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Pariser Ehen

Edmond About: Pariser Ehen - Kapitel 4
Quellenangabe
authorEdmond About
titlePariser Ehen
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1886
translatorDora Duncker
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel

Nachdem seine Freunde das Haus verlassen hatten, zerfloß Herr Gaillard in wehmütigen Schmerz. Seine Tochter und seine Schwester suchten ihn aufs beste zu trösten.

»Was ist denn dabei,« sagte Fräulein Gaillard die ältere, »ein wenig früher oder später, du hättest ihnen die Heirat ja doch anzeigen müssen.«

»Welche Heirat?«

»Meine, Papa,« erwiderte Rosalie kühn.

»Du sprichst, als ob die Sache abgemacht wäre, du fürchtest dich auch vor gar nichts!«

»Um sich vor dem Glück zu fürchten, müßte man auch ein schöner Hasenfuß sein.«

»Du liebst diesen jungen Künstler also?« (Das Wort Künstler verwundete diese ehrwürdigen Lippen noch immer ein wenig.)

»Ich glaube, daß ich ihn von ganzem Herzen liebe.«

»Glauben genügt nicht, man muß seiner Sache vollständig sicher sein. Denke darüber nach, erwäge sorgfältig das Für und Wider.«

»Es ist alles erwogen, lieber Vater.«

»Fühlst du nicht das Bedürfnis, dich noch ein bis zwei Monate zu sammeln, bevor du einen so wichtigen Schritt thust?«

»Ich sammle mich bereits fünfundzwanzig Jahre und drei Monate, lieber Vater.«

»Oh, diese Kinder! Wenn es zu dieser Heirat kommen sollte, so ist das erste, daß du mir eine holographische Erklärung unterzeichnest, das heißt eine Erklärung von deiner eignen Hand geschrieben, welche besagt, daß es dein eigner Wunsch und Wille ist, Herrn Tourneur zu heiraten.«

»Ich will sie mit beiden Händen unterzeichnen, lieber Vater.«

»Auf diese Weise bin ich wenigstens jeder Verantwortlichkeit ledig, und wenn du mich nach zehn Jahren fragst: ›Weshalb hast du mich an einen Künstler verheiratet?‹, werde ich dir, den Beweis in der Hand, antworten, daß du es so gewollt.«

»Ich werde mich niemals beklagen, bester Vater, aber ich möchte wissen, was dir die armen Künstler gethan, daß du so schlecht über sie denkst?«

»Sage was du willst, ich bleibe bei meiner Behauptung, daß sie eine Kaste bilden, die durchaus außerhalb der Gesellschaft steht. Ich habe ein Verständnis für Fabrikanten und ihre Produkte, für Kaufleute und ihren Vertrieb, für Soldaten, welche ihr Land berühmt machen, für Beamte, welche es verwalten, die Künstler aber stehen von allen ausgeschlossen da, und unsre Vorfahren, die Römer, hatten vollkommen recht, daß sie die Künstler als eine Null, als ein überflüssiges Glied des sozialen Körpers betrachteten.«

»Oh, wie kann man etwas so Häßliches aussprechen: Wenn der arme Henri sich mit Pinsel und Leinwand in sein Atelier einschließt, was thut er denn da?«

»Was er thut –? Nun wahrlich nichts Besondres; er fabriziert Bilder.«

»Aha, ich werde dich beim Wort halten; er fabriziert, er ist Fabrikant. Ein Maler ist ein Bilderfabrikant. Er produziert bemalte Leinwand, wie dein Freund, Herr Cottinet, Mützenschirme zu fabrizieren pflegte!«

»Das ist ein Unterschied!«

»Das gebe ich zu. Nun, und wenn er seine Bilder fertig hat, was thut er dann? läßt er sie bei sich stehen?«

»Nein, er verkauft sie.«

»Siehst du wohl, er verkauft sie. Er setzt seine Produkte ab, vertreibt seine Ware, treibt Handel, folglich ist er Kaufmann.«

