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Pariser Tagebuch

Theodor Wolff: Pariser Tagebuch - Kapitel 13
Quellenangabe
typesketch
booktitlePariser Tagebuch
authorTheodor Wolff
year1908
firstpub1908
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titlePariser Tagebuch
pages273
created20131217
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Meeting

(Februar 1905)

In einer schmalen Straße, nicht weit von der Place de la République, befindet sich ein Ballsaal, der Tivoli-Vauxhall heißt, und in dem schon manches Herz und manche Fensterscheibe zerbrochen wurden. In diesem Saale werden seit vielen Jahren all die großen, revolutionär gefärbten Volksversammlungen abgehalten, für die man aus Furcht vor schmerzlichen Sachbeschädigungen die eleganteren Säle und Hallen nicht hergibt. Tivoli-Vauxhall prunkt nicht mit solcher Eleganz; es ist ein riesiger kahler Schuppen mit einem niedrigen, verqualmten Glasdach, das von zwei Seiten her zur Mitte giebelförmig aufstrebt. Breite, durch hölzerne Geländer eingeschlossene Erhöhungen, für die das Fremdwort »Estraden« zu vornehm klingt, sind ringsherum aufgezimmert und gestatten an Ballabenden den Zuschauern und den erfrischungsbedürftigen Tänzern, das frohe Getriebe zu überblicken. An der einen Wand dient eine umgitterte viereckige Tribüne den Rednern oder der Musik. Und die elektrischen Lämpchen, die 103 an Schnüren unter dem niedrigen Glasdach hängen, sind in armseligen, verstaubten und schon halb zerrissenen Papierblumen verborgen.

In dieser wüsten und äußerst ungemütlichen Halle veranstalten die französischen und russischen Sozialisten und Revolutionäre das gewaltigste der vielen Meetings, mit denen sie gegen Knutentum und Zarismus protestieren. Das Meeting ist für halb neun Uhr einberufen, um acht Uhr ist der Saal schon recht genügend gefüllt, und draußen in den Straßen schieben sich, scheinbar aus der weitesten Ferne her, zwischen zwei Reihen von Polizisten und republikanischen Garden langsam Tausende von Männern und Frauen heran, von denen immer nur eine kleine Gruppe nach der anderen durch die schmale Tür hineingelassen wird. Man hat, um mehr Raum zu schaffen und wohl auch aus anderen Gründen, alle Tische und Stühle und alles bewegliche Eigentum fortgebracht, und wer sitzen will, setzt sich auf die Geländer, die Mauervorsprünge und die ungeheizten eisernen Öfen. Die Tribüne ist bereits von einer so dichten, so festgefügten und so widerstandskräftigen Menschenmauer umgeben, daß die Redner und die Ehrengäste kaum hinaufgelangen können, und daß einige wirklich genötigt sind, ihre Bemühungen aufzugeben. Zwei- oder dreihundert Personen haben die Tribüne erklettert und turnen und balancieren am Rande und auf dem Geländer. Und ganz hinten an der Wand, über der Tribüne, dort, wo das schräge Glasdach am tiefsten hinuntersteigt, stehen mit gekrümmten Körpern auf einem Mauersims eine pudelköpfige junge Russin und ein russischer Student, die einander fest umklammern, ihre 104 Hüte in der Hand halten und wie unselige Karyatiden die Decke auf dem Kopfe zu tragen scheinen.

Um halb neun Uhr ist der Saal bis ins letzte Winkelchen vollgestopft, man steht Leib gegen Leib gepreßt, was nicht immer angenehm ist, man kann kein Glied mehr rühren, und die Sache fängt an, etwas beängstigend zu werden. Es gibt in dieser gewaltigen Halle nur eine einzige geöffnete und ungewöhnlich schmale Tür (denn eine breite und bequeme Nottür, über der die tröstende Aufschrift prangt: »Notausgang bei Feuersgefahr«, ist mit zwei Schlüsseln und sechs Riegeln sorgfältig verschlossen), und wenn hier eine Panik ausbricht, so ist zweifellos die ganze Bewegung mit achttausend ihrer Anhänger in wenigen Sekunden erstickt. Man kann auch die peinliche Empfindung nicht los werden, daß dann manches Messer und mancher Revolver nachdrücklich mitspielen, und daß nicht die sozialistische Brüderlichkeitslehre, sondern die anarchistische Lehre vom Rechte des einzelnen, vom Rechte des Individuums, hier triumphieren würde. Gewiß sind die meisten, die weitaus meisten Gestalten im Saale ungemein sympathisch und oft erquickend und rührend in ihrem kräftigen Selbstbewußtsein, in ihrem läuternden Haß und ihrer gläubigen Begeisterung. Aber daneben sieht man auch andere, die der Verwirklichung ihrer Ideale wahrscheinlich auf ziemlich dunkelen Wegen nachstreben. und die dem arglosen Menschenfreunde, der ihnen den kleinen Finger reichen wollte, vielleicht noch mehr nehmen würden als nur die ganze Hand.

