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Paul und Virginie

Bernardin de Saint-Pierre: Paul und Virginie - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul und Virginie und die Indische Hütte
authorBernardin de Saint-Pierre
translatorG. Fink
firstpub1840
year1840
publisherVerlag von Dennig, Finck & Co.
addressPforzheim
titlePaul und Virginie
created20050528
sendergerd.bouillon
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Manchmal steigen jedoch auch in einem Gemüthe von der besten Verfassung Wolken auf, die es trüben, und, wenn ein Mitglied ihrer Gesellschaft traurig schien, so vereinigten alle andere ihre Bemühungen um dasselbe und rissen es aus seiner schmerzlichen Stimmung mehr durch Empfindungen, als durch Vorstellungen. Jedes machte dabei seinen eigentümlichen Charakter geltend: Margarethe lebendige Heiterkeit, Frau von Latour sanfte Religiosität, Virginie zärtliche Liebkosungen, Paul Freimuth und Herzlichkeit; sogar Marie und Domingo kamen ihnen zu Hülfe. Sie waren betrübt, wenn sie eines betrübt sahen; und sie weinten, wenn sie es weinen sahen. So schlingen sich schwache Pflanzen in einander, um den Stürmen zu widerstehen.

Die schöne Jahrszeit führte sie alle Sonntage zur Messe in die Kirche der Pompelmusen, deren Thurm Sie dort unten in der Ebene sehen. Hieher kamen reiche Pflanzer im Palankin, welche sich mehrmals Mühe gaben, die Bekanntschaft dieser so einigen Familien zu machen und sie zu Lustpartien einzuladen. Allein sie wiesen ihre Anerbietungen immer höflich und achtungsvoll zurück, in der Ueberzeugung, daß vermögende Leute untergeordnete nur aufsuchen, um an ihnen Gefällige um sich zu haben, und daß man nicht gefällig seyn könne, ohne den Neigungen Anderer, seyen sie gut oder schlimm, zu schmeicheln. Auf der andern Seite vermieden sie eben so sorgfältig den vertrauten Umgang der kleineren Pflanzer, welche in der Regel eifersüchtig, verläumderisch und grob sind. Sie galten deßhalb im Anfang bei den Einen für blöde und bei den Andern für stolz; allein ihr zurückhaltendes Benehmen war von so verbindlichen Zeichen feinerer Bildung, hauptsächlich gegen Nothleidende, begleitet, daß sie unvermerkt die Achtung der Reichen und das Vertrauen der Armen erwarben.

An diesen Sonntagen nach der Messe kam man oft zu ihnen, sie um einen Liebesdienst anzusprechen. Es war entweder eine bedrängte Person, die sie um Rath fragte, oder ein Kind, welches sie bat, zu seiner kranken Mutter in eine der benachbarten Wohnungen zu kommen. Sie hatten immer einige für die gewöhnlichen Krankheiten der Bewohner dieser Gegend hülfreiche Mittel bei sich und verbanden damit die gute Art, welche kleinen Dienstleistungen einen so hohen Werth gibt. Vornehmlich gelang es ihnen, die geistigen Leiden zu verbannen, welche in der Einsamkeit und bei gebrechlichem Körper so schwer zu ertragen sind. Frau von Latour sprach mit so viel Vertrauen zur Gottheit, daß der Kranke beim Hören sie gegenwärtig glaubte. Virginie kam sehr oft mit von Thränen feuchten Augen, aber das Herz voll Freude, von solchen Gängen zurück; denn sie hatte Gelegenheit gehabt, Gutes zu thun. Sie war es, welche zum Voraus die erforderlichen Mittel für die Kranken bereitete und ihnen dieselben mit unaussprechlicher Anmuth darreichte.

Nach diesen menschenfreundlichen Besuchen setzten sie manchmal ihren Spaziergang durch das Thal des langen Berges bis zu meiner Wohnung fort, wo ich sie an den Ufern des kleinen Flusses in meiner Nachbarschaft zum Mittagessen erwartete. Ich versah mich für solche Gelegenheiten mit einigen Flaschen alten Weins, um die Heiterkeit unserer indianischen Mahlzeiten durch diese angenehmen und herzstärkenden Erzeugnisse Europas zu erhöhen. Andere Male kamen wir an den Ufern des Meeres zusammen bei der Mündung einiger andern kleinen Flüsse, welche hier nur große Bäche sind. Wir brachten dahin von Haus Lebensmittel aus dem Pflanzenreich und vereinigten dieselben mit denjenigen, welche uns das Meer im Ueberfluß darbot. Wir fingen an seinen Ufern Cabots, Polypen, Rothbärte, Seeheuschrecken, Seekrebse, Krabben, Seeigel, Austern und Schaalthiere aller Art. Die schauerlichsten Plätze verschafften uns oft das ungestörteste Vergnügen. Bisweilen saßen wir auf einem Felsen im Schatten eines Sammtbaumes und sahen zu, wie die Wogen der See heranfluteten und sich zu unsern Füßen mit schrecklichem Getöse brachen. Paul, der übrigens schwamm wie ein Fisch, ging manchmal bis auf die Steinriffe hinaus der Brandung entgegen; dann bei ihrer Annäherung floh er dem Ufer zu vor ihren großen schäumenden und brüllenden Wogen, die ihn bis weit auf den Strand herein verfolgten. Aber Virginie stieß bei diesem Anblick durchdringende Schreie aus und sagte, diese Spiele da machen ihr sehr bange.

