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Pariser Ehen

Edmond About: Pariser Ehen - Kapitel 9
Quellenangabe
authorEdmond About
titlePariser Ehen
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1886
translatorDora Duncker
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Mutter der Marquise.

Erstes Kapitel

Am 15. April 1846 stand in sämtlichen großen Pariser Zeitungen folgende Annonce:

»Ein junger Mann aus guter Familie, ehemaliger Schüler einer staatlichen Hochschule, welcher sich seit zehn Jahren dem Studium von Bergwerken, Schmelzöfen, Hüttenwerken, der Buchführung und dem Betrieb des Holzschlages gewidmet hat, sucht eine gute Anstellung in diesen Spezialitäten. Zuschriften erbeten Paris, postlagernd unter M. L. M. D. O.«

 

Frau Benoît, die Eigentümerin der schönen Hüttenwerke von Arlange, lebte zu jener Zeit in Paris in ihrem kleinen Hause in der Rue Saint Dominique; indes pflegte sie keine Zeitungen zu lesen. Weshalb auch? Sie suchte keinen Beamten für ihr Hüttenwerk, sondern einen Mann für ihre Tochter.

Frau Benoît, innerlich wie äußerlich seit zehn Jahren sehr verändert, war damals eine außerordentlich liebenswürdige Person. Sie erfreute sich jener zweiten Jugend, welche die Natur nicht jeder Frau gewährt, einer Jugend zwischen dem vierzigsten und fünfzigsten Jahre. Ihr etwas stattliches Embonpoint war wohl einer stark aufgeblühten Blume vergleichbar, aber niemand hätte bei ihrem Anblick an eine verblühte Blume gedacht. Ihre kleinen Augen leuchteten in demselben Feuer, in dem sie geleuchtet, als sie zwanzig Jahre alt gewesen; ihr Haar war nicht ergraut, ihre Zähne nicht vorstehend geworden; ihre Wangen und ihr Kinn glänzten in gesunder Frische ohne jenen Flaum, welcher die zweite Jugendblüte von der ersten unterscheidet. Um ihre Arme und Schultern würde manche junge Frau sie beneidet haben. Ihr Fuß war unter dem Gewicht ihres Körpers zwar etwas in die Breite gegangen, aber ihre kleine, runde, rosige Hand glänzte zwischen Ringen und Armbändern wie ein Juwel unter Juwelen hervor.

Das Innere einer so vollendeten Persönlichkeit entsprach vollkommen dem Aeußeren. Ihre Seele schien aus Frohsinn und Gutmütigkeit zusammengesetzt zu sein. All denen, die sich über eine so andauernde Heiterkeit und ein so allgemeines Wohlwollen wunderten, erwiderte Frau Benoît: »Was wollen Sie? Ich bin unter einem guten Stern geboren. Meine Vergangenheit umschließt, einige längst vergessene Stunden ausgenommen, nur Angenehmes; die Gegenwart ist ein wolkenloser Himmel, und was die Zukunft betrifft, so bin ich ihrer gewiß, ich halte sie in der Hand. Sie sehen, man müßte schon ein wenig von Sinnen sein, wollte man solch ein Schicksal anklagen.«

Da in dieser Welt nichts vollkommen ist, hatte auch Frau Benoît einen Fehler, aber einen unschuldigen Fehler, der ihr bisher stets nur selbst zum Schaden gereicht hatte. Sie war – obgleich der Ehrgeiz ein Vorrecht des häßlichen Geschlechts zu sein pflegt – von einem leidenschaftlichen Ehrgeiz beseelt. Indes hatte Frau Benoîts Ehrgeiz nichts mit dem andrer Menschen gemein. Sie trachtete weder nach Vergnügen, noch nach Auszeichnungen; die Hüttenwerke von Arlange warfen ziemlich regelmäßig ihre hundertfünfzigtausend Franken Rente ab, und im übrigen war Frau Benoît nicht die Frau, etwas von der Regierung von 1846 anzunehmen. Welchen Zweck verfolgte sie also? Hm, eine ganze Kleinigkeit, so wenig, daß man es kaum begreifen wird, wenn ich nicht vorher in einigen Zügen die Jugend von Frau Benoît, geb. Lopinot, erzähle.

Gabriele Auguste Eliane Lopinot wurde inmitten des Faubourg Saint Germain, an den Ufern des beneidenswerten Rinnsteins der Rue du Bac geboren, den Frau von Staël sämtlichen europäischen Flüssen vorzuziehen beliebte. Ihre Eltern, Bürger vom Scheitel bis zur Sohle, waren Besitzer des Modewarengeschäfts zum » Guten heiligen Ludwig« und brachten in der Stille ein enormes Vermögen zusammen. Ihre überall bekannten Grundsätze, ihre Begeisterung für die Monarchie und die Ehrfurcht, welche sie für den Adel zur Schau trugen, erhielten ihnen die Kundschaft des ganzen Faubourg. Herr Lopinot war ein sehr wohlerzogener Lieferant; er schickte niemals eine Rechnung, ohne daß man ihn darum ersucht hätte. Kein Mensch hatte jemals gehört, daß er einen widerspenstigen Schuldner verklagt hätte; auch pflegten die Abkömmlinge der Kreuzritter dem » Guten heiligen Ludwig« die Bezahlung nicht selten schuldig zu bleiben, und doch war die Rechnung nicht schlecht, denn diejenigen, welche bezahlten, zahlten für die andern mit.

