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Pariser Ehen

Edmond About: Pariser Ehen - Kapitel 2
Quellenangabe
authorEdmond About
titlePariser Ehen
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1886
translatorDora Duncker
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Baustellen zu verkaufen.

Erstes Kapitel

Henri Tourneur, der gelegentlich der großen Ausstellung mit der ersten Medaille ausgezeichnet wurde, ist kein genialer Maler, aber alles, was er malt, ist vortrefflich. Er zeichnet beinahe so gut, wie Ingres, und seine Farbe ist fast so saftig, wie die Diazsche. Seine Bilder sind seit vier oder fünf Jahren in der Mode und brauchen deren Laune nicht zu fürchten. Er verkauft sie zu englischen, das heißt zu unerhörten Preisen: »Die Hofdamen, das Atelier Jean Goujon besuchend« ist von einem Pariser Museum für achtzehntausend Franken angekauft worden. Ein Bankier aus Rouen hat sechstausend Franken für den »Kuß Alain Chartiers« – in klein Quart, schlecht gemessen – bezahlt, und die »Vertraulichen Mitteilungen zwischen Fräulein Doze und Fräulein Mars« wurden für elftausend Franken von einem reichen belgischen Kunstfreund erworben.

Er hat auf mindestens zwei Jahre hinaus Bestellungen, und es liegt durchaus kein Grund dazu vor, daß Henri Tourneur nicht jährlich seine vierzigtausend Franken verdienen sollte.

Seine ersten Erfolge errang er auf der Ausstellung von 1850. Bis dahin hat er im Verborgenen sein Leben gefristet. Sein Vater, ein Weinagent, der sich mit einer Rente von zehntausend Franken von den Geschäften zurückgezogen, hatte ihn in der Wahl seines Berufes weder behindert noch gefördert, ihn vielmehr ohne die geringste Unterstützung mit den ermutigenden Worten sich selbst überlassen: »Wenn du Talent hast, wirst du dich aus der Affaire ziehen, wenn nicht, auf die Malerei verzichten, in welch letzterem Falle ich dir eine Stelle als Kaufmann verschaffen werde.«

Von seinem zwanzigsten bis zu seinem dreißigsten Jahre zeichnete Henri zu den billigsten Preisen Holzstöcke für Verlagshandlungen, malte Fächer, Konfitürenkästchen, Porzellan und Kaminschirme, »Das Kind und der Suppentopf«, noch heute in der Provinz im Handel, ist eine seiner Jugendsünden. Die zehn Jahre des Mangels thaten ihm vortreffliche Dienste; er lernte sparen. An dem Tage, an welchem er seinen Lebensunterhalt auf anderthalb Jahre hinaus gesichert sah, drehte er der Industrie den Rücken und warf sich der Kunst in die Arme.

Sein Atelier ist das größte der Avenue Frochot, und eins der schönsten von ganz Paris. Es gleicht einem Museum, in dem man alles mögliche, nur keine Bilder sieht. Der Grund davon ist ein sehr einfacher. Wenn Tourneur das Bild einer jungen Dame, im Begriff einen Liebesbrief zu siegeln, aus der Zeit Ludwigs XIII., malen will, durchstöbert er zuerst sämtliche Antiquitätengeschäfte: bald kauft er einen Wandteppich aus jener Zeit, bald eine gepreßte Ledertapete für den Hintergrund des Bildes; oder er ersteht ein schönes altes Möbel, das er in sein Atelier beordert. Aus den verborgensten Tiefen eines Magazins sucht er einen kleinen, reich eingelegten Schreibtisch hervor, bezahlt ihn auf der Stelle und trägt ihn eigenhändig davon. Mit vollständigster Nichtachtung der Preise verschafft er sich die ältesten Seidenstoffe und zweihundertjährige alte Spitzen, um Kostüme daraus zusammenzustellen: auf Auktionen ersteht er das Schreibzeug von Marion Delorme und das Petschaft Ninon de Lenclos'. Er geht vollständig in dem Kultus der Echtheit auf. Mit der skrupulösesten Sorgfalt kleidet er seine Gliederpuppe; er hat für Kopf und Hände seine besondern Modelle und malt alles nach der Natur. Er arbeitet gleichzeitig nur an einem einzigen Bilde, das er ohne Unterbrechung vollendet und fertig gefirnißt abliefert. Man sieht bei ihm weder Skizzen, noch flüchtig hingeworfene Entwürfe, noch jenes Durcheinander von unterbrochenen Studien, ersten Bearbeitungen und unverkauften Bildern, dem man in einem Atelier zu begegnen pflegt. Man findet nur eine einzige, bereits eingerahmte Leinwand mit dem entstehenden Bilde. Aber die Wände sind mit den herrlichsten Tapeten bedeckt und strotzen von kostbaren Waffen, von denen mehr als eine ihn tausend Franken gekostet haben mag.