Es gibt unter den achttausend Personen im Saale wohl reichlich zweitausend oder dreitausend Russen und 105 Russinnen. Diese Ausgewanderten und Landesflüchtigen leben im Quartier Latin und im Quartier Montparnasse, in der Gegend der Boulevards Montparnasse und Raspail, und sie haben dort ihre eigenen Cafés und Restaurants, ihre eigenen Hörsäle und Bibliotheken. Sie fühlen sich hier frei, sie sind trotz der »Allianz« nicht gehetzt und nicht bedroht, und kein Minister der Republik würde es wagen, sie mit billigen Witzeleien zu verhöhnen. Zu dem Meeting im Tivoli-Vauxhall sind sie gekommen wie zu einem Ehrenfest – in einer gewissen Weihestimmung und auch ein wenig geschmeichelt, wie Statisten, die auf einer großen Bühne erscheinen dürfen und immer glauben, das Publikum sehe nur auf sie. Die einen tragen Tuchmützen, die anderen Schildmützen und noch andere Pelzmützen, ein paar haben in dieser Siedehitze den Rockkragen hochgeschlagen, viele haben die echte breite Russennase, die vorstehenden Backenknochen und strohgelbe Bärte, und einzelne haben ihre Haare ganz lang wachsen lassen, wie Gorki, oder sich Apostelköpfe zurechtgemacht. Die Studenten haben fast immer eine Freundin mitgebracht, eine kleine Russin, die ihr Haar über die Ohren gelegt hat oder es wild auf die Schultern fallen läßt, und man kann beobachten, daß gerade diejenigen Studenten, die am wenigsten dem üblichen Eroberertypus ähneln, daß gerade die jungen Männer mit stillen, ruhigen Bewegungen, ernsten Studiergesichtern und Brillen vor den kurzsichtigen Augen die hübschesten Begleiterinnen haben. Ganz nahe bei mir steht, zärtlich und vertrauend an einen dieser Brillenträger geschmiegt und die Hände in den Taschen des grauen Sackpaletots vergrabend, ein sehr schönes Mädchen 106 mit gelblichem Teint, tiefschwarzen Augen, dunkel-buschigen Brauen und einem leichten schattigen Flaum auf der Oberlippe. Und bei fast all diesen »faux-ménages«, bei fast all diesen ungetrauten Paaren findet man jenen Ernst der Lebensauffassung, jene Nachdenklichkeit und jene Bravheit der Gesinnung, die ein schwadronierender Junker nicht zu begreifen vermag, und die nicht nur den Reiz, sondern auch gleichsam den Kitt dieser russischen Wanderkolonien bilden.

Dann sind da, eng zusammengepfercht, all die anderen: Pariser Arbeiter in blauen Leinenhosen oder in Sammethosen, lange, hellblonde Herren aus Finnland mit rundwangigen blonden Damen im Pelz, junge Kaufleute und kleine Bürgersfrauen, die sich ängstlich an ihre Gatten drängen, Jünglinge mit Künstlerschleifen, Senkgruben-Ausräumer mit blanken Anzügen aus Wachsleinwand, alte Handwerker mit der Pfeife im Munde, schnapsduftende, schiefblickende Burschen, vier Engländerinnen mit einem knabenhaften Beschützer. Dazwischen sieht man all die Ritter der Tat, all die berufsmäßigen Revolutionäre, an denen Paris so reich ist, und die stets auf der Lauer zu liegen scheinen: die einen ruhig, intelligent, mit ironischer Überlegenheit, und die anderen blaß, nervös überreizt mit verzerrten Zügen und heftigen Bewegungen. Der Fremde, der nach Paris kommt, erblickt zuerst nur die Welt des Vergnügens und des Luxus und ist immer erstaunt, wenn er dahinter eine zweite Welt, die Welt der spießbürgerlichen Behäbigkeit und der Arbeit entdeckt. Aber hinter dieser zweiten Welt gibt es eine dritte und vierte, und im Verborgenen, nur an besonderen Tagen sichtbar, wartet dort immer 107 eine kampfbereite Armee der Revolution, deren Freischärler und Vorposten und Dilettanten bis in die Salons des Bois de Boulogne-Viertels gedrungen sind.

