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Gutenberg > Bernardin de Saint-Pierre >

Paul und Virginie

Bernardin de Saint-Pierre: Paul und Virginie - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul und Virginie und die Indische Hütte
authorBernardin de Saint-Pierre
translatorG. Fink
firstpub1840
year1840
publisherVerlag von Dennig, Finck & Co.
addressPforzheim
titlePaul und Virginie
created20050528
sendergerd.bouillon
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Ungeachtet meine Einsiedelei, die mitten in einem Walde liegt, nicht die großartige und mannigfaltige Aussicht gewährt, wie die Anhöhe, aus der wir uns gegenwärtig befinden, so bietet sie doch auch manches Interessante, zumal für einen Mann wie ich, der sich lieber in sich selbst zurückzieht, als nach Außen ausbreitet. Das Flüßchen, das an meiner Thüre vorüberrauscht, zieht in gerader Linie durch den Wald und bildet einen langen, von dichtem Laubwerk beschatteten Kanal. Es wachsen hier Tatamaken, Ebenholz und diejenige Baumart, die man hier zu Lande Apfelholz nennt, ferner Oliven- und Zimmtbäume. Gruppen von Palmen erheben da und dort ihre nackten, über hundert Fuß langen Stämme, deren Wipfel mit Büscheln von Blättern geziert sind und über die andern Bäume hinwegragen, gleich als wäre ein zweiter Wald auf den Wald gepflanzt. Lianen aller Art schlingen sich von einem Baume zum andern und bilden hier blumige Bogengänge, dort lange Gehänge von Laubwerk. Die meisten dieser Bäume geben aromatische Gerüche, und ihr Duft setzt sich in den Kleidern so fest, daß man daran oft nach mehrern Stunden noch erkennt, wer durch den Wald gegangen ist. In der Blüthenzeit würden Sie glauben, Schnee bedecke den Hain. Gegen Ende des Sommers kommen mehrere Arten fremder Vögel, durch einen unbegreiflichen Instinkt getrieben, aus unbekannten Gegenden über das weite Meer her, um die Samenkörner dieser Insel aufzupicken und mit dem Glanz und der Pracht ihres Gefieders das von der Sonne gebräunte Grün dieser Bäume zu beleben. Ich will nur verschiedene Arten Papagaien anführen und die blaue Taube, die wir holländische Taube nennen. Die Affen, die einheimischen Bewohner dieser Wälder, treiben sich auf den dunkeln Aesten herum, von denen sie sich durch ihr graues und grünes Haar und ihr kohlschwarzes Gesicht unterscheiden. Die einen schaukeln sich am Schwanze in der Luft, andere springen mit ihren Jungen im Arme von Zweig zu Zweig. Niemals hat die mörderische Flinte diese friedsamen Kinder der Natur erschreckt. Hier hört man nur den Ruf der Freude, das Zwitschern und die unbekannten Gesänge einiger Vögel aus den Südländern, vom Echo der Wälder in der Ferne wiederholt. Der Fluß, der mitten durch den Wald über sein Felsenbett dahin rauscht, spiegelt in seinen klaren Fluten da und dort diese ehrwürdigen Bäume mit ihrem schattigen Grün und die Spiele ihrer glücklichen Bewohner zurück. Tausend Schrate davon stürzt er sich über verschiedene Felsengehänge und bildet einen krystallhellen Wasserfall, der sich in schäumenden Brudel bricht. Ein dumpfes Getöse begleitet diesen Fall, und durch die Lüfte in den Wald getragen, ertönt es bald in der Ferne, bald näher, ernst und feierlich wie die Glockentöne einer Kathedrale. Die von der ewigen Bewegung des Wassers stets erfrischte Luft unterhält von den Ufern dieses Flusses trotz der brennenden Sonnenhitze ein Grün und eine Kühle, wie man sie auf dieser Insel selten, selbst auf den Höhen nicht, findet.