Nach Beendigung unserer Mahlzeiten vergnügten sich die beiden jungen Leute mit Gesängen und Tänzen. Virginie besang das Landleben und die Unglücksfälle der Seeleute, welche die Habsucht auf ein wüthendes Element hinaustreibt, statt daß sie die Erde bebauten, welche so viele Güter in Frieden und Ruhe darbietet. Bisweilen führte sie mit Paul nach Art der Schwarzen eine pantomimische Darstellung aus. Die Pantomime ist die erste Sprache des Menschen; sie ist allen Nationen bekannt. Sie ist so natürlich und ausdrucksvoll, daß die Kinder der Weißen sie bald lernen, wenn sie diejenigen der Schwarzen sich darin haben üben sehen. Virginie holte aus dem Schatz ihres Gedächtnisses diejenigen Geschichten hervor, welche sie bei den Vorlesungen ihrer Mutter am meisten ergriffen hatten, und stellte die Hauptbegebenheiten daraus mit großer Natürlichkeit dar. Bald erschien sie bei dem Schalle von Domingo's Tamtam auf dem Grasplatze mit einem Krug auf dem Kopf; schüchtern trat sie an den Sprudel einer nahen Quelle, um daselbst Wasser zu schöpfen. Domingo und Marie, welche die midianitischen Hirten vorstellten, verboten ihr, sich zu nähern, und thaten, als ob sie sie zurückstießen. Paul kam ihr zu Hülfe, schlug die Hirten, füllte Virginiens Krug, und, indem er ihr denselben auf den Kopf nehmen half, setzte er ihr zugleich einen Kranz von rothen Blumen des Immergrüns auf, der die Weiße ihrer Hautfarbe noch erhob. Sodann gab auch ich mich zu ihren Spielen her und übernahm die Rolle Reguels, als welcher ich Paul meine Tochter Zipora zur Ehe gab.

Unter Anderm stellte sie auch die unglückliche Ruth vor, welche als Wittwe und arm in ihre Heimath zurückkehrt, wo sie sich nach einer langen Abwesenheit fremd findet. Domingo und Marie machten die Schnitter. Virginie that, als ob sie da und dort hinter ihnen drein Kornähren ausläse. Paul, mit dem gravitätischen Ernst eines Patriarchen, fragte sie aus; sie antwortete zitternd auf seine Fragen. Bald, von Mitleid bewegt, gewährte er der Unschuld gastfreundliche Aufnahme und dem Unglück einen Zufluchtsort; er füllte Virginien die Schürze mit Lebensmitteln aller Art und führte sie vor uns als die Aeltesten der Stadt, mit der Erklärung, daß er sie trotz ihrer Dürftigkeit zum Weibe nehmen wolle. Indem bei diesem Auftritte der Frau von Latour die hülflose Lage, in welcher sie ihre eigenen Verwandten gelassen, ihr Wittwenstand und ihre gute Aufnahme bei Margarethen schwer auf's Herz fiel, wozu jetzt die Hoffnung auf eine glückliche Verbindung zwischen ihren Kindern kam, konnte sie sich nicht enthalten zu weinen; und diese gemischte Erinnerung an Schlimmes und Gutes lockte uns sämmtlich Thränen des Schmerzes und der Freude in die Augen.

Diese Schauspiele wurden mit so viel Wahrheit gegeben, daß man sich in die Gefilde Syriens oder Palästinas versetzt glaubte. Es fehlte uns keineswegs an den für solche Vorstellungen geeigneten Decorationen, Illuminationen und Orchestern. Der Ort der Scene war gewöhnlich an dem Kreuzweg in einem Walde, dessen Durchhaue um uns her mehrere Laubgänge bildeten. Im Mittelpunkt derselben waren wir den ganzen Tag über vor der Hitze geschützt; aber, wenn die Sonne an den Rand des Horizonts hinabgestiegen war, liefen ihre an den Baumstämmen sich brechenden Strahlen durch die Schatten des Waldes in lange Lichtgarben aus, welche die erhabenste Wirkung hervorbrachten. Zuweilen erschien ihre volle Scheibe an dem Ausgang einer Lücke und erfüllte dieselbe durchaus mit funkelndem Glanz. Das von unten her durch ihre goldgelben Strahlen erhellte Laub der Bäume brannte im Feuer des Topas und des Smaragds. Die bemoosten braunen Stämme derselben schienen in Säulen von antikem Erze verwandelt; und die Vögel, welche sich in der Stille bereits unter das dunkle Gebüsch zurückgezogen hatten, um daselbst die Nacht zuzubringen, begrüßten, überrascht, eine zweite Morgenröthe zu sehen, alle auf einmal das Gestirn des Tages mit tausend und aber tausend Gesängen.

Nicht selten überraschte uns die Nacht bei diesen ländlichen Festen. Aber die Reinheit der Luft und die Milde des Himmelsstriches gestatteten uns, unter einem Laubdach, mitten in den Wäldern zu schlafen, ohne daß wir überdieß weder in der Nähe noch in der Ferne Diebe zu fürchten hatten. Am andern Morgen kehrte Jedes zu seiner Hütte zurück und fand sie in demselben Zustand, in welchem es dieselbe verlassen hatte. Es herrschte damals auf dieser Insel ohne Handelsverkehr so viel Ehrlichkeit und Einfachheit, daß die Thüren von vielen Häusern nicht verriegelt wurden, und ein Schloß für mehrere Creolen ein Gegenstand der Neugierde war.

Aber es gab ein paar Tage im Jahr, welche von Paul und Virginien mit der größten Freude begangen wurden: dieß waren die Geburtstage ihrer Mütter. Virginie ermangelte nicht, Tags zuvor Kuchen aus Weizenmehl zu kneten und zu backen, um sie armen Familien von Weißen zuzuschicken, welche, auf der Insel geboren, niemals europäisches Brod gegessen und, ohne allen Beistand von Seiten der Schwarzen, genöthigt, mitten in den Wäldern von Maniok zu leben, zur Erleichterung ihrer armseligen Lage weder den Stumpfsinn hatten, der die Sklaverei begleitet, noch den Muth besaßen, der eine Folge der Erziehung ist. Diese Kuchen waren die einzigen Geschenke, welche Virginie von dem Wohlstand der Pflanzung machen konnte; allein sie verband mit denselben eine gute Art, die ihnen einen großen Werth gab. Erstlich war es Paul, der den Auftrag erhielt, sie selbst jenen Familien zu bringen, und beim Empfang versprachen sie, am folgenden Morgen zu kommen und den Tag bei Frau von Latour und Margarethen zuzubringen. Da sah man eine Hausmutter mit zwei oder drei armseligen, bleichen, magern Töchtern anlangen, welche so blöde waren, daß sie die Augen nicht aufzuschlagen wagten.

