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Pariser Tagebuch

Theodor Wolff: Pariser Tagebuch - Kapitel 30
Quellenangabe
typesketch
booktitlePariser Tagebuch
authorTheodor Wolff
year1908
firstpub1908
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titlePariser Tagebuch
pages273
created20131217
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Schwimmerin

Am vorletzten Sonntag durchschwammen eine junge Australierin, Miß Kellermann, und die sechs berühmtesten Schwimmer Europas und Amerikas die Seine, von einem Ende der Stadt Paris zum andern. Ich war an jenem Sonntage nicht in Paris, ich habe den Wettkampf zwischen der Miß und den sechs Männern leider nicht gesehen, aber fünfmalhunderttausend glückliche Pariser haben auf den Ufern dem ungewöhnlichen Ereignis beigewohnt. Muß man erst sagen, daß diese fünfmalhunderttausend Pariser sich weder für die Schwimmkunst, noch für den Engländer Holbein, noch für den siegreichen Franzosen Paulus interessierten, und daß sie einzig und allein für die hübsche achtzehnjährige australische Miß gekommen waren? Sie konnten, da die Miß natürlich nicht auf dem Rücken schwamm, das Antlitz der jungen Dame nicht deutlich erkennen, aber jedes Ding hat erfreulicherweise zwei Seiten, und niemand ging ganz unbefriedigt nach Hause. Es war zweifellos ein schönes Schauspiel und zugleich ein stolzer Moment in der Geschichte Australiens, als so 199 die Augen von fünfmalhunderttausend enthusiastischen Parisern auf den australischen Erdteil gerichtet waren.

Man konnte einen Augenblick lang befürchten, daß das Schwimmvergnügen für Miß Kellermann üble Folgen haben würde, denn das Wasser der Seine ist nicht sauber, und dieser bedauernswerte Strom trägt nicht nur geduldig sein Schicksal, sondern auch allerhand anderes. Zum Glück hat Miß Kellermann eine gesunde Natur, und wie ein richtiger Fisch weiß sie sich jeder Sauce anzupassen. Sie ist dem Wasser ohne eine Spur von Ermüdung oder Übelkeit entstiegen, und diese reine Seele ist so wenig von dem Schmutz ihrer Umgebung berührt worden, daß sie sogar den Wunsch geäußert hat, noch einmal in die trüben Fluten zurückzukehren. Sie führte diesen Vorsatz aus und schwamm gestern in einer geräumigen Badeanstalt am Pont de la Concorde vor einem feierlich geladenen Publikum. Die Veranstalter der Festlichkeit hatten die Güte gehabt, mich einzuladen, und ich ging zu der Badeanstalt mit der heiteren Ruhe eines Mannes, der dort nicht zu baden braucht.

Nachdem verschiedene Kunstschwimmer Vortreffliches geleistet und zwei Schwimmklubs spuckend und schnaufend mit einem großen Lederball Polo gespielt hatten, erschien Miß Kellermann. Sie stand zuerst wartend und plaudernd bei einigen Freunden und Bekannten, eingewickelt in einen grauen Mantel, und selbst wer schon ihre sehr hübschen Photographien gesehen hatte, mußte noch angenehm überrascht sein. Miß Kellermann, die unter der Obhut eines wirklichen Vaters reist und nach allgemeiner Ansicht in Paris nur einmal, nämlich auf dem Wasser, besiegt worden ist, macht den Eindruck 200 einer sehr wohlerzogenen jungen Dame, und ihre Würde entfernt, nach dem Worte des Dichters, die Vertraulichkeit. Ihr Teint ist zart und leicht gebräunt, das Kinn ist kräftig und rund, die Nase ist regelmäßig, die intelligent lächelnden Augen sind von dunklen Brauen überdacht, und die braunen Haare sind, obwohl Miß Kellermann sie durch keine Badekappe schützt, noch weich und voll. Dann warf die junge Miß den Mantel ab und stand nun im schwarzen, enganschließenden Badekostüm und in jenen schwarzen Strümpfen, die jede Miß in einem französischen Seebade trägt, auf dem Sprungbrett. In dem Sportblatte »L'Auto« hat ein Arzt diese australische Erscheinung sehr detailliert beschrieben, ihre ungewöhnliche Brustweite, ihre starken Atmungsorgane und die Vereinigung von Fülle und Anmut gerühmt und sorgfältig alle Maße und Gewichte aufnotiert. Ich möchte darauf verzichten, diese Indiskretionen wiederzugeben, und will nur sagen, daß dank Miß Kellermann die Hochachtung vor Australien hier erheblich gestiegen ist.