Die antiken Möbel und Etageren sind dicht mit Porzellan, Fayence, Terrakotten, kostbaren Emaillen, seltenen Bronzen und künstlich gearbeiteten Kleinodien besetzt. Sein Haus gleicht einer Filiale des Cluny-Museums.

Was nun seine Person betrifft, so werden ihn diejenigen schwerlich erkennen, die sein Porträt von Calamatta nicht gesehen haben. Er hat viel mehr von einem jungen englischen Kaufmann, als von einem Künstler an sich. Seine Gesichtszüge sind regelmäßig und ein wenig kalt; sein Teint auffallend weiß, sein Haar von einem lichten Kastanienbraun. Er trägt dasselbe nach englischer Mode an den Schläfen vorgekämmt und hat einen Backenbart. Er ist klein, aber elegant gewachsen. Ich kenne wenig Menschen, die sich so gut zu kleiden verstehen; er trägt immer die besten Stoffe, und seine Röcke haben den elegantesten Schnitt. Helle Farben, ausfallende Machart, jeglicher Schmuck, mit Ausnahme seiner Uhr, ein Meisterstück Bréguets, sind verpönt. Wenn er überhaupt einen Stock benutzt, so ist es ein Rohrstöckchen im Werte von hundert Franken mit einem kleinen schwarzen Schildpattknopf für fünf Franken. Als er noch sein eigner Kammerdiener war, bin ich ihm oft begegnet, und erinnere mich nicht, jemals ein Staubkörnchen an ihm gesehen zu haben. Er ist oft ohne Mittagbrot zu Bett gegangen, aber er hat sich niemals ohne ein Paar neuer Handschuhe auf der Straße sehen lassen. Als er seine Mahlzeiten noch in einem Milchgeschäft der Rue Pigalle einnahm, kaufte er seine Hüte in der Rue Richelieu und ließ seine Stiefel bei den besten Schuhmachern arbeiten. In seinem Atelier geht er stets weiß gekleidet, der Saison nach in Leinwand oder Wolle, und es kommt niemals vor, daß man das kleinste Fleckchen an ihm sieht, er ist an seiner Person gerade so glatt und sauber, wie in seinen Bildern. Seit einem Jahre hat er sich den Luxus eines Schwarzen zugelegt, eines jungen achtzehnjährigen Nubiers, den ein Engländer auf der Durchreise von Aegypten in Paris vergessen hat. Da er keinen Namen trug, hat Tourneur ihn »Schneeball« genannt. Er hat ihn alle freien Künste gelehrt, die im Fassungsvermögen der schwarzen Rasse liegen, als da sind: Zimmer bohnen, Staub abwischen, Kleider reinigen, Stiefel putzen und Briefe austragen. Dank der Mühe, welche Tourneur auf seinen Schwarzen verwendete, gibt es für zehn Franken monatlich keinen besser bedienten Mann in ganz Paris.

