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Pariser Tagebuch

Theodor Wolff: Pariser Tagebuch - Kapitel 15
Quellenangabe
typesketch
booktitlePariser Tagebuch
authorTheodor Wolff
year1908
firstpub1908
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titlePariser Tagebuch
pages273
created20131217
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Familienpensionat

Es hat von Zeit zu Zeit einen Minister gegeben, einen guten und tugendhaften Minister, der seine Mitbürger von der Spielleidenschaft heilen wollte und den Pariser Spielklubs mutig den Krieg erklärte. Diese guten und tugendhaften Minister sind verschwunden, die Spielklubs sind kaum noch zu zählen, und es mag leichter sein, den Sand der Sahara in Schubkarren fortzuschaffen, als das Glücksspiel in Paris zu verhindern. Eine solche Verbreitung der Spielsucht muß den Moralisten bekümmern, der unter den Verfehlungen seiner Zeitgenossen noch schwerer zu leiden pflegt, als unter den eigenen. Aber Athen wäre vielleicht nicht Athen gewesen, wenn nur Plato und Sokrates in seinen Mauern gelebt hätten, und Plato und Sokrates hätten die Tugend nicht lehren können, hätte Athen nicht gesündigt.

Die Pariser Spielklubs, so vollkommen sie auch sein mochten, litten bisher an einer bedauerlichen Eigentümlichkeit, die den Besuchern der Spielhäuser des 17. und 18. Jahrhunderts nicht bekannt war. In den Tagen, 121 da François Regnard seine berühmte Komödie »Der Spieler« schrieb, und in den Tagen der »Régence«, des Palais Royal und der Halsbandaffäre wurden die Damen in den Spielsälen geduldet, und erst nach der Revolution, oder noch später, vertrieb man Eva auch aus diesem Paradiese. Es ist eine schreiende Ungerechtigkeit, daß die Damen, die nach der Spielsaal-Atmosphäre Verlangen tragen, bis nach Monte Carlo und Nizza oder doch bis zu den französischen Badeorten reisen müssen, und so hat man nur human und einsichtsvoll gehandelt, als man jetzt in Paris auch eine Anzahl Spielklubs »mit Damen« gegründet. Diese Klubs haben keinerlei Ähnlichkeit mit jenen Frauenbünden, in denen das schöne Reformkleid vorherrscht. und sie erinnern auch weder durch ihre Ziele noch durch ihr Publikum an den Berliner Lyzeumklub, der so hohen und edlen Aufgaben gewidmet ist. Sie sind, wie man ohne weiteres bekennen darf, keine Pflanzstätten der Kultur, aber für die Frauenbewegung haben auch sie eine Bedeutung, denn sie vertreten in ihren Statuten den Grundsatz: das Weib ist die Partnerin des Mannes.

Es gibt nun in der Gegend der Gare Saint-Lazare einen »Cercle«, der die Blüte der Demimonde mit einem kleinen Bakkarat erheitert, und den eine reifere Dame mit den Ersparnissen ihrer Karriere gegründet hat. Es gibt einen Klub in der Nähe des Bois, der wegen winziger Unregelmäßigkeiten für eine Weile geschlossen ist, und es gibt noch einige andere Spielhäuser, die den schlechteren Spielklubs der Riviera so ungefähr gleichen. Aber zwischen diesen banalen Instituten, in denen die leichtsinnige Weiblichkeit eintönig dem Glücke 122 nachjagt, habe ich vor kurzem ein Haus entdeckt, das einen ganz eigenen Charakter besitzt, und in dem die guten Geister sich mit den bösen begegnen. Wer den Wunsch hegt, diesen Klub zu besuchen, muß natürlich die Forderungen des Gesetzgebers erfüllen und Klubmitglied werden, aber Harun al Raschid hat, als er die Sitten seiner Untertanen studieren wollte, noch weit Ärgeres tun müssen. Die kleine Formalität wird übrigens leicht und schmerzlos erledigt, und ehe man noch Zeit hat, es sich zweimal zu überlegen, ist man schon aufgenommen und feierlich eingeführt. Die Wege des Lasters sind entschieden weit glatter und bequemer als die Pfade der Tugend.