Dieser ausgezeichnete Kaufmann, umgeben von vornehmen Leuten, die ihn einesteils bestahlen und sich andernteils bestehlen ließen, gelangte nach und nach dahin, seine ganze vornehme Kundschaft gründlich zu verachten. Im Geschäft blieb er immer gleich unterthänig, im höchsten Grade devot, aber sobald er nach Hause kam, richtete er sich wie von einer Feder geschnellt in die Höhe. Er setzte seine Frau und seine Tochter durch die Freiheit seines Urteils und die Kühnheit seiner Grundsätze in das höchste Erstaunen, und es hätte nicht viel gefehlt, daß Frau Lopinot sich ehrfurchtsvoll bekreuzt hätte, wenn sie ihn, nachdem er ein paar Gläser getrunken, sagen hörte: »Ich kann die Marquis gut leiden, sie scheinen mir anständige Leute zu sein; aber um keinen Preis möchte ich einen Marquis zum Schwiegersohn haben.«

Gabriele Auguste Eliane war keineswegs dieser Ansicht. Ein Marquis würde ihr durchaus erwünscht gewesen sein, und da ein jeder von uns in dieser Welt eine Rolle spielen muß, zog sie die Rolle einer Marquise allen andern vor. Dieses Kind war an den Anblick vorüberrollender Equipagen so gewöhnt, wie ein Bauernkind an den Anblick von Schwalben. Wie alle jungen Mädchen irgend einer übertriebenen Vorliebe huldigend, bewunderte sie die Gegenstände, die sie umgaben, elegante Häuser, Pferde, Toiletten und Livreen. Mit zwölf Jahren übte ein vornehmer Name eine Art Zauber auf sie aus; mit fünfzehn hegte sie eine tiefe Verehrung für alles, was sich Faubourg Saint Germain nennt, das heißt für die unvergleichliche Aristokratie, die sich durch ihre Geburtsrechte besser als die ganze übrige Menschheit dünkt. Als sie in das heiratsfähige Alter kam, war ihr erster Gedanke, daß irgend ein Glücksfall im stande sein könne, sie in eins jener reizenden Häuser zu bringen, deren Thorwege sie so oft zu betrachten Gelegenheit hatte. »Schließlich,« dachte sie, »bedarf es gar nicht einmal eines großen Wunders, damit sich die unübersteigbare Barriere vor mir senke; es genügt ja, daß mein Gesicht oder meine Mitgift mir einen Grafen, einen Herzog oder einen Marquis erobern.«

Ihr Ehrgeiz faßte vor allem ein Marquisat ins Auge, und zwar aus guten Gründen. Es gibt eine ganze Menge neuernannter Herzöge und Grafen, die im Faubourg keinen Zutritt haben; ein Marquis aber ist ohne Ausnahme von altem Adel, denn seit Molières Zeiten sind keine mehr ernannt worden.

Ich setze voraus, daß wenn sie sich selbst überlassen gewesen wäre, sie ohne Laterne den Mann gefunden haben würde, den sie sich zum Gatten wünschte; aber sie lebte unter den Fittichen ihrer Mutter in vollständiger Abgeschlossenheit, in die nur Herr Lopinot von Zeit zu Zeit eindrang, um ihr die Hand eines Kanzleiprokurators, eines Notars oder Wechselmaklers anzutragen.

Sie schlug dergleichen Partieen bis zum Jahre 1829 verächtlich aus, bis sie eines schönen Tages die Betrachtung anstellte, daß sie runde fünfundzwanzig Jahre alt sei, und sich schnell entschloß, Herrn Morel, Hüttenbesitzer in Arlange, zu heiraten. Er war ein vortrefflicher bürgerlicher Mann, den sie geliebt haben würde wie einen Marquis, wenn sie Zeit dazu gehabt hätte; aber er starb am 31. Juli 183O, sechs Monate nach der Geburt ihrer Tochter.

Die schöne Witwe war so aufgeregt über die Julirevolution, daß sie beinahe ihren Mann zu beweinen vergaß.

Die Erbschaftsangelegenheiten und die Sorge für die Hüttenwerke hielten sie bis zum Ausbruch der Cholera im Jahre 1832 in Arlange zurück; die Krankheit raubte ihr in wenig Tagen beide Eltern. Sie kehrte nach Paris zurück, verkaufte den » Guten heiligen Ludwig« und erstand in der Rue Saint Dominique ein Haus, welches zwischen den Besitzungen des Grafen von Preux und der Marschallin von Lens gelegen war. Ihre Einrichtung war kostbarer als die ihrer Nachbarn, ihr Treibhaus geräumiger, ihre Pferde von besserer Rasse und ihre Equipagen hingen leichter in den Federn. Indes hätte sie mit dem größten Vergnügen Treibhaus, Mobiliar, Pferde und Wagen für das Recht hingegeben, mit ihren Nachbarn in freundschaftlichem Verkehr zu leben. Die Mauern ihres Gartens waren nur vier Meter hoch, und an stillen Sommerabenden konnte sie bald bei dem Grafen, bald bei der Marschallin plaudern hören. Leider durfte sie an diesen Unterhaltungen nicht teilnehmen.

