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Pariser Tagebuch

Theodor Wolff: Pariser Tagebuch - Kapitel 35
Quellenangabe
typesketch
booktitlePariser Tagebuch
authorTheodor Wolff
year1908
firstpub1908
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titlePariser Tagebuch
pages273
created20131217
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Am Totenlager Emile Zolas

Wenn ein großer Schriftsteller, ein Poet oder ein Erbauer philosophischer Traumschlösser gestorben ist, sucht man in Nekrologen und Gedächtnisreden das Ergebnis ihrer geistigen Arbeit abzuwägen, Richtung und Einfluß ihres Schaffens zu erörtern, das, was bleiben und dauern wird, von dem, was dem Untergange geweiht scheint, zu sondern. Ich komme aus dem Hause der Rue de Bruxelles, in dem Zola wie ein Schläfer und doch in einem Schlafe befangen, aus dem er nie mehr erwachen wird, auf seinem Lager ruht, und ich wüßte nichts, was in diesem Augenblick so gleichgültig und fast so widersinnig schiene, wie eine literarhistorische Würdigung, eine kritische Zergliederung seiner Werke. Solche Nekrologe mag man den Leuten schreiben, die schon halbvergessen auf einem Sockel gethront oder doch, wie einer der französischen Parnassiens es gewollt, in einer »Tour d'Ivoire«, in einem elfenbeinernen Turme, fern vom Streiten, vom Lieben und Hassen des Tages sich abschlossen. Aber an dem Totenbette Emile Zolas 232 drängen sich andere Gedanken auf als die Gedanken an literarische Systeme.

So wird man erst später das dichterische Werk dieses Toten sichten und die scharf umschriebenen Forderungen seines Programms und die geheimen, ihm selber unbekannten Eigenschaften, die sein Schaffen mit beeinflußten, klarlegen. Man wird erkennen, daß der geniale Balzac, den er begeistert als den »Messias der großen naturalistischen Schule« gepriesen, wirklich sein Pate gewesen, daß aber auch der Visionär Viktor Hugo, den er in den »Documents littéraires« mit gerechter Strenge beurteilt, ihm ein wenig verwandt war. Man wird konstatieren, daß der Naturalist Emile Zola, als er die gewaltigen symbolischen Bilder im »Assommoir« und in der »Bête humaine« schuf, selber ein Visionär gewesen, und daß sein Temperament sehr oft über seine Theorien hinweggestürmt ist. Man wird finden, daß dieser unbarmherzige Sittenschilderer immer ein großer Lyriker geblieben und daß dieser viel verschrieene »Pessimist« in Wahrheit ein Optimist war, der sich, wie Anatole France gesagt, »einen ruhigen Glauben an die verjüngenden Kräfte des Lebens bewahrt hatte«.

Aber seit die Schreckenskunde zu ihnen gekommen, sehen diejenigen, die an den Ereignissen der letzten Jahre teilgenommen, noch andere Bilder vor sich als die Bilder, die der gewaltige Schilderer in seinem Werke entworfen. Zwei dieser Bilder, zwei aus einer endlosen Reihe, werden mir immer unvergeßlich bleiben. Das eine zeigt Zola, wie er an einem der ersten Tage des Prozesses das Palais de Justice verließ. Der Mob, der das Gebäude umlagerte, war an diesem Tage unter den 233 Augen der wohlwollenden Polizei in den Palast gedrungen, füllte lärmend die Gänge und johlte: »In den Tod! In den Tod!« Die Freunde hatten gerade noch Zeit, Emile Zola in ein Waterkloset zu drängen, wo er eingeschlossen blieb, bis die Korridore gesäubert waren. Aber als er dann zu seinem Wagen wollte, der draußen vor dem Gebäude wartete, und als er auf der hohen Freitreppe sichtbar wurde, begann der Hexensabbat nur um so schöner. Und ich sehe Zola, wie er zwischen Labori und Clemenceau und einer kleinen Leibgarde Getreuer die heulende und wild gestikulierende Menge durchschritt und immer nur fürchtete, seinen Kneifer zu verlieren. Neben ihm her drängte sich, wie eine rasende Furie, ein altes Weib, das einen Regenschirm über seinem Haupte schwang und »Ins Wasser! Ins Wasser!« schrie. Und vor ihm her sprang ein kleines Kerlchen, ein armer Teufel, der mit Büchern hausiert, drehte sich wie ein Kreisel und rief, halb wahnsinnig vor Begeisterung: »Vive Zola! Vive Zola!«

