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Pariser Tagebuch

Theodor Wolff: Pariser Tagebuch - Kapitel 4
Quellenangabe
typesketch
booktitlePariser Tagebuch
authorTheodor Wolff
year1908
firstpub1908
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titlePariser Tagebuch
pages273
created20131217
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Erinnyen

(Juni 1899)

Seit fünf Jahren habe ich kaum eine der großen Sitzungen, der großen Theatervorstellungen im Palais Bourbon versäumt. Welch eine Reihe schöner Premieren seit fünf Jahren! Die letzten Panama-Ringkämpfe fielen noch in diese Zeit, und der zyklopische, rundschultrige Rouvier verteidigte sich wie ein Eber gegen die Meute. Dann kamen die Südbahnkomödien, dann die olympischen Kampfspiele, welche Kammer und Senat um das Ministerium Bourgeois aufführten. Und dann die einzelnen Akte des größten Spektakelstückes, der Dreyfus-Affäre mit ihren wechselnden Helden: dem fuchsartigen Méline, der ein etwas verkleinerter Guizot ist, dem verbohrten Cavaignac der die Robespierre-Rollen spielt, dem alten Brisson, dessen treue, ehrliche Röcke so unmodern scheinen wie seine feierliche republikanische Rhetorik und der so seltsam an Verrina erinnert. Von meinem Platz auf der engen und dunstigen Tribüne habe ich die sozialistischen Fäuste die nationalistischen Köpfe verprügeln gesehen, und die nationalistischen Fäuste die sozialistischen Köpfe. Ich habe alle Arten von 23 Schimpfworten, alle Nuancen des Tumultes, die ganze Tonleiter menschlicher und tierischer Laute kennen gelernt. Ein Irrenhaus, eine Menagerie oder die Hölle selbst, wie der gute Fra Angelico sie gemalt, sind nur stille Nervenheilstätten, verglichen mit diesem Palais der Parlamentarier. Aber was auch immer in diesen fünf Jahren sich ereignet hat, und so weit ich zurückdenke – ich erinnere mich an nichts, was dieser gestrigen Sitzung vergleichbar wäre, die unter dem Geschrei »Mörder! Mörder!« so vielversprechend begann.

Längs der halbkreisartig gebogenen Wand (der Saal hat die Form eines Halbkreises, an dessen geradliniger Seite sich der Sitz des Präsidenten und die etwas niedrigere Rednertribüne erheben) in allen Logen ein Geflimmer bunter, lichter Sommertoiletten. Diese Logen sind so überfüllt, daß man glaubt, die Wände müßten auseinandergesprengt werden. Die Damen halten einander auf dem Schoß, die Herren balanzieren dahinter auf den Fußspitzen, und ich sehe Coquelin, der mit gespreizten Beinen auf dem Rande einer Bank steht, und zwischen dessen Füßen eine Gott sei Dank nicht umfangreiche Dame sitzt. Und längs der ganzen Bogenlinie ein fortwährendes Auf- und Niederflattern zahlloser Fächer, wie rund um die spanische Arena am Tage des Stiergefechts.

Unten auf den amphitheaterförmig aufsteigenden Bänken, Schulter an Schulter, die Vertreter der Nation. Dort der runde Kopf Dupuys mit einem halb verlegenen, halb bösen Lächeln, dort der kahle, dürftige Schädel Cavaignacs, dort das Fuchsgesicht Mélines. Auf den ersten beiden Bänken der Mitte, dem 24 Präsidenten und der Rednertribüne zugewandt, die neuen Minister. Waldeck-Rousseau im kurzen blauen Jackett auf der vorderen Bank. Neben ihm der erste Sozialistenminister Millerand. Auf der zweiten Bank, hinter ihnen, der General de Gallifet, sehr mager, sehr elegant, in schwarzem Rock und hellen Hosen. An seiner Seite ein anderer, sehr eleganter, noch junger Mann, fast kahl, aber mit einem hübschen blonden Schnurrbart: der neue Finanzminister Caillaux, Sohn einer Ministerfamilie. Und ringsherum ein Geschwirr und ein Gesumme wie das verhaltene Dräuen eines Meeres, das gleich zum tollwütigen, besessenen Toben werden wird.

Der Präsident Deschanel – noch ein Elegant – ergreift die Glocke (er hat schon zwei in diesem Jahre ruiniert) und sagt: »Die Sitzung ist eröffnet.« Kaum ist das Wort heraus, als auf der linken Seite des Saales, auf den höchsten Stufen des Amphitheaters – dem »Berge« – etwa zwanzig Männer emporspringen, drohend die Arme in die Luft werfen und dieses wilde Geschrei beginnen: »Mörder! Mörder!« Es sind zuerst nur zwanzig, aber ihre Tobsucht wirkt ansteckend und gewinnt wie ein Feuer, das sich schnell, vom Winde begünstigt, weiterfrißt, die benachbarten Bänke, wo die Déroulède und Drumont sitzen, und dann immer andere Bänke. »Mörder! Mörder!« Man denkt, es müsse alles zusammenbrechen. Und die Erinnyen selber scheinen auferstanden!