Eines Morgens brachte ihr ihr Gärtner einen alten Kakadu, den er auf einem Baume gefangen hatte. Sie wurde ganz rot vor Vergnügen, als sie in dem Vogel den Kakadu der Marschallin erkannte. Sie wollte niemand anders das Vergnügen überlassen, das schöne Tier seiner Herrin zurückzubringen, und auf die Gefahr hin, ihre Hände von seinem Schnabel zerfleischen zu lassen, trug sie ihn selbst hinüber. Sie wurde von einem dicken Haushofmeister empfangen, der ihr auf der Schwelle in würdigen Worten seinen Dank aussprach. Wenige Tage später warfen die Kinder des Grafen von Preux einen ganz neuen Ball in ihre Beete. Aus Furcht, wieder von einem Haushofmeister bedankt zu werden, schickte sie der Gräfin den Ball durch einen ihrer Diener mit einem sehr geistreichen und aristokratischen Briefe zurück. Der Lehrer der gräflichen Kinder, ein echter Pedant, antwortete ihr. Das hatte die hübsche Witwe (sie war damals in der Fülle ihrer Schönheit) von ihrem Entgegenkommen! Ihre einzigen Bekanntschaften in der Gesellschaft des Faubourg waren einige Schuldner ihres Vaters, denen sie sich sehr wohl hütete, Geld abzufordern. Aus Dankbarkeit für ihre Diskretion empfingen diese ausgezeichneten Personen sie zuweilen vormittags. Um zwölf Uhr konnte sie ihre Visitentoilette ablegen; alle Besuche waren dann bereits erledigt.

Der Verwalter des Hüttenwerks entriß sie diesem unerträglichen Leben; er rief sie zu ihren Geschäften zurück. In Arlange fand sie, was sie in ganz Paris vergeblich gesucht hatte, den Schlüssel zum Faubourg Saint Germain. Bei einem ihrer Nachbarn war seit drei Monaten der Marquis von Kerpry, Kapitän im 2. Dragonerregiment, zu Besuch. Der Marquis war ein Mann von vierzig Jahren, ein schlechter Offizier, ein Lebemann, immer flott, gegen das Altwerden gefeit und berühmt durch seine Schulden, seine Duelle und seine Liebesabenteuer.

»Ich habe mein Marquisat,« dachte die schöne Eliane. Sie machte dem Marquis den Hof und der Marquis war nicht spröde. Zwei Monate später kam er bei dem Kriegsministerium um seinen Abschied ein und führte Herrn Morels Witwe zum Altar.

Der Geburtsschein des Ehemanns, in der Zeit der Schreckensherrschaft ausgefertigt, enthielt nur den gewöhnlichen Namen Benoît, aber es wurde ein Dokument von öffentlicher Gültigkeit hinzugefügt, welches bezeugte, daß seit Menschengedenken Herr Benoît als Marquis von Kerpry gekannt sei. Die neue Marquise fing damit an, ihre Salons für das Faubourg Saint Germain der Nachbarschaft zu öffnen, da dies Faubourg sich bekanntlich bis an die Grenzen Frankreichs erstreckt.

Nachdem sie durch ihren Luxus den kleinen Landadel der Umgegend genugsam geblendet hatte, wollte sie nach Paris gehen, um sich dort für die Vergangenheit zu rächen. Als sie aber ihrem Manne diesen Vorschlag machte, runzelte er die Stirn und erklärte rund heraus, daß er sich in Arlange sehr wohl fühle. Der Keller sei gut, die Küche nach seinem Geschmack, die Jagd prächtig, er verlange nichts Besseres. Das Faubourg Saint Germain war für ihn ein ebenso unbekanntes Land wie Amerika; er hatte weder Verwandte, noch Freunde, noch Bekannte dort.

»Himmlische Barmherzigkeit!« rief die arme Eliane, »muß ich gerade auf den einzigen Marquis der Erde verfallen, der das Faubourg Saint Germain nicht kennt!« Dieser Irrtum blieb nicht der einzige. Sie bemerkte sehr bald, daß ihr Gatte viermal täglich Absinth trank, abgesehen von dem Wermut, den er sich zu seinem persönlichen Gebrauch aus Paris verschrieben hatte.

Die Vernunft des Kapitäns widerstand den wiederholten Trankopfern nicht immer, und wenn er nicht mehr ganz zurechnungsfähig war, wurde er wütend. Seine Lebhaftigkeit pflegte alsdann niemand zu verschonen, selbst Eliane nicht, welche sehr bald dahin kam, ernstlich zu wünschen, nicht länger Marquise zu sein.

Dieses Ereignis trat früher ein, als sie gehofft hatte. Eines Tages war der Kapitän leidend, nachdem er sich abends vorher zu viel zugemutet hatte. Er hatte einen schweren Kopf, blaue Ringe um die Augen und saß in dem größten Fauteuil des Salons, melancholisch seinen langen roten Schnurrbart zwischen den Fingern drehend. Seine Frau schenkte ihm aus einem Samowar eine große Tasse Thee nach der andern ein, als der Diener Herrn Grafen von Kerpry anmeldete. So elend der Kapitän sich auch fühlte, richtete er sich sofort in seiner ganzen Länge auf.

»Sagtest du mir nicht, du habest keine Verwandte?« fragte Eliane etwas erstaunt.

»Ich wußte von keinen,« erwiderte der Kapitän. »Der Teufel hol's – nun, wir werden ja sehen. Bitten Sie den Herrn, näher zu treten.«

Der Kapitän lächelte verächtlich, als er einen jungen zwanzigjährigen Mann von beinahe kindlicher Schönheit vor sich sah. Er war proportioniert gebaut, aber so zerbrechlich und zart, als ob er noch im Wachstum begriffen wäre. Sein Organ war sanft, frisch und klar wie das einer Frau. Ohne den feinen braunen Schnurrbart hätte man ihn für ein junges Mädchen in Männerkleidern halten können.