Das andere Bild zeigt den Abend der Urteilsfällung, den letzten Abend des langen Prozesses. Es zeigt den überhitzten, dunstigen Saal, in dem die Lichter rötlich wie durch Nebel zwinkerten, das unbeschreiblich aufgeregte, nervös zitternde Publikum, die Prätorianer des Generalstabes, die herausfordernd und lachend auf den Stühlen standen, die Stöcke wie Waffen schulterten und ihre Hüte auf den Stöcken balancierten. In seinem neuen Roman »La Vérité« hat Zola diesen Prozeßabend beschrieben, aber diese Beschreibung gibt nicht ganz die ungeheure Spannung und das Drohende, Gewitterschwere der Stimmung wieder. Während die Geschworenen 234 im Beratungszimmer waren, geleiteten wir Frau Zola in einen Nebenraum. Welch eine treue, mutige und in aller Einfachheit verständige Gattin das war! Sie hatte die beiden unehelichen Kinder ihres Gatten, einen Knaben und ein Mädchen, aufgenommen, als wären es ihre eigenen Kinder gewesen. Sie suchte in all den Gefahren der Dreyfusbewegung nie ihren Mann zu einer Untreue an sich selbst, an seiner Mission zu verleiten.

Es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß Zola, als er damals die toddrohende, geifernde und von hundert Instinkten gepeitschte Menge durchschritt, einen vollen Eindruck von der Großartigkeit, – von der großartigen Häßlichkeit, wenn man lieber will, – dieses Schauspiels gehabt. Weit deutlicher hat er sicherlich später, in der Erinnerung, diese Menge vor sich gesehen. Und dann haben sich erst die einzelnen Figuren aus der Masse gelöst, und er hat all die Gestalten wiedererkannt, die in dem großen Zyklus der »Rougon Macquart« leben – die Arbeiter des »Assommoir«, die Kleinbürger aus »Potbouille«, die Klubleute aus »Nana« und die Offiziere aus »Débacle«. All diese Menschen waren auferstanden, und gegen ihn. Sie hatten Jahre hindurch seine Romane gelesen und vor allem darin das, was ihnen obszön erschien, gesucht. Aber der Schriftsteller, der so hart mit ihnen verfuhr, war ihnen immer fremd und nie recht sympathisch gewesen. Sie hatten in dieser Stunde, wirr und unklar, die Empfindung der Geprügelten, die sich für die empfangene Unbill rächen; sie hatten nie in diesem Verlästerten und Verfemten, in diesem Verleumder und diesem Judas den fast mystischen 235 Menschheitsschwärmer zu erkennen vermocht. Er wäre ihnen weniger fremdartig erschienen, wenn er mit der Ironie Flauberts sich über ihre Dummheit gefreut hätte, denn man verzeiht in Frankreich weit leichter dem Skeptiker, der spöttisch die Achseln zuckt, als dem schwerfällig ernsten Moralisten, der sich erkühnt, zu belehren und zu bessern.

Sucht man in Zolas Charakter nach der hervorstechenden, beherrschenden Eigenschaft, so findet man vor allem eine ungeheuere, eine unvergleichliche, zähe Willenskraft. Diese Willenskraft hatte etwas Gewaltiges, Bewundernswertes. Zola hatte den Willen zur Arbeit, und türmte die Pyramiden der »Documents humains« auf, in denen mancher bisweilen die reine künstlerische Linie vermißt, und die doch niemand ohne Staunen betrachten kann. Er hatte den Willen zur Wahrheit, und weil er so gnadenlos war, und immer nur wahr sein wollte, hat er sich manchmal verrannt. Er war der größte Fanatiker der Wahrheit, der je gelebt hat, mitten in einem Volke, das unter allen Völkern am wenigsten fähig ist, die Wahrheit zu ertragen.