»Das sind unnütze Wortspiele.«

»Ganz und gar nicht: ich spiele nicht mit Worten, ich schließe durchaus logisch; und wenn er eine Anzahl von Meisterwerken geschaffen haben wird (und seine Bilder sind Meisterwerke), dann wird man sagen, daß Paris es sich zur Ehre rechnet, dem berühmten Henri Tourneur das Leben gegeben zu haben; Henri Tourneur, dessen Bilder die alten Niederländer beschämen und das moderne Frankreich berühmt machen. Ich meine, das wiegt schon ein paar Unterlieutenantsepauletten auf. Vor Ablauf von zwei Jahren bekommt er einen Orden, das hat ihm der Minister versprochen. Nun, was verstehst du sonst noch unter Ruhm?«

»Sage, was du willst, das ist nicht –«

»Ich bin nicht gesonnen, dir eine Silbe meines Arguments zu schenken. Du hast vorhin von Beamten gesprochen, ich versichere dich, daß Henri zehnmal mehr Beamter ist, als du.«

»Das möchte ich 'mal sehen!«

»Was ist ein Beamter? Ein Mann im Dienste des Staates, dessen Einkommen im Staatsbudget festgesetzt ist, je höher der Gehalt, je mehr ist man Beamter. Da Henri einen Auftrag vom Ministerium erhält, der ihn während der Dauer eines ganzen Jahres beschäftigen wird, stellt er sich in den Dienst des Staates, oder nicht? Und wenn er sich am Ende des Jahres vierzigtausend Franken auszahlen läßt, ist er dann nicht zehnmal mehr Beamter als du, der du nur viertausend beziehst?«

»Du bist ein großes Kind. Das beweist nur –«

»Daß du mich mit meinem lieben Henri verheiraten mußt, wenn du willst, daß ich einen Fabrikanten, einen Kaufmann und einen Beamten in einer Person heirate.«

»Habe ich denn Zeit, dich zu verheiraten, du schreckliches Mädchen? Da sind doch vor allem meine Baustellen; es ist die Rede davon, eine Arbeiterstadt darauf zu begründen. Ich habe die Liste des Verwaltungsrats gelesen; lauter vortreffliche Männer. Sie haben sich durch einen meiner Chefs an mich gewandt; sie wollen mir eine Million bar auf den Tisch zählen und mir eine Parzelle von zwanzig Meter Länge und fünfzehn Meter Breite zum Bauen überlassen. Der Antrag ist brillant, wenn ich nur wüßte, was ich thun soll?«

»Annehmen, da er brillant ist.«

»In zehn Jahren ist er aber vielleicht noch brillanter!«

»Und in hundert Jahren der denkbar brillanteste, nur, daß wir dann nichts mehr davon haben.«

»Mein Kopf platzt, gute Nacht – ich gehe zu Bett.«

»Ohne eine Entscheidung, Papa?«

»Guter Rat kommt über Nacht.«

Am nächsten Morgen, nachdem er ein Pfund Brot und eine enorme Tasse Milchkaffee zu sich genommen hatte, ging Herr Gaillard unschlüssiger denn je auf sein Büreau. Er konnte kaum in der Rue Saint Lazare angekommen sein, als seine Schwester und seine Tochter ein so heftiges Läuten hörten, wie es vordem niemals in diesem Hause vernommen worden war. Rosalie lief, in dem festen Glauben, daß ihrem Vater ein Unglück zugestoßen sei, an die Thür. Draußen stand Herr von Chingru, bis an den Hals zugeknöpft, mit einer Miene geheimnisvoller Wichtigkeit. »Verzeihen Sie, meine Damen, daß ich Sie zu so früher Stunde störe. Ich komme, um die Pflicht eines Ehrenmannes zu erfüllen. Ich war es, der Herrn Henri Tourneur unter dem Vorwand hier eingeführt, daß er eine Baustelle kaufen wollte, gebe Gott, daß ich noch zu rechter Zeit komme, um den Folgen meiner Unvorsichtigkeit vorzubeugen.«

»Sagen Sie schnell, was Sie sagen wollen, was ist geschehen?« fragte Rosalie.