»Mein Herr,« sagte er zu dem Kapitän, indem er sich halb zu Eliane wandte, »obgleich ich nicht die Ehre habe, von Ihnen gekannt zu sein, möchte ich mir erlauben, über einige Familienangelegenheiten mit Ihnen Rücksprache zu nehmen. Unsre voraussichtlich lange Unterhaltung wird vermutlich einige langweilige Kapitel enthalten, und ich fürchte, daß die gnädige Frau –«

»Sie brauchen nichts zu fürchten, mein Herr,« erwiderte Eliane, sich in die Brust werfend, »die Marquise von Kerpry will und muß sämtliche Familienangelegenheiten kennen, und da Sie ein Verwandter meines Mannes sind –«

»Das weiß ich noch nicht, gnädige Frau, aber es wird sich bald entscheiden und zwar in Ihrer Gegenwart, da Sie es so wünschen und Ihr Herr Gemahl einzuwilligen scheint. Mein Herr,« fuhr er fort, »ich bin der älteste Sohn des Marquis von Kerpry, der im ganzen Faubourg Saint Germain bekannt ist und ein Haus in der Straße Saint Dominique besitzt.«

»Welch ein Glück!« fiel Eliane mit der Thür ins Haus.

Der Graf erwiderte diese Bemerkung mit einer kalten, ceremoniellen Verbeugung. Dann fuhr er fort: »Da mein Vater, mein Großvater und mein Urgroßvater einzige Söhne waren und es niemals zwei Linien unsrer Familie gegeben hat, werden Sie unser Erstaunen begreiflich finden, als wir eines Tages durch die Zeitungen von der Verheiratung eines Marquis von Kerpry erfuhren.«

»Hatte ich nicht das Recht, mich zu verheiraten?« fragte der Kapitän, sich die Augen reibend.

»Das habe ich nicht behauptet. Unser Haus besitzt außer dem Stammbaum der Familie alle Papiere, welche unsre Rechte, den Namen von Kerpry zu tragen, feststellen. Wenn Sie mit uns verwandt sind, wie ich es wünsche, zweifle ich nicht daran, daß auch Sie einige Familienpapiere in Händen haben, der Geburtsschein genügt schon, mit – – –«

»Mein Herr, mein Geburtsschein trägt den Namen Benoît; er ist vom Jahre 1794 datiert. Sie werden begreifen?«

»Vollkommen, mein Herr; trotz dieses Umstandes halte ich die Hoffnung aufrecht, Ihr Verwandter zu sein. Sind Sie in Kerpry selbst oder in der Umgegend geboren?«

»Kerpry? – Kerpry – wo liegt Kerpry?«

»Wo es immer gelegen hat: drei Meilen von Dijon, auf der Straße nach Paris.«

»Aber, mein Herr, was geht mich das an, da Robespierre die Güter der Familie verkauft hat –«

»Man hat Sie schlecht unterrichtet, mein Herr; es ist wahr, daß Gut und Schloß öffentlich zum Verkauf ausgeboten wurden, wie so viele andre Emigrantengüter, aber sie haben keinen Käufer gefunden, und Se. Majestät König Ludwig XVIII. hat die Gnade gehabt, sie meinem Vater zurückzugeben.«

Der Kapitän war unmerklich aus seiner Betäubung erwacht, diese letzte Bemerkung weckte ihn vollständig. Mit geballten Fäusten ging er auf seinen zarten Gegner los und schrie ihm ins Gesicht: »Mein kleiner Herr, ich bin seit vierzig Jahren Marquis von Kerpry, und derjenige, der mir meinen Namen rauben will, wird starke Fäuste haben müssen.«

Der Graf erbleichte vor Zorn, aber er erinnerte sich Elianes Anwesenheit, welche sich wie vernichtet auf eine Chaiselongue geworfen hatte.

»Mein großer Herr, obgleich Gottesgerichte nicht mehr Mode sind, würde ich gern den Ausgleich annehmen, welchen Sie mir bieten, wäre ich der einzige Beteiligte bei dieser Angelegenheit. Aber ich repräsentiere hier meinen Vater, meine Brüder und eine ganze Familie, welche Ursache haben würde, sich zu beklagen, wenn ich aufs Geratewohl ihre Interessen mit ›Kopf oder Schrift‹ ausspielen wollte. Gestatten Sie mir also, nach Paris zurückzukehren. Die Gerichte werden entscheiden, wer von uns den Namen des andern usurpiert.«

Der Graf wandte sich, verneigte sich tief vor der angeblichen Marquise und saß bereits im Postwagen, ehe der Kapitän daran gedacht, ihn zurückzuhalten. Der Samowar kochte nicht mehr, aber es handelte sich zwischen dem Kapitän und seiner Frau nicht mehr um Thee. Eliane drang darauf, zu wissen, ob sie Marquise Kerpry war oder nicht, und der heftige Benoît, der seinen letzten Rest von Geduld verbraucht hatte, vergaß sich so weit, die hübscheste Frau des Departements zu schlagen.

Diese Verhältnisse sind es, auf die Frau Benoît anspielt, wenn sie von einigen unangenehmen Stunden spricht, die längst vergessen sind.