Virginie machte es ihnen bald bequem; sie wartete ihnen mit Erfrischungen auf, deren Güte sie durch irgend einen besondern Umstand hervorhob, wodurch ihre Annehmlichkeit nach ihrer Meinung vermehrt wurde. Diesen Liqueur hatte Margarethe angesetzt, jenen andern ihre Mutter; diese Frucht hatte ihr Bruder selbst von dem Gipfel eines Baumes herabgeholt. Sie ermunterte Paul, die Mädchen zum Tanze aufzuziehen. Sie ließ nicht eher nach, bis sie sie zufrieden und vergnügt sah; ihr Wunsch war, sie sollten sich über die Freude ihrer Familie freuen. »Man bereitet sein Glück nur,« sagte sie, »wenn man sich mit dem Anderer beschäftigt.« Wenn sie sich dann auf den Heimweg begaben, forderte sie sie auf, mitzunehmen, was ihnen Vergnügen gemacht zu haben schien, indem sie ihnen ihre Geschenke unter dem Vorwande der Neuheit oder Außerordentlichkeit aufzunöthigen wußte. Gewahrte sie, daß ihre Kleidung in zu großem Verfall war, so las sie mit Einwilligung ihrer Mutter einige von ihren eigenen Kleidungsstücken aus und gab Paul den Auftrag, heimlich hinzugehen und sie vor die Thüre ihrer Hütten zu legen. So übte sie Gutes nach dem Vorbilde der Gottheit und spendete die Wohlthat, während die Wohltäterin im Verborgenen blieb.

Von Kindheit an mit so vielen dem Glück entgegenstehenden Vorurtheilen angefüllt, habt ihr andere Europäer keinen Begriff davon, daß die Natur so viel Aufklärung und Vergnügen gewähren könne. Euer auf einen kleinen Kreis von menschlichen Erkenntnissen beschränktes Gemüth erreicht bald das Ziel seiner erkünstelten Genüsse; aber Natur und Herz sind unerschöpflich. Paul und Virginie hatten weder Uhren noch Almanache, weder Chroniken, noch Geschichts- und philosophische Bücher. Die Zeitabschnitte ihres Lebens richteten sich nach denen der Natur. Die Zeiten des Tages erkannten sie aus dem Schatten der Bäume, die Jahreszeiten aus den Perioden, in welchen sie ihre Blumen oder Früchte spenden, und die Jahre aus der Zahl ihrer Ernten. Diese lieblichen Bilder verbreiteten den größten Reiz über ihre Gespräche. »Es ist Zeit zum Mittagessen,« sagte Virginie zu der Familie, »die Schatten der Pisangbäume sind an ihrem Fuße;« oder auch. »Die Nacht bricht an, die Tamarinden schließen ihre Blätter.« – »Wann wirst Du uns besuchen?« sagten einige Freundinnen aus der Nachbarschaft. »Wenn der Zucker in Saft schießt,« antwortete Virginie. – »Dein Besuch wird uns noch viel süßer und angenehmer seyn,« erwiderten die Mädchen. – Fragte man sie über ihr oder Pauls Alter, so sagte sie: »Mein Bruder ist so alt wie der große Cocosbaum an der Quelle, und ich bin so alt wie der kleinere. Die Mangobäume haben zwölfmal Früchte getragen, und die Pomeranzenbäume vierundzwanzigmal geblüht, seit ich auf der Welt bin.« Ihr Leben schien gleich dem der Faunen und Dryaden an das der Bäume gefesselt; sie kannten keine andere Geschichtsepochen, als die des Lebens ihrer Mütter, keine andere Zeitrechnung, als die ihrer Obstgärten, und keine andere Philosophie, als Jedermann Gutes zu thun und sich in den Willen Gottes zu ergeben.

Allein was brauchten auch diese jungen Leute reich und gelehrt nach unserer Art zu seyn? Ihre Bedürfnisse und ihre Unwissenheit vermehrten sogar noch ihre Glückseligkeit. Es verstrich kein Tag, daß sie sich nicht gegenseitig einige Unterstützung oder Aufklärung zukommen ließen; ich sage Aufklärung: und, wenn sich auch einige Irrthümer darunter geschlichen haben sollten, für den unschuldigen Menschen sind keine gefährliche zu fürchten. So wuchsen diese beiden Kinder der Natur heran. Keine Sorge hatte ihre Stirne gefurcht, keine Unmäßigkeit ihr Blut verunreinigt, keine unglückliche Leidenschaft ihr Herz verderbt: Liebe, Unschuld, Frömmigkeit entfalteten jeden Tag die Schönheit ihrer Seele in unaussprechlichen Reizen auf ihren Gesichtszügen, in ihren Stellungen und Bewegungen. Am Morgen ihres Lebens hatten sie die ganze Frische desselben, so wie unsere Voreltern im Garten von Eden erschienen, als sie, aus der Hand Gottes hervorgegangen, sich sahen, einander näher kamen und zuerst wie Bruder und Schwester mit einander verkehrten: Virginie sanft, bescheiden, zutraulich wie Eva; und Paul, Adam ähnlich, von dem Wuchs eines Mannes, mit der Einfalt eines Kindes.

Manchmal, wenn er allein mit ihr war, (er hat es mir tausendmal erzählt) sagte er bei der Rückkehr von seinen Geschäften zu ihr: »Bin ich ermattet, so benimmt mir Dein Anblick alle Müdigkeit. Gewahre ich Dich vom Berge herab unten im Thale, so erscheinst Du mir inmitten unserer Baumgärten wie eine Rosenknospe. Wandelst Du gegen das Haus unserer Mütter, so hat das Rebhuhn, welches seinen Jungen zuläuft, keine so schöne Haltung und keinen so leichten Gang. Wenn ich Dich auch hinter den Bäumen aus den Augen verliere, so habe ich doch nicht nöthig, Dich zu sehen, um Dich wieder zu finden: etwas von Dir, das ich nicht sagen kann, bleibt für mich in der Luft zurück, wo Du gehst, in dem Grase, wo Du sitzest. Nähere ich mich Dir, so entzückst Du alle meine Sinne. Das Azur des Himmels ist nicht so schön, als das Blau deiner Augen; der Gesang der Bengalis nicht so sanft, wie der Ton deiner Stimme. Berühre ich Dich nur mit der äußersten Spitze meines Fingers, so schaudert mein ganzer Körper vor Freude. Erinnere Dich des Tages, wo wir mitten durch die rollenden Kieselsteine des Flusses der drei Zitzen gingen. Als wir in seine Ufer kamen, war ich schon sehr ermattet; sobald ich Dich aber auf meinen Rücken genommen hatte, so schien es mir, als ob ich Flügel hätte, wie ein Vogel. Sage mir, wodurch konntest Du mich so bezaubern? Durch deinen Geist? unsere Mütter haben mehr als wir Beide. Durch deine Liebkosungen? sie umarmen mich öfter als Du. Ich glaube durch deine Herzensgüte. Nie werde ich vergessen, daß Du barfuß bis an den schwarzen Fluß gegangen bist, um für eine arme flüchtige Sklavin um Gnade zu bitten. Da, Liebe, nimm diesen blühenden Citronenzweig, welchen ich im Walde gepflückt habe; lege ihn heute Nacht neben dein Bett. Iß diese Honigscheibe, ich habe sie für Dich auf dem Gipfel eines Felsen geholt. Aber lehne Dich vorher ein wenig an meine Brust, und meine Müdigkeit wird verschwinden.«

