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Paul und Virginie

Bernardin de Saint-Pierre: Paul und Virginie - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul und Virginie und die Indische Hütte
authorBernardin de Saint-Pierre
translatorG. Fink
firstpub1840
year1840
publisherVerlag von Dennig, Finck & Co.
addressPforzheim
titlePaul und Virginie
created20050528
sendergerd.bouillon
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Als ihre Mahlzeit geendigt war, befanden sie sich in einer großen Verlegenheit, denn sie hatten keinen Wegweiser mehr, um sie nach Hause zurückzuführen. Paul, welcher sich durch nichts irre machen ließ, sagte zu Virginien: »Unsere Hütte liegt dahin, wo die Sonne im Mittag steht: wir müssen, wie heute Morgen, über den Berg steigen, den du dort unten mit seinen drei Spitzen siehst. Wohlan, meine Liebe, wir wollen uns auf den Weg machen!« Dieser Berg war der der drei ZitzenEs gibt viele Berge, deren Gipfel wie Zitzen geredet sind, und die daher in allen Sprachen diesen Namen führen. Sie sind auch in der That wahre Zitzen; denn aus ihnen entströmen viele Flüsse und Bäche, die dem Lande Fruchtbarkeit verleihen. Sie sind die Quellen der Flüsse, die es bewässern, und sie versehen dieselben fortwährend mit Wasser, indem sie unaufhörlich die Wolken um den Gipfel der Felsen versammeln, die gleich einer Brustwarze in ihrer Mitte hervorragen. Wir haben in unsern »Studien über die Natur« dieser bemerkenswerthen Erscheinung erwähnt. , von der Form seines dreigespaltenen Gipfels so genannt. Sie stiegen also den Hügel des schwarzen Flusses auf der Nordseite hinab und kamen, nachdem sie eine Stunde gegangen waren, an die Ufer eines breiten Flusses, der ihnen den Weg versperrte. Dieser große, ganz mit Wäldern bedeckte Theil der Insel ist selbst heutzutage so wenig bekannt, daß mehrere von seinen Flüssen und Bergen noch nicht einmal einen Namen haben. Der Fluß, an dessen Rand sie waren, rollt schäumend über ein felsiges Bette. Das Geräusch seiner Wasser erschreckte Virginien; sie wagte keinen Fuß hinein, um ihn zu durchwaten. Da nahm Paul Virginien auf seinen Rücken und ging mit dieser Last auf den schlüpfrigen Felsen des Flusses, trotz dem Getöse seiner Wasser, hinüber. »Habe keine Angst,« sagte er zu ihr, »ich fühle mich stark genug mit dir. Hätte der Pflanzer vom schwarzen Flusse dir die Begnadigung seiner Sklavin verweigert, so hätte ich mich mit ihm geschlagen.« – »Wie!« sagte Virginie, »mit diesem so großen und so garstigen Manne? Welcher Gefahr habe ich dich ausgesetzt! Mein Gott, wie schwer ist es, Gutes zu thun! nur das Böse wird einem leicht gemacht.«

Wie Paul am Ufer war, wollte er, seine Schwester auf dem Rücken, seinen Weg fortsetzen und schmeichelte sich, mit seiner Bürde den Berg der drei Zitzen, den er auf eine halbe Meile vor sich sah, besteigen zu können; aber bald versagten ihm die Kräfte, und er sah sich genöthigt, sie auf den Boden niederzusetzen und neben ihr auszuruhen. Jetzt sagte Virginie zu ihm: »Mein Bruder, der Tag neigt sich; du hast noch Kräfte, und die meinigen versagen mir ihre Dienste; laß mich hier und kehre allein zu unserer Hütte zurück, um unsere Mütter zu beruhigen.« »O nein,« sagte Paul; »ich verlasse dich nicht. Wenn uns die Nacht in diesen Wäldern überfällt, so zünde ich Feuer an und fälle einen Palmbaum; du issest den Kohl davon, und ich mache dir aus seinen Blättern eine Laube, um dir Schutz zu gewähren.« Nachdem indessen Virginie ein wenig ausgeruht hatte, pflückte sie an dem Stamm eines alten über den Rand des Flusses sich neigenden Baumes lange Hirschzungenblätter, welche an demselben herabhingen; daraus machte sie eine Art von Halbstiefeln, womit sie ihre von den Steinen auf dem Wege blutig geritzten Füße umgab; denn im Eifer, nützlich zu seyn, hatte sie vergessen, Schuhe anzuziehen. Als sie sich durch die Frische dieser Blätter etwas erleichtert fühlte, brach sie einen Bambusast und machte sich auf den Weg, indem sie sich mit der einen Hand auf diesen Stab, mit der andern auf ihren Bruder stützte.

Trieb sie auch ihre Unruhe noch so sehr zur Eile an, so konnten sie doch nur langsam durch den Wald weiter gehen, und bald entzog ihren Blicken die Höhe der Bäume und die Dichtigkeit ihres Laubwerks den Berg der drei Zitzen, auf welchen sie ihre Richtung nahmen, und sogar die Sonne, die bereits ihrem Untergange nahe war. Nach Verfluß einiger Zeit gerieten sie unvermerkt von dem gebahnten Fußpfade ab, auf dem sie bisher fortgegangen waren, und befanden sich in einem Labyrinth von Bäumen, Schlingpflanzen und Felsen, das keinen Ausgang mehr hatte. Paul ließ Virginien sich niedersetzen und fing an, ganz außer sich hin und her zu laufen, um einen Weg aus dem dichten Gestrüppe zu suchen; aber er mühte sich vergeblich ab. Er stieg auf einen hohen Baum, um wenigstens den Berg der drei Zitzen zu entdecken; allein er sah rings um sich her nichts als die Wipfel der Bäume, deren einige von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne beschienen waren. Indessen bedeckte bereits der Schatten der Berge die Wälder in den Thälern; der Wind legte sich wie gewöhnlich bei Sonnenuntergang; eine tiefe Stille herrschte in diesen Einöden, und man hörte keinen andern Laut, als das Schreien der Hirsche, welche ihre Lager in diesen abgelegenen Orten aufsuchten. In der Hoffnung, ein Jäger könnte ihn hören, rief jetzt Paul aus Leibeskräften: »Hieher! zu Hülfe, zu Hülfe meiner Virginie!« Aber nur das Echo des Waldes antwortete seiner Stimme und wiederholte ferner und ferner. »Virginie!...... Virginie!«