Es heißt, er habe schon beträchtliche Summen zurückgelegt, ich aber, der ich ihn kenne, kann jedermann die Versicherung geben, daß davon nicht die Rede ist. Künstler pflegen alles zu übertreiben, vor allem die Ersparnisse ihrer Kollegen. Tourneur hat viel zu viel für seine Einrichtung ausgegeben, als daß ihm viel flüssiges Geld übrig geblieben wäre. Dazu kommt, daß Schneeball täglich drei Kilogramm Brot verschlingt, da läßt sich's leicht begreifen, daß das Vermögen seines Herrn sich nicht höher, als auf fünfzigtausend Franken in Renten beziffert. So bescheiden diese Summe auch aussieht, beweist sie doch jedem vernünftigen Menschen, daß Henri Tourneur ein Künstler von solidem Lebenswandel ist. Er besucht keine Bälle und von den Theatern nur die Comédie française, zu der er freien Eintritt hat. Seine Lebensweise ist eine so regelmäßige, wie sie die eines fünfunddreißigjährigen Mannes nur sein kann. Indes möchte ich nicht darauf schwören, daß er gleichgültig gegen die Reize Mellina Barnis sei. Nachdem sie ihr Engagement bei der Skala aufgelöst, um in Paris zu singen, vermochte er sie dazu, ihr erstes Auftreten hinauszuschieben, das noch immer auf sich warten läßt.

Man sieht ihn häufig bei ihr, und was bedenklicher ist, man ist ihr zuweilen bei ihm begegnet. Aber was geht mich das an?

Am 15. Mai dieses Jahres, eine Stunde nach Eröffnung der Kunstausstellung, stand Henri Tourneur vor sich selbst in Betrachtungen versunken, und lächelte seinem Bilde »d'Alain Chartier« zu, als er einen jener freundschaftlichen Stöße auf der Schulter fühlte, welche im stande sind, das Gleichgewicht eines Ochsen zu erschüttern. Er wandte sich wie von einer Feder geschnellt um, aber sein Zorn hielt vor dem dicken, roten, lachenden Gesicht Herrn von Chingrus nicht stand, er mußte mitlachen.

»Guten Morgen, van Ostade, Mieris, Terburg, Gérard Dow!« schrie Herr von Chingru so laut, daß ihn mindestens fünf bis sechs Personen hören mußten. »Ich habe deine drei Bilder gesehen, sie haben nicht verloren, sie machen sich herrlich; sie sind das einzig Vernünftige, was überhaupt da ist. Du hast Frankreich, Belgien und England, Meissonier, Willems und Mulready geschlagen. Du bist ein Genremaler wie Genre selbst kein besserer ist, und weise wie Pinxit. Wenn die Regierung dir nicht für hunderttausend Franken Aufträge und das Kreuz der Ehrenlegion gibt, demoliere ich die Bastille!« Er nahm Henri beim Arm und fügte leise hinzu: »Willst du dich verheiraten?«

»Laß mich in Ruh.«

»Eine Million Mitgift.«

»Bist du toll? Eine Million wird sich für mich bedanken.«

»Weshalb? Du und eine Million, ihr wiegt einander auf. Was wirft eine Million jährlich ab? Fünfzigtausend Franken. Du kannst genau dasselbe verdienen, folglich stehst du im Wert einer Million nicht nach.«

»Wo hast du sie denn aufgegabelt?«

»Sieh, sieh, es scheint dich doch zu interessieren. Also, es existiert hier irgendwo ein Herr Gaillard –«

»Ein Börsenspieler? Ich danke. Ich habe nicht umsonst › Ceinture dorée‹ gesehen.«

»Er spielt ebensowenig, wie ich; er ist Archivar auf dem Ministerium der –«

»Eine Stelle mit zehntausend Franken?«

»Um Vergebung, mit dreitausendsechshundert, außerdem vierhundert Franken Gratifikation, die niemals ausbleiben, im ganzen also viertausend. Da hast du den Schwiegervater.«