Das Haus am Rande des Bois de Boulogne, das jetzt den Spielklub beherbergt, war früher ein Familienpensionat. Seit es neuen und glänzenderen Bestimmungen geweiht ist, sind die englischen und amerikanischen Fräuleins, die früher hier nisteten, erschrocken geflohen, aber etwas wie ein Duft von Tee, Veilchenseife, Unschuld und Benzin ist in den Räumen zurückgeblieben. Die alte Pensionatseinrichtung ist noch durch keine modernen Klubmöbel ersetzt, an den Wänden hängen noch die sentimentalen Kupferstiche mit ihren züchtigen Julien und platonischen Romeos, auf den eingedrückten Lehnsesseln liegen noch die gehäkelten Deckchen, und im Salon steht neben einer reizlosen Blattpflanze das vielgeprüfte Klavier. Alles in diesem Hause ist geblieben, wie es war, und nur ein großer grüngedeckter Spieltisch, der etwas abseits in einem der Zimmer lauert, verrät den Wandel der Zeiten und der Sitten. Aber dieser große Spieltisch erscheint an dieser 123 Stätte so fremd wie Mephistopheles im Kämmerlein Gretchens, und man glaubt noch immer, in einem Familienpensionate zu sein, in einem spießbürgerlichen Pensionate für platonische Romeos und züchtige Julien.

Als ich das ehrbare Haus betrat, führte mich die Leiterin des Institutes, die lady patroness, in den Speisesaal. Man dinierte an kleinen Tischen, die anmutig mit Veilchen bestreut waren, und man dinierte nicht nur ausgezeichnet, sondern auch auf Kosten der Allgemeinheit. Die vierzig oder fünfzig Herren und die vier oder fünf Damen, die hier ihren Magen versorgten, waren nicht gerade die Elite, nicht die »Creme« oder der »Gratin« der Gesellschaft, aber es ist ja klar, daß die Millionäre davor zurückschrecken, von der Freikost eines Spielklubs allzu häufig Gebrauch zu machen. Von den männlichen Klubgästen schien nur eine Minorität in Frankreich geboren, die Mehrheit kam aus der Fremde, aus Italien, aus Spanien, aus Österreich und aus den Balkanstaaten, und diese Ausländer schienen beglückt, hier ein Heim und einen Mittagstisch gefunden zu haben. Es gab unter ihnen junge Kaufleute, entlassene Beamte, zweifelhafte Grafen und bescheidene Börsenmänner, und die meisten schienen nur hier zu sein, weil sie sich den »wilderen«, nur von Herren besuchten Spielklubs noch nicht, oder nicht mehr gewachsen fühlten. Die vier oder fünf Damen sprachen mit der lady patroness vom Theater und den Moden und hielten sich taktvoll von jeder Berührung mit der Herrenwelt zurück. Und eine angenehme, wohlige Stimmung herrschte in dem Raum, die Veilchen und die Fischsauce dufteten, 124 und alle Anwesenden aßen die vom Spielgewinn gezahlten Speisen mit Appetit und ohne Reue.

Nach dem Diner veränderte sich das Bild, weil nun die eigentlichen Klubgrößen eintrafen. Das männliche Element allerdings blieb, wie es vorher gewesen war, und man sah nicht einmal jenen Typus des »Bel ami«, jene interessanten Gestalten, die halbe Zuhälter und halbe Gentlemen sind, und die in Paris so massenhaft herumwimmeln. Aber die Damen, die jetzt erschienen, gehörten zur Aristokratie ihres Reiches, zu den Spitzen der schlechten Gesellschaft, und obwohl die Otero, die sonst regelmäßig zu kommen pflegt, gerade an diesem Abend ausblieb, gab es bald sehr viel Glanz und auch sehr viel Schönheit. Die Damen erschienen in berauschenden Pelzmänteln, mit langen Perlenketten und reizenden Hüten, aber die ruhige und diskrete Eleganz ihrer Toiletten zeigte deutlich, daß sie hier keineswegs auf Eroberungen ausgingen. Sie kamen, weil sie einen freien Abend hatten, und weil ihre Freunde durch ein lästiges Diner oder durch andere Verpflichtungen zurückgehalten waren, und sie kamen um so lieber, und sie fühlten sich um so freier, weil die Zusammensetzung des Herrenpublikums jeglichen Nebengedanken ausschloß. Sie bewegten sich zwischen diesen Klubherren wie Primadonnen zwischen Statisten, und sie lächelten gutmütig, wenn irgendein armer Verlierer am Spieltische seine Mißstimmung zu erkennen gab.

