Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edmond About >

Pariser Ehen

Edmond About: Pariser Ehen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorEdmond About
titlePariser Ehen
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1886
translatorDora Duncker
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181030
projectida5a0c2fd
Schließen

Navigation:

Die Zwillinge aus dem Hotel Corneille.

Erstes Kapitel

Als ich noch Kandidat auf der Normalschule Institut, welches Professoren und höhere Lehrer für die Universitätscarriere ausbildet. war, im Oktober des Jahres 1848, schloß ich Freundschaft mit zweien meiner Mitbewerber, den Brüdern Debay. Sie waren aus der Bretagne, in Auray geboren, und hatten das Gymnasium in Vannes besucht. Obwohl sie bis auf wenige Minuten gleichaltrig waren, ähnelten sie sich in keiner Weise; ich habe noch niemals ein Paar so schlecht assortierter Zwillinge gesehen. Matthieu Debay war ein kleiner Mensch von dreiundzwanzig Jahren, von möglichst häßlichem und verkümmertem Ansehn. Seine Arme waren zu lang, seine Schultern zu hoch, seine Beine zu kurz, man könnte sagen, sein Buckel sei auf eine falsche Stelle gerutscht. Sein Bruder Léonce dagegen war der Typus aristokratischer Schönheit, groß, schön und schlank gewachsen, mit einem griechischen Profil, einem Paar kühner Augen und einem prachtvollen Schnurrbart. Seine blauschwarzen Haare umgaben sein Haupt wie die Mähne eines Löwen. Der arme Matthieu war nicht gerade rothaarig, aber viel fehlte nicht daran; sein Haar und Bart bildeten eine Musterkarte von allen möglichen Farben. Hübsch an ihm waren seine kleinen grauen Augen voller Sanftmut, Naivetät und Güte. Die Schönheit, die seine ganze Persönlichkeit so sehr im Stich gelassen, hatte sich in diesen Winkel geflüchtet.

Als die beiden Brüder sich zum Examen präsentierten, trug Léonce einen kleinen Spazierstock mit silbernem Knopf, der viel Neid erregte. Matthieu dagegen hatte einen großen roten Regenschirm philosophisch unter dem Arm, der ihm das Wohlwollen der Examinatoren verschaffte. Dennoch wurde er gleich seinem Bruder zurückgewiesen; sie hatten auf dem Gymnasium in Vannes nicht genug Griechisch gelernt. Matthieu wurde auf der Schule lebhaft bedauert; es war sein Beruf, sein Wunsch, zu lernen, seine Leidenschaft, zu unterrichten; er war zum Professor geboren.

Was aber Léonce betraf, so waren wir einstimmig der Meinung, daß es sehr schade um einen so schönen Jungen gewesen wäre, wenn er sich, gleich uns, in die zur Universität gehörige klösterliche Vorbereitungsschule eingesperrt hätte. Ihn in der Robe zu sehen, würde uns fast so traurig gemacht haben, als wenn er sich in ein geistliches Gewand gesteckt hätte.

Die beiden Brüder waren nicht ohne Hilfsmittel. Ja, wir hielten sie sogar für reich, wenn wir ihr Vermögen mit dem unsrigen verglichen: sie waren im Besitz eines Onkel Yvon. Dieser Onkel Yvon war ein alter Küstenschiffahrtskapitän, außerdem Schiffsreeder für den Sardinenfang, Besitzer von mehreren Schiffen, einer Menge von Netzen, einiger liegender Güter und eines hübschen Hauses am Hafen von Auray.

Da er niemals Zeit gehabt hatte, sich zu verheiraten, war er Junggeselle geblieben. Er hatte ein sehr gutes Herz für die Armen, und vor allem für seine Familie, die es sehr nötig hatte. Die Bewohner von Auray hielten ihn in hohen Ehren: er gehörte zum Gemeinderat, und wenn die kleinen Jungen ihm auf der Straße begegneten, nahmen sie die Mützen ab und sagten: »Guten Tag, Kapitän Yvon.« Dieser ehrenwerte Mann hatte Herrn und Frau Debay in sein Haus aufgenommen und zweihundert Franken monatlich für die Kinder ausgesetzt.