In einiger Entfernung von da ist ein Fels, weit genug von dem Wasserfalle hinweg, daß man nicht von seinem Getöse betäubt wird, und doch nahe genug, um den Anblick und die Frische der stürzenden Flut genießen zu können. Im Schatten dieses Felsen speisten wir manchmal während der größten Hitze zu Mittag, Frau von Latour, Margarethe, Virginie, Paul und ich. Da Virginie bei allen ihren Handlungen, selbst den geringfügigsten, stets auf das Wohl Anderer bedacht war, so aß sie auf dem Felde nie eine Frucht, ohne die Kerne derselben in den Boden zu stecken. »Es können daraus Bäume entstehen,« sagte sie, »deren Früchte vielleicht einen Wanderer oder wenigstens einen Vogel erquicken werden.« Eines Tages, als sie am Fuße dieses Felsen eine Melone gegessen hatte, pflanzte sie die Kerne dieser Frucht dahin. Bald wuchsen mehrere Melonenbäume, worunter auch ein weiblicher, d. h. ein fruchttragender. Dieser Baum reichte Virginien kaum an das Knie, als sie abreiste; da er aber sehr schnell wächst, so war er nach zwei Jahren bereits zwanzig Fuß hoch und trug mehrere reife Früchte. Einst kam Paul zufällig hierher und war hoch erfreut, als er diesen großen Baum sah, der aus dem kleinen Kern, den seine Geliebte gepflanzt hatte, entstanden war; zugleich aber befiel ihn tiefe Traurigkeit bei diesem Zeugen ihrer langen Abwesenheit. Die Gegenstände, die wir tagtäglich sehen, lassen uns den reissenden Lauf der Zeit nicht gewahr werden, sie altern unmerklich selbst mit uns. aber das, was wir einige Jahre aus dem Auge verloren haben und nun auf einmal wieder erblicken, zeigt uns, wie schnell der Strom unserer Tage dahinfließt. Paul war bei dem Anblick dieses großen mit Früchten beladenen Melonenbaumes eben so erstaunt und betroffen, wie ein Reisender, der nach langer Abwesenheit in's Vaterland zurückkehrt und dort seine alten Bekannten nicht mehr trifft, dagegen ihre Kinder, die er an der Brust der Mutter verlassen, selbst Familienväter geworden sieht. Bald wollte er ihn abhauen, weil er ihm die Länge der Zeit, die seit Virginiens Abreise verflossen war, gar zu fühlbar machte, bald aber betrachtete er ihn wieder als ein heiliges Denkmal ihres wohlwollenden frommen Sinnes; er küßte den Stamm und richtete an ihn Worte voll Liebe und Sehnsucht. O Baum, dessen Schößlinge noch jetzt in unsern Wäldern grünen, auch ich habe dich mit mehr Rührung und Ehrfurcht betrachtet, als die Triumphbogen der Römer! Möge die Natur, die täglich die Monumente des Ehrgeizes der Könige zerstört, das des frommen Sinnes eines armen jungen Mädchens in unsern Wäldern verewigen!

Unter diesem Melonenbaum traf ich Paul gewiß, so oft er in meine Gegend kam. Eines Tags war er besonders traurig und ich hatte mit ihm ein Gespräch, das ich Ihnen erzählen will, wenn meine vielen Abschweifungen Ihnen nicht schon jetzt langweilig sind; Sie müssen sie meinem Alter und den Erinnerungen meiner letzten Freundschaften zu gut halten. Ich gebe es Ihnen als Dialog, damit Sie den guten gesunden Sinn des Jünglings um so besser beurtheilen können. Den Unterschied der redenden Personen werden Sie durch den Inhalt der Fragen und Antworten leicht errathen.

Er sagte zu mir:

»Ich bin sehr betrübt. Fräulein von Latour ist jetzt schon zwei Jahre und zwei Monate abwesend, und seit acht und einem halben Monat hat sie nichts von sich hören lassen. Sie ist reich; ich bin arm: sie hat mich vergessen. Ich habe Lust, mich auch einzuschiffen und nach Frankreich zu gehen; ich werde dort dem Könige dienen, ich werde mein Glück machen, und die Großtante des Fräuleins von Latour wird mir die Tochter ihrer Nichte zur Frau geben, wenn ich ein großer Herr geworden seyn werde.«

Der Greis.

Lieber Freund! hast Du mir nicht gesagt, daß Du nicht von Stande seyest?

Paul.

Meine Mutter sagte so, ich weiß aber nicht, was sie damit sagen will. Ich habe nie bemerkt, daß ich weniger Stand hätte, als ein Anderer, oder daß Andere mehr hätten, als ich.

Der Greis.

Und doch verschließt Dir der Mangel an dem, was man Stand und Geburt nennt, in Frankreich den Weg zu allen Ehrenstellen. Ja, Du kannst nicht einmal in irgend einen höheren und bevorrechteten Stand aufgenommen werden.

Paul.

Sie haben mir doch selbst oft gesagt, daß Frankreich besonders auch dadurch so mächtig geworden sey, weil dort auch der geringste Unterthan zu allen Ehrenstellen gelangen könne, und Sie haben mir viele berühmte Männer genannt, die aus der Niedrigkeit emporgestiegen und Zierden ihres Vaterlandes geworden sind. Wollten Sie denn meinen Muth täuschen?

Der Greis.