V irginie gab ihm zur Antwort. »O mein Bruder! die Strahlen der Morgensonne von der Spitze dieser Felsen gewähren mir nicht so viel Freude als deine Gegenwart. Meine Mutter liebe ich sehr; auch die Deinige liebe ich sehr: aber wenn sie Dich »mein Sohn« nennen, liebe ich sie noch mehr. Die Liebkosungen, welche sie Dir machen, sind für mich fühlbarer als diejenigen, welche ich von ihnen erhalte. Du fragst mich, warum Du mich liebest; liebt sich doch Alles, was zusammen aufgewachsen ist. Sieh unsere Vögel an; in denselben Nestern auferzogen, lieben sie einander wie wir, sind immer beisammen, wie wir. Höre, wie sie einander von einem Baume zum andern rufen und Antwort geben. Ebenso, wenn mir das Echo die Melodien zuträgt, welche Du auf deiner Flöte, von der Höhe des Berges herab, spielest, wiederhole ich die Worte dazu im Grunde des Thales. Du bist mir theuer, hauptsächlich seit dem Tage, an welchem Du Dich meinetwegen mit dem Herrn der Sklavin schlagen wolltest. Von jener Zeit an habe ich oft zu mir gesagt. Ach, mein Bruder hat ein gutes Herz; ohne ihn wäre ich vor Angst gestorben. Ich bete alle Tage zu Gott für meine Mutter, für die Deinige, für Dich, für unsere armen Dienstboten; aber, wenn ich deinen Namen ausspreche, so scheint mir meine Andacht größer zu werden. Ich bitte Gott so inständig, er möge Dir doch kein Unglück zustoßen lassen! Warum gehst Du so weit und steigst so hoch, um mir Früchte und Blumen zu holen? Haben wir denn nicht genug im Garten? Wie müde Du wieder bist! Du bist ja ganz in Schweiß!« Und mit ihrem kleinen weißen Taschentuche trocknete sie ihm Stirne und Wangen und gab ihm dazwischen hinein manchmal einen Kuß.

Indessen fühlte sich Virginie seit einiger Zeit von einem unbekannten Uebel beunruhigt. Ihre schönen blauen Augen bekamen eine dunklere Schattirung; ihre Gesichtsfarbe wurde blässer; eine allgemeine Mattigkeit lähmte ihren ganzen Körper. Die Heiterkeit verschwand von ihrer Stirne, das Lächeln von ihren Lippen. Man sah sie auf einmal fröhlich ohne Freude, und traurig ohne Kummer. Sie floh ihre unschuldigen Spiele, ihre sanften Beschäftigungen und die Gesellschaft ihrer geliebten Familie. In den einsamsten Oertern der Pflanzung irrte sie hin und her, suchte überall Ruhe und fand sie nirgends. Manchmal beim Anblicke Pauls lief sie muthwillig auf ihn zu; dann auf einmal, wenn sie ihn anreden wollte, ergriff sie eine plötzliche Verlegenheit; ein lebhaftes Roth färbte ihre blassen Wangen, und ihre Augen wagten nicht mehr fest auf den seinigen zu ruhen. Paul sagte zu ihr: »Grün bedeckt diese Felsen, unsere Vögel singen, wenn sie Dich sehen; Alles ist fröhlich um Dich her: Du allein bist traurig.« Und er suchte sie zu erheitern, indem er sie in seine Arme schloß; aber sie wendete das Haupt weg und floh zitternd ihrer Mutter zu. Die Unglückliche fühlte sich durch die Liebkosungen ihres Bruders beunruhigt. Paul begriff nichts von diesen so neuen und sonderbaren Launen. Ein Unglück kommt selten allein.

Unter jenen Sommern, welche von Zeit zu Zeit die zwischen den Wendekreisen gelegenen Länder heimsuchen, breitete einer seine Verheerungen auch über diese Gegend aus. Es war gegen das Ende des Monats December, wenn die Sonne im Zeichen des Steinbocks drei Wochen hindurch Isle-de-France mit ihrer senkrechten Glut erhitzt. Der Südostwind, welcher hier beinahe das ganze Jahr über herrscht, wehte nicht mehr. Lange Staubwirbel erhoben sich über den Wegen und blieben schwebend in der Luft hängen. Ueberall spaltete sich der Boden; das Gras war versengt; heiße Dämpfe entstiegen den Seiten der Berge, und der größte Theil ihrer Bäche war ausgetrocknet. Keine Wolke kam von der Seite des Meeres. Nur den Tag über erhoben sich über seinen Flächen röthliche Dünste, welche bei Sonnenuntergang den Flammen einer Feuersbrunst glichen. Selbst die Nacht brachte keine Abkühlung in den entzündeten Luftkreis. Blutroth und in ungewöhnlicher Größe stieg die Scheibe des Monds am nebligten Horizonte auf. Abgemattet, den Hals gegen den Himmel gestreckt und nach Luft schnappend, standen die Heerden auf den Seiten der Hügel und erfüllten die Thäler mit ihrem traurigen Gebrüll. Selbst der Kaffer, der sie hütete, warf sich auf die Erde, um hier Kühlung zu finden; aber überall brannte der Boden und die erstickende Luft hallte wider von dem Gesumme schwärmender Insecten, die sich im Blute der Menschen und Thiere zu letzen suchten.

Diese Hitze wirkte auch auf Virginie sehr nachtheilig. In einer solcher brennenden Nächte fühlte sie, daß alle Symptome ihres Uebels sich mit verdoppelter Gewalt einstellten. Sie stand auf, setzte sich und warf sich dann auf's Neue auf ihr Lager, aber nirgends, in keiner Stellung und in keiner Lage, fand sie Ruhe und Schlaf. Nun geht sie beim klaren Schein des Mondes nach ihrem Teiche; sie sieht, daß die Quelle trotz der allgemeinen Trockenheit sich noch in silbernen Fädchen über die braunen Seiten des Felsen herabschlängelt, und setzt sich hinein in das Becken.

