt auf.)
              Wo ist sie?

Helga.                         Hier, hinterm Haus.

Solvejg(unsichtbar.)
Kommst Du mir nah, so nehm' ich Reißaus!

Peer Gynt(bleibt stehen.)
Meinst wohl, Du liefst hier bei mir Gefahr –

Solvejg.
Schäm' Dich!

Peer Gynt.       Und weißt Du, wo ich des Nachts war? –
Die Dovremaid hängt wie 'ne Roßbrems' mir an.

Solvejg.
Wie gut es da war, daß im Dorf wurd' geläutet!

Peer Gynt.
Was auch Peer Gynt das Gebimmel bedeutet! –
Was sagst Du?

Helga(weinend.) Da rennt sie schon, was sie kann.
(Läuft nach.)
Wart' doch!

Peer Gynt(packt sie am Arm.)
                  Schau' her, Du! Was hab' ich hier?
Einen silbernen Knopf, Kleine! Möchtest Du den?
So leg' ein gut Wort für mich ein!

Helga.                                           Laß mich gehn!

Peer Gynt.
Hier hast Du ihn.

Helga.                     Da steht der Korb mit dem Essen!

Peer Gynt.
Gnad' Dir Gott, wenn Du nicht –!

Helga.                                           Ich fürcht' mich vor Dir!

Peer Gynt(sanft; läßt sie los.)
Ich meint' ja nur: Bitt' sie, sie soll mich nicht vergessen!
(Helga laufend ab.)

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