O ich weiß, man hat ihm – und nicht nur im Lager seiner Gegner – oft vorgeworfen, daß Eitelkeit, Überhebung, maßloser Stolz und Hochmut ihn mindestens ebensosehr in den Kampf getrieben wie sein Wahrheitsdrang! Aber den gleichen Vorwurf hat man am Ausgang des 15. Jahrhunderts gegen Savonarola geschleudert, und hundert Jahre später gegen Giordano Bruno, und immer wieder gegen alle diejenigen, die man verketzert und verbrannt hat. Sie alle waren hochmütig, eitel, voll Überhebung. Gewiß hat Zola, in 236 dem berechtigten Stolz des Könnenden, geglaubt, daß sein Wort gehört werden müßte. Gewiß riß ihn, der sich als einer der machtvollsten Polemiker aller Zeiten offenbarte, sein Kämpfertemperament mit fort, als er sah, daß sein Wort verhallte. Gewiß mag es ihm auch eine stolze Befriedigung gewährt haben, diese Massen, die er in seinen Büchern wie kein anderer zu schildern verstanden, nun durch die Tat in Bewegung zu setzen und aufzuwühlen. Aber nie hat er die kleine Eitelkeit eines Volkshelden zur Schau getragen, und es genügt, auf sein Verhalten nach dem Abschluß der Affäre hinzuweisen, um diese Vorwürfe zu entkräften.

In dieser letzten Zeit, in diesen letzten Jahren nach dem Prozeß in Rennes, hatten sich die wildesten Wogen des Hasses gelegt. Die Banden der Manifestanten, die so oft aus allen Teilen von Paris nach der Rue de Bruxelles marschiert waren, fanden sich nicht mehr ein, und der Schlachtgesang: »A bas Zola! A bas Zola!« der jahrelang nach dem Takte des Laternenmarsches gebrüllt worden, war verhallt. Aber der Bannfluch schwebte noch immer über dem Haupte Emile Zolas, wie damals der Schirm des alten besessenen Weibes. Eine Schar begeisterter Anhänger sah in Zola den geliebten Führer, und das französische Proletariat begann, aufgeklärt durch seine Lehren, ihn wie einen Vorkämpfer und Pfadfinder zu verehren. Aber das Publikum der eigentlichen Bücherleser, der sogenannten Gebildeten, stand ihm in stummer Feindseligkeit gegenüber, und unter den Pariser Literaten war seit langem die Zahl der Feigen und Lauen weit größer als die Zahl der Mutigen. Zola litt unter dem Bannfluch, aber er tat 237 nichts, um die Aufmerksamkeit gewaltsam auf sich zu lenken, und ließ anderen die billigen Lorbeern. Er lebte still in Médan, in seinem Landhause an der Seine, wo die große naturalistische Revolution eingeleitet worden, oder in seinem Hause in der Rue de Bruxelles. Seine Freunde, Bruneau, der Komponist, Théodore Duret, der Kunsthistoriker, und Desmoulins, der Graveur, kamen fast täglich zu ihm, und sein alter Verleger Charpentier und die immer enthusiastische Frau Charpentier fanden sich ein. Über alle Enttäuschung und Bitterkeit half sich Zola wieder durch seinen gewaltigen Willen zur Arbeit hinweg. Es war sehr viel Stolz in seiner ruhigen Zurückhaltung – der Stolz eines Mannes, der weiß, daß er warten kann, und daß er dem Urteil der Geschichte vertrauen darf.

