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Peer Gynt

Henrik Ibsen: Peer Gynt - Kapitel 10
Quellenangabe
typedrama
booktitleVolksausgabe in fünf Bänden, Band 2
authorHenrik Ibsen
translatorChristian Morgenstern
year1907
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titlePeer Gynt
pages421-590
senderahipler@mainz-online.de
created20000203
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(Ägypten. Morgendämmerung. Die Memnonssäule im Sande.)

(Peer Gynt kommt gegangen und sieht sich eine Weile um.)

Peer Gynt.
Hier könnten wir füglich beginnen zu wandern; –
Jetzt also Ägypter, nach all dem andern;
Doch Ägypter auf Basis des Gyntischen Ichs.
Dann geht's nach Assyrien graden Strichs.
Bis an die Erschaffung der Welt zu rühren,
Das würde nur zum Verderben führen; –
Ich will ganz herum um die Bibelgedichte;
Man spürt sie ja überall in der Geschichte;
Und ihnen nachsehn, sozusagen, die Nähte, –
Dazu fehlt mir Neigung wie Handwerksgeräte.
(Setzt sich auf einen Stein.)
Nun will ich hier rasten und warten geduldig.
Zunächst ist mir Memnon sein Morgenlied schuldig.
Dann werde die Pyramide bestiegen,
Auch ihr Innres erforscht, wo die Könige liegen.
Darauf auf dem Landweg ums rote Meer;
Vielleicht grab' ich Potiphar aus und sein Heer.
Dann bin ich Asiat. In Babylon werden
Besucht die berüchtigten hängenden Gärten,
Will heißen, die Hauptstätten seiner Kultur.
Ein Sprung – und ich bin auf trojanischer Flur.
Von Troja hab' ich ja dann direkte
Verbindung hinüber zum alten Athen; –
Dort will ich an Ort und Stelle besehn
Und befahren den Paß, den Leonidas deckte; –
Dann etwas Philosophie betreiben,
Und das Haus, worin Sokrates starb, beschreiben – –;
Weiß Gott, da vergaß ich ja, daß sie just kriegen –!
So bleibe der Hellenismus denn liegen.
(Sieht auf die Uhr.)
Teufel auch, macht diese Sonne Flausen,
Bis sie heraufkommt. Meine Zeit ist knapp.
Also, von Troja, – da kam ich ab – –
(Steht auf und lauscht.)
Horch! Was für ein verwunderlich Sausen?
(Sonnenaufgang.)

Die Memnonssäule(singt:)
    Himmelan steigen aus göttlicher Asche
        Vögel voll Singen.
        Zeus, der geistweite,
        Schuf sie zum Streite.
        Weisheitseule,
    Wo schlafen ihre Schwingen?
    Stirb – oder hasche
        Den Sinn der Säule!

Peer Gynt.
Wahrhaftig, – hab' ich nicht einen Tic,
So klang just die Säule! Vergangenheitsmusik!
Ganz hörbar der Steinstimme Fallen und Steigen.
Ad notam. Einst den Gelehrten zu zeigen.
(Notiert ins Taschenbuch:)
"Die Säule sang. Deutlich den Klang vernommen;
Doch nicht zum Verständnis des Textes gekommen.
Das Ganze natürlich Betrug der Sinne. –
Sonst nichts observiert von höherem Gewinne."
(Setzt seinen Weg fort.)

(In der Nähe des Dorfes Gizeh.)

(Die große aus dem Felsen gehauene Sphinx. In der Ferne Kairos Kirchtürme und Minarets.)

(Peer Gynt kommt des Weges; er betrachtet die Sphinx aufmerksam, bald durch die Lorgnette, bald durch die hohle Hand.)

