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Pariser Tagebuch

Theodor Wolff: Pariser Tagebuch - Kapitel 38
Quellenangabe
typesketch
booktitlePariser Tagebuch
authorTheodor Wolff
year1908
firstpub1908
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titlePariser Tagebuch
pages273
created20131217
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Scheurer-Kestner

(1899)

Das Schicksal hat es so eingerichtet, daß am gestrigen Tage gleichzeitig zwei Nachrichten von Paris in die Welt hinausgingen: »Dreyfus wird begnadigt« und: »Scheurer-Kestner ist gestorben«. Man täusche sich nicht – die Begnadigung Dreyfus' bedeutet einstweilen das Ende des Kampfes, ein schwächliches, unbefriedigendes, zweideutig unklares Ende, das weder kalt noch warm stimmt, das die Gewissen nicht befreit. Und während auf dem Kampfplatz langsam die Ruhe zurückkehrt – nicht die feierliche große Ruhe, welche den Siegen folgt, sondern ein grämliches, unfrohes, bedrücktes Schweigen – scheidet aus dieser Welt der Lüge und Niedrigkeit der erste Kämpfer, dieser gute und fleckenlose Idealist Scheurer-Kestner.

Ich sehe ihn noch in jener Senatssitzung, wo er zum ersten Male für den unschuldig verurteilten Dreyfus eintrat. Fast der ganze Senat war damals noch ironisch, ja feindlich gestimmt, und die Journalisten lärmten und lachten. Und dieser prächtige Scheurer-Kestner stand 254 auf der Tribüne und suchte mit einem wahren Mut der Verzweiflung diese widerspenstigen Hörer zu seinem Glauben zu bekehren. Das vornehme, vom weißen Bart umrahmte Gesicht war sehr blaß, die Stirn schwitzte. In der Stimme dieses Mannes war etwas Flehendes – ein Stein hätte weich werden müssen. Es war unendlich rührend, diesen Mann zu sehen, der danach rang, den Herzen etwas von seiner Wärme, den Geistern etwas von seinen Befürchtungen mitzuteilen, ein Echo zu erwecken. Aber das einzige Echo, das aus dem Saale zu ihm kam, war ein ironisches Gemurmel oder ein höhnendes Lachen.

Er war ein großes Kind, dieser Scheurer-Kestner. Er hatte nicht ein Atom von einem Realpolitiker. Wunderbar genug, daß ein Mann, der seit Jahrzehnten in Frankreich am aktiven politischen Leben teilgenommen, so ganz ein wirklichkeitsfremder Träumer hatte bleiben können. Er hatte wahrhaftig noch den Glauben an die Menschheit, ja, an diese sehr besondere Gattung der Menschheit, welche aus der Leitung der französischen Republik ihr Geschäft macht! So hatte er hoffen können, sein flehender Hilferuf werde einen Widerhall finden. Aber selbst in diesem Senatssaale, wo wirklich noch die klügsten und ruhigsten politischen Köpfe Frankreichs vereinigt sind, wies man ihn ab. Die anderen, draußen in der Janhagelpresse, nannten ihn ganz einfach einen Verräter und einen Verkauften. Aber der einzige Vorwurf, den man ihm gerechterweise hätte machen können, wäre vielleicht der gewesen, daß er zu ehrlich und zu anständig war, daß er alles vom guten Willen, von der Wahrheitsliebe seiner Landsleute erwartete. Die 255 ganze Dreyfus-Kampagne litt daran, daß sie von Männern eingeleitet worden, die nur mit ehrlichen Mitteln kämpfen gewollt: von Scheurer-Kestner, Mathieu Dreyfus und Zola. Weniger skrupelvolle Leute hätten anders und vielleicht praktischer gehandelt: sie hätten für die Zustimmung der Rochefort, Judet, Artur Meyer ganz einfach den rechten Preis gezahlt. Dergleichen ist gar nicht einmal so teuer – auf das Dutzend bekommt man einen Drumont zu.

Ja, er war ein großes Kind. Er dachte, daß es genügen würde, als ehrlicher Mann zu sprechen, und er behielt das, was er über die Umtriebe der Esterhazy-Beschützer wußte, für sich. Er hatte damals die Briefe des Generals Gonse an Picquart in der Tasche – er sagte nichts von ihnen, um den Generalstab in den Augen der Welt nicht bloßzustellen. Er glaubte an die Aufrichtigkeit des Kriegsministers, dieses kleinen, gewissenlosen Billot, der keine Überzeugung, aber den schönsten Brustton der Überzeugung besitzt. Ein großes Kind! Und doch ist das Kind klüger und weitsichtiger gewesen als all die Gescheiten, als all die geriebenen Macchiavels der Politik, als all die Billot und Méline, und wieviel Unheil wäre Frankreich erspart geblieben, hätte man das Flehen und die Beschwörungen des großen Kindes erhört!