»Und meine Million?«

» Meine Million, ach, sieh mal, wir beißen an, van Ostade. Herr Gaillard ist ein Musterbeamter. Seit dreißig Jahren betritt er sein Bureau fünf Minuten vor zehn, und verläßt es fünf Minuten nach vier Uhr, und in der Zwischenzeit läßt er sich nicht etwa vertreten, um eine Partie Billard zu machen.«

»Chingru, du bringst mich zur Verzweiflung.«

»Nur ein wenig Geduld! Dieser einzig in seiner Art dastehende Archivar wohnt mit seiner Tochter, seiner Schwester und einem Dienstmädchen auf der Höhe der Rue Amsterdam. Die Wohnung liegt im vierten Stock, drei Schlafzimmer, kein Salon. Die Fenster – –«

»Adieu, Chingru.«

»Adieu, Gérard Dow. Die Fenster gehen auf ein Grundstück von zehntausend Meter Flächenraum. Du bist noch nicht fort?«

»Weiter!«

»Zehntausend Meter zu hundert Franken geben eine Million. Wer das ableugnen wollte, würde Pythagoras schändlich Lügen strafen. Diese Million, mein geliebter Terburg, ist Eigentum des Herrn Gaillard.«

»Wie kommt er dazu?«

»Du kannst dich beruhigen, er hat sie nicht gestohlen. Es werden wohl Portefeuilles gestohlen, das kommt alle Tage vor, aber um ein Grundstück von dem Umfange eines Hektar zu eskamotieren, dazu reichen die Taschen nicht aus. Im Jahre des Heils 1830, wenige Tage nach der Julirevolution, sah Herr Gaillard, Supernumerarius mit fünf Dienstjahren, sich plötzlich durch die Hinterlassenschaft eines Onkels in Narbonne in den Besitz von fünfundsiebzigtausend Franken gesetzt. Er suchte eine Anlage für sein Vermögen, welche vor den Gefahren einer Revolution absolut sicher wäre, und entdeckte jene Baustellen, welche damals sieben Franken der Meter im Wert standen. Er hatte seine Rechnung sehr bald gemacht: siebzigtausend Franken kamen auf das Grundstück, fünftausend auf den Notar und den Fiskus; er zahlte bar und war ein angesehener Mann.«

»Aber weshalb hat er seitdem nicht verkauft?«

»Das Plakat steht noch, wie es immer gestanden › Baustellen zu verkaufen, im ganzen oder parzelliert.‹ Ich zeige dir's, wenn du willst. An Käufern hat es nicht gefehlt. Am Morgen, nachdem er den Kontrakt unterzeichnet hatte, bot man ihm zehntausend Franken mehr, als er gezahlt hatte. ›Gut,‹ dachte er, ›ich habe also keine Eselei gemacht,‹ und behielt sein Grundstück. Als der Bahnhof Saint Germain gebaut wurde, offerierte ihm ein Spekulant zweimalhunderttausend Franken. Er kratzte sich die Nase, die einzige Untugend, die ich an ihm kenne, und erwiderte dem Spekulanten, daß seine Frau nicht verkaufen wolle. 1842 starb seine Frau; eine Gasgesellschaft machte ihm das kolossale Anerbieten, eine halbe Million zu zahlen. ›Habe ich zwölf Jahre gewartet, werde ich auch noch länger warten,‹ gab er zur Antwort. ›Ich sehe mit Vergnügen, daß die Zeit für mich arbeitet, und will ihr nicht ins Handwerk pfuschen. Wenn meine Tochter heiratsfähig sein wird, mag sich das übrige finden.‹ Seine Tochter ist nämlich eine Zeitgenossin des berühmten Grundstücks; sie wurde 1850 zwanzig Jahre alt, ein schönes Alter, und das Terrain stieg in demselben Jahre auf achtmalhunderttausend Franken, eine schöne Summe. Er aber hat sich so daran gewöhnt, die eine wie das andre zu behalten, daß man mit Feuer und Schwert dreinfahren müßte, um ihn zu bestimmen, die eine zu verheiraten und das andre zu verkaufen. Man predigt tauben Ohren, wenn man ihm sagt, daß die Fälle durchaus verschieden seien, daß Grundstücke durch das Aelterwerden nicht an Wert verlieren, Töchter dagegen durch diese natürliche Prozedur im Preise sinken; er hält sich die Ohren zu und geht in sein Büreau.«