Man spielte ein Spiel, das ich nicht leiden kann: jenes verwässerte Bakkarat, das »Chemin de fer« genannt wird. Der Croupier nahm fünf Prozent für die Hauskasse, und in einer Ecke des Zimmers wurden die 125 roten und weißen Spielmarken eingewechselt. Es zeigte sich, daß die Damen weit mehr Mut und Kapitalkraft besaßen als die Herren, und so war es gar kein Wunder, daß sie hartnäckig vom Glücke begünstigt wurden. Besonders eine sehr schöne schwarzäugige Frau sah die hundert Frank, die sie regelmäßig einsetzte, ganz ebenso regelmäßig verdoppelt, und jedesmal zog sie dann die weißbehandschuhte Rechte aus dem großen Pelzmuff, der vor ihr lag, und holte mit einer langsamen, graziös phlegmatischen Geste die gewonnenen Spielmarken heran. Chamfort zitiert ein Wort des berühmten Spielers Fox: »Zwei große Freuden bietet das Spiel, nämlich die Freude des Gewinnens und die Freude des Verlierens.« Hier im Spielsaale war die erste dieser Freuden fast ausschließlich den Damen beschert und die zweite den Herren.

Das »Chemin de fer« und der ewige Zuruf »Je donne!« wirken auf die Dauer einschläfernd, und glückliche Frauen sind nur dann amüsant, wenn man Erlaubnis hat, an ihrem Glücke ein wenig teilzunehmen. Ich verließ der Abwechselung halber den Spielsaal und vernahm bald weiche, melodische Klänge, die aus dem Salon – aus dem Salon mit dem Klavier und den rührenden Kupferstichen – auf den Korridor hinausdrangen. Dort auf den Fauteuils mit den gehäkelten Decken saßen Personen beider Geschlechter, andere Personen lehnten schweigend den Rücken gegen die Wände, und während eine gealterte Operettendiva die Klaviertasten bearbeitete, sang vor der Blattpflanze ein junger Mann die gemütvollste der Weisen. Er sang »L'étoile de l'amour«, ein bekanntes Montmartre-Lied, das mit 126 den Worten beginnt: »Un poète m'a dit« und von einem Sterne handelt, auf dem die Liebe nie ausstirbt, und immer, wenn er an die Endzeile kam: »Où on s'aime toujours!« blickte er wie ein sterbender Schwan in die Höhe, und seine Stimme zitterte ergreifend. Die zweifelhaften Grafen, die entlassenen Beamten und die bescheidenen Börsianer rings im Kreise stützten nachdenklich das Kinn, und die Damen träumten von diesem Stern der Liebe, wie nur die Unschuld zu träumen vermag. »Où on s'aime toujours!« trillerte der zerschmelzende Sänger. Und durch die offene Tür kam der Zuruf der Bakkaratspieler: »Je donne!«

Dieses Gemisch von Gemüt und Glücksspiel ist ebenso reizvoll wie sonderbar, und immer wieder habe ich an jene Rosalie Michon in Dumas »Francillon« denken müssen, die ihre Freunde mit Liebe und Kamillentee bewirtet. Der Champagner, der in den Soupierlokalen fließt, ist sehr oft, wie man in Paris sagt, nur »für die Galerie«, und heimlich lechzt die Seele nach einem behaglichen Kamillentee. Der Spielklub, der früher ein Familienpensionat war und noch so sehr an seine alte Bestimmung erinnert, erfüllt alle Wünsche solcher suchenden Seelen, denn er bietet seinen Gästen ein Bakkarat und eine Häuslichkeit. Hier wird die Leidenschaft des Spielers durch eine ruhige, harmonische Umgebung gemildert, und wenn ein Gast unter den Streichen des Schicksals zusammenbricht, so träufelt Balsam in seine Wunden. Das Kartenglück mag hier wechseln wie überall, aber das Familienglück wird garantiert. 127

 

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