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Gutenberg > Wolfram von Eschenbach >

Parzival und Titurel

Wolfram von Eschenbach: Parzival und Titurel - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
booktitleParzival und Titurel
authorWolfram von Eschenbach
translatorKarl Simrock
firstpub1842
year1883
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleParzival und Titurel
pages3-365
created20050502
sendergerd.bouillon
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Parzival.

I.
Belakane.

Inhalt.

In der Einleitung wird die Treue gegen Gott und Menschen der Untreue und dem Zweifel entgegengesetzt; dann gewarnt vor dem Vertrauen zu dem Unstäten. Auch die Frauen sollten ihre Gunst nur dem Getreuen zuwenden, sie selbst nur durch ihre Treue, nicht durch äußere Schönheit des Lobs der Männer theilhaftig werden. So bricht der Dichter seine Betrachtungen ab, verspricht seinen Zuhörern ein mannigfaltiges Gedicht von großem Umfange und geht nach dem Lobe seines noch ungeborenen Helden zu der Geschichte seines Vaters über. Gahmuret, der jüngere Sohn Gandeins, Königs von Anschau (Anjou), daher er auch Anschewein (Anjevin) heißt, will nach dem Tode seines Vaters nicht Ingesinde seines Bruders Galoes sein, dem nach dem Erstgeburtsrecht die Krone zugefallen war. Entschloßen, keinem andern zu dienen als der auf Erden die höchste Macht besäße, begiebt er sich, von der Mutter, dem Bruder und einer Freundin stattlich ausgerüstet, nur von edeln Kinden (Pagen), Knappen und Hausgesinde begleitet, in den Dienst des Baruchs (Kalifen) von Baldag (Bagdad), der mit zweien babylonischen Brüdern, Pompejus und Ipomidon, im Kriege begriffen ist. Seines Vaters Wappen, den Panther, hat er mit dem Anker vertauscht. Nachdem er sich hier und in vielen andern Ländern versucht, verschlägt ihn der Sturm in den Hafen von Patelamunt, wo Belakane, die Königin von Zaßamank im Mohrenlande, der Ermordung Eisenharts beschuldigt, von zweien Heeren, einem christlichen und einem heidnischen, belagert wird. Der Mohrenkönig Eisenhart von Aßagog hatte im Minnedienst Belakanens auf ihren Befehl und zum Beweise seiner Ergebenheit und Kühnheit die Rüstung weggegeben. Als er nun bloß auf Abenteuer ausritt, ward er von seinem Nebenbuhler Prothißilas, einem Fürsten Belakanens, in der Tjost, dem ritterlichen Zweikampf, erschlagen, und Belakanen traf der Verdacht, ihn verrathen zu haben. Der Schottenkönig Friedebrand, dessen Oheim Tankanis des Erschlagenen Vater war, zog, seinen Mord zu rächen, mit vier Genoßen über Meer, und bestürmte Patelamunt vor acht Thoren, während die andern acht der Mohr Raßalig von Aßagog, ein Vasall Eisenharts, bedrängte. Friedebrand selber war mit Morholden, der aus Gottfried von Straßburgs Tristan bekannt ist, wieder heimgezogen, um sein eigen Land gegen die Verwandten Hernants, den er Herlindens wegen erschlagen hatte, zu schirmen; sein Heer aber bedroht noch Patelamunt. Die Belagerer führen einen durchstochenen Ritter in der Fahne, die Belagerten das Bild ihrer Königin, welche zwei Finger der rechten Hand zum Eide ausgestreckt hält, daß sie an Eisenharts Tode unschuldig sei. Sich zur Rache anzuspornen, haben die Belagerer die gebalsamte Leiche Eisenharts nebst dessen kostbarer Rüstung unter einem prächtigen Gezelte vor der Stadt aufgestellt. So stehen die Dinge, als Gahmuret anlangt und der Königin, die ihm trotz ihrer Schwärze gefällt, seine Dienste widmet. Am Morgen reitet er zuerst in das Christenheer, besiegt und fängt dessen Anführer, die Herzoge Heuteger von Schottland und Gaschier von Normandie, entweicht aber vor Kaileten, den er an dem Strauß auf dem Helm und dem Sarapandratest (Tête de serpent) am Schilde als seinen Muhmensohn erkennt. Doch will auch dieser nicht mit ihm streiten, als er von Heuteger seinen Namen erfährt. Von da reitet er zu den Mohren, deren Fürsten Raßalig er gleichfalls gefangen nimmt. Da hiemit der Krieg entschieden ist, kehrt er in die Stadt zurück, wo ihn die Königin entwappnet, und sogleich in ihr Schlafgemach führt. So wird er König der Mohrenreiche Zaßamank und Aßagog. Gahmuret giebt seine Gefangenen und seinen Neffen Killirjakak von Champagne, den die Städter früher gefangen hatten, frei, belehnt seine Fürsten, und schenkt seinem Wirthe das von Prothißilas hinterlaßene Herzogtum. Eisenharts Leiche wird zur Erde bestattet, sein prächtiges Gezelt erhält Gahmuret, und die kostbare Rüstung, welche Raßalig, um sie dem Lande zu erhalten, seinem neuen Könige gleichfalls erbeten hatte, verspricht Heuteger von seinem Herren Friedebrand zu erwerben und ins Mohrenland zurückzuschicken. Die christlichen Fürsten fahren heim, Gahmuret bleibt zurück, sehnt sich aber bald, zumal er keine Ritterschaft findet, wieder nach der Christenheit. Heimlich schifft er sich ein und hinterläßt der Königin einen Brief, der ihr den Grund seiner Flucht meldet und für das Kind, das sie von ihm trägt, sein Geschlechtsregister ausführlich mittheilt. Jenes kommt wie eine Elster schwarz und weiß gescheckt zur Welt und wird Feirefiss Anschewein genannt. Gahmuret begegnet unterwegs noch dem Schiffe, das Eisenharts kostbare Rüstung zurückbringt. Er läßt sie sich aushändigen und fährt gen Sevilla.