Der Prozeß Kerpry wider Kerpry ließ nicht lange auf sich warten. Herr Benoît mochte durch seinen Advokaten noch so oft wiederholen lassen, daß er stets Marquis von Kerpry genannt worden sei, er wurde dazu verurteilt, sich »Benoît« zu schreiben und die Kosten zu tragen. An dem Tage, als er diese Nachricht erhielt, schrieb er einen Brief voll grober Beleidigungen an den jungen Grafen, den er Benoît unterzeichnete. Am nächsten Sonntag gegen acht Uhr morgens, wurde er auf einer Tragbahre mit zehn Centimeter Eisen im Leibe nach Hause gebracht. Er hatte sich geschlagen und der Degen des Grafen war in seiner Wunde abgebrochen. Eliane, welche noch geschlafen hatte, kam gerade noch rechtzeitig genug, seine Bitte um Verzeihung und sein Lebewohl entgegenzunehmen. Die Witwe hörte nichts von dem Lärm, den dieses Abenteuer in der ganzen Umgegend machte; sie weinte. Nicht um Herrn Benoît, dessen große und kleine Fehler sie für immer vom Heiraten kuriert hatten; sie beklagte ihr getäuschtes Vertrauen, ihre verlorenen Hoffnungen, ihren engen Horizont, ihren ohnmächtigen Ehrgeiz. Aus ihrer Zurückgezogenheit heraus warf sie auf das Faubourg Saint Germain die Blicke einer aus dem irdischen Paradiese vertriebenen Eva.

Eines Morgens saß sie weinend in einer blühenden Clematislaube (es war im Sommer 1834), als ihre Tochter an ihr vorüberlief. Sie hielt das Kind am Kleide fest, küßte es und machte sich Vorwürfe, mehr an ihren Kummer, als an ihre Tochter zu denken. Nachdem sie das Kind wiederholt geherzt hatte, sah sie ihm aufmerksam ins Gesicht und war von dem Resultat ihres Examens vollauf befriedigt. Die kleine Lucile versprach mit vier und einem halben Jahre eine aristokratische Schönheit zu werden. Ihre Gesichtszüge waren reizend, ihre Fuß- und Handknöchel ausgesucht fein; Eliane mochte nachdenken so viel sie wollte, sie erinnerte sich nicht, in den Tuilerien ein einziges Kind von so ausgesprochen vornehmem Typus gesehen zu haben. Sie gab der Kleinen noch einen Kuß, trocknete ihre Augen und weinte fortan nicht mehr.

»Wo hatte ich nur meinen Kopf,« murmelte sie mit ihrem glücklichsten Lächeln. »Noch ist nicht alles verloren, noch kann sich alles zum Besten wenden! Ich werde in das Faubourg kommen, es bedarf noch viel Geduld und Zeit, aber diese stolzen Thore werden sich dennoch vor mir öffnen. Ich selbst kann niemals Marquise werden, ich war oft genug verheiratet und man wird mich so leicht nicht wieder dazu bewegen, aber da drüben stampft die künftige Marquise zwischen den Erdbeeren umher. Ich werde ihr einen Marquis aussuchen, aber einen echten. Meine Erfahrung muß doch zu etwas gut sein. Ich werde die echte Mutter einer echten Marquise werden: sie wird überall empfangen werden, und ich mit ihr; überall gefeiert werden, und ich mit ihr; sie wird mit Herzögen tanzen, und ich – nun ich werde sie tanzen sehen, vorausgesetzt, daß die Herren von 183O kein Gesetz machen, welches die Mütter in die Garderoben verbannt.« Von diesem Augenblick an war Eliane erfüllt von dem Gedanken, ihre Tochter auf die Rolle einer Marquise vorzubereiten. Sie kleidete sie wie ein Püppchen, lehrte sie die verschiedenen Grimassen, aus denen die vornehmen Manieren bestehen, und zeigte ihr, wie man sich verbeugt, während ihre Gouvernante ihr das ABC beibrachte. Unglücklicherweise war die kleine Lucile nicht in der Rue du Bac geboren. Sie erwachte vom Gesang der Vögel und nicht vom Rollen der Equipagen, und sah mehr Bauern in Blusen, als Bediente in Livree. Sie paßte bei den Vorlesungen ihrer Mutter über den Kern des aristokratischen Wesens nicht besser auf, als ihre Mutter einst bei den Schmähungen Herrn Lopinots gegen das Marquisat aufgemerkt hatte. Der Geist der Kinder wird durch ihre Umgebung gebildet; sie hören auf hundert Lehrer zugleich; die Stimmen auf dem Lande und die Stimmen auf den Straßen der Stadt sprechen viel lauter zu ihnen, als der unerbittlichste Schulmeister und der strengste Vater.

Frau Benoît hatte gut predigen; die ersten Vergnügungen der jungen Marquise bestanden darin, daß sie sich mit den kleinen Dorfmädchen prügelte, sich in einem neuen Kleide im Sande herumwälzte, frischgelegte Eier aus dem Hühnerstall stahl und sich von einem großen schottischen Hunde, an dessen Schwanz sie sich hing, umherziehen ließ. Ein scharfer Beobachter würde das Blut des braven Morel und Vater Lopinots in ihren Adern erkannt haben. Ihre Mutter war unglücklich, weder Stolz, noch Eitelkeit, noch den geringsten Hang zur Koketterie in ihr zu finden. Mit einer fieberhaften Aufregung wartete sie auf den Tag, an dem Lucile irgend jemand gründlich verächtlich finden würde, aber Lucile öffnete ihr Herz und ihre Arme all den guten Menschen, die sie umgaben, von Margot, der Kuhhirtin, ab bis zu dem schwärzesten Hüttenarbeiter. Als sie größer wurde, veränderte sich ihr Geschmack ein wenig, aber keineswegs im Sinne ihrer Mutter. Sie interessierte sich für den Garten, für die Obstzucht, das Vieh, den Hühnerhof, das Hüttenwerk, den Haushalt, ja sogar (und warum es nicht sagen) speciell für die Küche.