Auf der Tribüne sitzen, gleichfalls dicht aneinander gepökelt, die Sozialistenführer Vaillant, Jaurès, Allemane und Pressensé, ein paar Günstlinge der revolutionären Gruppen und drei oder vier russische Versammlungsgrößen. Fast all diese Herren scheinen von einem guten Diner zu kommen; der alte Vaillant im musterhaften Gehrock hat die Hände auf dem sanft gewölbten Bäuchlein gefaltet, der breite Jaurès mit seinem fleischigen, glänzenden Gesicht strotzt von Gesundheit, Pressensé und der Russe Roubanowitsch strotzen nicht minder, und diese ganze Tribüne hat nichts sehr Erschreckendes. Sind die Herren noch in der Verdauungsstimmung? . . . Sie zögern, das Redeturnier zu eröffnen, und die Menge in dem Riesenschuppen muß sich selber einen Zeitvertreib erfinden. In einer Ecke wird die »Internationale« gesungen, die schwungvolle Melodie, die den alten patriotischen Sang der »Marseillaise« ersetzt hat, wogt durch den weiten Raum, und als sie verklungen ist, kommen die Rufe: »Nieder mit dem Zaren!« »Nieder mit den Tyrannen!« »Mörder!« an die Reihe, und mehrere Minuten lang schreit man im Takte: »Houh, houh, assassins! Houh, houh, assassins!« Endlich erhebt sich der alte Vaillant und beginnt seine Rede, der dann viele andere Reden folgen, und so oft ein anderer geredet hat, ruft die Menge: »Jaurès! Jaurès!« und bei jeder passenden Stelle: »Nieder mit Delcassé!« »Nieder mit dem Zaren!« »Assassins!« Alle Redner sprechen erheblich wilder, als sie aussehen, und der feiste 108 Pressensé sagt mit harmloser Miene und liebenswürdiger Geläufigkeit die furchtbarsten Dinge. Und das kleine, feine, sanfte Glöcklein der Kirche von Saint-Germain-Auxerrois fällt mir ein, das mit seinem lieblichen Läuten das Signal zur Bartholomäusnacht gegeben hat.

Die schmale Tür ist nicht geschlossen worden, und ununterbrochen fluten neue Gestalten in den Saal. Ich weiß nicht, wo sie bleiben, aber sie finden einen Riß, eine Lücke in dem festgeballten Menschenhaufen und schieben und drängen sich durch. Sie werfen einen Blick auf die Tribüne und fragen: »Hat Jaurès schon gesprochen?« Bis ein hagerer Arbeiter mit gereizter Stimme sie anschreit: »Ihr mit eurem Jaurès! Die Prinzipien sollt ihr hochhalten und nicht die Personen!« Ein jüdischer Arbeiter aus Rußland, der ein rotes Bärtchen hat und so schief ist, als wäre er erst nach links und dann plötzlich nach rechts gewachsen, beschwert sich, weil man ihm auf die Füße getreten, und murmelt entrüstet in unkorrektem Deutsch: »Franzosen mit die rote Hosen! Franzosen mit die rote Hosen!« Von Zeit zu Zeit heißt es: »Platz für eine Kranke!« und während man sich windet, um Platz zu machen, wird ein ohnmächtiges weibliches Wesen hinausgeschleift. Ein altes Frauenzimmer, das gewiß mit einer schönen Seele, aber auch mit Brille und kurzgeschnittenen Haaren behaftet ist, packt meinen Arm wie eine Ertrinkende, und der Blick aus ihren Rehaugen scheint zu sagen: »Wir sind ja alle Brüder und Schwestern!« Und es ist mir ein beruhigender Gedanke, daß wir nicht mehr als Brüder und Schwestern sind.

»Vive Jaurès! Vive Jaurès!« ruft die Menge, und 109 Jaurès spricht. Ich habe für Jaurès die denkbar höchste Bewunderung, ich halte ihn für das machtvollste Talent unter den zeitgenössischen Rednern, für ein Talent, dem wir absolut nichts Ähnliches an die Seite zu stellen haben, aber bisweilen gefällt er sich einfach im Auftürmen volltönender Phrasen, und dann erinnern seine Perioden an die modernen, von freigebigen Millionären gebauten Museen in Athen, die außen so pompös und im Innern so leer sind. An diesem Abend spricht er in seiner schlechteren Manier, er ist nicht das kleine Glöcklein von Saint-Germain-Auxerrois, er ist eine große Posaune, aber die betäubenden Töne bilden nur ein ziemlich banales Musikstück. Er spricht von der französischen Revolution, vom Proletariat, von der Völkerversöhnung, von den Unterdrückern, aber diese Redeblumen scheinen ein wenig welk, wie die Papierblumen unter der Saaldecke, und der dramatische, allzu dramatische Tonfall klingt nicht echt. Die Menge applaudiert, wie sie stets applaudiert, wenn der beliebte Heldenspieler im Theater die Stimme erhebt, und nur der schiefe Mißvergnügte knurrt hinter mir unwirsch: »Franzosen mit die roten Hosen!«, denn er versteht von all den Reden kein Wort. »Ein Regen von Blut,« ruft Jaurès, »ist in der finsteren Nacht zur Erde niedergegangen!« . . .

Im Grunde, was soll er sagen? Die gewaltigsten Redner können nicht so laut zum Himmel schreien wie die Dinge selber. Alle Rhetorik der Welt vermag nicht so eindringlich und beredt zu sein wie der stumme Ernst der jungen Russen und Russinnen im Saale, wie der Enthusiasmus der jungen russischen Intelligenz, die 110 heute auf den Wogen einer revolutionären Bewegung ihr Ideal zu erreichen hofft. Jaurès beginnt den letzten Teil seiner Rede, und während er sich dem Ende nähert, nähere ich mich dem Ausgang. Und wie ein Schleppdampfer ziehe ich das Frauenbild mit dem kurzen Haar und der schönen Seele hinter mir her, dieses rührende Wrack, das wohl auch noch einem still erträumten Ideal entgegensteuert. 111

 

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