Scheurer-Kestner gehörte zu einer jener Familien, welche die Gattin des verstorbenen Ministers Floquet mit einem viel bespöttelten Wort die »republikanische Aristokratie« genannt hat. Auf der Stammbaumtafel dieser Familie stehen die berühmtesten Namen aus den heroischen Tagen des französischen Republikanismus: 256 Ferry und Floquet, Charras, Scheurer-Kestner und Chauffour. In jeder der republikanischen Bewegungen im Frankreich dieses Jahrhunderts findet man wenigstens einen dieser Namen – bald in der Zahl der Sieger, bald auf der Liste der Verbannten.

Ich habe das Vergnügen, in dieser Familie gute und aufrichtige Freunde zu zählen, in einem der Häuser zu verkehren, welche diesen republikanischen Patrizierfamilienkreis bilden. Das Bild der schönen Urahne, der von der Goetheschen Dichtersonne unsterblich umstrahlten Charlotte Kestner hängt dort an der Wand, und obgleich fast niemand im Hause die Muttersprache des großen Weimaraners zu sprechen weiß, ist mir's immer, als hätte sich dort ein Hauch von seinem Geiste, ein Tröpfchen von seinem Blute vererbt. Das ist natürlich nur eine »façon de parler«, denn in Wirklichkeit kann von einer »Vererbung« keine Rede sein – was die kluge und heitere Frau des Hauses, die über die spröde Tugend der Urahne oft gescholten hat, recht sehr bedauert. Aber eine gar nicht beschränkt französische, eine freie, menschliche vorurteilslose Auffassung aller Dinge herrscht in dieser Familie. Und der Lehrer dieses Geistes, das verehrte Vorbild war bis gestern noch »Onkel Scheurer«.

Dort habe ich auch im Laufe dieser zwei letzten Jahre so manchen Brief gelesen, den »Onkel Scheurer« aus den Orten, in denen er vergeblich Genesung suchte, an seine Nichten und Neffen gerichtet. Sehr bald nach jener Senatssitzung hatte er sich eine Blutvergiftung zugezogen. Er litt an einem Geschwür am Halse, das mehrmals operiert wurde und immer wiederkam. 257 Sicherlich beeinträchtigten die Trauer und die Entrüstung, die er über die Vorgänge in Frankreich empfand, die Heilung. Wie prachtvoll sprachen diese Trauer und diese Entrüstung aus all den Briefen, die er aus seiner Krankenstube sandte! Und welche gute, kindliche Freude äußerte er, wenn er auf Verständnis, auf Teilnahme stieß! Einmal erkannten ihn auf der Fahrt durch die Schweiz in einem Speisewagen ein paar Mitreisende. Sie sandten ihm ihre Karten mit einigen Worten, in denen sie ihm ihre Verehrung aussprachen; dann kamen sie zu ihm und wiederholten die Worte mündlich. Er war sehr glücklich darüber – er war glücklich, wenn er glauben durfte, Menschen gefunden zu haben. Denn wie Diogenes hatte er sie oft genug vergeblich gesucht.

Es haben sich nach ihm sehr viele in den Kampf geworfen. Manche dieser Kämpfer waren geschickter als er, manche kräftiger, breitschultriger, mehr zum Dreinschlagen gemacht, aber keiner war edler und keiner war ehrlicher. »Seine Seele ist klar wie Kristall,« hat Zola in einem herrlichen Artikel von ihm geschrieben. Und selbst seine Gegner mußten den Hut vor ihm ziehen. Noch in Rennes nannte der Oberst Bertin, einer der eifrigsten Dreyfus-Befehder, die Familie Scheurer-Kestner »eine dieser wunderbaren Familien des Elsaß«. Und selbst der feinpfiffige Freycinet, der sonst die unklaren, gewundenen Worte den klaren und geraden vorzieht, mußte erklären, daß Scheurer-Kestner jeder Verehrung würdig wäre.