 

        1   Wem Zweifel an dem Herzen nagt,1–4, 26. Ueber die Dunkelheit der Rede im Parzival, und namentlich in dieser Einleitung, ist schon bei Lebzeiten des Dichters (vgl. §. 8) und bald nachher wiederholte Klage geführt worden, und der jüngere Titurel giebt deshalb von den ersten 37 Versen eine Paraphrase, die aber oft den Zusammenhang der Gedanken verfehlt oder doch allegorisch umdeutet. In unsern Tagen hat Lachmann den Eingang des Parzival in einer eigenen Abhandlung (gel. in der B. Akad. der Wißensch. am 15. Oct. 1835) erläutert, und wir haben die kurze Uebersicht des Gedankengangs, womit er zuletzt das Gesagte zusammenfaßt, in unsere Inhaltsangabe wörtlich aufgenommen. Nach Lachmann haben sich noch Kläden (Berl. Germania) und Rührmund (Potsdamer Schulprogramm 1845) an dieser Einleitung versucht. Die Uebersetzung folgt Lachmann, nur 2, 20–22 giebt sie nach Beneckens Deutung, der hier richtig das Bild eines Rindes sah, das sich im Walde mit zu kurzem Schwanz die Bremen nicht abwehren kann. Wenn Lachmann bei des Dichters Worten daz si den dritten biz niht galt fragt: »Aber beißen die Bremen?« so kann ein Bremsenstich so gut beißen als ein Schwerthieb. Auf eine zweite Frage antwortet die Uebersetzung, und die dritte: »wie kann der Zagel als der treue Geselle des Thieres betrachtet werden?« verfolgt das Bild ohne Noth zu weit. Der kurze Schwanz wird nur der kurzen Treue verglichen.
Dem ist der Seele Ruh versagt.
Geziert ist und zugleich entstellt,
Wo Unlautres sich gesellt
5   Zu des kühnen Mannes Preis
Wie bei der Elster Schwarz zu Weiß.
Doch oft gelangt er noch zum Heil,
Denn beide haben an ihm Theil,
Der Himmel und der Hölle Schlund.
10   Wer Untreu hegt in Herzensgrund,
Wird schwarzer Farbe ganz und gar
Und trägt sich nach der finstern Schar;
Doch fest hält an der blanken
Der mit stätigen Gedanken.

15  

Dieses flüchtge Gleichniss,
Den Blöden ists zu schnell gewiss,
Sie faßen nicht der Lehre Sinn.
Es huscht im Saus vor ihnen hin
Wie ein brünstiger Hase.

20   Zinn verlöthet hinterm Glase
Täuscht wie des Blinden Traumgesicht.
Sie weigern flüchtgen Anblick nicht;
Doch beständig kann nicht sein
Dieser trübe, leichte Schein,
25   Seine Freud ist kurz fürwahr.
Wer rauft mich, wo mir niemals Haar
Wuchs, in hohler Hand so bloß?
Der hat zu nahe Griffe los.

Schrei ich doch auf vor solcher Noth,
So ist mein Verstand wohl unbedroht.

2   Wie werd ich Treue finden,
Wo sie sicher muß verschwinden
Wie das Feuer in dem Bronnen,
Wie der Thau vor der Sonnen?
5   Auch kannt ich nie so weisen Mann,
Der nicht gern Kunde hätt empfahn,
Wie hienach zu leben frommt
Und was daraus für Lehre kommt.
So beschieden wird er nie verzagen
10   Bald zu fliehen, bald zu jagen,
Nun zu weichen, nun zu kehren,
Jetzt zu tadeln, jetzt zu ehren.
Wer mit dem allen umgehen kann,
An dem hat Weisheit wohlgethan,
15   Der sich nicht versitzet noch vergeht
Und sonst auch wohl Bescheid versteht.
Des wandelbaren Freundes Sinn
Führt zum Höllenfeuer hin,
Verhagelt hoher Ehren Glanz.
20   Seine Treue war so kurz von Schwanz,
Daß sie kaum den dritten Stich vergalt,
Wenn sie von Bremsen litt im Wald.

Aber nicht allein den Mann
Gehn alle diese Lehren an;

25   Dieß Ziel steck ich den Frauen:
Die meinem Rath will trauen,
Die wisse wohl, wohin sie kehre
Ihren Preis und ihre Ehre
Und welchem Mann sie sei bereit
Ihrer Lieb und Würdigkeit,
3   Auf daß sie nicht gereue
Ihrer Keuschheit, ihrer Treue.
Von Gott erfleh ich gutem Weibe,
Daß sie dem Maß getreu verbleibe.
5   Aus Scham fließt alle gute Sitte:
Dieß Heil ists, das ich ihr erbitte;
Die Falsche lohnt nur falscher Preis.
Wie lange währt ein dünnes Eis,
Wenn des Augustmonds Sonne schien?
10   So fährt auch bald ihr Lob dahin.

Viel Schöne preist die weite Welt;
Ist deren Herz nicht wohlbestellt,
Die lob ich, wie ich loben wollt
Ein blaues Glas, gefaßt in Gold.

15   Des Missgriff auch ist nicht gering,
Der in den schlechten Messing
Verwirkt den köstlichen Rubin,
All seines Glückes Vollgewinn:
Dem gleich ich rechten Frauenmuth.
20   Die weiblich denkt und weiblich thut,
Nach deren Aussehn frag ich nicht,
Noch ob ihr Herzensdach besticht:
Ist sie innerhalb der Brust bewahrt,
Bleibt volles Lob ihr ungespart.