Paul stieg nun, niedergedrückt von Mattigkeit und Kummer, von dem Baume herab; er suchte Mittel und Wege, um die Nacht an diesem Orte zuzubringen; aber es war da weder eine Quelle, noch ein Palmbaum, noch selbst dürre Reiser, die er hätte brauchen können, um Feuer anzuzünden. Er überzeugte sich jetzt durch Erfahrung von der ganzen Unzulänglichkeit seiner Hülfsquellen und fing an zu weinen. Virginie sagte zu ihm. »Weine doch nicht, mein Freund, wenn du mich nicht durch Kummer ganz niederdrücken willst! Ich, ich bin die Ursache aller deiner Leiden und derjenigen, welche jetzt unsere Mütter empfinden. Man muß nichts, nicht einmal das Gute thun, ohne seine Eltern zu fragen. O, ich bin sehr unklug gewesen!« und dabei fingen auch ihre Thränen an zu fließen. Doch sagte sie zu Paul: »Wir wollen zu Gott beten, mein Bruder! und er wird Erbarmen mit uns haben.« Kaum hatten sie ihr Gebet vollendet, als sie einen Hund bellen hörten. »Das ist der Hund eines Jägers,« sagte Paul, »welcher am Abend Hirsche auf dem Anstand schießen will.« Bald darauf verdoppelte sich das Gebell des Hundes. »Mir kommt es vor,« sagte Virginie, »es sey Fidel, unser Haushund; ja, ich kenne ihn an seiner Stimme: sollten wir so nahe bei unserer Heimath und am Fuß unsers Berges seyn?« Wirklich, einen Augenblick nachher, war Fidel zu ihren Füßen, bellend, heulend, winselnd und sie mit Liebkosungen überhäufend.

Wahrend sie noch von ihrer Ueberraschung nicht zurückkommen konnten, bemerkten sie Domingo, welcher auf sie zulief. Bei der Ankunft dieses gutmüthigen Schwarzen, der vor Freude weinte, begannen sie gleichfalls zu weinen, ohne ihm ein Wort sagen zu können. Als Domingo seine Besinnung wieder erlangt hatte, sagte er zu ihnen: »O meine jungen Herrschaften, in welcher Unruhe sind Ihre Mütter! Wie erstaunt sind sie gewesen, als sie beim Nachhausekommen von der Messe, wohin ich sie begleitete, Sie nicht mehr gefunden haben! Marie, welche in einem Winkel der Pflanzung arbeitete, hat uns nicht sagen können, wohin Sie gegangen wären. Ich lief hin und her in der ganzen Pflanzung herum und wußte selbst nicht, wo ich Sie suchen sollte. Endlich nahm ich Ihre alten KleiderDieses Beispiel von Sagacität des schwarzen Domingo und seines Hundes Fidel hat viele Aehnlichkeit mit der Geschichte, die Herr v. Crève-Coeur in seinem gemeinnützigen Werk, betitelt: Briefe eines amerikanischen Landbauers, von dem Hunde Oniah erzählt.

Die Anekdote, auf die Bernardin de Saint-Pierre hier anspielt, wird von Herrn Saint-John de Crève-Coeur in einem Briefe vom 4. September 1773 erzählt. Ein gewisser Le Fèvre, Enkel eines in Folge der Zurücknahme des Edicts von Nantes vertriebenen französischen Protestanten, lebte in der Grafschaft Ulster. Eines Tags – so sagt der Erzähler – als ich gerade bei diesem Colonisten war, verschwand das jüngste von seinen elf Kindern, vier Jahre alt, gegen zehn Uhr Morgens: die ganze Familie stellte in der größten Bestürzung an den Ufern des Flusses und in den Feldern Nachsuchungen an, aber vergeblich. In ihrer Angst liefen die Eltern ihre Nachbarn zu sich bitten, und dann ging der ganze Zug in den Wald, den wir mit der ängstlichsten Aufmerksamkeit durchstreiften; tausendmal riefen wir den Namen des Kindes, hatten aber keine andere Antwort, als das Echo. Endlich versammelten wir uns am Fuße des Kastanienberges, ohne die geringste Spur von dem Verlorenen bemerkt zu haben. Ich habe in meinem Leben keine betrübtere Scene gesehen.

Nachdem wir einige Minuten ausgeruht hatten, theilten wir uns in mehrere Rotten, allein die Nacht kam, ohne daß sich ein Schein von Hoffnung gezeigt hätte, und die verzweifelnden Eltern wollten durchaus nicht nach Hause gehen. Was ihre Angst noch vermehrte, waren die wilden Bergkatzen, die sich hier in Menge vorfanden und deren sich selbst Männer nicht immer erwehren können. Schon glaubten sie ihren letzten Sprößling im Rachen eines hungrigen Wolfes und sein Blut auf der Erde rieseln zu sehen. Es war eine düstere, melancholische Nacht, sie schien mir länger als ein Monat. »Derick, mein armer kleiner Derick, wo bist du? Wo bist du, mein Kind? Antworte deiner Mutter, wenn du sie hörst.« Alles umsonst. Sobald der Tag graute, fingen wir auf's Neue an zu suchen, allein es war eben so erfolglos. Schon gaben wir alle Hoffnung auf und wußten nicht mehr, was wir thun sollten.