»Sie sind Zeuge, mein Fräulein, daß ich stets Herrn Tourneurs Lob gesungen habe –«

»Ja, mein Herr, und was weiter?«

»Ich habe Ihnen, Ihrer Fräulein Tante, Ihrem Herrn Vater gesagt, daß Tourneur ein Künstler von Talent, von vortrefflichem Herzen, was wir so nennen, ein guter Kerl sei. Als guten Kameraden habe ich ihn beurteilt und meine Meinung ist dieselbe geblieben; wollten Sie mich nochmals über ihn befragen, ich würde Ihnen heute dieselbe Antwort geben wie damals. Aber ich habe nicht gewußt, daß Ihr Vater andre Absichten hatte, ich habe nicht gewußt, daß er Sie mit Tourneur verheiraten wollte. Ich würde Ihnen in diesem Falle sicherlich nicht gesagt haben: ›Heiraten Sie ihn nicht, er ist Ihrer unwürdig, Sie werden es bereuen‹, denn ich bin nicht der Mann dazu, einem Freunde zu schaden, aber ich hätte Sie in Ihrem Interesse darauf aufmerksam gemacht, daß ein Etwas, ein Hindernis, vorhanden. Ich würde Ihnen ferner gesagt haben: ›Es gibt Frauen, die sich vor solchem Hindernis entsetzen, andre, welche es für gering erachten; Sie selbst werden am besten wissen, ob Sie sich in einen Kampf mit dieser Person einlassen wollen, ob Sie es mit den Erinnerungen an ein Verhältnis und alles, was damit zusammenhängt, aufnehmen können. Wenn Sie glauben, die Stärkere zu sein, wohlan, so heiraten Sie ihn.‹«

Herr von Chingru hatte seine Rede noch kaum beendet, als er schon die Früchte seines Vortrags erntete.

Rosalie weinte nicht, nein, die Thränen stürzten ihr, wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, förmlich aus den Augen. Aber nur einen Augenblick lang; dann war das tapfere Mädchen seines Schmerzes Herr.

»Ich bin Ihnen für Ihre guten Absichten sehr verbunden,« sagte sie, »aber wir wußten dies alles bereits,« und um die Wirkung ihrer offenbaren Lüge zu befestigen, fügte sie hinzu: »Herr Tourneur hat uns die Geschichte des Verhältnisses erzählt, von dem Sie sprechen, Sie haben uns nichts Neues gesagt. Uebrigens hat er ja längst gebrochen, nicht wahr?«

»Ich glaube es, mein Fräulein, soweit so etwas abzubrechen ist.«

»Das genügt vollkommen, und wenn keine weitere Pflicht Sie hier fesselt –«

»Ich – wenn Sie – das heißt – Sie werden begreifen, mein Fräulein, daß, wenn man in die Notwendigkeit versetzt wird, entweder zu sprechen oder zu schweigen –«

»Sie haben geschwiegen, als es Ihre Pflicht war, zu sprechen, und gesprochen, als Sie hätten schweigen müssen – Leben Sie wohl, mein Herr!«

Auf diese Weise wurde Herr von Chingru vor die Thür gesetzt.

An demselben Tage um vier Uhr nachmittags, als Herr Gaillard gerade im Begriff war, seine Schreibfeder, sein Federmesser und seinen schwarzen Schreibärmel einzuschließen, trat ein großes, schönes Weib, gelb wie eine Zitrone, in sein Büreau.

»Mein Herr,« rief sie in einer stark accentuierten Sprachweise, »mein Herr, er ist ein Ungeheuer. Ich habe ihn geliebt, ich liebe ihn noch; ich habe meine Heimat, meine Familie und die Skala, an der ich Primadonna war, um seinetwillen verlassen. Er ist im Begriff, sich zu verheiraten, um mich mit unsern beiden armen Kindern Enrico und Henriette meinem Schicksal zu überlassen. Oh, mein Herr, er ist ein Ungeheuer, ein entarteter Vater. Ich verbiete Ihnen, ihm Ihre Tochter zur Frau zu geben. Mein lieber Gaillard, du siehst wie ein Ehrenmann aus, versprich mir, daß du ihm deine Tochter nicht geben wirst. Du siehst ja, daß ich halb wahnsinnig vor Kummer bin; du verstehst mich doch, mein guter Gaillard, ich kann nicht französisch, mi spiego schlecht, aber daß ich, daß ich – das siehst du wohl! – ich weiß nicht mehr, was ich rede, ich bin halb wahnsinnig. Wenn er sich verheiratet, l'ammazzero – ich morde ihn samt seinem Weibe; ich lege Hand an mich selbst, ich stecke die Kirche in Brand und pilgre dann nach Rom zur Buße. Schwöre mir, daß du ihm deine Tochter nicht zur Frau gibst!«

