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Pariser Tagebuch

Theodor Wolff: Pariser Tagebuch - Kapitel 8
Quellenangabe
typesketch
booktitlePariser Tagebuch
authorTheodor Wolff
year1908
firstpub1908
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titlePariser Tagebuch
pages273
created20131217
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Seebad der ehrbaren Leute

Trouville, Villers-sur-Mer und Cabourg liegen dicht nebeneinander auf der Küste der Normandie. In einer halbstündigen Wagenfahrt kommt man von Trouville nach Villers, von Villers nach Cabourg. Man sieht von Villers aus die Häuser von Trouville, die bunt und zwischen Gärten auf einer Küstenbiegung stehen, aber man sieht nicht die Häuser von Cabourg, die sich hinter einem dunkelfelsigen, struppig bewachsenen Vorgebirge verstecken. Was man von überall aus sieht, von Trouville, von Villers-sur-Mer und von Cabourg, das ist das Licht des Leuchtturms von Havre, das abends über dem Meere aufzuckt, einen scharfen Strahlenschein auf die Wasserfläche wirft und schnell verschwindet, um schnell wieder zu erscheinen. Und in den fernen Sonnennebeln, in dem silberblauen Meerdunst taucht auch der weit vorspringende Küstenstreifen auf, der den Hafen von Havre schützend umgürtet. Die von Trouville sehen ihn ganz deutlich, die von Villers unterscheiden ihn am Horizont, die von Cabourg ahnen ihn in dem silberblauen Dunst.

Leute, die Toiletten zeigen und andere Toiletten sehen, Eroberungen machen und viel Nützliches mit manchem 59 Angenehmen verbinden wollen – Leute, die Pferderennen und Pferdchenspiele brauchen, und die den Luxus und die rotröckigen Zigeuner und das große Trara der Bois-Restaurants nicht entbehren können, gehen nach Trouville. Leute, die reich sind und ihren Reichtum nicht gern verbergen, die eine hohe Gesellschaft und ein hohes Spiel lieben, gehen nach Cabourg. Leute, die ihren Besitz gern in Ruhe genießen, die sich von ihrer Arbeit und ihren Geschäften in Frieden erholen und sich von ihren Finanzoperationen in aller Stille reinbaden wollen – die soliden, die ernsthaften, und die ehrbaren Leute gehen nach Villers.

Dieses Villers-sur-Mer ist einer der hübschesten Badeorte auf der normannischen Küste. Es liegt weit poetischer als Trouville, das auf eine etwas kahle und nüchterne Stelle der Küste hingebaut ist. Ein Teil von Villers zieht sich unten am Strande hin, ein anderer lehnt sich an einen breiten, bewaldeten Hügel und steigt bis zum Gipfel des Hügels hinauf. Überall, unten und oben, in der Ebene und auf dem Hügel, sieht man sehr viel Grün, sehr viel schattiges Laub, denn Garten fügt sich an Garten, und breite Baumalleen durchschneiden den Ort. Aber in ganz Villers gibt es eigentlich nur zwei kleine Hotels oder doch nur zwei Hotels, die in Betracht kommen. Sie sind gut, aber weit einfacher, als die pompösen Hotelpaläste in Trouville, teuer, aber nicht so haarsträubend teuer wie diese Sommerresidenzen der Pariser Demimonde. Die zwei kleinen Hotels verschwinden in dem großen und bunten Gewirr der Villen. Denn Villers ist wie Cabourg ein Villenort und fast nur ein Villenort. Es gibt hier Villen von allen Größen, 60 von allen Formen, in allen Stilen. Villen mit großartigen, von Mauern umschlossenen Parks, Villen mit runden und spitzen Türmen, mit Erkern, Balkons und Veranden. Villen im Stil der roten Backsteinbauten der Renaissance und burgartige Villen und Blockhausvillen, die den alten Bauernhäusern nachgebildet sind. Villen, groß wie Schlösser, die eine Familie allein bewohnt, und Villen, klein wie Fischerhäuser, die an mehrere Familien vermietet werden. Villen am Strande, in den Alleen, auf dem Hügel . . .