Glücklicherweise kam ein Wilder aus dem Dorfe Anaquaga, der Pelzwaaren zu verkaufen hatte, an diesem Tage in Le Fèvre's Haus, um eine Zeitlang auszuruhen. Er war sehr überrascht, als er nur eine alte kränkliche Negerin antraf, und fragte sie: »Wo ist mein Bruder?«

»Ach!« sagte die Alte, »er hat seinen kleinen Derick verloren, und die ganze Nachbarschaft ist im Walde, um ihn suchen zu helfen.«

Es war Nachmittags drei Uhr. »Gib deinem Herrn ein Zeichen,« sagte der Wilde, »daß er zurückkommt, ich will sein Kind wiederfinden.«

Als der Vater nach Hause kam, verlangte er von ihm die Schuhe und Strümpfe, die der kleine Derick in der letzten Zeit getragen hatte, ließ seinen Hund daran riechen, nahm dann das Haus als Mittelpunkt und beschrieb von da aus einen Kreis von einer Viertelmeile, wobei er seinen Hund fortwährend die Erde beriechen ließ. Noch war der Kreis nicht vollendet, als das gescheite Thier bereits anfing zu bellen. Den Eltern wurde es etwas leichter um's Herz. Der Hund verfolgte seine Fährte und bellte zum zweiten Mal; wir liefen ihm so schnell wir konnten nach, verloren ihn aber im dichten Walde bald aus den Augen. Nach einer halben Viertelstunde kam er zurückgerannt und sein ganzes Benehmen verkündigte große Freude. Ich war überzeugt, daß er das Kind gefunden habe, aber, ob todt oder lebendig, war eine Frage, die uns Alle mit Angst erfüllte.

Der Wilde folgte seinem Hund und fand den jungen Derick unter einem großen Baume in einem Zustand von Schwäche, dem nicht viel zum Tode fehlte: er nahm ihn zärtlich in seine Arme und eilte auf uns zu. Die entzückten Eltern sprangen dem Wilden von Weitem entgegen und empfingen ihren geliebten Derick mit einer freudigen Begeisterung, die ich nicht beschreiben kann. Thränen traten in Aller Augen, aller Schmerz war vergessen. Ich drückte dem Vater kräftig die Hand, ohne ein Wort vorbringen zu können. Nach der ersten Bewillkommnung ihres Kindes warfen sich die Eltern dem Wilden um den Hals, dessen Herz, obwohl von gröberem Metall, diesem Auftritte gleichfalls nicht widerstehen konnte. Dies war das erste Mal, daß ich einen Indianer weinen sah.

Die Erkenntlichkeit der Eltern erstreckte sich bis auf den Hund, dessen bewundernswürdiger Instinkt hier mehr geleistet hatte, als alle Anstrengungen unsers Verstandes.

Sobald Le Fèvre nach Hause kam, ordnete er ein Festmahl an, wozu er 83 Personen einlud. Es war eine sehr lustige Nacht. Mehrere der Gäste kamen erst gegen Tagesanbruch zu Pferde, um die allgemeine Heiterkeit zu theilen. Weiße und Schwarze brachten den Eltern um die Wette Glückwünsche dar. Es war eine wahre Aufgabe für Le Fèvre, so viele Gratulationen annehmen zu müssen. Kaum hatte er Zeit, sein Kind an's Herz zu drücken, das in dieser der letzten so unähnlichen Nacht auf dem Schoße seiner Mutter schlief.

Am andern Tage bot Le Fèvre dem Wilden eine Menge Geschenke an, von denen er glaubte, daß sie ihm von Nutzen seyn könnten; dieser aber, ganz verwirrt und an so viel Lärm nicht gewöhnt, hatte sich auf die Scheune zurückgezogen. Nur auf langes Bitten nahm er einen Lancaster'schen Karabiner an, im Werthe von hundert und sechzig Livres.

Dieser ehrliche Indianer hieß Tewenissa; sein Hund Oniah. Gegen zehn Uhr bat Le Fèvre die ganze Gesellschaft in seinen Hof zusammen, hieß den Indianer neben sich sitzen, nahm sein Kind in die Arme und drückte sich in der Sprache der Indianer also aus:

»Tewenissa, mit diesem Wampunzweig berühre ich dir die Ohren; Tewenissa, ich wende mich an dich, du hast die Wunde meines Herzens geheilt; ich weinte bitterlich, denn ich fürchtete mein Kind verloren zu haben, und du hast meine Thränen getrocknet. Ich war wie eine frosterstarrte Schlange, und du hast mich wieder erwärmt. Was kann ich für dich thun, Tewenissa? Es ist schon lange her, daß du mein Herz kennst und daß ich dich zu meinem Freunde gemacht habe. Heute erkenne und adoptire ich dich vor allen diesen Zeugen als Bruder. Höre, Tewenissa, wenn du jemals unfähig wirst zu jagen, so komm' hierher, um nach deiner Weise zu leben; ich werde dir hier eine Wigwham bauen. Ich biete dir keine Aecker an, denn von dir und deinen Vorfahren haben wir das Land, welches wir bebauen. Wenn du jemals verwundet wirst, so komm' unter mein Dach, ich werde deine Wunde aussaugen: wenn du jemals deines Dorfes und der Deinigen müde wirst, so komm' und lebe mit einem weißen Manne, der dich liebt. Wenn du Ursache hast zu weinen, ich werde deine Thränen trocknen, wie du die meinigen getrocknet hast; wenn Kitchy Manitu, der böse Geist, dich deiner Kinder beraubt, so komm' hierher, du wirst da ein Bärenfell finden; ich werde dich trösten, wenn ich kann. Als meinem Adoptivbruder gebe ich dir diesen blauen und weißen Wampunzweig. Wenn dich die Deinigen bei deiner Rückkehr nach Anaquaga diesen Wampun auf der Brust tragen sehen werden, so wirst du ihnen sagen, was vorgegangen ist. Wenn dein Hund alt seyn wird, so daß er dir nicht mehr folgen kann, so werde ich ihm Fleisch und eine Ruhestätte geben. Tewenissa, ich bin zu Ende.«