Herr Gaillard hielt dieser Ueberrumpelung aus lieblich vermischtem Französisch und Italienisch stand und entwirrte nach bestem Vermögen den schwülstigen Wortschwall, durch den er erfuhr, daß sein zukünftiger Schwiegersohn Mellina Barni verführt und verlassen habe. Er tröstete die schöne Unglückliche so gut er es vermochte, und schrieb umgehend das folgende Briefchen, welches er einem Dienstmann zur Bestellung übergab:

 

Paris, Montag, 30. Juli 1855, 4 1/4 Uhr.

»Mein Herr!

»Fräulein Mellina Barni hat mich auf meinem Büreau besucht; damit ist wohl alles gesagt. Die junge Dame scheint mir außerordentlich interessant zu sein, und ich bin nicht grausam genug, um sie von dem Vater ihrer Kinder trennen zu wollen.

»Genehmigen Sie, mein Herr, die Versicherung meiner vorzüglichsten Hochachtung.

Gaillard.«

 

Die Namensunterschrift war meisterhaft, das Papier stark und gerippt, vornehm, wie die Regierung es eigens für den Gebrauch in ihren Büreaus und die Korrespondenz ihrer Beamten herstellen läßt.

Henri Tourneur ließ sich begreiflicherweise auf eine Betrachtung dieser Details nicht ein. Er zog sich im Handumdrehen an, nahm seinen Stock und eilte zu Mellina, die ihn mit offenen Armen empfing.

Mellina ist eine kleine, zarte Blondine mit einem Teint wie Milch und Blut. Ihr Französisch hat nicht den leisesten Accent, da sie in der Komischen Oper in einem Einakter in drei Bildern – ein kleines Meisterstück Meyerbeers – debütieren soll.

Sie war im weißen Morgenkleid und übte das Allegro eines prächtigen Musikstückes. Henri machte ihr eine Scene, von der sie weiter nichts verstand, als daß man ihren Namen gemißbraucht hatte. Sie kannte weder Herrn von Chingru, noch Herrn Gaillard. Sie wußte sehr wohl, daß Henri mit ihr gebrochen, um sich zu verheiraten, auch hatte sie Gründe genug, über diese Heirat unglücklich zu sein, aber sie hätte um keinen Preis Versuche gemacht, diese Heirat zu verhindern.

Die beiden angedichteten Kinder versetzten sie in Wut; sie war empört, daß man es gewagt, ihr, ohne ihr Wissen, die Rolle der Limousine oder der Picarde von Herrn von Pourceaugnac zuzuerteilen. Am liebsten wäre sie mit Henri direkt zu Herrn Gaillard geeilt, und der Maler hatte Mühe, ihr klar zu machen, daß dies Mittel gefährlicher als das Uebel selbst sein würde.

Er selbst ging direkt nach der Rue d'Amsterdam und fand die Thür verschlossen. Die Herrschaften waren im Theater, so sagte wenigstens das Mädchen.

Acht Tage lang wiederholte er seine Besuche und erhielt jedesmal dieselbe Antwort. Kam er bei Tage, waren die Herrschaften im Konzert. Theater und Konzerte, in solcher Menge als Vorwand benutzt, waren so gut wie eine regelrechte Verabschiedung. Wenn er Herrn von Chingru auf der Treppe begegnet wäre, er hätte ihn in Stücke gerissen.

