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Pariser Tagebuch

Theodor Wolff: Pariser Tagebuch - Kapitel 28
Quellenangabe
typesketch
booktitlePariser Tagebuch
authorTheodor Wolff
year1908
firstpub1908
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titlePariser Tagebuch
pages273
created20131217
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Kopf des Mörders Languille

In Orléans ist vorgestern ein Landstreicher, Henri Languille, hingerichtet worden, der in dem Dorfe La Rochelle einen Schankwirt, den Vater Legeais, ermordet hatte. Orléans ist eine stille Stadt, die Bevölkerung lebt in ehrbarer Sittenreinheit und in der Erinnerung an Jeanne d'Arc, und da auch der genügsamste Mensch einmal etwas anderes als die Erinnerung an eine vor vierhundertvierundsiebzig Jahren verstorbene Jungfrau braucht, so galt die Hinrichtung Languilles ersichtlich als eine willkommene Zerstreuung. Ein Redakteur des »Matin«, der nach Orléans geeilt war, um dem Ereignisse beizuwohnen, erklärt, daß Henri Languille bis zuletzt eine »zynische Festigkeit« gezeigt habe, aber wäre Languille weniger standhaft in den Tod gegangen, so hätte man ihm wahrscheinlich »widerliche Feigheit« vorgeworfen. Die Kritik ist leicht und die Kunst ist schwer, und Henri Languille hätte seine Kritiker ersuchen können, ihm die Sache doch einmal vorzumachen.

Ich entnehme aus dem Bericht des »Matin«, daß der Staatsanwalt vor Aufregung stotterte, daß dem Advokaten die Hände zitterten, daß zwei Soldaten von einem Unwohlsein befallen wurden, und daß Languille seinem Gefolge zurief: »Warum seid ihr so blaß? Habt ihr Furcht?« Languille leerte ein Glas Kognak und sagte: 190 »Meine Herren, auf Ihre Gesundheit – ich kann leider auf die meinige nicht trinken!«, und als er schon unter dem Fallbeil lag, schrie er: »Adieu, Leben, adieu!« All diese Worte haben gleichsam eine eherne Prägung, sie gemahnen an die stoische Ausdrucksweise der römischen Helden Corneilles, und sie waren der historischen Stadt, in der Languille die Ehre hatte, sein Haupt auf den Block zu legen, nicht unwürdig. Aber wenn heute nicht nur ganz Orléans, sondern auch ganz Paris von dieser Hinrichtung spricht, so ist das doch keineswegs durch diese Römerworte zu erklären, sondern einzig und allein durch einen Vorfall, der sich in dem Augenblick ereignete, wo der Scharfrichter eben sein staatserhaltendes Werk vollendet hatte.

Der Doktor Beaurieu, Oberarzt des Hospitals zu Orléans, war von den Behörden im Interesse der Wissenschaft zu einem merkwürdigen Experimente ermächtigt worden. Das Fallbeil hatte kaum den Hals des Mörders Languille durchschnitten, als der Doktor Beaurieu herbeieilte, den eben vom Körper getrennten Kopf in die Höhe hob und ihm mit lauter Stimme zurief: »Languille! Languille!« Der Staatsanwalt, der Geistliche, die Honoratioren und die Journalisten betrachteten starr und aufgeregt diesen Kopf, den der Doktor zwischen seinen kräftigen Händen hielt, und ihre Aufregung wuchs zu einem gruseligen Entsetzen, als jetzt der Kopf Languilles die Augen öffnete und den Doktor Beaurieu mit einem langen, ausdrucksvollen Blicke ansah. Dann schlossen sich die Augenlider wieder, der mutige Doktor rief abermals: »Languille! Languille!« und Languille warf noch einmal, wie in einer stummen 191 Frage, einen Blick auf den Rufer. »Languille! Languille!« rief der Doktor zum dritten Male. Aber jetzt war der Kopf Languilles des sonderbaren Spieles müde, er ließ sich nicht länger zum Leben erwecken und hatte auch den letzten Zusammenhang mit den Dingen dieser Welt verloren.