Hierauf nahm er den Wilden bei der Hand, ließ ihn aus seiner Pfeife rauchen und fügte in holländischer Sprache hinzu: »Meine lieben Nachbarn und Freunde, dies hier ist mein Bruder; ich wünsche, daß künftig der Name Derick, unter welchem mein elftes Kind bekannt war, gänzlich vergessen werde, wie wenn es ihn nicht in der Taufe erhalten hätte; so lange es lebt, soll man es mit keinem andern Namen nennen, als dem seines Retters und Oheims Tewenissa.«

Die ganze Versammlung jauchzte Beifall. Der Wilde rauchte, die Augen zur Erde geheftet, ungefähr eine Viertelstunde lang, ohne ein Wort zu sagen; hierauf sprach er also:

»Derick, ich gebe dir einen Wampunzweig, auf daß du mich besser hörest; mit diesem selben Zweige werde ich den Pfad reinigen, der von unserm Dorfe zu deiner Wigwham führt. Höre, was du mir gesagt hast, ist in meinem Geist eingegraben. Du bist mein Bruder, obschon wir nicht aus demselben Blute stammen; meine Wigwham ist die deinige geworden, bis wir nach dem Morgenlande gehen, zum Ort der Ruhe; gib mir nun auch deine Hand und rauche aus meiner Pfeife. Mein Bruder, ich habe nichts für dich gethan, was du nicht für mich gethan hättest. Der gute Geist hat gewollt, daß ich gestern vor deiner Wigwham vorbeikam. Da du glücklich bist, so bin ich glücklich; da deine Seele sich erfreut, so erfreut sich die meinige gleichfalls. Wenn du nach Anaquaga kommst, so wirst du dich nicht mehr am Feuer Matarens, Togararoka's, Wapwalipens und deiner andern Freunde wärmen; mein Herd ist von heute an der deinige; ich werde dir dort ein Bärenfell geben, um auszuruhen. Ich habe geendigt: hier ist ein zweiter Wampunzweig, auf daß du dich meiner Worte erinnerst.«

So endigte die Ceremonie. Das Kind wurde Mann und legte niemals seinen Namen ab, welcher das Pfand seiner Erkenntlichkeit und der Erkenntlichkeit seines Vaters geworden war. Ich habe mehrere Briefe gesehen mit der Unterschrift: Tewenissa Le Fèvre. Sein Retter und Adovtiv-Oheim starb einige Jahre darauf; der junge Mensch ging mit Einwilligung seines Vaters nach Anaquaga, wo er vor allen Indianern und dem Missionär, einem mährischen Geistlichen, dasjenige von den Kindern des alten Tewenissa, das denselben Namen führte, als Bruder adoptirte. Dieser Wilde kam seitdem nie über die blauen Berge, ohne bei dem jungen Le Fèvre einzusprechen, den ich oft sagen gehört habe, er werde so lange er lebe nie vergessen, daß er dem Vater seines Adoptivbruders sein Leben verdanke.

, ließ Fidel daran riechen, und sogleich, wie wenn das arme Thier mich verstanden hätte, machte er sich auf die Fährte nach Ihnen. Immer mit dem Schwanze wedelnd, führte er mich bis an den schwarzen Fluß. Dort erfuhr ich von einem Pflanzer, daß Sie ihm eine entlaufene Negerin zurückgebracht, und daß er derselben Ihnen zu Lieb Gnade angedeihen lassen; aber welche Gnade! er hat sie mir gezeigt, mit einer Kette um den Fuß an einen Holzklotz angebunden und ein eisernes Halsband mit drei Haken um den Hals. Von dort führte mich Fidel auf den Hügel des schwarzen Flusses, wo er wieder bellend stille stand. Dieß war an dem Rand einer Quelle, bei einem gefällten Palmbaum und neben einer Feuerstelle, welche noch rauchte. Endlich hat er mich hieher gebracht: wir sind unten an dem Berg der drei Zitzen und haben noch vier gute Meilen bis nach Hause: kommen Sie, essen Sie und stärken Sie sich.« Damit reichte er ihnen einen Kuchen, Früchte und eine große Kürbisflasche mit einem aus Wasser, Wein, Citronensaft, Zucker und Muscatnuß zusammengesetzten Getränke, das ihre Mütter zu ihrer Stärkung und Erquickung bereitet hatten. Virginie seufzte bei der Erinnerung an die arme Sklavin und die Besorgnisse ihrer Mütter. Sie wiederholte mehrmals. »O, wie schwer ist es, Gutes zu thun!« Während Paul und sie sich erquickten, machte Domingo Feuer an; und, nachdem er ein hiezu taugliches Stück Holz gesucht hatte, machte er eine Fackel daraus, die er anzündete; denn es war bereits Nacht. Aber, als man sich auf den Weg machen sollte, fand sich für ihn eine bei Weitem größere Schwierigkeit. Paul und Virginie konnten nicht mehr gehen; ihre Füße waren angelaufen und ganz roth. Domingo wußte nicht, ob er nach Hülfe gehen oder hier die Nacht mit ihnen zubringen sollte. »Wo ist die Zeit,« sagte er zu ihnen, »als ich Sie Beide zugleich auf meinen Armen trug? aber jetzt sind Sie groß, und ich bin alt.« Während er sich in dieser ängstlichen Verwirrung befand, kam in einer Entfernung von zwanzig Schritten eine Truppe flüchtiger Neger zum Vorschein. Der Anführer dieser Truppe näherte sich Paul und Virginien und sagte zu ihnen: »Gute kleine Weiße, habt keine Angst; wir haben euch diesen Morgen mit einer Negerin vom schwarzen Flusse vorbeigehen sehen; ihr wolltet ihren bösen Herrn um Verzeihung für sie bitten. Zum Lohn dafür wollen wir euch auf unsern Schultern nach Hause tragen.« Darauf gab er ein Zeichen und vier der stärksten flüchtigen Schwarzen machten sogleich eine Tragbahre aus Baumästen und Schlingkraut, setzten Paul und Virginien darauf, nahmen sie auf ihre Schultern und begaben sich, Domingo mit seiner Fackel voraus, auf den Weg unter dem Freudengeschrei der ganzen Truppe, welche sie mit Segnungen überschüttete. Virginie sagte gerührt zu Paul. »O mein Freund, nie läßt doch Gott eine gute That unbelohnt!«

In dieser Begleitung kamen sie gegen Mitternacht an den Fuß ihres Berges, dessen Spitzen von mehreren Feuern erleuchtet waren. Kaum stiegen sie denselben hinan, als sie Stimmen vernahmen, welche riefen: »Seyd ihr's, meine Kinder?« Sie antworteten zugleich mit den Schwarzen: »Ja, wir sind's!« Und bald gewahrten sie ihre Mütter und Marien, welche ihnen mit flammenden Feuerbränden entgegen kamen.