Dank dieser Freigebigkeit konnten Léonce und Matthieu im Hotel Corneille wohnen, welches für das Studentenviertel das ist, was für die Boulevards das Hotel des Princes.

Ihr Zimmer kostete fünfzig Franken monatlich, aber es war auch ein schönes Zimmer, mit zwei Mahagonibettstellen mit roten Vorhängen, zwei Fauteuils und mehreren Stühlen, einem Bücherschrank mit Glasscheiben, und sogar (Gott verzeih mir) einem Teppich. Die Herren speisten im Hotel, in dem die Pension für fünfundsiebzig Franken monatlich nicht schlecht war. Diese Lebensweise verschlang die zweihundert Franken von Onkel Yvon; für die übrigen Ausgaben kam Matthieu auf. Er war zu alt, um sich zum zweitenmal zum Lehrerseminar zu melden, und sprach sich gegen seinen Bruder dahin aus, daß er sich zum Examen für die Licentiatur vorbereiten wolle. »Als Licentiat werde ich meine öffentliche Dissertation für das Doktorat schreiben, und für den Dr. Debay wird sich früher oder später schon irgend eine Stelle in einer Fakultät finden. Du wirst Mediziner oder Jurist, du brauchst nur zu wählen.«

»Und das Geld dazu?« fragte Léonce.

»Das werde ich schon schaffen. Ich bin bereits im Gymnasium Sainte Barbe gewesen, habe um Stunden gebeten und bin als Repetitor für Tertia und Sekunda angestellt. Das sind zwei Stunden Arbeit jeden Morgen, und zweihundert Franken monatlich. Ich muß um fünf Uhr aufstehen, aber wir werden reich werden.«

»Du gehörst ja auch zu der Familie der Frühaufsteher,« fügte Léonce hinzu, »und es macht dir Vergnügen, die Sonne aufzuwecken.«

Léonce erwählte die Rechtswissenschaft. Er sprach wie ein Orakel, und niemand zweifelte daran, daß er einen ausgezeichneten Advokaten abgeben würde. Er hörte die Vorlesungen, schrieb sie nach und arbeitete sie mit Sorgfalt aus, dann machte er Toilette, lief in der Stadt umher, zeigte sich an den vier Hauptpunkten und brachte seine Abende im Theater zu.

Matthieu in seinem haselnußfarbigen Paletot, den ich noch vor mir sehe, hörte sämtliche Professoren der Sorbonne und arbeitete abends in der Bibliothek Sainte Geneviève. Das ganze Quartier latin kannte Léonce, keine Seele ahnte etwas von Matthieus Existenz.

Ich besuchte sie beinahe bei allen meinen Ausgängen, das heißt Donnerstags und Sonntags. Sie liehen mir häufig Bücher. Matthieu hegte eine große Verehrung für George Sand: Léonce war für Balzac förmlich fanatisiert. Der junge Professor wurde der Gesellschaft von François le Champi und der kleinen Fadette nicht müde. – Léonces lebhaftes Temperament verfolgte ganz andre Wege. Begierig, die Geheimnisse von Paris zu ergründen, lüstern nach Glanz und Vergnügungen, atmete er aus Balzacs Romanen eine Luft, berauschend wie die Wohlgerüche tropischer Gewächse. Geblendet folgte er den wundersamen Glückszügen der Rubempré, der Rastignac, der Henri de Marsay. Er schlüpfte in ihre Kleider, schlich sich in ihre Kreise und war bei ihren Duellen, ihren Liebesaffairen, ihren Unternehmungen und ihren Siegen gegenwärtig, um schließlich mit ihnen zu triumphieren.

