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Pariser Tagebuch

Theodor Wolff: Pariser Tagebuch - Kapitel 29
Quellenangabe
typesketch
booktitlePariser Tagebuch
authorTheodor Wolff
year1908
firstpub1908
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titlePariser Tagebuch
pages273
created20131217
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Venus im Pelz

In diesen unerfreulichen Dezembertagen wirkt es doppelt angenehm, auch einmal wieder von Dingen zu hören, die ungleich graziöser sind als die deutsche Diplomatie. Fräulein Madeleine Carlier, eine junge Künstlerin des Odéon, hat nach vielen anderen Wegen den Weg der Klage beschritten und einen Herrn Max vor die französischen Gerichte zitieren lassen. Hat dieser Herr Max, dem Fräulein Carlier so mutig die schöne Stirn bietet, ihre Ehre verdächtigt, hat er ihr Talent oder ihre Reize bezweifelt, hat er gar ihre Tugend verleumdet, und ist Fräulein Carlier wie das empfindsame Hermelintier, das sich lieber töten als einen Flecken auf seinem weißen Pelze ertragen will? Fräulein Madeleine Carlier ist kein Hermelintier, niemand hat sie verleumdet, mancher ist ihr nahe, aber niemand zu nahe getreten, und wenn sie heute Herrn Max vor allen 194 irdischen Richtern befehdet, so handelt es sich in dieser Fehde nicht um ein Hermelin, sondern um einen Zobel.

Herr Max ist von Beruf Pelzhändler, er hat vor zwei oder drei Jahren ein großes Pelzgeschäft eröffnet und hat sein Möglichstes versucht, um die weibliche Kundschaft anzulocken. Der Luxus, der in Paris gerade mit Pelzen getrieben wird, ist beinahe märchenhaft; es gibt Pariserinnen, die alljährlich ihren Pelz wechseln. Aber auch die Konkurrenz ist sehr groß, und ohne Reklame ist in Paris nichts zu machen. Herr Max tat, was die Schneider, die Pelzhändler und die Modistinnen in Paris zu tun pflegen, er wandte sich an eine schöne, elegante und vorteilhaft bekannte Dame und bat sie, seine Pelze zu »lancieren«. Er hüllte Fräulein Madeleine Carlier in einen Zobelmantel, ersuchte sie, sich so im Zobel photographieren zu lassen, veröffentlichte dieses Bild in mehreren Modejournalen und schrieb an die Künstlerin: »Ich bin glücklich, daß etwas aus dem Hause Max das entzückendste Kind der zivilisierten Welt umgeben darf.« Das entzückendste Kind der zivilisierten Welt trug den Zobel im Bois und im Theater, wärmte sich in dem schönen Pelz und war sehr erstaunt und entrüstet, als Herr Max ihm dann eine Rechnung im Betrage von 12195 Frank und 35 Centimes übersandte. Wollte dieser Pelzmensch behaupten, der Zobel, den er mit so beglückten Worten begleitet, sei kein Geschenk gewesen? Nicht nur Fräulein Carlier, sondern das ganze Amazonenkorps geriet in Empörung, und die Zornesröte stieg in Gesichter, die nicht so schnell zu erröten pflegen.

Man ging vor den Kadi, und Herr Max verlor in 195 erster Instanz. Vergeblich erklärte er, 12 195 Frank wären kein Pappenstiel; der galante Gerichtshof entschied, daß »ein solches Geschenk nicht übertrieben groß scheint, wenn man liest, was der Lieferant selber über die Vorzüglichkeit seines Modelles geschrieben«. Der Pelzhändler nahm dieses Urteil des ersten Richters nicht an, und so hat jetzt in dieser Zobelsache eine neue Verhandlung vor einem anderen Gerichtshofe stattgefunden. Ein reiches Material war von dem Anwalt des entzückenden Kindes zur Stelle geschafft worden, man vernahm, wie Lieferanten und vielgenannte Damen einander liebevoll beistehen, und daß ein einziger Schneider einer Künstlerin des Théâtre Français alljährlich für 60 000 Frank Kleider zum Geschenk macht. Aber der Anwalt hat sich nicht mit diesen Mitteilungen begnügt, die höchstens den weltfremden Pelzhändler überrascht haben dürften, sondern er hat auch Briefe verlesen, in denen die Kameradinnen des Fräulein Carlier ihre Ansichten und Erfahrungen aufgezeichnet haben. Diese Damen protestieren wie ein Mann gegen die Verletzung ihrer heiligsten Privilegien, und sie scharen sich um den bedrohten Zobel wie um eine Trophäe oder eine Fahne im Kampfgewühl.