»Unglückliche Kinder!« sagte Frau von Latour, »wo kommt ihr her? In welche Angst habt ihr uns versetzt!« »Wir kommen,« erwiderte Virginie, »von dem schwarzen Flusse, wo wir für eine arme entlaufene Sklavin um Verzeihung baten, der ich heute Morgen das für unser Haus bestimmte Frühstück gegeben hatte, weil sie vor Hunger halb todt war; und nun haben uns die flüchtigen Neger da zurück gebracht.« Frau von Latour umarmte sprachlos ihre Tochter; und Virginie, welche die mütterlichen Thränen auf ihren Wangen fühlte, sagte zu ihr. »Sie entschädigen mich für alles Uebel, das ich ausgestanden habe!« Margarethe schloß in freudiger Entzückung Paul in ihre Arme und sagte zu ihm. »Und du auch, mein Sohn, du hast eine gute That gethan!« Als sie mit ihren Kindern in ihren Hütten angekommen waren, gaben sie den flüchtigen Negern reichlich zu essen, welche sodann unter Segenswünschen aller Art Abschied nahmen, um in ihre Wälder zurück zu kehren.

Ein Tag wie der andere war für diese Familien ein Tag des Glücks und des Friedens. Weder Neid noch Ehrgeiz quälte sie. Sie verlangten nicht nach einer äußerlichen leeren Anerkennung, welche Ränkesucht gibt und Verleumdung nimmt; es genügte ihnen, ihre eigenen Zeugen und Richter in dieser Hinsicht zu seyn. Auf dieser Insel, wo, wie in allen europäischen Colonien, man nur nach boshaften Anekdoten begierig ist, waren ihre Tugenden und selbst ihre Namen unbekannt. Nur, wenn etwa ein Vorüberziehender auf dem Wege nach den Pompelmusen die Bewohner der Ebene fragte. »Wer wohnt dort oben in den kleinen Hütten?« antworteten diese, ohne sie weiter zu kennen. »Es sind gute Leute!« So hauchen Veilchen unter dornigen Gebüschen fernhin ihre süßen Düfte aus, ob man sie gleich nicht sieht.

Sie hatten aus ihren Gesprächen die üble Nachrede verbannt, welche unter einem Schein von Gerechtigkeit das Herz zu Haß oder Falschheit geneigt macht; denn es ist unmöglich, die Menschen nicht zu hassen, wenn man sie für schlecht hält, und mit den Schlechten zu leben, wenn man ihnen nicht seinen Haß unter falschen Vorspiegelungen von Wohlwollen verbirgt. So nöthigt uns die Schmähsucht zu einem Mißverhältniß entweder Andern oder uns selbst gegenüber. Allein, ohne über die Menschen im Besondern zu urtheilen, unterhielten sie sich nur über die Mittel, Allen im Ganzen wohlzuthun; und, wenn nicht die Macht, so hatten sie doch fortwährend den guten Willen hiezu, der sie mit einem Wohlwollen erfüllte, das jederzeit bereit war, sich nach außen zu erstrecken. So waren sie durch ihr Leben in der Einsamkeit, weit entfernt, Wilde zu seyn, menschlicher geworden. Wenn die ärgerliche Geschichte der Gesellschaft ihnen keinen Stoff für ihre Unterhaltungen darbot, so erfüllte sie die der Natur mit Lust und Freude. Sie bewunderten mit Entzücken die Macht einer Vorsehung, welche mitten in diesen dürren Felsen Ueberfluß, Annehmlichkeit, reine, einfache und stets wiederkehrende Genüsse mit ihren Händen ausgestreut hatte.

P aul, mit zwölf Jahren kräftiger und verständiger, als die Europäer mit fünfzehn, hatte das verschönert, was der schwarze Domingo nur baute. Er ging mit demselben in die umliegenden Wälder, um junge Schößlinge von Citronen, Pomeranzen, Tamarinden, deren runde Krone von einem so schönen Grün ist, und von Anonen, deren Frucht von einem zuckersüßen Saft mit dem Wohlgeruche der Orangeblüthe voll ist, sammt der Wurzel auszuziehen; er setzte diese Bäume, schon groß gewachsen, rings um die Pflanzung her. Ebendaselbst hatte er Kerne von Bäumen gesteckt, welche vom zweiten Jahr an Blüthen oder Früchte treiben: z. B. den Agathis, an welchem rings herum wie die Krystalle eines Kronleuchters lange weiße Blüthentrauben herabhängen; die persische Syringe, welche ihre röthlichgrauen Blumenbüschel gerade in die Luft erhebt; den Melonenbaum, dessen astloser Stamm, gleichsam den Schaft einer von oben bis unten mit grünen Melonen besetzten Säule bildend, einen Aufsatz von breiten, denen des Feigenbaums ähnlichen Blättern trägt.