»Und seine Tochter?«

»Langweilt sich täglich für hundert Franken, und zwar so gründlich, daß sie sich in den ersten jungen Mann verlieben wird, der an ihrem Horizont auftaucht.«

»Kommt sie mit keinem Menschen zusammen?«

»Wenigstens mit keinem, der eine menschliche Physiognomie hat. Ein alter Notar aus der Provinz und fünf oder sechs Beamte, die wie Comptoirdiener aussehen, sind ihr einziger Verkehr. Daß man in einer Wohnung, die aus drei Schlafzimmern besteht, keine Bälle gibt, wirst du begreifen. Ich selbst bin der einzige präsentable Mensch, der Zutritt im Hause hat.«

»Ist sie auch nicht zu häßlich?«

»Eine Schönheit sage ich dir.«

»Hat sie einen menschlichen Namen? Denn ich gebe dir mein Wort, wenn sie Euphrosyne heißt –«

»Sie heißt Rosalie – paßt dir das?«

»Oh ja, Rosalie ist ein hübscher Name. Ist sie denn ein klein wenig gebildet?«

»Gebildet? Künstlerisch, mein Lieber, wie du und ich.«

»Du und ich! Ein hübscher Vergleich!«

»Undankbarer! Sie spielt kein einziges Instrument und kopiert nicht im Louvre, aber sie hat so viel Verständnis für Musik und Malerei, wie der, der diese Künste erfunden hat. Uebrigens ist sie sehr streng erzogen. Sechsmal im Jahre geht sie ins Schauspiel, zweimal monatlich in die Galerien und während der Fastenzeit in vier Konzerte. Ihre Lektüre ist streng ausgewählt, sehr wenig Romane, und diese wenigen englische; keine Liebeleien, kein einziger Vetter in der Familie.«

»Ich beschwöre dich, Chingru, wann wirst du mich einführen?«

»Wenn du Lust hast, morgen. Ich habe ihr schon von dir erzählt.«

»Was hast du ihr gesägt?«

»Daß du der einzige unsrer großen Maler bist, von dem ich kein Bild besitze.«

»Am Tage nach der Hochzeit werde ich eins für dich anfangen.«

»Danke schön, ich werde dich noch um eine andre Gefälligkeit ersuchen.«

»Sehr gern, wenn es sich nicht um Geldangelegenheiten handelt –«

»Du weißt, mein Lieber, daß ich beinahe vierzig Jahre alt bin und keine Anstellung habe. In meinem Alter hat sich jeder Mann irgend eine Position gemacht, und es ärgert mich, daß ich eine Ausnahme machen und Bemerkungen hören muß, wie: ›Herr von Chingru, ein guter Name, was ist er eigentlich?‹ – ›Er hat zu leben, und ist ein Mann, der niemand in Anspruch nimmt.‹ – ›Ja, aber zum Teufel, was thut er?‹ Zum Kuckuck, ich würde thun, was sie alle thun, wenn ich nur eine Anstellung mit etwa dreitausend Franken bekommen könnte. – Sieh, mein kleiner Tourneur, jetzt will ich deine Hilfe nicht in Anspruch nehmen, aber später, wenn du selbst recht glücklich bist. Du hast Kredit, kennst eine Menge Menschen in hohen Stellungen, verkehrst bei den Ministern; nicht wahr, du wirst ein Wort für mich einlegen?«

»Zu was bist du denn zu gebrauchen?«

»Zu allem, da ich nichts Besondres studiert habe.«

»Schön, ich sage nicht nein. Und morgen, um wie viel Uhr?«

»Um zwei Uhr, dann ist sie mit ihrer Tante allein; du kommst, um eine Parzelle zu kaufen.«