Im Anfang fühlt sie sich erfrischt und erquickt und tausend angenehme Erinnerungen steigen in ihrem Geiste auf. Sie gedenkt der Zeit ihrer Kindheit, wo ihre Mutter und Margarethe ihre Lust darin fanden, sie und Paul an diesem Orte zu baden; wie späterhin Paul dieses Bad für sie allein bestimmte, das Bett der Quelle erweiterte, den Boden mit Sand ausfüllte und das Ufer mit würzigen Blumen bepflanzte. Sie sieht im Wasser auf ihren nackten Armen und ihrem Busen die zwei Cocosbäume sich spiegeln, die bei ihrer und ihres Bruders Geburt gepflanzt worden waren, und deren grüne Zweige und junge Früchte sich über ihrem Haupte in einander schlangen. Sie gedenkt der Freundschaft Pauls, die süßer als die Wohlgerüche, reiner als das Wasser der Quellen, stärker als die verschlungenen Palmbäume, und bei diesem Gedanken seufzt sie tief auf. Sie gedenkt der Nacht, der Einsamkeit, und ein verzehrendes Feuer erfaßt sie. Schnell entfernt sie sich, erschreckt von diesen gefährlichen Schatten und diesen Wassern, die ihr glühender dünken, als die Sonnenstrahlen der heißen Zone. Sie flüchtet sich zu ihrer Mutter, um bei ihr Schutz gegen sich selbst zu suchen. Mehrere Male wollte sie ihr ihre Leiden erzählen und preßte fest ihre Hände zusammen; mehrere Male war sie im Begriff, den Namen Paul auszusprechen; allein die Beklommenheit ihres Herzens lähmte ihre Zunge; sie lehnte ihren Kopf an den Busen der Mutter und vermochte nichts, als ihn mit ihren Thränen zu benetzen.

Mutterliebe durchschaut Alles. Frau von Latour erkannte die Ursache von Virginiens Uebel wohl, aber sie wagte es selbst nicht, ihr den Schleier zu lüften. »Mein Kind!« sagte sie zu ihr, » wende dich an Gott, der nach Gefallen Gesundheit und Leben verleiht. Er prüft dich heute, um dich morgen zu belohnen. Bedenke, daß wir nur auf Erden sind, um die Tugend zu üben.«

Mittlerweile hatte die entsetzliche Hitze die Dünste des Meeres heraufgezogen, die nun wie ein ungeheurer Schirm die Insel umhüllten. Die Gipfel der Berge sammelten sie um sich, und von ihren umnebelten Spitzen fuhren von Zeit zu Zeit schlängelnde Blitze herab. Bald tönten furchtbare Donner wider in den Wäldern, Ebenen und Thälern; unendlicher Regen stürzte gleich Wasserfällen vom Himmel herab. Schäumende Gießbäche ergossen sich über die Seiten dieses Berges; das Becken war zu einem Meere geworden, das Plateau, worauf die Hütten stehen, zu einer kleinen Insel, und der Eingang dieses Thales zu einer Schleuße, durch welche sich mit den brausenden Wassern Bäume und losgerissene Erd- und Felsstücke drängten.

Zitternd vor Schrecken lag die ganze Familie in der Hütte der Frau von Latour auf den Knieen und flehte zu Gott. Das Dach krachte entsetzlich von der Gewalt der Winde, und obschon die Thüre und die Läden gut verschlossen waren, so leuchteten doch fast ununterbrochen die Blitze durch die Ritzen und Fugen des Gebälkes. Trotz Sturm und Wetter ging der unerschrockene Paul mit Domingo von einer Hütte zur andern, hier einen Pfeiler befestigend, dort eine Stütze anlegend, und als er zurückkam, suchte er die Familie mit der Versicherung zu trösten, daß das schöne Wetter sich bald wieder einstellen werde. Wirklich hörte auch gegen Abend der Regen auf; der gewöhnliche Südostwind trat wieder ein, die Gewitterwolken zogen sich nach Nordwest, und die untergehende Sonne zeigte sich am Horizont.

V irginiens erster Wunsch war, den Ort ihrer Ruhe wieder zu sehen. Paul trat schüchtern auf sie zu und bot ihr seinen Arm, um ihr das Gehen zu erleichtern. Sie nahm ihn lächelnd an, und so verließen sie mit einander die Hütte. Die Luft war frisch und kühl, ein weißer Rauch stieg von den Gipfeln des Berges empor, dessen Abhänge da und dort durch die schäumenden Regengüsse gefurcht waren, die nunmehr auf allen Seiten zu vertrocknen anfingen. Der Garten war entsetzlich verwüstet und wie umgewühlt; die meisten Obstbäume lagen entwurzelt auf dem Boden, große Sandhaufen bedeckten die Säume der Wiesen, und auch Virginiens Bad war verschüttet. Nur die beiden Cocosbäume standen aufrecht und grünend da, aber rund umher waren keine Rasensitze, keine Lauben, selbst keine Vögel mehr zu schauen; nur einige Bengalis saßen auf dem Gipfel einer nahen Felsenspitze und beweinten in klagenden Gesängen den Verlust ihrer Jungen.