Sie begriff es weit besser, als Frau Benoît, wie schön es ist, wenn eine Frau rechtzeitig Ordnung und Sorgfalt erlernt und sich all die verborgenen Talente zu eigen macht, die den größten Reiz eines Hauses und die Freude aller derer bilden, denen es gastlich seine Pforten öffnet.

Frau Benoîts Unterricht hatte seltsame Früchte getragen. Indes waren ihre Lehren nicht gänzlich verloren. Die Lehrerin war streng aus Liebe zu ihrer Tochter, ungeduldig aus Liebe zum Marquisat und heftig aus Temperament. Sie verlor so häufig die Geduld, daß Lucile anfing, sich vor ihrer Mutter zu fürchten. Das arme Kind mußte täglich die Worte hören: »Du weißt absolut gar nichts, verstehst absolut gar nichts; sei glücklich, daß du mich hast;« und in ihrer Naivetät glaubte sie wirklich, daß sie sehr glücklich sei, eine Mutter wie Frau Benoît zu haben.

Sie war davon überzeugt, daß sie dumm und zu allem unfähig sei, aber anstatt darüber zu trauern, ging sie vollkommen in ihren Neigungen auf, war glücklich, geliebt und liebreizend.

Frau Benoît hatte es so eilig, die Freuden des Faubourg zu genießen, daß sie ihre Tochter gern schon mit fünfzehn Jahren verheiratet haben würde, wenn es angegangen wäre; aber Lucile war mit fünfzehn Jahren noch ein kleines Mädchen. Erst in ihrem sechzehnten Jahre fing sie an, Figur zu bekommen. Sie war noch etwas mager, etwas hochrot und etwas linkisch, aber weder ihr linkisches Wesen, noch ihre Magerkeit, noch ihre roten Arme waren dazu angethan, die Liebe abzuschrecken.

Sie glich jenen keuschen Figuren, welche die deutschen Bildhauer der Renaissance in ihren Kirchen aus Stein zu meißeln pflegten, bei denen kein Fanatiker der griechischen Kunst es verachtet haben würde, die Rolle des Pygmalion zu spielen.

Eines schönen Tages kündigte ihre Mutter, im Begriff sechs Koffer zu schließen, ihr an, daß sie nach Paris gehe, um einen Marquis für sie zu suchen.

»Schön, Mama,« erwiderte Lucile, ohne irgend einen Einwand zu erheben. Sie wußte seit Jahren, daß sie einen Marquis heiraten sollte. Nur eine Sorge bedrückte ihr das Herz, ohne daß sie es jemals gewagt haben würde, sie jemand zu vertrauen. In dem Salon von Frau Mélier, einer Freundin ihrer Mutter, hatte sie in einem Kostümalbum einen kolorierten Stich gesehen, der einen Marquis darstellte. Es war ein kleiner Greis im Kostüm der Zeit Ludwigs XV., in Kniehosen, Schuhen mit goldenen Schnallen, mit einem Schwert mit stählernem Heft, einem Federhut und einem goldgestickten Rock. Dieses Bild hatte sich ihr so tief eingeprägt, daß sie es bei dem bloßen Wort Marquis deutlich vor sich sah und das arme Kind sich gar nicht vorstellen konnte, daß es noch andre Marquis auf der Welt geben könne. Sie glaubte, daß sie sämtlich nach diesem Muster gezeichnet wären, und fragte sich voll Angst und Sorge, ob sie wohl im stande sein würde, das Lachen zu verbeißen, wenn sie ihrem Manne die Hand reichte.

Während sie sich diesen unschuldigen Schreckensbildern überließ, legte sich Frau Benoît auf die Suche nach einem Marquis. Sie hatte bald gefunden, was sie wollte.

Unter den Schuldnern ihres Vaters, mit denen sie ihre Beziehungen aufrecht erhalten hatte, war der alte Baron Subressac einer der liebenswürdigsten. Er that ihr zuweilen die Ehre an, unter vier Augen bei ihr zu frühstücken, eine Familiarität, die bei einem fünfundsiebzigjährigen Manne nicht kompromittierend ist. Eines Tages fragte sie ihn zwischen den beiden letzten Gläsern einer Flasche Tokayer: »Herr Baron, geben Sie sich zuweilen damit ab, Heiraten zu stiften?«

»Niemals, Kleine, da zu diesem Zweck Institute vorhanden sind.«

Der Baron nannte sie väterlich »Kleine«.

»Aber,« fuhr sie, ohne sich verblüffen zu lassen, fort, »wenn es sich darum handelte, zweien Ihrer Freunde einen Dienst zu erweisen?«

»Wenn Sie einer von beiden wären, gnädige Frau, so würde ich jedem Ihrer Befehle nachkommen.«

»Da sind wir ja schon mitten in der Sache. Ich kenne ein reizendes, wohlerzogenes Kind von sechzehn Jahren, das niemals in einem Pensionat gewesen ist, ein Engel, sage ich Ihnen. Aber ich weiß wirklich nicht, weshalb ich Ihnen ein Geheimnis daraus machen soll, das Kind ist meine Tochter. Ihre Mitgift besteht erstens aus diesem Hause – dies nur der Ordnung wegen – ferner aus einem Walde von vierhundert Hektar Flächeninhalt und einem Hüttenwerk in bester Ordnung, das in den schlechtesten Jahren hundertfünfzigtausend Franken abwirft. Von diesem Einkommen muß sie mir eine Rente von fünfzigtausend Franken zahlen, welche neben einigen kleinen Einkünften, die ich außerdem habe, meine Bedürfnisse deckt. Kurz und gut, ein Haus, ein Wald und hunderttausend Franken Rente.«