Thätig, wie Paul war, hatte er ferner Kerne und Steine von Badamien, Manga's, Aguacaten, Gojaven, Jaca's und Jambosen gesteckt. Die meisten dieser Bäume gaben ihrem jungen Herrn bereits Schatten und Früchte. Seine arbeitsame Hand hatte die Fruchtbarkeit sogar auf die unfruchtbarsten Oerter dieses Bezirks ausgedehnt. Verschiedene Aloearten, der indianische Feigenbaum mit seinen gelb und roth gestreiften Blüthen, die stachelige Fackeldistel erhoben sich auf den schwarzen Häuptern der Felsen und schienen die langen Schlingpflanzen voll blauer oder scharlachrother Blumen erreichen zu wollen, welche da und dort über die Böschungen des Berges herabhingen.

In der Vertheilung dieser Gewächse war er so planmäßig zu Werk gegangen, daß man sie mit einem einzigen Blick übersehen konnte. Mitten im Thalgrunde hatte er die Kräuter gepflanzt, welche sich nur wenig vom Boden erheben, weiter hin die Gesträuche, dann die mittelmäßigen Bäume und endlich die großen Bäume, welche den Umkreis derselben begränzten; so daß dieser weite Bezirk von seinem Mittelpunkt aus wie ein Amphitheater von Grün, Früchten und Blumen anzusehen war, welches Küchengewächse, Wiesenplätze und Reiß- und Kornfelder einschloß. Aber, während er diese Gewächse seinem Plan unterwarf, hatte er sich von dem der Natur nicht entfernt: ihrer Anleitung infolge hatte er an die erhabenen Oerter diejenigen versetzt, deren Samen geflügelt, und an den Rand der Gewässer solche, deren Körner zu schwimmen bestimmt sind. So wuchs jede Pflanze an ihrem geeigneten Standort, und jeder Standort erhielt durch das für ihn passende Gewächs seine natürliche Zierde. Die Wasser, welche von dem Gipfel dieser Felsen herabkommen, bildeten im Grund des Thales hier Quellen, dort breite Spiegel, welche mitten unter dem Grün die blühenden Bäume, die Felsen und den Azur des Himmels im Bilde zurückwarfen.

Nicht leicht zu überwinden waren die Hindernisse, welche die Unregelmäßigkeit des Bodens verursachte; und dennoch waren die Pflanzungen größtenteils eben so zugänglich als leicht übersehbar. Freilich standen wir ihm sämmtlich mit Rath und That bei, um damit zu Stande zu kommen. Er hatte einen Fußpfad angelegt, welcher ganz um das Becken herumlief, und von welchem mehrere Verzweigungen aus dem Umkreis in den Mittelpunkt führten. Die rauhesten Stellen hatte er benützt und durch die glücklichste Harmonie die Bequemlichkeit des Gehens mit der Unebenheit des Bodens und die fruchttragenden Bäume mit den wilden vereinigt. Aus der ungeheuren Menge von Rollsteinen, welche jetzt diese Wege, so wie den größten Theil des Bodens dieser Insel ungangbar machen, hatte er da und dort Pyramiden aufgeschichtet, in deren Zwischenlagen er Erde und Wurzeln von Rosen, Pfauenschwänzen und andern Sträuchern brachte, die einen felsigen Grund lieben. In kurzer Zeit waren diese düstern und rohen Pyramiden mit Grün oder mit den schönsten Blumen überdeckt. Die Schluchten, über deren Rand alte Bäume hereinhingen, bildeten unterirdische Gewölbe, wohin die Hitze nicht dringen konnte, und wo man am hohen Tage Kühle fand. Ein Fußpfad führte in ein Gesträuch von wilden Bäumen, in dessen Mittelpunkt, vor den Winden geschützt, ein zahmer Baum voll Früchten wuchs. Hier war ein Saatfeld, dort eine Obstpflanzung. Durch diese Lücke hatte man die Häuser im Auge, durch jene andere die unzugänglichen Spitzen des Berges. Unter einem dichten Gesträuch von Tatamaken, welche mit Schlingpflanzen verwachsen waren, konnte man am hellen Mittag keinen Gegenstand unterscheiden; auf der Spitze jenes großen Felsen dort in der Nähe, welcher aus dem Berg vorspringt, hatte man eine Aussicht über Alles rings umher und auf das Meer in der Ferne, woselbst manchmal ein Schiff erschien, das von Europa kam oder dorthin zurückkehrte. Auf diesem Felsen versammelten sich die Familien des Abends und genossen stillschweigend der erfrischenden Kühle, des Wohlgeruchs der Blumen, des Gemurmels der Quellen und der letzten verschwimmenden Töne des Lichts und der Schatten.

Nichts war anmuthiger, als die Namen, welche die meisten reizenden Ruheplätze dieses Labyrinths erhalten hatten. Der Fels, von dem ich Ihnen eben gesagt habe, und von welchem man mich aus weiter Ferne her kommen sah, hieß die Warte der Freundschaft. Paul und Virginie hatten daselbst in ihren Spielen einen Bambus gepflanzt, von dessen Wipfel sie ein kleines weißes Tuch wehen ließen, um, sobald sie mich bemerkten, ein Zeichen von meiner Ankunft zu geben, so wie man beim Anblick eines Schiffes in der See eine Flagge auf dem nächsten Berge aussteckt. Es fiel mir ein, auf den Stamm dieses Rohrholzes eine Inschrift zu setzen. So großes Vergnügen es mir auch gewährt hat, auf meinen Reisen eine Bildsäule oder ein Denkmal des Alterthums zu sehen, so finde ich doch noch ein größeres daran, eine passende Inschrift zu lesen; es scheint mir dann eine menschliche Stimme aus dem Stein zu ertönen, durch Jahrhunderte hin sich hören zu lassen und dem Menschen mitten in den Einöden zuzuflüstern, daß er nicht allein ist, und daß andere Menschen an eben diesen Oertern wie er gefühlt, gedacht und gelitten haben; und, wenn diese Inschrift von einem alten untergegangenen Volksstamme herrührt, so versetzt sie unsere Seele gleichsam in die Gefilde des Unendlichen und erweckt in ihr das Gefühl unserer Unsterblichkeit, indem sie uns zeigt, daß ein Gedanke sogar den Untergang eines Reiches überdauert hat.