25  

Sollt ich euch nun Weib und Mann
So gründlich schildern als ichs kann,
So würd uns Zeit und Weile theuer;
Hört lieber dieses Abenteuer.
Es weiß von Lieb und Leide
Und lehrt sie kennen beide;

4   Freud und Angst sind auch dabei.
Und wären hier statt meiner drei,
Deren Jeder Kunst besäße,
Daß man meiner Kunst vergäße,
5   Es brauchte doch manch seltnen Fund,
Thäten euch die dreie kund,
Was ich euch künden will allein;
Ihre Mühe sollte sauer sein.

Die Märe, die ich erneue,

10   Meldet von großer Treue,
Von Weibes rechter Weiblichkeit,
Von echten Mannes Mannheit,
Die nie vor hartem Stein sich bog.
Sein Herz ihn nie darum betrog,
15   Er Stahl! wo er zum Streite kam,
Daß seine Hand nicht siegreich nahm
Manchen rühmlichen Preis.
Er kühner Mann, versucht und weis
(Der Held ists, den ich grüße),
20   In der Frauen Augen süße,
Und doch der Frauenherzen Sucht,
Im Unglück sichre Zuflucht!
Den ich hiezu mir auserkoren,
Im Gedicht ist er noch ungeboren,
25   Den diese Aventüre meint
Und was von Wunder drin erscheint.

Noch pflegt man, wie man sonst gepflegt,
Wo man welsch Gerichte hegt;
So hälts wohl auch bei uns ein Strich,
Ihr werdets wißen ohne mich.

5   Wer je da herscht' im Lande,
Der gebot wohl ohne Schande,
Es ist die Wahrheit sonder Wahn,
Der ältre Bruder sollt empfahn
5   Des Vaters Erbschaft allzumal.
Das schuf den jüngern Söhnen Qual,
Denn ihnen nahm des Vaters Tod
Die Rechte, die sein Leben bot.
Das Land war allen sonst gemein;
10   Der ältre hat es jetzt allein.
Das rieth jedoch ein weiser Mann,
Daß Alter Gut sollt empfahn.
Jugend hat viel Würdigkeit,
Das Alter Seufzen nur und Leid.
15   Es ist wohl nichts so trübgemuth
Als Alter bei der Armut.
Könge, Grafen, Herzogen,
Das sag ich euch für ungelogen,
Daß die des Guts enterbet sind
20   Bis auf das älteste Kind,
Das ist gar ein seltsam Ding.
Der fromme, kühne Jüngling,
Gachmuret der Weigand
Verlor so Burgen auch und Land,
25   Wo sein Vater einst mit Fug
Scepter und Krone trug
In königlicher Herlichkeit,
Bis ihn dahin nahm Ritterstreit.

Sie klagten ihn im Lande sehr.
Ohne Makel Treu und Ehr

6   Bracht er bis auf seinen Tod.
Alsbald der ältre Sohn entbot
Des Landes Fürsten her zu sich.
Sie kamen alle ritterlich,
5   Denn große Lehen sonder Wahn
Sollten sie von ihm empfahn.

Da sie zu Hof gekommen,
Eines Jeden Recht vernommen
War, daß sie die Lehn empfingen,

10   Nun höret, was sie da begingen.
Wie ihre Treue rieth den Biedern,
Das Volk zumal, die Hoh'n und Niedern,
Bescheiden haben sie gebeten,
Daß der König Gahmureten
15   Die Brudertreu bewährte
Und sich selber damit ehrte,
Daß er ihn nicht ganz verstieße
Und ihm in seinem Lande ließe
Einen Edelsitz, nur daß er hätte6, 19. Ueber das im Original gebrauchte Wort hantgemælde vgl. G. Homeyer über die Heimat nach altdeutschem Recht, insbesondere über das Hantgemal. Berlin 1852.
20   Seiner Freiheit eine Stätte,
Darauf sein Name möchte ruhn.
Der König wollt es gerne thun:
»Ihr wißt mit Maßen zu begehren,
Ich will euch das und mehr gewähren.
25   Was nennt ihr nicht den Bruder mein
Gachmuret Anschewein?
Anschau heißet dieß mein Land:
Wir beide sein davon genannt.«

Also sprach der König hehr.
»Mein Bruder wiße, daß er mehr

7   Stäter Hülfe bei mir finde,
Als ich sagen könnte so geschwinde.
Er soll mein Ingesinde sein.
Ich laß euch nicht im Zweifel sein,
5   Ob uns dieselbe Mutter trug.
Er hat wenig, ich genug:
Drum soll ihm spenden meine Hand,
Daß nicht mein Heil dafür zu Pfand
Steh vor dem, der nimmt und giebt,
10   Beides ganz wie ihm geliebt.«

Als die Fürsten all umher
Vernahmen, daß der König hehr
Dem Bruder ganzer Treue pflag,
Das war den Herrn ein lieber Tag;

15   Auch dankt' es ihm ein Jeder sehr.
Da säumte Gahmuret nicht mehr
Zu reden, wie das Herz ihm sann.
Zum König hub er gütlich an:
»Herr und lieber Bruder mein,
20   Wollt ich Ingesinde sein
Eines Mannes auf der Welt,
So wärs hier wohl um mich bestellt.
Nun meßet daran meinen Preis,
Seid ihr doch getreu und weis,
25   Und rathet nach der Dinge Stand;
Darnach geht hülfreich mir zur Hand.
Ein Harnisch nur gehört mir an;
Hätt ich mehr darin gethan,
Das in der Ferne Lob mir brächte,
So hofft ich, daß man mein gedächte.«

