Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Wolff >

Pariser Tagebuch

Theodor Wolff: Pariser Tagebuch - Kapitel 5
Quellenangabe
typesketch
booktitlePariser Tagebuch
authorTheodor Wolff
year1908
firstpub1908
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titlePariser Tagebuch
pages273
created20131217
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Der Concierge meines Freundes

(1899)

Einer meiner Freunde hat einen Concierge, mit dem ich – während mein gewöhnlich unpünktlicher Freund auf sich warten läßt – gern über die aktuellen und die immerwährenden Fragen der Politik, der Philosophie und der Nationalökonomie plaudere. Er heißt »Monsieur Jules«, und seine Frau heißt »Madame Jules« – obgleich Jules nicht der Nachname, sondern der Vorname des Ehemannes ist. Neben diesem Elternpaare ist die Tochter zu erwähnen: Mademoiselle Henriette, die eine lockere, »ondulierte« Haarfrisur trägt, ganz wie ein Fräulein erzogen worden und gegenwärtig mit dem Sohn des Viktualienhändlers in der ersten Seitenstraße links verlobt ist.

Daß ich so gern mit Monsieur Jules über Menschen und Dinge rede, kommt nicht nur daher, daß Monsieur Jules ein sehr kenntnisreicher Mann ist, der täglich drei Zeitungen liest: Paul de Cassagnacs bonapartistische »Autorité«, Rocheforts »Intransigeant« und das »Petit Journal«, und der allmonatlich am Bankett seiner Arondissementsgenossenschaft teilnimmt. Ich schätze die persönliche Meinung des Monsieur Jules, aber sie scheint mir noch um vieles wertvoller dadurch, daß sie als Ausdruck der Geistesanschauung eines ganzen Standes, einer 32 ganzen Klasse gelten kann – und zwar einer sehr wichtigen Klasse: des französischen Kleinbürgertums. Der Pariser Concierge ist durchaus nicht mit dem Berliner Portier zu verwechseln – er hat mehr Machtvollkommenheiten, mehr Pflichten und Rechte als dieser, und darum naturgemäß eine höhere Auffassung seiner eigenen Persönlichkeit. Der Pariser Mieter hat keinen Hausschlüssel, und er erhält seine Briefe nicht direkt vom Postboten. Der Concierge öffnet die Tür und nimmt die Briefschaften entgegen. Er weiß, wer zu seinen Mietern kommt, und er weiß gewöhnlich auch, wer ihnen schreibt. Das gibt ihm eine große Gewalt über das Haus und macht ihn zum nützlichen Helfer und Ratgeber des Staates und der Polizei, welche die wahre Repräsentation des Staates ist. So erwacht in ihm, neben der Behäbigkeit des Mittelstandes, das gewichtige Selbstbewußtsein der Bureaukratie. Er ist nicht nur ein Mitglied des Kleinbürgertums, er ist eine seiner edelsten Blüten.

Und darum plaudere ich so gern mit Monsieur Jules, besonders in Zeiten, wie den gegenwärtigen, wo es gut und nützlich ist, zu wissen, was und wie die wirklich autorisierten Vertreter des Volkes denken. Vielleicht hätte ich in meinem eigenen Hause die gleichen Gespräche führen, dieselben Erfahrungen einsammeln können. Das Sprichwort sagt: »Jeder kehre vor seiner Tür« – aber es sagt nicht: »Jeder bleibe bei denen, die vor seiner Tür kehren.« Und dann, es ist der Anfang aller Lebensweisheit: man soll in seinem eigenen Hause keine Liebschaften anbandeln, und man soll in seinem eigenen Hause nicht Psychologie treiben.

