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Pariser Tagebuch

Theodor Wolff: Pariser Tagebuch - Kapitel 14
Quellenangabe
typesketch
booktitlePariser Tagebuch
authorTheodor Wolff
year1908
firstpub1908
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titlePariser Tagebuch
pages273
created20131217
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die kleinen Pferde

Die kleine Stadt Enghien, die man mit dem Schnellzuge von Paris aus in zwölf Minuten erreicht, nennt sich »Badeort« und »Kurort«, weil sie, wie allgemein versichert wird, eine Schwefelquelle besitzt. Die Schwefelquelle ist gewiß sehr heilsam, und die Stadt ist sehr hübsch. Durch die Gittertüren in den dunkelgrauen Parkmauern sieht man behagliche Villen, die freilich ein wenig altmodisch erscheinen, und große Gärten, die freilich ein wenig dumpfig und muffig sind. Hat man eine Anzahl dieser Villenstraßen durchwandert, so kommt man zu einem See, zu einem ziemlich breiten und sehr langen See, dessen mit Landhäusern, Gärten und alten Bäumen besetzte Ufer schnurgerade Linien verfolgen, und dessen vier rechte Winkel so genau bezeichnet sind, daß sie das Herz eines Geometrielehrers erfreuen müssen. Vielleicht war eben wegen dieser Geradlinigkeit und dieser Rechtwinkligkeit des Sees die Stadt Enghien bis vor kurzem ein Lieblingsaufenthalt jener alten, weniger in London als im Auslande bekannten Engländerinnen, die so aus geraden Linien und Winkeln, aus 112 Hypothenusen und Katheten zusammengesetzt scheinen, daß man den ganzen pythagoreischen Lehrsatz an ihnen beweisen kann.

Außer den betagten englischen Damen lebten und leben in Enghien mit Vorliebe die deutschen Kaufleute, die von hier aus das Stadtviertel an der Gare du Nord, das Stadtviertel, in welchem der deutsche Kommissionshandel residiert, sehr schnell erreichen können. Auch alte Pariser ziehen noch gern im Sommer nach Enghien, während die jüngere Generation diese Gegend im Norden ein wenig meidet und den heiteren Westen, Asniere und Saint-Cloud, Ville d'Avray und Marly und Saint-Germain und die zahllosen anderen Orte, mit denen das grüne Land dort bedeckt ist, bevorzugt. Eine Sage behauptet, daß es in Enghien und Montmorency feucht sei. Und die jüngere Generation fürchtet den Rheumatismus.

Seit langer Zeit besitzt Enghien einen Schatz, der gewiß immer ergiebiger war als die Schwefelquelle, wenn er auch von den eigentlichen Bewohnern des Ortes, den englischen Damen, den deutschen Kaufleuten, den alten Rentiers, nicht übermäßig geschätzt wird. Enghien besitzt ein Kasino, in dem das Spiel der petits chevaux gespielt werden darf. Roulette, petits chevaux und andere Hasardspiele, die in Frankreich im allgemeinen verboten sind, gehören infolge eines besonderen Dekrets in allen französischen Badeorten zu den erlaubten Dingen. Jedes Badenest in der Normandie und der Bretagne, jedes »petit trou pas cher« hat sein Kasino und seine »kleinen Pferde«. Enghien mit seiner Schwefelquelle ist ein Badeort und 113 hat ein Anrecht auf die »petits chevaux«. Man kann sogar ruhig behaupten, daß die Schwefelquelle in Enghien nur entdeckt worden ist, damit die andere Quelle, die Quelle, aus der das Kasino sich nährt, geöffnet werden dürfe.