8  

Gachmuret sprach weiter: »Noch
Sechszehn Knappen hab ich doch,
Davon ich sechs geharnischt finde.
Gebt ihr mir dazu vier Kinde

5   Von guter Zucht, von hoher Art,
So wird an ihnen nichts gespart,
Das ich erwerben mag mit Händen.
Ich will mich in die Fremde wenden.
Ich hab auch früher Land durchfahren.
10   Wenn das Glück mich will bewahren,
So erwerb ich guten Weibes Gruß.
Wenn ich dafür ihr dienen muß
Und ich dessen würdig bin,
So räth mir Herz und bester Sinn,
15   Daß ich der rechten Treue pflege.
Gott leite mich des Heiles Wege!
Wir fuhren einst gesellt umher
(Damals trug die Krone hehr
Noch unser Vater Gandein),
20   Wir litten Kummer viel und Pein
Manchmal um ein liebes Lieb.
Ihr wart ein Ritter und ein Dieb,
Ihr konntet dienen, konntet hehlen;
Ach, könnt auch ich nun Minne stehlen;
25   Weh mir, hätt ich Eure Kunst
Und bei der Schönen wahre Gunst!«

Mit Seufzen sprach der König da:
»O weh, daß ich dich jemals sah,
Da du so mit leichtem Scherz
Mir zerschnitten hast das Herz

9   Und zerschneiden wirst im Scheiden.
Mein Vater hat uns beiden
Hinterlaßen Gut genug:
Dir sei daran der gleiche Fug.
5   Ich bin dir von Herzen hold:
Licht Gesteine, rothes Gold,
Rosse, Waffen, Volk, Gewand,
Des nimm so viel von meiner Hand,
Daß du nach deinem Willen fährst
10   Und deine milde Hand bewährst.
Deine Tapferkeit ist auserkoren:
Wärst du von Gilstram geboren
Oder kämst von Rankulat9, 12. 13. Gilstram und Rankulat sind noch nicht mit Sicherheit nachgewiesen. Doch wird 563, 7 der Katholico von Rankulat erwähnt: nach Wilken, Geschichte der Kreuzzüge 17, 42 wäre er der Patriarch von Armenien, der seit 1550 seinen Sitz in Falaherrun am Euphrat hatte. Gilstram ist nach M. Haupt (Berichte der K. Sächs. Gesellsch. Febr. 1853) derselbe Ort, der in der Gudrun 1164, 3 Gustrate heißt. Vgl. Grimm Myth. 705: hier ist Gailâte damit zusammengestellt, wo nach dem Morolt diu sunne ir gisidele hât. Darnach würde Galoes meinen: »Wärst du im fernsten Abendland geboren oder fernher von Osten gekommen.« Vgl. Haupt a. a. O. und §. 22 oben. daher,
Lieber könnt ich nimmermehr
15   Dich haben, als ich dich gewann:
Du bist mein Bruder sonder Wahn.«

»Herr, mich zu loben ist euch noth,
Da eure Zucht es euch gebot.
Nun sollt ihr mir auch Hülfe leihn.

20   Wollt Ihr und auch die Mutter mein
Mir geben eures fahrenden Gutes,
So steig ich aufwärts frohes Muthes.
Empor ist meines Herzens Streben:
Warum hat es dieses Leben,
25   Daß so mir schwillt die linke Brust?
Wohin, ach, jagt mich ihr Gelust?
Ich wills erfahren, wenn ich kann;
Nun naht der Abschied mir heran.«

Der König Alles ihm gewährte,
Er gab ihm mehr als er begehrte:

10   Fünf Rosse schön und auserkannt,
Die Besten in des Königs Land,
Stark, kühn und rasch von Feuer;
Viel Goldgefäße theuer
5   Und manchen Kloß von Golde schwer.
So milde war der König hehr,
Er füllt' ihm des vier Reiseschreine;
Darein auch muste viel Gesteine.
Da sie gefüllet lagen,
10   Knappen, die des pflagen,
Waren wohl bekleidet und beritten.
Sie weinten laut mit Jammerssitten,
Als er vor seine Mutter ging,
Und sie herzend ihn umfing.

15  

»Fils dü Roi Gandein,
Willst du nicht länger bei mir sein?«
Sprach das weibliche Weib.
»O weh, es trug dich doch mein Leib!
Du bist auch König Gandeins Kind.

20   Ist Gott, daß er mir hülfe, blind
Oder ließ sein Ohr ertauben,
Daß er mir nicht will glauben?
Soll ich noch neuen Kummer haben?
Meines Herzens Lust hab ich begraben
25   Und die Süße meiner Augen:
Will er noch mehr mir rauben?
Der doch stäts gerecht gerichtet,
So ist das all erdichtet
Was sie von seiner Hülse sagen,
Da er so gar mich läßt verzagen.«

11  

»Frau,« sprach der junge Anschewein,
»Gott tröst euch um den Vater mein:
Wir beide sollen um ihn klagen.
Laßt euch von mir Niemanden sagen,

5   Was euch Sorge schüf und Leid.
Ich fahr um höhre Würdigkeit
Nach Ritterschaft in fremdes Land:
So ist es, Frau, um mich bewandt.«

Da sprach zu ihm die Königin:

10   »Hast du Dienst und Herz und Sinn
Gewandt auf hoher Minne Lohn,
So verschmähe, lieber Sohn.
Nicht mein Gut zu dieser Reise.
Deine Kämmerlinge weise
15   Her, daß sie empfahn von mir
Schwerer Reiseschreine vier,
Breite Zeuge drin von Seiden,
Ganze, die noch zu verschneiden,
Und theuern Samt zu manchem Kleid.
20   Süßer Mann, laß mich die Zeit
Wißen, wann du wiederkehrst,
Daß du meine Freuden mehrst.«

»Frau, das ist mir unbekannt;
Ich weiß auch nicht voraus das Land.