Ich schrieb daher auf den kleinen Flaggenmast Pauls und Virginiens die Verse von Horaz:

... Fratres Helenae lucida sidera
Ventorumque regat pater,
Obstrictis aliis, praeter japyga.

Das helle Gestirn, Helena's Brüderpaar,
Und der Vater der Winde sey
Euer Schutz und Geleit, fächle Zephyr nur.

Tiefsinnig hatte ich Paul zuweilen in dem Schatten einer Tatamake sitzen gesehen, um in der Ferne die bewegte See zu betrachten. In die Rinde dieses Baumes grub ich den bekannten Vers von Virgil:

Fortunatus et ille deos qui novit acrestes

Glücklich ist wohl auch, mein Sohn, wer sie kennet, die Götter des Feldes.

An der Hütte der Frau von Latour endlich, die ihr Versammlungsplatz war, setzte ich über die Thüre folgenden andern:

        At secura quies et nescia fallere vita

Sorglos lebt es sich hier und ruhig im Schoße der Unschuld.

Bei Virginien aber fand mein Latein keinen Beifall; sie behauptete, was ich unter ihre Windfahne gesetzt habe, sey zu lang und zu gelehrt. »Mir hätte besser gefallen,« setzte sie hinzu: »Stets bewegt und doch beständig.« – »Dieser Wahlspruch,« antwortete ich ihr, »würde noch besser auf die Tugend passen.« Mein Gedanke machte sie erröthen.

Tief und zart war das Gefühl, mit welchem die glücklichen Familien Alles umfaßten, was sie umgab. Sie hatten den anscheinend gleichgültigsten Gegenständen die zärtlichsten Namen gegeben. Ein Kreis von Pomeranzenbäumen, Pisangs und Jambosen um einen Grasplatz her, in dessen Mitte Virginie und Paul manchmal tanzten, wurde die Eintracht genannt. Ein alter Baum, in dessen Schatten Frau von Latour und Margarethe sich ihr Unglück erzählt hatten, hieß die getrockneten Thränen. Kleinen Feldplätzen, wo sie Getraide, Erdbeeren und Erbsen gepflanzt hatten, gaben sie den Namen Bretagne und Normandie. Von dem Wunsche bewegt, nach dem Beispiel ihrer Gebieterinnen eine Erinnerung an ihre Heimath in Afrika zu haben, nannten Domingo und Marie zwei Stellen, wo das Gras wuchs, aus welchem sie Körbe flochten, und wo sie einen Kürbisflaschenbaum gepflanzt hatten, Angola und Foullepointe. Vermittelst dieser Erzeugnisse aus ihrem vaterländischen Himmelsstrich hielten die verbannten Familien die süße Täuschung über ihre Heimath fest und beschwichtigten so die Sehnsucht nach derselben in einem fremden Lande. Ach! durch tausend reizende Benennungen habe ich die Bäume, die Quellen, die Felsen dieser Gegend beseelt gesehen, welche jetzt so zerstört ist und, gleich einem Gefilde Griechenlands, nichts mehr als Trümmer und ergreifende Namen darbietet.

Bezaubernder war jedoch im ganzen Umkreise nichts, als der Ort, welcher Virginiensruhe hieß. Unten an dem Fuße des Felsen der Warte der Freundschaft ist eine Vertiefung, aus welcher eine Quelle hervorsprudelt, die von ihrem Ursprung an mitten in einer Wiese von zartem Gras einen kleinen Teich bildet. Als Margarethe von Paul entbunden worden war, schenkte ich ihr eine indianische Cocosnuß, die ich irgend woher erhalten hatte. Diese Frucht pflanzte sie an den Rand jenes Weihers, damit der Baum, welcher daraus hervorwachsen würde, einst zum Zeichen für den Zeitpunkt der Geburt ihres Sohnes dienen möchte. Frau von Latour pflanzte ihrem Beispiel zufolge ebendaselbst einen andern in der gleichen Absicht, als Virginie zur Welt gekommen war. Aus diesen beiden Früchten wurden zwei Cocosbäume, welche das ganze Archiv der beiden Familien bildeten: der eine hieß Paulsbaum, der andere Virginiensbaum. Sie wuchsen beide, in demselben Verhältnis wie ihre jungen Gebieter, in etwas ungleicher Höhe, die jedoch nach Verfluß von zwölf Jahren ihre Hütten bereits überragte. Schon schlangen sie ihre Zweige in einander und ließen ihre jungen Cocostrauben über das Becken der Quelle hereinhängen. Diese Anpflanzung ausgenommen, hatte man die Vertiefung in dem Felsen so gelassen, wie sie von Natur war. An ihren braunen und feuchten Seiten schlängelten sich in grünen und schwarzen Sternen breite Haargewächse hin und wiegten sich im Hauche des Windes Büschel von Farrenkräutern, welche wie lange Bänder von einem in's Purpurfarbige fallenden Grün in der Luft schwebten. Nahe dabei wuchsen Raine von Sinnkraut, dessen Blätter beinahe denen des Goldlack ähnlich sind, und von spanischem Pfeffer, dessen blutrothe Samenkapseln eine lebhaftere Farbe haben, als die Koralle. Darumher hauchten das Balsamkraut, dessen Blätter im Herz der Pflanze sitzen, und das Basilicum mit seinem Gewürznelkenduft die süßesten Wohlgerüche aus. Von der Böschung des Berges herab hingen Lianen wie wallende Gewänder und bildeten an den Seiten der Felsen große Rasenvorhänge. Angelockt von diesen friedlichen Schlupfwinkeln kamen die Seevögel hieher, um ihr Nachtlager zu suchen. Mit Sonnenuntergang sah man die Ufer des Meeres entlang den Seeraben und die Meerlerche hieher fliegen; und hoch in der Luft die schwarze Fregatte mit dem weißen Tropikvogel, welche zugleich mit dem Gestirn des Tages die Einöden des indischen Oceans verließen. Virginie ruhte sich gerne aus an den Ufern dieser Quelle, welche mit einer eben so großartigen als wilden Pracht aufgeschmückt war. Oft kam sie hieher, um im Schatten der beiden Cocosbäume das Linnenzeug der Familie zu waschen. Bisweilen führte sie ihre Ziegen dahin zur Weide. Während sie aus der Milch derselben Käse bereitete, machte es ihr Vergnügen, zu sehen, wie sie die Haargewächse an den steilen Felsenseiten abfraßen und sich auf einem der Vorsprünge derselben wie auf einem Fußgestell in der Luft erhielten. Als Paul bemerkte, daß dieser Ort Virginien besonders lieb war, trug er aus dem benachbarten Walde Vogelnester aller Art dahin. Die Alten flogen ihren Jungen nach und ließen sich bald in der neuen Colonie nieder. Virginie streute ihnen von Zeit zu Zeit Reiß, Wälschkorn und Hirsekörner hin. Sobald sie sich zeigte, verließen die Singdrosseln, die Bengali's mit ihrem angenehmen Schlag, die Cardinäle mit ihrem feuerfarbenen Gefieder ihre Gebüsche; kleine Papagaien, grün wie Smaragde, flogen von den nahen Latanbäumen herab; Rebhühner liefen unter dem Gras herzu: Alles kam bunt durch einander bis vor ihre Füße, als ob es Hühner wären. Paul und sie hatten eine innige Freude an ihren Spielen, ihrem Appetit und ihrem Geschnäbel.