Dieser Vorfall hat, wie gesagt, nicht nur in Orléans, sondern auch in Paris einen tiefen Eindruck gemacht, und selbst ein ganz vollständiger Mensch hat selten das Publikum so sehr beschäftigt wie jetzt der Kopf Languilles. In den Vorderhäusern und in den Hinterhäusern wird die Frage erörtert, ob der Kopf sich seiner Lage bewußt gewesen, und was er wohl gedacht und empfunden, als er seinen ganzen Verlust übersehen. Die rege Volksphantasie malt sich aus, wie der Kopf vergeblich seinen Körper gesucht, und alle alten Scheuerfrauen sind fest überzeugt, daß in dem Kopfe irgend etwas, und etwas Furchtbares, vorgegangen sei. Wie stets in solchen Fällen, hat jeder noch etwas mehr gelesen und gehört als der Nachbar oder die Nachbarin; der eine erzählt, auch die Lippen des Hingerichteten hätten sich deutlich bewegt, ein zweiter berichtet, der Kopf habe den Doktor streng und vorwurfsvoll angeblickt, und ein dritter behauptet, daß auf den Zügen ein wahrhaft ergreifender Trennungsschmerz gelegen.

Es ist beinahe bedauerlich, daß die Wissenschaft diesen romantischen und aufregenden Schauergeschichten in prosaischer Weise widersprochen hat. Der Professor Hartmann, einer der ersten Pariser Chirurgen, hat erklärt, daß nur eine ganz bekannte und oft konstatierte Erscheinung vorliege und daß Languille von dem Vorgang 192 auch nicht das mindeste mehr gemerkt habe. Wenn ein Geschöpf ganz plötzlich, in voller Gesundheit, aus dem Leben in den Tod befördert werde, so dauere die Reizbarkeit der Gewebe noch eine lange Weile fort, und man habe noch sechsunddreißig Stunden nach einer Hinrichtung gesehen, daß die Nerven des Körpers bei Berührung mit einer Nadel zusammenzuckten. Bei Schlangen, Aalen, Enten und Fröschen werde solch ein Nachzittern des Lebens am leichtesten beobachtet, und wenn man einen Frosch enthaupte und einige Zeit später das linke Froschbein etwas zwicke, so mache sofort das rechte Bein eine zuckende Bewegung. Als der Doktor Beaurieu den Namen »Languille« gerufen, seien die Gehörnerven des Kopfes in Schwingung geraten, und durch einen sogenannten »Reflex« hätten auch die Sehnerven ihre Tätigkeit wieder aufgenommen. Languille habe unter dem Fallbeil sehr viel Blut verloren, und schon dieser Blutverlust allein habe genügt – von dem Verlust des übrigen gar nicht zu reden – um dem Kopfe die Fähigkeit des Empfindens und Denkens zu rauben.

Man kann nur wünschen, daß der Professor Hartmann recht hat, und was er sagt, klingt ja auch sehr einleuchtend. Ein jeder weiß, daß ein toter Aal sich noch fast so gut wie ein lebendiger Kammerherr windet, und das Zucken der Froschleiche ist von allen jugendlichen Tierquälern beobachtet worden. Aber da es sich somit um eine längst bekannte Tatsache handelt, und die Wissenschaft von diesen Erscheinungen genügend unterrichtet ist, so ist es doppelt unverständlich, warum eigentlich der Doktor Beaurieu den Kopf des 193 hingerichteten Languille in der wohlverdienten Ruhe gestört hat. Offenbar hat in diesem stillen Orléans die Ankündigung einer Hinrichtung etwas begriffsverwirrend gewirkt, und der Oberarzt des Hospitals glaubte, sich den Dank seiner Mitbürger zu verdienen, indem er das Vergnügen ein wenig verlängerte. Der Doktor war gewiß sehr schön, als er so mit der Unerschrockenheit des echten Wissenschaftlers den Kopf des Mörders Languille in die Höhe hob, aber unwillkürlich fühlt man sich doch zu der Frage veranlaßt: Wo hatte er den seinigen?

 

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