25   Doch wo ich sei zu jeder Zeit,
Ihr habt nach eurer Würdigkeit
Rittersehre mir bezeigt.
Auch der König war mir so geneigt,
Daß ich viel Dank ihm schuldig bin.
Ich weiß, daß Ihr ihn, Königin,
12   Darum noch mehr in Zukunft liebt,
Was immer sich mit mir begiebt.«

Wie uns die Aventüre sagt,
So ward dem Degen unverzagt

5   Von Liebeswegen zugesandt,
Und weil er edeln Fraun bekannt,
Ein Kleinod tausend Marken werth.
Wenn heut ein Jude Pfand begehrt,
Er würd es gern dafür empfangen
10   Und weitre Bürgschaft nicht verlangen.
Das sandt ihm eine Freundin.
Ihm brachte stäts sein Dienst Gewinn,
Der Frauen Gruß und ihre Minne;
Er ward doch selten Trostes inne.

15  

Urlaub nahm der Weigand.
Mutter, Bruder, beider Land
Sein Auge nimmer wiedersah;
Daran doch Manchem Leid geschah.
Die ihm je gefällig waren,

20   Bis er heute sollte fahren,
Und wars mit noch so kleinen Dingen,
Groß war der Dank, den sie empfingen;
Mehr als genug gedaucht' es sie.
Sich merken ließ der Höfische nie,
25   Daß sie ihm nur sein Recht gegeben;
Sein Sinn war ebner noch als eben.
Wer selber sagt, wie werth er sei,
Da steht Unglaube Jedem frei:
Zuschauer solltens melden
Und die gesehn den Helden,
13   Wenn er in der Fremde wäre,
So fände Glauben wohl die Märe.

Gachmuret ohn Unterlaß
Blickte nach dem rechten Maß

5   Unverlockt von anderm Ziel;
Seines Rühmens war nicht viel.
Große Ehre must er leidend leiden,
Uebermuth wollt er meiden.
Doch wähnte der Gefüge,
10   Daß Niemand Krone trüge,
Wärs König, Kaiser, Kaiserin,
In dessen Dienst er dürfe ziehn,
Er hätte denn die höchste Macht,
Die je auf Erden ward erdacht:
15   Der Will in seinem Herzen lag.
Ihm ward gesagt, zu Baldag
Wär ein so gewaltger Mann,
Daß ihm des Erdreichs unterthan
Zwei Drittel wären oder mehr.
20   Er war im Heidentum so hehr,
Daß er des Baruchs Namen trug.
Seine Herschaft nahm so hohen Flug,
Mancher König war sein Mann,
Mit gekröntem Leib ihm unterthan.
25   Des Baruchs Amt besteht noch heut:
Wie man Christenrecht uns beut
Zu Rom, die wir die Tauf empfingen,
Die Heiden so nach Baldag gingen,
Ihr Pabstrecht nahmen und gedachten
Schier unfehlbar sei's zu achten.
14   Der Baruch pflegt der Sünden
Ihnen Ablaß zu verkünden.

Brüdern zwen von Babylon,14, 3. Hier ist nicht das alte durch den Thurm zu Babel bekannte Babylon, sondern das ägyptische gemeint, welches bei Kairo lag und später mit ihm zusammenwuchs. Dafür spricht außer dem damaligen allgemeinen Gebrauch (Beneke z. Wigalois S. 481) die Nachbarschaft Alexandriens. Vgl. 21, 20 mit 18, 14. 106, 11.
Pompejus und Ipomidon,

5   Denen nahm der Baruch Ninive,
Das ihrer Vordern war von je:
Sie thaten starken Widerstand.
Da kam der Anschewein ins Land:
Dem wurde bald der Baruch hold.
10   Für Dienste nahm von ihm den Sold
Gachmuret der werthe Mann.
Nun verzeiht ihm, daß er dort gewann
Ander Wappen, als Gandein
Ihm einst verliehn, der Vater sein.
15   Der Herr trug mit bescheidnen Sitten
Auf seine Kouvertür geschnitten
Anker von lichtem Härmelin:14, 17. Vgl. 14, 27. Das unter dem Namen Hermelin bekannte Pelzwerk soll von Armenien kommen und hieß daher Harm, wovon Härmelein das richtige neuhochdeutsche Deminutiv wäre.
Diesen ähnlich führt' er ihn
Auf dem Schild und all der Tracht.
20   Grüner noch als ein Smaragd
War sein Reitzeug und Gewand,
Das ganz aus Achmardi bestand:
So heißt ein Zeug von Seiden,
Daraus der Held ließ schneiden
25   Korsett und Wappenrock25. Vgl. über diese deutschen Namen die Einleitung §. 9 und Jac. Grimm Tirol und Friedebrand, Zeitschrift für d. Alterth. 1. 1, 7 und unsere Anm. zu 496, 21. gesamt,
Denn es ist beßer als der Samt;
Anker von Harm daraus genäht,
Viel goldne Fäden drum gedreht.

Seine Anker hatten niemals Land
Gefaßt an eines Ufers Rand,

15   Sie wurden nie in Grund geschlagen.
Der Degen mußte weiter tragen
In manches Land, der werthe Gast,
Diese wappenliche Last
5   Und die ankergleichen Zeichen,
Weil es nirgend in den Reichen
Ihn nur zu kurzer Ruh gelitten.
Wieviel er Länder durchritten
Und in Schiffen hab umfahren?
10   Sollt ich schwörend mich verwahren,
So sagt' ich euch auf meinen Eid
Und ritterliche Sicherheit,
Nur was die Aventüre spricht,
Denn weitre Zeugen hab ich nicht.
15   Sie sagt, daß seiner Mannheit Kraft
Den Preis nahm in der Heidenschaft,
In Persien und in Marokko.
Seine Hand erwarb auch anderswo,
In Aleppo und Damaskus auch,
20   Und wo nur Ritterspiel Gebrauch,
In Arabien und rings umher,
Daß im Turniere Niemand mehr
Mit ihm zu streiten mocht heran:
So war der Ruf, den er gewann.
25   Sein Herz rang nach dem höchsten Lob:
Aller Andern That zerstob,
Vor seiner ganz vernichtet.
So wurde stäts berichtet,
Wer gegen ihn zu streiten kam.
Zu Baldag man es auch vernahm.