Nach solcher Lektüre pflegte er sein Bild im Spiegel zu betrachten. »Waren sie besser als ich? Bin ich ihnen nicht ebenbürtig? Was hindert mich daran, es eben so weit zu bringen? Ich bin gerade so schön und klug wie sie, habe eine Bildung genossen, die sie niemals gehabt haben, und was noch mehr wert ist, ich habe Pflichtgefühl. Schon auf der Schule hat sich mir die Unterscheidung von Gut und Böse eingeprägt. Ich werde ein de Marsay ohne seine Laster, ein Rubempré ohne Vautrin, ein gewissenhafter Rastignac sein; welche Zukunft! Jeglicher Genuß der Freude mit dem Stolz der Tugend gepaart!«

Zuweilen gingen wir zusammen aus. Léonce führte uns nach dem Boulevard des Italiens und in die schönsten Stadtteile von Paris; dort suchte er sich Häuser aus, kaufte Pferde und nahm Lakaien in seine Dienste. Sobald er ein häßliches Gesicht in einem eleganten Wagen sah, pflegte er zu sagen: »Alles geht einen verkehrten Gang, das Weltall ist ein ganz dummes Land. Würde uns diese schöne Equipage nicht hundertmal besser stehen?« Uns sagte er aus Höflichkeit.

Seine Leidenschaft für Pferde war eine so heftige, daß Matthieu zwanzig Abonnementskarten in der Reitbahn für ihn nahm.

Wenn Matthieu uns führte, so schlug er stets den Weg nach dem Wäldchen von Meudon und Clamart ein. Er fand es auf dem Lande immer schöner als in der Stadt, sogar im Winter, und die Raben im Schnee waren ihm ein weit angenehmerer Anblick, als die Menschen auf den Straßen. Léonce folgte uns langsam, vor sich hinsprechend. Mitten im Walde träumte er von geheimnisvollen Verbindungen und schlug uns vor, uns zur Eroberung von Paris zu verbünden. Ich selbst veranlaßte meine Freunde zu einigen besondern Gängen. Auf der Schule hatte man eine kleine Wohlthätigkeitsanstalt gegründet. Eine Selbstbesteuerung von einigen Sous wöchentlich, der Ertrag einer jährlichen Lotterie und die alten Schulkleider bilden einen bescheidenen Fonds, aus dem täglich genommen wird, ohne daß er jemals erschöpft würde. An die Armen werden gedruckte Kärtchen verteilt, welche Holz, Brot oder Suppe, ein paar Kleidungsstücke, ein wenig Wäsche und sehr viel gute Worte repräsentieren. Der große Nutzen dieser kleinen Institution ist der, daß die jungen Leute Elend und Armut kennen lernen.

Matthieu begleitete mich weit öfter als Léonce auf den krummen Treppen des zwölften Bezirks. Léonce pflegte zu sagen: »Die Armut ist ein Problem, zu dem ich die Lösung finden werde. Ich will all meinen Mut zusammennehmen, all meinen Abscheu überwinden und bis in das tiefste Innere dieser entsetzlichen Häuser eindringen, in die weder Sonne noch Nahrung ihren Weg finden.« Léonce sprach ganz vortrefflich, aber Matthieu war es, der mich begleitete.