Nein, mein Sohn! ich werde ihn nie niederschlagen. Was ich Dir sagte, war wahr, aber nur von vergangenen Zeiten. Jetzt hat sich Alles geändert: in Frankreich ist jetzt Alles käuflich, Alles das Eigenthum einer kleinen Anzahl von Familien oder Ständen. Der König ist eine Sonne, welche die Großen und die Stände wie Wolken umhüllen; es ist beinahe unmöglich, daß eine ihrer Strahlen auf Dich fallen kann. Früher, als die Staatsverwaltung noch weniger verwickelt und einfacher war, waren solche Erscheinungen nicht selten. Damals entwickelten sich die Talente und Verdienste von allen Seiten, wie ein neuer Boden, den man erst urbar macht, mit seinem ganzen Safte treibt. Aber die großen Könige, welche die Menschen zu würdigen und auszuwählen wissen, sind selten. Die Masse der Fürsten folgt nur den Einflüsterungen der Großen und Stände, die sie umgeben.

Paul.

Vielleicht finde ich einen dieser Großen, der sich meiner annimmt.

Der Greis.

Wer von den Großen beschützt werden will, muß ihrem Ehrgeiz und ihren Leidenschaften schmeicheln. Du wirst auf diesem Wege nie dein Glück machen, denn Du bist nicht von Stande und hast ein Gewissen.

Paul.

Ich will mich durch Muth auszeichnen, ich will meinem Worte so treu seyn, so pünktlich in Ausübung meiner Pflichten, so eifrig und so beständig in meiner Freundschaft, daß einer von ihnen mich adoptirt, wie ich dieß in den alten Geschichten, die Sie mir zum Lesen gaben, oft gefunden habe.

Der Greis.

O mein Freund! bei den Griechen und Römern, selbst zur Zeit ihres Verfalls, hatten die Großen noch Achtung vor der Tugend; wir aber haben eine Menge berühmter Männer aus allen Fächern gehabt, die aus dem Volke stammten, und ich weiß keinen Einzigen, der von einem Großen adoptirt worden wäre. Ohne unsere Könige wäre die Tugend in Frankreich verbannt, ewig Plebejerin zu seyn. Wie gesagt, diese bringen sie manchmal zu Ehren, wenn sie sie bemerken; jetzt aber sind die Auszeichnungen, die sonst ihr vorbehalten waren, nur um Geld zu haben.

Paul.

Nun, so will ich einem Stande zu gefallen suchen. Ich werde ganz seinen Geist und seine Ansichten annehmen und mich so bei ihm beliebt machen.

Der Greis.

So willst Du also, wie andere Menschen, dein Gewissen opfern, um zum Glück zu gelangen?

Paul.

O nein, ich werde immer nur der Wahrheit getreu bleiben.

Der Greis.

Dann wirst Du Haß einernten, statt Liebe. Ohnehin bekümmern sich die Stände sehr wenig um die Entdeckung der Wahrheit; den Ehrgeizigen ist jede Meinung gleichgültig, wenn sie nur am Ruder sind.

Paul.

Ach! wie unglücklich bin ich! Alles stößt mich zurück. Ich bin verdammt, mein Leben in niederer Arbeit, fern von Virginien, zuzubringen! – und bei diesen Worten seufzte er tief auf.

Der Greis.

Laß Gott deinen einzigen Schützer und die Menschheit den Stand seyn, dem Du dienst! Bleibe beständig diesen beiden getreu: die Familien, die Stände, die Völker, die Könige haben ihre Vorurtheile und ihre Leidenschaften; man muß ihnen oft durch Laster dienen: Gott und die Menschheit verlangen nur Tugenden.

Aber warum willst Du Dich vor andern Menschen auszeichnen? Dieß Verlangen ist nicht in der Natur gegründet, denn wenn alle Menschen so dächten, so müßte jeder mit seinem Nachbar Krieg führen. Begnüge Dich damit, die Stelle, auf welche Dich die Vorsehung gewiesen hat, auszufüllen; segne dein Geschick, das Dir erlaubt, ein Gewissen zu haben, und Dich nicht zwingt, wie die Großen der Erde, dein Glück in die Meinung des Pöbels zu setzen oder, wie der Pöbel, vor den Füßen der Großen zu kriechen, um nur leben zu können. Du lebst in einem Lande und in einer Lage, wo Du, um deinen Unterhalt zu haben, weder zu kriechen noch zu schmeicheln, noch Dich herabzuwürdigen brauchst, wie fast Alle thun müssen, die in Europa ihr Glück suchen; dein Stand verbietet Dir die Ausübung keiner Tugend; Du kannst ungestraft gut, wahrheitsliebend, aufrichtig, unterrichtet, duldsam, mäßig, keusch, nachsichtig und fromm seyn, ohne daß deine Weisheit, die noch in ihrer Blüthe ist, in's Lächerliche gezogen wird. Der Himmel hat Dir Freiheit, Gesundheit, ein gutes Gewissen und Freunde gegeben: die Könige, um deren Gunst Du buhlen willst, sind nicht so glücklich.