16  

Aufwärts strebt' er sonder Wank.
Von dannen gegen Zaßamank
Fuhr er, in das Königreich.
Da klagte Freund und Feind zugleich

5   Eisenharten, der das Leben
Einem Weibe dienend hingegeben.
Dazu zwang ihn Belakane,
Die reine, wohlgethane.
Weil sie ihm niemals Minne bot,
10   Lag er um ihre Minne todt.
Da rächten ihn die Freunde bald
Offen und im Hinterhalt:
Die Frau bedrängt' ihr mächtig Heer.
Sie stellte kräftig sich zur Wehr,
15   Als Gahmuret kam in ihr Land,
Das der Schotte Friedebrand
Von den Schiffen aus verbrannte,
Eh er hinweg sich wandte.

Nun hört von unsers Ritters Fahrt.

20   Vom Sturm er her verschlagen ward;
Er büßt' es mit dem Leben fast.
Vor der Königin Palast
Kam er gesegelt in den Hafen,
Wo ihn viel Gafferblicke trafen.
25   Nun sah er um sich: dort im Feld
War aufgeschlagen manch Gezelt
Rings um die Stadt bis zu dem Meere:
Da lagen zwei gewaltge Heere.
Er fragte nach der Märe,
Wem Burg und Herschaft wäre;
17   Vernommen hatt ers nie bis heute,
Noch Einer seiner Schiffleute.
Sie thaten seinen Boten kund,
Es wäre Patelamunt.
5   Das entboten sie ihm minniglich,
Bei ihren Göttern flehentlich
Um Hülf ihn bittend: die wär Noth:
Sie rängen nur noch um den Tod.

Als der junge Anschewein

10   Vernahm von ihres Kummers Pein,
Da bot er seinen Dienst um Gut,
Wie es oft ein Ritter thut,
Daß er wißen möcht um was
Er dulden sollte Feindeshaß.
15   Da sprach aus Einem Munde
Der Sieche, der Gesunde,
Es sollt ihm unverweigert sein,
All ihr Gold und ihr Gestein:
Darüber möcht er schalten
20   Und froh bei ihnen alten.
Doch bedurft er nicht des Soldes:
Arabischen Goldes
Hat er manchen Knollen mitgebracht.
Leute finster wie die Nacht
Waren die von Zaßamank:
25   Bei denen ward die Zeit ihm lang.
Doch ließ er Herberg nehmen:
Da müsten sie sich schämen,
Wenn sie ihm nicht die beste gaben.
Noch immer in den Fenstern lagen
18   Mägdelein und Frauen:
Sie musten Alles schauen,
Seine Knappen, sein Gewaffen
Wie das bestellt war und beschaffen.

5  

Sie sahn, es trug der Degen mild
Auf einem hermelinen Schild
Wer weiß wie manchen Zobelbalg.
Das Wappenbild dem Marschalk
Der Königin ein Anker schien.

10   Gar unverdroßen blickt' er hin:
Da musten ihm die Augen sagen,
Er habe schon gesehn vor Tagen
Diesen Ritter oder seinen Schein.
Zu Alexandrien must es sein,
15   Als der Baruch lag davor:
Da that es Niemand ihm zuvor.

So fuhr der Hochgemuthe
In die Stadt mit Volk und Gute;
Zehn Säumer ließ ers faßen;

20   Die keuchten durch die Gaßen,
Und zwanzig Knappen ritten nach.
Sein Volk voraus zu reiten pflag:
Lakaien, Köche, Küchenjungen,
Die kamen vorn einher gesprungen.
25   Stolz war sein Ingesinde:
Zwölf hochgeborner Kinde
Hinter seinen Knappen ritten
Mit guter Zucht und süßen Sitten:
Darunter waren Sarazenen.
Acht Rosse zog man hinter denen
19   An den Zäumen, allzumal
Verdeckt mit gutem Zindal;
Das neunte seinen Sattel trug.
Seinen Schild, der euch bekannt genug,
5   Führt' ein muntrer Knapp herbei.
Nach diesem ritten in der Reih
Posauner, die man auch bedarf.
Ein Tambour schritt und schlug und warf
Seine Trommel hoch empor.
10   Dem Herren kam es spärlich vor,
Ritten Flötenspieler nicht dabei
Und der guten Fiedler drei.
Sie eilten alle nicht zu sehr.
Er selbst ritt hinter ihnen her.
15   Den Schiffmann zu der linken Hand,
Den weisen, weithin wohlbekannt.

Soviel Volks auch war darinnen,
Mohren und Möhrinnen
Waren beide, Weib und Mann.

20   Auch sah der Degen wohlgethan
Viel Schilde da zerbrochen
Und von Speren ganz durchstochen.
Man sah sie aufgehangen
An Wand und Thüren prangen.
25   Sie hatten Angst und Jammer da.
In die Fenster, kühlen Lüften nah,
War gebettet manchem Wunden:
Hätt er den Arzt gefunden,
So konnt er doch nicht mehr genesen.
Die waren vor dem Feind gewesen.
20   So ergeht es uns, die ungern fliehn.
Sich entgegen sah er Rosse ziehn
Durchstochen und zerhauen;
Auch viel dunkelfarbge Frauen
5   Zu beiden Seiten neben sich:
Ihr Schein der Rabenschwärze glich.