»Das läßt sich hören!«

»Aus Gründen sehr zarter Natur, die mitzuteilen ich keine Befugnis habe, muß meine Tochter einen Marquis heiraten; Geld wird nicht verlangt, Alter, Geist, Aussehen, kurz alle äußeren Vorteile spielen keine Rolle; was man will, ist ein beglaubigter Marquis aus gutem Geschlecht, der vom ganzen Faubourg gekannt ist und der sich mit seiner Frau und deren Familie überall sehen lassen kann. Kennen Sie, Herr Baron, einen Marquis, den Sie genugsam lieben, um ihm eine hübsche Frau und hunderttausend Franken Rente zu wünschen?«

»Beim Himmel, Kleine! ich kenne einen. Wenn Ihre Tochter einwilligt bekommt sie einen Mann, den ich wie meinen Sohn liebe. Aber ich gebe Ihnen weit mehr als Sie verlangen.«

»Wahrhaftig?«

»Vor allem ist er jung – achtundzwanzig Jahre.«

»Das ist Nebensache.«

»Sehr schön.«

»Nichtigkeit. Alles Nichtigkeiten.«

»Das wird Ihre Tochter gerade nicht behaupten. Sehr geistreich.«

»Ein überflüssiges Ding im Haushalt.«

»Sehr gut erzogen, ein ehemaliger Schüler der polytechnischen Schule.«

»Schön.«

»Ferner hat er Specialstudien gemacht, die für uns nicht ohne –«

»Sehr schön – nun aber zu dem Soliden, Herr Baron.«

»Was sein Vermögen betrifft, so entspricht es vollkommen Ihrem Programm. Er ist in Grund und Boden ruiniert. Als er aus dem Polytechnikum austrat, hat er um seine Entlassung gebeten, weil –«

»Das sei ihm vergeben, Herr Baron.«

»Das letzte Mal, als er mich besuchte, war der arme Junge im Begriff, eine Stelle zu suchen.«

»Die Stelle für ihn ist gefunden. Aber lieber Baron, nicht wahr, er ist vom besten Adel?«

»Wie Karl der Große. Das ist ja wohl in Ihren Augen das Solide?«

»Selbstverständlich.«

»Einer seiner Vorfahren wäre im Jahre 1098 beinahe König von Antiochien geworden.«

»Und seine Verwandtschaft?«

»Das ganze Faubourg.«

»Ist sein Name bekannt?«

»Wie der Name Heinrich IV. Es ist der Marquis von Outreville. Sie müssen ihn doch kennen.« –

»Ich glaube beinahe. Outreville – ein hübscher Name. Ich werde eine Marmortafel über dem Thorweg anbringen lassen: Hotel Outreville. Aber wird er meine Tochter auch wollen, wird er eine Mesalliance eingehen?«

»Ein Mann schließt überhaupt niemals eine Mesalliance, denn er behält seinen Namen, folglich verliert er nichts. Außerdem besitzt Gaston keinerlei Vorurteile seines Standes. Ich werde ihn gleich aufsuchen und Ihnen spätestens morgen Nachricht bringen.«

»Noch besser, lieber Baron, wenn Sie ihn geneigt finden, kommen Sie gleich morgen mit ihm zu Tisch zu mir. Hat er Familienpapiere – einen Stammbaum?«

»Sicherlich.«

»Wollen Sie ihn nicht veranlassen, dieselben mitzubringen?«

»Wo denken Sie hin, Kleine? Ich selbst werde Ihnen eines Tages dieses Zauberbuch entziffern. Auf Wiedersehen.«

Der Baron begab sich gemächlich nach der Rue Saint-Benoît Nr. 34. Er stieg in die zweite Etage hinauf und klopfte an eine kleine, mit einer Nummer versehene Thür. Der Marquis öffnete ihm in seiner Arbeitsjoppe; in der That, ein schöner, junger Mensch, ein begehrenswerter Mann. Er war etwas zu groß, aber so gut gebaut, daß niemand daran dachte, ihm aus einigen Centimetern zu viel einen Vorwurf zu machen. Seine Füße und Hände bezeugten, daß seine Vorfahren durch mehrere Jahrhunderte hindurch nichts gethan hatten. Sein Kopf war prächtig; die Stirn hoch und breit, von schwarzem Haar umwallt, welches zwanglos nach hinten zurückfiel; seine Augen blau und sehr sanft, von mächtigen Augenbrauen beschattet; die Nase, deren feine Flügel bei der leisesten Erregung zitterten, war stolz gebogen; der Mund ein wenig groß, die Zähne sehr schön; ein dicker schwarzer Schnurrbart umgab die frischen Lippen, ohne sie zu verbergen; seine Gesichtsfarbe war braun und rosig zugleich, die Farbe der Arbeit und der Gesundheit.

Der Baron übersah all diese Eigenschaften mit einem raschen Blick, und indem er Gaston die Hand drückte, sagte er sich: »Ich denke, die Kleine kann mit dem Geschenk zufrieden sein, das ich ihr mache.«

Gaston war von seiner Arbeit aufgestanden, um seinem alten Freunde die Thür zu öffnen. Er war damit beschäftigt, auf einem großen Zeichenbrett eine Zeichnung in chinesischer Tusche zu entwerfen, unter der die Worte standen: »Grundriß, Durchschnitt und Aufriß eines Sparofens.« Sein Tisch war mit Zeichnungen und Broschüren bedeckt, deren Titel einer durch den andern halb versteckt, ganz dazu angethan waren, die Neugier selbst des Gleichgültigsten zu erregen.

