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Pariser Tagebuch

Theodor Wolff: Pariser Tagebuch - Kapitel 23
Quellenangabe
typesketch
booktitlePariser Tagebuch
authorTheodor Wolff
year1908
firstpub1908
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titlePariser Tagebuch
pages273
created20131217
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Bey

(1904)

Weil die Pariser von 1789 ihre erhitzten Leidenschaften nicht länger zügeln konnten und die alte Bastille, die solange gestanden hatte, am 14. Juli erstürmten, müssen die Pariser von heute gerade an einem der heißesten Tage des Jahres ihr Nationalfest feiern, zur Revue marschieren und auf der Straße tanzen. Diejenigen, die durch Repräsentationspflichten oder aus anderen Gründen gezwungen sind, in Paris zu bleiben, fühlen sich nie so unfrei und gefangen wie bei diesem Freiheitsfeste, und wer irgend kann, entflieht bekanntlich am Vorabend hinaus in die Natur. Im Jahre 1789 war es leider in den oberen Klassen noch nicht Brauch, vor dem 14. Juli Paris zu verlassen und die Bäder und die Berge aufzusuchen. Viele Personen, die in den heißen Monaten jenes Jahres an einer Laterne oder durch eine Pike endeten, wären gesund geblieben, wenn sie rechtzeitig nach Marienbad oder Ostende gegangen wären.

Die Regierung der französischen Republik pflegt, um dem heißen Festtage noch einen besonderen Reiz zu verleihen, alljährlich zum 14. Juli einen jener exotischen Fürsten nach Paris zu laden, die sie aus reiner Nächstenliebe in meist schlecht vergoldeten Käfigen »beschützt«. Verschiedene Könige des Morgenlandes, verschiedene Herrscher, die nichts mehr zu beherrschen haben, sind in den letzten Jahren in Paris gewesen, aber keiner von ihnen glich an Bedeutung dem Gaste, den Paris diesmal 171 beherbergte, dem Bey von Tunis, Mohammed el Hadj. Wenn man sagt: keiner glich Mohammed el Hadj an Bedeutung, so soll damit ausgedrückt werden, daß keinem so Bedeutendes fortgenommen wurde, wie diesem Bey. Mohammed el Hadj, dessen Vorfahren stolz und unabhängig das Geld ihrer Untertanen verzehren konnten, muß sich jährlich mit einer Million siebenhunderttausend Franks begnügen und darf sich außerhalb seines Harems eigentlich nur mit der Religion und den Prozeßangelegenheiten der eingeborenen Bevölkerung befassen. In kluger Einsicht hat die französische Republik ihm das Recht gelassen, seine Untertanen zu köpfen und für ihr Seelenheil zu sorgen, und so erfüllt Mohammed el Hadj immerhin zwei der edelsten Herrscherpflichten.

Ich habe Mohammed el Hadj gesehen, als er in seinem Wagen zwischen einer klirrenden Eskorte von der Oper zurückkehrte, in der man ihm den »Troubadour« vorgesetzt hatte. Er sieht aus wie ein würdiger europäischer Bankier, der sich in seltsamer Geschmacksverirrung einen roten Fez auf das schon leicht ergraute Haar gestülpt, und er grüßte an jenem Abend ohne besondere Veranlassung mit einer mechanischen Kopfbewegung nach rechts und links. Er lächelte nicht, und er hatte auch keine Gründe zu lächeln, denn er ist ein besiegter Fürst, er kam aus der Oper, und auf den Boulevards roch es nicht gerade nach Rosenöl. Die Leute, die vor den Cafés behaglich in Dunst und Gestank saßen, sagten nur phlegmatisch: »Da kommt der Bey!« und standen nicht auf, die Zeitungsverkäuferinnen in den Kiosken reckten ein bißchen die fetten Hälse, und nur ein paar deutsche Touristen zogen aus alter Gewohnheit ehrerbietig den 172 Hut. Allerdings waren alle Häuser am Wege mit Fahnen geschmückt, die Hotels waren illuminiert, und die Straßen machten einen festlichen Eindruck. Aber die Fahnen waren der eroberten Bastille und nicht dem eroberten Bey zu Ehren herausgehängt, und sicherlich hatte man Mohammed el Hadj das gesagt, damit er nicht auf irrige Gedanken käme . . .