Paul.

Ach, mir fehlt Virginie! Ohne sie habe ich nichts, mit ihr hätte ich Alles. Sie allein ist mein Stand, mein Ruhm und mein Glück. Aber da ihre Verwandte ihr nun einmal einen Gatten geben will, der einen großen Namen haben soll, so will ich studieren und mich zu einem berühmten Gelehrten ausbilden. Durch meine Gelehrsamkeit werde ich dem Vaterlande nützliche Dienste leisten, ohne Jemand zu beeinträchtigen oder von Jemand abzuhängen: ich werde berühmt werden und mein Ruhm wird nur mir allein gehören.

Der Greis.

Mein Sohn! ausgezeichnete Talente und Kenntnisse sind noch weit seltener als Geburt und Reichthum; und gewiß sind sie weit größere Güter, da Niemand sie uns rauben kann und sie uns überall die allgemeine Hochachtung erwerben. Aber auch sie kommen oft sehr theuer zu stehen. Man erhält sie nur durch Entbehrungen aller Art und durch eine Zartheit des Gefühls, die oft innerlich und äußerlich unglücklich macht, indem sie den Besitzer mehr als jeden Andern den Verfolgungen seiner Zeitgenossen preisgibt. In Frankreich beneidet der Staatsmann den Militär nicht um seinen Ruhm, der Militär nicht den Seemann; aber Alle werden dort deinen Weg durchkreuzen, weil Alle sich einbilden, Geist zu haben. Du sagst, Du wollest den Menschen dienen? O gewiß, Derjenige, der dem Acker eine einzige Garbe mehr entlockt, erweist ihnen einen größeren Dienst, als der, der ihnen ein Buch gibt.

Paul.

O die, die diesen Melonenbaum gepflanzt hat, hat den Bewohnern dieser Wälder ein nützlicheres, freundlicheres Geschenk gemacht, als wenn sie ihnen eine Bibliothek gegeben hätte. – Und er umschlang den Baum und küßte ihn mit Entzücken.

Der Greis.

Das beste aller Bücher, das Buch, das nichts als Gleichheit, Liebe, Menschlichkeit und Eintracht predigt, das Evangelium, hat Jahrhunderte lang den Europäern zum Vorwand ihrer Rasereien dienen müssen. Wie viele öffentliche und geheime Tyranneien werden in seinem Namen noch jetzt auf der Erde begangen! Wer kann sich nach solchen Vorgängen schmeicheln, den Menschen durch ein Buch nützlich zu seyn? Erinnere Dich, welches Schicksal die meisten Philosophen hatten, die ihnen Weisheit predigten. Homer, der sie in so schöne Verse gekleidet hat, mußte sein Brod vor den Thüren betteln. Sokrates, der den Athenern durch Vorträge und durch eigenes Beispiel so vortreffliche Lehren gab, wurde durch Richterspruch zum Giftbecher verdammt. Sein erhabener Schüler Plato wurde auf Befehl desselben Fürsten, der sich für seinen Beschützer ausgab, als Sklave verkauft, und noch vor diesen Beiden wurde Pythagoras, dessen Menschlichkeit sich bis auf die Thiere erstreckte, von den Krotoniaten lebendig verbrannt. Was sage ich? die meisten dieser berühmten Namen sind nur durch hämische und satirische Züge entstellt zu uns gekommen, denn der menschliche Undank gefällt sich darin, sie zu verunglimpfen; und wenn unter der großen Masse der Ruhm Einzelner rein und ungetrübt zu uns gelangt ist, so kommt dieß daher, daß die Männer, denen er gebührte, von ihren Zeitgenossen entfernt gelebt haben. So findet man in den Gefilden Griechenlands und Italiens noch ganze Statuen, die nur dadurch der Wuth der Barbaren entgingen, weil sie im Schoß der Erde begraben waren.