* * *

33 Monsieur Jules stand im Hausflur an der Tür seiner Conciergewohnung. Durch die offene Tür sah man in das Innere dieses freundlichen Heims, wo an den Wänden Öldrucke und Photographien hingen – darunter eine Photographie aus den Kriegsjahren, welche Monsieur Jules in Kürassieruniform zeigte, mit großen Stiefeln, und eine andere, auf welcher der Sohn des Viktualienhändlers seinen Arm um die schlanke Taille von Mademoiselle Henriette legte. Madame Jules räumte eben die Teller und Gläser vom Tisch. In einer Schüssel lagen noch die abgenagten Knochen eines Huhnes, und in einer Flasche leuchtete der goldblonde Zider. Diese Conciergefamilien sind, wie alle rechten Pariser, Esser von Überzeugung. Neben die berühmte Devise eines alten Adelsgeschlechtes: »Ich dien'!« stellen sie die ihrige: »Ich diniere.« Ein wenig im Hintergrunde, in einem roten Plüschlehnstuhl, saß Mademoiselle Henriette und las – taub gegen alles Geräusch der ideallosen Wirklichkeit – die Gedichte von François Coppée.

Monsieur Jules hatte die Stirn sorgenvoll zusammengezogen, wie er immer tat, wenn er über Politik sprach. Die im Wind und Regen etwas grünlich gewordene schwarze Mütze hatte er aus der geröteten, gefalteten Stirn ein wenig zurückgeschoben. Die beiden Hände hielt er auf der breiten, stämmigen Brust, hinter der blauen Leinenschürze. Und er sagte:

»Ich weiß, was ich weiß. Alle unsere Minister sind verkauft. Unsere Politiker sind unser Unglück. Das alles sind, wie wir zu sagen pflegen, Banditen. Das stinkt von oben bis unten. Aber mich überrascht nichts 34 mehr – ich kenne diese Republikaner. Ich habe sie gesehen . . . Sie werden es nicht glauben, aber es ist nicht eine einzige unter diesen republikanischen Familien, in der es nicht, wie wir zu sagen pflegen, einen Kadaver gebe. Wie in der Familie von M'sieu Felisque«. Mit »M'sieu Felisque« meinte er Felix Faure.

»Ja, wenn wir eine Regierung hätten! Aber das sind, wie wir zu sagen pflegen, nur leere Schläuche. Jeder denkt nur an sich. Ich weiß, was ich weiß. Wir hatten hier einen Staatsrat im Hause wohnen (seine Frau war die Geliebte des Ministers R.), der seine drei Söhne in die Verwaltung gebracht hat. Sie haben die besten Stellen bekommen – und der jüngste war nicht einmal sein Sohn. Wir müssen das dann mit unserem Gelde bezahlen. Und unsere Verwaltung! Ich weiß nicht, ob Sie neulich gelesen haben, daß man die Briefe eines Deputierten aufgemacht hat, der nicht für das Ministerium stimmte. Das ist, wie wir zu sagen pflegen, eine Schweinerei. Und das kommt alle Tage vor!«

In diesem Augenblick brachte der Postbote die Briefe für die Mieter. Monsieur Jules musterte sie mit einem schnellen Blick und warf sie hinter sich auf den abgeräumten Tisch, wo sie zwischen der Schüssel mit Hühnerknochen und der Ziderflasche liegen blieben.

»So wären Sie also für die Monarchie?« fragte ich. Er zuckte die Achseln und entgegnete:

»Tatsache ist, daß man unter dem Kaiserreich mehr Geld verdient hat. Die Kaiserin hat nicht gespart. Sie hat mehr für die Armen getan als die ganze Republik. Ich kann das sagen, ich habe sie noch gekannt. Ich 35 habe damals beim Herzog von Massa gedient. Sie war immer freundlich, und Paris hatte etwas von ihr. Paris ohne Hof ist, wenn ich so sagen darf, wie mardi-gras ohne einen Fastnachtsochsen. Das war ein anderes Leben als heute! Denken Sie, daß der Herzog von Grammont-Caderousse damals in einer einzigen Nacht im Café Anglais für achttausend Franks Spiegelscheiben zerschlagen hat!«

Er schwieg, befangen in seinen Erinnerungen. Im Hintergrunde der Wohnstube ließ Mademoiselle Henriette gerührt und träumerisch die Gedichte François Coppées in den Schoß gleiten. Sie verstand diesen Dichter, der nur für sie geschrieben zu haben schien. Und sie dachte an den Sohn des Viktualienhändlers, an die nahe Hochzeit. Ihre Augen, welche jetzt auf die Photographie des Bräutigams gerichtet waren, waren von weichen, kleidsamen Schatten umrahmt. Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus.