Man kann sagen, daß er für eine Führerrolle in diesem Kampfe nicht geeignet war. Aber er hatte keine Führerrolle gesucht. Er hatte nichts gewollt, 258 als ein ehrliches Zeugnis ablegen, sein Gewissen befreien. Seine Mission war, das Signal zu geben, sein Beispiel entflammte die anderen. Gewiß, er war weltfremd, merkwürdig wenig vertraut mit den politischen Charakteren, zwischen denen er seit Jahrzehnten gelebt. Aber wäre er weniger weltfremd gewesen, er hätte seine Mission gar nicht erfüllen können. Wäre er nicht mehr ein philosophischer Einsiedler, ein Mann der Studierstube als ein Parlamentarier gewesen, er wäre, wie all die anderen, von der Fäulnis und den Krankheiten des politischen Lebens ergriffen worden. Daß er weltfremd war, ließ ihn der Ansteckung entgehen. So bewahrte er sich seinen mutigen Idealismus und auch seinen klaren Blick.

Zwei Tage, nachdem die fünf würdigen Offiziere in Rennes das »Schuldig« gesprochen, saß mir gegenüber in einem Pariser Restaurant ein alter Herr, in dem man ohne Mühe den ehemaligen Militär erkannte. Eine schon leicht gebückte magere Erscheinung, in tadellosem, schwarzem Gesellschaftsrock, ein etwas eingefallenes Gesicht, über welchem die Stirn breit und gewölbt hervortrat, ein kleines, weißes Bärtchen unter einer energisch gebogenen Nase. Ich kannte den alten Herrn längst – er saß fast täglich dort, immer allein, während die Lebewelt um ihn herum aß, trank und schwatzte. Es war der Oberst Stoffel, der französische Militärattaché, der in seinen Berliner Berichten vor dem Kriege so warnend das gefährliche Abenteuer widerraten und alle Katastrophen vorhergesagt. Während er so im Restaurant am Tische saß, ließ er sich eine Zeitung bringen. Der Kellner reichte ihm den »Petit Bleu«, 259 ein sehr zahmes Dreyfus-Blatt, das niemals die »Ehre der Armee« gekränkt hat. Der Oberst Stoffel blickte hinein – dann faltete er die Stirn, seine Hand zerknitterte das unschuldige Blatt und warf es zornig unter den Tisch.

Dieser Oberst Stoffel war 1870 ein aufgeklärter Mann – einer von den Aufgeklärtesten. Er war freilich ein Chauvinist, aber er kannte genau die Unfähigkeit und den Leichtsinn der französischen Generale. Sollte man nicht meinen, daß gerade er sich heute weigern müßte, an die Unfehlbarkeit dieser selben Generale zu glauben? Man sollte es meinen, aber nur, wenn man vergißt, daß er seit bald dreißig Jahren wieder in Frankreich lebt. Auch er ist der Gefahr der Ansteckung nicht entgangen, auch er hat den Einfluß dieser Atmosphäre erfahren, in welcher das Urteilsvermögen schwach wird und die Sehkraft leidet.

Scheurer-Kestner ist durch dieses ganze Getriebe hindurchgegangen wie Hans der Träumer. Das war, haben die kritischen Seelen gesagt, seine Schwäche – aber in Wahrheit war es seine Stärke. Es gibt Augenblicke in der Geschichte, wo die Realpolitiker weniger am Platze sind, als die großen Kinder.

Er hat noch das Verbrechen von Rennes erlebt, und vielleicht hat ihm der Schmerz über die neue Schande, die Frankreich widerfahren, den letzten Stoß versetzt. Er geht wie einer, der nicht sehen will, was noch folgt – weder einen neuen, langen Kampf, noch einen unrühmlichen Friedensschluß. Er hat das Seinige getan, und immer wieder muß man sich fragen, ob in ähnlichen Krisen anderswo Männer wie er, wie Zola, wie Picquart 260 und mancher andere sich mit gleichem Idealismus in den Abgrund werfen würden. All diese Mitstreiter stehen heute an seinem Grabe. Und dieses Grab ist nicht das einzige, an dem sie trauern – sie haben eng daneben ein anderes öffnen müssen für manches von dem, was sie erstrebt und erhofft. Für den Augenblick sind sie besiegt. Aber freilich auch nur für den Augenblick. Eines Tages wird doch ein Kassationshof das infame Urteil von Rennes umwerfen. Und eines Tages wird auch das andere Urteil, das Urteil, welches fünf Siebentel der Franzosen in ihrer Blindheit heute über den großen geistigen Feldzug der Scheurer-Kestner, Zola und Jaurès fällen, revidiert werden – vor diesem obersten Gerichtshof, diesem höchsten Kassationshof: der Geschichte. 261

 

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