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Paul Gerhardts sämtliche Lieder

Paul Gerhardt: Paul Gerhardts sämtliche Lieder - Kapitel 118
Quellenangabe
typepoem
authorPaul Gerhardt
titlePaul Gerhardts sämtliche Lieder
publisherVerlag und Druck von Johannes Herrmann
year1906
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131117
projectid972b9fe1
wgs
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116. Trostworte eines verstorbenen Kindes an seinen Vater.

Mel.: An Wasserflüssen Babylon.

1. Mein herzer Vater, weint ihr noch,
Und ihr, die mich geboren?
Was grämt ihr euch? Was macht ihr doch?
Ich bin ja unverloren.
Ach! sollt't ihr sehen, wie mir's geht
Und wie mich der so hoch erhöht,
Der selbst so hoch erhoben,
Ich weiß, ihr würdet anders tun
Und meiner Seele süßes Ruhn
Mit eurem Munde loben.

2. Der saure Kampf, den ich dort hab
In eurer Welt empfunden,
Der ist durch Gottes Gnad und Gab
All glücklich überwunden.
Es ging mir, wie es pflegt zu gehn
All denen, die bei Christo stehn
Und von der Welt sich scheiden:
Wer Christo folgt, der muß mit ihm
Das Kreuz und alles Ungestüm
Auf seinen Wegen leiden.

3. Nun bin ich durch, Gott Lob und Dank!
Hier kommt ein ander Leben;
Hier wird mir, was mein Leben lang
Ich nicht gesehn, gegeben;
Ein ganzer Himmel voller Licht,
Ein Licht, davon mein Angesicht
So schön wird als die Sonne.
Hier ist ein ewges Freudenmeer,
Wohin ich nur die Augen kehr
Ist alles voller Wonne.

4. Nun lobt, ihr Menschen, wie ihr wollt,
Des Erdenlebens Güte:
Was ist darinnen, das mir sollt
Jetzt neigen mein Gemüte?
Was ist das Beste, das ihr liebt?
Was gibt die Erde, wenn sie gibt,
Als Angst und bittre Schmerzen?
Was ist das güldne Gut und Geld?
Was bringt der Schein und Pracht der Welt,
Als Kummer euren Herzen?

5. Nichts ist so schön und wohlbestellt,
Da man hier wohl auf stehe;
Drum nimmt Gott, was ihm wohlgefällt,
Beizeiten in die Höhe
Und setzet es in seinen Schoß:
Da ist es alles Kummers los,
Darf nicht, wie ihr, sich kränken,
Die ihr oft denket, wie doch wohl
Dies oder jenes werden soll
Und könnet's nicht erdenken.

6. Wer selig stirbt, der schleußet zu
Die schwarzen Jammertore;
Hingegen schwingt er sich zur Ruh
Im güldnen Engelchore,
Legt Aschen weg, kriegt Freudenöl,
Zeucht aus das Fleisch und schmückt die Seel
In reiner, weißer Seiden.
Er läßt die Erd und nimmet ein
Die Lust, da Christi Schäfelein
In lauter Gosen weiden.

7. So gebt, ihr Liebsten, euch doch schlecht
Dahin in Gottes Willen;
Sein Rat ist gut, sein Tun ist recht,
Und wird wohl wieder stillen
Den Schmerzen, den er euch gemacht:
Und hiermit sei euch gute Nacht
Von eurem Sohn gegönnet.
Es kommt die Zeit, da mich und euch
Verein'gen wird in seinem Reich,
Der euch und mich getrennet.

8. Da will ich eure Treu und Müh
Und was ihr eurem Kranken
Erwiesen habt, im Himmel hie,
Sobald ihr kommt, verdanken.
Ich will erzählen, wie ihr habt
Euch selbst betrübt und mich gelabt,
Vor Christo und vor allen,
Und für den heißen Thränenfluß
Will ich, mit mehr als einem Kuß,
Um euren Hals euch fallen.

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