Wenn Mohammed el Hadj nach dem Empfange, den er hier gefunden, auf solche irrigen Gedanken gekommen und übermütig geworden sein sollte, so müßte er etwas übermütig von Natur sein, und das ist seinem ganzen Äußeren nach nicht anzunehmen. Er ist zur Revue gefahren und man hat ihm gesagt, daß die vielen Truppen durchaus hinreichten, um alle unruhigen Geister in ganz Nordafrika niederzuhalten. Er hat von Herrn Loubet ein Kaffeeservice und einen Ehrensäbel und vom Pariser Stadtrat eine schöne ziselierte Karaffe zum Geschenk erhalten, und schon aus diesen Geschenken mußte er erkennen, daß man ihn wie ein artiges Kind zu behandeln beliebte. Er hat beim Präsidenten der Republik und beim Minister des Äußeren diniert, und immer, wenn er einen Bissen zum Munde führte, hat man ihm zu verstehen gegeben, daß er eigentlich das Gnadenbrot äße. Herr Loubet, der ein so milder Mann ist, hat in seinem Toaste gesagt: »Ich sehe in dem Besuche des von der republikanischen Regierung beschirmten Fürsten einen neuen Beweis für die Loyalität, mit der Sie auf die Unterstützung Frankreichs antworten.« Noch mit vielen ähnlichen Wendungen hat der Präsident der französischen Republik auf das Wohl seines Gastes getrunken, und es war ein Wohl, bei dem Mohammed el Hadj übel werden konnte.

173 Man hat diesem Bey von Tunis wirklich ein wenig zu gründlich gezeigt, daß er eigentlich eine völlig überflüssige Persönlichkeit wäre, und er kann schwerlich Lust haben, Paris bald wieder zu besuchen. Man hat ihn im Hotel einquartiert, wo jetzt, in den Julitagen, die Gesellschaft nicht gerade mehr glänzend ist, und Herr Loubet hat ihn nicht vom Bahnhofe abgeholt. Man hat ihn natürlich auch, wie alle lästigen fürstlichen Besucher, für einen halben Tag nach Versailles geschickt, unter dem Vorgeben, daß er das Schloß, die Galerien und das Trianon kennen lernen müsse, und man hat ihn bei zweiunddreißig Grad im Schatten in einem gewöhnlichen Personenzug fahren lassen, der auf jeder Station ein Weilchen anhält. Gestern hat Mohammed el Hadj sich verabschiedet, um nach Tunis zurückzukehren. Mit jener großen orientalischen Höflichkeit, die niemals versagt, hat er vor der Abfahrt seine Dankbarkeit beteuert.

Ich habe vor zwölf Jahren in Tunis schöne Tage verlebt und denke an diese weiße Stadt mit Freude und Rührung. Es scheint, daß von den weißen Straßen mit den schweigsamen orientalischen Häusern, mit den vergitterten Haremsfenstern, mit den kleinen Cafés, in denen die gefüllten winzigen Blechgefäße auf der glühenden Asche standen, und mit den Moscheen, vor denen die Pantoffeln der Beter aufgereiht waren, manche der europäischen Kultur zum Opfer gefallen sind, aber damals war Tunis noch fast ganz eine Stadt im Märchenstil. Wo man ging und stand, lag in einem weißen Kuppelbau ein Heiliger begraben, draußen vor den Toren ließen malerische Reiter ihre wunderbaren 174 Araberhengste tanzen, und an den stacheligen, gewaltig wuchernden Kaktushecken hatten die Beduinen ihre Zelte aufgebaut. Im Bardo-Palast, wo die riesigen schwarzen Eunuchen gelangweilt gähnten, zeigte in jedem Saale ein halbes Dutzend Uhren dem nun auch schon selig entschlafenen Bey Sidi Ali, was die Stunde geschlagen hatte.

Das Merkwürdigste aber in diesem merkwürdigen Lande waren die Menschen. Nirgends kann der orientalische Fatalismus reiner ausgeprägt sein als dort, und nirgends kann der Kummer sich mit mehr vornehmer Ruhe äußern. Die reichen Kaufleute und die gastfreien Würdenträger, an deren Tisch ich Kuskussu, den Maisbrei mit Hammelfleisch aß und viele kleine Täßchen Kaffee trank, sprachen mit einer abgeklärten Trauer von dem Unglück ihres Vaterlandes, aber sie sprachen nur wenig und schwiegen nach jedem Satz wie in einer intimen Verachtung für alle leeren und überflüssigen Worte. In wenig Tagen wird der Bey Mohammed el Hadj zwischen den Großen seines Reiches sitzen und ihnen langsam, gemessen und ohne Überstürzung erzählen, daß er in Paris das Nationalfest mitgefeiert, die Wiederkehr jenes Tages, an dem Frankreich den Völkern die Freiheit schenken wollte. Und die Gäste des Beys werden viele kleine Täßchen trinken, sie werden sich sagen, daß man Mohammed el Hadj nur ein Kaffeeservice, eine Karaffe und einen Ehrensäbel geschenkt habe, und die Verachtung, die sie für alle nichtigen Worte und für alle schwatzenden Völker hegen, wird noch wachsen. 175

 

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