Eines Tages ging er mit mir in die Rue Traversine zu einem armen Teufel, dessen Name mir entfallen ist; ich weiß nur noch, daß er der »Kleine Graue« genannt wurde, weil er klein und grauhaarig war. Er hatte eine Frau, aber keine Kinder, und besserte die Strohgeflechte an Stühlen aus. Im Juli 1849 besuchten wir ihn zum erstenmal. Matthieu fühlte sein Blut erstarren, als er die Rue Traversine betrat. Es ist eine Straße, der ich nichts Uebles nachsagen will, da sie binnen sechs Monaten abgerissen sein wird. Immerhin gleicht sie den Straßen in Konstantinopel ein wenig zu stark. Sie liegt in einem Viertel von Paris, das die Pariser gar nicht kennen. Es ist möglich, daß sie gepflastert oder makadamisiert ist, aber ich möchte nicht dafür einstehen. Der Boden ist mit zerschnittenem Stroh und Abgang aller Art bedeckt, in deren Schmutz sich eine Unmenge von Hemdenmätzchen umherwälzt. Rechts und links erheben sich zwei Reihen hoher, kahler, schmutziger Häuser, mit kleinen gardinenlosen Fenstern. Eine jede Fassade ist mit einer Anzahl malerischer Lumpen geschmückt, welche darauf warten, vom Winde getrocknet zu werden. Die Rue de Rivoli ist allerdings bedeutend schöner, aber der Kleine Graue hatte in der Rue de Rivoli nichts gefunden. Er erzählte uns seine Leidensgeschichte; er verdiente täglich einen Frank. Seine Frau flocht Strohdecken, was ihr fünfzig bis sechzig Centimen einbrachte. Ihre Wohnung bestand aus einem Zimmer im fünften Stock, dessen Fußboden aus einer Schicht gestampfter Erde bestand; das Fenster war aus geölten Papierstücken zusammengesetzt.

Ich zog einige Bons für Brot und Bouillon aus der Tasche, welche der Kleine Graue mit etwas ironischem Lächeln in Empfang nahm.

»Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte er, »wenn ich mich in Dinge mische, die mich nichts angehen; aber es kommt mir so vor, als ob man mit diesen kleinen Karten Elend und Armut nicht besser mache. Man könnte gerade so gut Charpie auf ein hölzernes Bein legen. Sie haben sich die Mühe gemacht, mit Ihrem Freunde bis in meinen fünften Stock heraufzusteigen, um mir sechs Pfund Brot und zwei Liter Bouillon zu bringen. Dadurch sind wir für zwei Tage versorgt. Aber werden Sie übermorgen wiederkommen? Das ist unmöglich, denn Sie haben mehr zu thun. In zwei Tagen werde ich also genau auf demselben Punkte sein, als ob Sie niemals hier gewesen wären. Ja, noch mehr, ich werde sogar noch stärkeren Appetit haben, denn nach einem guten Diner ist der Magen doppelt hungrig. Wenn ich so reich wäre wie Sie,« – Matthieu stieß mich mit dem Ellbogen in die Seite – »würde ich die Sache so arrangieren, daß den Leuten für den Rest ihres Lebens geholfen wäre.«

»Und wie? Wenn das Mittel gut ist, wollen wir es uns gern zu nutze machen.«

»Es gibt zweierlei verschiedene Arten; entweder man kauft den Armen ein kleines Geschäft, oder man verschafft ihnen eine Anstellung bei der Regierung.«

»Sei doch still,« rief seine Frau ihm zu, »ich habe dir immer gesagt, daß du dir mit deinem Ehrgeiz noch schaden würdest.«

»Was ist dabei, wenn ich die Fähigkeiten habe? Ich gebe es vollkommen zu, daß ich stets die Absicht gehabt, mich um eine Stelle zu bewerben.«

»Und die wäre?« fragte Matthieu.

»Straßenfeger von Paris. Man verdient täglich seine zwanzig Sous und ist spätestens um zehn Uhr morgens frei. Meine lieben Herren, wenn Sie mir diese Anstellung verschafften, würde ich mein Einkommen verdoppeln, hätte zu leben, und Sie brauchten nicht mehr mit Ihren Kärtchen in der Tasche hier heraufzusteigen, ich würde zu Ihnen kommen, um Ihnen zu danken.«

Wir hatten keine Bekanntschaften auf der Präfektur, aber Léonce kannte den Sohn eines Polizeikommissarius und machte von dessen Einfluß Gebrauch, um die Ernennung des Kleinen Grauen zu bewirken. Als wir ihm unsern Gratulationsbesuch machten, war das erste Möbel, das uns ins Auge fiel, ein Riesenbesen, dessen Stiel durch einen eisernen Reif vervollständigt war. Der Amtsinhaber des Besens dankte uns aufs wärmste.