»Soll ich dich abholen?«

»Nein, ich spreche in deinem Atelier vor; ich bin niemals zu Haus. Weißt du überhaupt, wo ich wohne?«

»Ich erinnere mich nicht genau.«

»Siehst du wohl, wie ich dir gesagt habe. Alle meine Freunde sind schon so weit wie du, kein Wunder, denn ich wohne nicht, ich sitze wie ein Vogel auf dem Dache. Ich bin schon zufrieden, wenn ich meine eigne Adresse weiß, so wenig bin ich zu Haus. Adieu.«

Herr von Chingru (Louis Théramène), ohne Profession, Wohnung unbekannt, ist was man gemeinhin eine »Atelierseuche« zu nennen pflegt. Sein Talent besteht darin, sich bei den Künstlern einzuführen, ihnen ins Gesicht die gröbsten Lobhudeleien zu sagen, und hinter ihrem Rücken bei dem einen über den andern zu schimpfen, sich mit allen zu duzen und hier und da eine Skizze zu eskamotieren, die man ihm wohl oder übel lassen muß.

Weder Künstler noch Kritiker, hat er doch den Spürsinn eines Kunsthändlers und wittert die Bilder mit ziemlicher Sicherheit heraus, die schnell ihre Käufer finden.

In den Ateliers, in denen er Zutritt hat, sucht er in einem Stadium nie enden wollender Bewunderung die Wände ab; lobt das Schlechte wie das Gute, bis sein Auge auf eine Arbeit fällt, auf welche der Künstler keinen besondern Wert legt. Auf diese Arbeit konzentriert er seine volle Bewunderung, das ganze Ungestüm seines Enthusiasmus. Er betrachtet sie erst aus der Ferne, dann ganz in der Nähe und scheut sich nicht, ein Meisterwerk auf Kosten dieser seiner Passion herunterzureißen. Dann entfernt er sich mit einem letzten Blick auf den heiß begehrten Gegenstand seiner Neigung. Am nächsten Morgen kommt er wieder, aber er scheint nichts und niemand zu sehen, kaum daß er »Guten Morgen« sagt. Geradeswegs geht er wieder auf das Bild los, wie ein Verliebter, und pflegt dann etwa folgende Ansprache an den Künstler zu halten: »Das hier ist dein erstes Meisterstück. An dem Tage, an dem du das geschaffen, hast du dich hoch über deinesgleichen hinausgeschwungen; vorher warst du nur ein Maler, wie die andern auch, ein Delacroix, ein Troyon, ein Corot; erst seit jenem Tage bist du ›du selbst‹.« Und er betrachtet das Bild aufs neue, nimmt das ungerahmte Gemälde von der Wand, trägt es ans Fenster, wischt mit der Rückseite seines Aermels darüber hin, hängt es wieder an seinen Platz und flucht den Spießbürgern, die solches Bild nicht mit Gold aufwiegen. Acht Tage später kommt er wieder, aber er vermeidet es, nach der Stelle zu blicken, an der das Bild hängt; nur ganz heimlich wirft er ab und zu einen verstohlenen Blick darauf und unterdrückt einen Seufzer. Eines schönen Morgens erscheint er bei Sonnenaufgang; er hat in der Nacht geträumt, die Königin von England habe sein geliebtes Bild gekauft; er muß es noch ein letztes Mal bewundern. Schließlich verliert der Künstler natürlich die Geduld und wird grob. »Du bist ein Esel; zwanzig leidliche Bilder hängen hier umher und du sperrst Maul und Nase vor dieser Sudelei auf. Die Skizze ist total mißlungen, es läßt sich absolut nichts daraus machen; ich will sie nicht mehr sehen, nimm sie mit, aber höre auf darüber zu reden.« Chingru läßt sich das nicht zweimal sagen; er stürzt mit dem Geschrei eines verhungerten Raubvogels auf das Bild los, hält es dem Künstler vor die Augen, preist ihn in den höchsten Superlativen und veranlaßt den Maler schließlich, seinen Namen unter die Skizze zu setzen, eine Prozedur, die ihren Wert verdreifacht.