Peer Gynt.
Wo hab' ich in aller Welt nur schon
Ein diesem ähnlich Geschöpf gesehn?
Im Norden? Im Süden? War's eine Person?
Und wenn! An wen gemahnt's mich, an wen?
Held Memnon glich, wie mich's später durchfuhr,
Den sogenannten – Dovre-Alten,
So wie er dasaß, stotzig und stur,
Den Sitz von Säulenstumpfen gehalten. –
Doch dieser seltsame Kreuzungsversuch,
Dieser Wechselbalg, beides, so Löwe wie Weib, –
Hab' ich den auch aus 'nem Märchenbuch?
Odersah ich schon einmal solch einen Leib?
Ein Märchenspuk? Ha, jetzt beginnt mir's zu tagen!
Das ist ja der Krumme, den ich einstens erschlagen, –
Das heißt, ich träumte, – ich lag im Fieber. –
(Tritt näher.)
Die Augen, die Lippen, dasselbe Kaliber; –
Nicht ganz so flau; mehr Falsch im Gesichte;
Doch sonst im ganzen dieselbe Geschichte.
So, so, Du gleichst einem Löwen, Krummer,
Wenn man von hinten Dich sieht und bei Lichte!
Macht Dir wohl Rätselraten noch Kummer?
Gibst wieder Antwort wie letzter Frist Du?
(Ruft der Sphinx zu:)
He, Krummer, wer bist Du?

Eine Stimme(hinter der Sphinx.)
                                          Ach, Sphinx, wer bist Du?

Peer Gynt.
Das Echo antwortet deutsch! Untrüglich!

Die Stimme.
Wer bist Du?

Peer Gynt.       Es spricht die Sprache vorzüglich!
Da hab' ich etwas ganz Neues entdeckt.
(Notiert in sein Buch:)
"Echo spricht deutsch. Berliner Dialekt."

(Begriffenfeldt kommt hinter der Sphinx hervor.)

Begriffenfeldt.
Ein Mensch!

Peer Gynt.       Ach so! Also falsch geraten.
(Notiert wieder.)
"Kam später zu anderen Resultaten."

Begriffenfeldt(unter allerhand unruhigen Gebärden.)
Eine Lebensfrage –! Verzeihen Sie –!
Was führt Sie just heute durch diese Landschaft?

Peer Gynt.
Ein Besuch. Bei einem Jugendfreund.

Begriffenfeldt.                               Wie?
Die Sphinx hier ist –?

Peer Gynt(nickt.)       Eine alte Bekanntschaft.

Begriffenfeldt.
Famos! Und das just nach dieser Nacht!
Mein armer Kopf ist nah dran, zu zerbrechen!
Wohlan! So tun Sie den Mund auf und sprechen!
Was ist sie?

Peer Gynt.     Wenn Sie das glücklich macht, –
Sie istsie selbst.

Begriffenfeldt(mit einem Sprung.)
                        Ha; der Welt Lösung tagt! Sie
Sind dessen gewiß? Sie wär' in der Tat
Sie selbst?

Peer Gynt.   Jawohl; so wenigstens sagt sie

Begriffenfeldt.
Sie selbst! Die Stunde der Umwälzung naht!
(Nimmt den Hut ab.)
Ihr Name, mein Herr?

Peer Gynt.                     Peer Gynt, mit Vergunst.

Begriffenfeldt.
Peer Gynt! Allegorisch! Das stand zu erwarten. –
Peer Gynt? Das bedeutet: den längst erharrten,
Den kommenden Meister der Auslegekunst –

Peer Gynt.
Sie warteten meiner –? Zu viel der Ehre!

Begriffenfeldt.
Peer Gynt! Tiefsinnig! Rätselvoll! Graß!
Jedes Wort ist gleichsam ein Faß an Lehre!
Was sind Sie?

Peer Gynt(bescheiden.)
                      Ich trachtete stets, daß ich wäre
Ich selbst. Im übrigen – hier mein Paß.

Begriffenfeldt.
Ich selbst! Es wird immer mysteriöser!
(Faßt ihn ums Handgelenk.)
Nach Kairo! Kaiser der Rätsellöser!

Peer Gynt.
Kaiser?

Begriffenfeldt.
            Kaiser –

Peer Gynt.           Wie er mich erkennt –!

Begriffenfeldt,(indem er ihn mit sich zieht.)
Der Interpreten – auf des Selbst Fundament!

(Kairo. Ein großer Hofraum mit hohen Mauern und von Gebäuden umgeben.)

(Gitterfenster; eiserne Käfige.)

(Drei Wächter im Hofe. Ein vierter kommt.)

Der Kommende.
Schafmann; wo ist der Direktor, sag'?

Ein Wächter.
Ausgefahren lange vor Tag.