»Dank Ihrer Güte,« sagte er, »verdiene ich, was ich brauche, meine Vorgesetzten schätzen mich bereits, und ich zweifle nicht daran, daß es mir gelingen wird, meine Frau in meiner Brigade anwerben zu lassen, dann sind wir reich. Aber auf unserm Flur wohnen zwei Damen, die Ihres Beistandes sehr bedürfen; leider eignen sich ihre Hände nicht zum Straßenkehren.«

»Wir wollen sie besuchen,« sagte Matthieu.

»Lassen Sie sich erst von ihnen erzählen. Es sind nicht Leute wie meine Frau und ich, sie haben bessere Tage gesehen. Die Dame ist Witwe. Ihr Mann hatte ein Engrosgeschäft in Juwelen in der Rue d'Orléans im Marais. Im vorigen Jahre ist er mit einer von ihm erfundenen Goldscheidemaschine nach Kalifornien gereist, aber das Schiff ist unterwegs mit Mann und Maus und Maschine untergegangen. Die Damen haben in der Zeitung gelesen, daß kein Span gerettet worden ist. Da haben sie das Wenige verkauft, was ihnen übrig geblieben ist, und sind nach der Rue d'Enfer gezogen; dann ist die Dame krank geworden, die Krankheit hat aufgezehrt, was sie noch besessen, und sie sind hierher gekommen. Sie sticken von morgens bis abends, ob ihnen auch die Augen versagen, aber sie verdienen sehr wenig. Meine Frau hilft ihnen die Wirtschaft besorgen, wenn sie Zeit hat; wenn man auch nicht reich ist, so kann man doch denen, die gar zu tief im Elend sind, immer noch durch eine kleine Handreichung nutzen. Ich erzähle Ihnen das nur, um Ihnen zu sagen, daß diese Damen von niemand etwas erbitten, und daß eine Form dafür gefunden werden müßte, damit sie etwas annehmen. Außerdem ist das Fräulein reizend wie ein Engel, und Sie wissen, wie scheu das macht.«

Matthieu wurde ganz rot bei dem Gedanken, daß er hätte indiskret werden können.

»Wir werden schon ein Mittel finden,« sagte er. »Wie heißt die Dame?«

»Frau Bourgade.«

»Danke Ihnen.«

Zwei Tage später übernahm es Matthieu, der sich stets dagegen gesträubt hatte, Privatstunden anzunehmen, einen jungen Mann für das Baccalaureat vorzubereiten. Er betrieb den Unterricht so eifrig, daß sein Schüler, der bereits vier- oder fünfmal abgewiesen worden war, am 18. August, bei Beginn der Ferien, inskribiert wurde. Erst jetzt begaben sich die beiden Brüder auf ihre Reise nach der Bretagne. Ehe Matthieu abreiste, übergab er mir fünfzig Franken. »Ich werde fünf Wochen fortbleiben,« sagte er, »denn ich muß im Oktober zum Schluß der Ferien und zum Licentiatenexamen zurück sein. Sei so gut, jeden Montag auf die Post zu gehen und eine Postanweisung auf zehn Franken an Frau Bourgade einzuzahlen, die Adresse kennst du ja. Sie glaubt, daß das Geld von einem Schuldner ihres Mannes kommt, der seine Schuld nach und nach abbezahlt. Laß dich aber in dem Hause nicht sehen, der Argwohn der Damen darf nicht erweckt werden. Wenn eine von beiden krank werden sollte, wird dich der Kleine Graue benachrichtigen, und du schreibst es mir umgehend.«

Hatte ich nicht recht gehabt, daß in Matthieus kleinen grauen Augen nur gute und edle Empfindungen lebten! Schade, daß ich mir den Brief nicht aufgehoben habe, den er mir während der Ferien geschrieben hat! Es würde jedem Vergnügen machen, ihn zu lesen. Er schilderte mir mit einem kindlichen Enthusiasmus das rings von Ginster vergoldete Land, die Druidensteine von Carnac, die Dünen von Quiberon, den Sardinenfang im Golf und die roten Segel der Flotte, welche die Austern in der Bucht von Auray sammelt. Alles erschien ihm nach einjähriger Abwesenheit neu und schön. Sein Bruder langweilte sich, wenn er an Paris dachte, er dagegen fand nichts als Freude und Vergnügen. Die Eltern waren wohl, Onkel Yvon dick und fett, das Haus so schön, die Betten so weich, die Tafel so reichlich besetzt. – Ich glaube, ich vergaß zu erzählen, daß Matthieu für zwei aß.