Als Virginie diese Zerstörung sah, sagte sie zu Paul: »Du hattest Vögel hierher gebracht, der Sturmwind hat sie getödtet. Du hattest diesen Garten bepflanzt, nun liegt er verwüstet. Alles vergeht auf der Erde und nur der Himmel allein ist unveränderlich!« Paul antwortete. »Ach! daß ich dir nichts vom Himmel geben kann! aber ich besitze ja Nichts, selbst nicht auf der Erde.« Erröthend erwiderte Virginie: »Doch, du hast das Bildniß des heiligen Paul.« Kaum hatte sie diese Worte gesagt, so lief er nach der Hütte seiner Mutter, um es zu holen. Dieß Bildniß war ein kleines Miniatur-Gemälde, das den Eremiten Paul vorstellte. Margarethe verehrte es mit großer Andacht. Als Mädchen hatte sie es lange am Halse getragen, als sie aber Mutter geworden war, hatte sie es ihrem Kinde umgebunden. Während ihrer Schwangerschaft, als sie von aller Welt verlassen war, hatte sie oft mit Inbrunst das Bild dieses gottseligen Einsiedlers betrachtet, daher ihr Sohn ihm auch einigermaßen glich. Dieß war die Ursache, daß sie ihm den Namen Paul und als Schutzpatron einen Heiligen gab, der sein Leben fern von den Menschen zugebracht hatte, von denen sie selbst verkannt und verlassen worden war. Virginie empfing das kleine Bild aus den Händen Pauls und sagte gerührt zu ihm: »Gewiß, mein Bruder! so lange ich lebe soll mir Niemand es entreißen, und nie werde ich vergessen, daß du mir das Einzige gegeben hast, was du auf der Welt besitzest.« Bei diesem freundlichen Tone, dieser unverhofften Rückkehr der alten Vertraulichkeit und Zärtlichkeit wollte Paul sie umarmen, aber sie entschlüpfte ihm leicht wie ein Vogel und er sah ihr verduzt nach, ohne dieses auffallende Benehmen begreifen zu können.

Indessen sagte Margarethe zur Frau von Latour: »Warum geben wir unsere Kinder nicht zusammen? Sie lieben sich mit außerordentlicher Leidenschaft, von der aber mein Sohn noch keine Ahnung hat. Wenn sich einmal die Natur in ihm ausspricht, dann werden wir umsonst über sie wachen; dann ist Alles zu befürchten.« Frau von Latour gab ihr zur Antwort. »Sie sind noch zu jung und auch zu arm. Wie niederdrückend für uns, wenn Virginie Mutter unglücklicher Kinder würde, die zu erziehen ihr die Mittel fehlten! Dein schwarzer Domingo ist alt und gebrechlich, Marie kränklich; ich selbst, theure Freundin! habe in den letzten fünfzehn Jahren sehr abgenommen. Man altert schnell in den warmen Ländern, zumal wenn Kummer das Herz zerfrißt. Paul ist unsere einzige Hoffnung; laß uns warten, bis noch einige Jahre mehr ihn gefestigt haben, und er uns durch seine Arbeit ernähren kann. Jetzt haben wir, wie du weißt, nichts als die täglichen Bedürfnisse; wenn wir aber Paul auf einige Zeit nach Indien schicken, so kann er durch den Handel so viel gewinnen, daß er im Stande ist, einige Sklaven zu kaufen. Nach seiner Rückkehr wollen wir ihn dann mit Virginien verheirathen; denn ich glaube, daß Niemand meine geliebte Tochter so glücklich machen kann, als dein Sohn Paul. Doch wir wollen auch mit unserm Nachbar darüber sprechen.«

Es geschah. Die Frauen fragten mich um Rath, und ich war ihrer Ansicht. »Die indischen Meere,« sagte ich, »befahren sich gut. Wenn man eine günstige Jahrszeit wählt, so braucht man höchstens sechs Wochen, um nach Indien zu kommen, und eben so viel zur Zurückreise. Wir wollen für Paul einen Pack Waaren zusammen machen; meine Nachbarn, die ihn sehr lieben, werden gern die Hand dazu bieten. Wenn wir ihm auch nichts mitgeben, als rohe Baumwolle, die wir aus Mangel an Maschinen nicht alle benützen können, etwas Ebenholz, das hier so gemein ist, daß man es zur Heizung gebaucht, und einige Harze, die sich in unsern Wäldern verlieren, so kann er dieß Alles in Indien recht gut verkaufen, während es uns hier von keinem Nutzen ist.«

Ich übernahm es, Herrn von Labourdonnais um Erlaubnis zu dieser Reise zu bitten; zuvor aber wollte ich Paul selbst davon in Kenntniß setzen. Aber wie groß war mein Erstaunen, als mir dieser junge Mensch mit einem Verstand, der weit über seine Jahre ging, zur Antwort gab. »Warum soll ich irgend eines Glücksprojectes wegen meine Familie verlassen! Gibt es einen vorteilhafteren Handel, als den Ackerbau, der manchmal 150 Procent abwirft? Wenn wir Handel treiben wollen, warum bringen wir nicht lieber unsern Ueberfluß in die Stadt, statt daß ich nach Indien gehen soll? Unsere Mütter sagen, Domingo sey alt und schwächlich; ich aber bin jung und werde mit jedem Tage stärker. Wie leicht könnte ihnen, während meiner Abwesenheit, ein Unfall begegnen, besonders Virginien, die schon jetzt leidend ist! O nein, nein; ich werde mich nie entschließen, sie zu verlassen.«

Seine Antwort versetzte mich in große Verlegenheit; denn Frau von Latour hatte mir aus Virginiens Anstand kein Geheimniß gemacht, und mir vertraut, wie sehr sie die jungen Leute auf einige Zeit von einander zu trennen wünschte. Es waren dieß Gründe, von denen ich es nicht wagte, etwas gegen Paul verlauten zu lassen.

Sie berieth sich mit ihrer Freundin und mir hin und her, als ein Schiff aus Frankreich ankam und ihr einen Brief von ihrer Tante brachte. Die Furcht vor dem Tode, ohne welche harte Herzen niemals aufthauen würden, hatte sich ihrer bemächtigt. Sie hatte eben eine große Krankheit überstanden, die sich in langwieriges und bei ihrem Alter unheilbares Siechthum verwandelte. Jetzt forderte sie ihre Nichte auf, nach Frankreich zurückzukommen, oder im Fall ihre Gesundheitsumstände die weite Reise nicht erlauben, Virginien zu schicken, der sie eine gute Erziehung, eine standesgemäße Verheirathung und das Vermächtniß ihres ganzen Vermögens zusicherte. Von der Erfüllung dieses Verlangens, setzte sie hinzu, mache sie die Rückkehr ihrer Gewogenheit abhängig.