Miß Kellermann lächelte, sprang ins Wasser und schwamm nun in der ihr eigenen, »Trudgen« genannten Manier durch das Bassin. Der »Trudgen« erinnert an den »Over arm strock«: die Schwimmerin arbeitete abwechselnd mit den rechten Gliedern und mit den linken und warf, wenn sie den rechten Arm vor und das rechte Bein zurückstieß, den ganzen Körper energisch auf die rechte Seite. Ihre Bewegungen waren sehr rhythmisch und sehr kraftvoll, der Kopf begleitete mit einem fast hörbaren Ruck die Drehung des Körpers, und scharfsinnige Beobachter wollen bemerkt haben, daß 201 eine besondere Biegung des Fußes die Stoßkraft noch verstärkte. Als die junge Dame ein paar Mal hin und her geschwommen war, begann sie sich als Springerin zu zeigen, und sie sprang rückwärts und vorwärts, kopfüber und auf alle Arten. Wenn sie hockend, mit emporgezogenen Knien hinunterplumpste, verriet sie ihre Zufriedenheit durch einen Freudenjuchzer, und sie wurde übermütig wie eine Böcklinsche Najade. Jedesmal, wenn sie so mit der vollen Breitseite ins feuchte Element tauchte, schlug das Wasser hoch empor, und das Publikum triefte nicht mehr einzig von Begeisterung.

Es scheint, daß Miß Kellermann in Paris nur zum eigenen und zum allgemeinen Vergnügen schwamm, daß ihr aber in der Heimat ihre Kunst auch pekuniäre Vorteile einträgt. Sie gewinnt bei Schwimmfesten wertvolle Preise, und sie lehrt die Töchter des Landes, sich auch im Wasser mit Anstand zu behaupten. Diese Wassernymphe hat die Feuerseele einer Prophetin: sie möchte am liebsten die Welt in ein Aquarium verwandeln, und nichts ist ihr so unbegreiflich und so verhaßt wie ein trockener Mensch. Es ist nicht allzu wahrscheinlich, daß sie in Paris sehr viele Schülerinnen und Adeptinnen gefunden hat, denn die Pariserin liebt nicht den Kampf mit den Wellen und zeigt auch in Trouville ihr Badekostüm zumeist außerhalb des Wassers. Die Priester verbieten nicht mehr, wie die Mönche des 16. Jahrhunderts es getan, das Baden, sie predigen nicht mehr: »O ihr Frauen, die ihr badet, ich erwarte euch im Schwitzbad der Hölle!« aber was die Frömmigkeit nicht mehr verbietet, das verhindert die Eitelkeit. Man kann nur bedauern, daß die Pariserinnen ihre etwas schwächliche 202 Grazie nicht in den Fluten zu stählen versuchen, aber man muß leider zugeben, daß selbst die reizendsten Damen im Wasser weniger reizend erscheinen. Die Sage berichtet, alle Fische und Meerbewohner seien in Verzückung geraten, als die göttliche Venus ruhig und feierlich aus dem Meere emporstieg. Vielleicht ist keine andere mythologische Erfindung so unhaltbar wie diese, denn als Venus aus dem Meere emportauchte, war sie nicht Venus.

 

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