Du siehst also, daß man, um den stürmischen Ruhm der Gelehrsamkeit zu erwerben, viele Tugend haben und sich bereit fühlen muß, sein Leben zu opfern. Glaube übrigens ja nicht, daß die reichen Leute in Frankreich diesem Ruhme einige Bedeutung beilegen. Sie bekümmern sich wenig um die Gelehrten, denen ihr Wissen weder Würden, noch einträgliche Ehrenämter, noch Zutritt bei Hof verschafft. Man ist zwar nicht verfolgungssüchtig in diesem gegen Alles, außer Geld und Genüssen, gleichgültigen Jahrhundert; aber ausgezeichnete Kenntnisse und Tugend führen auch nicht zu Ehren und Rang, denn für Geld ist Alles im Staate käuflich. Ehemals fanden sie sichere Belohnung in verschiedenen geistlichen oder weltlichen Aemtern: heutzutage dienen sie zu nichts, als zum Büchermachen. Aber dennoch ist diese von den Weltleuten wenig geschätzte Frucht immerhin ihres himmlischen Ursprungs würdig. Eben diesen Büchern ist es hauptsächlich vorbehalten, der verborgenen Tugend Glanz zu verleihen, Unglückliche zu trösten, Völker aufzuklären und selbst Königen die Wahrheit zu sagen. Dieß ist ohne Widerrede der erhabenste Beruf, womit der Himmel einen Sterblichen auf Erden beehren kann. Wer wollte sich nicht über die Ungerechtigkeit oder Verachtung Derjenigen, die über sein äußeres Glück entscheiden, trösten, wenn er bedenkt, daß sein Werk von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Volk zu Volk dem Irrthum und der Tyrannei Schranken setzen, und daß aus dem Schoße der Dunkelheit, worin er lebte, ein Glanz aufsteigen wird, welcher den der meisten Könige überstrahlt, deren Monumente trotz der Schmeichler, die ihnen Weihrauch streuen, in Vergessenheit untergehen?

Paul.

Ach! ich wünschte diesen Glanz nur, um ihn über Virginie auszugießen und sie der ganzen Welt theuer zu machen. Aber Sie, der so Vieles weiß, sagen Sie einmal, ob wir uns heirathen werden. Ich möchte nur deßwegen ein Gelehrter seyn, um wenigstens die Zukunft voraus zu wissen.

Der Greis.

Mein Sohn, wer würde noch leben wollen, wenn er dieß wüßte? Schon ein einziges Unglück, das wir voraussehen, macht uns so vielen unnöthigen Kummer, und vollends die Aussicht auf ein gewisses Unglück würde schon vor seiner Erscheinung jede Stunde vergiften. Man muß selbst das, was uns umgibt, nicht zu sehr ergründen wollen, und der Himmel, der uns Ueberlegungskraft gegeben hat, um für unsere Bedürfnisse zu sorgen, hat uns diese Bedürfnisse gegeben, um unserer Ueberlegung Schranken zu setzen.

Paul.

Mit Geld also, sagen Sie, kann man in Europa Würden und Ehren erlangen. So will ich denn nach Bengalen gehen, um mich dort zu bereichern und dann Virginie in Paris zu heirathen. Ich will mich einschiffen.

Der Greis.

Wie! Du wolltest ihre und deine Mutter verlassen?

Paul.

Sie selbst haben mir gerathen, nach Indien zu gehen.

Der Greis.

Damals war Virginie noch hier; aber jetzt bist Du die einzige Stütze deiner und ihrer Mutter.

Paul.

Virginie wird sie mit Hülfe ihrer reichen Verwandten schon unterstützen.

Der Greis.

Die Reichen helfen nur Denjenigen, die ihnen Ehre in der Welt machen. Sie haben Verwandte, die oft weit mehr zu beklagen sind, als Frau von Latour, Verwandte, die aus Mangel an Unterstützung ihre Freiheit aufopfern, um nur Brod zu haben, und ihr Leben in Kloster-Einsamkeit vertrauern müssen.

Paul.

Welch ein Land ist dieß Europa! O! Virginie muß zu uns zurückkommen. Wozu bedarf sie dieser reichen Verwandten? Sie lebte so vergnügt unter diesen Hütten, sie war so hübsch und so schön geputzt mit einem rothen Tuche oder einem Blumenkranz um ihr Haupt! O komm zurück, Virginie, verlaß deine stolzen Paläste. Komm zurück in diese Felsen, in den Schatten dieser Wälder und unserer Cocosbäume. Ach, du bist jetzt vielleicht unglücklich!..... (Dabei fing er an zu weinen.) Mein Vater, verbergen Sie mir nichts; wenn Sie mir nicht sagen können, ob ich Virginien zur Frau bekommen werde, so sagen Sie mir wenigstens, ob sie mich noch liebt mitten unter diesen großen Herren, die mit dem Könige sprechen und die sie sehen werden.

Der Greis.

Ja, mein Freund! ich bin überzeugt, daß sie Dich noch liebt, aus mehreren Gründen, besonders aber, weil sie tugendhaft ist. – Bei diesen Worten siel mir Paul entzückt um den Hals.