Mein Gott, und welche Erinnyen! Da ist Coutant, ein ehemaliger Mechaniker, ein Mann mit wirr durcheinanderhängenden Pudellocken und revolutionärer, 25 langflatternder Krawatte; er hat vor einem Jahre die Gattin eines Arbeitskollegen entführt, die sich in das revolutionäre Genie verliebt hatte, und hat dann eine ziemlich komische Rolle im Ehescheidungsprozesse gespielt. Er schreit für zehn, und von seinem tiefroten Gesichte trieft der Schweiß. Dann Vaillant, ein ehemaliger Chirurg, Politiker schon in den Kommunetagen, ein kleiner, fetter Mann mit weißem Schädel und einer großen Brille auf der dicken, roten Nase. Dann Legitimus, ein Neger von Guadeloupe, der eine Art Niggertanz aufzuführen scheint, Dejeante, ein Hutmacher, und eine Anzahl ganz junger Leute, die den mageren Gallifet noch heftiger hassen, da sie nur von Hörensagen wissen, was er eigentlich getan hat.

Während der ganzen Sitzung währt das Geschrei – und je später es wird, und je mehr die Hitze im Saale zunimmt, desto tobender, wahnsinniger wird es. Der Deputierte Mirman steht auf der Rednertribüne, ein Bursche mit einem langen, rotblonden, spitzgeschnittenen Vollbart und frisierter, geölter Mähne, ein widrig hohler Phrasenschwätzer, der den entrüsteten Biedermann spielt – ein Individuum, das Taine unter »die grünen Früchte der Advokatur« gezählt hätte, die in den Revolutionsjahren das Gros der Revolutionsarmee bildeten. Er nennt die Minister »Schurken und Mörder«. »Das Land braucht Sie nicht!« ruft er ihnen pathetisch zu. »Schurken und Mörder!« brüllt und heult die Kammer, und zweihundert Arme strecken sich drohend gegen die Minister aus, und oben über dem Saale flattern die bunten Fächer auf und nieder, wie geängstigte Schwalben in einem Orkan.

26 Waldeck-Rousseau sitzt regungslos auf seinem Platz. Er weiß sich meisterhaft zu beherrschen – er gleicht mehr einem kühlen Engländer als einem Franzosen – aber seine eiserne Ruhe ist gespielt. Er hält die Fäuste in den Taschen des blauen Jaketts vergraben, seine Kinnbacken arbeiten nervös. Millerand liest scheinbar eifrig in einem Buch. Es ist verabredet, daß weder er noch Gallifet sich rühren dürfen, um die Meute nicht noch mehr zu reizen. Während die Kammer um ihn herum kreischt und tobt, liest er. Gallifet blickt fest in den Tumult; dann und wann beugt er sich mit einem Lächeln zu seinem Nachbarn Caillaux, um die Namen der Hauptschreier zu erfahren. Und seine Ruhe reizt die Wütenden noch mehr und sie verdoppeln ihr betäubendes Geschrei: »Mörder! Mörder!«

* * *

Wie sich über dem Bett der Märchenkinder zwei Feen streiten, wie über dem Haupte der Hunnenkämpfer in der Luft noch die Geister miteinander stritten, so streiten sich über dem Haupte Gallifets unsichtbar zwei Legenden – eine gute und eine böse. Es gibt zwei Gallifets: den »glänzenden Marquis« und den »Bluthund und Mörder«. Zwei Gallifets der Legende!

Welches der Memoirenwerke aus dem Kaiserreich man auch aufschlägt, man begegnet fast überall dem ersten Gallifet, dem glänzenden Marquis. Er ist der geistreich-spöttische, abenteuerlustige, todverachtende Held, der überall, auf der Krim, in Algier, in Italien, in Mexiko, Kriegestrophäen und Frauenherzen erobert. Er 27 führt die Reiterregimenter in der Schlacht mit derselben lustigen Eleganz, wie er am Kaiserhofe die Quadrillen führt. Man sagt, daß ihm in Mexiko eine Granate einen Teil des Unterleibes fortgerissen, und daß er das fehlende Stück durch eine silberne Platte habe ersetzen lassen. Er selber sagt lachend, als das Silber im Werte fällt: »Meine Platte ist um fünfzig Prozent entwertet, was werden meine Gläubiger sagen!« Er überwindet im Duell berühmte Schläger und Schützen und im Zweikampf der Liebe berühmte Schönheiten des Hofes und der Stadt. Und wie es den glücklichen Helden der Legende so geht, man schreibt ihm alle witzigen Worte zu, die im Umlauf sind, und alle kühnen Taten, deren Vollbringer man nicht kennt. Daß er mutig bis zur Tollkühnheit ist, hat er bei dem berühmten Reiterangriff von Sedan gezeigt. Daß er die hinreißende Kraft seiner eigenen Tollkühnheit kennt, beweist sein Wort: »Der Soldat wird mir überallhin folgen, wo er mich auf meinem Pferde sehen wird.«