Das Kasino von Enghien wurde seit vielen Jahren von den Parisern fleißig besucht. Man fuhr am Sonnabend nachmittag hinaus, gondelte auf dem See und jagte dem Glücke abwechselnd im grünen Walde und auf dem grünen Tische nach. Die kleinen Pferde galoppierten an jedem Abend über das kreisrunde Feld, der Croupier rief an jedem Abend eintönig die Nummern der gewinnenden Pferde aus, und die Frankstücke flossen mit gleicher Eintönigkeit in die Kassen der Spielbank. Aber das alles war noch, wenn auch nicht harmlos, so doch ein bißchen provinzial. Das Kasino sah gerade so altmodisch aus wie ganz Enghien, und auch der Schwefelgeruch der Quelle war nicht stark genug, um den wahren Höllenzauber zu erzeugen. Da fanden sich zum Glück intelligente Leute, die rechtzeitig erkannten, daß mit einer Spielbank in der Nähe von Paris Millionen zu verdienen wären, vorausgesetzt, daß man nicht in ihr spielte. Sie zeichneten eine schöne Summe, und der Architekt zeichnete schöne Baupläne und baute ein neues, ein glänzendes und originelles Kasino. Die Mauern und Bauzäune in Paris wurden mit riesigen Reklameplakaten beklebt, Wunderdinge wurden versprochen, und bald beschäftigte der Gedanke an die »kleinen Pferde« die Gemüter. Wie der gläubige Muselmann in jeder Bedrängnis sich gelobt, nach Mekka zu pilgern, so flüstert der Lehrling, der mit dem Mädchen seiner Wahl den Inhalt der Portokasse verjubelt hat, heute diesen einen Namen: Enghien.

Das neue Kasino steht auf dem Platze, wo das alte gestanden hat, am See. Es hat die Form eines Schiffes, das zwischen Felsen – zwischen künstlichen Felsen – liegt und mit dem Bug in den See hinaus ragt. Unten, in den Felsen, befindet sich der reizendste Theatersaal, der je gebaut wurde – ganz hell, lichtgrün und gelb und weiß, mit leicht geschwungenen modernen Linien, die nicht das Gewaltsame des üblichen »Modernen Stils« haben, und mit hängenden Logen, die wie aus Tropfstein gebildet scheinen und unsagbar graziös sind. Die ersten Pariser Künstler treten auf der kleinen Bühne auf, genau wie im Theater von Monte Carlo.

Man kann auf der Terrasse des Kasinos dinieren, oder hoch oben auf dem Dache, auf der »Kapitänsbrücke«. Man sitzt dort zwischen Masten und zwischen Schornsteinen, und die Geländer sind aus Schiffstauen zusammengeknüpft. Daß die Kellner Matrosenkleidung tragen, ist nicht sehr geschmackvoll und nicht einmal »echt«, da auf einem Schiffe ja nicht die Matrosen zu servieren pflegen. Das einzige, was dort oben in keinerlei Beziehung zu dem Meere und seinen Bewohnern steht, ist die Krebssuppe.

Das Essen ist übrigens im großen ganzen erträglich. Aber während man so auf dem Dache des Kasinos sitzt, genießt man noch etwas anderes, etwas Wunderschönes. Man überblickt das Tal mit seinen Villen und Gärten – unten am Fuße des Kasinos die Anlagen mit ihren gelben Kieswegen und dem klaren, ruhigen See mit seinen langsam gleitenden Gondeln – im 115 Norden, jenseits des Städtchens die dunkelgrünen Waldhöhen von Montmorency, diese Hügelreihen, die sich teilen und den Blick auf andere grüne Hügel vergönnen. Auf den Veranden der Landhäuser jenseits des Sees flimmern schon die Lampen und die Windlichter. Hohe Bäume senken die Kronen zueinander und bilden dunkle Bogenpforten. Der weiche Abendduft umwebt dieses Panorama, das den ganzen Charme und die ganze Grazie der französischen Landschaft hat. Und ein silberner Mond taucht etwas vorzeitig an dem erst leicht dunkelnden Himmel auf, wie ein Gast, der sich in der Stunde geirrt hat und sich einfindet, bevor noch die Lichter brennen.

