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Pariser Tagebuch

Theodor Wolff: Pariser Tagebuch - Kapitel 21
Quellenangabe
typesketch
booktitlePariser Tagebuch
authorTheodor Wolff
year1908
firstpub1908
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titlePariser Tagebuch
pages273
created20131217
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Looping the loop

Die Pariser, die immer auf der Entdeckungsreise nach neuen Erregungen sind, suchen in großen Scharen ein Lokal in der Rue de Clichy auf, in dem jeder Gast sozusagen am eigenen Leibe die Genüsse des »Looping the loop« verspüren kann. Das Lokal besteht in einer sehr langen und sehr hohen Halle, die vor vielen Jahren eine künstliche Eisbahn und dann einen »Nordpol« mit kreischenden Seelöwen und falschen Eskimos beherbergte. An den beiden mit grellfarbigen »italienischen« Landschaftsbildern und vielen Teppichen dekorierten Längswänden sind Terrassen mit Tischen und Barbüfetts errichtet, in den schmalen Gängen vor den Terrassen schiebt und drängt sich eine gemischte Menge, in den Ecken der Halle suchen orientalische Bauchtänzerinnen das Publikum anzulocken, eine Knabenkapelle und ein Zigeunerorchester fiedeln abwechselnd, und in der Mitte des Raumes erhebt sich das kolossale, rund geschwungene Eisengestell des 161 »Looping the loop«. Man hat den mittleren Streifen des Fußbodens für den untersten Teil des Gestells um mehrere Meter vertieft, so daß die Wagen, die von der Höhe herniedersausen, eine Sekunde lang – oder eine Zehntelsekunde – wie in einem Abgrund verschwinden.

Es ist zehn Uhr abends, und die hohe, dunstige, von unzähligen Glühlichtern erleuchtete Halle ist widerwärtig überfüllt. In den Gängen pressen sich brave Familien, die hier für ein billiges Eintrittsgeld einen ganzen Abend lang den Rausch des Lebens genießen, verkaterte Jünglinge, die sich mit perlenbelasteten Staatsweibern schmücken, elegante Ehepaare, deren Equipagen draußen warten, kichernde Frauenzimmer und das Gesindel der Sportplätze. Eine englische Mama, die zu Hause alles »shocking« fände, erlaubt hier ihren drei Töchtern, sich die Reize des Bauchtanzes einzuprägen, und an einem der Tische bekritzelt ein deutsches Paar auf der Hochzeitsreise schon die sechzehnte illustrierte Postkarte. Ein bleiches, junges Ding in schäbigem rosa Seidenröckchen tanzt auf dem schmalen Raum vor einem der Barbüfetts den kläglichsten Fandango.

An der hinteren Schmalwand steigt in jeder Minute der illuminierte Fahrstuhl in die Höhe, der die Kühnen und Wißbegierigen zu jener Plattform unter der Decke hinaufführt, von welcher dann die Wagen herabsausen. An einer Garderobe muß jeder Fahrgast Schirm oder Stock zurücklassen, und die meisten deponieren auch ihre Hüte. Die Damen binden ihre Schleier um die Frisuren, damit in dem Augenblick, wo der Kopf ihr unterster Körperteil sein wird, sich die Locken nicht lösen können. 162 Diese Damen, die an der Höllenfahrt teilnehmen, gehören entweder zum arbeitenden Stande oder zum liebenden.

Fünf oder sechs Personen sitzen in dem Wagen, der nun von den Angestellten, den Henkerknechten, der abschüssigen Bahn zugeschoben wird. Das Orchester der Knaben in blauer Husarenuniform am anderen Ende des Saales spielt eine aufmunternde Sousa-Weise, und der Wagen neigt sich nach vorn über und jagt in die Tiefe. Die Insassen schreien wie eine Armee von Wilden, oder sie sitzen ganz steif und still wie Leute, die über alle Furcht erhaben sind. Man sieht, daß ein männliches Wesen kaltblütig seine Zigarette im Munde behalten hat, aber man kann nichts anderes unterscheiden, denn der Wagen ist schon im Abgrund verschwunden, taucht schon wieder auf, folgt dem aufwärtssteigenden Kreise. Die Köpfe hängen nach unten, auf einem Männerkopf klappt ein Haarbüschel niederwärts, die Zigarette glüht noch immer, und der Wagen saust bereits wieder zur Tiefe und dann zu jener zweiten Plattform hinauf, auf der die blauen Knaben so aufmunternd fiedeln. Und eine halbe Minute später fliegt er nach einer Drehung über eine ganz gewöhnliche Rutschbahn zu seinem Ausgangspunkte zurück.

Die Herren und Damen, die ihre Fahrt glücklich überstanden haben, steigen auf einer Treppe zum Saal hinab. Man erkennt ohne Schwierigkeit die Blasierten, die dieses Vergnügen schon häufig durchkostet, und die Neulinge, die des ersten Eindrucks voll sind und ein Bedürfnis haben, sich auszusprechen. Die Damen lachen sehr laut, mit überhitzten Gesichtern, aber ihr Lachen klingt ein wenig gequält. Viele betasten ihre 163 Gliedmaßen, als glaubten sie, daß ein edler Teil zerschunden sein müßte, und alle fassen sich instinktiv an den Kopf, um ihr Haar zu befühlen, und stürzen zum Spiegel. Das erste Wort, das die meisten hervorbringen, lautet gleichmäßig: »c'est un drôle d'effet!« – »es ist ein komisches Gefühl!« Einige erklären, daß sie heute abend bestimmt nichts mehr essen könnten.

Im Laufe einer halben Stunde gewöhnt sich das Publikum, das die ersten Wagen auf ihrer Fahrt durch den eisernen Ring mit Staunen und Grauen verfolgt, an dieses Schauspiel. Es gewöhnt sich an das Geschrei der einen, an die heroische Ruhe der anderen, gewöhnt sich daran, soviel Zeitgenossen mit dem Kopfe nach unten zu sehen. An was gewöhnt man sich nicht alles im Laufe einer halben Stunde! Vor ihren Teppichzelten wackeln die orientalischen Tänzerinnen in blauen und gelben Kostümen verführerisch mit dem Unterleib, die jungen Engländerinnen sammeln Erinnerungen fürs Leben, und das deutsche Paar auf der Hochzeitsreise kauft noch zwei Dutzend Postkarten mit dem »Looping the loop«. Unaufhörlich spielen die Knaben in blauer Uniform und die Zigeuner in roter, steigt der illuminierte Fahrstuhl in die Höhe, sausen die Wagen durch den Ring, kommen die erhitzten, aufgelösten, gequält lachenden Herren und Damen die Treppen herunter. Und alle reden sich heimlich ein, daß ihr Kopf interessanter geworden sei, weil er sich einen Augenblick lang unterhalb des Rumpfes befunden hat. 164

 

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