Erster.
Ich glaub', es ist ihm ein Unglück geschehn;
Heut nacht nämlich –

Ein Anderer.             Pst; die Torflügel gehn.

(Begriffenfeldt führt Peer Gynt herein; schließt das Tor und steckt den Schlüssel in die Tasche.)

Peer Gynt(für sich.)
Ein Mann, imstand', mir den Kopf zu verwirr'n;
Fast alles, was er sagt, will nicht in mein Hirn.
(Sieht sich um.)
Dies also hier ist der Gelehrtenklub?

Begriffenfeldt.
Hier finden Sie alle, den ganzen Trupp; –
An siebenzig und tagtäglich vermehrte,
Der Weltauslegung beflissne Gelehrte – –
(Ruft den Wächtern zu:)
Michel, Schlingelberg, Schafmann, Fuchs –
In die Käfige mit Euch flugs!

Die Wächter.
Wir?

Begriffenfeldt.
        Wer anders? Wir sind jetzt quitt!
Dreht sich die Erde, so drehn wir uns mit.
(Zwingt sie in einen Käfig hinein.)
Er ist heute kommen, der große Peer; –
Den Rest folgert selber, – ich sage nichts mehr.
(Sperrt den Käfig zu und wirft den Schlüssel in einen Brunnen.)

Peer Gynt.
Aber – Herr Doktor – Herr Präsident –

Begriffenfeldt.
Beides gewesen. Das hat nun ein End' – –.
Herr Peer, – Sie gehören zur schweigsamen Zunft?

Peer Gynt(in wachsender Unruhe.)
Weshalb?

Begriffenfeldt.
              Sie werden mir nicht marode?

Peer Gynt.
Ich hoffe –

Begriffenfeldt(zieht ihn in eine Ecke und flüstert:)
                Die absolute Vernunft
Ging ab gestern abend Schlag elf mit Tode.

Peer Gynt.
Gott helfe mir –!

Begriffenfeldt.
                        Ja, das ist äußerst verdrießlich
Und für mich in meiner Stellung doppelt unersprießlich.
Denn dies Haus hier galt, bis die Elf schlug aus,
Für ein Irrenhaus.

Peer Gynt.             Für ein Irrenhaus!

Begriffenfeldt.
Nichtfürder, verstehn Sie!

Peer Gynt(bleich und leise.)
                                        O Gott, mir schwant es!
Und der Mann ist verrückt; – und niemand ahnt es!
(Sucht davonzukommen.)

Begriffenfeldt(folgt ihm.)
Sie verstehen doch auch den Sinn meines Spruchs?
Ich nenne sie tot; doch so spricht nur ein Schalk.
Sie ging von sich selbst. Sie ging aus ihrem Balg, –
Wie weiland Landsmann Münchhausens Fuchs.

Peer Gynt.
Einen Augenblick nur –

Begriffenfeldt(hält ihn fest.)
                                  Nein, es war wie ein Aal; –
Nicht wie ein Fuchs. Durchs Aug' ein Pfahl; –
Sie zappelte, zuckte – –

Peer Gynt.                     Daß Gott erbarm'!

Begriffenfeldt.
Um den Hals rund ein Schnitt und dann, wupps, aus dem Darm!

Peer Gynt.
Verrückt! Vollständig von Sinn und Verstand!

Begriffenfeldt.
So viel ist nun klar und nicht zu bestreiten:
Es wird dieses Von-sich-gehen begleiten
Ein wahrer Umsturz zu Wasser und Land.
Die früher "verrückten" Persönlichkeiten
Sind nämlich seit gestern abend schlechthin
Normal geworden, vernünftig im Sinn
Der neuen Vernunft; – was zugleich den Beginn
Des Rasens der frühern "Gesunden" bedeutet,
Mitdem daß die Glocke elf Uhr geläutet.

Peer Gynt.
Sie erwähnten die Uhr; meine Zeit ist zu End' –

Begriffenfeldt.
Ihre Zeit? Sie mahnen im rechten Moment!
(Öffnet die Tür und ruft:)
Hervor denn aus Eurem Labyrinth!
Die Vernunft ist tot. Es lebe Peer Gynt!

Peer Gynt.
Nein, liebster –!