In dem Spielsaal zu Enghien, den man ohne weitere Zeremonie direkt vom Garten aus betritt, sind zwei jener Spiele aufgestellt, die man allgemein unter dem Namen »Les petits chevaux« kennt. Zu jedem der beiden runden Tische, auf denen die neun numerierten kleinen Pferde im Kreise umhergaloppieren, gehören vier lange Tische mit numerierten Flächen. Bleibt das Pferd, das die Nummer drei trägt, dem Ziele zunächst stehen, so erhalten bekanntlich die Leute, die einen Frank auf die Fläche Nummer drei geworfen, acht Frank ausgezahlt. Sie erhalten, obwohl es neun Pferde gibt, nur acht Frank für einen Frank, so daß also die Bank, die alle verlorenen Gelder einstreicht, auch einen Frank von jedem Gewinne einkassiert. Man kann auch »Pair« und »Impair« spielen, aber die Bank zahlt das »Impair« nicht aus, wenn die Nummer fünf gewinnt. Mehr als vier Frank darf ein Spieler auf eine einzelne Nummer nicht setzen.

116 Die Majorität des Publikums, das sich im Spielsaale um die Tische drängt, ist sehr verschieden von dem Publikum, das an den Tischen oben diniert. Die meisten der Spieler dürften in Paris bei irgend einem billigen marchand de vin, in einer Destille, in einem Café, wo das weinbefleckte Tischtuch nie gewechselt wird, gegessen haben, ehe sie nach Enghien hinausgefahren sind. Geschminkte junge Koketten, die ein kurzes Sportkostüm tragen, weil das flott erscheint und weil sie sonst nichts anzuziehen haben, drängen sich pompös und wichtigtuerisch mit blassen Ladenschwengeln vorbei, die hier die eleganten Herren spielen. Bessere Zuhälter stehen neben schlechteren Buchmachern, abgemagerte, verlebte Jünglinge neben dicken, alten Kuppelweibern. Die Habitués der kleineren, anrüchigen Sportplätze bei Paris – nicht die Habitués des teueren Sattelplatzes, sondern die Habitués der billigen »pelouse« – geben sich hier ein Stelldichein. Immer andere strömen durch das Gartenportal herein, und unwillkürlich denkt man an die großen, unheimlichen Röhren, die vor Paris den ganzen Kloakeninhalt, den ganzen Unrat in die Seine speien.

Alle diese Leute suchen an die Spieltische zu gelangen, und alle werfen ihr Frankstück oder auch ihr Zweifrankstück auf eine der grünen Flächen. Einige blicken lächelnd, überlegen, wie gleichgültig auf die galoppierenden Pferde, die meisten aufgeregt, nervös und schwitzend. In einer Ecke entsteht ein Streit – irgend ein Individuum behauptet, gewonnen zu haben, und der Croupier hat den Einsatz nicht gesehen. Solche kleinen Szenen wiederholen sich sehr oft. Und die in ihrem Besitz und 117 vor allem in ihrer Ehre Gekränkten fuchteln mit den Armen und nennen das vornehme Etablissement eine Räuberbude.

Man sieht besonders unter den Personen, die vom Beginn des Spieles bis zum letzten »Rien ne va plus« des Croupiers nicht von ihrem Stuhle weichen, sehr viele, die an die bekanntesten Typen von Monte Carlo erinnern. Die alte Dame ist da, die ihre Ledertasche vor sich hingestellt hat und ganz geschäftsmäßig und mit großer Ruhe spielt. Der alte pensionierte Offizier ist da, mit den eingefallenen Backen, mit dem langen wirren Schnurrbart und den zitternden Händen, die immer noch ein Frankstück auf die Nummer acht schieben. Noch andere sind da, die man glaubt, schon an den Tischen von Monte Carlo gesehen zu haben. Aber es sind doch nicht dieselben Gestalten, und nur die Leidenschaft und der Spielerwahnwitz haben ihren Augen das gleiche stechende, unruhige Feuer, ihren Händen das gleiche nervöse Zittern gegeben, haben die Wangen ganz ebenso gehöhlt und die Rücken ganz ebenso gebeugt.