Paul.

Aber sind denn in Europa alle Frauen falsch, wie sie in den Schauspielen und Büchern, die Sie mir geliehen haben, dargestellt werden?

Der Greis.

Die Frauen sind überall falsch, wo die Männer Tyrannen sind. Gewalttätigkeit erzeugt überall List und Betrug.

Paul.

Wie kann man aber gegen Frauen ein Tyrann seyn?

Der Greis.

Wenn man sie verheirathet, ohne nach ihrem eigenen Willen zu fragen, z. B. ein junges Mädchen an einen alten Mann, ein gefühlvolles Wesen an einen Gleichgültigen.

Paul.

Warum verbindet man denn nicht die, die zusammen passen, die Jungen mit den Jungen, die Liebenden mit den Geliebten?

Der Greis.

Weil die meisten jungen Leute in Frankreich nicht Vermögen genug haben, um eine Familie ernähren zu können, und alt werden, ehe sie so viel erhalten. So lange sie jung sind, verführen sie die Frauen ihrer Nachbarn, und alt sind sie nicht mehr im Stande, die Neigung ihrer Gattinnen zu fesseln. In ihrer Jugend haben sie betrogen und im Alter werden sie betrogen. Es ist dieß eine jener Gegenwirkungen der Gerechtigkeit, welche die Welt regiert: ein Vergehen wiegt immer ein anderes Vergehen auf. So bringen die meisten Europäer ihr Leben in dieser doppelten Unordnung zu, und diese Unordnung greift in einem Staate immer mehr um sich, je mehr der Reichthum sich bloß auf die geringere Anzahl von Köpfen beschränkt. Der Staat gleicht einem Garten, wo die kleinen Bäume nicht gedeihen können, wenn mehrere zu große da sind, die sie beschatten; nur mit dem Unterschied, daß die Schönheit eines Gartens mit einer kleinen Anzahl großer Bäume bestehen kann, während das Glück eines Staates immer nur von der Menge und Gleichheit seiner Bewohner, nicht aber von einer kleinen Zahl Reicher abhängt.

Paul.

Warum muß man denn aber reich seyn, wenn man heirathen will?

Der Greis.

Damit man seine Tage im Ueberfluß und mit Nichtsthun zubringen kann.

Paul.

Und warum arbeitet man denn nicht? Ich arbeite gern.

Der Greis.

Weil in Europa die Händearbeit entehrt: man nennt sie mechanische Arbeit, und gerade der Ackerbau ist die verachtetste aller Arbeiten. Ein Handwerker ist weit mehr geschätzt, als ein Bauer.

Paul.

Wie? die Kunst, welche den Menschen ernährt, ist in Europa verachtet! Ich begreife Sie nicht.

Der Greis.

Ein in der Natur aufgewachsener Mensch kann freilich die Schlechtigkeiten der bürgerlichen Gesellschaft nicht begreifen. Er vermag sich zwar einen deutlichen Begriff von der Ordnung zu machen, aber nicht von der Unordnung. Die Schönheit, die Tugend und das Glück beruhen auf richtigen Verhältnissen, die Häßlichkeit, das Laster und das Unglück haben keine Verhältnisse.

Paul.

Die reichen Leute sind also sehr glücklich! Sie finden nirgends Hindernisse und können den Personen, die sie lieben, Vergnügen machen, so viel sie wollen.

Der Greis.

Die meisten von ihnen sind gegen alle Freuden abgestumpft, gerade weil sie ihnen keine Mühe kosten. Hast Du nicht selbst schon die Erfahrung gemacht, daß man sich den Genuß der Ruhe durch Müdigkeit, einen guten Appetit durch Hunger, das Vergnügen des Trinkens durch Durst erkaufen muß? Ach! und das Glück, zu lieben und geliebt zu werden, erlangt man es nicht erst durch eine Menge Entbehrungen und Opfer? Der Reichthum raubt den Reichen alle diese Freuden, indem er ihren Bedürfnissen zuvorkommt. Dazu kommt noch die Langeweile, die der Uebersättigung auf dem Fuße folgt, der Stolz, ein Kind diesem Ueberflusses, den die geringste Entbehrung auf's empfindlichste verletzt, selbst dann, wenn die größten Genüsse keinen Reiz mehr für ihn haben. Der Duft von tausend Rosen gefällt nur einen Augenblick, aber der Schmerz, den ein einziger ihrer Dornen verursacht, dauert noch lange nach dem Stich. Eine Unannehmlichkeit mitten unter ihren Vergnügungen ist für die Reichen ein Dorn mitten unter Blumen, für die Armen dagegen ist ein Vergnügen mitten unter ihren Mühseligkeiten eine Blume unter Dornen und ein ausgezeichneter Genuß. Jede Wirkung wird durch ihren Gegensatz erhöht. Die Natur hat Alles abgewogen. Welchen Zustand hältst Du, beim Lichte betrachtet, für den wünschenswerten, den, wo man fast nichts zu hoffen und Alles zu fürchten, oder den, wo man fast nichts zu fürchten und Alles zu hoffen hat? Im ersten befinden sich die Reichen, im zweiten die Armen. Aber diese Extreme sind beide gleich unerträglich, denn das Glück besteht nur im richtigen Maße und in der Tugend.