Alle geriethen über diesen Brief in die größte Bestürzung. Domingo und Marie fingen an zu weinen; Paul war regungslos vor Staunen und schien in Zorn ausbrechen zu wollen. Virginie hatte ihre Augen starr auf ihre Mutter geheftet und wagte kein Wort zu sprechen. »Könntest du uns jetzt verlassen?« sagte Margarethe zu Frau von Latour. – »Nein, meine Freundin! nein, meine Kinder!« antwortete Frau von Latour; »ich werde euch nicht verlassen. Mit euch habe ich gelebt, mit euch will ich auch sterben. In eurer Liebe habe ich mein einziges Glück gefunden. Wenn meine Gesundheit zerrüttet ist, so ist alter Kummer daran Schuld. Die Härte meiner Verwandten und der Tod meines geliebten Gatten haben mir das Herz zerrissen; bei euch aber, unter diesen armen Hütten, habe ich mehr Trost und Glück gefunden, als mich die Reichthümer meiner Familie im Vaterlande jemals hatten hoffen lassen.«

Auf diese Erklärung traten Freudenthränen in Aller Augen. Paul schloß Frau von Latour in seine Arme und sagte zu ihr: »Ich werde Sie auch nicht verlassen; ich werde nicht nach Indien gehen. Wir wollen Alle für Sie arbeiten, liebe Mutter; es soll Ihnen bei uns an Nichts fehlen.« Wer aber von der ganzen Gesellschaft seine Freude am wenigsten äußerte und am tiefsten fühlte, war Virginie. Ein stilles, inneres Vergnügen leuchtete an diesem Tage aus ihrem ganzen Wesen hervor, und die Wiederkehr ihrer Ruhe vollendete die allgemeine Zufriedenheit.

Eben hatte die Familie am andern Morgen ihre gewöhnliche gemeinschaftliche Andacht verrichtet, die dem Frühstück vorherzugehen pflegte, als Domingo die Nachricht brachte, ein vornehmer Herr zu Pferde, gefolgt von zwei Sklaven, komme auf die Wohnung zu. Es war Herr von Labourdonnais. Er trat in die Hütte und traf die ganze Familie am Tische. Virginie hatte so eben nach der Sitte des Landes Kaffee, in Wasser gekochten Reiß, warme Kartoffeln und frische Bananas aufgetragen. Statt der Gefäße bedienten sie sich halber Kürbißschalen, die Stelle des Tischtuches vertraten Bananasblätter. Der Gouverneur bezeigte zuerst einiges Erstaunen über die Dürftigkeit dieser Wohnung, dann wandte er sich an Frau von Latour und sagte zu ihr, die allgemeine Geschäfte hindern ihn manchmal, an die besondern zu denken; im Uebrigen stehe er jetzt ganz zu ihren Diensten. »Sie haben,« setzte er hinzu, »eine sehr reiche und angesehene Tante in Paris, die Ihnen ihr Vermögen zugedacht hat und Sie erwartet.« Frau von Latour antwortete dem Gouverneur, ihre zerrüttete Gesundheit erlaube ihr nicht, eine so weite Reise zu unternehmen. »Aber,« fuhr Herr von Labourdonnais fort, »dann können Sie wenigstens ihrer jungen und liebenswürdigen Fräulein Tochter eine so große Erbschaft nicht entziehen, ohne unbillig zu handeln. Ich verhehle Ihnen nicht, daß Ihre Tante sich an die Behörden gewendet hat, um sie zu sich kommen zu lassen. Ich habe amtlichen Befehl, nötigenfalls Gewalt zu brauchen; da ich indessen gewohnt bin, diese nur zum Glücke der Bewohner unserer Kolonie auszuüben, so erwarte ich von Ihrer eigenen Einsicht dieses Opfer von einigen Jahren, von dem das Glück Ihrer Tochter und das Wohl Ihres ganzen Lebens abhängt. Warum kommt man denn auf die Inseln, außer um hier sein Glück zu machen? Ist es nicht weit angenehmer, es im Vaterlande zu finden?«

Ehe er noch ausgesprochen, legte er einen großen Beutel mit Piastern auf den Tisch, den einer seiner Schwarzen trug. »Dieß,« sagte er, »hat Ihre Tante für die Ausrüstung zur Reise Ihrer Fräulein Tochter bestimmt.« Er machte hierauf Frau von Latour freundschaftliche Vorwürfe, daß sie sich in ihren Nöthen nicht an ihn gewendet habe, lobte aber zugleich ihren edlen Muth. Nun ergriff Paul das Wort und sagte zum Gouverneur: »Mein Herr! meine Mutter hat sich an Sie gewendet, aber Sie haben sie schlecht empfangen.« – »Haben Sie auch einen Sohn, Madame?« fragte Labourdonnais jetzt Frau von Latour. – »Nein,« antwortete sie, »es ist der Sohn meiner Freundin, aber er und Virginie sind uns gemeinschaftlich und gleich lieb.« – »Junger Mann,« sagte jetzt der Gouverneur zu Paul, »wenn Sie einmal die Welt besser kennen lernen, so werden Sie einsehen, wie schlimm es oft hochgestellten Leuten ergeht, wie leicht sie sich hintergehen lassen, so daß sie oft dem schlauen Laster gewähren, was der sich verbergenden Tugend gebührt.«

Herr von Labourdonnais setzte sich auf Frau von Latours Einladung neben sie zu Tische und frühstückte nach Art der Kreolen Kaffee und Reiß. Die Ordnung und Reinlichkeit in der kleinen Hütte, die Eintracht dieser beiden liebenswürdigen Familien und selbst der Eifer ihrer alten Diener machte einen höchst angenehmen Eindruck auf ihn. »Die Möbel,« sagte er, »sind zwar nur von Holz, aber ich sehe heitere Gesichter und Herzen von Gold.« Paul war sehr erfreut über die Leutseligkeit des Gouverneurs und sagte zu ihm: »Sie sind ein braver Mann, ich wünsche Ihr Freund zu seyn.« Herr von Labourdonnais nahm diesen Beweis insularischer Herzlichkeit mit Vergnügen auf; er drückte Paul die Hand und versicherte ihm, daß er auf seine Freundschaft zählen könne.

Als das Frühstück vorbei war, nahm er Frau von Latour bei Seite und sagte ihr, es werde sich demnächst eine Gelegenheit zeigen, ihre Tochter nach Frankreich abzuschicken; das Schiff sey bereits segelfertig, und er werde sie einer Verwandten, die mitreise, empfehlen; sie solle sich ja hüten, um der Trennung von einigen Jahren willen ein so unermeßliches Vermögen hinauszulassen. »Ihre Tante,« setzte er beim Abschied hinzu, »kann höchstens noch zwei Jahre leben, wie ihre Bekannten mich versichern. Bedenken Sie dieß wohl; das Glück kommt nicht alle Tage. Ueberlegen Sie die Sache noch einmal. Jeder Vernünftige wird dieser Ansicht seyn.« Sie antwortete, sie wünsche kein Glück auf der Welt, als das ihrer Tochter, und werde daher ihre Abreise nach Frankreich ganz ihrem eigenen Gutdünken anheimstellen.