Dann der Gallifet der anderen Legende – der »Mörder«! Die böse der beiden Legenden erzählt, daß der General in den Tagen des Kommuneaufstandes auf der Straße von Versailles einen Zug gefangener Kommunards getroffen habe. Er habe den Zug halten lassen, habe die Ältesten ausgewählt – dreißig sagen die einen, achtzig die anderen, hundert und elf noch andere –, habe ihnen gesagt: »Ihr seid doppelt schuldig, denn ihr habt schon die Revolution von 1848 gesehen und wißt, was das bedeutet!« und habe sie erschießen lassen. Er soll jedem der Opfer gesagt haben: »Ich heiße Gallifet!« und soll eine Zigarette dabei 28 geraucht haben. Andere Erzähler berichten sogar, daß er sein Pferd an dem Zuge habe entlang schreiten lassen und diejenigen gewählt habe, denen das Tier den Kopf zugewandt.

Ich weiß nicht, was an diesen beiden Legenden wahr ist – der General de Gallifet hat nie etwas von alledem, was über ihn gesagt worden, abgeleugnet. Ich weiß nur, daß man in Frankreich Legenden gegenüber nicht skeptisch genug sein kann. Es ist manchmal ein wenig Wahrheit daran (und in diesem Falle gewiß), aber um das Körnlein Wahrheit ist gewöhnlich ein ganzes Gebäude aus luftigen Gerüchten und Sagen erbaut worden.

Der Marquis de Gallifet sitzt jetzt auf seinem Ministerplatz in diesem Saale, der ihm fremd ist, in diesem Geheul, das ihn an das Geheul algerischer Reiterscharen erinnern mag. Der Empfang, den man ihm bereitet, scheint ihn etwas zu überraschen. Aber er ist in jedem Falle mehr überrascht, als erschreckt. Er blickt auf die schreienden, keifenden, wild gestikulierenden Gruppen zuerst wie einer, der nicht recht versteht, um was es sich eigentlich handelt. Als er versteht, wendet er den Blick nicht ab. Er hat einen sehr merkwürdigen Kopf, und alle Photographien, die ich von ihm gesehen habe, lügen. Man denke sich einen Totenkopf mit einer scharf gebogenen Habichtsnase und einem hier und da noch von schwarzen Schatten durchzogenen weißen Schnurrbart. Die hervorstehenden Backenknochen und vor allem die tief in den Höhlen liegenden dunkelen Augen geben dem Kopf seinen seltsamen Charakter. Das Weiß des Schnurrbartes kontrastiert mit dem 29 tiefen Schwarz der Augen und der Lederfarbe des Gesichtes. Man versteht, daß die Legenden diesem Manne seltsame Taten andichten konnten – sehr ritterliche und höchst grausame.

Während man ihm von allen Seiten »Mörder!« zuschreit, zuckt er nicht mit den Wimpern. Seine ehemaligen Freunde, die Monarchisten, blicken ihn ironisch lächelnd an: »Das haben Sie nun davon!« Auch das rührt ihn nicht. Er bewegt sich in diesem Hexensabbat so frei und unbefangen, wie er sich auf den Schlachtfeldern bewegt haben mag. Entschieden ist etwas sehr Mutiges und Loyales in seiner Art. Aber ich bin nicht ganz sicher, daß er sich nicht leise sagt. »Teufel – ich habe damals nicht die Richtigen füsilieren lassen!«

* * *

Die bunten Fächer längs der Bogenwand bewegen sich immer erregter, immer angstvoller, denn der Orkan, über dem sie auf und nieder flattern, wird immer wilder. Alles scheint über diesen unseligen Ministern zusammenzubrechen, die unten in der Niederung sitzen, wie begraben unter der von allen Seiten heranbrausenden Sturmflut. Bis dann plötzlich ein Wunder geschieht. Der alte Brisson treibt, ein neuer Moses, mit einer beschwörenden Armbewegung die Brandung zurück. Es wird ruhig, die Sonne blickt durch die matten Scheiben des Glasdaches, die Minister lächeln befreit, die Fächer bewegen sich langsamer.

Die braven Leute aber, die hier fünf Stunden lang sich die Kehlen heiser geschrien, gehen befriedigt 30 nach Hause. Sie haben »bis in das Delphische Heiligtum« den »Mörder« verfolgt, nun nehmen sie ihren Hut und ihre fünfundzwanzig Frank Tagesdiäten. Wie sehr haben die Pariser recht, wenn sie ihre Stadt mit Athen vergleichen! Man glaubt, am Abend nach dieser heißen Sitzung vor dem alten Theater in Athen zu stehen! Der Himmel ist tiefblau, mit einem leichten Gespinst von schimmerndem Dunst überzogen; die hohe Säulenhalle des Palais Bourbon weckt die Erinnerung an Griechenland, und aus der geöffneten Tür des Theaters – oder des Parlamentes – kommen die Darsteller der Erinnyen, die den Kothurn abgeschnallt haben und nun harmlos und friedlich heimwärts gehen, um dem Bacchus oder selbst dem Eros zu opfern. 31

 

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