Er schrieb zuerst an Herrn Gaillard, dann an dessen Schwester; seine Briefe wurden ihm zurückgeschickt; schließlich verlor er die Geduld und ließ sich auf dem Gericht zu einem Staatsanwaltsgehilfen führen. Dieser, ein junger Mann von dreißig Jahren, war schon frühzeitig in alle Mysterien des Pariser Lebens eingeweiht. »Mein Herr,« erwiderte ihm der Beamte, »es ist nicht das erste Mal, daß eine derartige Angelegenheit zur Kenntnis des Gerichtshofes gelangt. Es existiert eine ganze Klasse von Individuen, deren einzige Profession es ist, große Vermögen, enorme Mitgiften, ganze Millionen im vierten Stock aufzuspüren und im voraus ihren Anteil davon zu erheben. Sie associieren sich untereinander und bilden anonyme Gesellschaften, deren einziges Kapital die Intrigue ist, und deren Statuten niemals veröffentlicht worden sind. Die einen verlangen bis zu zehn Prozent von der Mitgift, andre begnügen sich mit einem bescheideneren Anteil, denn hier wie überall gibt es Konkurrenzunternehmungen. Herr von Chingru, wie auch sein wirklicher Name sein mag, hat sich sicherlich als einer der bescheideneren gezeigt. Als er merkte, daß ihm der Gewinn, den er erhoffte, versagt wurde, hat er vermutlich durch einen seiner Associés, oder besser Komplicen, die kleine Scene, von der Sie uns Anzeige machen, ins Werk gesetzt. Wir werden nach der Schauspielerin sowohl, wie nach dem Autor der Komödie forschen lassen, aber es ist nicht wahrscheinlich, daß es gelingt, eine Frau aufzufinden, über die Sie nur so geringe Auskunft zu geben vermögen; und wenn man sie finden sollte, wird es sehr schwer sein, die Mitschuld Chingrus festzustellen.« Als er nach Hause kam, fand Henri folgenden Brief aus Havre:

 

»Mein armer Tourneur, wenn ich Dir den Antrag gemacht hätte, Dir neunhundertundneunzigtausend Franken und eine entzückende Frau zu verschaffen, würdest Du mich zu den Göttern erhoben haben. Ich habe die Dummheit begangen, Dir die Sache in einem andern Lichte vorzustellen; ich habe Dir eine Million geboten, von der ich zehntausend Franken für mich verlangte. Du bist darüber in Zorn geraten, ich aber habe mich wie ein Künstler gerächt. Ich habe ein Mittel gefunden, Herrn Gaillard zu überzeugen, daß Du Vater von zwei Kindern und der Gatte, oder wenigstens beinahe, einer gelbfarbigen Frau seiest. Das ist ein Schlag, von dem Du Dich niemals erholen wirst, mein armer Tourneur; aber als Du mich in die Hortensien warfst, war ich da vielleicht auf Rosen gebettet?

 

Chingru & Cie.«

Henri war in seinem Zorn im Begriff, den Brief zu zerreißen, aber da er von sanfter Gemütsart war, ward er andern Sinnes. »Dieser gute Chingru,« dachte er, »wird mich mit Herrn Gaillard aussöhnen. Man muß ihn nur zwingen, diesen Brief zu lesen.«

Er nahm ein großes Couvert, steckte Chingrus Brief hinein, siegelte es mit einem enormen Karneol, der das Wappen Ninon de Lenclos' trug, und adressierte es in schöner Rundschrift:

An
Herrn Gaillard, Archivar,
Ministerium der ...

 

Herr Gaillard öffnete den Brief so ehrfurchtsvoll, wie er eine Depesche entsiegelt haben würde. Chingrus Unterschrift reizte seine Neugier; er hatte sich das Wort gegeben, Tourneurs Briefe, nicht aber Chingrus, zurückzusenden. Das wunderliche Dokument brachte ihn aus aller Fassung. Er beschuldigte sich der Ungerechtigkeit und der Grausamkeit und suchte, seit dreißig Jahren zum erstenmal, um die Erlaubnis nach, das Büreau um zwei Uhr verlassen zu dürfen. Rosalie weichte Chingrus Brief mit ihren Thränen auf. »Ich war von seiner Unschuld überzeugt, und wenn ihr mir geglaubt, hättet ihr der Verteidigung des armen Henri Gehör geschenkt!«

Es wurde beschlossen, ihn am nächsten Morgen in corpore in seinem Atelier aufzusuchen; man war ihm diese Genugtuung schuldig.

Rosalie war außer sich vor Freude.

»Du liebst ihn noch immer?« fragte ihr Vater.

»Mehr als je. Eine innere Stimme sagte mir, daß man ihn verleumdet habe.«

Plötzlich wurde die Thür aufgerissen und das Mädchen meldete Fräulein Mellina Barni.