Man kann sich denken, daß es der Frau von Latour nicht unangenehm war, als sich diese Gelegenheit fand, Virginien und Paul auf einige Zeit von einander zu trennen, zumal da diese Trennung ihr beiderseitiges Glück zu gründen versprach. Sie nahm ihre Tochter bei Seite und sagte zu ihr: »Mein Kind! unsere Diener sind alt und Paul noch sehr jung; auch Margarethe wird schwach und ich selbst bin bereits hinfällig. Wenn ich sterben sollte, was würde aus dir werden, ohne Vermögen, mitten in dieser Wildniß? Du wärest ganz allein, hättest Niemanden, der dich bedeutend unterstützen könnte, und müßtest, um dir deinen Lebensunterhalt zu verschaffen, unaufhörlich arbeiten, wie eine Taglöhnerin. O dieser Gedanke macht mich sehr unglücklich!« Virginie antwortete: »Gott hat uns zur Arbeit bestimmt! Sie selbst haben mich arbeiten und ihn preisen gelehrt. Er hat uns bisher nicht verlassen und wird uns auch ferner nicht verlassen. Sein Auge wacht vornehmlich über die Unglücklichen. Wie oft haben Sie mir selbst dieß gesagt, liebe Mutter! Ich kann mich nicht entschließen, Sie zu verlassen.« Frau von Latour antwortete bewegt: »Meine Absicht ist nur, dich glücklich zu machen und später mit Paul zu verheirathen, der nicht dein Bruder ist. Bedenke jetzt, daß auch sein Glück von dir abhängt.«

Unter tausend liebenden Mädchen ist vielleicht nicht Eine, die nicht die Ueberzeugung hätte, ihre Liebe sey für Jedermann ein Geheimniß. Sie ziehen den Schleier, den sie über ihrem Herzen haben, auch über ihre Augen; aber sobald er von einer befreundeten Hand gelüftet ist, so brechen die geheimen Liebesleiden wie durch eine offene Thüre hervor, und die zarten Ergießungen des Vertrauens folgen auf die geheimnißvolle Zurückhaltung, womit sie sich umschanzt hatten. Gerührt durch die neuen Beweise der Liebe ihrer Mutter, erzählte ihr Virginie jetzt, welche Kämpfe sie bestanden hatte, wovon nur Gott Zeuge sey; sie erblicke die Hülfe der Vorsehung in der einer zärtlichen Mutter, die ihre Neigung billige und ihr mit ihrem Rathe beistehe; durch ihre Hülfe gestärkt, verpflichte sie sich jetzt, bei ihr zu bleiben, ohne Unruhe wegen der Gegenwart und ohne Furcht wegen der Zukunft.

»Mein Kind,« sagte jetzt Frau von Latour, die von ihrer Offenheit eine ganz andere Wirkung erwartet hatte, »ich will dich nicht zwingen, aber überlege wohl, was du thust, und verrathe Paul deine Liebe nicht. Wenn ein Mädchen ihr Herz weggeschenkt hat, so hat ihr Liebhaber nichts mehr zu fordern.«

V irginie war gegen Abend mit ihrer Mutter allein, als ein großer Mann, im blauen Priesterrock, in die Hütte trat. Es war dieß ein Missionär, der auf der Insel seinen Sitz hatte, und zugleich der Beichtvater Frau von Latours und Virginiens. Der Gouverneur hatte ihn geschickt. »Gott sey gelobt, meine Kinder!« sagte er beim Hereintreten, »Sie sind auf einmal reich geworden. Sie können jetzt Ihrem guten Herzen folgen und den Armen wohlthun. Ich weiß, was Herr von Labourdonnais zu Ihnen gesagt und was Sie ihm geantwortet haben. Gute Mutter, Ihre Gesundheit nöthigt Sie, hier zu bleiben; aber Sie, mein Fräulein, haben durchaus keine Entschuldigung. Sie müssen der Vorsehung gehorchen und Ihren alten Verwandten, selbst wenn sie Unbilliges fordern. Es ist dieß ein Opfer, aber es ist der Befehl des Herrn. Er hat sich für uns dahin gegeben; Sie müssen sich nach seinem Beispiel für das Wohl Ihrer Familie dahingehen. Ihre Reise nach Frankreich wird ein glückliches Ende haben. Gehen Sie nicht gerne dahin, mein liebes Fräulein?«

V irginie antwortete zitternd und mit niedergeschlagenen Augen: »Wenn es der Befehl des Herrn ist, so will ich mich nicht widersetzen. Gottes Wille geschehe!« setzte sie weinend hinzu.

Der Missionär ging und stattete dem Gouverneur Bericht von dem Erfolg seiner Sendung ab. Inzwischen ließ mich Frau von Latour durch Domingo bitten, zu ihr zu kommen, um mich wegen Virginiens Reise zu Rathe zu ziehen. Ich war durchaus nicht der Meinung, daß man sie abreisen lassen solle. Meine Ansicht vom Glück ist die, daß man die Vortheile, welche unsere eigene innere Natur uns bietet, Allem vorziehen soll, was äußere Umstände versprechen, und daß wir nicht außer uns suchen sollen, was wir in uns finden können. Ich dehne diesen Grundsatz auf Alles aus ohne Ausnahme. Aber was vermochten meine nüchternen Rathschläge gegen den blendenden Glanz großen Reichthums, meine natürlichen Gründe gegen die Vorurtheile der Welt und eine Autorität, die für Frau von Latour heilig war. Sie fragte mich nur aus Höflichkeit um Rath, und überlegte nicht mehr, seit ihr Beichtvater seinen entscheidenden Spruch gethan hatte. Auch Margarethe, die trotz der Vortheile, die sie von Virginiens Glück für ihren Sohn hoffte, immer stark gegen die Reise gesprochen hatte, machte jetzt keine Einwendungen mehr. Paul, der von dem ganzen Plane nichts wußte, war sehr verwundert über die geheimen Unterredungen der Frau von Latour und ihrer Tochter, und überließ sich düsterem Gram. »Es ist etwas gegen mich im Werk,« sagte er, »denn man verbirgt sich vor mir.«

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