Paul.

Was verstehen Sie unter Tugend?

Der Greis.

Mein Sohn, Dir, der Du deine Angehörigen mit deinen Arbeiten ernährst, braucht man dieß nicht auseinander zu setzen. Die Tugend ist eine Selbstüberwindung zum Wohl Anderer, in der Absicht, Gott allein zu gefallen.

Paul.

O! Virginie ist sehr tugendhaft! Aus Tugend wollte sie reich werden, um wohlthun zu können. Aus Tugend hat sie diese Insel verlassen: die Tugend wird sie auch zurückführen.

Loderndem Feuer gleich brannte jetzt der Gedanke an die baldige Rückkehr seiner Geliebten in der Brust des Jünglings, und alle seine Bekümmernisse verschwanden. Virginie hatte nicht geschrieben, weil sie selbst kommen wollte. Man bedurfte ja nur kurzer Zeit, um mit gutem Winde aus Europa herzusegeln. Er fing an, die Schiffe herzuzählen, die diese Fahrt von 4500 Seemeilen in weniger als drei Monaten gemacht hatten. Das Schiff, auf welchem Virginie kommen mußte, konnte nicht über zwei Monate brauchen. Die Baumeister waren ja neuerer Zeit so geschickt, die Seeleute so gewandt und erfahren. Er sprach von den Anordnungen, die er zu ihrem Empfange treffen wollte, von der neuen Wohnung, die er zu bauen gedachte, von den Vergnügungen und Ueberraschungen, die er ihr täglich bereiten wollte, wenn sie einmal seine Frau wäre. Seine Frau!..... Dieser Gedanke begeisterte ihn. »Dann, mein Vater!« sagte er, »sollen Sie bloß noch zu Ihrem Vergnügen arbeiten. Virginie ist reich, wir werden viele Schwarze haben, die Ihre Geschäfte besorgen. Sie müssen immer bei uns seyn und dürfen auf nichts denken, als sich zu vergnügen und angenehm zu unterhalten.« Er verließ mich voll Entzücken, um den Seinigen die Freude mitzutheilen, von der er berauscht war.

Es ist ein alter Erfahrungssatz, daß große Befürchtungen großen Hoffnungen auf dem Fuße nachfolgen. Die heftigen Leidenschaften werfen die Seele immer von einem Extrem in's andere. Am andern Tag kam Paul oft zu mir und war tief betrübt: »Virginie schreibt mir nicht,« sagte er. »Wenn sie abgereist wäre, so würde sie mir es gewiß gemeldet haben. Ach, die Gerüchte, die über sie umliefen, sind nur zu gegründet. Ihre Tante hat sie mit irgend einem großen Herrn vermählt. Die Liebe zum Reichthum hat sie, wie so viele Andere, verführt. In diesen Büchern, welche die Frauen so treffend zeichnen, ist die Treue nur eine Dichtung. Wäre Virginie treu gewesen, so hätte sie ihre eigene Mutter und mich nicht verlassen. Während ich keinen andern Gedanken habe, als sie, vergißt sie mich. Ich vergehe in Kummer, sie lebt herrlich und in Freuden. Ach, dieser Gedanke bringt mich zur Verzweiflung. Jede Arbeit ist mir zuwider, jede Gesellschaft langweilt mich. Wollte Gott, in Indien bräche der Krieg aus, ich würde sogleich hingehen, um dort zu sterben.«

Mein Sohn,« antwortete ich ihm, »der Muth, der uns in den Tod stürzt, ist nur der Muth eines Augenblicks. Oft wird er nur von eiteln Beifallsbezeigungen der Menge hervorgerufen. Es gibt einen weit seltenern und nothwendigern Muth, denjenigen, der uns in den Stand setzt, jeden Tag ohne Zeugen und ohne aufmunterndes Lob die Widerwärtigkeiten des Lebens zu ertragen. Sein Name ist Geduld. Sie stützt sich nicht auf die Meinung Anderer, oder auf die Einwirkung unserer Leidenschaften, sondern auf den Willen Gottes. Die Geduld ist der Muth der Tugend.«

Ach!« rief er aus, »so habe ich denn keine Tugend! Alles drückt mich zu Boden und bringt mich zur Verzweiflung!« – »Die Tugend,« antwortete ich, »die sich immer gleich bleibt, immer beständig und unwandelbar ist, ist dem Menschen nicht gegeben. Unter den Leidenschaften, die in uns stürmen, trübt und verfinstert sich unsere Vernunft: aber es gibt Leuchtthürme, an denen wir ihre Fackel wieder anzünden können. Ich meine die Wissenschaften.