Rosalie und ihre Tante hatten nur gerade noch Zeit, in das Nebenzimmer zu entfliehen. Ich weiß nicht, wovon da drinnen zwischen ihnen die Rede war, aber ich glaube mit Bestimmtheit behaupten zu dürfen, daß es schwer gewesen wäre, zwischen Rosalies Ohr und die Thür des Speisezimmers ein einziges Haar zu zwängen.

Herr Gaillard staunte die wirkliche Mellina an, wie ein Kind bei Séraphin Kindertheater in Paris. die »Chinesischen Schattenbilder« angafft. Einen Augenblick lang kam ihm die Idee, daß man ein Komplott gegen ihn geschmiedet und ihm jeden Tag eine neue Mellina Barni schicken würde. Ja, er dachte schon daran, auszuziehen, ohne seine neue Adresse anzugeben. Mellina hatte Mühe, ihn zu überzeugen, daß sie in der That Mellina heiße, daß sie neunzehn Jahre alt und durchaus nicht Familienmutter sei, daß sie mit ihrer Mutter zusammenlebe und nicht gekommen sei, um sich über Herrn Henri Tourneur zu beklagen. Sie erklärte ihm in vortrefflichem Französisch, daß sie tugendhaft sei, trotzdem sie von der Skala komme und im Begriff stünde in den Verband der Komischen Oper zu treten. Sie erzählte ihm, daß eine Dame vom Theater Besuche machen, Geschenke annehmen und Freunde haben dürfe, ohne sich oder andre zu kompromittieren. Sie gestand, daß sie Henri Tourneur geliebt habe und sich der Hoffnung hingegeben hätte, er würde sie zu seiner Frau machen, er dagegen habe seit Mitte Mai aufgehört, sie zu besuchen, und in ehrenhaftester Weise ein Verhältnis gelöst, das stets ein durchaus anständiges gewesen.

»Glauben Sie nicht etwa, mein Herr,« fügte sie hinzu, »daß ich ohne Schmerzen meinen Hoffnungen entsagt hätte, aber das ist ein Los, das den wenigsten von uns erspart bleibt. Die jungen reichen Leute machen uns den Hof, wir sind ihnen gerade schön genug, um uns zu lieben, aber sie lieben uns trotzdem nicht genug, um uns zu heiraten; sobald sie sich von unsrer Tugend überzeugt haben, drehen sie uns den Rücken und suchen sich eine Frau aus bürgerlichen Kreisen. So und nicht anders ist auch Herrn Tourneurs Geschichte, und da man Ihnen eine andre erzählt hat, die weder ihm noch mir zur Ehre gereicht, da Sie ihm das Haus verboten haben und ich weiß, daß er vor Kummer krank ist, habe ich mir ein Herz gefaßt und bin zu Ihnen gekommen, in der Hoffnung, daß Sie zwischen verleumderischen Erfindungen und der Sprache der Wahrheit richtig unterscheiden werden.«

Nachdem Mellina gegangen war, kam Rosalie aus dem Nebenzimmer. Vielleicht wäre es ihr lieber gewesen, hätten Chingrus Lügen absolut keine Basis gehabt; dennoch glaube ich nicht, daß Mellinas Besuch einen schlechten Eindruck auf sie gemacht. Mellina war ihr durch das Schlüsselloch sehr hübsch erschienen, und sie vergab dem Maler, sie geliebt zu haben. Sie wußte, daß ein Mädchen, welches einen vierunddreißigjährigen Mann heiratet, niemals ohne Rivalinnen in der Vergangenheit sein kann, und sie zog es vor, keine häßlichen gehabt zu haben; neunzehn Frauen von zwanzig denken wie sie. An Mellinas ganzer Art hatte sie erkannt, daß die Sängerin die Wahrheit gesprochen und ihre Liebe vorwurfsfrei gewesen sei, und schließlich hatte Rosalie erfahren, daß sie ohne Zweifel seit Mitte Mai die schöne Italienerin entthront habe, also seit dem ersten Augenblick, da Henri sie gesehen.