Die beiden Romane »Fécondité« und »Travail«, die er in dieser letzten Periode seines Lebens schrieb, gehören nicht zu seinen besten. Er hat mit eisernem Willen sich zur methodischen Arbeit zwingen, er hat nicht die alte Schwungkraft zurückgewinnen können. In »Vérité«, dem Romane, der nun erst nach seinem Tode erscheinen wird, hat er viel von dem Verlorenen wiedergefunden. Er hat, als er an dieser Ritualmordgeschichte arbeitete und den Kampf um die Befreiung eines Unschuldigen schilderte, seine eigenen Kämpfe vor Augen gehabt, und im Banne der Erinnerung hat er polemische Seiten von prachtvoller Wucht geschrieben und eine Anklageschrift verfaßt, die alle Sünden des französischen Klerikalismus bloßgelegt. Aber in all seinen Werken, die nach der »Affäre« entstanden, kann man die Fortschritte einer Entwickelung verfolgen, die lange vorher begonnen. 238 In »Germinal« erscheint noch, um mit Jaurès zu sprechen, »das Proletariat wie eine große unbekannte und tiefe Kraft« – dann aber befestigt sich in Zola mit jedem Schritte der Glaube an diese Kraft der jungen, noch unverbrauchten Elemente, und er zeigt den neuen Generationen das dreifache Evangelium: »Fécondité«, »Travail«, »Vérité«, – Fruchtbarkeit, Arbeit und Wahrheit.

Ein banaler Unglücksfall hat diesem reichen Leben ein Ende gesetzt, ein wenig Kohlenoxyd hat genügt, diese gigantische Willenskraft zu überwinden. Vor dem Hause des Toten in der Rue de Bruxelles, ganz nahe der Place Clichy, stehen hundert oder zweihundert Neugierige und Trauernde und betrachten die Fassade, die nichts Merkwürdiges hat, und die Freunde und Verehrer, die zu Fuß und in Wagen anlangen und im Hause verschwinden. Unten im Vestibül, dessen Wände mit geschnitzten Heiligen und hölzernen Renaissancereliefs bedeckt sind, steht ein Tisch mit dem Buche, in das die Leidtragenden ihre Namen schreiben. Ein mittelmäßiges Bild, »Die Wahrheit, dem Brunnen entsteigend«, das der Maler Emile Zola gewidmet hat, hängt über dem Tische. Junge Literaten mit revolutionären Locken und Bärten, stille Verehrer, die immer nur aus der Ferne den großen Meister zu bewundern gewagt, treten heran. Gerade vor mir setzt ein Bankbeamter seinen Namen auf die Liste. Die Berühmtheiten des Boulevard erscheinen, die so lange dieses Haus gemieden . . . Aber es ist vielleicht noch alles mögliche, daß sie wenigstens heute kommen, denn man darf nicht zuviel von den Menschen verlangen!

239 Der alte Charpentier tritt aus der Tür, hinter der die Treppe zum Schlafzimmer hinaufführt, und verspricht mir, daß ich den Toten morgen noch sehen darf . . . Die Ärzte sind gerade beim Einbalsamieren. Die Obduktion hat ergeben, daß alle Organe gesund waren. Er hätte lange weiterleben und schaffen können, hätte vielleicht den Triumph noch mancher seiner Ideen geschaut, wenn nicht das bißchen Kohlenoxyd dem Kamin entströmt wäre. Welch eine unsichere Existenz die Menschen doch führen! Und draußen durch die nahe Rue de Clichy und durch all die Verkehrsadern, die in die Place de Clichy münden, flutet und hastet das Leben, rollen die Omnibusse, eilen die Fußgänger vorwärts. Wie ein mächtiger, unübersehbarer Steingürtel und mit einem Getümmel und Gewimmel von Millionen Wesen umringt Paris dieses Dichterhaus. Paris, das er durchwandert und durchforscht, Paris, aus dem er hunderte von Gestalten geschöpft, Paris, das er in Bildern von berauschender Größe geschildert, Paris, das ihn im Stich gelassen, ihn bespieen, ihn mit dem Rufe: »In den Tod! In den Tod!« verfolgt, und das ihm mit all seinem Haß nur die Unsterblichkeit erwirkt hat! 240

 

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