Lieber Sohn, die Wissenschaften sind eine Hülfe des Himmels. Sie sind Strahlen jener das Weltall beherrschenden Weisheit, Strahlen, die der Mensch, durch himmlische Kunst begeistert, auf der Erde festzuhalten gelernt hat. Gleich den Strahlen der Sonne erleuchten, erfreuen und erwärmen sie; sie sind ein göttliches Feuer. Wie das Feuer machen sie die ganze Natur uns dienstbar; durch sie sind wir im Stande, Dinge, Orte, Menschen und Zeiten um uns zu versammeln. Sie sind es, die uns die Richtschnur des Lebens geben. Sie beschwichtigen die Leidenschaften, sie drücken die Laster darnieder, sie ermuntern die Tugenden durch die erhabenen Beispiele der Edlen, deren Namen sie verewigen und deren Bilder sie uns immer geehrt vorführen. Sie sind Töchter des Himmels und auf die Erde gekommen, um das Unglück des Menschengeschlechtes zu mildern. Die großen Schriftsteller, die sie begeistern, sind immer in denjenigen Zeiten erschienen, die für jedes Volk die härtesten waren, in den Zeiten der Barbarei und der Verdorbenheit. Die Wissenschaften, mein Sohn, haben eine unzählige Menge weit unglücklicherer Menschen, als Du bist, getröstet: Xenophon, den sein Vaterland ausstieß, nachdem er zehntausend Griechen in dasselbe zurückgeführt; Scipio, den Afrikaner, als er der Verleumdung der Römer; Lucull, als er ihrer Parteisucht; Catinat, als er der Undankbarkeit seines Hofes müde war. Die geistreichen Griechen haben jeder der neun Musen, welche das Reich der Wissenschaft beherrschen, einen besondern Theil unserer Geistesfähigkeiten zur Leitung übergeben: Wir müssen unsere Leidenschaften unter ihre Herrschaft stellen, damit sie ihnen Zaum und Gebiß anlegen. Sie müssen in ihrer Beziehung zu unsern Geistesfähigkeiten dieselben Verrichtungen haben, wie die Horen, welche die Pferde des Sonnengottes anspannten und leiteten.

Lies also, mein Sohn. Die Weisen, die vor uns geschrieben haben, sind Reisende, die uns auf den Pfaden des Unglücks vorangingen, die uns ihre Hand entgegenstrecken und uns einladen, in ihre Gesellschaft zu kommen, wenn uns Alles verläßt. Ein gutes Buch ist ein guter Freund.«

Ach!« rief Paul, »als Virginie noch hier war, brauchte ich nicht lesen zu können. Sie hatte so wenig studiert, als ich; aber wenn sie mich ansah und ihren Freund nannte, dann war es mir unmöglich, betrübt zu seyn.«

Sicherlich,« sagte ich zu ihn., »gibt es keinen so angenehmen Freund, als eine Geliebte, von der man wieder geliebt wird. Ohnehin besitzt das Weib jene leichte Munterkeit, die geeignet ist, den düstern Ernst des Mannes zu verscheuchen. Ihre Anmuth verjagt die schwarzen Phantome der Ueberlegung. Auf ihrem Gesichte wohnt Holdseligkeit und Vertrauen. Welche Freude wird nicht erhöht durch ihre Freude? Welche Stirne entrunzelt sich nicht bei ihrem Lächeln? Welcher Zorn widersteht ihren Thränen? Virginie wird mit mehr Philosophie zurückkommen, als Du besitzest. Sie wird sehr verwundert seyn, wenn sie den Garten nicht vollkommen wiederhergestellt findet, während sie trotz des Druckes ihrer Verwandten, fern von ihrer Mutter und Dir, nur auf seine Verschönerung bedacht ist.«

Der Gedanke an die nahe Rückkehr Virginiens erneuerte Pauls Muth und führte ihn zu seinen ländlichen Beschäftigungen zurück. Bei all seinem Kummer fühlte er sich glücklich, seiner Arbeit ein Ziel vorstecken zu können, das seiner Leidenschaft schmeichelte.

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