Also, liebenswürdige Kinder, brachtet ihr eure ersten Tage in Unschuld unter Uebungen des Wohlthuns hin! Wie oft schlossen euch an dieser Stelle eure Mütter in die Arme und priesen den Himmel für den Trost, den ihr ihrem Alter bereitetet, und für die glücklichen Aussichten, unter denen ihr in das Leben eintratet! Wie oft habe ich im Schatten dieser Felsen in ihrer Gesellschaft eure ländlichen Mahle getheilt, die keinem lebenden Geschöpfe das Daseyn gekostet hatten! Kürbisflaschen mit Milch, frische Eier, Reißkuchen auf Pisangblättern, Körbe voll Pataten, Manga's, Pomeranzen, Granatäpfeln, Paradiesfeigen, Anonen, Ananas boten zugleich die gesundesten Speisen, die heitersten Farben und die süßesten Säfte dar.

Liebreich und unschuldig, wie diese Festmahle, war ihre Unterhaltung. Paul sprach dabei oft von den Arbeiten des gegenwärtigen und von denen des folgenden Tages. Immer dachte er auf etwas Nützliches für die Gesellschaft. Hier waren die Fußwege nicht bequem; dort saß man schlecht; diese jungen Lauben gaben nicht Schatten genug; Virginie sollte es dort besser haben.

Die Regenzeit brachten sie den Tag über alle beisammen in der Hütte zu, Herrschaft und Diener beschäftigt, Grasmatten und Bambuskörbe zu verfertigen. An den Wänden der Mauer sah man in der größten Ordnung Rechen, Hauen, Schaufeln aufgehängt; und bei diesen Ackergeräthschaften lagen die vermittelst derselben erzielten Bodenerzeugnisse, Säcke mit Reiß, Garben von Korn und Pisangzweige mit Blüthe und Frucht. Die Köstlichkeit vereinigte sich hier stets mit dem Ueberfluß. Unter der Anleitung Margarethens und ihrer Mutter bereitete Virginie Kühltränke und Herzstärkungsmittel aus dem Saft von Zuckerrohr, Citronen und Citronaten.

Lud das Dunkel des Abends zur Erholung und Ruhe von der Arbeit des Tages ein, so aßen sie beim Schein einer Lampe zu Nacht; hierauf erzählte Frau von Latour oder Margarethe einige Geschichten von Reisenden, welche sich in der Finsterniß in den durch Räuber gefährlichen Wäldern Europas verirrt hatten, oder das Scheitern eines Schiffes, das vom Sturm auf die Felsen einer unbewohnten Insel geworfen worden war. Bei diesen Erzählungen wurden die weichen Gemüther ihrer Kinder warm. Sie baten den Himmel um die Gnade, auch einmal Gastfreundschaft gegen solche Unglückliche ausüben zu können. Darüber trennten sich die beiden Familien, um zur Ruhe zu gehen, ungeduldig das Wiedersehen am folgenden Morgen erwartend. Bisweilen schliefen sie unter dem Geprassel des Regens ein, der in Strömen auf das Dach ihrer Hütten herabfiel, oder unter dem Geräusch der Winde, die ihnen das ferne Brausen der am Meeresufer sich brechenden Brandung zutrugen. Sie priesen Gott für ihre persönliche Sicherheit, deren Gefühl bei dem der entfernten Gefahr sich verdoppelte.

Dazwischen hinein las Frau von Latour laut eine rührende Geschichte aus dem alten oder neuen Testamente vor. Sie sprachen wenig über diese heiligen Bücher; denn ihre Schriftgelehrtheit bestand ganz in Gefühl, wie die der Natur, und ihre Sittenlehre ganz in Handlung, wie die des Evangeliums. Sie hatten keine Tage, welche dem Vergnügen, und keine, welche der Traurigkeit gewidmet waren. Für sie war jeder Tag ein Festtag, und Alles, was sie umgab, ein göttlicher Tempel, in welchem sie ohne Unterlaß eine unendliche, allmächtige und dem Menschen befreundete Vorsehung bewunderten: dieses Gefühl von Vertrauen zu dem höchsten Wesen erfüllte sie mit Trost über die Vergangenheit, mit Muth für die Gegenwart und mit Hoffnung auf die Zukunft. So hatten diese Frauen, welche durch das Unglück genöthigt worden waren, zur Natur zurückzukehren, in sich selbst und in ihren Kindern jene Empfindungen entwickelt, die ein Geschenk der Natur sind, um uns nicht in's Unglück fallen zu lassen.

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