Ich entfliehe fast in jedem Sommer, zum mindesten für ein paar Tage, zu einem der Badeplätze der Normandie. Jedesmal, wenn man aus dem schwitzenden Paris hierher kommt, erscheint eines wieder neu, überraschend und bestrickend: dieser große Lichtzauber der normannischen Küste. Man glaubt, nie und nirgends schon eine solche Fülle von Licht gesehen zu haben wie hier. Man glaubt das besonders zur Zeit der Ebbe, wenn das Meer zurückgetreten ist und im Entweichen eine endlose braungelbe Ebene, die von silberblauen Seen und Kanälen durchfurcht ist, enthüllt hat. Dann entsteht aus dem tiefblauen, leuchtenden Meere, aus den silberblauen Seen, die vom Sande wie Kristallspiegel eingerahmt sind, und aus den langen, braungelben Streifen eine einzige, gleichmäßige, klare Fläche, eine Fläche, die weit und unermeßlich scheint, wie die Wüste Sahara, und über die mit heiterer Pracht der unendliche Strom von Licht sich ergießt. Die Ebene ist wunderbar weit, die Luft ist wunderbar rein, und man sieht jedes Pünktchen, das hinten am Horizont, stundenweit entfernt, auf dem gelben Sande oder in 61 den silbernen Seen auftaucht. Es ist, als müßte man die Spinnen und Käfer sehen, die bei Trouville über den Strand laufen. Jeder farbige Fleck leuchtet zehnfach in diesem Licht, und die Formen und die Umrisse der Dinge zeichnen sich scharf am lichtgebadeten Boden ab. Man sieht die runden, rot und weiß gestreiften Zelte, die weit drüben am Rande des Wassers stehen, und sieht den blauschwarzen Schatten, den sie auf den Sand werfen. Das weiße Kleid eines kleinen Mädchens, das im Sande spielt und der rote Badeanzug einer Dame, die ins Meer geht, leuchten am Horizont. Ein Knabe hopst mit dünnen, nackten Beinchen, ein zierliches Krabbennetz schwingend, in der Ferne durch die Wasserlachen, und an dem Vorgebirge, hinter dem sich Cabourg verborgen hält, ruht ein rosiger Sonnenschirm, wie eine breit gewölbte La France-Rose.

Dieses weite Strandbild ist graziös, fein und heiter. Diese Grazie, diese Feinheit und Heiterkeit enthalten nicht ein Atom von Melancholie. Fast überall sonst ruht immer ein Tropfen von diesem Gift im Becher. Die Küsten Italiens mit ihrer brennenden Schönheit haben etwas Schmerzvolles, die griechischen Küsten mit ihrem dunklen, entlaubten Gestein und ihren Tempelresten haben etwas Tragisches, und die nordischen mit ihren Dünen, mit dem Aufruhr ihrer Wogen haben nichts Heiteres. Die normannische Küste läßt die ernsten Gedanken nicht aufkommen, die Sonnenuntergänge haben hier nicht die dämonische Großartigkeit der Sonnenuntergänge im tiefen Süden und im hohen Norden, die Abendwölkchen sind wie die Wölkchen der Rokokobilder, auf denen kleine, leichte Liebesgötter sich schaukeln, die Seen, welche das Meer 62 auf dem Strande zurückläßt, haben die Silberfarbe der Libellenflügel, und alles ist glücklich und graziös, lichtflimmernd und zierlich, wie das Spiel der Libellen.

* * *

Ein französischer Literaturhistoriker, Gaston Deschamps, war vor kurzem in Amerika. Er erzählt in einem seiner Reiseberichte, daß ein Landsmann, der in irgend einer Stadt der Vereinigten Staaten französischer Konsul ist, sich ihm gegenüber sehr bitter über die heimischen Romanschriftsteller geäußert habe. Warum schreiben diese Schriftsteller nur noch Ehebruchs- und Kokottengeschichten? Sie geben den Fremden ein falsches Bild von der französischen Gesellschaft, sie schädigten den guten Ruf des französischen Volkes, sie beeinträchtigten sogar das Geschäft.