(Die Irren kommen nach und nach heraus in den Hofraum.)

Begriffenfeldt.
                      Zu Ende sind Eure Nöte!
Es tagt der Befreiung Morgenröte!
Euer Kaiser steht vor Euch!

Peer Gynt.                             Kaiser?

Begriffenfeldt.                             Gewiß!

Peer Gynt.
Nein, nein! Diese Ehrungen übersteigen –

Begriffenfeldt.
Nur jetzt keine falsche Bescheidenheit zeigen –
In solch einer Stunde!

Peer Gynt.                   Bedenkzeit nur bis – –
Nein, ich taug' nicht dazu; ich hab' nicht die Gaben!

Begriffenfeldt.
Ein Mann, zu dem Sphinxe geredet haben?
Der er selbst ist?

Peer Gynt.             Das ist ja eben die Nuß!
Ich bin wohl ich selber, in allen Lagen;
Aber hier, soweit ich verstehe, muß
Man außer sich selbst sein, sozusagen.

Begriffenfeldt.
Wie? Außer sich? Nein, das sieht jedes Kind:
Hier ist man man selbst, ohne Gnade zu geben;
Man selbst und nicht das geringste daneben; –
Man geht, als man selbst, hier vor vollem Wind.
Im Faß seines Ich birgt ein jeder hier sich,
Taucht in seines Ich Gärung bis auf den Grund,
Schließt zu sich hermetisch mit seines Ich Spund
Und dichtet das Holz im Brunnen seines Ich.
Keiner hat Tränen für der andern Wehen;
Keiner hat Sinn für der andern Ideen.
Wir selbst, das sind wir in Geist und Gebärden,
Bis zur Spitze des Sprungbretts wir und nur wir, –
Und folglich, soll einer Kaiser hier werden,
SindSie unsres Throns erlesenste Zier.

Peer Gynt.
Der Teufel soll mich –!

Begriffenfeldt.         Nur mutigen Sinn!
Fast alles auf Erden ist neu zu Beginn.
"Du selbst"; – ich will Ihre Zweifel ersticken;
Der erste beste genügt hier schon –
(Zu einer finstern Gestalt.)
Guten Tag, Huhu! Na, hörst Du, mein Sohn,
Noch immer nicht auf, bekümmert zu blicken?

Huhu.
Kann ich's, bleibt mein Volk noch länger
Ohne Deuter, ohne Sänger?
(Zu Peer Gynt.)
Du bist fremd; so hör' mich an denn!

Peer Gynt.
Gott erbarme sich –!

Huhu.                           Wohlan denn!
Fern im Ost, ein Kranz von Sande,
Ruhn die malebarschen Strande.
Portugiesen und Holländer
Sind des Lands Kulturzuwender.
Außerdem sind dort noch Scharen
Von den echten Malebaren.
Die, mit ihrem Sprachgemische,
Sind die Herren jetzt am Tische.
Doch vor grauen Zeiten wohnte
Dort der Orangutang, thronte
Tief im Wald als Herrscher, tollte,
Raufte, gröhlte, wie er wollte.
Wie Natur ihn schuf, so grunzt' er,
Noch ein göttlich Unverhunzter.
Niemand wehrt' ihm sein Geplärre,
War er doch des Reiches Herre.
Doch da kamen fremde Horden
Unsre Urwaldsprache morden.
Viermalhundert Jahre Nachten
Von der Kraft den Affen brachten;
Ach, man weiß, so lange Nächte
Hemmen der Entwicklung Mächte.
Waldes Urlaut ist verstummt nun,
Nicht mehr länger wird gebrummt nun; –
Wollen wir Gedanken geben,
Müssen wir zu reden streben.
Welch ein Zwang der Zungenbänder!
Portugiesen, Niederländer,
Mischlingsrasse, Malebaren,
Alle sind gleich schlecht gefahren. –
Ich nun trachte, unsern echten
Urwaldurlaut zu verfechten, –
Möcht' den Leichnam neu beseelen, –
Unser Recht auf Gröhlen stählen, –
Gröhlte selber, zu ertrutzen
Seinen volksliedhaften Nutzen. –
Doch man hat mich schnöd' verlassen. –
Wirst wohl jetzt mein Trauern fassen.
Dank, daß Du gehört mich Armen; –
Weißt Du Rat, so hab' Erbarmen!