»Das einzige, was mich betrübt,« schrieb er mir in einem Postskript, »muß ich Dir erzählen, auf die Gefahr hin, daß Du Dich über mich lustig machst. Es stehen im Hause zwei große, schön gedielte, gut gelüftete, wohl möblierte Zimmer leer, die niemand gebraucht. Ich bin überzeugt, daß mein Onkel sie um einen Spottpreis an eine anständige Familie vermieten würde. Und da bezahlt man hundert Franken jährlich, um in der Rue Traversine zu wohnen!«

Matthieu kam im Oktober mit seinem Licentiatendiplom zurück. Die Urteile der Examinatoren waren so günstig, daß ihm eine Professur im Lyceum von Chaumont angetragen wurde; aber er konnte sich nicht entschließen, seinen Bruder in Paris allein zu lassen. Von Zeit zu Zeit erzählte er mir einiges aus der Rue Traversine und sagte mir, daß Frau Bourgade leidend sei. Die Teilnahme, die er für seine unsichtbaren Schützlinge hegte, läßt sich erst dann ganz erklären, wenn man das Geheimnis seiner Jugend kennt – Matthieu hatte noch nie geliebt. Da seine Kameraden ihm keine Neckereien über seine Häßlichkeit erspart hatten, hielt er sich ungefähr für ein Ungeheuer. Hätte jemand versucht ihm zu sagen, daß eine Frau ihn lieben könnte, so wie er sei, so würde er ohne Zweifel geglaubt haben, man wolle sich über ihn lustig machen. Er ging an den Frauen vorüber, ohne die Augen aufzuschlagen; er fürchtete, sein Anblick könne ihnen nur peinlich sein. An dem Tage, als er der unbekannte Wohlthäter eines schönen jungen Mädchens wurde, empfand er im tiefsten Herzen ein Gefühl süßer Befriedigung. Er verglich sich mit dem Helden des Märchens »Die Schöne und das Ungeheuer«, der sein Antlitz verbirgt und nur seine Seele sehen läßt.

Ein unvorhergesehener Zufall brachte ihn mit Fräulein Bourgade zusammen. Er war gerade bei dem Kleinen Grauen, um zu hören, wie es bei den Damen ginge, als Aimée Hilfe rufend hereinkam. Ihre Mutter war in Ohnmacht gefallen. Matthieu eilte mit den andern hinüber. Am nächsten Morgen brachte er einen Assistenzarzt aus dem Hospital de Pitié mit. Frau Bourgade war nur von Erschöpfung krank geworden; er wollte sie bald wieder gesund machen.

Die Frau des Kleinen Grauen wurde als Krankenwärterin angestellt. Sie kaufte die Medizin und die Nahrungsmittel ein und verstand so prächtig zu handeln, daß sie alles für einen Spottpreis erhielt. Frau Bourgade trank einen vorzüglichen Médoc, die Flasche zu sechzig Centimen, und aß Eisenschokolade, das Kilogramm zu zwei Franken.

Alle diese Wunder vollbrachte Matthieu, ohne daß die Damen eine Ahnung davon hatten. Sie hielten ihn für einen gefälligen Nachbarn und glaubten, daß er in der Rue Saint Victor wohne. Die Kranke gewöhnte sich nach und nach an die Gegenwart des jungen Professors, der in seinen Aufmerksamkeiten so zartfühlend wie ein junges Mädchen war; mütterliche Vorsicht führte sie niemals gegen ihn ins Feld; es war schon viel, wenn sie ihn überhaupt als Mann betrachtete. Aus der Einfachheit seines Anzuges schloß sie, daß er arm sei, ja er fing an, ihr dieselbe Teilnahme einzuflößen, die er für sie empfand.