So widerwärtig die Atmosphäre in Monte Carlo auch ist, sie ist heiter und frisch, verglichen mit der Atmosphäre in dem Spielsaal von Enghien. In Monte Carlo wird wenigstens eine äußerliche Wohlanständigkeit gewahrt, in Enghien ist man mitten in einer Spelunke. Die Brillanten, die in Monte Carlo ausgebreitet werden, mögen ja zu dreiviertel falsch sein, aber sie wirken immerhin angenehmer als das Elend, das in Enghien ausgebreitet wird und echt ist. In Monte Carlo blendet das Gold, das über die Tische rollt, über all die verborgene Not hinweg. in Enghien 118 aber sieht jedes der schäbigen Frankstücke so aus, als wäre es das letzte Frankstück eines armen Hungerleiders. In Monte Carlo erschießen sich die Leute, die ihr Geld verspielt haben, unten am Strande, in Enghien aber hört man sie rechts und links von ihrem Unglück erzählen. Diesen kleinen Leuten, die sich plötzlich zu Spielern entwickelt haben, diesen Sonntagsjägern des Glückes fehlen noch die Routine, die Kaltblütigkeit und das Talent, eine lebemännische Indifferenz zu heucheln . . .

In dem Schnellzuge, der, ohne anzuhalten, die Gäste des Kasinos in zwölf Minuten nach Paris zurückträgt, fuhr ich gestern abend mit zwei jungen Burschen zusammen, denen man ihrem ganzen Aussehen nach ohne weiteres das Zeugnis sittlicher Unreife hätte ausstellen können. Sie nahmen während der Fahrt immer wieder ihre paar Frankstücke aus der Westentasche, berechneten Gewinn und Verlust, sprachen davon, wie sie hätten spielen sollen, und wie sie am nächsten Tage spielen würden, und zählten dann aufs neue die wenigen erbärmlichen Geldstücke, die sie mit nach Hause brachten. Im ganzen Zuge, in allen Waggons wurde in diesem Augenblick wahrscheinlich so debattiert, das Verlorene beklagt, das Gerettete gezählt. Mitten in der gleichmäßigen Stampfmelodie, mit der die Wagen vorwärts flogen, konnte man glauben, das Klingen und Klappern all der mageren Frankstücke zu hören, die aus einer Hand in die andere und in die Westentasche zurückglitten.

Moralisten und andere Störenfriede verlangen heute, daß die Regierung den Spielsaal in Enghien schließe. Was in Trouville, in Cabourg und in anderen Badeorten vielleicht ein zulässiges Vergnügen sei, sei in 119 Enghien, vor den Toren in Paris, ein Unfug und eine Gefahr. Schon kämen am Sonntag die Arbeiter und verlören auf den grünen Tischen ihren Wochenlohn. Es sei Zeit, daß man der Spielbank zurufe: »Rien ne va plus!« und »das Spiel ist aus!«

Es ist sehr möglich, daß diese Moralisten recht haben, aber es ist auch sehr traurig. Es ist sehr traurig, daß man die Menschen durch immer neue Verbote gegen ihre eigene Unvernunft schützen muß, und daß sie nicht ohne Vormund und Aufpasser existieren können. Es ist ein Triumph der Technik, daß man jetzt im Schnellzuge in zwölf Minuten von Enghien nach Paris fahren kann, aber die geistige und moralische Entwickelung der Fahrgäste hat mit der technischen nicht gleichen Schritt gehalten. Die Menschheit hat enorme Fortschritte gemacht; und nur die Menschen sind ein wenig zurückgeblieben. 120

 

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