Gar freundlich nahm ihn auf sein Wirth,
Der bald noch mehr sich freuen wird.
Er war ein kraftreicher Mann:

10   Mit seiner Hand hatt er gethan
Manchen Stich und manchen Schlag,
Da er einer Pforte hütend pflag.
Viel Ritter, die er bei ihm fand,
Hängten die Hände in ein Band,
15   Die Häupter voller Schrunden.
So stands mit ihren Wunden,
Sie übten dennoch Ritterschaft;
Unverkürzt war ihre Kraft.

Sein Wirth, der Burggraf der Stadt,

20   Den Gast mit holden Worten bat,
Sich für daheim zu halten
Und nach freier Lust zu schalten
Ueber sein Gut und über ihn.
Er führt' ihn seinem Weibe hin,
25   Die Gachmureten küsste,
Wars auch nicht sein Gelüste.
Dann ging es in den Speisesaal.
Als sie gegeßen allzumal,
Da ging der Marschall hin zuhand,
Wo er die Königstochter fand
21   Und heischte großes Botenbrot.
Er sprach: »Herrin, unsre Noth
Ist mit Freuden nun zergangen.
Der hier gastlich ward empfangen,
5   Der Ritter ist so kühn im Streit,
Wir müßen danken allezeit
Den Göttern, die ihn hergebracht,
Daß sie uns Rettung zugedacht.«

»Nun sag mir bei der Treue dein,

10   Wer der Ritter möge sein?«
»Frau, es ist ein stolzer Degen,
Dem einst der Baruch Gold ließ wägen,
Ein Anschewein von hoher Art.
Avoi! wie wenig er sich spart,
15   Wenn er daher sprengt zu dem Streit!
Wie behende kann er jederzeit
Weichen und vorwärts dringen
Und Feinden Schaden bringen.
Ich sah ihn kämpfen gar verwegen,
20   Als von Babylon die Degen
Alexandrien entsetzen sollten
Und den Baruch treiben wollten
Mit Gewalt aus dem Feld.
Wie Manchen hat er da gefällt
25   Bei des Heeres Niederlage!
Wohl beging an diesem Tage
Der edle Held so kühne That,
Sie musten fliehn, es blieb kein Rath.
Auch rühmten Alle so den Mann,
Man erkannte leicht daran,
22   Daß ihm ob manchen Landen
Der Preis wird zugestanden.«

»So sieh mir zu und säume nicht,
Daß er herkommt und mich spricht.

5   Wir haben Frieden diesen Tag,
Daß er herauf wohl reiten mag
Zu mir; oder soll ich hin?
Er ist andrer Farbe denn ich bin:
O weh, verdrießt ihn das auch nicht?
10   Hätt ich darüber nur Bericht!
Wenn mirs die Meinen riethen,
Wollt ich ihm Ehre bieten.
Geruht er, mir zu nahen,
Wie soll ich ihn empfahen?
15   Ist er so wohl geboren,
Daß mein Kuss nicht sei verloren?«
»Er ist von königlichem Blut,
Ich bürg euch, Frau, mit Leib und Gut.
Frau, euern Fürsten will ich sagen,
20   Daß sie reiche Kleider tragen
Und vor euch stehn nach Hofessitten,
Wenn wir kommen hergeritten;
Das sagt auch euern Fraun zumal.
Nun eil ich wieder hin zu Thal
25   Und bring euch her den Degen werth;
Keiner süßen Tugend er entbehrt.«

Das Alles fiel auf guten Grund:
Der Marschall that behend ihm kund
Wes die Herrin ihn gebeten.
Schnell wurden Gachmureten

23   Reiche Kleider hingetragen:
Die zog er an; ich hörte sagen,
Daß sie gar köstlich wären;
Seine Anker drauf, die schweren,
5   Aus arabschem Golde fein:
Also wollt er, sollt es sein.
Da bestieg der Minne süßer Lohn
Ein Ross, darauf vor Babylon
Ein Ritter ihn bestand im Streit:
10   Er stach ihn ab, das war dem leid.

Ob sein Wirth auch mit ihm war?
Er und seiner Ritter Schar:
Ja gewiss, des sind sie froh.
Sie ritten miteinander so

15   Und stiegen ab vor dem Saal.
Da war der Ritter große Zahl:
Die musten wohlgekleidet sein.
Seine Kinde liefen mit ihm ein
Und gaben sich je zwei die Hand.
20   Ihr Herr auch manche Frau da fand,
Die wonniglich gekleidet ging.
Die reiche Königin empfing
Durch ihre Augen hohe Pein,
Als sie ersah den Anschewein.
25   Sein Antlitz war so minniglich:
Ihr Herz erschloß er völlig sich,
Ob es ihr lieb war oder leid;
Sonst schloß es ihre Weiblichkeit.

Ein wenig trat sie ihm entgegen
Und ließ sich küssen von dem Degen.

24   Sie nahm ihn selber bei der Hand.
Sie setzten sich zum Feind gewandt
In eines Fensters Ecke
Aus gesteppter Sammetdecke,
5   Die über weichen Kissen lag.
Ist etwas lichter, denn der Tag,
Dem glich nicht viel die Königin.
Sie hatte weiblichen Sinn;
Sonst war die tadellose
10   Ungleich der thau'gen Rose:
Schwarze Farbe von ihr schien,
Die Kron ein lichter Rubin,
Daß man ihr Haupt durchscheinen sah.
Zum Gaste sprach die Wirthin da,
15   Er war ihr sehr willkommen.
»Viel hab ich, Herr, vernommen,
Wie ritterlich und kühn ihr seid.
Bei eurer Zucht, sei euch nicht leid,
Daß ich euch den Kummer klage,
20   Den ich nah am Herzen trage.«

»Meine Hülfe bleibt euch unversagt.
Frau, was euch kümmert oder plagt,
Mag das wenden meine Hand,
Sei sie zu euerm Dienst verwandt.