An einem Montag im Dezember kam er bei sehr strenger Kälte im einfachen haselnußfarbenen Rock, ohne Paletot. Nach langen Umschweifen erzählte sie ihm, daß sie eine Summe von zehn Franken zur Disposition habe, und fragte ihn, ob sie ihm die Hälfte leihen dürfte. Matthieu wußte nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Gerade für diese unglückseligen zehn Franken hatte er heute morgen seinen Paletot versetzt. So weit war er schon nach der kurzen Bekanntschaft eines Monats.

Aimée verkehrte viel weniger intim mit ihm; für sie war Matthieu ein Mann. Im Vergleich zu dem Kleinen Grauen und den Bewohnern der Rue Traversine kam er ihr sehr distinguiert vor. Außerdem hatte sie mit ihren sechzehn Jahren noch keine Zeit gehabt, die Menschheit zu studieren. Nicht nur, daß sie von Matthieus Häßlichkeit keine Ahnung hatte, sie wußte auch nichts von ihrer eignen Schönheit; einen Spiegel gab es nicht im Hause.

Frau Bourgade erzählte Matthieu, was er dank der Indiskretion des Kleinen Grauen schon wußte. Ihr Mann hatte mittelmäßige Geschäfte gemacht und kaum verdient, was er brauchte, als er von der Entdeckung der kalifornischen Goldminen hörte. Als vernünftiger Mann sagte er sich sofort, daß die ersten Durchforscher dieses beglückten Landes den in den Felsen vergrabenen Goldbarren und -Klumpen nachgehen würden, ohne sich Zeit zu nehmen, die goldhaltige Erde zu untersuchen. Er sagte sich, daß die sicherste und glänzendste Spekulation darin bestehe, den Minenstaub und den Flußsand zu waschen. Von diesem Gesichtspunkt aus konstruierte er eine sehr sinnreiche Maschine, die er nach sich selbst die Bourgadesche Scheidemaschine nannte. Um eine Probe mit der Maschine zu machen, mischte er dreißig Gramm Goldstaub mit hundert Kilogramm Sand und Erde. Die Scheidemaschine brachte fast das ganze Gold mit einem Verlust von höchstens zwei Decigramm heraus. Infolge dieses Experiments nahm Herr Bourgade das wenige, was er besaß, ließ seiner Familie so viel zurück, daß sie sechs Monate davon leben konnte, und schiffte sich in Bordeaux auf der »Belle Antoinette« ein. Zwei Monate später verschwand die »Belle Antoinette« mit Mann und Maus beim Auslaufen aus dem Fahrwasser von Rio de Janeiro.

Matthieu war der Ansicht, daß sich, ohne deshalb eine Reise nach Kalifornien zu machen, die Erfindung des verstorbenen Bourgade zum Besten der Witwe und ihrer Tochter ausnutzen ließe. Er bat Frau Bourgade, ihm die Pläne zu übergeben, die in ihren Händen waren, und ich wurde damit betraut, dieselben einem Schüler des Polytechnikums zu zeigen. Die Untersuchung währte nicht lange. Schon nach einer Sekunde sagte mir der junge Ingenieur: »Die kenne ich, das ist ja die Bourgadesche Scheidemaschine. Sie ist Gemeingut geworden; die Brasilianer fabrizieren in Rio de Janeiro jährlich zehntausend Stück. Kennst du den Erfinder?«

»Er ist bei einem Schiffbruch umgekommen.«

»Die Maschine hat ihn jedenfalls überlebt.«

Ich ging verdrießlich in das Hotel Corneille zurück, um über meinen Auftrag Rechenschaft abzulegen, und fand beide Brüder in Thränen. Onkel Yvon war an einem Schlagfluß gestorben und hatte ihnen sein ganzes Vermögen hinterlassen.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.