Dieser Konsul hat ganz recht. Die französischen Romanschreiber verbreiten wirklich höchst irrige Begriffe. Man muß ihnen nicht glauben. Sie sind wie die Spekulanten, die viel mehr Getreide oder viel mehr Papiere verkaufen, als sie je besessen haben. Sie bringen viel mehr Laster auf den Markt, als je vorhanden sind. Das ist ein Spekulationsmanöver, nichts weiter. Sie verkaufen mit Vergnügen den guten Ruf ihrer Landsleute, um ein paar Romane mehr zu verkaufen. Hinter den paar tausend Familien (ich spreche nicht von der Demimonde, von der Geschäftswelt des Lasters), die in Paris eine Art Vorhut bilden, freischärlerhaft auftreten, etwas wild leben und sich oft noch wilder gebärden, gibt es die große Armee der ehrbaren Leute, die ungefähr dieselben Ideen, Ansichten und Ideale haben, wie die 63 ehrbaren Leute in anderen Ländern und anderen Städten, sich praktisch verheiraten, ihre Kinder gut erziehen und ihren Wohlstand mehren.

Villers-sur-Mer ist das Seebad der ehrbaren Leute. Hier herrschen die Weisheit mit Renten und die Jugend mit großer Mitgift. Hier lebt man friedlich und harmlos, und jeder lebt, wie es ihm paßt. Jeder badet, wann und wo es ihm beliebt. Die berühmte »alte Kultur«, die man so oft in Frankreich bewundert, zeigt sich nie so sehr, wie dann, wenn die Franzosen und Französinnen im Badeanzug stecken. Man hat oft geraten, das Zusammenbaden der Damen und Herren auch in deutschen Bädern zu erlauben, man hat sogar Versuche gemacht, es einzuführen. Aber die liebenswürdige Ungeniertheit und die freie Natürlichkeit, mit denen in Frankreich alles zusammen in dasselbe Bad geht, lassen sich nicht importieren, sie sind das Resultat einer jahrhundertelangen Gewöhnung und Erziehung. Bei uns denkt man zu viel, und das Denken ist gefährlich. Die Franzosen und die Französinnen gehen, ohne viel zu denken, ins Meer, und das Wasser bleibt ein reinliches Element.

In Villers kleiden sich die einen in dem Badehause am Strande um, die anderen in gemieteten Badebuden, die sie irgendwo am Strande aufstellen und noch andere einfach im Hotel oder in ihren Villen. Sie spazieren im Bademantel, den Strohhut oder die Kappe auf dem Kopfe, aus den Straßen heraus, vom Hügel herunter, über die Promenade und den Strand. Man könnte sie für Mönche und Nonnen halten, wenn sie in ihren Kapuzenmänteln so aus allen Winkeln hervorwimmeln. Niemand macht sich über sie lustig, niemand nörgelt. 64 Die persönliche Freiheit der Leute im Badeanzug wird von allen respektiert. Es fehlt nicht an klatschsüchtigen Seelen, aber die Klatschsucht hört hier gerade dort auf, wo sie anderswo anfängt.