Peer Gynt(leise.)
Mit den Wölfen, mit den lieben,
Muß man heulen, steht geschrieben.
(Laut.)
Freund, nach sicherem Gerüchte
Gibt es in Marokko Schlüchte
Noch voll Orangutang-Schwärmen,
Die sich ohne Sänger härmen.
Deren Mund spricht malebarisch!
Wie honett und exemplarisch
Wär's nun, dächten Sie (gleich andern
Standspersonen), auszuwandern –

Huhu.
Dank, daß Du gehört mein Flehen;
Wie Du rätst, so soll's geschehen.
(Mit einer großen Gebärde.)
Hat der Osten mich zum besten, –
Orangutangs hat der Westen!
(Geht weiter.)

Begriffenfeldt.
Na, war er er selbst? Gar sehr, wenn's beliebt.
Von sich selbst ist er voll, lebt sich selber allein,
Gibtsich, was immer er von sich gibt,
Sich selber kraft seines Außer-sich-sein.
Wohlan! Ein andres hier meiner Kinder; –
Seit gestern abend vernünftig nicht minder!
(Zu einem Fellah, der eine Mumie auf dem Rücken trägt.)
König Apis, mein hoher Herre, wie geht es?

Der Fellah(wild zu Peer Gynt.)
Bin ich König Apis?

Peer Gynt(zieht sich hinter den Doktor zurück.)
                              Ja, leider steht es
Mit meinem Wissen hier äußerst peinlich,
Doch sind Sie, nach Ihrem Ton, wahrscheinlich –

Der Fellah.
Jetzt lügst Du auch!

Begriffenfeldt.     Eure Hoheit berichte,
Wie die Sachen stehn.

Der Fellah(wendet sich Peer Gynt zu.)
                                Hör' meine Geschichte!

Wen trag' ich hier wohl auf dem Rücken? –
Einen König, der Apis hieß!
Jetzt heißt er nur noch eine Mumie
Und ist ganz tot überdies.

Er baute die Pyramiden
Und haute die große Sphinx,
Und kriegte, wie der Doktor sich ausdrückt,
Mit dem Türken bald rechts und bald links.

Und darum hat auch Ägypten
Als Gott ihn preisen gelehrt
Und in seinen Tempeln ihn unter
Dem Bild eines Ochsen verehrt. –

Dochich bin dieser Gott Apis,
Das ist wie die Sonne zu sehn;
Und wenn Du es nicht verstehest,
So wirst Du es bald verstehn.

Es schwang sich nämlich beim Jagen
Vom Pferd einst Apis, der Held,
Und ging einen Augenblick seitwärts
Auf meines Urgroßahns Feld.

Der Grund aber, den er da düngte,
Ernährte mich mit seinem Korn;
Und braucht es noch mehr der Beweise,
So hab' ich ein unsichtbar Horn.

Und ist das nun nicht zum Verzweifeln,
Daß ganz ohne Herold ich bin!
Von Geburt bin ich Apis im Lande,
Doch Fellah in anderer Sinn.

Kannst einen Rat Du mir geben,
So mache mich damit reich; –
Was soll ich tun, daß ich werde
König Apis dem Großen gleich?

Peer Gynt.
Eure Hoheit bau' Pyramiden,
Und hau' eine große Sphinx,
Und krieg', wie der Doktor sich ausdrückt,
Mit dem Türken bald rechts und bald links!

Der Fellah.
Ja, das ist mir eine Rede!
Ein Fellah! Eine hungrige Laus!
Bin froh, wenn ich meine Hütte
Rein halt' von Ratz' und Maus.

Auf, Mann, – etwas Bessres erfunden,
Was groß macht und sicher vor Spott,
Und was mich obendrein gleich macht
Auf meinem Rücken dem Gott!

Peer Gynt.
Wie, wenn Eure Hoheit sich hängten,
Und darauf in der Erde Schoß,
In des Sarges natürlichen Grenzen,
Verhielte sich regungslos?

Der Fellah.
Mein Leben für einen Strick denn!
An den Galgen mit Haut und Haar! –
Der Unterschied wird nicht sehr groß sein –
Und völlig verwischt übers Jahr.
(Geht hin und macht Anstalten, sich zu hängen.)