* * *

An einem anderen Tage, als ich Monsieur Jules wieder sprach, wollte ich die Gelegenheit benutzen, um meine Kenntnisse über die auswärtige Politik zu bereichern. Er hatte eben versichert, daß die Engländer die schlimmsten Feinde Frankreichs wären, und ich fragte ihn, wie er sich nun entscheiden würde, wenn er zwischen England und Deutschland zu wählen hätte. Aber er lehnte alle bindenden Erklärungen ab mit den Worten: »Wir haben eben lauter Minister des Auswärtigen, die nichts verstehen.«

Natürlich sprachen wir auch über die »Affäre«. Er 36 war von Anfang an gegen die Revision gewesen. »Das alles ist nur gemacht, um die Ausstellung zu verhindern,« versicherte er oft. Seine innere Überzeugung ist noch heute, daß der Kassationshof gekauft ist, daß Zola sein Geld in den Goldminen verloren und es in der »Affäre« wiedergewonnen hat, und daß Brisson von den Freimaurerlogen den Auftrag erhalten, die Armee zu zerstören.

»Aber wenn es sich nun wirklich ergibt, daß Dreyfus unschuldig ist,« fragte ich ihn schüchtern – »würden Sie ihn dann auf der Teufelsinsel lassen wollen?«

»Ich weiß, was ich weiß,« entgegnet er – »sie sind alle gekauft, es ist, wie wir zu sagen pflegen, alles Gesindel.«

»Sehr richtig, Monsieur Jules – aber haben Sie nicht gelesen, daß Esterhazy jetzt selber sagt, er habe mit einem fremden Militärattaché verkehrt? Und als andere das behaupteten, hat das Kriegsgericht ihn freigesprochen. Und Picquart sitzt im Gefängnis, weil er das nachzuweisen versucht hat, was Esterhazy heute selber erzählt. Wie reimen Sie das zusammen?«

»Hm – darauf kann ich mich nicht einlassen. Der eine sagt dies und der andere sagt das. Ich bin überhaupt gegen die ganze Preßfreiheit. Alle unsere Zeitungen taugen nichts. Der einzige, auf den ich noch allenfalls etwas gebe, ist Paul.« Dieser »Paul«, auf den Monsieur Jules noch etwas gibt – und auf den alle Concierges in den besseren Stadtvierteln schwören – ist der bonapartistische Draufgänger Paul de Cassagnac. »Paul sagt ihnen wenigstens bisweilen die Wahrheit. Ich kenne ihn sehr gut, er hat mir oft die Hand 37 geschüttelt. Er kam nach dem Kriege oft in die Häuser, wo ich bediente, und er war immer lustig, der Lustigste am ganzen Tisch. ›Monsieur Jules,‹ hat er mir oft gesagt – ›was? Wir beide holen noch mal Elsaß-Lothringen?‹«

»Das, was Sie über Ihre Zeitungen sagen, ist vortrefflich. Aber Sie müssen eingestehen, daß dadurch Dreyfus nicht von der Teufelsinsel runter kommt. Und wenn er unschuldig ist –«

»Es ist eben bei uns alles verfault. Wir haben keine Männer – niemand hat mehr Mut. Sehen Sie doch nur unser Parlament! Das ist, wie wir zu sagen pflegen, die reine Menagerie. Ich bin gegen den ganzen Parlamentarismus.«

»Schön – aber darum haben doch gerade die Leute ein doppeltes Verdienst, die zuerst den Mut gehabt haben, die Wahrheit zu sagen. Und als die Regierung nicht ihre Pflicht getan hat –«