Im allgemeinen ist man nicht allzu ängstlich, ihm ein Bild zu schenken, weil man weiß daß er im Besitz mehrerer Werke guter Meister ist, und es nicht gerade kompromittierend ist, in seiner Galerie einen Platz einzunehmen. Diese Galerie aber kennt kein Mensch; seine Wohnung gleicht einer Räuberhöhle; man weiß zwar, was hineingeht aber nicht, was herauskommt. Sämtliche Bilder, die Chingru geschenkt erhält, werden sofort unter der Hand an einen Kunsthändler verkauft, der sie in die Provinz, nach Belgien und England schickt.

Wenn der Zufall eins der Bilder nach Paris zurückbrächte, würde sich Chingru durchaus nicht genieren, zu sagen, daß er es in seiner Gutmütigkeit verschenkt oder gegen einen van Dyck vertauscht habe.

Welcher Maler würde sich darüber beklagen, gegen einen van Dyck ausgetauscht worden zu sein? Auf diese Weise hat Louis Théramène von Chingru es verstanden, aus jedem Pariser Atelier eine Wohlthätigkeitsanstalt für sich zu machen.

Henri Tourneur hatte ihm niemals ein Bild gegeben; der Grund dafür war ein sehr einfacher. Wenn man seine Bilder verkaufen kann, weshalb soll man sie verschenken! Er hatte sich dagegen das Wort gegeben, ihn großartig zu belohnen, wenn er die Angelegenheit des Heiratsprojektes glücklich zu Ende führen würde.

Beide waren pünktlich beim Rendezvous zur Stelle, und es schlug gerade zwei vom Bahnhof der Rue St. Lazare, als Chingru die Hand nach Herrn Gaillards Klingel ausstreckte.

Rosalie öffnete ihnen; die alte Tante war mit dem Dienstmädchen auf den Markt gegangen. Sie bat ihre Besucher, in das Eßzimmer einzutreten, erzählte Chingru von dem Ergehen der ganzen Familie, ließ sich Tourneur wie einen Mann vorstellen, von dem man schon viel gehört habe, und hörte liebenswürdig seine Auseinandersetzungen über die Wahl einer Baustelle und den Bau eines Ateliers mit an. Sie wußte zwar weder, zu welchen Bedingungen ihr Vater verkaufen wollte, noch ob er darein willigen würde, eine Parzelle zu teilen, aber sie zeigte ihm einen lithographierten Plan des Grundstücks, den Henri für ein oder zwei Tage mit der Zusicherung von ihr erbat, ihn selbst zurückzubringen und sich persönlich mit Herrn Gaillard zu verständigen. Der Besuch dauerte zehn Minuten, eine Spanne Zeit, die genügt hatte, den Maler vollständig zu blenden.

»Nun was sagst du?« fragte ihn Chingru auf der Treppe.

»Laß mich in Ruh', ich habe ein Prickeln in den Augen, als ob ich in Italien wäre.«

»Der Irrtum ist durchaus kein großer; die Dynastie der Gaillard stammt aus Narbonne, einer römischen Stadt. Vater Gaillard bildet sich ein, von den Eroberern der Welt abzustammen. Es würde ihn außerordentlich schmerzen, wollte man ihm beweisen, daß sein Name nichts als ein durchaus französisches Adjektiv ist, das man zu dem Rang eines Eigennamens erhoben hat. Wenn du ihm die Stelle aus der französischen Oper:

›Bonjour, bonjour, Monsieur Gaillard!‹

vorsingst, verwickelt er dich sofort in eine komplizierte Abhandlung, um dir den Beweis zu liefern, daß es dereinst Soldaten oder Kriegsknechte gegeben, welche das Amt hatten, die römischen Helme zu bewachen, Helm, galea, galearius, wovon Gaillard abgeleitet ist; siehe Vegetius, ›Die Kunst der Heerführung‹, Kapitel so und so, Paragraph so und so. – Aber du hörst ja gar nicht zu!«

Henri sah unablässig nach dem Gaillardschen Hause.