Herr Gaillard dagegen war in alle seine Bedenklichkeiten zurückgefallen. Er hatte die Absicht, Tourneur zu besuchen, aufgegeben und warf seiner Tochter ihre eigensinnige Neigung vor. »Ich gebe zu,« sagte er, »daß der junge Mann nicht so schuldig ist, als man mich glauben machen wollte, aber er hat doch immerhin mit Schauspielerinnen verkehrt, und ein Trunkenbold läßt das Trinken nicht. Du bildest dir ein, daß er dir treu sein wird; er hat diese junge Italienerin verlassen, er könnte dir denselben Streich spielen. Im übrigen ist an diese Heirat gar nicht zu denken, ehe meine Baustellen nicht verkauft sind.«

Sobald man ihn aber drängte, das Grundstück zu veräußern, erwiderte er: »Die Sache eilt ja nicht; ich will die Baustellen verkaufen, um meiner Tochter eine Mitgift zu geben, und meine Tochter ist noch nicht verheiratet.«

Der Anblick des Bildes bekümmerte ihn tief; es war ihm sehr verdrießlich, Henri Tourneurs Schuldner zu sein.

»Was fangen wir nur mit diesem abscheulichen Bilde an?« fragte er Rosalie. »Wir können es nach diesem Bruch nicht länger behalten. Ob ich es ihm zurückschicke?«

»Wo denkst du hin, lieber Vater – auf diese Weise würde ich ja fortwährend in seinem Atelier sein.«

»Es zu verkaufen und ihm das Geld zu schicken, wäre taktlos. Es verschenken? An wen? Ich habe keine Lust, das Porträt meiner Tochter weder zu verkaufen, noch zu verschenken. Es könnte in den Handel kommen, und bei jeder Auktion im Hotel Drouot würde ich vor der Anzeige zittern: ›Porträt des Fräulein R. G. von Henri Tourneur, Preis achttausend Franken.‹ Lieber vernichte ich es mit eigner Hand!«

»Mein Bild zerstören! – Das Einzige, was mir aus den glücklichsten Stunden meines Lebens bleibt!«

»Schweig endlich! Verfluchter Maler! Verfluchter Chingru! Verfluchte Baustellen! Ich will sie umsonst fortgeben! Mag sie nehmen, wer da will! Wenn wir nicht so reich wären, wäre das alles nicht passiert!«

Herr Gaillard verlor seinen Appetit; er aß wie ein normaler Mensch; auch sein Schlaf war nicht mehr so fest und unendlich weniger geräuschvoll. Auf dem Büreau wurde er unpünktlich; er erschien zweimal, am 17. und am 18. August, nach zehn Uhr.

Als er nach Hause kam, sagte die alte Tante zu Rosalie: »Dein Vater muß außerordentlich viel nachgedacht haben, seine Nase ist auf einer Seite ganz rot.«

Henri arbeitete nicht mehr; er lebte auf dem Pflaster der Rue d'Amsterdam. Herr Gaillard ging ihm sorgfältig aus dem Wege, und Henri getraute sich nicht, ihn anzureden. Er würde es wohl gewagt haben, mit Rosalie zu sprechen, aber sie ging niemals ohne ihren Vater aus.

Am 3. September endlich erhielt er einen Brief von Herrn Gaillard, in dem dieser ihn aufforderte, zu ihm zu kommen, um siebentausendneunhundertundfünfzig Franken für sein Porträt in Empfang zu nehmen. Man würde ihn um fünf Uhr erwarten.

Henri folgte dieser seltsamen Einladung, nicht um des Geldes, sondern um Rosalies willen.

Zu derselben Stunde waren die drei Hauptgründer der Arbeiterstadt bei Herrn Gaillard versammelt, um wegen der Baustellen abzuschließen. Der brave Mann hatte sich mit nichts befassen wollen und alles Rosalie überlassen; sie war es gewesen, die mit den Käufern unterhandelt hatte.

Als Henri eintrat, las der Notar den letzten Paragraphen des Verkaufkontraktes vor:

»Die Käufer verpflichten sich, auf der Parzelle F., dem Eigentum des Verkäufers, ein Wohnhaus für Herrn Gaillard und seine Familie, mit einem Maleratelier im ersten Stock, bauen zu lassen.«

Herr Gaillard sah seine Tochter an, Rosalie sah Henri an, Henri sah niemand an. Er war sehr bleich und lehnte sich an die Wand.

»Hm, hm,« sagte der Biedermann und nahm die Feder zur Hand, »das ist eine Abänderung, die mich aller Sorgen enthebt!«

»Mein Herr,« bemerkte der Notar, »Sie haben eine wundervolle Handschrift.«

*

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