»Meine liebe Mad,« schreibt Fräulein Rachel Launay von der Komischen Oper an Fräulein Madeleine Carlier vom Odéon, »als Max sich an Dich wandte, wußte er genau, welch glänzende Reklame das für ihn sein würde, und selbstverständlich mußte er Dir ein Geschenk machen, wie das allgemein üblich ist.« – »Meine liebe Freundin,« schreibt Fräulein de Pouzols de Saint-Phar, Mitglied des Odéon, »ich bestätige Dir, was ich Dir neulich 196 gesagt: wenn ich mich auf Wunsch eines Schneiders photographieren lasse, so verehrt mir der Schneider das Kostüm.« Sehr ausführlich erörtert Fräulein Vera Sergine, gleichfalls vom Odéon, den Fall, und nachdem sie erzählt, daß ihr auch Kleider für die Bühne, für die Rennen und für andere Gelegenheiten kostenlos geliefert werden, erklärt sie ohne Befangenheit: »Ich füge hinzu, daß ich mir so meine Garderobe zusammenstelle.« Nur wer Paris nicht kennt, kann über solche ungenierte Beichten erstaunt sein und von Mangel an Stolz und von Würdelosigkeit sprechen wollen. Diese Damen sind nicht Almosen-Empfängerinnen, die dankbar milde Gaben entgegennehmen – sie sind Fürstinnen, denen die Industrie nur den schuldigen Tribut zahlt.

Wer Paris nicht kennt, mag auch fragen, wie die Pariser Schneider »dabei bestehen können«, und er würde diese Frage ganz unweigerlich stellen, wenn er von all den Damen lesen würde, die bei ihrem zu frühen Tode oder bei einer plötzlichen Abreise hunderttausend Frank Schulden »für Wäsche und Kleider« hinterlassen. Aber die führenden Pariser Schneider, die Worth, Doucet, Pacquin und alle die anderen denken nicht so kleinlich; sie verdienen unmenschlich viel Geld, und sie begreifen wie starknervige Feldherren, daß man ohne Verluste keine Siege erringen kann. Wenn man etwas genauer hinsieht, so bemerkt man, daß diese großen Schneider mit zweierlei Maß messen, daß sie die Frauen, von denen man nicht spricht, mit gnädiger Herablassung behandeln, und daß sie nur denjenigen den Hof machen, von denen gut oder schlecht, aber vor allen Dingen sehr viel gesprochen wird. Diese erfahrenen Geschäftsleute 197 wissen, daß Paris und die Pariser Industrie eine solche Armee eleganter Frauen gebrauchen, daß der Luxus der einen die Begierde der anderen anstachelt, daß Paris nicht mehr Paris wäre, wenn jene weiblichen Sendboten nicht immer neue Wunder der Mode zur Schau trügen. Andere patriotische Bürger schmücken ihre Vaterstadt und stiften Denkmäler und Brunnen, und die griechischen Kunstfreunde bevölkerten die Tempel und Plätze mit unbekleideten Göttinnen. Die großen Pariser Schneider haben einen erklärlichen Widerwillen gegen das Nackte. Sie schmücken ihre Stadt auf eine andere Weise und sorgen liebevoll dafür, daß die Göttinnen immer schön gekleidet umhergehen.

Man muß den Richtern der zweiten Instanz nachsagen, daß sie die Zobelaffäre mit erfreulicher Gründlichkeit behandelt haben. In den zahlreichen Fällen, in denen es sich um die Toilettengeheimnisse der Damenwelt handelt, gehen die Pariser Gerichte stets sehr sorgfältig zu Werke, und keines dieser Geheimnisse widersteht dem juristischen Spürsinn. Zu welchem Resultate die langen Verhandlungen führen würden, war freilich vorherzusehen: das Schicksal des Pelzhändlers war von Anfang an besiegelt, und die Gutachten der Freundinnen haben ihm den Todesstoß gegeben. Die Richter der zweiten Instanz haben entschieden wie ihre Vorgänger, und Herr Max sieht nun endgültig seine Felle davonschwimmen. Aber es wäre sehr hübsch, wenn Fräulein Carlier jetzt in einer großmütigen Regung diesen Zobel zurückschickte, den sie zwei Winter hindurch getragen, und der nun nicht mehr ganz frisch ist. Fräulein Carlier hat viel erreicht, sie hat die Rechte und beinahe die Ehre ihres 198 Standes wirksam verteidigt, und sie steht als »das entzückendste Kind der zivilisierten Welt« in den Akten. Nach einem solchen Erfolge kann sie in Paris so viel Pelze haben, wie sie irgend begehrt, und alle Lieferanten und alle freigebigen Männer werden sich danach drängen, sie gegen rauhe Lüfte und Winterfrost zu schützen.

 

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