»Gib dir keine Mühe; ihre Fenster gehen auf den Hof. Sie scheint dir also zu gefallen?«

»Sie ist kein Weib, Chingru, sie ist eine Göttin. Ich erwartete eine arme Eugénie Grandet zu finden, bleich von Entbehrungen, vor Langeweile abgemagert, ich hätte sie mir niemals so groß, so wohl gebaut, von so herrlicher Schönheit, von so blendenden Farben vorgestellt. Fünfundzwanzig Jahre alt ist sie, sagst du? Ja, sie muß fünfundzwanzig Jahre alt sein, denn fünfundzwanzig Jahre sind das vollkommenste Alter der Frau! Jede griechische Statue repräsentiert ein fünfundzwanzigjähriges Weib.«

»Brrrr, du bist ja ganz aus dem Häuschen. Hast du gesehen, was sie für Augen hat?«

»Alles habe ich gesehen, alles – ihre großen schwarzen Augen, das schöne kastanienbraune Haar, die göttlich gezeichneten Augenbrauen, den stolzen Mund mit seinen vollen roten Lippen, die kleinen weißen durchsichtigen Zähne, ihre schönen schlanken Hände, die kräftigen Arme, den Fuß, nicht länger als die Hand, von der Breite zweier Finger, ihr Ohr, rosig wie eine Muschel vom Strande der Antillen. Du fragst, ob ich gesehen, was für Augen sie hat. Ich habe sogar gesehen, daß sie ein Kleid von englischem Alpakastoff trug und daß sie den Kragen und die Manschetten selbst gezeichnet haben muß, denn so geschmackvolle Muster gibt es in keinem Geschäfte, daß sie keine Ringe an den Fingern trägt und ihre Ohren nicht durchlöchert sind; du siehst, ich kenne sie auswendig.«

»Na, dann habe ich ja weiter nichts mehr bei dieser Sache zu thun.«

»Ich habe sicherlich tausend Dummheiten gesagt, ich wußte gar nicht, was ich sprach, ich war ganz Auge. Zum erstenmal in meinem Leben war ich so glücklich, eine vollkommene Schönheit zu sehen.«

»Die Sache macht sich; jetzt wollen wir über etwas andres sprechen.«

»Ueber was denn?«

»Was kümmern mich die Baustellen? Wenn dieses Mädchen keinen Sou hätte und mich nehmen wollte, ich heiratete sie vom Fleck weg.«

»Geniere dich nicht, mein Alter; wenn das Grundstück dir unangenehm ist, gibst du es mir. Ich habe mich schon so wie so lange genug geärgert, daß ich nicht als Grundbesitzer auf die Welt gekommen bin.«

Als Herr Gaillard vom Büreau zurückkam, erzählte ihm Rosalie, daß Herr von Chingru in Gesellschaft eines jungen Künstlers, Herrn Henri Tourneur dagewesen sei, welcher sich nach einer Baustelle habe erkundigen wollen, daß sie ihm den Plan mitgegeben und daß er wiederkommen würde, um Rücksprache mit ihm zu nehmen.

»Ich möchte aber wetten,« fügte sie lachend hinzu, »daß er etwas ganz andres im Sinne hatte, denn er hat mich fortwährend angesehen und alles mögliche zusammengesprochen, ohne zu wissen, was er eigentlich sagte – übrigens sieht er auch für einen gewöhnlichen Käufer viel zu hübsch aus.«

Herr Gaillard runzelte nicht die Stirn; er kratzte sich vertraulich die Nase und erwiderte: »Herr von Chingru sollte sich um seine eignen Angelegenheiten bekümmern. Morgen früh werde ich meinen Plan von dem jungen Manne zurückholen und ihn fragen, was er eigentlich von uns will.«

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