»Die Regierung tut nie ihre Pflicht!«

»Da haben diese Leute die Wahrheit eben ein bißchen lauter hinausschreien müssen. Finden Sie nicht, daß in einem Staate die Gerechtigkeit gewahrt werden muß, und daß, wenn die Regierung, wie Sie sehr richtig bemerken, ihre Pflicht versäumt, es die Pflicht der Privatleute wird, für die verletzte Gerechtigkeit zu kämpfen?«

Er zögert einen Augenblick und sagt dann langsam:

»Ja, natürlich, Gerechtigkeit muß es geben. Aber wir Privatleute haben doch nicht die Pflicht, die Wahrheit zu suchen . . .«

Er zieht die Stirn in Falten und schweigt wieder sorgenvoll. Erst hinterher habe ich erfahren, daß seine 38 letzten Worte ein wörtliches Zitat aus der großen Rede gewesen sind, die Jules Lemaître in der »Liga des Vaterlandes« gehalten hat. Würde ich nicht durch einen Zufall den Text dieser Rede noch einmal in die Hand bekommen haben, nie hätte ich gemerkt, daß diese Worte nicht das eigene geistige Fabrikat des Concierge meines Freundes gewesen.

* * *

Mein Freund ist mit seinem Concierge sehr zufrieden. Monsieur Jules ist fleißig, aufmerksam, sauber, und wenn er eine Indiskretion begeht, so tut er es diskret. Er regiert das Haus mit Strenge, aber wer mit ihm zu reden weiß, findet ihn auch billigen Gründen zugänglich. Madame Jules ist wie ihr Gatte: fleißig, aufmerksam und sauber. Mademoiselle Henriette gehört nicht zu jenen Conciergetöchtern, die man an Orten trifft, wo junge Mädchen nicht hingehören. Man braucht ihr nie das immer peinliche Versprechen zu geben: »Ich werde es dem Papa nicht sagen.«

Das Ideal des braven Monsieur Jules wäre, von der Regierung einen kleinen Posten als Steuereinnehmer, irgendwo in der Provinz, oder eines jener »Tabakbureaus« zu bekommen, welche das Monopol haben, die Bürger mit Zigarren, Zigaretten, Tabak und Streichhölzern zu versorgen. Aber die republikanische Regierung braucht diese Posten und diese Tabakbureaus für die Kreaturen ihrer Kreaturen. Bei diesem großen Stellen- und Ehrenschacher gehen Monsieur Jules und seinesgleichen mit leeren Händen aus – sie sehen ihm aus 39 der Ferne zu, gekränkt, mit gefurchten Stirnen, sorgenvoll und entrüstet über alles, was vorgeht.

Braver Monsieur Jules! Er lebt im heutigen Frankreich in unzähligen Exemplaren! Er repräsentiert diese ganze große Klasse, die, zwischen dem eigentlichen Arbeiterstande und dem eigentlichen Bürgertum, behaglich und doch verdrießlich hinlebt. Er repräsentiert diese kleine und kleinste Bourgeoisie, die immer über die »Herrschaft« klagt, immer grollt, immer kritisiert, und die ihr ganzer Instinkt doch dazu treibt, sich unterzuordnen. Er repräsentiert diese kleine und kleinste Bourgeoisie, die niemals einen Gedanken logisch bis an sein Ende denkt und aus Furcht, sie könnte am Ende eine unangenehme Wahrheit entdecken, sich lieber zu abstrakten Phrasen und allgemeinen Schlagworten flüchtet. Freilich – das hat sie mit vielen anderen gemein . . .

Sie sieht auf der einen Seite den Arbeiterstand, der um einiges kräftiger und unabhängiger ist, und sie blickt mit gelinder Verachtung auf ihn herab. Sie sieht auf der anderen Seite das wohlhabende, satte Bürgertum, und sie blickt mißtrauisch zu ihm hinauf. Sie ist unzufrieden, fühlt sich benachteiligt – sie möchte gern ihren Anteil haben, möchte ganz zum Hause gehören. Und sie bleibt immer nur an der Tür, wie Monsieur Jules, der Concierge meines Freundes. 40

 

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.