Man las, oder besser erriet die folgenden Ueberschriften: Ueber einen neuen, schmelzbaren Stahl – Neues System für Hochöfen – Die häufigsten Unglücksfälle in Bergwerken und die Mittel, denselben vorzubeugen – Verfahren, Räder aus einem Stück zu gießen, welche – Rationelle Anwendung brennbarer Mineralien in – Neuer Dampfblasebalg für Hüttenwerke. –

War jemandes Blick einmal auf diesen Tisch gefallen, hatte er auch für nichts andres mehr Sinn. Das kleine Bett, schmal wie für einen Schüler, die sechs mit Wollendamast überzogenen Stühle, der Lehnstuhl aus Utrechter Samt, das kleine mit Büchern überladene Büchergestell, die stehengebliebene Uhr, die beiden Blumenvasen mit künstlichen Blumen unter Glasglocken, die Bilder von La Fayette und General Foy, die roten Gardinen mit den gelben Kanten, alles verschwand vor diesem Berge voll Arbeit und Zukunftshoffnungen.

»Mein Kind,« sagte der Baron, »es sind acht ganze Tage her, daß ich Sie nicht gesehen habe, wie steht's mit Ihren Angelegenheiten?«

»Ich kann Ihnen gute Nachrichten geben, ich habe eine Stelle. Vor einigen Tagen ließ ich ein Inserat in die Zeitungen rücken. Einer meiner alten Schulkameraden, welcher die Bergwerke von Poullaouen in Finistère leitet, erriet meinen Namen aus den Anfangsbuchstaben. Er hat mich den Administratoren vorgeschlagen, und man hat mir eine Stelle mit dreitausend Franken vom ersten Mai ab angeboten. Es war die höchste Zeit. Meine letzten hundert Franken sind bereits angerissen. In fünf Tagen reise ich nach der Bretagne. Poullaouen ist ein trübseliges Land, in dem es zehn Monate im Jahre regnet, und Sie wissen, wie sehr ich die Sonne liebe; aber ich habe dort Gelegenheit, meine Studien fortzusetzen, meine Theorieen praktisch zu erproben, meine Kenntnisse in größerem Maßstabe zu erweitern; immerhin eine Zukunft.«

»Da komme ich ja recht schlecht an! Ich wollte Ihnen einen andern Vorschlag machen.«

»Sprechen Sie getrost; ich habe noch nicht geantwortet.«

»Wollen Sie heiraten?.«

Der Marquis schnitt mit vollster Aufrichtigkeit ein Gesicht.

»Sie sind sehr gütig, sich so freundlich mit mir zu beschäftigen,« sagte er, dem alten Manne beide Hände reichend, »aber ich habe niemals an dergleichen gedacht. Ich habe wirklich keine Zeit dazu; es gibt noch tausend Dinge, die ich entdecken möchte, und die Wissenschaft ist eifersüchtig.«

»Papperlapapp!« lachte der Baron. »Sie sind achtundzwanzig Jahre alt und leben hier wie ein Kartäuser. Ich biete Ihnen die Hand eines klugen, hübschen, wohlerzogenen sechzehnjährigen Mädchens, und Sie haben keine bessere Antwort!«

Ein jugendlicher Glanz blitzte in Gastons schönen Augen auf, aber nur für einen Augenblick.

»Tausend Dank, aber ich habe wirklich keine Zeit. Die Ehe würde mir Pflichten auferlegen, die meiner Geschmacksrichtung vollständig entgegengesetzt sind, Dinge, die mir unerträglich sein würden – die –«

»Sie wird Ihnen gar nichts auferlegen. Ihr künftiger Schwiegervater ist seit fünfzehn Jahren tot; die Familie besteht nur aus einer Schwiegermutter, welche, trotz ihrer Ansprüche, eine vortreffliche bürgerliche Person ist. Um Ihnen eine Idee von ihr zu geben, will ich Ihnen gleich sagen, daß sie mich beauftragt hat, Sie morgen zu Tisch mitzubringen, falls Ihnen der Heiratsvorschlag nicht mißfällt. Sie sehen, ceremoniell geht es nicht bei ihr zu.«

»Tausend Dank, aber Poullaouen liegt mir in den Gliedern.«

»Ist das ein Mensch! Man sichert ihm kontraktlich ein Haus in der Rue Saint Dominique, einen vierhundert Hektar großen Wald in der Lorraine und hunderttausend Franken Rente zu! Bietet man Ihnen in Poullaouen etwa ebensoviel?«

»Nein, aber dort bin ich in meinem Element. Würden Sie einem Fisch hunderttausend Franken Rente bieten, damit er außer dem Wasser lebe?«

»Schön, schön, sprechen wir nicht weiter davon. Ich hatte Ihnen nur im Vorübergehen diesen Vorschlag machen wollen. Jetzt muß ich ein paar Besuche machen, auf Wiedersehen. Ich sehe Sie doch noch vor Ihrer Abreise?«

Der Baron ging mit einem malitiösen Lächeln bis an die Thür. Auf der Schwelle wandte er sich noch einmal um und sagte zu Gaston: »Die hunderttausend Franken Rente sind die Revenüen eines prachtvollen Hüttenwerks.«

Gaston hielt ihn fest: »Eines Hüttenwerks! Ich heirate! Erlauben Sie, daß ich Sie morgen zum Mittagessen bei meiner Schwiegermutter abhole?«

»Nein, nein, heiraten Sie nur Ihr Poullaouen!«

»Lieber alter Freund!«

»Nun meinetwegen, also bis morgen!«

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