25   Ich bin nur der Eine Mann:
Wird euch was zu leid gethan,
So halt ich meinen Schild entgegen;
Doch macht den Feind das nicht verlegen.

Da hub ein Fürst mit Züchten an:
»Fehlt' uns nicht ein Hauptmann,

25   So wollten wir den Feind nicht sparen.
Denn Friedebrand ist heimgefahren,
Er befreit nun dort sein eigen Land:
Ein König Namens Hernant,
5   Den er Herlindens halb erschlug,
Des Freunde thun ihm Leid genug;
Sie wollen es ihm nicht erlaßen:
Doch hat er Helden hier gelaßen:
Den Herzogen Heuteger,
10   Des kühne That schon viel Beschwer
Uns schuf, und seine Ritterschaft:
Ihr Streit hat Kunst genug und Kraft.
So hat auch manchen Söldner hier
Der Normanne Gaschier,
15   Der versuchte Degen hehr.
Noch hat hier der Ritter mehr
Kailet von Hoskurast,
Manchen zornigen Gast.
Die alle bracht in dieses Land
20   Der Schottenkönig Friedebrand
Und die vier Genoßen sein;
Mancher Söldner zog mit ihnen ein.
Gegen Westen dort am Meer
Lagert Eisenhartens Heer:
25   Ihre Augen trocknen nimmer sich.
Nicht geheim noch öffentlich
Hat man sie anders je gesehn
Als jämmerlich in Klage stehn.
Ihr Herz zerströmt sich so in Güßen,
Weil ihr Herr im Zweikampf enden müßen.«

26  

Da sprach zu seiner Wirthin
Der Gast mit höflichem Sinn:
»Geruhet doch und sagt mir an,
Wie dieser Haß sich entspann.

5   Was ziehn sie euch mit Macht entgegen?
Ihr habt so manchen kühnen Degen:
Mich jammert, sind sie so beladen
Mit Feindeshaß zu ihrem Schaden.«

»Vernehmt es, Herr, da ihrs begehrt.

10   Mir dient' ein Ritter, der war werth,
Aller Tugend blühend Reis.
Mannhaft war der Held und weis,
Der Treue wohlgediehne Frucht,
Seine Zucht ging über alle Zucht.
15   Er war noch keuscher als ein Weib,
Kraft und Kühnheit trug sein Leib.
Kein Ritter über allem Land
War auch noch je so milder Hand
(Wer weiß, was nach uns soll geschehn?
20   Da mögen andre Leute spähn).
Er war zu falscher That ein Thor,
Gleich mir von schwarzer Farb ein Mohr.
Sein Vater hieß Tankaneis:
Der König trug auch hohen Preis;
25   Mein Freund hieß selber Eisenhart.
Meine Weibheit war nicht wohlbewahrt,
Mir dient' er doch um Minnelohn,
Daß er den Wunsch nicht trug davon:
Das muß ich ewig nun beklagen.
Ich ließ ihn, wähnen sie, erschlagen.
27   Verrathes bin ich unerfahren,
Wie mich des zeihen seine Scharen.
Mehr als sie selber liebt ich ihn,
Des ich nicht ohne Zeugen bin:
5   Damit bewähr ich es wohl noch.
Die rechte Wahrheit wißen doch
Meine Götter und die seinen.
Wie mußt ich um ihn weinen!
So zog ich mit verschämter Strenge
10   Seinen Lohn, mein Leid auch, in die Länge.

»Mein Dienst erwarb im Rittertum
Dem Helden oftmals hohen Ruhm.
Ich versucht' ihn, ob er Freund zu sein
Verstünde: bald wohl sah ichs ein.

15   Er gab um mich den Harnisch hin,
Der unter jenem Baldachin27, 16. Statt als ein palas lese ich in dem palas. Bei dieser leichten Aenderung bedarf es der gezwungenen Deutung nicht, welche St. Marte (Pfeiffers Germania S. 85) aufstellt.
Nun steht (das herliche Gezelt
Brachten Schotten auf dieß Feld).
Als des der Degen ledig ward,
20   Da hat er sich nicht viel gespart,
Weil ihn des Lebens schier verdroß:
Manch Abenteuer sucht' er bloß.
Da es also mit uns stand,
Ein Fürst, Prothißilas genannt,
25   Mein Höfling und mein Unterthan,
Der unerschrockenste Mann,
Ritt auf Abenteuer aus
Und fand des Schadens viel im Strauß.
Dort im Wald von Aßagog
Eine Tjost ihn nicht um Tod betrog,27, 30. Vgl. Inhaltsangabe.
28   Die er that auf einen kühnen Mann,
Der auch sein Ende da gewann.
Das war mein Freund Eisenhart.
Mit einem Sper durchstochen ward
5   Jedweder durch Schild und Leib.
Das klag ich noch, ich armes Weib:
Der beiden Tod mich ewig müht,
Auf meiner Treue Jammer blüht.

»Ich vermählte nie mich einem Mann.«

10   Gachmuret erwog und sann,
Obwohl sie eine Heidin wär,
Weiblichen Sinnes sei doch mehr
Nie in ein Frauenherz gekommen.
Statt Taufe müß ihr Keusche frommen,
15   Der Regen auch, der sie begoß,
Von ihren Augen strömt' und floß
Ihr auf den Zobel, auf die Brust.
Trauern nur war ihr Gelust,
Dazu jammerhaftes Klagen.
20   Da hub sie wieder an zu sagen:
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