Begriffenfeldt.
Das war auch eine Persönlichkeit, –
Ein Mann mit Methode, –

Peer Gynt.                         Ja, ja, soweit – –
Doch da hängt er sich wirklich? Gott soll uns bewahren!
Mir schwindelt; – ich fühl' mich schon ganz zerfahren!

Begriffenfeldt.
Ein Übergangszustand; nur kurz von Frist.

Peer Gynt.
Wozu –? Entschuldigen Sie, – mir ist –

Begriffenfeldt(hält ihn fest.)
Sind Sie verrückt, Herr?

Peer Gynt.                       Noch nicht –! Ohne Bangen!

(Alarm. Der Minister Hussein drängt sich durch den Schwarm.)

Hussein.
Man hat mir gemeldet, ein Kaiser sei hier.
(Zu Peer Gynt.)
Sind Sie es?

Peer Gynt (verzweifelt.)
                  So sicher wie zwei mal zwei vier!

Hussein.
Gut. – Hier sind Noten, die Antwort verlangen.

Peer Gynt (rauft sich das Haar.)
Heißa! Recht so! So paßt es Peeren!

Hussein.
Woll'n Sie mich mit einem Tunk beehren?
(Verbeugt sich tief.)
Ich bin eine Feder.

Peer Gynt (verbeugt sich noch tiefer.)
                            Und ich, wie Sie sehn,
Ein krimskramsig, kaiserlich Pergamen.

Hussein.
Mein Schicksal, Herr Kaiser, hier kennt es ein jeder:
Ich gelt' für ein Sandfaß und bin eine Feder.

Peer Gynt.
Mein Schicksal, Herr Feder, ist, wenn Sie belieben, –
Ich bin ein Papier und werd' niemals beschrieben.

Hussein.
Für meinen Beruf geht keinem der Verstand auf;
Sie nehmen mich alle und streun mit mir Sand auf!

Peer Gynt.
Ich lag einst als Buch in eines Weibes Schoß; –
Tu' recht oder schlecht, – 's ist ein Druckfehler bloß!

Hussein.
Stell'n Sie sich vor, wie entsetzlich man leidet,
Als eine Feder, die nie jemand schneidet!

Peer Gynt (macht einen Sprung.)
Wissen Sie, was einen Renbock für Qual ankommt,
Der von oben herabspringt – und niemals im Tal ankommt?

Hussein.
Ein Messer! Ich bin stumpf! Auf! Schneidet und schnitzt!
Die Welt geht unter, wenn niemand mich spitzt!

Peer Gynt.
's wär' schad' um die Welt, die, wie alles, was hausgemacht,
Den Herrgott bedünkte so wundervoll ausgedacht.

Begriffenfeldt.
Hier ist ein Messer!

Hussein (ergreift es.) Ha, Tinte zu lecken!
Wollust, sich schneiden zu –!
(Schneidet sich über den Hals.)

Begriffenfeldt (weicht zur Seite.)
                                          Nur keine Flecken!

Peer Gynt (in steigender Angst.)
Haltet ihn!

Hussein.       Haltet mich! Wort der Gnade!
Haltet die Feder! Papier aus der Lade!
(Fällt um.)
Ich bin abgenutzt. Nachschrift, – in Grabschriftstil:
Er lebt' und er starb als geführter Kiel!

Peer Gynt (taumelt.)
Was soll ich –! Was bin ich? Du großer –, halt' fest!
Ich bin alles, was Du willst, – ein Türk', ein Verbrecher,
Ein Bergtroll –; nur hilf; – das gab mir den Rest –!
(Schreit.)
Ich weiß nicht mehr, wie Du Dich nennen läßt – –
Hilf mir, Du, – aller Narren Fürsprecher!
(Fällt in Ohnmacht.)

Begriffenfeldt, (mit einem Strohkranz in der Hand, macht einen Sprung und setzt sich rittlings über ihn.)
Da ist er von sich selbst! Daß er
Im Staub die Krone denn empfange!
(Drückt ihm den Kranz auf und ruft aus.)
Der Selbstsucht Kaiser lebe lange!

Schafmann (im Käfig.)
Es lebe hoch der große Peer!

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