Am Nachmittag sitzt man vor seinem rotweißen Zelt oder fängt Krabben in den Wasserlachen, oder man macht einen kleinen hygienischen Spaziergang auf der Strandpromenade. Man trifft dort nur wenig allzu geputzte und geschminkte Frauenzimmer. Eine ehrbare Einfachheit ist guter Ton. Knickebeinig, mit halb verrenkten Schultern, krumm und schief, im weißen Röckchen und in weißen Höschen kommt Lemaitre den Weg herauf, begleitet von seiner alten Egeria, an der wenigstens die klerikale Gesinnung waschecht ist, und ihrem winzigen frisierten Hündchen. Der Begründer der »Patrie Française«, dieser neuen Liga, schwingt den knotigen Stock und springt mit den knickrigen Beinchen über die Steine. Seit er Frankreich von der Verräterbande befreien will, und täglich einen Gegner mit Schmutz bewirft, fühlt er sich wie Jung Siegfried, der Held. Dann und wann führt er, auf einen Wink der Dame, das frisierte Hündchen zur Seite, das in einem natürlichen Drange dasselbe tut, was er auf dem Wege der Polemik vollbringt. Wie jeder französische Badeort, hat auch Villers-sur-Mer ein Kasino. Zwei niedrige Holzbauten am Strande, die ein schmaler Konzertplatz trennt. Links der Lesesaal mit drei oder vier Zeitungen, ein paar illustrierten Heften, Billard und Schachbrett; rechts der Tanz- und Konzertsaal, in dem auch die Tische mit dem unvermeidlichen Pferdchenspiel stehen. Des Morgens üben hier einige Schülerinnen eilig und ohne 65 Begeisterung ihre Tonleitern. An zwei oder drei Abenden tanzen hier frisch gebadete Mädchen. Und nachmittags und abends sitzen auf dem schmalen Konzertplatz ein paar Badegäste und essen Eis, während die Geigen die schon genug gepeinigten Hugenotten zerkratzen.

Der Punkt, wo das Badeleben von Villers-sur-Mer wild, gewagt und zum Lasterleben wird, ist der Platz bei den »Petits Chevaux«. Allabendlich, um neun Uhr erscheinen hier zwei alte Damen mit Kapottehut und Pompadour und setzen sich an den Tisch. Sie lächeln vertraut dem Croupier zu, der erst nach ihnen kommt und einen hölzernen Kasten mit der Kasse auf den Tisch stellt. Dann läßt sich jede der beiden alten Damen von dem Croupier ein Fünf-Frankstück in zehn Fünfzig-Centimesstücke umwechseln, der Croupier sagt: »Faites votre jeu! Rien ne va plus!« und das teuflische Spiel beginnt. Gewöhnlich drängt sich eine naseweise Kinderschar neugierig an den Tisch, und bisweilen kommen zwei oder drei zerstreuungsbedürftige Leute und riskieren den Einsatz von fünfzig Centimes. Aber ich habe einen unbestimmten Argwohn . . . Es soll sparsame Familien geben, in denen der Kaffee sämtlicher Familienmitglieder mit einem Stück Zucker versüßt wird. Jedes Kind darf einmal an dem Zucker lecken. Ich hege den Argwohn, daß bei den »Petits Chevaux« in Villers-sur-Mer gewöhnlich nur mit einem einzigen fünfzig Centimesstück gespielt wird, das immer hin und her wandert und bald in diese, bald in jene Seele Süßigkeit träufelt. Dieses Seebad der ehrlichen Leute ist mir lieber als Trouville mit seinem Parfüm, als Cabourg mit seinem Luxus, als Ostende mit seiner – oft so falschen – Eleganz. Hier 66 stärken sich die Nerven und die Verdauung, hier werden die Menschen gesünder und bisweilen sogar besser. Hier erwacht die Freude an der Natur, das Interesse an den Mitmenschen. Man beobachtet, man prüft, und man erwärmt sich für jedes Detail. Man kennt bald die Leute, die auf demselben Strande wohnen, man weiß ihre kleinen Eigenheiten, man lächelt über ihre verzeihlichen Schwächen. Man kümmert sich mehr, als man das in der großen Stadt vermag, um seinen Nächsten und sein Weib. Man sagt: »Die dicke Dame mit der Warze hat heute am Klavier gesungen«, und »der Herr, der immer mit der Nase schnüffelt, hat heute schon zweimal die Hosen gewechselt.« Man fragt sich, ob das Vermögen des Villenbesitzers nebenan auf redliche Weise erworben worden, und gewöhnlich verneint man sich die Frage. Kurz und gut, man wird hier draußen in der freien Natur, fern von dem schlechten und verdorbenen Paris, ein guter Mensch, ehrbar unter den Ehrbaren. Das Leben in den stillen, harmlosen Orten züchtet solche Charaktere. 67

 

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